Jedoch ist ein anderer Weg der Einführung nicht ausgeschlossen. Die Einwölbung des Bamberger Westchores ist ein Werk französischer Frühgotik aus den dreißiger Jahren des 13. Jahrhunderts und hat mit Ebracher Baukunst, als deren Werk oben der übrige Teil des Westchores bezeichnet wurde, nicht das geringste gemein. Im Gegenteil weisen verschiedene Spuren darauf hin, daß die Einwölbung von dem nämlichen Meister geleitet wurde, nach dessen Plänen auch die Westtürme ihre charakteristische Gestalt erhielten. Die beiden Westtürme wurden nach dem Muster der Türme der Kathedrale von Laon gebaut, und diese, das letzte bedeutendste Bauwerk der nordfranzösischen Frühgotik, dessen Vollendung in die Zeit vor 1226 fällt, scheint denselben Anteil an St. Sebald wie die Kathedrale von Langres und die Vorhalle von Cluny zu haben. Ein bestimmtes Ergebnis dürfte natürlich erst durch eine eingehende, die erwähnten Punkte besonders berücksichtigende örtliche Untersuchung jener Bauten zu erzielen sein. Vorerst jedoch hat die Vermutung viel für sich, es gingen die nahen verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen Bamberg und Laon zuletzt auch auf eine Vermittlung von Ebrach zurück und liege so für die Einführung französisch-frühgotischer Elemente in St. Sebald eine durch Ebrach bewirkte Verschmelzung von Einflüssen der beiden angrenzenden Gegenden Burgund und Champagne zugrunde. —
Bamberg und Ebrach teilen sich in ihre Ansprüche auf die Gestaltung der Kirche St. Sebald. Konstruktion und System fallen Ebrach, Plananlage und Außenbau Bamberg, Ornamentik und Dekoration beiden zu. Man sollte glauben, daß die Wage sich dorthin, von wo Konstruktion und System entlehnt wurden, neigen müsse. Keineswegs. Der Baumeister von St. Sebald hat nie vergessen, daß er eine Pfarrkirche und nicht eine Klosterkirche zu bauen hatte. Das Programm der Zisterzienser lautete auf Verzicht von Krypten, St. Sebald birgt deren zwei, und eine reiche Verwendung plastisch-dekorativer Details wird noch durch die ebenfalls von den Zisterziensern verschmähte Polychromie besonders hervorgehoben. Durch die Kreuzung zweier so grundverschiedener Einflüsse wie die von Bamberg und Ebrach zählt St. Sebald nicht zu den gewöhnlichen Durchschnittsbauten des deutschen Übergangsstiles, sondern nimmt eine besondere Stellung ein. Freilich mußte darunter der einheitliche Charakter des Baues leiden. Einheitlich ist das Innere, einheitlich scheint auch der Außenbau, wenn wir von den Strebebögen absehen, gewesen zu sein; aber nach Ansicht des Außenbaues vermutet man beim Eintritt in das Innere nie und nimmer französische Frühgotik. Außenbau und Innenbau decken sich nicht. Und eben weil der Baumeister eine organische Verschmelzung beider nicht oder vielmehr noch nicht erreicht hat, muß der Bau den spätromanischen Bauten und darf nicht den frühgotischen Bauten eingereiht werden. Es hat sich in Deutschland nirgends aus der Vereinigung des spätromanischen Stiles mit französischen frühgotischen Elementen eine eigene Gotik herausgebildet. Die Gotik mußte als fertiges Ganzes von Frankreich herüber gebracht werden; erst dann konnte man in Deutschland gotisch bauen.
Fußnoten:
[I] Siehe Beilage 2.
[II] Dr. Hoffmann ist zwar der Ansicht, daß die Nennung der beiden Patrone der Kirche in der Urkunde vom 1. Oktober 1256 die Fertigstellung der beiden ihnen geweihten Chöre, also auch des Westchores, bereits voraussetze, somit der Tenor der Urkunde gegen die oben geltend gemachte Auffassung spreche. Die mit der Überarbeitung des Manuskriptes betraute Kommission konnte sich indessen dieser Ansicht um so weniger anschließen, als der Ablaßbrief vom 17. August 1274 deutlich von einer am 9. September 1273 stattgehabten Einweihung von Chor und Altar der Sebalduskirche berichtet. Dieses Datum (1273) mit baulichen Veränderungen anderer Art, die eine neue Weihe notwendig gemacht hätten, in Zusammenhang zu bringen, wie es Dr. Hoffmann wollte, schien der Kommission nicht angängig. Die das Innere der Kirche wenig berührenden baulichen Veränderungen, die Dr. Hoffmann im Auge hatte, nämlich der Ausbruch größerer Fenster und eine mutmaßliche Veränderung der Dachform beim Westchor, boten zu einer Neueinweihung sicherlich keine Veranlassung.
[III] Siehe Beilage 4
II.
Die gotische Bauperiode.
1. Die Erweiterung der Seitenschiffe und die Umbauten am Querschiff und Westchor. 1309–1361.
Am 14. Februar des Jahres 1309 erschien Friedrich Holzschuher, Gotteshauspfleger von St. Sebald, vor dem Schultheißen Siegfried von Kammerstein und den Schöffen der Stadt, um im Auftrage des Rats den Verkauf eines zum Kirchenvermögen der Sebaldkirche gehörigen Hauses „vor der badstuben bi dem fleischpenken“ an Herdegen Holzschuher und dessen Erben verbriefen zu lassen. In der vom Gericht ausgefertigten Kaufsurkunde ist der Zweck der Veräußerung jenes Hauses bei den Fleischbänken ausdrücklich angegeben: „swȧ daz wer durch des neuen poues wegen an sante Sebol[t]s kirchen, daz man den dest baz mȯcht volbringen an den apseiten“.[IV]
In der Literatur ist gewöhnlich als Grund für diese Bauveränderung der schlechte Zustand der Seitenschiffe bezeichnet, ja es wird sogar eine gefahrdrohende Baufälligkeit als unmittelbarer Anlaß vermutet.[15] Es ist nicht ersichtlich, wie vom ganzen romanischen Bau gerade die Seitenschiffe hätten schadhaft werden sollen, während alles übrige völlig intakt geblieben wäre.
