Französische Revolution
Hatte jenes Ereignis aber eine so unzweifelhaft für sich selber gültige Bedeutung, so ist doch nicht zu leugnen, daß eine Beschränkung von Frankreich damit erreicht war und daß dies Land die Erfolge der anderen als seine Verluste ansehen durfte. Auch war es ihnen immer lebhaft entgegengetreten. Wie oft suchte es früher die Fortschritte von Österreich in Ungarn und gegen die Türken aufzuhalten; wie oft mußten dann die besten Regimenter von der Donau, wo sie gegen die Türken standen, an den Rhein und wider die Franzosen abgerufen werden! Rußland hatte seinen Einfluß im Norden der französischen Politik abgewonnen. Als das Kabinett von Versailles innewurde, welche Stellung Preußen in der Welt einnahm und zu behaupten suchte, vergaß es seine amerikanischen Interessen, um diese Macht, ich sage nicht herabzubringen, sondern geradehin zu vernichten. Wie oft hatten die Franzosen die Jakobiten zu begünstigen, etwa einen Stuart nach England zu werfen, die alten Verhältnisse wiederherzustellen unternommen! Dafür bekamen sie denn auch, mochten sie mit Preußen wider Österreich oder mit Österreich wider Preußen stehen, allemal die Engländer zu Gegnern. Sie führten ihre Kriege auf dem festen Lande mit Verlusten zur See. Während des Siebenjährigen verloren sie, wie Chatham sagte, Amerika in Deutschland.
Und so stand Frankreich allerdings bei weitem nicht mehr so entschieden als der Mittelpunkt der europäischen Welt da, wie hundert Jahre früher. Es mußte die Teilung von Polen vor seinen Augen vollziehen lassen, ohne darum gefragt zu werden. Es mußte, was es tief empfand, gestatten, daß im Jahre 1772 eine englische Fregatte an der Reede von Toulon erschien, um über die stipulierte Entwaffnung der Flotte zu wachen. Selbst die kleineren unabhängigen Staaten, wie Portugal, die Schweiz, hatten anderen Einwirkungen Raum gegeben.
Zwar ist sogleich zu bemerken, daß das Übel nicht so schlimm war, wie man es oft vorgestellt hat; Frankreich behauptete doch seinen alten Einfluß auf die Türkei; durch den Familienvertrag hatte es Spanien an seine Politik gekettet; die spanischen Flotten, die Reichtümer der spanischen Kolonien standen zu seiner Verfügung; auch die übrigen bourbonischen Höfe, zu denen sich der Turiner beinahe mit rechnete, schlossen sich an Frankreich an; die französische Faktion siegte endlich in Schweden. Allein einer Nation, die sich mehr als jede andere in dem Schimmer einer allgemeinen Superiorität gefällt, war dies lange nicht genug. Sie fühlte nur den Verlust von Ansprüchen, die sie als Rechte betrachtete; sie bemerkte nur, was die anderen erobert, nicht was sie behauptet hatte; mit Unwillen sah sie so gewaltige, starke, wohlgegründete Mächte sich gegenüber, denen sie nicht gewachsen war.
Man hat so viel von den Ursachen der Revolution geredet und sie wohl auch da gesucht, wo sie nimmermehr zu finden sind. Eine der wichtigsten liegt meines Erachtens in diesem Wechsel der auswärtigen Verhältnisse, der die Regierung in tiefen Mißkredit gebracht hatte. Es ist wahr, sie wußte weder den Staat recht zu verwalten noch den Krieg gehörig zu führen; sie hatte die gefährlichsten Mißbräuche überhandnehmen lassen; und der Verfall ihres europäischen Ansehens war daher großenteils mit entsprungen. Aber die Franzosen schrieben ihrer Regierung auch alles das zu, was doch nur ein Werk der veränderten Weltstellung war. Sie lebten in der Erinnerung der Zeiten der Machtfülle Ludwigs XIV., und alle die Wirkungen, die daher rührten, daß sich andere Staaten mit frischen Kräften erhoben hatten, die sich einen Einfluß, wie man ihn früherhin ausgeübt, nicht mehr gefallen ließen, gaben sie der Unfähigkeit ihrer auswärtigen Politik und dem allerdings unleugbaren Verfall ihrer Zustände schuld.
