Alles wollen sie begreifen,
Alles wollen sie verstehn;
Alles schneiden sie in Streifen,
Um — zusammen sie zu nähn;
Und was wider ihre Lehren
Ist wahrhaftiglich geschehn,
Soll das offne Ohr nicht hören,
Nicht das offne Auge sehn.
Nicht allein mit den obenstehenden Versen möchten wir die zunächst folgende Erzählung einer bis zur Erscheinung gesteigerten Einwirkung der Seele auf die Seele einleiten. Mit der bloßen Behauptung oder Verwerfung einer Ansicht oder Erfahrung, die von der gewöhnlichen Meinung, von dem alltäglichen Gange der Dinge abweichen, ist Nichts gewonnen. Auch von den Gründen, welche unsere Erfahrung einer solchen Einwirkung in eine leere Täuschung aufzulösen streben, müssen wir bekennen, daß sie ihre Kraft bisher noch nicht an uns bewiesen haben, so zweifelnd-prüfend wir uns auch auf diesem dunkeln Felde der höheren Seelenkunde bewegen. Hold’s Versuch, sich eine nicht abzuleugnende Thatsache für seinen Glauben annehmlicher zu machen, teilt die gewöhnliche Eigenschaft solcher Versuche, er ist Grau in Grau gemalt, erklärt das Wunderbare durch das Wunderbare. Doch benutzen wir ihn gern, wenn auch nur zu einer bescheidenen Einleitung in dieses Kapitel.
„Ist nicht so Vieles in unserm Geiste,“ sagte er, „das über die gewöhnlichen Gesetze des Denkens und Empfindens hinaus ist? Oeffnet die Andacht nicht Tiefen in unserer Brust, die wir ohne sie ganz übersehen? und sind die Perlen und Edelsteine, die sie aus diesen Tiefen zieht, nicht von einer Art, daß unser Wissen und Verstehen jede Schätzung aufgeben muß? Die Andacht aber ist in ihrer höchsten Blüte Einswerden mit Gott, ein Verschmelzen unseres Geistes mit Seinem Geiste, also, daß wir absterben unserm früheren selbsteigenen Geistesleben, und in Gott leben, weben und sind, wodurch wir fähig werden, zu denken, zu fühlen und zu handeln über unsere sonstige Kraft weit hinaus, weil die Kraft Gottes in dem Schwachen mächtig ist. Wie nun die Liebe zu Gott solches Wandeln auf Höhen, zu denen unsere gewöhnlichen Gaben nicht hinaufreichen, möglich macht, so auch öffnet die irdische Liebe uns Wege vom Herzen zum Herzen, auf die kein uns ohne diese Liebe bekanntes Seelenvermögen hinweist. Es gibt auch hier eine Sprache und Mitteilung, die eben wie die Andacht nur in einzelnen Momenten ihre Hieroglyphe in das Buch unseres Lebens hineinschreibt. In Augenblicken, in welchen wir uns selbst ganz vergessen, und all’ unser Denken und Empfinden in die Seele des geliebten Gegenstandes hineinversenken, wird die Ferne zur Nähe und die Trennung zur Gemeinschaft; und unsere Bitten, Warnungen, Seufzer und Grüße werden Gedanken und Empfindungen der geliebten Seele, und damit sie nicht als eigene Träume unbeachtet bleiben, kleiden sie sich auch wohl in das Gewand sichtbarer Gestalten, hörbarer Worte, die aber nur eine Abspiegelung der auf solche Art geweckten Vorstellungen sind, daher nicht in die Sinne der diesen fremden Personen fallen. Es sind Erkennungen, denen ähnlich, mit welchen wir uns droben in den ewigen Hütten wiedererkennen, wenn die Seele mit dem neuen Leibe überkleidet wird, von dem unsere irdische Hülle nur der gröbere Schatten ist. Doch werden diese Wechselwirkungen der Seelen auf einander wohl nur da möglich sein, wo eine Liebe ist, nicht allein der vollsten Hingebung fähig, sondern auch in derselben durch langes Erkennen und innige Verschmelzung der Gedanken und Empfindungen erprobt und bewährt.“
Nun zu unserer Erzählung.
Godber und Idalia saßen in der Abenddämmerung dieses Tages, der für die Hallig ein Tag der schmerzensreichsten Trauer zu werden drohte, neben einander in der Stube ihrer Wohnung. Das Gespräch zwischen ihnen stockte oft, eben weil Beide sich Mühe gaben, es zu unterhalten.
So geschieht es immer, wenn zwei Menschen zusammen sind, die Etwas auf dem Herzen haben, worüber eine gegenseitige Erklärung notwendig ist, diese Notwendigkeit auch erkannt, aber die offene Erklärung vermieden wird, weil man von ihr ein Resultat fürchtet, das noch unangenehmer die Seele berührt, als die drückende Empfindung der Ungewißheit und Unentschiedenheit es thut.
Idalia verbarg ihre Verstimmung nur wenig, während Godber sich ernstlich anstrengte, alle mögliche Weichheit und Zärtlichkeit in seine Worte und sein Benehmen zu legen. Getrennt waren die Herzen schon. Erloschen war fast ganz das Feuer der Liebe; nur daß Beide sich noch nicht überwinden konnten, dies einander oder auch sich selbst nur recht zu gestehen; Idalia nicht, weil ein gewisses Mitleid mit dem Jüngling, der sein Leben für sie gewagt und ihr die Verlobte geopfert, noch in ihrer Brust sich regte, und dies Gefühl dem schwachen Rest ihrer Neigung ein Gewicht lieh, das er eben nur durch diese fremdartige Zugabe noch hatte. Godber wagte nicht, über seine Empfindung klar zu denken, weil er das Kleinod, für welches er so viel gegeben, nicht fahren lassen wollte, obgleich er eingesehen, daß es ihn nicht glücklich mache, und weil ihm graute vor der Leere eines Herzens, das zwischen der weggeworfenen und der zur Täuschung gewordenen Lebenshoffnung in der Mitte stände.
Als eben wieder eine lange Pause eingetreten war, öffnete sich plötzlich die Thüre, und die Pastorin, eine ganz unerwartete Erscheinung in diesem Hause, stand bleich und bebend vor den Erstaunten.
„Godber,“ sagte sie hastig, „Godber! ich beschwöre Dich, nimm Dein Boot und fahre dem Schiff entgegen. Sie sind in Gefahr, mein Gatte ist in Gefahr. Um eines armen unglücklichen Weibes willen, erbarme Dich, Godber, und fahre hinaus.“
Dabei hatte sie seine Hand ergriffen mit dem flehendsten Ausdruck der furchtbarsten Angst, und war im Begriff, vor ihm niederzusinken, als Godber aufsprang und die halb ohnmächtige Frau auf seinen Stuhl sich setzen ließ.
„Beruhigen Sie sich, Frau Pastorin!“ rief er. „Ich will Alles thun, was Sie wünschen. Ist irgend eine Nachricht da?“
Auch Mander, der jetzt aus dem Nebenzimmer trat, in welchem er bei den Büchern, die ihm Licht geben sollten in der Dämmerung seines Glaubens, geweilt hatte, fragte erschreckt über die Angst der Pastorin, woher sie von der Gefahr des Schiffes wisse?
