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Die neuesten Geschichtslügen

Chapter 2: Vorwort
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About This Book

The author scrutinizes the public justifications and memoirs offered by wartime leaders for the outbreak of the great conflict, following developments from the preparation of an ultimatum and its delivery to Serbia, through Berlin's mediation attempts, to what he characterizes as an imposed war and the eventual collapse of wartime falsehoods. Combining documentary critique with personal journalistic testimony and prior warnings suppressed by censorship, he contends that postwar memoirs perpetuate propaganda by recasting responsibility. The work exposes inconsistencies in official accounts and reconstructs political decision-making and public persuasion that led into and attempted to explain the conflict.

The Project Gutenberg eBook of Die neuesten Geschichtslügen

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Title: Die neuesten Geschichtslügen

Author: Heinrich Kanner

Release date: February 5, 2014 [eBook #44830]
Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Credits: Produced by Reiner Ruf, Sandra Eder and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
file was produced from images generously made available
by The Internet Archive/American Libraries.)

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NEUESTEN GESCHICHTSLÜGEN ***

Vorwort 3
I. Die Vorbereitung des Ultimatums 7
II. Das Ultimatum an Serbien 16
III. Die Berliner Vermittlungstätigkeit 22
IV. Der aufgezwungene Krieg 29
V. Das Ende der Kriegslügen 38

DR. HEINRICH KANNER

GEW. CHEFREDAKTEUR DER WIENER TAGESZEITUNG „DIE ZEIT“

DIE
NEUESTEN
GESCHICHTSLÜGEN

Die Wahrheit kann nur Eine sein
Ranke

Das ‚gute Gewissen‘ in der Lüge
Nietzsches Charakteristik des
christlichen Junkers“

HUGO HELLER & CIE.
WIEN UND LEIPZIG

1921

Alle Rechte vorbehalten
Copyright by Hugo Heller & Co., Wien und Leipzig

Druck der Offizin der Waldheim-Eberle A. G., Wien


Vorwort

Die scharfe Kritik, die auf den folgenden Blättern an den Rechtfertigungsschriften der deutschen Staatsmänner und damit auch an ihrer Politik vor dem Ausbruch des Weltkrieges geübt wird, zwingt den Verfasser zu einigen Worten persönlicher Einführung. Es ist nachträglich sehr leicht, das Verhalten von Staatsmännern zu kritisieren, wenn der Erfolg sein unzweideutiges Urteil gefällt hat, so wie es nicht viel Scharfsinn erfordert, Rätsel zu lösen, wenn man vorher die Lösungen nachgesehen hat. Diese bequeme, aber auch unfruchtbare Art der Kritik ist dem Geschichtsschreiber gestattet, ihr Ergebnis nennt man das „unbestechliche Urteil der Geschichte“. Dem zeitgenössischen Publizisten verwehrt man diesen Treppenwitz, mit Recht, weil seine Aufgabe eine höhere, fruchtbarere und um deswillen schwierigere ist. Jetzt, nach dem Abschlusse des Weltkrieges, weiß natürlich jeder, wie es im Juli 1914 und in den Jahren vorher besser hätte gemacht werden sollen, und gar mancher Publizist tut sich heute auf dieses nachträgliche Besserwissen etwas zu Gute, der es in den entscheidenden Tagen, Wochen und Jahren auch nicht besser gewußt hat als die jetzt durch ihren Mißerfolg verurteilten Staatsmänner. Die vorliegende Schrift hat mit dieser den Ereignissen nachhinkenden Art von Weisheit nichts gemein. Ihr Verfasser hat die Verfehltheit und Gefährlichkeit jener Politik der beiden Zentralmächte die zum Weltkrieg geführt hat, schon vor Jahren, mindestens seit der bosnischen Annexionskampagne 1908/9, in seinem Blatte, der damaligen Wiener Tageszeitung „Die Zeit“, bloßgestellt und insbesondere im Juli 1914 vor der Gefahr des Weltkrieges aufs Eindringlichste gewarnt, sich auch während des Weltkrieges mitten im herrschenden Kriegstaumel seine ablehnende und kriegsfeindliche Haltung bewahrt und, soweit es die Zensur zuließ, publizistisch vertreten. Er hat dadurch das Mißfallen der beiden zentralstaatlichen Regierungen und Heeresleitungen in einem so hohen Maße erregt, daß er sich auf unweigerliches Verlangen der deutschen Obersten Heeresleitung im Dezember 1917 genötigt sah, seine publizistische Tätigkeit einzustellen. Wenn er nun in der vorliegenden Broschüre die Wirksamkeit und die Rechtfertigungsschriften der deutschen Staatsmänner des Kriegsausbruches scharf kritisiert, kann ihn der Vorwurf des „Treppenwitzes“ nicht treffen. Was auf diesen Blättern steht, ist nur eine konsequente Weiterentwicklung der Anschauungen, die der Verfasser schon zu einer Zeit gehegt und öffentlich ausgesprochen hat, wo die Kritik noch hätte fruchtbar wirken können, wenn die Kritisierten auf sie hätten hören wollen, wo noch manches hätte gerettet werden können, was heute unwiederbringlich verloren ist.

* * *

Die Kriegspropaganda, die in den anderen kriegführenden Ländern schon längst zum Schweigen gekommen ist, wird von den deutschen Staatsmännern des Kriegsausbruches nach dem Kriege mit vermehrtem Eifer fortgesetzt. Res venit ad Triarios. Nicht mehr untergeordneten Hilfskräften, beamteten „Preßleitern“, willfährigen Schriftstellern, abhängigen Journalisten, die im Kriege ihre öffentlichen Anwälte waren, überlassen sie die publizistische Vertretung ihrer Sache, sie treten in eigener Person in Büchern, die sich den Anschein von Memoiren geben, vor das Publikum, um mit wirkungsvollen, mit dem wirkungsvollsten Mittel ihrer eigenen amtlichen Autorität das Werk der Irreführung des deutschen Volkes fortzusetzen, das die so hoher Autorität entbehrende Propaganda während des Krieges schon mit so traurig großem Erfolg betrieben hat.

Memoiren deutscher Staatsmänner! Man weiß, wie das auf den Untertanengeist des deutschen Lesers wirkt! Ist ihm schon jedes Wort heilig, das im täglichen Lauf der Staatsgeschäfte aus amtlichem Munde zu ihm dringt, wie ehrfurchtsvoll nimmt er erst ein Buch zur Hand, das einer seiner Staatsmänner, fern vom Zwang der Staatsgeschäfte, in der Freiheit des Ruhestandes geschrieben hat, um aus der vom Deutschen jederzeit so bereitwillig angestaunten Fülle seiner Kenntnis aller Amtsgeheimnisse heraus den deutschen Staatsbürgern über Ereignisse der Vergangenheit jene letzten Aufklärungen zu geben, die während seiner Amtswirksamkeit zu gewähren die hohe Staatsraison ihm verboten hatte. Nur wenige deutsche Staatsmänner haben bisher Memoiren veröffentlicht — weit weniger als die englischen und französischen — und zumeist auch erst zu einer Zeit, wo die Ereignisse, an denen sie mitzuwirken hatten, schon längst jede nähere Beziehung zur Gegenwart verloren hatten. Jetzt aber treten die hohen und höchsten Beamten des Deutschen Reiches, die noch an dem letzten großen Ereignis, am Weltkrieg, mitgewirkt haben, in den Tagesstreit über die Ursachen des Kriegsausbruches mit Büchern ein, in welchen sie anscheinend die letzte Scheu vor dem Amtsgeheimnis abgestreift haben, die sonst dem deutschen Beamten zeitlebens den Mund verschließt: der Reichskanzler Herr v. Bethmann Hollweg, der Staatssekretär des Äußern Herr v. Jagow, der Staatssekretär der Marine Herr v. Tirpitz, der Staatssekretär der Finanzen und Vizekanzler Herr Dr. Helfferich. Fünf schwere Kriegsjahre hindurch hat die ganze Welt die Erschließung der deutschen Akten über den Kriegsausbruch verlangt, erhofft, ersehnt, nachdem die gegnerischen kriegführenden Staaten, Engländer, Franzosen, Russen, Belgier, Italiener, Serben ihr Aktenmaterial, ohne erst eine Nachfrage abzuwarten, gleich bei Beginn des Krieges dem Urteil der Öffentlichkeit vorgelegt hatten. Auf die deutschen Akten hatte man fünf Jahre lang vergebens gewartet. Und nun kommen statt dessen im Frühjahr 1919 die deutschen Staatsmänner selbst hervor und bieten der Welt statt toter Aktensammlungen lebendige Bücher dar, die schon um deswillen weitere Wirkungsmöglichkeiten haben als Aktensammlungen, weil sie die Dinge im Zusammenhang erzählen, die von ihnen selbst geschaffenen Tatsachen gleich mit dem Kommentar versehen, der ein authentischer ist, da er von ihnen, den Handelnden, selbst herrührt. Wer aber dürfte es wagen, in die Ehrlichkeit eines deutschen Staatsmannes bei der Wiedergabe von Tatsachen, in seine Zuverlässigkeit bei ihrer Ausdeutung Zweifel zu setzen?