Daher kam es, daß die Bewegungen von Frankreich, wenn sie auf der einen Seite einen reformatorischen Charakter hatten, der sich nur zu bald in einen revolutionären umsetzte, doch auch von allem Anfang eine Richtung gegen das Ausland nahmen.
Gleich der amerikanische Krieg entwickelte diese Doppelseitigkeit. Wenn man es nicht wüßte, so könnte man aus den Memoiren von Ségur sehen, aus welcher sonderbaren Mischung von Kriegslust und angeblicher Philosophie die Teilnahme der Jugend unter dem vornehmeren französischen Adel daran herkam. »Die Freiheit«, sagt Ségur, »stellte sich uns dar mit den Reizen des Ruhmes. Während die Reiferen die Gelegenheit wahrnahmen, ihre Grundsätze geltend zu machen und die willkürliche Gewalt zu beschränken, traten wir Jüngeren nur darum unter die Fahnen der Philosophie, um Krieg zu führen, um uns auszuzeichnen, um Ehrenstellen zu erwerben; aus ritterlicher Gesinnung wurden wir Philosophen.« Diese Jüngeren wurden das doch allmählich sehr im Ernst. Sonderbare Mischung. Indem sie England angriffen und ihren Ehrgeiz sein ließen, es zu schwächen, es seiner Kolonien zu berauben, war es doch besonders die Unabhängigkeit eines englischen Peers, die würdige Stellung eines Mitgliedes des Hauses der Gemeinen, was sie zu erlangen gewünscht hätten.
Dieser amerikanische Krieg wurde nun entscheidend; nicht so sehr durch eine Veränderung der allgemeinen Machtverhältnisse – denn wenn man die englischen Kolonien von dem Mutterlande losriß, so zeigte sich doch bald, daß dieses in sich selber so wohlbegründet war, um das nicht sehr zu empfinden; wenn sich die französische Marine wieder zu einem gewissen Ansehen erhob, so hatte England doch in den entscheidenden Schlachten den Sieg davongetragen und die Übermacht über seine vereinigten Nebenbuhler behauptet – als durch die indirekten Wirkungen, die er hervorbrachte.
Ich meine nicht allein das Emporkommen der republikanischen Neigungen, es gab noch eine unmittelbarere Folge.
Mit großem Ernste hatte sich Turgot dem Kriege widersetzt; nur in dem Frieden hoffte er die Finanzen, welche schon damals ein Defizit drückte, durch eine sparsame Haushaltung herzustellen und zugleich die erforderlichen Reformen durchzusetzen. Allein er hatte dem Strome der jugendlichen Begeisterung weichen müssen. Der Krieg war erklärt und mit überschwenglichen Kosten geführt worden. Necker hatte mit dem ganzen Talent eines Bankiers, das er in so hohem Grade besaß, neue Anleihen zu machen gewußt. Je höher sie aber aufliefen, desto mehr mußten sie das Defizit steigern. Schon im Jahre 1780 erklärte Vergennes dem König, der Zustand der Finanzen sei wahrhaft beunruhigend; er mache den Frieden, einen unverweilten Frieden notwendig. Indessen verzögerte sich der Friede noch, und erst nach Abschluß desselben ward man die Verwirrung recht inne. Man nimmt auch hier einen ausfallenden Gegensatz wahr. Nicht minder erschöpft und mit Schulden beladen ging England aus dem amerikanischen Kriege hervor. Aber während Pitt in England das Übel an der Wurzel angriff und das Vertrauen durch große Maßregeln wiederherstellte, gerieten die französischen Finanzen aus schwachen Händen in immer schwächere, unversuchtere und zugleich keckere, so daß das Übel von Monat zu Monat stieg und die Regierung wie in ihrer Konsistenz bedrohte, so um ihr ganzes Ansehen brachte.