Noch immer war damals die Sebaldkirche wie zur Zeit ihrer Gründung die einzige Pfarrkirche von Nürnberg. Denn soweit auch der für den südlichen Sprengel der Stadt bestimmte, im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts begonnene Bau von St. Lorenz gediehen sein mochte, er scheint zu Beginn des 14. Jahrhunderts noch nicht dem Gottesdienst übergeben worden zu sein. Zudem hatte sich Nürnberg im 13. Jahrhundert gewaltig entwickelt. Schon vor Mitte desselben wurde mit der zweiten Ummauerung begonnen, welche nicht nur das bisherige befestigte Gebiet zwischen Burg und Pegnitz westlich und östlich vergrößerte, sondern auch einen beträchtlichen südlich der Pegnitz gelegenen Teil mit in das Stadtbild hereinnahm. Die Mauerzüge sind heute noch deutlich zu erkennen, der Weiße Turm und der Laufer Schlagturm sind Überreste dieser Befestigung.[16] Der Rückschluß auf den Zuwachs der Bevölkerung und Pfarrgemeinde läßt die Notwendigkeit einer Erweiterung der Pfarrkirche deutlich erkennen.
Der Wortlaut der Urkunde steht dieser Annahme nicht entgegen. Denn von dem Zweck des Umbaues ist gar nicht die Rede. Es heißt schlechthin: wegen des neuen Baues bei St. Sebald ist der Hausverkauf notwendig geworden. Die Vermutung liegt nahe, daß der Bau, als der Verkauf jenes Anwesens durchgeführt wurde, schon seit einiger Zeit im Gange war und daß die nun gewonnenen Geldmittel zu einer reicheren Ausstattung des Baues verwendet werden sollten: daß man ihn desto besser möchte vollbringen.
Anlage. Die um 1309 durchgeführte Erweiterung der Seitenschiffe (Abb. 19) besteht vor allem darin, daß die Mauer derselben bis auf die Breite des Querschiffes hinausgeschoben worden ist. Der Raumgewinn ist ein ganz bedeutender, denn die Bodenfläche der jetzigen Seitenschiffe beträgt fast das Doppelte der alten. In vertikaler Richtung hat man ebenfalls an Raum gewonnen, denn durch die größere Breite ist naturgemäß ein höheres Gewölbe bedingt worden.[17] Eine besondere Schwierigkeit hat sich dem Neubau nicht in den Weg gestellt. Zu erwägen war nur, was mit den beiden Paaren von Strebebögen, welche die mittlere Gewölbepartie des Langhauses stützten, anzufangen sei. Man hatte bei der kräftigen Konstruktion des romanischen Mauerwerkes wahrscheinlich bald die Entbehrlichkeit dieser Bögen erkannt und sie ohne jeglichen Ersatz beseitigt. Bedenken machte ferner die Lösung der Dachfrage. Die Erhöhung des Gewölbes brachte auch eine Erhöhung des Daches mit sich, wollte man für den Dachstuhl die für den Wasserablauf günstige und zur damaligen Zeit beliebte steile Form wählen. Allein man fürchtete eine Einbuße an Licht, weil die Fenster der Hochwand in ihrem unteren Drittel hätten zugedeckt werden müssen, und entschied sich beim nördlichen Seitenschiff für Kapellen- oder Giebeldächer, von welchen jedes einem Gewölbe entsprach. Um eine Benützung der romanischen Triforien während des Gottesdienstes auch weiterhin zu ermöglichen, wurden Treppenläufe innerhalb der Gewölbetrichter angelegt. Der First der Kapellendächer lief wagerecht, berührte also die Hochwandfenster nur an ihrer Sohle, und zwischen den Dächern lagen schräg nach außen dreieckförmige Dachzwickel, deren Rinnen neben den neuen Strebepfeilern in Wasserspeier endeten. Beim südlichen Seitenschiff sind die Kapellendächer nicht nachzuweisen. Hier scheint ein Pultdach, welches in die Mittelschiffenster einschnitt, vorhanden gewesen zu sein.
Gewölbe. Das vierteilige Kreuzgewölbe ist auch bei dem Neubau beibehalten worden, ebenso die Höhe der äußeren Kämpferlinie. Es ist ein Rippengewölbe ohne Stelzung und mit wagerechtem Scheitel. Die Stärke der Gurte unterscheidet sich nicht von der Stärke der Rippen; selbst in der Profilierung ist nur ein kleiner Unterschied bemerkbar: während dort auf Sockel und Hohlkehle eine ebenfalls gekehlte Rippe aufgesetzt ist, folgt hier ein herzförmiger Stab. Die Schlußsteine zeigen überaus reichen und anziehenden, teils figuralen, teils ornamentalen plastischen Schmuck. Die Wandpfeiler sind rund, gleichsam als Halbsäulen gedacht. Die Kapitäle gliedern sich in zwei Hälften: die untere hat zwei Kränze übereinander, die obere zwischen zwei polygonen Plinten einen Laubkranz.
Fassade. Durch die zur Stütze der Gewölbe erforderlichen Strebepfeiler ist die Fassade der Seitenschiffe von selbst gegliedert. Vier Jochwände sind mit Fenstern durchbrochen, eine, und zwar beiderseits die zweite von den Türmen an gerechnet, enthält ein Portal, dessen Körper vor die Mauerflucht bis auf die Tiefe der Strebepfeiler heraustritt. Über dem Portalkörper ist in der Mauer ein kleineres Fenster. Ein belebendes Moment bilden beim nördlichen Seitenschiff die Wimperge über den Fenstern und die den horizontalen Mauerabschluß bekrönende Galerie, so daß mit den Fialen der Streben ein abwechslungsreiches Bild entsteht. Im übrigen hat die Mauer der Fassade die an gotischen Bauten übliche Gliederung.
Strebepfeiler. Der zweifach abgestufte Mauersockel setzt sich auch um die Strebepfeiler fort. Ebenso das Kaffgesims. In halber Höhe beginnt die bis zum Schluß sich steigernde architektonische Belebung, welche zunächst darin besteht, daß sich an den drei Seiten ebensoviele Giebelgesimse mit Krabben und Kreuzblumen anlehnen. Über denselben ein Zinnenkranz. Der obere Teil endigt mit je einem mit Kreuzblumen und Krabben geschmückten Giebel, darunter zweiteiliges Blendmaßwerk. Den Abschluß bildet eine krabbengezierte Pyramide mit Kreuzblume.