Es hat's auch bisher, in Deutschland wenigstens, niemand gewagt. Das deutsche Volk hat nicht einmal an Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen“ gerührt, obzwar kein Geringerer als Bismarcks langjähriger vertrauter Mitarbeiter, der auch des Meisters „Gedanken und Erinnerungen“ zu Papier gebracht und druckreif gemacht hat, Lothar Bucher selbst, in rücksichtslosester Wahrheitsliebe ihre Unzuverlässigkeit und Unaufrichtigkeit aufgedeckt hat. Hier aber stellen sich vier Erinnerungsbücher deutscher Staatsmänner ein, denen kein Lothar Bucher einen moralischen Steckbrief nachgeschickt hat, die das Verhalten der deutschen Staatsmänner in den Tagen des Kriegsausbruches so glänzend rechtfertigen und alles Anklagematerial, das die feindlichen — eben nur die feindlichen! — Aktensammlungen gegen sie aufgebracht haben, so wahrhaft autoritativ widerlegen.

Da sind aber Ende 1919 ganz andere Aktensammlungen erschienen, keine feindlichen, nein, die Sammlungen der eigenen Akten der deutschen wie der österreichisch-ungarischen Staatsmänner des Kriegsausbruches, von ihren Nachfolgern herausgegebene Zeugnisse, deren Beweiskraft höher steht als die irgend einer noch so autoritativen Selbstrechtfertigungsschrift irgend eines noch so hoch stehenden Staatsmannes. Und diese Zeugnisse zeugen wider ihre Urheber selbst und wider deren Memoirenbücher. Sie sind nicht wie diese Surrogate, seien es auch noch so gefällig ausgestattete Surrogate der amtlichen Akten, es sind die Akten selbst, die gegen die Surrogate sprechen, wenn auch diese Aktensprache nicht so flüssig läuft, wie die der Memoirenwerke. Aber wir müssen in diese Sprache eindringen, wir müssen sie von ihrer Schwere befreien, wir müssen sie mit der der Memoirenbücher vergleichen, wenn wir endlich die so lange gesuchte Wahrheit über den Ausbruch des Weltkrieges erfahren wollen, der das deutsche Volk sich auf die Dauer nicht entziehen kann und der es niemals hätte entzogen werden sollen.

* * *

Die Grundgedanken der Kriegsbücher der deutschen Staatsmänner, die sie jetzt jeder mit neuen Beweisgründen und mit dem ganzen Aufwand seiner dialektischen Kraft zu stützen beflissen sind, lassen sich in drei Thesen formulieren:

1. Daß die deutsche Regierung das österreichisch-ungarische Ultimatum an Serbien nicht vor seiner Überreichung gekannt habe.

2. Daß sie in den kritischen zwölf Tagen, die auf das Ultimatum folgten, auf Wien mäßigend eingewirkt und bei diesem Druck sogar bis an das äußerste Maß des Zulässigen gegangen sei.

3. Daß sie von Rußland, England und Frankreich überfallen worden sei, die diesen Krieg prämeditiert, provoziert, ihr „aufgezwungen“ haben.

Nun, diese Behauptungen sind jetzt endgültig widerlegt durch die eigenen amtlichen Dokumente der Berliner und Wiener Kriegsregierungen.


I. Die Vorbereitung des Ultimatums

Die Berliner Regierung des Herrn v. Bethmann ist nicht, was sie später den anderen Mächten gegenüber vorgab, von der Wiener Regierung mit dem Ultimatum im Juli 1914 ebenso überrascht worden wie unter Bülow im Oktober 1909 mit der Annexion Bosniens. Denn von der Annexion hat diese tatsächlich erst gleichzeitig mit den anderen Mächten und dasselbe wie diese erfahren, an deren Vorbereitung auch in keinerlei Weise mitgearbeitet, wie sich aus dem Rotbuch des Grafen Aehrenthal und allen seitherigen Äußerungen der Beteiligten ergibt, zuletzt auch aus einem Brief des Kaisers Wilhelm II. an den Zaren vom 8. Jänner 1909[1]. Daß aber die Wiener Regierung nach der Mordtat von Sarajevo, 28. Juni 1914, etwas, und zwar etwas Entscheidendes zu unternehmen beabsichtige, hat die Berliner Regierung schon am 2. Juli 1914 aus einem vom 30. Juni datierten Bericht ihres Wiener Botschafters Herrn v. Tschirschky erfahren, der besagte, man wünsche in Wien „einmal mit den Serben gründlich abzurechnen[2]“. In einer Unterredung mit dem Kaiser Franz Joseph vom 2. Juli stellte sich Herr v. Tschirschky bereits auf den Standpunkt, „daß Deutschland geschlossen hinter der Monarchie zu finden“ sein werde, „sobald es sich um die Verteidigung ihrer Lebensinteressen handle. Die Entscheidung darüber, wann und wo ein solches Lebensinteresse vorliege, müsse Österreich selbst überlassen bleiben[3]“. Das ließ sich hören. Eine Kooperation unter solchen einseitigen Bedingungen, eine Art Löwenvertrag zu seinen Gunsten, bei dem er unternehmen durfte, was ihm beliebte, der andere aber von vorneherein verpflichtet war, blind seinen Schritten zu folgen, war ganz nach dem Geschmack Franz Josephs. In seinem Handschreiben vom selben Tage an Kaiser Wilhelm II., das diesem mit einem Memorandum Berchtolds am 5. Juli überreicht wurde, rückte er denn auch mit der Sprache ziemlich deutlich heraus, indem er die „Isolierung und Verkleinerung Serbiens“ als Programm seiner Regierung erklärte und nichts weniger verlangte, als daß „Serbien als politischer Machtfaktor am Balkan ausgeschaltet“ werde[4], und er hatte die Genugtuung, daß die Berliner, Kaiser wie Reichskanzler, ganz im Sinne des Herrn v. Tschirschky, auf sein Ansinnen ohneweiters eingingen. „S. M.“ — telegraphierte der Reichskanzler am 6. Juli an Tschirschky — „könne zu den zwischen Österreich-Ungarn und diesem Lande (Serbien) schwebenden Fragen naturgemäß keine Stellung nehmen, da sie sich seiner Kompetenz entzögen. Kaiser Franz Joseph könne sich aber darauf verlassen, daß S. M. im Einklang mit seinen Bündnispflichten und seiner alten Freundschaft treu an Seite Österreich-Ungarns stehen werde“, und Wilhelm II. selbst schrieb am 14. Juli an Franz Joseph, „daß Du auch in den Stunden des Ernstes mich und mein Reich in vollem Einklang mit unserer altbewährten Freundschaft und unseren Bündnispflichten treu an Euerer Seite finden wirst. Dir dies an dieser Stelle zu wiederholen, ist mir eine freudige Pflicht[5].“ Sie haben also auf jeden Einfluß bei der Wahl der zu verwendenden Mittel verzichtet. Diesen Standpunkt hat auch später der Kaiser in seinen intimen Randnoten zu den Berichten seiner Diplomaten, und die Berliner Regierung, zu ihrer Entlastung, in ihren Verhandlungen mit den anderen Mächten während der kritischen Tage wie später in ihren zahllosen Verteidigungsreden und -schriften während des ganzen Krieges festgehalten. Diesen Standpunkt hat auch Herr v. Bethmann in der Bundesratssitzung vom 1. August 1914 als Ausdruck einer dreißigjährigen Tradition definiert, indem er dem Bundesrat berichtete, er habe, als Österreich-Ungarn ihm mitteilte, daß es gegen Serbien „einschreiten“ müsse, geantwortet: „Darüber, was ihr zu tun habt, maßen wir uns kein Urteil an; das ist nicht unsere Sache. Aber es ist selbstverständlich, daß, wenn der Bündnisfall eintritt, wir treu an euerer Seite stehen[6].“ Das war eine Blanco-Vollmacht — ein Ausdruck, den auch der bayrische Geschäftsträger v. Schön in dem Bericht an seine Regierung vom 18. Juli 1914 gebraucht[7].

