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Die Bagdadbahn

Chapter 7: Fußnoten
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About This Book

The work combines first‑hand travel observations with geopolitical and economic analysis of a proposed railway linking the eastern Mediterranean to the Persian Gulf. It explores political stakes and competing interests, clarifies regional geography and distinctions among Anatolia, Mesopotamia, and the coastal Levant, traces the proposed route and its landscapes, and assesses construction challenges alongside commercial and fiscal prospects. Chapters interweave on‑the‑ground description, strategic argumentation, and practical data, supported by a map.

Interessant ist es schließlich noch, aus den Steuerlisten für die ersten Jahrhunderte der arabischen Herrschaft das Ertragsverhältnis zwischen Babylonien und den nördlicheren Ländern, dem eigentlichen Mesopotamien, festzustellen. Unter Harun al Raschid zahlten: der Distrikt von Mossul 24 Millionen Dirhem; Nisibis, Sindschar, Harran und das obere Euphrattal 34 Millionen Dirhem; die Bergdistrikte am Oberlauf des Adhem und der Dijala 5 Millionen Dirhem. Das sind zusammen 63 Millionen Dirhem, also beinahe genau soviel, wie zur selben Zeit ganz Ägypten bezahlte! Der allergrößte Teil der drei vorhin genannten Steuerbezirke ist aber heute sogenannte Steppe und in dieser wird nichts produziert, als etwas Schafwolle. Im Altertum und zur Kalifenzeit muß eine Bevölkerung von Millionen von Ackerbauern dort gesessen haben. Als Omar den Sawâd eroberte, ergab die Zählung der zur Kopfsteuer verpflichteten Männer 550 000, d. h. Haushaltungen und Selbständige. Daraus ist eine Gesamtbevölkerung von mehreren Millionen, einschließlich der großen Städte, zu schließen. Babylonien und Mesopotamien zusammengenommen werden zur Zeit der arabischen Eroberung 5-6 Millionen Einwohner gehabt haben, gegen knapp anderthalb Millionen heute, wobei die Nomaden sogar mitgezählt sind.