Wie sehr wirkte dies auf die auswärtigen Verhältnisse zurück! Man hatte keine Wahl mehr; um jeden Preis mußte man den Krieg vermeiden. Lieber kaufte man z. B. die Forderungen, welche Österreich an Holland machte, durch eine Summe ab, zu der man trotz der schlechten Umstände, in denen man war, selber die Hälfte beitrug; wäre es auf Frankreich allein angekommen, so würde der Kaiser nicht gehindert worden sein, seine Absichten auf Bayern durchzusetzen. So enge sich die französische Regierung mit den sogenannten Patrioten von Holland vereinigt hatte, so mußte sie dieselben ruhig von Preußen überziehen, überwinden lassen. Sie kann darüber meines Erachtens nicht einmal sehr getadelt werden. Was wollte sie in dem Juli 1787, als die preußische Erklärung gegen Holland erschien, unternehmen, um die Ausführung derselben zu verhindern, da eben damals die Parlamente sich weigerten, die neuen Auflagen zu registrieren, ohne die man den Staat nicht weiter verwalten konnte, da bald darauf in jener berühmten Sitzung am 15. August die Grandchambre ihre Türen eröffnen ließ und der versammelten Menge erklärte, der König könne in Zukunft keine neuen Auflagen erheben, ohne zuvor die allgemeinen Stände zusammenberufen zu haben? In einem Augenblick, wo der ganze bisherige innere Zustand in Frage gestellt wurde, konnte man schwerlich Einfluß auf das Ausland ausüben. Und doch war dies ein sehr bedeutender Zeitpunkt. Eben damals entschlossen sich die beiden Kaiserhöfe zu ihrem Angriff auf die Türkei. Die Franzosen waren nicht imstande, ihren alten Verbündeten Hilfe zu leisten, und wenn diese nicht untergehen wollten, so mußten sie Hilfe bei England und Preußen nachsuchen.
Allerdings eine Unbedeutendheit, Nichtigkeit der auswärtigen Politik von Frankreich, die weder den natürlichen Ansprüchen dieses Landes angemessen war, noch auch den Interessen von Europa überhaupt entsprach. Kam sie, wie nicht zu leugnen, von der inneren Verwirrung her, so wurde diese hinwiederum dadurch außerordentlich vermehrt. Die Politik des Erzbischofs von Brienne erfuhr den heftigsten und allgemeinsten Tadel. Er ward der Feigheit und selbst der Treulosigkeit angeklagt, weil er Holland nicht unterstützt und diese Gelegenheit, den militärischen Ruf der Franzosen auch zu Lande wiederherzustellen, versäumt habe; man fand die französische Ehre hierdurch auf eine Weise beschimpft, daß sie nur durch Ströme von Blut wieder rein gewaschen werden könne.
Wie übertrieben das nun auch lautet, so kann man doch das Gefühl nicht tadeln, das dieser Unzufriedenheit zugrunde lag. Das Nationalbewußtsein eines großen Volkes fordert eine angemessene Stellung in Europa. Die auswärtigen Verhältnisse bilden ein Reich nicht der Konvenienz, sondern der wesentlichen Macht; und das Ansehen eines Staates wird immer dem Grade entsprechen, auf welchem die Entwickelung seiner inneren Kräfte steht. Eine jede Nation wird es empfinden, wenn sie sich nicht an der ihr gebührenden Stelle erblickt; wie viel mehr die französische, die so oft den sonderbaren Anspruch erhoben hat, vorzugsweise die große Nation zu sein!