„O Ihr fragt, ihr glaubt nicht!“ klagte diese händeringend, „und unterdessen versinkt mein Gatte in den Fluten. Ihr saht ihn nicht, wie ich ihn sah. An mein Fenster klopfte sein Finger. Ich eilte freudig vor die Hausthür. Er stand da. Ich sah sein Gesicht so hell im Nebel. Ich wollte ihn umarmen und in’s Haus führen. Aber da flossen seine Züge auseinander, und wie sie verschwammen, hörte ich den Seufzer: „mein armes, armes Weib!“ O Godber, hab’ Erbarmen und fahre hinaus. Ich will mit Dir, ich bin stark genug zum Rudern. Du weißt nicht, wie stark die Frau und Mutter ist, die für den Gatten kämpft.“
Vergebens bemühte sich Mander, die Verstörte auf die Macht der Einbildungskraft hinzuweisen, und wie natürlich es sei, daß ihre Liebe, die jede Abwesenheit des geliebten Mannes so schwer ertrüge, ihr allerlei schreckhafte Bilder vorgaukele, die ihren Grund nur in ihrer Sehnsucht nach dem Abwesenden hätten, und in dem vielleicht in der Einsamkeit zu weit verfolgten Gedanken: wie, wenn er einmal von solcher Reise nicht wiederkehrte? Vergebens sprach Godber zu ihr vom Winde, vom Wetter, von der Flut, wie durchaus keine Gefahr denkbar sei, aber eine Verzögerung notwendig hätte eintreten müssen. Die Pastorin setzte diesem Allem immer wieder die ihr gewordene Erscheinung entgegen. Sie gab genau an, was sie vorher bis zu dem Augenblick dieses Gesichtes gedacht und gethan, sie erklärte, gerade in jenem Momente nur ein heiteres Bild der Heimkehr vor der Seele gehabt zu haben, und sprach mit solcher Sicherheit der Ueberzeugung und solcher bestimmten Ausmalung der kleinsten Umstände, daß wenigstens der offene Widerspruch verstummte. Ja Godber, der mit den meisten Seeleuten die Empfänglichkeit für den Glauben an geheimnisvolle Einwirkungen und wunderbare Vorbedeutungen teilte, hatte kaum noch einen Zweifel daran, daß hier etwas dergleichen sich kund gebe. Als daher bei der Pastorin die Angst um den Gatten wie eine für kurze Zeit mühsam zurückgehaltene Flut wieder alle ihre Gedanken und Empfindungen überwogte und sie mit den herzzerreissendsten Jammertönen ihn anflehte: „Godber, rett’ ihn, rett’ ihn!“ beeilte er sich, ihren Bitten zu willfahren. Mander und Idalia begleiteten aber die von der Sorge um ihren Gatten gequälte Frau, bei der nun, da sie ihren Zweck erreicht hatte, eine Erschöpfung aller Kräfte eintrat, und die doch nicht länger von ihrem Kinde entfernt bleiben wollte, nach Hause, während Godber mit den beiden Seeleuten, seinen früheren Schiffsgenossen, an den Strand ging und sein Boot bestieg. Glücklicherweise lag dieses, da es am nächsten Morgen zur Ueberführung einiger Kisten von der geborgenen Ladung auf ein Frachtschiff gebraucht werden sollte, auf einer Stelle, von der sie, wiewohl die Flut eben erst das Gestade benetzte, gleich fortrudern konnten; und obschon der Nebel noch wenig gesunken war, fanden sie doch das Schiff, das sie suchten, bald auf, da der Eine der Matrosen es kurz vor dem Eintritt der hohlen Ebbe hatte vor Anker gehen sehen. Als ihr lauter, mit kurzen Unterbrechungen vom ersten Gewahren des Schiffes an fortgesetzter Ruf unbeantwortet blieb; als sie auf das Verdeck, in die Kajüte hinabstiegen und keine Seele antrafen, da blieb kein Zweifel übrig, daß die Unglücklichen, die auf dem Fahrzeuge gewesen waren, irgendwo auf dem Schlick umherirrten, oder vielleicht schon dem anschwellenden Meere zur Beute geworden waren. Wo sie suchen? Nach welcher Gegend hin das Boot wenden? Godber stand eben mit diesen Fragen auf dem Verdeck, sah mit dem angestrengtesten Blick, als könnte er die dichten Dünste mit seinem Auge durchspähen, rings umher und hörte das Plätschern der Wellen um den Kiel mit einem Grausen, als stände er, selber ein ratloses Opfer, mitten in den andrängenden Fluten; da — „Horch! was war das?“ riefen alle drei Männer auf einmal. Es kam durch den Nebel hin wie ein pfeifender Schrei aus weiter, weiter Ferne her. Wir wissen, daß es Oswald’s gellender Angstruf war, und auch jene glaubten darin einen Hülferuf der Gesuchten zu hören. Sie wurden freilich wieder zweifelhaft, als ihr vereintes Geschrei keine Antwort brachte, obwohl sie es mehrmals wiederholten. Doch da jede Richtung, die sie hätten einschlagen können, gleich ungewiß war, so zogen sie die Richtung vor, von welcher sie jenen Ton vernommen. Rasch ruderten sie vorwärts, wechselten oft, um immer mit gleicher Kraft den Lauf des Bootes zu beschleunigen, hielten nur zuweilen einige Augenblicke an, um auf eine Antwort auf ihren Ruf zu horchen. Da diese aber immer ausblieb, da die Flut schon so hoch gestiegen war, daß in der Gegend, wo sie sich befanden, es kaum noch denkbar schien, die Unglücklichen, wenn sie sich hieher verirrt hätten, am Leben zu finden, und da, obgleich der Nebel nicht mehr die Aussicht hinderte, die Fläche des Meeres, so weit sie übersehen werden konnte, nur das ununterbrochene Spiel der Wellen im Sternenlicht zeigte, so beschlossen sie, noch einmal alle Kraft zu einem gemeinsamen Ruf zu vereinen, und dann eine andere Richtung zu nehmen.
Wir kehren jetzt zu Denen zurück, die wir in der äußersten Todesgefahr verließen. Ihre Kraft, dem immer höher anschwellenden Meere zu widerstehen und sich gegen die wogende Flut aufrecht zu halten, nahm mehr und mehr ab. Wäre der Wind nicht so ganz still gewesen, dann würden sie schon längst ihren Tod gefunden haben. Die Begeisterung, welche Hold und durch seine Ansprache auch die beiden Männer von der Hallig über die Not des Augenblickes emporgetragen, war in eine schweigende, fast bewußtlose Ergebung übergegangen, während in Oswald’s Brust bei völliger Erstarrung des Körpers alle Schrecken des kommenden Gerichts forttobten, und das vergebliche Ringen nach irgend einem Gnadenworte ihn bis zur wahnsinnigen Verzweiflung hinaufmarterte. Wohl hatte er in seinen früheren Lebensverhältnissen zu Denen gehört, welche sich in den Gesetzen äußerlicher Ehrbarkeit bewegen, wenn sie auch die Grenzen dieser äußerlichen Ehrbarkeit so weit stecken, daß allerlei sogenannte natürliche Schwachheitssünden mit hineinpassen; wohl hatte er in dem ihm nie versagten Titel eines liebenswürdigen, gefälligen, unterhaltenden jungen Mannes das Ziel aller Forderungen, die an ihn gemacht werden könnten, erreicht geglaubt, und dennoch — jetzt diese schreckliche Leere und Blöße im Angesicht der Einigkeit! Warum ließ ihn denn das „gute Herz,“ dessen er sich doch in allen einzelnen ernsteren Augenblicken sonst so wohl zu getrösten wußte, nun so ganz ohne Trost und Hoffen? Seine Freundlichkeit gegen Jedermann, seine Teilnahme für Anderer Wohl und Wehe, seine Bereitwilligkeit, ihr Bestes zu fördern, sein Fleiß in seinem Berufe, ja selbst seine Rührung in, früher wenigstens, nicht so ganz seltenen Momenten beim Aufblick zum Sternenhimmel, beim Lesen schöner Stellen in Dichterwerken, wodurch er sein weiches, empfängliches Gemüt bekundet, konnte ihm solcher Ruhm jetzt nicht helfen in der Nähe des Todes? Warum wich dies Alles so scheu nun aus seinem Gedächtnis hinweg, daß er es herzerren mußte in seine Erinnerung, und es dennoch, wenn er darauf haften wollte, gleich einem flüchtigen Schatten wieder entschwunden merkte? Warum lag trotz diesem Allen sein Leben vor ihm wie eine nackte, dürre Haide, auf der kein Blümchen sich pflücken ließ für die Ernte, die jetzt nach seiner Aussaat fragte? Waren doch Tausende noch lange nicht wert, ihm gleichgestellt zu werden, und Tausende so tief versunken in Sünde und Schande, daß er gegen sie noch ein Heiliger genannt werden konnte; und doch — warum wendete der Herzenskündiger, den ja die Frommen als den Gott der Liebe und der Gnade bezeichnen, nicht das Flammenschwert des Gerichtes von ihm ab, das ihm die Seele durchschnitt und das innerste Mark seiner Kraft verzehrte? Warum rollte, ein immer näher kommender Donner, vor seinem Ohr das furchtbare: Verloren! Verloren!?
Könnten auch Dir vielleicht, lieber Leser, wenn Gott ähnliche Schreckensstunden über Dich verhängte, gleiche Fragen den letzten Kampf schwer machen?
Dieser Kampf schien für die von den Fluten fast Bedeckten gekommen.
„Herr, in Deine Hände!“ rief Hold, und glaubte das letzte Wort für sich und seine Gefährten gesprochen zu haben; da — da scholl ein mächtiger Ruf über die Wasser hin und zuckte durch die Seelen Derer, die schon jede Lebenshoffnung aufgegeben, wie ein Auferstehungsgruß. Aber eine lange Minute voll Entzücken und voll Angst ging darüber hin, ehe sie zu antworten vermochten. Die ersten Laute waren kaum mehr, als ein bloßes Aufatmen aus den Tiefen der Brust und dienten nur dazu, die Furcht zu wecken, daß ihre Stimme gar nicht hörbar werden würde. Zugleich war jene schwer errungene Ergebung in Gottes Willen plötzlich mit jenem Ruf von ihnen gewichen, und das volle Gefühl ihrer schrecklichen Lage, das Gedächtnis der Lieben, die ihr Tod in Gram und Herzeleid versenken würde, wieder in seiner ganzen Stärke zurückgekehrt. Endlich riß sich mit der furchtbarsten Anstrengung aus jeder Brust ein Schrei los, der weithin gellte, und der, da das Band der Zunge einmal gelöst war, fast ununterbrochen fortdauerte, ja immer stärker wurde, je näher die Antworten tönten. Und nun hob es sich dort wie eine schwarze Woge und rauschte heran ein Boot, getrieben von starken Ruderschlägen, welche die im Sternenlicht blitzenden Wassertropfen wie ein Feuerregen von sich sprühten. Ein wirres Jauchzen klang herüber, hinüber. Schauer des höchsten Entzückens rieselten durch die Gebeine der dem Leben Wiedergegebenen. In sehnsüchtiger Erwartung streckten sie schon von fern ihre Arme dem Nachen entgegen, der, von der begeisterten Kraft seiner Ruderer getrieben, je näher dem Ziel mit desto rascherem Fluge durch die Wellen schäumte. Jetzt war er bei ihnen. Der Freudenruf der Retter verschmolz mit dem Jubel der Geretteten, und bald trug das eben im letzten Augenblick Erlösung bringende Boot froh die dem Meere entrissenen Opfer dem heimatlichen Heerde zu.