Es ist deswegen unwahr, wenn Herr v. Jagow jetzt nachträglich in seiner Rechtfertigungsschrift behauptet, daß er sich über das Vorgehen Österreich-Ungarns „gewissermaßen die Kontrolle vorbehalten“ habe, unwahr, wenn er sagt: „von einer carte blanche kann also nicht die Rede sein[8]“. Ebenso unwahr, wenn Herr v. Bethmann in seiner Rechtfertigungsschrift leugnet, daß seine Regierung „dem Ballplatz einen Freibrief ausgestellt hätte[9]“. Skurril, wenn Herr v. Bethmann in einem Atem sich darauf etwas zugute tut, daß er das Ultimatum „nicht ausdrücklich gebilligt“ habe (das ist ja eben die Wirkung des Freibriefes!), unsinnig, wenn Herr v. Bethmann zur Begründung sagt: „Von Inhalt und Form eines einmal ausdrücklich gebilligten Ultimatums hätten wir uns nicht wieder loslösen, wir hätten dann die ganze Vermittlungsarbeit nicht verrichten können, die wir tatsächlich verrichtet haben.“ Ja, hat er sich denn von dem nicht ausdrücklich gebilligten Ultimatum losgelöst? Hat er nicht im Gegenteil an Inhalt und Wortlaut dieses Ultimatums bis zuletzt festgehalten, wie der Quäker an dem Bibelwort? Hat er auch nur einen I-Punkt daran zu ändern Österreich-Ungarn, selbst nach dessen Erlaß, vorgeschlagen? Hat er nicht die anderen Großmächte wie ein Hofhund weggebellt, sowie sie in den ersten Tagen nach dem Ultimatum dessen Milderung verlangten? Und wann hat denn seine Vermittlungstätigkeit begonnen? Doch erst, nachdem die anderen Mächte, die Fruchtlosigkeit solchen Beginnens einsehend, auf eine Änderung des Ultimatums verzichtet und andere Ausgleichsvorschläge gemacht hatten, durch die der Inhalt und die Form des unseligen Ultimatums unberührt blieben.

Wie unwahr, bewußt unwahr die nachträgliche Darstellung der Herren v. Bethmann und v. Jagow ist, ergibt sich aus einem Vergleich ihrer nach dem verlorenen Krieg verfaßten Rechtfertigungsschriften mit ihrem vor dem Kriegsausbruch, zur Zeit der Siegeszuversicht, zusammengestellten amtlichen deutschen Weißbuch. Dort sagten sie, weil sie damit ihre politische Einsicht zu beweisen glaubten, ganz richtig: „Wir ließen Österreich völlig freie Hand in seiner Aktion gegen Serbien[10].“ Das war der Sinn der von ihnen unterwürfig angenommenen Formel des Kaisers Franz Joseph und der dreißigjährigen Bündnistradition, die Herr v. Bethmann wenigstens im Bundesrat am 1. August 1914 so definierte, die er aber in seiner Rechtfertigungsschrift nach dem Kriege vollständig vergessen zu haben scheint. Nach dieser Kompetenzformel hätte die Wiener Regierung der Berliner über das Ultimatum bis zu dessen Überreichung an Serbien ebensowenig zu sagen gebraucht wie den anderen Mächten. So hat es auch die Berliner Regierung den anderen Mächten dargestellt. Es ist aber nicht wahr. Die Wiener Regierung hat der Berliner, über die Kompetenzformel hinausgehend, von ihren Absichten schrittweise Mitteilung gemacht, ihr dies auch durch den k. u. k. Botschafter in Berlin bereits am 9. Juli freiwillig in Aussicht gestellt[11], die Berliner Regierung hat aber ihrerseits, der zu ihrer Entmannung bestimmten Formel sklavisch gehorchend, sich jeder Kritik begeben und die Wiener Regierung durch gute Ratschläge und durch Drängen bei der Ausführung ihrer wahnwitzigen Pläne unterstützt, bestärkt, angefeuert.

Folgen wir den Ereignissen! Am 7. Juli fand in Wien der erste gemeinsame Ministerrat über die serbische Angelegenheit statt. Diesen Programmpunkt verschwieg man in der ganzen Öffentlichkeit. Der deutsche Botschafter in Wien Herr v. Tschirschky aber erfuhr, was dort verhandelt worden war, welche Stimmungen sich dabei gezeigt hatten, wie Graf Tisza den Plänen des Grafen Berchtold widerstrebt hatte, und über all das berichtete er am 8. Juli der Berliner Regierung. In diesem Bericht teilte er der Berliner Regierung auch schon den ganzen jesuitischen Ultimatumsplan des Grafen Berchtold mit, genau wie dieser später ausgeführt worden ist, nämlich, daß Graf Berchtold die „Forderungen an Serbien so einzurichten“ beabsichtige, daß „deren Annahme ausgeschlossen erscheint[12]“. Diese trefflichen Informationen hatte Herr v. Tschirschky aus dem Munde des Grafen Berchtold selbst. Zwei Tage später, am 10. Juli, teilt Graf Berchtold dem Herrn v. Tschirschky den Verlauf seiner Audienz beim Kaiser Franz Joseph vom 9. Juli mit, und Herr v. Tschirschky berichtet darüber sofort nach Berlin. Graf Berchtold skizziert ihm die Forderungen, die er an Serbien stellen wolle, ungefähr schon so, wie er sie später im Ultimatum tatsächlich gestellt hat, mitsamt der 48stündigen Galgenfrist. „Er sinne“, sagt Berchtold zu Tschirschky, „noch darüber nach, welche Forderungen man stellen könne, die Serbien eine Annahme völlig unmöglich machen würden.“(!) „Berchtold“, berichtet Tschirschky weiter, „würde gerne wissen, wie man in Berlin darüber denkt[13].“ Nun hätte, da Berchtold um Rat fragte, die Berliner Regierung die beste Gelegenheit gehabt, ohne sich auch nur dem Vorwurf einer Einmischung von Seite des Bundesgenossen auszusetzen, das zu tun, wessen sie sich später berühmt hat und was ihre Pflicht gewesen wäre, nämlich in Wien mäßigend zu wirken. Was tut aber die Berliner Regierung? Sie ist noch päpstlicher als der Papst. Sie verweigert dem Grafen Berchtold den von ihm erbetenen Rat. Herr v. Jagow telegraphiert am 11. Juli an Herrn v. Tschirschky: „Zur Formulierung der Forderungen an Serbien können wir keine Stellung nehmen, da dies Österreichs Sache ist.“ Und dann gibt er dem Grafen Berchtold die Anregung, gleichzeitig mit dem „Ultimatum“ — Herr v. Jagow nennt es als erster bereits in diesem Zeitpunkt so — eine Sammlung von Materialien über die großserbische Bewegung zu publizieren — eine Anregung, die Graf Berchtold mit dem sogenannten „Dossier“ später befolgt hat[14]. Herr v. Jagow begann also schon in diesem frühen Zeitpunkte, an dem von Berchtold eingeleiteten Kriegskomplott mitzuarbeiten — allerdings nur in untergeordneter Stellung — als Handlanger Berchtolds, der sich in der Hauptsache jeder Einflußnahme enthielt, durch allersubmisseste Regievorschläge aber das Gelingen des Berchtoldschen Planes zu sichern bestrebt war.