Ich will nicht auf die Mannigfaltigkeit der Ursachen eingehen, durch welche es zu der furchtbaren Entwickelung der Französischen Revolution kam. Ich will nur in Erinnerung bringen, daß der Verfall der auswärtigen Verhältnisse vielen Anteil daran hatte. Man braucht nur daran zu denken, welche Rolle eine österreichische Prinzessin, die unglückliche Königin, auf die der ganze Haß fiel, den diese Nation seit so langer Zeit dem Hause Österreich gewidmet hatte, dabei spielte, welche unseligen Auftritte das Trugbild eines österreichischen Ausschusses veranlaßt hat. Nicht genug, daß die Franzosen sahen, sie hätten den alten Einfluß auf die Nachbarn verloren; sie überredeten sich sogar, daß das Ausland geheimen und starken Einfluß auf ihren Staat ausübe; in allen Maßregeln der inneren Verwaltung glaubten sie denselben wahrzunehmen; eben dies entflammte dann die allgemeine Entrüstung, die Gärung und Wut der Menge.
Halten wir an diesem Gesichtspunkt der auswärtigen Verhältnisse fest, so können wir von der Revolution folgende Ansicht fassen.
Allenthalben hatte man, um zur Ausbildung einer größeren Macht zu gelangen, die nationalen Kräfte auf eine ungewohnte Weise zusammengenommen; dazu hatte man viele Hindernisse, die in den inneren Verhältnissen lagen, wegräumen müssen und nicht selten die alten Berechtigungen angetastet; es war dies in den verschiedenen Ländern bald mit mehr, bald mit weniger Bedacht und Erfolg geschehen. Ein sehr unterrichtendes, lebensvolles Buch müßte es geben, wenn man darzustellen wüßte, wie dies allenthalben versucht wurde, mehr oder minder gelang, wohin es führte; endlich unternahm man es auch in Frankreich. Es ist so viel auf die absolute Gewalt früherer französischer Könige gescholten worden; die Wahrheit ist, daß sich dieselbe zwar noch in einigen Willkürlichkeiten äußerte, in der Hauptsache dagegen ungemein verfallen war. Als die Regierung jenen Versuch machte, war sie schon zu schwach, um ihn durchzusetzen; sie machte ihn auch mit unsicheren Händen; den Widerstand der privilegierten Stände vermochte sie nicht zu besiegen; hierüber rief sie den dritten Stand – die Gewalt der demokratischen Ideen, die sich schon der öffentlichen Meinung zu bemächtigen angefangen – zu Hilfe. Ein Bundesgenosse aber, der ihr bei weitem zu stark war. Indem sie schwankte, sowie sie seine Kräfte erkannte, die Bahn verließ, die sie eingeschlagen, zu denen zurücktrat, welche sie angreifen wollte, eben die beleidigte, die sie zu Hilfe gerufen hatte, forderte sie alle politischen Leidenschaften heraus, setzte sie sich mit den Überzeugungen und der Richtung des Jahrhunderts, ja mit ihrer eigenen Tendenz in Kampf und brachte eine Bewegung hervor, in welcher der dritte Stand, oder vielmehr das in demselben und um ihn her entwickelte Element der Empörung, in gigantischem Fortschritt nicht allein die privilegierten Stände, die Aristokratie, sondern König und Thron selber umstürzte und den ganzen alten Staat vernichtete.
Ein Unternehmen, wie es zwar keineswegs alle, aber doch einige andere Regierungen verstärkt und befestigt hatte, riß dergestalt durch die Entwickelung, die es nahm, durch die Folgen, die es hatte, die französische in ihr Verderben.
Nur wenn man hier und da glaubte, daß in diesem großen Ruin die Macht und äußere Bedeutung von Frankreich vollends zugrunde gehen müßten, hatte man sich geirrt. So stark waren die Tendenzen zur Herstellung der alten Macht, daß sie selbst unter so furchtbaren Umständen nicht allein nicht aus den Augen verloren, sondern auf eine Weise, wie sie noch nie dagewesen, über die Analogie anderer Staaten weit hinaus durchgesetzt wurden. Waren anderwärts die bestehenden mittleren Gewalten in ihrer Unabhängigkeit beschränkt, zu größerem Anteil an den allgemeinen Anstrengungen genötigt worden, so wurden sie hier geradezu vernichtet. Adel und Geistlichkeit wurden nicht allein ihrer Vorrechte, sondern im Laufe der Ereignisse selbst ihrer Besitztümer beraubt; welch eine Konfiskation im größten Stil, in der ungeheuerlichsten Ausdehnung! Wie kehrten sich die Ideen, die Europa als heilbringend, menschlich, befreiend begrüßt hatte, vor seinen Augen plötzlich in den Greuel der Verwüstung um! Das vulkanische Feuer, von dem man eine nährende, belebende Erwärmung des Bodens erwartet hatte, ergoß sich in furchtbaren Ausbrüchen über denselben hin. Mitten in dieser Zertrümmerung aber ließen die Franzosen das Prinzip der Einheit doch niemals fallen. Um wie viel mächtiger als bisher erschien eben in der Verwirrung der Revolutionsjahre Frankreich den europäischen Staaten gegenüber! Man kann sagen: jene gewaltige Explosion aller Kräfte setzte sich nach außen fort. Zwischen dem alten und dem neuen Frankreich war dasselbe Verhältnis, wie zwischen der zwar lebhaften und von Natur tapferen, aber an das Hofleben gewöhnten, mit einem oft kleinlichen Ehrgeiz behafteten, feinen, wollüstigen Aristokratie, die den alten Staat leitete, und den wilden, gewaltsamen, von wenig Gedanken berauschten, blutbefleckten Jakobinern, die den neuen beherrschten. Da vermöge des bisherigen Ganges der Dinge zwar nicht eine ganz gleiche Aristokratie wie jene, aber doch eine ähnliche an der Spitze der übrigen Staaten stand, so war es kein Wunder, wenn die Jakobiner in jener wilden Anspannung aller Kräfte das Übergewicht an sich brachten. Es bedurfte nur des ersten, durch ein Zusammentreffen unerwarteter Umstände davongetragenen Sieges, um den revolutionären Enthusiasmus zu erwecken, der hierauf die Nation ergriff und eine Zeitlang das Prinzip ihres Lebens wurde.
Nun kann man zwar nicht sagen, daß Frankreich hierdurch an und für sich stärker geworden sei, als die übrigen großen Mächte zusammengenommen oder auch nur als seine nächsten Nachbarn, wenn sie sich vereinigt hielten. Man kennt hinlänglich die Fehler der Politik und der Kriegführung, die einen für diese so ungünstigen Erfolg hervorbrachten. Sie konnten sich ihrer bisherigen Eifersucht nicht sogleich entwöhnen. Selbst die einseitige Koalition von 1799 hatte Italien zu befreien und eine sehr gewaltige militärische Stellung einzunehmen gewußt, als ein unglücklicher Zwiespalt sie trennte. Allein geleugnet werden kann es nicht, daß der französische Staat, mitten im Kampfe mit Europa gebildet, auf denselben berechnet, durch die Zentralisation aller Kräfte, die er möglich machte, den einzelnen Kontinentalmächten überlegen wurde. Indem es immer das Ansehen gehabt, als suche man dort die Freiheit, war man von Revolution zu Revolution Schritt für Schritt zu dem Militärdespotismus gelangt, der die Ausbildung der anderweiten militärischen Systeme, so groß sie auch waren, weit überbot. Der glückliche General setzte sich die Kaiserkrone auf; alle disponiblen Kräfte der Nation hatte er jeden Augenblick ins Feld zu werfen die Macht. Auf diesem Wege kehrte dann Frankreich zu seinem Übergewichte zurück. Es gelang ihm, England von dem Kontinent auszuschließen, in wiederholten Kriegen Österreich seiner ältesten Provinzen in Deutschland und Italien zu berauben, das Heer und die Monarchie Friedrichs II. umzuwerfen, Rußland selbst zur Fügsamkeit zu nötigen und endlich in die inneren Provinzen bis zu der alten Hauptstadt desselben vorzudringen. Für den französischen Kaiser bedurfte es nur des Kampfes mit diesen Mächten, um zugleich über das südliche und mittlere Europa, einen großen Teil von Deutschland nicht ausgeschlossen, eine unmittelbare Herrschaft zu gründen. Wie war hierdurch alles, was zu Ludwigs XIV. Zeiten geschehen, so weit übertroffen! Wie war die alte Freiheit von Europa so tief gebeugt! Europa schien in Frankreich untergehen zu wollen. Jene Universalmonarchie, von der man sonst nur die entfernte Gefahr gesehen, war beinahe realisiert!