Bei den Strebepfeilern, welche die Portale flankieren, treten die oberen Teile zurück. Der dadurch ausgesparte Raum an der Vorderseite ist zur Aufnahme von Statuen bestimmt, wie die Baldachine andeuten. Es soll damit wahrscheinlich eine einheitliche Komposition dieser Wand als Portalwand betont sein.
Fenster. Die Breite der Fenster ist ungleich. Das Fenster in der letzten an das Querhaus anstoßenden Jochwand mußte mit Rücksicht auf den in das neue Mauerwerk mit hereingenommenen romanischen Strebepfeiler schmäler ausfallen als die übrigen. Hingegen wurde das Fenster in der an die Türme anstoßenden Jochwand mit Absicht breiter gestaltet, nämlich um mehr Licht in dem dunkeln Winkel bei den Türmen zu gewinnen. Daß dieses Fenster erst später seine jetzige Breite erhalten hätte, ist bei der genauen Übereinstimmung der Profilierung seiner Leibung nicht möglich. Überall ist die Leibung durch zwei Hohlkehlen gegliedert, welche durch einen im Profil birnförmigen Stab geschieden sind, während die äußere Kante ein Rundstab begleitet. Auch die Maßverhältnisse stimmen überein. Während die beiden östlichen Fenster Drei- und Vierteilung mit je drei Gruppierungen aufweisen, sind jedoch die Maßwerke der westlichen Fenster mehrfach gruppiert bei teilweiser Verwendung von halbrunden Bögen anstatt der Spitzbögen (Abb. 21 und a, b, c).
Ornamente. Beim nördlichen Seitenschiff ist die Galerie des Daches eine Neuschöpfung der letzten Restaurierung, zu der nur spärliche Anhaltspunkte vorhanden waren. Im Gegensatze hierzu bedurfte die Galerie des Portales nur einer Ergänzung; sie ist durch fünf freistehende und zwei Wandpfosten geteilt, welche schlichtes Maßwerk einschließen. Beim südlichen Seitenschiff fehlen sowohl die Wimperge über den Fenstern wie die abschließende Galerie.
Portale. Die beiden Portale sind bis auf die Galerie, welche am Portal des südlichen Seitenschiffes (Abb. 20) fehlt, vollständig gleich in der Anlage. Das Gewände ist in je vier Abstufungen aufgelöst, deren Kanten durch Stäbe gegliedert sind und in deren Ecken ebensoviele Säulen stehen. Die Säulen bestehen aus je vier Einzelsäulen, sind also gleichsam Säulenbündel. Dieselbe Gliederung setzt sich in Basis und Kapitäl fort. Die Basen ruhen auf Würfelsockeln und diese ihrerseits auf einem glatten Postament. Die trichterförmig sich erweiternden Kapitäle haben bald figürlichen, bald ornamentalen Schmuck; ihre Platten sind durch eine Hohlkehle gegliedert und bilden das Hauptgesims. Der Bogen hat eine dem Gewände entsprechende Gliederung.
Mauerwerk. Das Mauerwerk der Fassademauer besteht aus Werksteinen, das der Gewölbe aus Bruchsteinen in Mörtelbettung.
Der eben in seinen Einzelheiten beschriebene Bau der Seitenschiffe von St. Sebald gehört nach der stilistischen Seite noch in die Periode der Hochgotik. Er weist in der ganzen Anlage, in der Verteilung der Massen, in den Proportionen, in der Art der Ausschmückung, in der Ornamentik selbst alle Vorzüge derselben auf.
Der Meister, dessen Persönlichkeit festzustellen uns bis jetzt nicht gelungen ist, stammte zweifellos aus einer der ersten damaligen Schulen, und zwar aus einer Schule, in welcher die Gotik nicht mehr als französische Anleihe, sondern bereits als deutsches Eigentum behandelt wurde.
Vielleicht kann ein in den ersten noch romanischen Strebepfeiler der ehemaligen nördlichen Querschiffwand nachträglich eingesetztes männliches Bildnis als Porträt dieses Meisters angesprochen werden.
Stilkritische Würdigung. Die bau- und kunstgeschichtlichen Beziehungen der Seitenschiffe zur allgemeinen Entwicklung nachzuweisen, ist nicht leicht. Daß bei den günstigen Maßverhältnissen, bei dem Reichtum des Aufbaues und bei der künstlerischen Ausführung der belebenden Ornamente ein Zusammenhang mit einer einflußreichen Bauschule Deutschlands bestanden hat, versteht sich ja von selbst. Allein die vermittelnden Bindeglieder fehlen, welche an den Ausgangspunkt führen. Zweifellos würden die Bauten der vier Bettelorden, die sich seit den zwanziger Jahren des 13. Jahrhunderts in Nürnberg ansiedelten, imstande sein, Aufschluß zu geben — wenn sie noch beständen. Erhalten ist nur die Barfüßerkirche, aber durch den Umbau im 17. Jahrhundert so verändert, daß ihr ursprüngliches Aussehen vollständig verschwunden ist. Auch mit den auf uns gekommenen Abbildungen der Bettelordenkirchen, meist Stichen des 17. und 18. Jahrhunderts, ist nichts anzufangen, sie sind in der Darstellungsweise zu sehr von dem Stilcharakter ihrer Zeit beeinflußt, als daß sie für eine kunstgeschichtliche Untersuchung in dieser Hinsicht in Frage kommen könnten. Freilich hatten die Kirchen der Bettelorden der Ordensregel entsprechend nirgends eine reichere Ausführung aufzuweisen, sodaß sie für eine direkte Beeinflussung stattlicher Pfarrkirchen überhaupt nicht von Belang sind. Nur indirekt können sie durch Grundrißanlage und Konstruktion des Aufbaues Fingerzeige bei Vergleichung bedeutender Bauten geben, was aber in dem vorliegenden Falle aus dem angeführten Grunde nicht mehr möglich ist.