Am 14. Juli sucht Graf Tisza unmittelbar nach einer Besprechung mit Berchtold den Herrn v. Tschirschky auf, teilt ihm mit, daß er sich nun auch zu Berchtolds Kriegsplan bekehrt habe, daß die Note an Serbien am Sonntag, den 19., im Ministerrat beschlossen, aber erst nach der Abreise Poincarés von Kronstadt, die, wie Tisza fälschlich glaubte, am 25. erfolgen werde, in Belgrad überreicht werden solle. „Die Note“, teilt Graf Tisza weiter dem Herrn v. Tschirschky mit, „werde so abgefaßt sein, daß deren Annahme so gut wie ausgeschlossen sei.“ Das alles gibt Tschirschky sofort nach Berlin weiter[15]. Berlin schluckt alles stumm hinunter. Unmittelbar nach Tiszas Besuch läßt Graf Berchtold Herrn v. Tschirschky zu sich kommen, um diesen auch seinerseits über das Ergebnis seiner Besprechung mit Tisza zu informieren, das Wichtigste ist die Mitteilung Berchtolds, daß Graf Tisza „in erfreulicher Weise“ dem Plane Berchtolds beigestimmt „und sogar in manche Punkte eine Verschärfung hineingebracht“ habe. Auch darüber gibt Tschirschky sofort genauen Bericht nach Berlin[16], Berlin schluckt auch diese „erfreuliche“ Mitteilung stumm hinunter. Gegenüber dem ungeduldigen Berlin entschuldigt sich noch Graf Berchtold bei Herrn v. Tschirschky, daß „lediglich die Anwesenheit Poincarés in Petersburg der Grund für den Aufschub der Übergabe der Note in Belgrad sei“. Am 17. Juli berichtet der Botschaftsrat der deutschen Botschaft in Wien, Prinz Stolberg, auf Grund einer Mitteilung des Grafen Berchtold dem Reichskanzler, daß die Überreichung der Note in Belgrad am Donnerstag, 23. Juli nachmittags, erfolgen werde, daß Berchtold „hoffe“, daß Serbien die Note nicht annehmen werde, „da ein bloßer diplomatischer Erfolg hierzulande (in Österreich-Ungarn) wieder eine flaue Stimmung auslösen werde[17]“. Am 18. Juli schreibt Prinz Stolberg einen ausführlichen Brief mit denselben Mitteilungen an Herrn v. Jagow, fürchtet aber, daß Serbien die Forderungen Österreich-Ungarns annehmen könnte, und tut noch seine eigene Wohlmeinung hinzu, daß Österreich-Ungarn es zum „Bruch“ mit Serbien treiben müsse und sich mit einem „sogenannten diplomatischen Erfolg“ nicht begnügen dürfe. Er beruhigt sich aber schließlich mit der Versicherung des Grafen Hoyos, des Kabinettschefs Berchtolds, „daß die Forderungen (an Serbien) doch derart seien, daß ein Staat, der noch etwas Selbstbewußtsein und Würde habe, sie eigentlich unmöglich annehmen könne[18]“. Wahrlich, Wien hat Berlin keinen Moment über seine Absichten im Unklaren gelassen. Was hat aber Berlin auf diese sich immer ungeheuerlicher auswachsenden Geständnisse Wiens hin unternommen? Mäßigend eingewirkt? Wieder nicht! Am 20. Juli überreicht der serbische Geschäftsträger in Berlin Herrn v. Jagow eine ausführliche Note, in der die serbische Regierung die Mordtat von Sarajevo aufs schärfste verurteilt, den Wunsch ausspricht, „mit der Nachbarmonarchie freundschaftliche Beziehungen zu unterhalten“, und den Willen kundgibt, allen etwaigen Forderungen Österreich-Ungarns entgegenzukommen, nur solche Forderungen ausgenommen, „die auch jeder andere Staat, der auf seine Würde und Unabhängigkeit bedacht ist, nicht erfüllen könnte“. Schließlich bittet die serbische Regierung „die ihr freundschaftlich gesinnte Kaiserliche (deutsche) Regierung, im Sinne der Versöhnlichkeit gefälligst wirken zu wollen[19]“. Was aber tut Herr v. Jagow darauf? Herr v. Jagow erwidert dem serbischen Geschäftsträger, daß er „es wohl begreifen könne, wenn man jetzt dort (in Wien) energische Saiten aufzöge. Die Forderungen, die Österreich-Ungarn stellen wolle, seien ihm nicht bekannt[20]“ — für welche Sprache Graf Forgach, in Vertretung des Grafen Berchtold, dem Herrn v. Jagow namens der k. u. k. Regierung dankt[21]. Der Staatssekretär wußte am 20. Juli schon längst aus Tschirschkys Bericht vom 10. Juli das Wesentliche der von Österreich-Ungarn beabsichtigten Forderungen, vor allem, daß sie solche sein werden, die mit der Würde und Unabhängigkeit eines Staates unverträglich seien. Vom serbischen Geschäftsträger erfuhr er nun, daß die serbische Regierung solche Forderungen ablehnen werde. Herr v. Jagow wußte also am 20. aus authentischen Quellen ganz genau, daß Graf Berchtolds Plan zum Kriege führen müsse. Was tat er? Dem serbischen Geschäftsträger spricht er im voraus seine prinzipielle Zustimmung zu den Berchtoldschen Forderungen aus, teilt dies der Wiener Regierung mit, die darin eine ausdrückliche Bestärkung ihrer Pläne sieht und dafür dankt. Wenn aber Herr v. Jagow wirklich mäßigend hätte wirken wollen, hätte ihm die Initiative der serbischen Regierung vom 20. Juli, also ehe noch die Kugel aus dem Lauf war, die beste Gelegenheit geben können, zwischen Wien und Belgrad unter Ausschluß von Petersburg zu vermitteln, nicht nur den Krieg zu vermeiden, sondern den Streit zu lokalisieren, anstatt Rußlands Deutschland zur Vermittlungsstation zwischen Serbien und Österreich-Ungarn und Rußlands Protektorat illusorisch zu machen.

Das ist aber der Berliner Regierung gar nicht eingefallen. Nicht nur, daß sie nichts tat, um die Wiener Regierung von ihren exzessiven Plänen zurückzuhalten, setzte sie vielmehr alles in Bewegung, um das Gelingen dieser Pläne zu sichern. Mit einer geradezu subaltern zu nennenden Beflissenheit ging sie, sofort nach Empfang des dem Handschreiben Kaiser Franz Josephs an Kaiser Wilhelm beigelegten Berchtoldschen Memorandums vom 2. Juli, daran, dessen Ideen, ohne Widerrede, wie einen höheren Auftrag auszuführen. Die serbophobe und bulgarophile Balkanpolitik Österreich-Ungarns war bekanntlich im zweiten Balkankrieg in einen ausgesprochenen Gegensatz zu der Politik des Deutschen Reiches gekommen, die Rumänien, Serbien und Griechenland gegen Bulgarien unterstützte, und dieser Gegensatz hatte durch die Publizierung der anläßlich des Bukarester Friedens zwischen dem deutschen Kaiser und dem König von Rumänien gewechselten Telegramme sogar zu einem öffentlichen Eklat geführt. Nach Empfang des Memorandums sattelte nun Berlin vollständig um und folgte getreulich den Spuren der Wiener Politik. Wie ein Hund, dem ein Stein ins Wasser vorausgeworfen wird, so entsprachen die Berliner Staatsmänner den Winken von Wien. Am 5. Juli war das Berchtoldsche Memorandum in Berlin überreicht worden, und schon am 6. sehen wir die Berliner Regierung an der Arbeit, die Ideen des Memorandums zu verwirklichen, nämlich Bulgarien und die Türkei an den Dreibund anzuschließen, diese beiden Staaten durch ein Bündnis auch untereinander zu einigen und Rumänien und Griechenland, wenn möglich, von Serbien abzuwenden.