XVIII.
Nur Spiegel ist das Leben,
Das Herz ist die Gestalt;
Das Wort, das Du gegeben,
Tönt her nur aus dem Wald.
Auf der Hallig war die Absendung des Bootes und die Ursache dieser ungewöhnlichen Maßregel schnell bekannt geworden. Daher fanden die Ankommenden die ganze Gemeinde am Strande versammelt. Schon von weitem sah man, daß Niemand fehle, und die ängstliche Besorgnis der Pastorin wurde als Zeugnis ihrer Liebe zu dem Gatten gutmütig entschuldigt. Als aber nun kund ward, in welcher Gefahr die vier Männer geschwebt hatten, als deren völlige Erschöpfung diese Gefahr auf das Deutlichste bezeugte, da wandten sich Aller Augen auf die Frau, deren lebendige Ahnung sie nun als das Werkzeug des barmherzigen Gottes erscheinen ließ. Sie aber hing sprachlos im Arm des geliebten Mannes und teilte ihre seliglächelnden Blicke zwischen ihm und dem Sternenhimmel. Dahin deutete sie auch, als eine der Frauen, deren Gatte mit Hold gewesen war, ihr laut dessen Rettung zuschrieb. In ihren Häusern angekommen, fühlten die Geretteten erst ganz die körperlichen Folgen der überstandenen Gefahr. In dem Maße, wie die natürliche Aufregung des Geistes sich in der Ruhe sänftigte, nahm die leibliche Schwäche bis zur völligen Ohnmacht zu und weckte neue Besorgnisse in der Brust der Lieben. Der nächste Tag ging ihnen in einem Halbtraum hin, von dem sie kaum auf wenige Augenblicke erwachten, um die ihnen dargebotenen stärkenden Mittel zu sich zu nehmen. Hold, der dem Ansehen nach am wenigsten kraftvolle, war doch der erste, der geistig und körperlich Alles überwunden hatte. Vielleicht deswegen, weil sein Gemüt eher als die Andern die wohlthuende Richtung nach Oben nahm und in freudigem Dank gegen Gott sich ergoß. Oswald lag mehrere Tage in einem unruhigen, durch krampfhafte Erschütterungen und ängstliche Träume unterbrochenen Schlummer und bedurfte sorgfältiger ärztlicher Pflege. Erst am fünften Morgen erwachte er neugestärkt nach einem mehrstündigen, tiefen Schlaf, aber es gingen noch einige Tage hin, ehe er zum ersten Male auf längere Zeit das Bett verlassen konnte. An seines Vaters Arm wandelte er in der Stube auf und nieder und suchte im Gespräch mit demselben über das Vorgefallene schon wieder seine alten leichtsinnigen Redensarten hervor, freilich jetzt mit einem ihn oft übermannenden inneren Widerstreben. Der alte Mander aber war ernst und feierlich, und sagte endlich:
„Oswald, laß uns nicht widerstreben Gottes Fügungen. Ja, er hat uns auf dies Eiland geführt, daß wir erkennen sollen das Eine, was not thut. Er will uns retten! Auch mich hat er auf’s Neue ergriffen mit Dem, was Er über Dich verhängt in jenen schrecklichen Stunden Deines Lebens. Ich kann Ihm nicht länger widerstehen. Ich muß Ihn loben und Ihm danken, daß Seine Gnade größer gewesen ist, als meine Verblendung und meine Schuld. Ich will fortan Ihm, nur Ihm allein dienen, und möchte sagen können: ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen! Wie furchtbar hat Er sich Dir offenbart in Seinem Gericht, und doch zugleich auch in Seiner Gnade, die nicht will, daß Einer verloren gehe, sondern Jedermann sich zu Ihm kehre und Buße thue. Wie die Hausmutter einen Brand aus dem Feuer reißt, daß er nicht ganz verzehret werde, so reißt auch der Herr Deine Seele zu sich. Oswald, mein Sohn, widerstrebe Ihm nicht länger!“
„Aber, Vater,“ erwiderte Oswald, ebenso verlegen, als bewegt bei Mander’s sichtbarer Rührung, „soll ich denn meine Jugend einem finstern, freudenlosen Ernst opfern?“
„Nein, nicht opfern,“ rief Mander, „heiligen, verklären sollst Du sie und Dein ganzes Leben bis an’s Ende mit einer Freude, die mehr ist und reicher giebt, als Alles, was Du bisher an Lust und Genuß gekannt hast. Eine innere sichere Freudigkeit sollst Du gewinnen, die selbst Stunden der Angst, wie die, welche Dich für immer gezeichnet haben, überwinden lehrt.“
Oswald hatte, in Verwunderung über die Worte: „welche Dich für immer gezeichnet haben,“ einen Blick in den Spiegel geworfen, und blieb voll starren Entsetzens vor demselben stehen. „Im grauen Haar,“ hatte er spottend zu Hold gesagt, „wolle auch er an seine Bekehrung denken,“ und siehe! nun hatte die eine schreckliche Nacht sein Haar grau gefärbt; er war ein Greis geworden in der Blüte der Jugend. Lange blieb er bebend an allen Gliedern, mit der Blässe des Todes übergossen, lautlos in seiner Stellung, dann sank er mit dem Ausruf: „Gott, ich erkenne Dich!“ seinem Vater ohnmächtig in die Arme.
Als er wieder zu sich selbst kam, verlangte er nach einem Spiegel, den er aber nach dem ersten Blick in denselben sogleich wieder schaudernd und stöhnend von sich wies. Auf alles Zureden, sich zu beruhigen, antwortete er nur mit abgebrochenen Lauten, welche bald die von allen Schrecken der Verzweiflung gemarterte Seele, bald das nach dem Trost aus der Höhe lechzende Herz verkündeten.
„Laßt ihn allein!“ sagte Hold, an den Mander sich gewandt hatte. „Es ist genug, wenn er still beobachtet wird; merken muß er es nicht. Der Herr hat ihn ergriffen und will einen Kampf mit ihm ausringen, in welchem jede menschliche Hülfe eine unnütze, ja gefährliche Zuthat ist. Oswald muß noch Stunden erfahren und durchleben, furchtbarer als die in der See, und es ist nicht gut, wenn ihm das rettende Boot zu früh entgegengeführt wird. Er möchte es dann bald wieder verlassen.“
Und der besorgte Vater sah und hörte, wie Oswald sich vom Lager aufriß, mit hastigen Schritten trotz seiner früheren Mattigkeit in der Stube auf- und abeilte, jetzt mit beiden Händen die Augen bedeckte und am Rande seines Bettes das Gesicht in die Kissen begrub, wie er nun zu beten versuchte, nun sich alle Hoffnung auf Gott absprach, bald wieder mehr wie ein unruhig Träumender, als wie ein Schlafender lautlos dalag. Erst gegen Abend hörte man ihn auf seinem Bette still schluchzen und weinen, und in diesem Zustande nahm er schwach und willenlos die leibliche Erquickung an, die sein Vater ihm darbot. Auf dessen Frage aber nach seinem Befinden, ergriff er die Hände desselben, benetzte sie mit heißen Thränen und flehte:
„Vater, Vater, vergieb mir!“
„Laß uns Beide Gott bitten, uns zu vergeben, mein Kind,“ erwiderte Mander weich, und seine Thränen mischten sich mit denen seines Sohnes.
Doch der Gedanke an die Notwendigkeit der göttlichen Vergebung regte alle Schrecken der letzten Stunden wieder auf in Oswald’s Brust, und Mander hatte eine Nacht am Lager seines Sohnes, von der er nachher selbst gestand, daß sie eine Schule der strengsten, aber zugleich heilsamsten Zucht auch für ihn gewesen sei.
Der Morgen kam, und mit ihm kam für Oswald das schöpferische Werde mit seinem Siegesruf: „das Alte ist vergangen, und siehe! Alles ist neu geworden!“ Der Sturm des Aufruhrs in seiner Brust schwieg, das Meer lag still und eben, und Gottes Sterne spiegelten sich in seinen friedvollen Tiefen. Dieser Uebergang aus der qualvollsten Unruhe zur seligsten Ruhe glich nicht dem langsamen Sinken der Wellen, wenn der Flügelschlag der Windsbraut immer matter und matter wird, sondern jener wunderbaren Wandlung, als der Herr hörte die Bitte Seiner Jünger: „Herr, hilf uns! wir verderben!“ und stand auf und bedräuete Wind und Meer. Da ward es ganz stille. Auf gleiche Weise hatte auch hier das angstvolle: „Herr, hilf uns! wir verderben!“ die rechte Zeit und Stunde gefunden, und aus der tobendsten Wetternacht trat plötzlich die Sonne siegstrahlend und friedebringend hervor. So hat oft die Stunde der geistigen Wiedergeburt in der Stunde der leiblichen Geburt ihr Gleichnis. Wie dort die schwersten Wehen mit einem Augenblick in die Seligkeit aufgehen, daß das Kindlein geboren ist, so fühlt hier sich die Seele auf einmal aller Zweifel und Schrecken, aller Banden und Kämpfe entlastet und ruht gläubig selig am Vaterherzen. Und haben nicht alle Stunden der Andacht, wenn sie nicht ein bloses Anklopfen bleiben sollen ohne Eingang zum Vater, solche Momente, in denen das Gefühl der Gottesnähe und die Freude der Gemeinschaft mit ihm das Herz überwallen ohne allmälige Entwicklung, ohne spätere Steigerung?“ — Oswald war wie ein Kind, das aus dem ängstlichen Traum erwacht und — den hellen Glanz der Weihnachtsfreuden vor sich ausgebreitet sieht. Kein Gedanke an die Schrecken, die noch eben seine Seele durchschauerten, störte das Hosianna des neuen Lebens.