Wiederherstellung
Sollten aber die energischen Gewalten, welche in den großen Mächten hervorgetreten waren, so mit einem Mal erstickt und vernichtet sein?
Der Krieg, sagt Heraklit, ist der Vater der Dinge. Aus dem Zusammentreffen entgegengesetzter Kräfte, in den großen Momenten der Gefahr – Unglück, Erhebung, Rettung – gehen die neuen Entwickelungen am entschiedensten hervor.
Frankreich war nur dadurch zu seiner Übermacht gelangt, daß es mitten in seiner wilden Bewegung das Gemeingefühl der Nation lebhafter als je zu erhalten, die nationalen Kräfte in einer so ungemeinen Ausdehnung zu dem einzigen Zweck des Krieges anzustrengen gewußt hatte.
Wollte man ihm widerstehen oder je diese Übermacht noch einmal zu brechen die Hoffnung fassen dürfen, so war da nicht mit Mitteln auszureichen, wie sie bisher genügt hatten; selbst eine Verbesserung der Militärverfassung allein hätte noch nicht geholfen; es gehörte eine gründlichere Erneuerung dazu, um alle Kräfte zusammenzunehmen, in deren Besitz man sein mochte; man mußte sich entschließen, jene schlummernden Geister der Nationen, von denen bisher das Leben mehr unbewußt getragen worden, zu selbstbewußter Tätigkeit aufzuwecken.
Es müßte eine herrliche Arbeit sein, dieser Verjüngung des nationalen Geistes in dem ganzen Umfange der europäischen Völker und Staaten nachzuforschen, die Ereignisse zu bemerken, die ihn wieder erweckten, die Zeichen, die seine erste Erhebung ankündigten, die Mannigfaltigkeit der Bewegungen und Institutionen, in denen er sich allenthalben aussprach, die Taten endlich, in denen er siegreich hervortrat. Doch ist dies ein so weit aussehendes Unternehmen, daß wir es hier auch nicht einmal berühren könnten.
Gewiß ist, daß man erst dann mit einiger Aussicht auf Erfolg zu streiten anfing – 1809 –, als man hierin der Forderung des Weltgeschickes ein Genüge zu leisten begann. Als in wohlgeordneten Reichen ganze Einwohnerschaften ihre althergebrachten Wohnsitze, an die sie selbst die Religion knüpfte, verließen und sie den Flammen preisgaben, – als große Bevölkerungen, von jeher an ein friedlich bürgerliches Leben gewöhnt, Mann bei Mann zu den Waffen griffen, – als man zugleich des ererbten Haders endlich wirklich vergaß und sich ernstlich vereinigte, – erst da, nicht eher gelang es, den Feind zu schlagen, die alte Freiheit herzustellen und Frankreich in seine Grenzen einzuschließen, den übergetretenen Strom in sein Bette zurückzutreiben.
Wenn es das Ereignis der letzten hundert Jahre vor der Französischen Revolution war, daß die großen Staaten sich erhoben, um die Unabhängigkeit von Europa zu verfechten, so ist es das Ereignis der seitdem verflossenen Periode, daß die Nationalitäten selbst sich verjüngt, erfrischt und neu entwickelt haben. Sie sind in den Staat mit dem Bewußtsein eingetreten, er würde ohne sie nicht bestehen können.