Am 6. Juli beauftragt Herr v. Jagow den Geschäftsträger in Bukarest, in diesem Sinne mit dem König von Rumänien zu sprechen, und den Gesandten in Sofia, die Schritte des österreichisch-ungarischen Gesandten zu unterstützen[22]. Als sich Graf Berchtold nach wenigen Tagen die Sache mit Bulgarien anders überlegt und die Aktion zu vertagen für gut findet, winkt Herr v. Jagow sofort auch seinen Leuten in Bukarest und Sofia ab[23]. Nach den Ultimaten an Rußland und Frankreich dringt nun Berlin am 1. August auf die Verständigung mit Bulgarien, und diese nähert sich denn auch noch in den ersten Augusttagen ihrem Abschluß[24]. Beim König von Rumänien dagegen holt sich der deutsche Gesandte mit den Berchtoldschen Projekten einen Korb und eine unerfreuliche Lektion. König Carol sagt ihm am 10. Juli, „in Wien scheine man den Kopf verloren zu haben“, über den Grafen Berchtold selbst sprach sich der König „nicht gerade schmeichelhaft“ aus, die Hauptschuld an allem Übel trügen die „gewissenlosen Preßtreibereien“, „auch in Österreich müsse auf die Presse gewirkt werden, damit diese nicht allzusehr gegen Serbien hetze. Sasonow (mit dem der König kurz vorher im Juni in Constantza anläßlich des Zarenbesuches zusammengekommen war) habe ihm gesagt, Rußland denke nicht daran, einen Krieg zu führen.“ Der König empfahl eine Demarche in Petersburg, damit von dort aus auf Serbien ernst eingewirkt werde. Er selbst erklärte sich gleichfalls bereit, „einen Druck auf Serbien auszuüben“. Alle diese Warnungen und Anregungen des sonst in Berlin so hoch angesehenen Königs Carol wurden von der deutschen Regierung in den Wind geschlagen. Selbst der Befehl des Kaisers, diesen Bericht des Bukarester Gesandten den Botschaften in Wien, Rom und Petersburg weiterzugeben, blieb unausgeführt[25]. Die Berliner Regierung hat eine heilige Scheu, die Kreise des großen Staatsmannes am Ballplatz zu stören, und gar auf Serbien via Petersburg einzuwirken, wäre eine schwere Kränkung für den Grafen Berchtold gewesen, der auf eine Überrumpelung Serbiens und dessen Intransigenz seine Rechnung gestellt hatte.

Sehr aufregend gestalteten sich die Verhandlungen mit Griechenland, die der deutsche Kaiser selbst in einem Telegrammwechsel mit dem König von Griechenland führte. König Constantin lehnt zunächst am 27. Juli die Berliner Pläne ab, mit der einfachen Begründung, daß er und sein Volk „keinen Krieg“ wollen. Darauf beschwört der Kaiser am 30. Juli seinen Schwager, den jüngst ernannten preußischen Generalfeldmarschall König Constantin, beim Andenken seines ermordeten Vaters, nicht „gegen meine Person und den Dreibund für die serbischen Meuchelmörder Partei zu ergreifen“, und droht ihm sogar für den Fall des Widerstandes mit einer dauernden Schädigung ihrer persönlichen Beziehungen. Constantin wünscht aber, neutral zu bleiben, und sträubt sich in seinem Telegramm vom 2. August mit aller Macht dagegen, nun plötzlich seine ganze politische Richtung zu ändern, dem Erbfeind Griechenlands, Bulgarien, zu einer Machterweiterung zu verhelfen, „über die Serben herzufallen, da sie einmal unsere Verbündeten sind“, und den Bukarester Frieden, dessen Dauerhaftigkeit Wilhelm II. selbst in seinem solennen Telegrammwechsel mit Carol erst im August 1913 garantiert hatte, umzustoßen. „Von dem ist jetzt nicht mehr die Rede“, schreibt der Kaiser, an dessen Wort man nicht deuteln soll, an den Rand dieses Telegramms, der „Balkan marschiert“, fügt der große Friedenskaiser in befehlendem Ton hinzu, er antwortet dem griechischen König nicht mehr selbst, sondern läßt ihm nur durch seine Regierung ankündigen, daß, wenn er „nicht jetzt sofort mitgeht“, er „als Feind behandelt“ werden wird[26]. Hier dient also der deutsche Kaiser persönlich als Zutreiber für den kriegssüchtigen Grafen Berchtold. Auch bei der Türkei sieht der Vielgeschäftige persönlich nach dem „Rechten“. Hier stößt die papierene Kombination der Ballplatz-Weisen auf eine ganz neu erwachsene Schwierigkeit. Herr v. Jagow selbst, den Graf Berchtold am 14. Juli um seine Meinung fragen läßt, ist nämlich entschieden dagegen, die Türkei in diesem Zeitpunkt an den Dreibund heranzuziehen[27]. Auch der deutsche Botschafter in Konstantinopel beeilt sich, am 18. Juli die Berliner Regierung davor zu warnen, indem er darlegt, daß die Türkei derzeit „vollkommen bündnisunfähig“ sei[28]. Doch Graf Berchtold, der Tonangebende, siegt. Der Kaiser entscheidet am 24. von der hohen See aus, wo er gerade seine Erholungsreise macht, selbstverständlich, ohne seinen Ministern auch nur formell Gelegenheit zur Raterteilung zu geben, „trotz bestehender Zweifel über die Bündnisfähigkeit der Türkei“, „aus Opportunitätsgründen die Geneigtheit der Türkei zum Dreibundanschluß zu benützen[29]“. So wird denn dieses Bündnis auch am 2. August geschlossen[30]. Der Verlauf des Krieges hat die Zweifel des Konstantinopler Botschafters gerechtfertigt. Blind und taub folgt Berlin der Führung Wiens. Auch die Warnungen des deutschen Botschafters in London, ihres wichtigsten Berichterstatters, schlägt die Berliner Regierung in den Wind. Diesem kündigte bereits ein Erlaß vom 12. Juli „ernstere Maßnahmen gegen Serbien“ an, die „zu allgemeinen Komplikationen führen könnten“. Der Diplomat verstand, was die Euphemismen „ernstere Maßnahmen“ und „allgemeine Komplikationen“ zu bedeuten hatten: „Krieg gegen Serbien“ und „Weltkrieg“. Der Londoner Botschafter Fürst Karl Lichnovsky, der in allen seinen Berichten ein richtiges, durch die Tatsachen nachträglich nur allzu traurig bestätigtes Urteil zeigt, warnt die Berliner Regierung sofort am 14. Juli vor Illusionen über die Haltung der englischen Regierung und der englischen Presse[31]. Herr v. Jagow repliziert am 15. Juli[32]. Lichnovsky verschärft am 15. Juli seine Warnungen[33]. Zu dieser Depesche schreibt Herr v. Jagow an den Rand: „Das ist leider alles richtig“, verfolgt aber — noch mehr müssen wir nachträglich „leider“ sagen — seine von Wien inspirierte, von ihm selbst als falsch erkannte Politik weiter, ohne Lichnovskys Warnungen auch nur nach Wien weiterzugeben. Ist das noch bona fides, ist das Treue, ist das Ehrlichkeit?