Mander’s Empfindungen waren mehr nur ein Nachklang der Gefühle Oswald’s und seine Freude darüber, daß dieser den Frieden gefunden, ließ es bei ihm nicht gleich zur vollen Anerkennung dessen kommen, was er selbst in dieser Nacht gewonnen.
Hold fand ihn in der Frühe dieses Tages auf den Knieen am Lager des Sohnes. Beider Hände waren in einander geschlungen zum gemeinschaftlichen. Gebet. Beider Augen, in denen noch die letzten Thränen schwammen, verloren im Aufschauen zu Dem, der ihnen Seine heilsame Gnade hatte widerfahren lassen.
Das Werk des heiligen Geistes war vollbracht. Daher sprach Hold nur wenig. Sein Wort berührte keine Vergangenheit, gab keine Mahnung für die Zukunft, sondern war mehr nur der Segen zum Schlusse, das letzte nachtönende Hallelujah der Friedensfeier.
Erst am zweiten und dritten Tage ließ Hold sich auf eine längere Unterredung ein und fand den jungen Mander so empfänglich für alle Segnungen und Verheißungen des Evangeliums, so bereit und willig, in alle Tiefen des Glaubens zu folgen, ja nach der ersten Hinleitung und Anweisung so klar und entschieden in seinem Verständnis der Offenbarungen Gottes, daß er voll Verwunderung ausrief:
„Seit wann haben Sie das Alles gelernt?“
„Gelernt?“ antwortete Oswald. „Weiß ich’s doch selbst nicht, wann und wie? Jene qualvollen Stunden in der See kommen mir vor wie Hammerschläge, die nur das Golderz an das Tageslicht bringen, das lange harrte der Erlösung von den Schlacken. Wie schrecklich mir auch jene und die nachfolgenden Stunden waren, jetzt ist es mir, als hätte ich Nichts erduldet für den Frieden der nun mein Teil ist; als müßte ich einen noch viel herberen Kelch trinken, um nur einigermaßen den Gnadenreichtum aufzuwiegen, der seine Fülle über mich ausgeschüttet. O, wie ist Gott so voll Liebe, Güte und Barmherzigkeit, weit, weit über unser Wissen und Verstehen! Und ich konnte Ihn so lange verkennen! Wie vielfach hat Er mich geladen. Ich sehe Ihn nun so sorgsam um meine Seele bemüht von Anfang an; verstehe nun jede Stimme an mein Herz, die früher mir unbeachtet verhallte. Ja, mein ganzes vergangenes Leben liegt vor mir als eine ununterbrochene Kette von Ansprüchen an mein Herz, von Mahnungen für mein Gewissen, von Hinweisungen auf den rechten Weg, von Erinnerungen an Sein Gericht. Wie konnte ich doch nur so taub und verblendet sein?“
„Wir taufen die Kinder mit Wasser,“ sagte Hold für sich; „aber Gott wählet Seine Stunde, sie mit Geist zu taufen. Und sollen wir denn die Gnade richten, wenn wir meinen, unsere Bereitung zu dieser Taufe sei länger und schmerzlicher gewesen, und die Taufe selber doch nicht gabenreicher, als die des andern Kindes, das Gott bestimmt hat zu einem Zeugnis Seiner wunderbaren Liebesmacht?“
War dies Selbstgespräch Hold’s, der erst nach schweren Kämpfen und auf weiten Umwegen durchgedrungen war zu der Glaubenshöhe, auf der er stand, eine Anwandlung von Neid, oder ein kluges Mißtrauen in die Wiedergeburt des früher so gottentfremdeten Jünglings? Vielleicht kam das Erstere zum Letzteren mit hinzu, ohne daß Hold selbst das Eine von dem Andern in seinen Gedanken klar unterschied.
Am folgenden Morgen gab Oswald seinen Entschluß zu erkennen, sich zum Missionar vorzubereiten.
„Ich muß,“ rief er, „hinaus unter die Heiden! Ich möchte meine Arme ausstrecken nach Allen, die noch wandeln in der Finsternis, und ihnen zurufen; Gehet ein zu Eures Herrn Friede! Es wird die Liebe, die ich erfahren, mir zur Last und Bürde, wenn ich Nichts dafür thun und leiden kann. Sie wird zu einer Flamme, die mich verzehrt, wenn ich nicht Andern von ihrer Glut mittheilen soll.“
Hold bekämpfte diesen Entschluß; anfangs damit, daß er den Rat gab, nicht bei der ersten Aufwallung der Begeisterung auf die Beharrlichkeit zu rechnen, die dem Apostel nötig sei. Als aber Oswald die gänzliche Umwandlung seines Wesens und Charakters versicherte, als er es für seinen künftigen Frieden durchaus notwendig erklärte, für das Evangelium in Not und Tod zu gehen, da erinnerte Hold mit einer Strenge, die in seinen vorhin angedeuteten Gedanken über Oswald’s Umwandlung ihre Erklärung findet:
„Wie schwer lernen wir es, wahrhaft demütigen Herzens zu sein! Wie sehr sträuben wir uns noch immer gegen das Empfangen und wollen nehmen, wollen uns selber geben, wenigstens nach Möglichkeit abverdienen, was wir dem Herrn verdanken. So wollen auch Sie jetzt kämpfen, tragen und dulden, um sich doch am Ende noch ein wenig eigen Verdienst zurechnen zu können bei der reinen Gnadenthat des Vaters im Himmel.“
„O, gewiß nicht!“ rief Oswald. „Ich fühl’ es so ganz, daß Nichts mein ist, daß Alles Sein ist, daß nur Sein warmer Frühlingsodem die kalte Winternacht weggehaucht hat von der Wüste meines Lebens. Mir ist so wunderbar neu zu Mute, wie die Erde, wenn sie eine Seele hätte, fühlen müßte in den Tagen des Lenzes, vor dessen Blick die lange erstarrten Ströme niederschmelzen und alle Quellen wieder rieseln, auf dessen Gang die Keime wieder erwachen zum Leben und zu Blüten und Düften aufschwellen im Sonnenlicht. Ich will ja weiter Nichts, als dies Blühen und Duften hinaustragen in die Wüste, wo noch der Winter lagert. Ich will ja nur eine Seele suchen, die mit mir erwacht zum Leben, mit mir den Vater preist, der so Großes an uns gethan.“
„Vergessen Sie nicht,“ erwiderte Hold, „daß noch genug Stunden kommen werden in Ihrem Leben, in welchen Sie Ihre Armut für sich selber fühlen, obgleich Sie sich nun reich genug dünken, Andern mittheilen zu können. Und dann möchte ich wenigstens für die Heiden lieber Männer einfachen Sinnes von Jugend auf, wie die ersten Apostel es waren; Männer, die unverwirrt und unverirrt ein empfängliches, offenes Herz dem Herrn darbrachten von Anfang an; Männer, deren Rückblick in die Vergangenheit weniger von Reue verfinstert wird, und die daher das Amt der Verkündigung nur aus reiner Liebe, nicht mit dem Nebengedanken, ein Bußopfer zu bringen, übernehmen. Deren Predigt wird einfacher sein, weniger berechnend, weniger aus dem Eigenen schöpfend, allein mehr gebend, was sie empfangen vom Herrn und von Ihm haben in Seinem Worte. Sie wird nicht so sehr das Ausreuten des Verkehrten zu ihrem Geschäft machen, als vielmehr nur darreichen, was dienet zur Erleuchtung, Heiligung und Beseligung. Sie wird den Boden der Heidenwelt nicht so ausschließlich als ein Feld betrachten, das zubereitet werden muß für die Saat; sondern sie wird den Samen streuen in Hoffnung und sein Gedeihen dem Tau und Sonnenschein von Oben überlassen; und ich glaube, das ist die rechte apostolische Weise, von der aber gar zu leicht derjenige abgeht, dessen Herz selbst lange ein Feld voll Unkraut war, ehe der Weizen Raum finden konnte.“
„Ach! daß Sie auch immer Recht haben müssen,“ seufzte Oswald. „Aber unmöglich kann ich wieder zurückkehren zu jenen trocknen, nur für irdische Genüsse arbeitenden Geschäften meines früheren Berufs; unmöglich wieder heimatlich werden in der mir jetzt widerlichen Welt meiner Vaterstadt.“
„Der Glaube verklärt Alles,“ sagte Hold, „all’ unser Lieben, Wirken, Leiden und Hoffen. Haben Sie bisher im Kaufmannsstande nur ein Wirken für irdische Genüsse gesehen, so werden Sie ihn jetzt in einem neuen Lichte betrachten. Er ist es, der alle natürlichen und künstlichen Grenzen zwischen den Völkern der Erde niederbricht. Er sendet sein Banner hinüber über die weite Ebene des Oceans, treibt sein Rad die Felsengebirge hinauf und hinab, zieht das Saumtier durch Wüsten und Einöden. Ihn schreckt keine Mühe und keine Gefahr. Er trotzt dem versengenden Mittagsstrahl und dem Eis des mitternächtlichen Pols.“