Man ist fast allgemein der Ansicht, unsere Zeit habe nur die Tendenz, die Kraft der Auflösung. Ihre Bedeutung sei eben nur, daß sie den zusammenhaltenden, fesselnden Institutionen, die aus dem Mittelalter übrig, ein Ende mache; dahin schreite sie mit der Sicherheit eines eingepflanzten Triebes vorwärts; das sei das Resultat aller großen Ereignisse, Entdeckungen, der gesamten Kultur; ebendaher komme aber auch die unwiderstehliche Hinneigung, die sie zu demokratischen Ideen und Einrichtungen entwickele; und diese bringe dann alle die großen Veränderungen, deren Zeuge wir sind, mit Notwendigkeit hervor. Es sei eine allgemeine Bewegung, in der Frankreich den anderen Ländern vorangehe. Eine Meinung, die freilich nur zu den traurigsten Aussichten führen kann. Wir denken indes, daß sie sich gegen die Wahrheit der Tatsachen nicht zu halten vermögen wird.
Weit entfernt, sich bloß in Verneinungen zu gefallen, hat unser Jahrhundert die positivsten Ergebnisse hervorgebracht; es hat eine große Befreiung vollzogen, aber nicht so durchaus im Sinne der Auflösung; vielmehr diente ihr dieselbe, aufzubauen, zusammenzuhalten. Nicht genug, daß es die großen Mächte allererst ins Leben gerufen; es hat auch das Prinzip aller Staaten, Religion und Recht, es hat das Prinzip eines jeden insbesondere lebendig erneuert.
Eben darin liegt das Charakteristische unserer Tage.
In den meisten Epochen der Welthistorie sind es religiöse Verbindungen gewesen, was die Völker zusammengehalten hat. Doch hat es zuweilen auch andere gegeben, die man mit der unseren eher vergleichen kann, in denen mehrere größere, durch ein politisches System verknüpfte Königreiche und freie Staaten nebeneinander bestanden. Ich will nur die Periode der mazedonisch-griechischen Königreiche nach Alexander erwähnen. Sie bietet manche Ähnlichkeit mit der unsrigen dar: eine sehr weit gediehene gemeinschaftliche Kultur, militärische Ausbildung, Wirkung und Gegenwirkung verwickelter auswärtiger Verhältnisse; große Bedeutung der Handelsinteressen, der Finanzen, Wetteifer der Industrie, Blüte der exakten, mit der Mathematik zusammenhängenden Wissenschaften. Allein jene Staaten, hervorgegangen aus der Unternehmung eines Eroberers und der Entzweiung seiner Nachfolger, hatten keine besonderen Prinzipien ihres Daseins weder gehabt noch sich anzubilden vermocht. Auf Soldaten und Geld beruhten sie. Eben darum wurden sie auch so bald aufgelöst, verschwanden sie zuletzt völlig. Man hat oft gefragt, wie Rom sie so rasch, so vollkommen bezwingen konnte. Es geschah darum, weil Rom, wenigstens solange es Feinde von Bedeutung hatte, mit bewunderungswürdiger Strenge an seinem Prinzipe festhielt. Auch bei uns schien es wohl, als sei nur noch der Umfang der Besitzungen, die Macht der Truppen, die Größe des Schatzes und ein gewisser Anteil an der allgemeinen Kultur für den Staat von Wert. Wenn es je Ereignisse gegeben hat, geeignet, einen solchen Irrtum zu zertrümmern, so sind es die Ereignisse unserer Zeit gewesen. Sie haben die Bedeutung der moralischen Kraft, der Nationalität für den Staat endlich einmal wieder zur Anschauung in das allgemeine Bewußtsein gebracht. Was wäre aus unseren Staaten geworden, hätten sie nicht neues Leben aus dem nationalen Prinzip, auf das sie gegründet waren, empfangen. Es wird sich keiner überreden, er könne ohne dasselbe bestehen.
Nicht ein solch zufälliges Durcheinanderstürmen, Übereinanderherfallen, Nacheinanderfolgen der Staaten und Völker bietet die Weltgeschichte dar, wie es beim ersten Blicke wohl aussieht. Auch ist die oft so zweifelhafte Förderung der Kultur nicht ihr einziger Inhalt. Es sind Kräfte, und zwar geistige, Leben hervorbringende, schöpferische Kräfte, selber Leben, es sind moralische Energien, die wir in ihrer Entwickelung erblicken. Zu definieren, unter Abstraktionen zu bringen sind sie nicht; aber anschauen, wahrnehmen kann man sie; ein Mitgefühl ihres Daseins kann man sich erzeugen. Sie blühen auf, nehmen die Welt ein, treten heraus in dem mannigfaltigsten Ausdruck, bestreiten, beschränken, überwältigen einander; in ihrer Wechselwirkung und Aufeinanderfolge, in ihrem Leben, ihrem Vergehen oder ihrer Wiederbelebung, die dann immer größere Fülle, höhere Bedeutung, weiteren Umfang in sich schließt, liegt das Geheimnis der Weltgeschichte.
[Schlußworte nach dem Texte der Historisch-politischen Zeitschrift 2. Band, 1833]
Sind wir nun von einer geistigen Gewalt angegriffen, so müssen wir ihr geistige Kräfte entgegensetzen. Dem Übergewichte, das eine andere Nation über uns zu bekommen droht, können wir nur durch die Entwickelung unsrer eigenen Nationalität begegnen. Ich meine nicht einer erdachten, chimärischen, sondern der wesentlichen, vorhandenen, in dem Staate ausgesprochenen Nationalität.
Wie aber, wird man mir erwidern, ist nicht die Welt gerade in der Ausbildung einer immer engern Gemeinschaft begriffen? Würde nicht diese Richtung, die sie genommen, durch den Gegensatz der Völker und Volkstümlichkeiten, der Staaten und ihrer Prinzipien gehindert, eingeengt werden?
Es verhält sich damit, wenn ich mich nicht täusche, wie mit der Literatur. Nicht damals hat man von einer Weltliteratur geredet, als die französische Europa beherrschte; erst seitdem ist diese Idee gefaßt, ausgesprochen und verbreitet worden, seit die meisten Hauptvölker von Europa ihre eigene Literatur selbständig und oft genug im Gegensatz miteinander entwickelt haben. Ist es mir erlaubt, ein kleines Verhältnis mit den großen zu vergleichen, so möchte ich daran erinnern, daß nicht diejenige Gesellschaft Genuß und Förderung gewährt, wo einer das Wort führt und die Unterhaltung leitet, noch auch die, wo alle auf gleicher Stufe oder, wenn man will, in gleicher Mittelmäßigkeit nur immer dasselbe sagen. Da erst fühlt man sich wohl, wo sich mannigfaltige Eigentümlichkeiten, in sich selber rein ausgebildet, in einem höhern Gemeinsamen begegnen, ja wo sie dies, indem sie einander lebendig berühren und ergänzen, in dem Momente hervorbringen. Es würde nur eine leidige Langeweile geben, wenn die verschiedenen Literaturen ihre Eigentümlichkeit vermischen, verschmelzen sollten. Nein! die Verbindung aller beruht auf der Selbständigkeit einer jeden. Auf das lebendigste und immerfort können sie einander berühren, ohne daß doch eine die andere übermeistere und in ihrem Wesen beeinträchtige.
Nicht anders verhält es sich mit den Staaten, den Nationen. Entschiedenes positives Vorwalten einer einzigen würde den andern zum Verderben gereichen. Eine Vermischung aller würde das Wesen einer jeden vernichten. Aus Sonderung und reiner Ausbildung wird die wahre Harmonie hervorgehen.
Rankes gelangt hier mit Genehmigung
des Verlages von Duncker & Humblot
in München und Leipzig zum Abdruck.
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Der Druck erfolgte in der Piererschen
Hofbuchdruckerei in Altenburg.
Fußnote
[1] Historisch-politische Zeitschrift II. Band. 1833.
Hinweise zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, bei Zweifeln der Originaltext beibehalten.
Änderungen
| Original | Änderung |
|---|---|
| Seite 26 | |
| das eigentliche nationale Motiv zu dem Spanischen Erfolgekriege | das eigentliche nationale Motiv zu dem Spanischen Erbfolgekriege |
| Seite 35 | |
| Böhmen und Öberösterreich waren nicht viel minder | Böhmen und Oberösterreich waren nicht viel minder |