Berlin erweist sich nach jeder Richtung des Vertrauens des Grafen Berchtold würdig. Seine Eingeweihtheit in die Wiener Pläne benützt der Reichskanzler, um den Ententemächten bei den kommenden Verhandlungen einen kleinen Vorsprung abzugewinnen. Schon am 21. Juli, also zwei Tage vor Überreichung des Ultimatums, erläßt Herr v. Bethmann einen ausführlichen Zirkularerlaß an die Botschafter in Petersburg, Paris und London, worin er sie über die Pläne der Wiener Regierung — irreführt. Er versichert ihnen, um sie für die kommenden Verhandlungen zu instruieren, daß die Forderungen der österreichisch-ungarischen Regierung an Serbien als „billig und maßvoll angesehen werden können“, und — der Heuchler! — spricht die „Befürchtung“ aus, die böse serbische Regierung könnte diese maßvollen Forderungen ablehnen und Österreich-Ungarn „provozieren“, wo doch der Reichskanzler sehr gut weiß, daß die Forderungen von Wien absichtlich unannehmbar formuliert worden sind, und Wien einen Krieg mit Serbien unter allen Umständen will, den er selbst durch Bündnisverhandlungen mit den anderen Balkanstaaten und Passivität gegenüber Serbien gut vorzubereiten so eifrig bestrebt ist. Daß ein Reichskanzler die eigenen Botschafter irreführt, um der Wiener Regierung zu helfen, geht doch wohl über alles erdenkliche Maß von „Nibelungentreue“ hinaus. Um übrigens die Lüge, daß er das Ultimatum vor seiner Überreichung nicht gekannt habe, aufrechterhalten zu können, hat Herr v. Bethmann diesen Erlaß vom 21. Juli 1914 im deutschen Weißbuch vom Mai 1915 auf den 23. Juli nachdatiert[34]! Das geht noch über die Selbstverleugnung des Herrn v. Jagow! Dieser erachtete übrigens ganz untergeordnete Gelegenheiten seiner nicht für unwürdig, um sich dem großen politischen Denker in Wien, dem Grafen Berchtold, nützlich zu erweisen. Eines Tages hörte Herr v. Jagow, daß das Ultimatum erst unmittelbar nach der Abreise Poincarés von Kronstadt in Belgrad überreicht werden sollte. Diese Schlauheit gefällt ihm. Sie muß gelingen. Aber Herr v. Jagow fürchtet die bekannte Wiener Schlamperei. Deswegen erkundigt er sich selbst beim deutschen Botschafter in Petersburg und beim Admiralstab der deutschen Marine nach der Stunde der Abfahrt Poincarés von Kronstadt und macht dann Wien darauf aufmerksam, daß es sich tatsächlich verrechnet hatte, da es die Überreichung des Ultimatums für 5 Uhr nachmittags am 23. Juli angesetzt hatte; denn dann würde die Demarche „noch während der Anwesenheit Poincarés in Petersburg bekannt werden“. Für diesen Wink — den zweiten des Herrn v. Jagow in diesem Stadium der Aktion — erwies sich Wien dankbar und verschob in der Tat die Übergabe des Ultimatums um eine Stunde, d. i. auf 6 Uhr abends[35].

Darnach kann man schon beurteilen, wie viel von der Behauptung des deutschen Weißbuches (1914) zu halten ist, die Herr v. Jagow in seine Rechtfertigungsschrift übernimmt[36]: „Wir haben an den Vorbereitungen (zur Aktion Österreich-Ungarns gegen Serbien) nicht teilgenommen.“ Fast ein ganzer Band, der erste Band der von der republikanischen Regierung Deutschlands publizierten „Dokumente zum Kriegsausbruch“ ist den diplomatischen Noten gewidmet, die die deutsche Regierung in Sachen der serbischen Aktion vor der Überreichung des Ultimatums nach allen Windrichtungen ausgesendet und von überallher empfangen hat. Sogar Noten an die auswärtigen Vertretungen des Deutschen Reiches, die auswärtige Presse noch vor der Überreichung des Ultimatums mit Geld und auf andere Art zu beeinflussen, finden sich in dieser Aktensammlung[37]. Ja, selbst ein Erlaß an den deutschen Gesandten in Belgrad ist darunter, in dem dieser bereits am 22. Juli, also einen Tag vor Überreichung des Ultimatums, den vielsagenden Auftrag erhält: „Wenn österreichischer Gesandter Belgrad verläßt, wollen Euer Exzellenz Geschäfte und Schutz Österreich-Ungarns Untertanen übernehmen[38]“.

II. Das Ultimatum an Serbien

Noch in seiner 1919 erschienenen Rechtfertigungsschrift hält Herr v. Bethmann die Legende aufrecht, das Ultimatum sei „ohne unsere vorherige Kenntnis und ohne Billigung seines Wortlauts und aller seiner Einzelheiten[39]“ erlassen worden. Das ist wohl vorsichtiger verklausuliert als die Behauptung des Weißbuches 1914, aber doch auch erweislich unwahr. Um diese Behauptung glaubwürdig zu machen, berichtet Herr v. Bethmann ganz übereinstimmend mit Herrn v. Jagow in dessen Rechtfertigungsschrift, wann und wie er und Jagow zur Kenntnis des „Wortlauts und aller Einzelheiten“ des Ultimatums gekommen sind. Herr v. Jagow erzählt: „Am 22. Juli in den Abendstunden — es war, so weit ich mich erinnere, zwischen 7 und 8 Uhr — kam Graf Szögyeny zu mir, um mir das bekannte Ultimatum mitzuteilen ... Nach Kenntnisnahme des langen Textes sprach ich dem Botschafter sofort meine Ansicht aus, daß der Inhalt mir als reichlich scharf und über den Zweck hinausgehend erschiene. Graf Szögyeny erwiderte, da sei nun nichts mehr zu machen, denn das Ultimatum sei schon nach Belgrad gesandt und soll dort am nächsten Morgen übergeben und gleichzeitig durch den amtlichen Wiener Telegraphen veröffentlicht werden. Ich sprach dem Botschafter mein Befremden aus, daß uns die Entschlüsse seiner Regierung so spät mitgeteilt würden, daß uns damit die Möglichkeit abgeschnitten wäre, dazu Stellung zu nehmen. Auch der Reichskanzler, dem ich alsbald den Wortlaut des Ultimatums vorlegte, war der Ansicht, daß es zu scharf sei[40].“ Die Mitteilung des österreichischen Botschafters, den Herr v. Jagow selbst als „recht gealtert“ und von Wien aus schlecht informiert schildert[41], war gerade in dem Punkt, auf den es hier ankommt, falsch. Das Ultimatum wurde plangemäß nicht am Morgen, sondern am Abend des 23. Juli um 6 Uhr in Belgrad überreicht. Das wußten aber Herr v. Bethmann und Herr v. Jagow aus den Berichten des sehr gut informierten Herrn v. Tschirschky, ihres eigenen Botschafters in Wien, ganz genau und also besser als der senile und erfahrungsgemäß schlecht informierte Graf Szögyeny, der auch tatsächlich, nach dem österreichischen Rotbuch zu schließen, von seiner Regierung über die Stunde des Ultimatums nicht unterrichtet worden ist. Ja, die Stunde der Überreichung war sogar auf Betreiben des Herrn v. Jagow selbst von 5, wie es Wien geplant hatte, auf 6 Uhr verschoben worden. Das Telegramm des Herrn v. Jagow, durch welches die Wiener Regierung darauf aufmerksam gemacht wurde, daß, wenn das Ultimatum in Belgrad um 5 Uhr nachmittags überreicht werden würde, die Nachricht noch vor der Abreise Poincarés in Petersburg bekannt werden könnte, wurde in Berlin am 22. Juli um 6 Uhr 5 Min. Nachm. dem Telegraphenamt übergeben[42]. Herr v. Jagow nahm also an, daß die auf dieses Telegramm hin zu ändernde Disposition der Wiener Regierung noch rechtzeitig deren Gesandten in Belgrad erreichen würde. Ein eine oder zwei Stunden später abgesandtes Telegramm wegen Milderung der Note hätte also auch noch rechtzeitig ankommen können. Jedenfalls konnte Herr v. Jagow, der noch um 6 Uhr 5 Minuten nachmittags gewußt hatte, daß die Überreichung des Ultimatums für Donnerstag 5 Uhr nachmittags geplant war, dieses Datum um 7 Uhr nachmittags, als ihm Graf Szögyeny das Ultimatum überbrachte, noch nicht vergessen haben. Überdies erhielt er, wie er erzählt, unmittelbar nach dem Besuch Szögyenys ein zweites Exemplar des Ultimatums von Herrn v. Tschirschky mit einem Briefe, in dem dieser ausdrücklich schrieb, daß das Ultimatum am Donnerstag nachmittag in Belgrad übergeben werden solle[43]. Da ist es doch ein starkes Stück, daß Herr v. Jagow sich jetzt nachträglich darauf ausredet, daß er dem Grafen Szögyeny geglaubt habe, das Ultimatum sollte schon am Morgen des 23. überreicht werden. Er und Herr v. Bethmann haben es besser gewußt als der jederzeit schlecht unterrichtete Graf Szögyeny. Ihre bessere Sachkenntnis verschweigen aber die Herren Reichskanzler und Staatssekretär a. D. jetzt in ihrem durch ihre republikanischen Nachfolger so schwer getäuschten Vertrauen auf das Geheimnis des Staatsarchivs und verstecken sich hinter der falschen Information des Grafen Szögyeny. Aber selbst, wenn die Information des Grafen Szögyeny richtig gewesen wäre, hätten sie von 8 Uhr abends bis zum nächsten Morgen, der ja doch für diplomatische Aktionen vor 10, 11 Uhr nicht beginnt, noch mehr als 12 Stunden Zeit gehabt, um die von ihnen beklagte Schärfe des Ultimatums mildern zu lassen — für Herren, die acht Tage später der russischen Regierung mitten in der Nacht ein zwölfstündiges Ultimatum gestellt haben, im Zeitalter der Telegraphen und Telephone Zeit genug zu einigen stilistischen Änderungen, und um so mehr Zeit, wenn man den den beiden Herren wohlbekannten richtigen Termin der Ultimatumsüberreichung, 6 Uhr abends, berechnet, bis zu dem sie 24 Stunden Zeit gehabt hätten, dem Grafen Berchtold einen Rat zu erteilen.

Welche Heuchelei liegt in der nachträglichen Verteidigung von Reichskanzler und Staatssekretär! Herr v. Bethmann sucht in seinem Rechtfertigungsbuch zu beweisen, daß es die richtige Politik der Berliner Regierung war, „daß Österreich das serbische Ultimatum ohne unsere vorherige Kenntnis und ohne Billigung seines Wortlauts und aller seiner Einzelheiten habe erlassen dürfen“, „denn von Inhalt und Form eines einmal ausdrücklich gebilligten Ultimatums hätten wir uns nicht wieder loslösen, wir hätten dann die ganze Vermittlungsarbeit nicht verrichten können ...[44]“, und auf der nächsten Seite seines Buches berichtet er zustimmend, daß Herr v. Jagow Herrn v. Szögyeny bei der Überreichung des Textes des Ultimatums „sein Befremden ausgesprochen“ habe, „daß uns durch die späte Notifizierung jede Möglichkeit genommen sei, zu einem so wichtigen Dokument Stellung zu nehmen“. Welche doppelte und dreifache Heuchelei! Erstens erklärt es doch jetzt nachträglich Herr v. Bethmann als seine vorbedachte Politik, zu dem Ultimatum im voraus keine Stellung zu nehmen. Zweitens hat er, bezw. sein Staatssekretär, dazu im voraus Stellung genommen, denn sie haben, wie gezeigt, schon aus den Berichten des Herrn v. Tschirschky vom 8. und 10. Juli erfahren, welche schwere Forderungen in der Hauptsache Graf Berchtold an Serbien zu stellen gedenkt, und vor allem, daß es sich dem Grafen Berchtold darum handle, Forderungen zu stellen, „die Serbien eine Annahme völlig unmöglich machen würden“, Graf Berchtold hat sie gleichzeitig fragen lassen, „wie man in Berlin darüber denke[45]“, ihnen war also in der Zeit zwischen dem ersten Bericht über die Berchtoldschen Forderungen, 8. Juli, und der Überreichung des Textes des Ultimatums, 22. Juli, durch die oben bereits erwähnten späteren und genaueren Berichte der deutschen Botschaft in Wien über die Berchtoldschen Forderungen Gelegenheit genug und übergenug gegeben, ihre Schärfe zu mildern, wenn sie es gewollt hätten.

Aber sie haben es nicht gewollt, sie haben Österreich zum Krieg gegen Serbien verhelfen wollen und was sie nun nachträglich gegen die allzu große Schärfe des Ultimatums sagen, ist windige Ausrede. Ein Ultimatum, welches unannehmbar sein soll, kann gar nicht „zu scharf“ und „über den Zweck hinausgehend“ sein. Der Zweck des Ultimatums war doch der Krieg. Gibt es noch einen über diese „ultima ratio regum“ hinausgehenden Zweck im Verkehr der Staaten? Wie kann Herr v. Jagow den Lesern seines Buches solchen Unsinn zumuten? Er kann dies nur im Vertrauen darauf, daß die Leser seines Buches die geheimen diplomatischen Akten nicht kennen, aus welchen hervorgeht, daß der Zweck des Ultimatums der Krieg war, und daß Herr v. Jagow wie Herr v. Bethmann um diesen Zweck schon seit dem 5. Juli, an dem Kaiser Wilhelm das Handschreiben Franz Josephs erhalten hatte, gewußt hatten und der Wiener Regierung bei ihrer diplomatischen Vorbereitung des Ultimatums — bis auf die Formulierung der Forderungen — jeden erdenklichen Rat und jede Unterstützung hatten angedeihen lassen. Herr v. Bethmann verrät übrigens selbst seine und seines Kollegen Unaufrichtigkeit. Unmittelbar, nachdem er die neu erfundene Fabel erzählt hat, daß er und Jagow das Ultimatum zu scharf gefunden haben, auf derselbe Seite seines Buches[46] fällt er in seinen alten, wahren, brutalen Gedankengang der Gewaltpolitik zurück, indem er die Frage aufwirft: „War nun das Ultimatum zu scharf?“ und darauf antwortet, Österreich mußte „scharf zupacken“, sonst „hätte man besser die Hände in den Schoß gelegt“. Herr v. Bethmann ist wie eine Köchin, die sich am Sonntag zum Ausgang Schminke auflegt, sie aber nicht verträgt und sie auch wieder wegreibt, ehe sie noch das Haustor verlassen hat. Da ist sein Kollege Jagow doch schon mehr von der Kultur beleckt. Der läßt sich beim — Schminken nicht so leicht erwischen.

Hätten übrigens die Herren v. Bethmann und v. Jagow wirklich damals das Ultimatum für zu scharf gehalten und wären sie nur durch Zeitmangel verhindert worden, eine Milderung in Wien noch vor der Überreichung durchzusetzen, so hätten sie auch nach der Überreichung genug Gelegenheit dazu gehabt. Von ihrer eigenen Initiative ganz abgesehen, telegraphierte ihnen schon am 24. Juli der deutsche Botschafter in London, Fürst Lichnovsky, daß der englische Staatssekretär Sir E. Grey „den Ton der Note wie die kurze Befristung beklage“. Diese Meldung geben sie wohl, da Grey es ausdrücklich wünschte, nach Wien weiter, aber ohne Greys Vorschlag zu unterstützen, im Gegenteil, mit dem dem kriegstollen Wiener Kabinett die Ablehnung förmlich suggerierenden Beisatz des Herrn v. Jagow: „Ich glaube nicht, daß Fristverlängerung möglich wäre“, was die Wiener Regierung natürlich sofort bestätigt. Die Frage des Tons der Note übergeht er ganz mit Stillschweigen[47]. In seinem Buche behauptet aber Herr v. Jagow schlankweg, daß er den Antrag einer Fristverlängerung „in Wien unterstützt“ habe[48]. Sehr mutig im — Behaupten ist Herr v. Jagow — vor der Publizierung der deutschen Dokumente gewesen! Doch weiter! Am 26. Juli telegraphiert der deutsche Botschafter in Petersburg, Graf Pourtalès, Sasonow „sucht nach Auswegen“, „gegen eine Reihe von Punkten des Ultimatums hat der Minister Bedenken, über einige andere Punkte, sagte mir der Minister, könnte man sich vielleicht durch Änderung der Formen der Forderungen einigen; es handle sich vielleicht nur um Worte“. Pourtalès macht dann selbst den Vorschlag, das Berliner Kabinett möge „mit Österreich-Ungarn unverzüglich Fühlung nehmen, um seine Forderungen in der Form etwas zu mildern[49]“. Herr v. Jagow hat dieses Telegramm, dem Amtsschimmel entsprechend, den deutschen Botschaftern in Wien und London mitgeteilt. Daß es auch der Wiener Regierung zur Kenntnis gebracht worden wäre, ist nach den jetzt vollständig publizierten Wiener und Berliner Akten nicht anzunehmen. Jedenfalls hat Herr v. Jagow dem Herrn v. Tschirschky keinen Auftrag erteilt, im Sinne der Vorschläge von Sasonow und Pourtalès „mit Österreich-Ungarn unverzüglich Fühlung zu nehmen“.

Berlin hatte ebenso wie Wien angenommen, daß Serbien die gepfefferten Forderungen Österreich-Ungarns einfach ablehnen werde, sie waren ja, wie Graf Hoyos dem Prinzen Stolberg sagte, absichtlich so formuliert, daß „ein Staat, der noch etwas Selbstbewußtsein und Würde hatte, sie unmöglich annehmen konnte“. Die Serben aber nahmen diese horrenden Forderungen, bis auf zwei, an und verdarben dadurch der Wiener Regierung das Konzept. Die Mitglieder der österreichisch-ungarischen Botschaft in London waren, wie Fürst Lichnovsky berichtete, beim Bekanntwerden der Antwort Serbiens „geradezu niedergeschmettert[50]“. Das war auch die Stimmung der Herren am Ballplatz. Sie hielten deswegen die Antwort Serbiens geheim und veröffentlichten sie erst, nachdem sie sie durch einen perfiden Kommentar in so ziemlich das Gegenteil umgelogen hatten. Selbst ihrem Berliner Bundesgenossen wagten sie die serbische Antwortnote nicht ohne diese pervertierenden Zusätze eigener Mache vorzulegen. Noch am 27. Juli muß der Reichskanzler dem Kaiser berichten, daß er den Wortlaut der serbischen Note, die am 25. der österreichisch-ungarischen Regierung übergeben worden war, noch nicht erhalten konnte.[51] Herr v. Jagow telegraphiert dem Herrn v. Tschirschky am 27. vormittags, er möge den Text der serbischen Antwort umgehend nach Berlin drahten[52]. Herr v. Tschirschky erbittet sofort am Ballhausplatz „persönlich dringend“ den Text, er erhält ihn aber erst in der Nacht vom 27. auf den 28. mit den „erläuternden Bemerkungen“ der österreichisch-ungarischen Regierung zugestellt. Inzwischen hatte der serbische Gesandte bereits am Nachmittag des 27. Juli den Text der serbischen Antwortnote der Berliner Regierung überreicht, die ihn dem Kaiser weitergab. Auf den Kaiser, der sie am 28. früh in dieser serbischen Ausgabe las, machte die serbische Antwort offenbar auch einen gewissen „niederschmetternden Eindruck“, so sehr, daß er, der bis dahin in unflätigen Randnoten immer nur gegen die serbischen „Räuber“ und „Fürstenmörder“ zum Krieg gehetzt hatte, jetzt den Text der Antwortnote bloß mit einer gegen die Wiener Politik gerichteten Randnote versieht: „Damit fällt jeder Kriegsgrund fort, und Giesl hätte ruhig in Belgrad bleiben sollen! Daraufhin hätte ich niemals Mobilmachung befohlen[53]!“ Eine scharfe Wendung gegen den Kaiser von Österreich. Doch begnügt sich der Kaiser nicht mit dieser Randbemerkung. Die Sache ist ihm zu wichtig. Um 10 Uhr vormittags setzt er sich an den Schreibtisch, um einen ausführlichen Erlaß an Herrn v. Jagow niederzuschreiben, in welchem er bereits einen positiven Vorschlag entwickelt, um der durch die unerwartete Nachgiebigkeit der Serben geschaffenen neuen Situation Rechnung zu tragen. Er wiederholt in dem Erlaß seine Ansicht, daß nunmehr „die Wünsche der Donaumonarchie erfüllt sind“ und „jeder Grund zum Kriege entfällt“. (Dies im Original unterstrichen.) Aber die Einhaltung der serbischen Versprechungen müßte durch „douce violence“ gesichert und auch die österreichische Dynastie gegen die üblen Nachwirkungen der dritten zwecklosen Mobilisierung der Armee geschützt werden. Zu diesem Zwecke sollte Österreich Belgrad besetzen und so lange als Faustpfand besetzt halten, „bis tatsächlich die petita durchgeführt sind“. In gleichem Sinn läßt der Kaiser an den Generalstabschef Grafen Moltke schreiben[54]. Ein lichter Moment in dem irrsinnigen Gerede, mit dem der Kaiser nach wie vor die großen und so folgenschweren Ereignisse dieser Zeit in den Akten begleitet!

Wir werden später sehen, wie diese vernünftige Anregung des Kaisers von seinen Ministern aufgenommen und ausgeführt worden ist. Wie die serbische Antwortnote auf sie gewirkt hat, davon schweigen die Herren v. Bethmann und v. Jagow in ihren Büchern, sie erwähnen die serbische Antwort gar nicht. Aber daß sie auch ihnen als befriedigend erschienen ist, beweist ein dringendes Telegramm des Reichskanzlers vom 28. Juli an Herrn v. Tschirschky, in welchem er von dem „weitgehenden Entgegenkommen“ Serbiens ausgeht und die Gefahr schildert, die Deutschland droht, wenn es auch weiterhin gegenüber den inzwischen von anderen Kabinetten ausgearbeiteten Vermittlungsvorschlägen seine bisherige „Zurückhaltung“ bewahrt[55]. Am 30. Juli stellt er in der Sitzung des preußischen Staatsministeriums fest, „daß die serbische Antwort bis auf geringe Punkte den österreichisch-ungarischen Desiderien tatsächlich zugestimmt habe[56]“. Was aber denselben Reichskanzler, der sich gelegentlich im intimen Kreise über des Grafen Berchtold „Politik mit doppeltem Boden“ entrüstet[57], nicht hindert, zwei Tage später dem Bundesrat in der feierlichen Kriegssitzung vom 1. August zu erzählen, daß Serbien „wichtige Forderungen abgelehnt“ hätte[58], und nach all dem perorieren die Herren v. Bethmann und v. Jagow gegen die „Kriegshetzer“ Grey und Sasonow und wollen sich selbst als die Hüter des Friedens aufspielen!