„Ja,“ fiel Mander hier in die Rede, „auch wir dienen der geistigen Entwickelung der Menschheit. Ich habe erst, seit ich mir dies recht vergegenwärtigt von der Lectüre der Schriften, die den Geist emportrugen über alles Eitle und Weltliche, ohne Murren aufstehen und an die Börse gehen können. Wir fördern die allmälige Verbrüderung und höhere Reife der Völker, indem wir ihre Entfremdung von einander rastlos bekämpfen und dadurch auch die Folgen derselben: Mißtrauen, Feindseligkeit, Verachtung, Einseitigkeit und Unwissenheit. Denn der Handel ist ein über den Erdboden sich hinstreckendes, lebendiges, ewig bewegliches Gewebe, dessen Fäden über alle Scheidungen hinweg die Völker an einander ziehen, sich gegenseitig von einander abhängig machen und dadurch sie sich einander achten und lieben lehren. Er ist der Träger eines nie ruhenden Umtausches, nicht allein irdischer Güter, sondern auch geistiger Fortschritte. Mit seinen Frachtbriefen sendet er Wissenschaft, Kunst, Cultur den entferntesten Nationen zu; macht durch seine Ballen zum Gemeingut Aller nicht allein die Produkte jeder Zone, sondern auch die Geistesflamme, die ohne seine weltumfassende Thätigkeit nur einem kleinen Fleck der Erde gestrahlt hätte. Er mindert die Kriege, weil seine Interessen, die bei jedem Kriege so hart verletzt werden, immer schwerer in die Wagschale fallen. Er schafft, daß die Erde ein Vaterland und die Menschheit ein Volk werde, das, so verschieden an Sprachen und Sitten, doch im gegenseitigen Verkehr sich befreundet, das, so oft auch entflammt in Zwietracht, doch nach dem ersten Friedensblatt sogleich wieder verbunden ist durch brüderlichen Austausch.“
„Und,“ fuhr Hold fort, „öffnet nicht das Kaufschiff dem Boten des Evangeliums die sonst feindlich verschlossene Küste? Baut nicht der Handelsverkehr die Brücke von Land zu Land, von Volk zu Volk dem Worte Gottes? Nehmen Sie den Stand des Kaufmannes hinweg, wie fern würde dann noch die Zeit sein, von der es heißen soll: Eine Heerde unter Einem Hirten, Ein Herr, Ein Glaube, Eine Taufe, Ein Gott und Vater Aller!? Wir können nicht Alle unmittelbar, aber Alle mittelbar wirken für das Reich Gottes. Und wollen wir uns unser Wirken, das scheinbar allein dem Nächsten, dem irdischen Wolergehen dienet, verklären, so müssen wir ihm jene Beziehung auf das Eine, was not thut, auf die Erhebung der Kinder des Staubes zu Kindern Gottes zu geben wissen. Es ist dem Arzt eine Freude, wenn er den Kranken von der Nähe des Grabes durch seine Kunst zurückgerufen hat zum Genuß des Lebens. Seine Freude wird aber höher, himmlischer, wenn er dabei bedenkt, daß Gott durch ihn einer Unsterblichen Seele eine längere Frist bereitet hat, für die Ewigkeit zu reifen, daß Gott durch ihn dem Sünder noch Raum gab zur Buße, dem Glaubensschwachen noch Gelegenheit zum höheren Verständnis, dem Frommen zur weitern Vollendung. So auch der Kaufmann. Er sorgt für Bedürfnisse und Genüsse, die vielleicht nur die niedere sinnliche Natur des Menschen befriedigen, und er ist ein Werkzeug in der Hand Gottes, die Wege zu ebnen und die Bahnen zu brechen den Segnungen und Verheißungen, die Freude und Friede bringen in Zeit und Ewigkeit. In solchem Bewußtsein treibt er freudig sein Geschäft. Es ist ein Werk Gottes für ihn geworden. Er beneidet nicht mehr den Priester um sein den göttlichen Dingen allein geweihtes Amt. Er ist, wie dieser, ein Diener des Herrn, der da will, daß Allen geholfen werde an allen Enden der Erde.“
„Nun lerne ich mehr verstehen,“ bemerkte Mander, „was Sie früher einmal sagten, daß Sie alle Bestrebungen der Menschheit nur in Beziehung auf ihren Dienst für die eine Wahrheit würdigten.“
„Aber,“ entgegnete Oswald, „sind nicht gerade große Handelsplätze die Stätten der größten Entfremdung von den göttlichen Dingen? Führt nicht das Streben nach Erwerb und Gewinn am leichtesten von dem Ringen nach den wahren Gütern des Lebens ab?“
„Alle großen Städte sind jetzt hierin gleich,“ war Hold’s Antwort. „Doch ist Irreligiosität keineswegs eine natürliche Zugabe des Handelsverkehrs. Im Mittelalter waren die großen Kaufstädte, — denken Sie an Augsburg mit seinen edlen Geschlechtern: Fugger und Welser, — an Frömmigkeit, Tugend und Ehrbarkeit reicher, als viele andere Städte, deren Ruhm sich nur auf einen Bischofssitz oder auf ein Residenzschloß gründete. — Kehren Sie zurück zu ihrem frühern Beruf. Zeugen Sie inmitten der Verderbnis vom Reiche Gottes. Stellen Sie in Sinn und Wandel einen Handelsherrn dar, der seinen rechten Schatz im Himmel weiß, der wach und thätig in seinem Weltberufe, diesen verkläret durch das Bewußtsein seines höhern Berufes. Schämen Sie sich auch unter den Spöttern nicht des Evangeliums von Christo, geben Sie Rede und Antwort über Ihren Glauben vor Jedermann, erwerben Sie ihm Achtung auch von Denen, die ihn nicht teilen; und Sie sind, was Sie vorher zu werden wünschten, Sie sind ein Arbeiter im Weinberge des Herrn; und vielleicht gesegneter in Ihrer Ernte für Sein Reich, als wenn Sie die Stätten aufsuchten, die noch völlig brach liegen.“
„Sie eröffnen mir eine Aussicht,“ erwiderte Oswald, „deren Reiz ich nicht verkenne; aber Sie senden mich zurück in einen Kampf, dem ich schon einmal nicht gewachsen war.“
„Doch nun angethan mit den Waffen des Lichtes, doch nun gerüstet mit dem Schwert des Glaubens und gedeckt von seinem Schilde! Wol aber ist Ihnen sorgsame Vorsicht, strenge Aufmerksamkeit not. Was der Herr auch Großes an Ihnen gethan, Sie sind, Oswald, doch noch eine junge Blüte im Glauben, die der Entwickelung und Ausbildung auch noch ferner sehr bedarf, ehe sie Andere erfreuen mag mit ihren Düften und Früchten. Bitten Sie Gott, daß Er Sie kräftige und vollbereite. So wird Er Sie darstellen zum Zeugnis, ohne daß Sie sich dazu drängen, ein Zeuge zu sein.“
Oswald wagte keine weitere Gegenrede, doch fühlte er sich verletzt durch das wenig verhehlte Mißtrauen in seine völlige Umwandlung zu einem neuen Menschen und hätte daran wol am besten erkennen können, wie gerecht dies Mißtrauen sei.
Zur weiteren Durchbildung und gleichsam Wurzelung im Heil wäre ein längerer Aufenthalt auf der Hallig und Hold’s Anleitung und Anregung gewiß nützlich gewesen, und Oswald’s Siegesfreude ging mehr allein aus dem Rückblick auf die Vergangenheit hervor, als daß sie von einem ernsten Aufschauen auf den Anfänger und Vollender des Glaubens begleitet war.
Vielleicht mochte auch Hold zu wenig auf die Macht des lebendigmachenden Glaubens rechnen, und eine Umwandlung, wie die vorliegende, nicht ganz zu würdigen wissen, weil sie als eine für ihn neue Erscheinung auftrat. Außerdem beurteilte er früher den jungen Mander nur nach Dem, was dieser selbst von sich erkennen ließ, und verborgen war ihm die leise Arbeit, wodurch der Geist Gottes, der die Herzen lenkt wie Wasserbäche, diesen scheinbar so dürren Boden schon lange empfänglich gemacht; wie ja auch Oswald diese stille Bereitung nicht verstanden, und darin nur Regungen kindischer Schwäche gesehen, die er bekämpfen, und, um den vermeinten Ruhm eines starken Geistes nicht zu verlieren, sorgfältig verbergen zu müssen glaubte. Und wer konnte zeugen von der furchtbaren Qual der Läuterung in jenen Stunden, als jede kommende Woge zu einem Boten ward, der das immer gleiche Wort wiederholte: „dem Menschen ist es gesetzt zu sterben, und darnach das Gericht!?“ wer zeugen von seinen spätern schweren Kämpfen, bis der Morgenstern aufging in seinem Herzen?