Eine weitere Vermittlerrolle ist der Schwesterkirche St. Lorenz zugefallen, deren Erbauung in den siebziger Jahren des 13. Jahrhunderts begonnen hat. Auch sie hat wie St. Sebald später mehrere durchgreifende Veränderungen erfahren: 1403 eine Erweiterung der Seitenschiffe, 1439–1477 den Bau des neuen Chores. Mit der Erweiterung der Seitenschiffe im Jahre 1403 fielen die alten Mauern und die neuen wurden in die Flucht der Querschiffmauern hinausgerückt. Was vom Mauerkörper der alten Seitenschiffe noch besteht, zeigt indessen eine so nahe Verwandtschaft mit den Seitenschiffen von St. Sebald, daß der Gedanke, es sei der gleiche Meister an beiden Bauten tätig gewesen, sich unwillkürlich aufdrängt. War es doch wohl auch das Nächstliegende, zu den baulichen Veränderungen, die St. Sebald in dieser Epoche erfuhr, Werkleute der eben im Bau begriffenen neuen Pfarrkirche heranzuziehen. Der alte Bau von St. Lorenz seinerseits deutet in stilistischer Hinsicht auf die Schule von Freiburg. Die Bauzeit deckt sich ungefähr mit der des Langhauses vom Freiburger Münster und dehnt sich noch über dieselbe aus. Vor allem erinnert der ganze innere Aufbau an Freiburg, nur mit dem Unterschiede, daß die bei beiden bereits vorhandenen Reduktionserscheinungen an der Kirche St. Lorenz noch um einen Grad stärker eingegriffen haben: die Hochwand ist durch den Mangel des die vorausgegangene Epoche auszeichnenden Triforiums wieder eine wirkliche Mauer geworden, die Fensteröffnungen sind verringert. Die Säulenbündeln ähnlichen Pfeiler sind nahe verwandt. An den Kapitälen fehlt bei St. Lorenz fast durchgehends schon das Laubwerk. Die Raumwirkung ist hier günstig, während bei Freiburg die Rücksichtnahme auf ältere Bauteile die Raumverhältnisse wesentlich beeinträchtigt hat. In der Anlage der Fassade geht St. Lorenz auf das Straßburger Münster zurück, wie überhaupt bei den Wechselbeziehungen zwischen Freiburg und Straßburg die Einflüsse einer dieser Schulen stets mit denen der anderen gemischt sind.
Obwohl die Erweiterung der Seitenschiffe bei St. Sebald erst im Beginn des 14. Jahrhunderts in Angriff genommen wurde, sind hier die Reduktionserscheinungen relativ gering. So nehmen die Fenster die ganze Wandfläche ein, der ornamentale Schmuck ist noch reich. Dieser, die Pfeilerbildung, insbesondere die für Figuren bestimmten Nischen und Baldachine an den Pfeilern gemahnen an Freiburg. Dagegen wird die Frage der Herkunft der Fensterwimperge mit Freiburg nicht gelöst. Die Schönheit, welche in der fortlaufenden Abwechslung der bekrönenden Strebepfeilerfialen, Wimperge und Galerien liegt, hatte man im 13. Jahrhundert zu würdigen gewußt. Von Frankreich ausgehend, verbreitete sich dieses Motiv rasch über Deutschland. Alle bedeutenderen Bauten sind damit geziert. Zu den Reduktionserscheinungen im 14. Jahrhundert zählt auch der Verzicht auf die Wimperge, nur die Galerien wurden neben den Fialen beibehalten. Es ist anzunehmen, daß, wie bei St. Lorenz die ganze Anlage auf Freiburg und nur die Fassade auf Straßburg zurückgeht, so bei St. Sebald die Wimperge ebenfalls mittelbar oder unmittelbar eine Entlehnung vom Straßburger Münster bedeuten, wo sich dieselben nicht nur über Portalen und einzelnen Fenstern der Fassade, sondern im Verein mit Fialen und Galerien an den Seitenschiffen finden. Die Wölbung hinwiederum ist der im Freiburger Münster eng verwandt, hier wie dort Gewölbe mit wagerechtem Scheitel, während bei den Gewölben des Straßburger Münsters Busung und konkave Scheitellinien anzutreffen sind.
Der romanische Bau von St. Sebald war, so viele gotische Elemente er auch in sich aufgenommen hatte, in seinem Kern nur wenig berührt worden. Mit dem Umbau der Seitenschiffe dagegen hatte die Gotik in ihrer reifsten Form Ausdruck erhalten. Der gewaltige Umschwung, der sich während der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in der deutschen Baukunst vollzogen hatte, ist aus diesem Gegensatz deutlich zu erkennen: Anfangs- und Endstadium stehen nebeneinander. Dort der Ausgang einer Epoche mit deutlichen Anzeichen des neuen Stiles, hier bereits ein fertiges Produkt desselben; die Zwischenstufen fehlen. Allein so sehr beim romanischen Bau die importierten Elemente auf den Schauplatz hinweisen, auf welchem der gotische Stil zur Entwicklung gebracht worden ist, von französischer Gotik ist bei den Seitenschiffen nichts mehr zu finden. Hier gehört die Epoche der Rezeption der französischen Gotik auf deutschem Boden schon zur Vergangenheit, hier hat die Gotik deutsches Bürgerrecht erworben. Die Seitenschiffe stehen aber auch schon hart an der Grenze, jenseits welcher man zu reduzieren begonnen hat. Sie sind eine Schöpfung der Hochgotik mit allen Vorzügen derselben. Sie sind das Beste, was die gotische Baukunst in Nürnberg geschaffen hat.
Die Fensterausbrüche im Querschiff und Westchor. Die der Kirche durch die breiten neuen Fenster der Seitenschiffe zugeführte Lichtmenge war bedeutend und mußte den Wunsch erwecken, auch an anderen Wänden der Kirche die romanischen Fenster durch Ausbrüche zu verbreitern, um so mehr, als in bezug auf größere Lichtfülle die in der Vollendung begriffene St. Lorenzkirche zur Nacheiferung aufforderte. So sehen wir denn weiterhin an Stelle der romanischen Kreisfenster in den Querschiffwänden breite vierteilige Maßwerkfenster entstehen, von denen die Kämpferkapitäle jetzt noch vorhanden sind und zeigen, daß beim späteren Ostchorbau nur eine Verlängerung der schon vorhandenen Fenster stattgefunden hat.