Es würde uns an dieser Stelle zu weit führen, in noch genauere Untersuchungen über die früheren Verhältnisse des Landes einzutreten. Zur Verdeutlichung der Hoffnungen, die Willcocks und mit ihm noch viele andere Kenner der dortigen und ähnlicher Verhältnisse aussprechen, wird das Gesagte genügen. Vor allen Dingen aber wird der Leser einen Eindruck davon gewonnen haben, was im Laufe der Jahre die Türkei aus der Wiederherstellung des Irak erwarten darf. Allerdings nicht auf einmal und auch nicht allzu schnell. Auch die Kosten werden keine geringen sein. Die andere Frage ist die, woher die Menschen kommen sollen, um die gewonnenen Flächen zu besiedeln und zu bebauen. Als Willcocks vor zehn Jahren in Kairo dieses Problem berührte, antwortete er kurzweg: sie sollten aus Indien und aus Ägypten kommen. Die Denkschrift des türkischen Ministeriums der öffentlichen Arbeiten bemerkt an ihrem Schlusse, unmittelbar nach Wiedergabe des Willcocksschen Projektes, daß dessen vorläufiger Umfang sich ja »nur« auf ca. 13 000 Quadratkilometer belaufe. Das Programm umfasse nicht alles, was in Mesopotamien geschehen könne, sondern nur diejenigen Arbeiten, »die im Laufe von sieben bis acht Jahren in dem Gebiet zwischen Bagdad und dem Persischen Golf zu vollenden und ohne Sorge um die Besiedelungsfrage in direkte Verwertung zu nehmen seien.« Zu gelegener Zeit müsse ein Gesamtprojekt für ganz Mesopotamien verwirklicht werden, aber abgesehen von der Kostenfrage sei es klar, »daß die betreffenden Arbeiten solange keine Berechtigung hätten, wie die Türkei diese großen Gebiete nicht kolonisieren könne, und an diese Frage könne man nicht eher denken, als bis es gelungen sein würde, die Kapitulationen abzuschaffen.« Das heißt also, daß nach der Meinung der Denkschrift Arbeiten im großen Stil erst unternommen werden können, wenn die von auswärts heranzuziehenden Kolonisten ohne weiteres türkische Untertanen und damit der türkischen Rechtsprechung unterworfen sein würden. Diese Ausführungen klingen vom türkischen Standpunkte aus nur plausibel, aber dann ist es seltsam, daß die Denkschrift sich so gibt, als ob ca. 15 000 Quadratkilometer zwischen Bagdad und dem Persischen Golf in Kultur genommen werden könnten, ohne daß man Ansiedler von außerhalb heranzieht. Schon bei dem gegenwärtig in der Ausführung begriffenen Projekt in der Koniaebene, das nur 400 bis höchstens 500 Quadratkilometer umfaßt, bildet die Frage, woher die Ansiedler kommen sollen, um dieses neue Land ohne zu große Verzögerung in Bearbeitung zu nehmen, einen Gegenstand der Sorge für die beteiligten Stellen, und dasselbe ist bei dem großen cilicischen Projekt der Fall. Wie soll es da bei einem Areal, das dreißigmal größer ist, als die Irrigationsfläche bei Tschumra, ohne Heranziehung auswärtiger Elemente für die Besiedelung abgehen? Wenn also die amtliche türkische Denkschrift so tut, als ob für bloße 13 000 Quadratkilometer die Besiedelungsfrage noch keine Rolle spiele, so befindet sie sich entweder in einer schwer begreiflichen Unklarheit über die Sachlage, oder sie erkennt die Situation zwar, wünscht sie aber zu verschleiern. Sollte das letztere der Fall sein, so könnte man es schwer anders verstehen, als daß den englischen Interessen Vorschub geleistet werden soll. Willcocks ist Engländer und das türkische Ministerium der öffentlichen Arbeiten ist seit dem Beginn der neuen Ära in der Türkei von zwei anglophilen Armeniern verwaltet worden. Man braucht natürlich nicht zu glauben, daß diese Kreise tatsächlich eine indisch-ägyptische Einwanderung nach dem Irak ins Werk setzen wollen, aber man wünscht Willcocks und mit ihm ganz allgemein die Betätigung englischer Persönlichkeiten und englischen Kapitals. Weiter reicht die Überlegung im Augenblick wahrscheinlich nicht. Es ist aber klar, daß es nutzlos sein wird, 150 oder 600 Millionen Mark in die Wiederherstellung des Kanalsystems zu stecken, und das Land samt den neuen Kanälen und Dämmen dann ohne Bebauer liegen zu lassen. Durch innere Kolonisation kann die Türkei nicht genügend Ansiedler für das Irak bekommen, und die Heranziehung der mohammedanischen Auswanderer aus Bosnien, Bulgarien, Kreta, dem Kaukasus usw. kann auch nicht in solchem Maße geschehen, daß damit geholfen wäre. Außerdem würden es die Leute von dort im Irak klimatisch gar nicht aushalten. Es bleibt also wirklich nichts anderes übrig, als Einwanderung von Mohammedanern aus anderen ähnlich gearteten Ländern. Diese müssen dann aber türkische Untertanen werden, und solange die gegenwärtigen Kapitulationen zwischen den europäischen Mächten und der Türkei gelten, könnte das gerade für indische Mohammedaner nicht geschehen. Die Ägypter sind formell ja türkische Staatsangehörige; in Wirklichkeit würden Einwanderer von dort gleichfalls der englischen Politik als Instrumente zur Ausbreitung des englischen Interessengebiets dienen müssen. Wie die Dinge in der Türkei heute liegen, wird es aber schwerlich lange dauern, bis die jungtürkische Regierung die Abschaffung der Kapitulationen energischer aufs Tapet bringt. Da von unserer Seite, wie eingangs ausgeführt, an keinerlei Kolonisation in Kleinasien, Mesopotamien, Babylonien oder sonst irgendwo innerhalb des türkischen Reichs gedacht wird, so brauchten wir in dieser Beziehung einer Neuordnung der Kapitulationsfrage keinen Widerstand entgegenzusetzen. Wir werden auf keinen Fall in die Lage kommen, Kolonisten in die Türkei ziehen zu lassen, denen es auf die Staatsangehörigkeit ankommt. Andererseits kann die türkische Regierung die Abschaffung der Kapitulationen auch nicht eher beantragen, als bis sie imstande ist, genügende Garantien für die Unparteilichkeit ihrer Verwaltungs- und Gerichtsbehörden gegenüber Ausländern, zumal Nichtmohammedanern, zu geben.

Diese Erörterungen haben uns aber schon etwas über unser eigentliches Thema hinausgeführt. Vielleicht sind sie trotzdem nicht ganz überflüssig gewesen, denn sie zeigen, wie umfassend der Kreis der Probleme ist, die mit dem Thema von der Bagdadbahn zusammenhängen. Auf der anderen Seite mußten natürlich im einzelnen viele an sich interessante und wichtige Details unberücksichtigt bleiben oder konnten nur flüchtig gestreift werden. Namentlich aber habe ich es bedauert, so wenig von meinen persönlichen Eindrücken, Beobachtungen und Erlebnissen in jenen alten Ländern zwischen dem hohen Iran und dem Mittelmeer hier mit hineinnehmen zu können. Sind sie es doch gewesen, die überhaupt in mir das Bedürfnis nach einer besonderen Darstellung der Bagdadbahnfrage hervorgerufen haben!


Druck von Ramm & Seemann in Leipzig.

Fußnoten

[1] »Deutschland unter den Weltvölkern«. 3. Auflage, 1911. Verlag der Hilfe, Berlin-Schöneberg.

[2] Ich habe die interessante Publikation in einem Aufsatz in den Preußischen Jahrbüchern, Dezemberheft 1910, besprochen. Wir werden sie noch mehrfach im Laufe dieser Arbeit zu erwähnen haben.

[3] Hermann Wagner »Die Überschätzung der Anbaufläche Babyloniens«. Nachrichten der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften 1902, Heft 2.

[4] Die Notiz, daß unter Kobads Sohn Chosru die Steuer bis auf 287 Millionen gestiegen sei, muß seit Wagners Untersuchungen in der Tat als bloße »legendenhafte mündliche Überlieferung« angesehen werden. Dagegen zeigt die oben angestellte Rechnung, die auf 135 Millionen führt, daß 150 Millionen eine annehmbare Zahl ist.

Karte

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Weitere Anmerkungen

Die Karte wurde an das Ende des Textes verschoben.

Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.

S. 9: muhammedanischen zu mohammedanischen
... ein großer Teil der nichttürkischen mohammedanischen ...

S. 11: Einwandederung zu Einwanderung
... Überzeugungen betreffs deutscher Einwanderung ...

S. 16: lange zu langem
... und England hat daher schon seit langem ...

S. 20: Abdul zu Abd ul
vor der Beseitigung Abd ul Hamids,

S. 28: Rückreise zu Rückseite
... von ihrer unverteidigten Rückseite gefaßt werden konnten.

S. 34: Euprat zu Euphrat
... von Biredschik am Euphrat.

S. 39: nach zu noch
... wird im dritten Kapitel noch näher die Rede sein.

S. 39 philantropischen zu philanthropischen
... unter christlich-philanthropischen Gesichtspunkten ...

S. 41: von zu vom
... die Araber vom Schammar- und Abu Assaf-Stamme ...

S. 46: das englische zu den englischen
... und formell in den englischen Machtbereich eingezogen wird ...

S. 53: und und zu und
... alten Landschaften Cilicien und Lykaonien ...

S. 62: wichstigsten zu wichtigsten
Bei weitem am wichtigsten für die Abschätzung ...

S. 64: Sawad zu Sawâd
Der Sawâd, der dunkle Alluvialboden, ...

S. 65 zufolgern zu zu folgern
... aus denen man genötigt wäre zu folgern, ...

S. 72: Seleukia- Ktesiphon zu Seleuka-Ktesiphon
... Nilkanals bei Seleukia-Ktesiphon

S. 77: Sawad zu Sawâd
... von den Arabern sogenannten Sawâd ...
... die Ländereien des Sawâd vermessen worden seien, ...

S. 78: Sawad zu Sawâd
... diejenigen Teile des Sawâds hinzu,
... die es unter Omar im Sawâd gegeben haben soll.

S. 79: Sawad zu Sawâd
die Steuer des Sawâd 150 Millionen Mithkal ...
... als auch speziell für den Sawâd.
... Ertrag des Sawâd unter Omar I. ...
... Wiederansteigen der Erträge des Sawâd ...

S. 80: Sawad zu Sawâd
... geht es mit dem Sawâd reißend abwärts.
... die Steuern des Sawâds auf weniger ...

S. 80 Chalifat zu Kalifat
... des zehnten Jahrhunderts unter dem Kalifat herrschten,

S. 80 das zu daß
... das Bild, daß die Steuern Babyloniens ...

S. 81: Sawad zu Sawâd
Als Omar den Sawâd eroberte, ...

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