Doch in seinen spätern Jahren machte auch Oswald noch manche trübe Erfahrungen, wie er sich im ersten Augenblick der Begeisterung zu viel zugetraut, wie auch unter dem Morgenrot der Gnadensonne noch Wolken und Stürme nicht fehlen, wie oft wir in einzelnen Momenten Höhen überstiegen, die wir nachher erst wieder mit Mühe erklimmen müssen. Die Kämpfe blieben für ihn nicht aus. Der Umwege wurden noch viele. Nur Das hatte er gewonnen, daß seine Augen aufgethan waren für das rechte Ziel, und daß er darum sich immer wieder auf den rechten Weg zurückfand, und daß die Thränen seiner Reue gesegnet waren mir dem Troste: „Freude ist im Himmel über einen Sünder, der Buße thut!“
Und mehr gewinnen ja auch die Meisten nicht vom Glauben an das Evangelium. Ihrer guten Werke sind vielleicht nicht mehr, als die Derer, welche das Heil in Christo verschmähen; aber sie wissen, daß diese Werke ohne Verdienst und Gerechtigkeit sind, und halten darum um derentwillen Nichts von sich selber, sondern bekennen in Demut ihr Zurückbleiben in der Nachfolge des Herrn. Sie sind vielleicht nicht stärker in der Versuchung als Jene; aber sie fühlen ihre Unwürdigkeit und kehren bald um in Reue und Buße und tragen Leid über ihre Sündhaftigkeit. Daher, wenn auch Beide wenig unterschieden sind nach ihrer äußerlichen Erscheinung, ist doch im Innern ein völliger Gegensatz. Hier Demut; dort Eitelkeit. Hier Betrübnis über den Mangel an Heiligung und immer tiefer gefühltes Bedürfnis der Erlösung; dort leichtsinniges Entschuldigen und Vergessen und Vertrauen auf das sogenannte „gute Herz“ und auf die einzelnen löblichen Bestrebungen, als ausreichend zur Befriedigung der Forderungen des göttlichen Gesetzes.
Wir sagen: die Meisten gewinnen kaum mehr von ihrem Glauben an das Evangelium, und bekennen gern, daß sie schon damit unendlich Viel gewonnen haben; keineswegs aber wollen wir dieser Halbheit irgend einen Vorschub leisten; sondern stellen das Ziel der Vollendung auf, wonach wir unermüdlich ringen sollen mit Gebet und Flehen, mit Seufzern und Thränen, mit Wachen und Streiten, mit Treiben und Drängen, mit Sorgen und Hoffen: die völlige Erneuerung im Geiste des Gemütes, die Verklärung des inwendigen Menschen, die sich abspiegelt in allen Gedanken und Gefühlen, in allen Worten und Werken, die alles ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste austreibt, wie vor der Sonne die Nebel und Schatten schwinden; die Wiedergeburt, wodurch das Erdengeschöpf in seinem Wesen und Thun zu einem Kinde Gottes, und der Wandel auf Erden zu einem Wandel im Himmel wird, wodurch die Welt selbst dem also Wiedergeborenen auch zu einer neuen Schöpfung sich umwandelt, deren Freuden und Leiden nur Zeugnisse sind, daß sie Gottes Welt ist. Mit dem Glauben an die Erlösung tritt erst die Möglichkeit einer solchen Wiedergeburt ein, weil durch ihn im Menschen die Liebe, die reinste und stärkste Triebkraft im Himmel und auf Erden, auf das Göttliche gelenkt wird; aber dieser Glaube ist nicht die Wiedergeburt selbst, wie unsere Halbheit sich oft gern überreden möchte, er ist nur die notwendige Bedingung dazu und bleibt ein totes Erz und eine klingende Schelle, wenn er nicht in der Liebe thätig ist, in der Liebe, die da schaffet und wirket zur Heiligung des Sinnes und Wandels.
Aber — wer darf dann auf Erden ein Wiedergeborner heißen? — —
Laßt uns den Vater bitten, daß er uns unsere Schwachheit vergebe doch wehe uns, wenn wir sie uns selbst verzeihen!
XIX.
Reift mir auf Erden nicht Aehre noch Traube,
Bleibt mir doch immer das hoffende Herz.
Wird ihm zum Schauen auch nimmer der Glaube,
Bricht es im Tode doch himmelwärts.
Die Nähe des Winters erinnerte die fremden Gäste der Hallig an ihre Abreise zu denken. Ungern entschlossen sich Mander und Oswald dazu, den Tag der Entfernung von einer Stätte zu bestimmen, die ihnen zu einem Altar des Höchsten geworden war. Dieses Eiland war ja ihr Vaterland, denn hier hatten sie zuerst mit vollem Lebensgefühl den Vaternamen stammeln lernen; hier in dem Irren und Wirren ihres Geistes die Ruhe gefunden, nach der sie so lange mehr oder minder gedurstet. Hier war für sie die Nacht gewichen und der Morgenstern aufgegangen in ihrem Herzen. Beide scheuten sich, wieder in die ihnen unheimlich gewordene Welt ihres früheren Lebens hinauszutreten. Dort mußten sie sich Gäste und Fremdlinge fühlen, während sie die Hallig als eine, wenn auch neue, doch für sie segensreiche Heimat liebten. Mit Schmerz dachten sie zugleich an die Trennung von Hold und seiner Gattin. Sie verehrten in ihm den Führer zum Lichte und zum Frieden, den Mann, dessen wissenschaftliche Geistesrichtung sich mit einem so kindlichen Glauben verschmolz, den Seelsorger, welcher bei aller Vielseitigkeit seiner Bildung dennoch für seine so unbedeutende Stellung im Amte zu leben schien. Sie verehrten in ihr das liebende Gemüt, das stille Walten im häuslichen Kreise; und an Beiden die Zufriedenheit in einem mehr als bescheidenen Erdenloose, in welchem Tausende, bei solcher Kenntnis des Besseren, sich höchst unglücklich gefühlt hätten. Sie wußten nicht, daß ein Halligprediger schon als solcher wenig geehrt wird, und daß dieser Titel bei Vielen genug ist, eine halb verächtliche Miene anzunehmen; aber hätten sie dies gewußt, dann würden sie auf die Entbehrungen und Entsagungen, auf die Mühseligkeiten und Gefahren eines solchen Amtes aufmerksam gemacht haben, würden die Aermlichkeit der Einnahme, die notwendige Beschäftigung mit all’ den kleinlichen Arbeiten des Hauses und der Schafhürde, wodurch größtenteils allein jene Einnahme gewonnen wird, die Abgeschiedenheit von der Welt und allem wissenschaftlichen Verkehr haben reden lassen für Diesen und Jenen der Amtsbrüder Hold’s, dem es an geselliger Gewandtheit im Leben und an übersichtlicher Kenntnis der Fortschritte der Wissenschaft fehlen mag. „Hat der Geistliche,“ so hätte etwa ihre Verteidigung gelautet, „den Ihr bewundert wegen seiner Feinheit im Betragen und wegen seines Anstandes in vornehmen Zirkeln, den Ihr oben an setzet in der Zahl der Geistreichen, Hochgebildeten, Hochgelehrten, hat er die schönsten Jahre seiner Jugend und Manneskraft als Halligprediger verlebt? Hat er es versucht, was es heißt: aus der reichen Welt des Genusses in solche Entbehrung versetzt, mit dem warmen für die ganze Menschheit schlagenden Herzen auf solche vergessene Scholle verpflanzt, aus dem blühenden Paradiese hoffnungsvoller Jugendträume in solcher Umgebung zu erwachen, in welcher die Natur nicht weniger als der Mensch darbt, wie keine noch so kahle Haide darbt, von den Quellen des Wissens in solche für den Geist nahrungslose Oede verbannt, zu solchen niedern Arbeiten, zu solchem Betriebe eines Schafzüchters verurteilt zu werden? Hat er es versucht, was es heißt: bei einem so spärlichen, auf solche Art verdienten Lohne hauszuhalten und dabei in jeder kommenden Sturmflut den Tod vor Augen zu sehen, und wenn Weib und Kind ihn überleben, diese als Bettler in die Welt hinausgestoßen zu wissen? Fraget ihn, auf sein Gewissen, ob er dann noch der Mann geblieben wäre, als den Ihr ihn jetzt lobt und ehrt? Fraget ihn, ob er sich getraue in solcher Lage auch nur einige Jahre hindurch, — und mancher Halligprediger kommt zeitlebens nicht von seiner Scholle, — sich jene Kraft zu bewahren, die an dem innern Lohn und an dem Bewußstein von dem Segen seines Amtes genug hat, und die eben darum Geist und Herz aufrecht hält selbst in solcher Kümmerlichkeit des äußerlichen Daseins?“