Aus dem gleichen Bedürfnisse erwuchs schließlich auch die Umwandlung der romanischen Fenster in den drei mittleren Feldern des Westchores, die bis dahin, wie die noch vorhandenen seitlichen Fenster ausweisen, aus je zwei Öffnungen bestanden, in zweiteilige gotische Maßwerkfenster. Über die genauere zeitliche Reihenfolge dieser Fensterausbrüche läßt sich völlig Sicheres nicht feststellen.
Auf diese Weise hatte also der romanische Bau eine ganz veränderte Beleuchtung, nämlich die heute noch vorhandene, erhalten. Die ursprünglich gedämpfte und feierliche Lichtwirkung, die in den Schiffen und Chören der romanischen Kirche geherrscht hat, können wir uns nur mehr in der Vorstellung vergegenwärtigen.
Einen eigentümlichen Reiz muß in dieser Zwischenperiode die ganze Erscheinung der Kirche, namentlich das romanische Querschiff mit seinen gotischen Maßwerkfenstern, geboten haben.
Die neuen Portale am Querschiff. Im Zusammenhang mit diesen baulichen Veränderungen ist hier schließlich noch die Anlage zweier neuer Portale an den ersten Querschiffjochen zu erwähnen, die offenbar bereits dieser Bauperiode der Kirche angehört: das Brautportal (Taf. IV und Abb. 22 und 22a) im östlichen Joch des nördlichen Querschiffarmes zwischen den romanischen Strebepfeilern, zeigt ein reich profiliertes Gewände, innerhalb dessen die Statuen der klugen und törichten Jungfrauen auf Konsolen unter Baldachinen aufgestellt sind. Nach oben schließt das Portal mit einem Spitzbogen und darüber horizontal in rechtwinkeliger Form ab. In der Spitze des Bogens ist das Brustbild des segnenden Heilands, zu beiden Seiten sind die Statuen Adam und Eva angebracht. Das jetzt leere Tympanonfeld kann ehemals eine Skulptur, vielleicht aber auch nur ein Maßwerk enthalten haben.
Eine wirkungsvolle Zutat, die aber einen Teil der früheren Anlage verdeckt, erhielt das Portal ein paar Dezennien später durch den Vorbau eines reich ausgebildeten durchbrochenen Maßwerkes, neben dem zwei Statuen — rechts der hl. Sebald und links Maria mit dem Christuskinde — auf Konsolen und unter Baldachinen ihren Platz fanden.
Am südlichen Querschiffarme, ebenfalls zwischen den romanischen Strebepfeilern des westlichen Joches, wurde das Dreikönigsportal angelegt. In einfacherer Weise als beim Brauttor zeigt das Portal ein reich profiliertes Gewände und als Abschluß einen Spitzbogen, in dessen Tympanonfeld heute eine nach dem Innern der Kirche hin gerichtete Holzskulptur (Epitaphium der sel. Ebnerin) angebracht ist. Nach außen wurde zwischen den Strebepfeilern durch den Einbau eines Gewölbes mit profilierten Rippen eine Vorhalle geschaffen, an deren Wänden in Nischen auf vier Konsolen Maria mit dem Christuskinde und je einer der drei Weisen mit ihren Geschenken als Rundfiguren angebracht sind.
2. Der Ostchor. 1361–1379.
Der im Jahre 1309 begonnene Umbau der Seitenschiffe konnte, wenn auch die Kirche ungefähr 100 qm an Flächenraum gewann, nicht als eigentlicher Erweiterungsbau gelten. Es waren eben nur die Seitenschiffe, welche bei dem Besuch der Kirche während des Hauptgottesdienstes wenig in Frage kommen, erweitert worden, Mittelschiff und Chor waren geblieben, wie sie in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts angelegt waren.
Auf die Dauer genügte demnach die Kirche St. Sebald ihrer immer mehr anwachsenden Gemeinde nicht. Wir wissen ja, daß die Stadtgrenze in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts mit jenem Mauerzug bestimmt wurde, welcher im heutigen Stadtbild am Weißen Turm und dem Laufer Schlagturm noch deutlich zu erkennen ist, und daß noch vor der Mitte des folgenden Jahrhunderts diese Grenze auf den jetzigen Stadtgraben hinaus verlegt wurde, was doch in Anbetracht der kurzen Zeit zweifellos auf eine rasche Bevölkerungszunahme der Stadt und insbesondere der Pfarrei St. Sebald schließen läßt.[18][19]
Angesichts dieses starken Bevölkerungszuwachses konnte auch die in den Jahren 1355–1361 auf dem Markt erbaute Kapelle zu Unserer Lieben Frau keine Entlastung für die Kirche St. Sebald bedeuten.
Mitbestimmend für die notwendige Erweiterung der Kirche St. Sebald war wesentlich folgender Punkt.
Mit der Zunahme der Bevölkerung war auch Nürnbergs politische und kulturelle Bedeutung gestiegen.
Die außerordentlich günstige zentrale Lage des Ortes, seine Stellung als bevorzugte Reichsstadt, in der sich die deutschen Könige und Kaiser oft und lange aufhielten und die sie durch bedeutende Handels- und sonstige Privilegien auf alle Weise förderten, die große Gunst und Liebe, die besonders die beiden Kaiser Ludwig der Bayer und Karl IV. der Stadt angedeihen ließen, dann aber, und das war nicht weniger wichtig, die unerschöpfliche Arbeitskraft und Arbeitslust seiner Bevölkerung sowie die Intelligenz und der Unternehmungsgeist seiner Geschlechter und der übrigen bedeutenden Kaufmannschaft, hatte das Wachstum und die Blüte Nürnbergs so mächtig gefördert, daß es bereits um die Mitte des 14. Jahrhunderts in sonst kaum beobachteter rascher Entwicklung sich eine weltgeschichtliche Bedeutung errungen hatte. Es ist richtig, die Entwicklung Nürnbergs auf allen Gebieten, dem des Handels und der Gewerbe, der Kunst und der Wissenschaft, tritt zu keiner Zeit so deutlich und herrlich in die Erscheinung wie gegen Ende des 15. und im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts, wo eine auserlesene Schar hervorragender, ja einziger Kräfte auf dem Gebiete des Gewerbes, insbesondere des Kunstgewerbes in Nürnberg wirkten und, man möchte sagen, die Fürsten im Reiche der Kunst und des Kunsthandwerkes dieser einzigen Stadt ihren Glanz durch Jahrhunderte verliehen. Aber einen ersten bedeutenden Höhepunkt erreichte das Kunstleben der Stadt, entsprechend der bedeutenden Entwicklung, die das Gemeinwesen sowohl als auch die handelspolitische Bedeutung der Stadt genommen hatte, schon in der glanzvollen Epoche der gotischen Kirchenbauten. Da kann es denn nicht wundernehmen, daß man, als das Bedürfnis einer Erweiterung der Hauptpfarrkirche immer dringender hervortrat, an Stelle des Ostchors, für dessen Stilcharakter man kein Verständnis mehr hatte, und der auch den gesteigerten Ansprüchen viel zu bescheiden, ja armselig erscheinen mochte, einen stattlichen, dem modernen Geschmack angepaßten Neubau erstehen ließ.
Ende der fünfziger Jahre wurde bereits für den Neubau zu sammeln begonnen, wie zwei Ablaßurkunden vom 23. Februar und 21. September des Jahres 1358 beweisen.[20] 1360 wurde ein am Friedhof von St. Sebald gelegenes und dem Egidienkloster gehöriges Haus gegen ein zum Kirchenvermögen von St. Sebald gehöriges Anwesen umgetauscht, was wohl nur daraus verständlich wird, daß jenes Haus hart an der Friedhofmauer, in nächster Nähe des alten Ostchores lag und behufs Niederlegen von der Kirchenverwaltung von St. Sebald erworben werden mußte.[21] Im Sommer 1361 nahm man den Neubau in Angriff.[22] Daß Geld stets vonnöten war, besagt unter anderem der 1362 zur Förderung des Neubaues erteilte Ablaß.[23] Im Frühjahr 1364 war der Bau bereits weit vorgeschritten; der Pfarrer Albrecht Krauter, der sich um den Neubau seiner Kirche sehr verdient gemacht hat, stellte der Stadt einen Revers über die Nichterweiterung des Friedhofes aus, obwohl das Areal desselben durch den Neubau an Flächenraum erheblich eingebüßt hatte.[24] Eine Unterbrechung des Gottesdienstes scheint während des Baues nicht stattgefunden zu haben. So wurden bis zum Jahre 1365 Pfründen gestiftet und bestätigt, darunter 1364 eine Pfründe für den in der südlichen Seitenapsis stehenden St. Stephansaltar.[25] Vom Oktober 1365[26] bis zum Juli 1370[27] allerdings schweigen die urkundlichen Nachrichten, und erst in den folgenden Jahren hören wir wieder von Stiftungen für Altäre und zwar in erster Linie für Altäre, die ihren Standort im neuen Ostchor erhielten. Schon 1370 scheint der Neubau den Anschluß an die alte Kirche erreicht zu haben und auch eingewölbt gewesen zu sein, so daß die bisher in den drei Ostapsiden des romanischen Chores befindlichen Altäre nun neue Aufstellung finden konnten.[28] In der Zwischenzeit von 1365–1370 wurde der Hauptgottesdienst wahrscheinlich im Mittelschiff oder im Westchor abgehalten.
Von besonderem Interesse erscheinen zwei Urkunden, vom 3. Juli 1370 und vom 10. Juli 1379[29], nach deren Inhalt die Ostkrypta nicht, wie man annehmen könnte, beim Neubau eingefüllt worden wäre, sondern einstweilen noch fortbestanden hätte. Beide Schriftstücke, von welchen das erste die Bestätigung der Stiftung einer Pfründe für den Marienaltar enthält, das andere von einem Ablaß des Kardinals Pileus für den gleichen Altar handelt, bezeichnen ausdrücklich den Standort dieses Altares als in der Krypta befindlich. Diese Bezeichnung des Standortes muß indessen sehr auffällig erscheinen und ist nur schwer zu erklären, da ein Fortbestehen der Ostkrypta nach Vollendung des Neubaues technisch unmöglich war.
War schon im Jahre 1370 der Bau im Innern soweit vorgeschritten, daß der Gottesdienst in demselben aufgenommen werden konnte, so ging auch das Äußere rasch seiner Vollendung entgegen. Wie aus zwei im Stadtarchiv Nürnberg aufbewahrten Urkunden vom 15. Oktober und 20. Dezember des Jahres 1372[30] ersichtlich ist, war nämlich um diese Zeit der Außenbau vollendet und aller Wahrscheinlichkeit nach auch das Gerüst beseitigt, denn es wurden den ehemaligen Pächtern der Brotbänke am alten Ostchor nun neue Brotbänke an den Pfeilern des neuen Chores überlassen. Was den endgültigen Abschluß des ganzen Unternehmens noch hinausschob, wird wohl der Umstand gewesen sein, daß entweder verschiedene auf die Ausstattung und Einrichtung der Kirche abzielende Aufträge noch nicht erfüllt waren oder daß es nach dieser Richtung überhaupt an Auftraggebern und Stiftern eine Zeitlang gefehlt hat. Noch am 5. Juni 1379 erteilte der Kardinal Pileus einen Ablaß, weil die vorhandenen Mittel zur Vollendung der Kirche nicht ausreichten.[31] Am Sonntag nach Bartholomäus des Jahres 1379 endlich fand die feierliche Einweihung des neuen Ostchores statt, welcher im ganzen 24000 Goldgulden kostete.[32]
So war in verhältnismäßig kurzer Zeit — besonders wenn wir die Jahre 1361–1372 ins Auge fassen — ein mächtiges und herrliches Bauwerk geschaffen worden. Es läßt diese Tatsache wohl einen Rückschluß zu auf den Eifer, mit dem das Unternehmen begonnen und durchgeführt worden war, aber auch auf die Wohlhabenheit der Bürger, welche das Unternehmen nie hatte ins Stocken geraten lassen, was im Mittelalter, wo fast niemals ein größeres Bauwerk nach dem ursprünglichen Plane in wenigen Jahren zur Vollendung gelangte, zu den Seltenheiten gehörte.
Baubeschreibung. Der Ostchor von St. Sebald ist ein dreischiffiger Hallenbau mit Chorumgang. Unregelmäßigkeiten und Verschiebungen in der Grundrißbildung (Taf. V), wovon eingehend bei dem Abschnitt über Stilkritik die Rede sein wird, hatten zur Folge, daß die Anlage mit drei ungefähr gleich breiten Schiffen, wie sie im westlichen Joch, wo der Chor an das Langhaus anstößt, gegeben war, nicht genau durchgeführt werden konnte. Gleichwohl ist die quadratische Form der Gewölbefelder im allgemeinen beibehalten worden, so daß fast immer die Breite der Schiffe so ziemlich der Größe der Pfeilerabstände entspricht.
Der Abschluß des Binnenchores wird von drei Seiten des Achteckes gebildet. Im Chorumgang, dessen Außenwand aus sieben Seiten des Sechzehneckes besteht[33], wechseln vier dreieckige Felder mit drei rechteckigen Feldern ab. Das Gewölbe wird von zehn freistehenden Pfeilern getragen, dem Schub des Gewölbes nach außen begegnet die Wand mit 18 Strebepfeilern, an der Westwand entsprechen den Innenpfeilern zwei romanische Vierungspfeiler und an den Außenecken stehen zwei kleine Strebepfeiler.
Das verwendete Baumaterial ist rötlichgrauer Sandstein von ziemlich weicher Beschaffenheit aus den westlichen Ausläufern des Jura, für Steinmetz- und Bildhauerarbeiten vorzüglich geeignet, jedoch von geringer Widerstandskraft gegen die Unbilden der Witterung.
Für die Anlage des neuen Ostchores war die Breite des romanischen Querhauses maßgebend, von welchem verschiedene Teile mit in den Neubau aufgenommen wurden. Die Westwand und die beiden Seitenwände wurden mit ihren Pfeilern, Strebepfeilern und Diensten beibehalten. Dagegen wurden die östlichen romanischen Vierungspfeiler durch neue freistehende Pfeiler und die entsprechenden Strebepfeiler mit ihren Diensten ebenfalls durch neue ersetzt.
Zu den Anbauten und Nebenbauten gehören zwei Sakristeien: die größere an der Nordwand zwischen dem dritten und vierten Strebepfeiler, ein zweistöckiger Bau in rechteckiger Grundrißform, das untere Geschoß mit zweiteiligem Gewölbe, und die kleinere gegenüber an der Südwand, ebensolang, aber nur halb so breit wie die andere Sakristei und nur eingeschossig. Die südliche Sakristei war ursprünglich die Pankratiuskapelle. An die beiden Sakristeien schließt sich westlich je eine Kapelle an, zwischen zwei Pfeilern durch Einziehung derselben eingebaut; die nördliche derselben, von der Nürnberger Patrizierfamilie der Pfinzing gestiftet, wurde später durch Umbau in eine Empore verwandelt und führt jetzt den Namen Magistratschor, die südliche ist die Pömerkapelle.
Zwischen den beiden ersten Strebepfeilern an der Nordwand wie an der Südwand, also hart neben den beiden eben erwähnten Kapellen, führen die zwei schon früher vorhandenen Portale in den Chor, nördlich das Brautportal oder die „Ehtür“ und südlich das Dreikönigsportal. Die östlich der südlichen Sakristei befindliche kleine Türe, die sogenannte Schautüre, bestand damals noch nicht.[34] Die einzelnen Wandabteilungen werden von schlanken, gleich langen Fenstern durchbrochen; nur die Fenster in einigen westlichen Traveen, insbesondere das über der nördlichen Sakristei, haben eine Kürzung erfahren müssen.
Querschnitt und Aufriß (Taf. VI). Das Prinzip der Hallenkirche erfordert, wenn es rein zum Ausdruck kommen soll, bei den drei parallelen Schiffen nicht nur gleiche Spannweite, sondern auch gleiche Höhe. Letzterem Erfordernis ist am Ostchor von St. Sebald durchweg Rechnung getragen, und es konnte dies, eben weil die Schiffe so ziemlich gleiche Spannung haben, leicht geschehen; es war demnach weder eine schlanke, noch eine gedrückte Bildung der Wölbungslinien notwendig, und so mußten auch die Kämpfer, beziehungsweise Gewölbeanfänger gleiche Höhe erhalten. Ungleichheiten entstanden nur im östlichen Teile des Chores, wo zwar die Breiten der Wandabteilungen mit den Pfeilerabständen ungefähr übereinstimmen, aber beide nicht mit der Spannweite des Umganges. Gleiche Scheitelhöhe einerseits und gleiche Kämpferhöhe andererseits ist jedoch auch hier beibehalten worden, weshalb die Wölbungslinien das einemal eine gedrücktere, das anderemal eine spitzere Form annehmen. Eine kleine Unregelmäßigkeit hat sich ferner noch beim Ansatz des Gewölbes an die stehengebliebenen Wände, Pfeiler und Dienste des romanischen Querhauses ergeben. Es wurden nämlich die westlichen Vierungspfeiler mit ihren Diensten sowie die übrigen Dienste vollständig in den Neubau aufgenommen, also einschließlich der Kapitäle, nur an den beiden Pfeilern wurden die vorkragenden Gesimse weggeschlagen, was aber konstruktiv ohne Belang ist. Erst von den romanischen Kapitälen an beginnen die gotischen Gurt-, Rippen- und Schildbögen, oder richtiger gesagt: schon von den romanischen Kapitälen an; denn da das neue Gewölbe — nicht nur die Scheitel, sondern auch die Gewölbeanfänger — etwa 1·50 m höher liegt als das alte, so mußten die neuen Gewölbteile über den romanischen Stützen um diese Entfernung gestelzt werden. Dabei wurde für den ersten nördlichen Scheidbogen die Breite des romanischen Vierungspfeilers beibehalten, da dessen Breite der Stärke der übrigen Scheidbögen zufälliger Weise entsprach, die Breite des anderen Pfeilers dagegen mußte, weil derselbe bedeutend stärker, verkleinert werden.
Die Wahl gleicher Höhe sowohl wie gleicher Spannweite der Schiffe brachte außerdem noch ein günstiges Verhältnis für die Stabilität des Baues mit sich. Der Schub der mittleren Gewölbe wird auf diese Weise naturgemäß durch die seitlichen völlig aufgehoben, so daß die Außenmauern und ihre Strebepfeiler nur dem Schub der Seitenschiffsgewölbe Widerstand zu leisten haben. Außenmauern und Strebepfeiler hätten somit auf ihre geringste Stärke reduziert werden können, ebenso die Innenpfeiler, welche ja nur unter senkrechter Belastung stehen. Allein eine solche Reduzierung hätte für den Bestand des Bauwerkes gefahrdrohend sein müssen. Man wollte den ganzen Chor mit seinen drei Schiffen und seinem Umgang, wie es damals bei Hallenbauten üblich war, unter ein einziges Dach bringen, und ein solches Dach mußte bei den riesigen Dimensionen schon durch sein eigenes Gewicht, dann aber vor allem durch den Winddruck, den es auszuhalten, und die Schneemasse, die es zu tragen hatte, den Gewölbebau ganz beträchtlich belasten. Und so unterblieb die theoretisch zulässige Reduzierung von Pfeiler- und Wandstärke auf das Mindestmaß.
Die schlanken Innenpfeiler (Abb. 23) zeigen bereits ausgesprochenen spätgotischen Charakter: ihr Horizontalschnitt besteht aus einem regulären Achteck mit vier angelegten kreisrunden Diensten. Der Pfeilersockel hat die erweiterte Form des Pfeilers, mit dem Unterschied, daß der achteckige Grundriß an den Diagonalseiten zu einem rechteckigen ergänzt ist. Den Übergang vom Sockel zum Pfeiler stellt eine einmalige wellenförmige Abstufung mit zwei kleinen Hohlkehlringen, bei den Ecken eine pyramidenförmige dreiteilige Abstufung her. Kapitäle fehlen. Der Übergang von der Stütze zur Last sollte unmittelbar sein. Doch wurde es unterlassen, den Grundriß des Gewölbanfängers in Übereinstimmung mit dem Pfeilergrundriß zu bringen oder umgekehrt. Denn der Pfeiler hätte, wenn Dienst mit Rippe oder Gurt, Scheidbogen mit einem Teile des Pfeilerkerns selbst sich hätten decken sollen, eine achteckige Grundrißform haben müssen, indem die beiden in der Querachse liegenden Seiten mit je drei Diensten für je einen Gurt und zwei Rippen ausgerüstet gewesen wären; die beiden in der Längsachse liegenden Seiten würden den Scheidbögen entsprochen haben. So aber — bei einem achteckigen Pfeiler mit vier Diensten an den vier Hauptseiten — mußten die seitlich einmündenden drei Rippen, einschließlich eines Gurtes, enger zusammengefaßt werden und sich auf einen einzigen Dienst beschränken, während die übrigen zwei Dienste mit den anschließenden Teilen des Pfeilers in die gänzlich anders profilierten Scheidbögen übergehen. Aber auch die Rippenprofile sind wesentlich verschieden von der runden Form der Dienste, so daß das Gesamtbild des Gewölbanfängers keineswegs mit der Form des Pfeilers übereinstimmt. Gleichwohl wird dadurch, daß sich die einzelnen Rippen und Bögen nur allmählich im Pfeiler verlieren, im Beschauer die Meinung erweckt, als wenn sich der Übergang vom Pfeiler zum Gewölbe in weitem, unmerklichem Fluß vollziehen würde.
Das in Anwendung gebrachte Gewölbesystem ist das einfache Kreuzgewölbe über quadratischem Grundriß. Der Gewölbescheitel liegt nahezu horizontal, auch in den beiden äußeren Gewölbevierteln der ersten Seitenschiffsjoche, welche wegen des vorhandenen romanischen Mitteldienstes geteilt wurden. Es steht demnach auch die Wandfläche als solche nur unter senkrechter Belastung. Rippen, Gurte, Schildbögen sind unter sich gleich stark und in gleicher Weise profiliert, die Schlußsteine sind kreisrund und führen die Profilierung der Rippen fort. Das Profil der Scheidbögen zeigt zwischen zwei tief einschneidenden Hohlkehlen einen polygonalen Vorsprung.
Bei der Einwölbung der rechteckigen und dreieckigen Felder des Chorumgangs hatten sich Besonderheiten nicht ergeben. Ebensowenig bei der Einwölbung des Binnenchorabschlusses, indem zu den drei gleich großen Achteckseiten die beiden anstoßenden etwas größeren Pfeilerabstände hereingenommen wurden, so daß die Lösung der Wölbungsfrage in der einfachsten Weise geschehen konnte.
Das Material des Kappengemäuers ist Bruchstein in Mörtelbettung.
Dieselbe Einfachheit, mit der Grundriß und Aufriß, beziehungsweise Querschnitt durchgebildet sind, zeigt sich auch bei der Gliederung der Innenwand (Abb. 24). Die bereits gegebene Teilung wurde ohne eigentliche Zutat belassen. Die senkrechte Teilung in einzelne Wandflächen besorgen die Wandpfeiler, oder, besser gesagt, die Fortsetzungen der Wölbungsgurte, welche aber nicht besonders auffällig aus der Wand heraustreten, denn sie haben nicht nur die Profilierung der Rippen, sondern auch deren Stärke behalten. Etwa 4 m über dem Boden beginnen die Fensteröffnungen und ziehen sich hoch hinauf bis an das Gewölbe. Diese starke Betonung des Vertikalen wird nur unterbrochen durch ein in der Nähe und in Verbindung mit den Fensterbänken horizontal um den Chor herumlaufendes Gesims, das jedoch an den Mauerdiensten absetzt. Als einziger Schmuck wurden zu beiden Seiten der Fenster für noch zu stiftende Statuen Konsolen und reich gestaltete Baldachine angebracht (Abb. 25).