Für Euch, seine früheren Amtsgenossen, will der Verfasser dieser Bogen, — der sich nicht schämt, daran zu erinnern, daß auch er ein Halligpriester, wie man Euch oft nennt und damit meint etwas Spöttisches gesagt zu haben, in den ersten Jahren seiner Amtsführung war, und vielleicht noch wäre, wenn ihm das Meer nicht zweimal die Kirche weggerissen, deren neuer Aufbau zuletzt unthunlich ward, — hiermit ein Wort des Ernstes wider die stolz auf Euch Niederblickenden gesagt haben. Es wird dieses Wort Euch keine Frucht bringen und keine Hand bewegen, einen Fond zu sammeln, um wenigstens für den wissenschaftlichen Bedarf zu sorgen, ohne den auch der denkendste und gelehrteste junge Geistliche bald dem Stande der Wissenschaft nicht mehr gewachsen sein wird, und ohne den es ein wahrhaft seltener Sieg über die Schwäche der menschlichen Natur sein muß, wenn nicht Mangel, Einsamkeit, Elementarunterricht, Besorgung der Wollheerde, Abhängigkeit vom Preise des von ihr gewonnenen Produkts allmälig den älteren Mann abstumpfen für die höhere Richtung des Geistes. Nur wer vor dieser Prüfung schon völlig durchgedrungen ist zum rechten Leben im Geiste, mag in ihr bewährt erfunden werden. Für Den, welchen sie vor der Reife trifft, ist die Bitte not, daß sie nicht lange währe. Wenn auch fruchtlos, sei doch für Euch mit warmem Eifer geredet ein Wort des Bruders, der über die Wasser hin Euch die Hand reicht, und dem es lange ein Bedürfnis war, für Euch zu sprechen. Kommt auch sein Wort leer zu ihm zurück von der Herzenspforte Derer, welche aus ihrer sichern und bequemen Höhe auf Euch herabsehen, Eurem Herzen wird es wolthuend sein; und es ist das erste, das öffentlich Eure gute Sache führt wider die ungerechte Beurteilung und wenige Berücksichtigung Eures Märtyrertums im Dienste der Kirche.[2]
Idalia fand es, da der Tag der Abreise bestimmt ward, durchaus notwendig, mit Godber offen zu reden. Gern hätte sie das ganze Verhältnis sich ohne eine solche Entwicklung lösen sehen. Sie war mit ihren Gedanken schon der Abreise vorausgeeilt und sah sich wieder in der glänzenden Umgebung der Vaterstadt, in allen Genüssen eines reichbewegten Lebens. Dort hoffte sie auch, würden ihr Vater und ihr Bruder von den wunderlichen Grillen, welchen nur die Einsamkeit und die Gespräche mit Hold Nahrung geben konnten, bald wieder genesen. Ihre Abneigung gegen den mystischen Anstrich, wie sie es nannte, verleidete ihr die Hallig nun ganz, und ihr Mißfallen an dieser erstreckte sich auch auf ihr Verhältnis zu Godber, der ja mit seiner Hallig so völlig eins war, daß er zu schwanken schien, ob er dieser oder seiner Liebe entsagen solle. Freilich sprach sich in Godber’s Benehmen noch immer die alte Zärtlichkeit aus; aber sie wußte ja doch, daß er nicht ohne Bedenken die Heimat um ihretwillen verlassen würde, und seine Weichheit und Hingebung kam ihr jetzt, da in ihrem Herzen seine Neigung keinen gleichen Anklang mehr fand, unmännlich und kindisch vor. Sie konnte nicht begreifen, wie sie früher an ein engeres Verhältnis mit ihm habe denken können. Sie wußte nicht mehr, was sie Ungewöhnliches und Anziehendes an ihm gefunden, und schalt sich eine Thörin, daß sie sich von der Dankbarkeit für ihre Lebensrettung habe so weit führen lassen. Sie fürchtete nun im Ernst, daß er sich noch entschließen möchte, ihr zu folgen, und machte sich allerlei Pläne, wie sie ihn, wenn er mit nach Hamburg kommen sollte, allmälig nötigen wollte, sich so in den Hintergrund zu ziehen, daß er jede Hoffnung auf ihren Besitz aufgeben müsse. Aber fragen mußte sie ihn doch nun erst, denn er schien ja nicht reden zu wollen, obgleich sie schon durch Ablegung der Kleidung der Hallig ihm ihre Meinung deutlich genug offenbart, und vergebens auch suchte sie durch Kälte und Verschlossenheit ihn zu reizen; es war, als ob er nur desto magnetischer zu ihr hingezogen würde, je mehr sie ihn zurückstieß. Wol mußte er merken, daß seine Liebe nicht mehr wie früher erwidert ward, wol war auch seine Leidenschaft für sie erkaltet, doch kettete ihn das Bedürfnis, einen Gegenstand zu haben, über den er sich selbst vergessen könnte, an Idalia. Er sah ihre peinliche Frage voraus, sah die Stunde der Entscheidung immer näher kommen, und wich doch ängstlich jeder Hindeutung auf dieselbe aus.
An einem heitern Novembertage stand er am Ufer des Meeres und blickte auf das Spiel der Wellen zu seinen Füßen. Eine wehmütige Rührung breitete ihren weichen Schleier immer weiter über seine Gedanken und Gefühle und sänftigte sie, wie die Mutter das unruhige Kind, wenn sie es in ihr Gewand hüllt und an die warme Liebesbrust drückt. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft flossen ihm wie in eine Thräne zusammen, in welcher all’ sein Träumen und Sehnen sich zu dem lieblichen Bilde eines friedlichen Stilllebens ausmalte; aber ob vom aufgehenden Morgenstrahl oder vom scheidenden Abendrot dies Bild beleuchtet werde, das wußte er nicht; nur daß es ein Bild nicht der Wirklichkeit, sondern nur der Sehnsucht sei, erinnerte ihn die feuchte Perle, die über seine Wangen niederrollte. Lange stand er so da, in dem Vergessen, das doch wieder kein Vergessen ist, indem um die Schwinge des schönsten Traumes immer noch der Flor der Trauer weht, und das Herz zu keiner stolzen Höhe voll Licht und Seligkeit zu erheben vermag. In solcher Stimmung erschien ihm seine Hallig als der einzige Fleck der Erde, der ihm zusagen konnte, als die Stätte, auf der allein die Wunden seiner Brust Heilung finden würden; es war ihm unmöglich sich in den Verkehr der Welt hineinzudenken, und er schauderte vor der furchtbaren Einsamkeit und Verlassenheit unter den Menschen, die sich in dem lauten Treiben des Lebens bewegten.
Hold, in welchem gerade entgegengesetzte Wünsche durch den Verkehr mit den Fremden, durch die aufregenden Gespräche, durch die Erneuerung des geistigen Austausches, durch die Erinnerung an das lebendige Treiben der Welt rege geworden waren, und der, öfter als sonst, jetzt sehnsüchtig über die Wogen hinschaute die ihn vom festen Lande und dessen geistiger und politischer Lebensfülle trennten, überraschte Godber in seinen Träumen. — Sie waren bald in ihrem Gespräch bei dem, was Beiden, Jedem auf seine Weise, nahe lag: bei der Abreise der Fremden.
„Du wirst uns,“ fragte Hold, „nun wol verlassen?“
„Nein, nein,“ rief Godber heftig, „ich verlasse meine Heimat nicht.“
„Und Idalia bliebe hier?“ war die verwunderte Gegenfrage.
„Ich weiß es nicht,“ erwiderte Jener leise mit unsicherem Tone.
„Du weißt es nicht?“ und dabei sah Hold den Jüngling, der schweigend und gesenkten Auges vor ihm stand, prüfend an.
„Du weißt es nicht? Godber, hast Du Dich selbst, hast Du das Rechte wiedergefunden?“ und als Godber noch immer nicht antwortete, fuhr er lebhaft fort: „Gewiß, Du kannst nicht glücklich werden in der großen Stadt, in dem rauschenden Leben und Treiben, unter Menschen, die jeder Thräne, wie sie ja noch in Deinem Auge hängt, nur spotten. Du mit Deinem einfachen stillen Wesen würdest Dich unheimlich fühlen müssen in ihren glänzenden Kreisen. Für den Sohn der Hallig ist nur die Hallig der Boden, wo sein Leben gedeihlich wurzelt, nirgends sonst kann es ihm wol werden. Und Idalia? Die Neigung, die sie Dir zugewandt, ist wol nur Regung der Dankbarkeit, Folge der ungewohnten Einsamkeit, Ausfüllung müßiger Stunden, höchstens Aufwallung leidenschaftlicher Gefühle, in denen sie wechselt wie mit ihren Modekleidern.“
Godber errötete bei diesen Worten vor Scham, und Hold, der es bemerkte, ergriff seine Hand und sagte:
„Es kränkt Deinen Stolz, daß ich Dir dies sage; es thut Dir wehe, daß ein Anderer von Dir weiß, Du habest mehr zu gelten geglaubt, als Du giltst. Aber es würde Deinen Stolz ja noch mehr empören müssen, dies an ihrer Seite erst dann zu lernen, wenn kein Rückschritt mehr möglich, wenn Du durch ein heiliges Band in den Zauberkreis ihres blendenden Schimmers gebunden bist, und, wie Du selbst Dich darin unbehaglich fühlst, sie auch es fühlen ließest, daß Du ihr ein unbehaglicher Schatten bist. Und es ist ja nicht Deine Schuld, daß Du vertrautest ihrer süßen Rede und ihrem schmeichelnden Benehmen. Es ist ja vielmehr Deine Ehre, daß Du dadurch getäuscht werden konntest. Der Mensch, der sagen könnte: ich bin nie getäuscht worden, der hat sich selber sein Urteil damit gesprochen, und ich würde mich vor seiner Freundschaft ebenso sehr hüten, wie ich mich dränge zu Dem, dessen Herz blutet von den Wunden, welche das getäuschte Vertrauen schlug. Ja, Godber, darum und weil ich mir es gelobte in dem rettenden Boote, in welchem Du mich zu meiner Gattin und zu meinem Kinde zurückbrachtest, drängte ich mich an Dich und bitte um Dein offenes Vertrauen. Ich werde es nicht täuschen, so lange ich des Augenblicks gedenke, als Dein und Deiner Gefährten Ruf über die Wasser scholl, die um mein Haupt spülten.“
Godber widerstand nicht länger; ein Blick, in welchem der glänzende Tau einer dankbaren Thräne perlte, und ein fester warmer Händedruck bezeugten es dem Pastor, daß die Zurückhaltung, die jener immer gegen ihn beobachtet, nun einer herzlichen Annäherung gewichen sei.
Offen sprach jetzt Godber über seine ganze Lage und Stimmung. Er verschwieg nicht, wie Idalia’s Benehmen in der letzten Zeit ihn gekränkt, und ihm fast die Gewißheit gegeben, sie wünsche das Verhältnis mit ihm gelöst zu sehen.
„Laß fahren dahin!“ rief Hold. „Scheide, was schon längst geschieden ist und sich entgegensteht wie Süd und Nord. Und will Dein Herz noch bluten, so wirf es mit all’ seinen Wunden an’s große Vaterherz dort oben; Gott wird es zu heilen wissen, daß es aus dem schweren Kampfe hervorgehet, ein Held, für den seine Narben zeugen, daß man sich verlassen darf auf seine Kraft und Treue.“
Hold vertraute der Zukunft mehr, als Godber, denn nur dieser kannte ja ganz die Gewissensunruhe, die ihn bei jedem ernsten Gedanken über sich selbst folterte. Nur eine scheinbare Kraft lieh ihm den Entschluß, ein letztes, entscheidendes Wort mit Idalia zu reden. Der Grund seiner Schwäche lag tiefer, als in der Trauer der unerwiderten Liebe, denn dann wäre ihm jetzt die Rückkehr zur vollen Freiheit des Geistes nahe gewesen, da er im Begriff stand, eine Fessel zu lösen, die ihn bisher von dem Glücke zurückgehalten, für welches er jahrelang in Geduld und Hoffnung gearbeitet, und das selbst durch die Flammen der neuen Leidenschaft oft noch als ein milder, freundlicher Stern hindurchgeblickt. Doch wäre seine Liebe zu Idalia auch fortan für ihn nichts weiter gewesen als ein Traum, der bei unserm Erwachen kaum in kurzer Erinnerung fortlebt, konnte er damit auch vergessen, daß um ihretwillen er vor der letzten Planke das Schiff verlassen, dessen Steuer ihm anvertraut gewesen, daß er um ihretwillen seinen Gelübden gegen Maria untreu geworden war? Wenn diese ihm auch verzeihen wollte, konnte er sich selber verzeihen? Nur so lange er noch hoffen durfte, die zu besitzen, für welche er so viel geopfert, hatte dieses Opfer noch eine lichte Seite, hatte noch einen, wenn auch zu teuer erkauften Vorteil, hatte einen Altar, auf dem es dargebracht war; nun, da er selbst es erfolglos zu machen im Begriff stand, fiel es auf sein Herz zurück wie eine dunkle, schwere Wolke, durch die kein Streif des Morgenrotes brechen konnte, die Aussicht in die kommenden Tage zu erhellen. Nur das Eine, was die Gegenwart von ihm forderte, die Trennung von Idalia, blieb ihm klar; jede Zukunft war für ihn Nacht und Finsternis, während Hold einer frohen Entwickelung des Geschicks der durch frühe Gelübde Verbundenen, oder vielmehr einer ruhigen Rückkehr in das ebene Geleis ihrer Vereinigung für’s Leben mit freudiger Teilnahme entgegensah.
„Du wirst mit Deinem Vater reisen?“ sagte Godber am andern Morgen zu Idalia, mit einem Tone, dessen Frage wie gewisse Voraussetzung klang, nachdem ihn die Ueberlegungen einer schlaflosen Nacht noch entschiedener in dem Entschluß gemacht hatten, mit dem Mute der vollendeten Hoffnungslosigkeit sich ganz in das dunkle Gewand eines unausweichlichen Geschicks zu hüllen.
Idalia erbebte sichtbar. War es die letzte Regung für den Jüngling, war es die plötzliche Nähe der längst gewünschten Entscheidungsstunde, wodurch sie so heftig bewegt wurde? Sie vermochte nicht gleich etwas zu erwidern. Sie sann auf eine Antwort, die, indem sie ihm jede Hoffnung auf ihren Besitz abschnitt, dennoch so wenig als möglich ihn verletzen sollte, und, wie es gewöhnlich in solchen Fällen geht, sie verwundete ihn gerade auf’s Tiefste mit ihrer Erwiderung.
„Wie vielen Dank bin ich Dir, schuldig, Godber. Ohne Dich hätte ich meine Vaterstadt, nach der ich mich jetzt so sehne, nie wiedergesehen. Nie,“ dabei ergriff sie seine Hand und drückte sie innig, „nie werde ich es vergessen, wie Du mir nachsprangst in die rollende See. Nie wird meine Dankbarkeit, nie werden meine Wünsche für Dein Glück aufhören! Und, nicht wahr? wir haben ein freundliches, liebliches Spiel mit einander gehabt auf diesem Eilande, woran wir uns immer gern erinnern werden, als an eine im Leben so seltene, kindliche Vergessenheit.“
Godber erglühte vor Scham und Zorn. Also ein Spiel durfte sie nennen, was ihn und die arme Maria um das Glück des Lebens betrogen! Er preßte die Lippen zusammen und stand eine Zeit lang da, wie Einer, der zweifelhaft ist, ob er die innere Wut bezähmen oder auslassen soll.
Idalia wurde immer unruhiger, je länger sein Schweigen währte. Sie wollte ihren Stolz zusammenraffen und sich kurz von ihm wenden; aber das Gefühl ihres Unrechts, nicht ohne eine Beimischung von Furcht vor dem so tief gekränkten Jüngling, überwog, und sie sagte mit schmeichelnden Tönen:
„Welch ein Festtag wird es für mich werden, wenn Du uns einmal in Hamburg besuchst! Dann wollen wir wieder plaudern von den alten Zeiten, und Du wirst sehen, wie treu mein Gedächtnis auch die kleinsten Umstände unseres Zusammenlebens auf diesem Eilande bewahrt haben wird.“
Godber hatte diese letzteren Worte ganz überhört; aber der zornige Aufruhr seiner Seele ging plötzlich in eine Wehmut über, die seine Augen mit Thränen füllte. Ein gewöhnlicher Uebergang der Empfindungen in seinem Gemüt, dessen Schwäche einer heftigen Bewegung nicht lange gewachsen ist. Die Spannung, in seinen Zügen wie in seiner Stellung löste sich in eine Schlaffheit auf, vor der sich Idalia fast noch mehr scheute, als vor dem Ausbruch des Zorns, da sie davon eine rührende Scene fürchtete, die sie um jeden Preis vermeiden wollte, weil diese doch zu Nichts führen konnte, und weil sie bei der tiefen Erschütterung Godber’s zugleich fühlte, daß sie ihres Herzens noch nicht so vollkommen Meister sei, wie sie es geglaubt hatte.
Doch Godber besann sich, daß Alles ja doch nur so gekommen sei, wie es kommen mußte, daß er selber Entscheidung gewünscht, ja daß diese Entscheidung schon längst da gewesen, und ihr nur das Wort gefehlt habe. Er wandte sich rasch um und eilte fort, ohne nur einen Blick des Abschieds auf Idalia zu werfen. Diese hätte gern eine freundlichere Trennung gesehen. Sie schwankte einen Augenblick, ob sie ihm nicht nachfolgen und noch ein paar herzlichere Worte mit ihm reden sollte; aber ehe sie sich darüber besonnen, war es zu spät. Godber eilte die Werfte hinab, und bald trieb sein Boot mit ihm einsam auf den Fluten. Erst nach der Abreise der Fremden fand er sich auf der Hallig wieder ein.
Auch wir können von Idalia hier Abschied nehmen, indem wir einen flüchtigen Blick in ihre Zukunft werfen. Hätte sie es verstanden, ihre Neigung für Godber zur wahren weiblichen Liebe zu erheben, sie würde vielleicht selbst seine Abneigung, der Heimat untreu zu werden, überwunden haben, und er hätte an ihrem Herzen wohl vergessen, wie teuer er das Glück an ihrer Seite erkauft. Da sie aber nun einmal solche Hingebung erfahren und von sich gestoßen, durfte sie erwarten, je wieder ein Herz zu finden, das nur in ihrer Liebe alle Sehnsucht erfüllt sah?
Sie fand sich in Hamburg bald wieder in all’ die Zerstreuungen, in welchen sie früher gelebt, und heiratete zuletzt einen Mann, dessen Vermögen und Neigung es ihr erlaubte, auch als Gattin in den Thorheiten zu glänzen, welche die Zeit ausfüllen, ohne das Herz zu befriedigen, vielmehr dasselbe zu einer wahren Parforcejagd nach immer neuen Befriedigungen der Eitelkeit und der Weltlust stacheln. Was ihre Seele bewegte, welche Erinnerungen aus der Vergangenheit auftauchten, wenn sie in den doch nicht ganz zu vermeidenden einsamen Stunden ihrer kinderlosen Ehe, den Kopf auf die Hand gestützt, die Stickerei vergessend auf dem Schooße ruhen lassend, mit halbgeschlossenen Augen wie in die Leere hinausstarrend, oft lange dasaß, so lange, bis sie erschreckt von einer heißen Thräne, die auf ihren Arm fiel, aufsprang, hastig die Laute ergriff und die Saiten stürmen ließ, als sollten die wilden Töne gewaltsam eine Lust aufregen, von der das Herz nichts wissen wollte, das mögen Die beurteilen, welche folgende Verse verstehen: