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Abb. 27 und 27a und b. Baldachin am Ostchor.

Aus diesen chronikalischen Nachrichten geht zweifelsohne hervor, daß 1345 mindestens eine neue Eindeckung der Turmdächer stattgefunden hat. Ob und inwieweit aber die oberen Stockwerke eine Abänderung oder Erhöhung schon 1345 erfuhren, ist mit Sicherheit aus diesen Notizen nicht zu entnehmen, und auch der Baubefund gibt dafür keinerlei Anhaltspunkte. Wohl wissen wir vom südlichen Turm, daß darin eine Wächterstube eingerichtet war[45], und ebenso vom nördlichen, daß in ihm von alters her die Glocken hingen, denn noch ist deutlich durch den Steinschnitt des Quaderbaues eine ehemals vorhandene breite Öffnung nachzuweisen, die nur, mit zwei freistehenden Säulen, eine dreiteilige Arkatur gebildet haben kann. Und irgendwelche weitergehende Schlüsse läßt auch die offenbar ungenaue Ausdrucksweise der Quellen — man kann doch nicht eigentlich von dem „Bau“ des oberen Turmes sprechen, wenn ein solcher fünf Stockwerke hoch bereits bestand — nicht zu. Auch aus der Erwähnung nur eines Turmes in urkundlichen Nachrichten vor 1345[46] möchten wir nicht ohne weiteres folgern, daß einer der beiden Türme den andern das Stadtbild wesentlich mitbestimmend überragt habe, wenn man auch die Möglichkeit umfangreicherer Umbauten im Jahre 1345, wie gesagt, bestehen lassen muß. Die größere Wahrscheinlichkeit spricht auch hier meist für ungenaue Ausdrucksweise.

Von dem Abschluß und der Bedachung der Türme der romanischen Kirche bis zum Jahre 1345 wissen wir demnach so gut wie nichts. Dagegen besitzen wir über das Aussehen der Helme, die eben im Jahre 1345 aufgesetzt worden waren, wenigstens ein leidlich zuverlässiges, allerdings nicht ganz zu deutendes Zeugnis in der Mitteilung des Nürnberger Patriziers Lazarus Holzschuher aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts, in welcher er die alten Turmdächer der Sebalduskirche, wie sie noch vor 30 Jahren bestanden hätten, mit Zinn weiß gedeckt sein läßt und sie ihrer Form nach mit „Pfifferlingen“ vergleicht.[47] Wahrscheinlich wollte Holzschuher mit letzterer Bezeichnung nur sagen, daß die alten Turmhauben pilzförmig gewesen seien. An die eigentliche botanische Bedeutung des Pfifferlings als des Eierschwammes (cantharellus cibarius) wird er dabei schwerlich gedacht haben.

Daß nun aber diese möglicherweise schon etwas erhöhten Türme durch die gewaltige Masse des hohen Ostchores, seitdem dieser 1379 vollendet worden war, in ihrer bisher das ganze Kirchengebäude beherrschenden Erscheinung stark beeinträchtigt wurden, ist wohl ohne weiteres klar. Das Mißverhältnis mußte um so mehr in die Augen fallen, als die Schwesterkirche von St. Lorenz mit ihren bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts vollendeten, in der Anlage nahe verwandten, 80 m hohen Türmen unwillkürlich zum Vergleich herausforderte.[V]

Allein bis zum Jahre 1481 hören wir hinsichtlich der Türme von St. Sebald lediglich zum Jahre 1361 von einer Neudeckung mit Zinn[48] und von Ausbesserungen an der Bedachung, die 1447 nötig wurden.[49]

An eine weitere Erhöhung der Türme wagte man sich erst im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts.

Wir geben im nachstehenden zunächst die ausführlichen und gut in die Geschichte des Turmbaues einführenden Nachrichten Baaders (Beiträge 1, S. 54 ff.) im Wortlaute wieder:

„Diese (Türme) waren ursprünglich ziemlich nieder, der Rat beschloß daher im Jahre 1481 die Erhöhung und den Umbau derselben. Die beiden Kirchenmeister Hans Haller und sein Nachfolger Sebald Schreier, unter welchem dieser Bau zu Ende geführt wurde, hatten die nächste Veranlassung dazu gegeben. Weil es aber an Mitteln fehlte, entlehnten sie für die Kirche mit Bewilligung des Rates 11,853 Pfund 4 Schilling und 4 Haller aus der Losungsstube (Finanzkammer); die übrigen Kosten sollten durch milde Beiträge gedeckt werden, die in der Tat auch reichlich flossen und von allen Ständen in Geld, Geschmeide, Gewand und unter gar verschiedenen Formen geleistet wurden.

„Nachdem die Stadtwerkmeister und andere Bauverständige die Türme besichtigt, ihr Gutachten abgegeben und für ihre Mühe Wein, Käse und Brod erhalten hatten, begann man sogleich mit dem Abbrechen des gegen die Stadtwage zu gelegenen Turmes [des südlichen Turmes], dessen Stumpf einstweilen mit Schindeln gedeckt wurde.[50] Hierauf schrieb man dem Meister Heinrich Kugler, dem Steinmetzen von Nördlingen, daß er kommen solle, um mit ihm wegen Führung des Baues zu unterhandeln. Am 2. Dezember 1481 versammelten sich im Hause des Kirchenmeisters Hans Haller die Herren Ruprecht Haller, Pfleger der Kirche, Niklas Groß der ältere, Hans Tucher der ältere und Hans Volckamer, der Stadtbaumeister. Auch Meister Heinrich war erschienen; man kam mit ihm überein, daß er den Bau führe, wie ihm von den Herren fürgegeben werde, und daß er mit dem Lohne sich begnüge, den sie ihm zuerkennen werden. Der Kontrakt wurde an demselben Tage noch abgeschlossen und dem Meister Heinrich 4 fl. Leikauf gegeben, wovon er die Hälfte seinem Weibe geben soll.

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Abb. 28. Westansicht.

„Die Herstellung der nötigen Gerüste und alles Zimmer- und Dachwerkes wurde dem Meister Eucharius, dem Stadtzimmermann, übertragen, der zu diesem Zwecke vom Rat eigens beurlaubt wurde. Im Januar 1482 schickte man ihn nach Ulm, um den Zug zu besichtigen und kennen zu lernen, den man am Bau Unser Lieben Frauenkirche dortselbst in Anwendung brachte. Den Meister Hanns Pinz, Zimmermann zu Ulm, der wahrscheinlich der Erfinder des Zuges war, nahm Meister Eucharius mit sich nach Nürnberg, um auch hier den Zug zu dem Bau der Türme anzugeben und einzurichten. Während der nächsten Jahre herrschte bei diesem Zuge lebhafte Tätigkeit; dirigiert wurde er von mehreren Zimmergesellen.

Turm der Stadtwage gegenüber. Am 11. März 1482 fing Meister Heinrich Kugler mit dem Zuhauen und Herrichten der Steine an.[51] Er beschäftigte 20 Steinmetzgesellen und darüber, deren jeder einen Taglohn von 18–20 ϑ und am Ende der Woche ein Badegeld erhielt.[52] Die Lehrgesellen erhielten des Tages nur 18 ϑ. Der Wochenlohn des Meisters Heinrich betrug 5 Pfund alt. Am Freitag nach Kiliani (12. Juli) fing man an zu mauern; an diesem Tage wurden die ersten zwei Steine auf den Turm gelegt. Die große Anzahl der Arbeiter und der rege Eifer, der bei dem ganzen Baue herrschte, machten es möglich, daß man schon am 23. Oktober 1482 den letzten Stein legen konnte und Ende dieses Monates das Steinwerk des Turmes in der Hauptsache vollendet war. Der Steinmetzgeselle Hans von Langheim zeichnete sich bei dieser Arbeit besonders aus; dafür erhielt er aber auch ein besonderes Trinkgeld.

„Während die Steinmetzen an dem Steinwerk des Turmes arbeiteten, beschäftigte sich Meister Eucharius mit seinen Zimmerleuten an der Herstellung des Zimmerwerkes und Daches. Am 26. Mai 1483 stellten sie die ersten Sparren zu der Dachung und Spitze des Turmes auf. Die Sparren waren 70 Stadtschuh hoch; die Höhe der Stange oder des Spießes oberhalb der Sparren betrug 20 Stadtschuhe; von dem Ende der Sparren bis an den Knopf waren 9 Stadtschuhe und 6 Zoll und von dem Knopf bis an die Fahne 5 Stadtschuhe und 4½ Zoll. Die Zimmergesellen erhielten 20–24 ϑ Taglohn und, wenn sie recht gefährliche Arbeit in der Höhe verrichteten, noch 4 ϑ Zulage. Am 10. Juni 1483 wurde dem Turm der Knopf aufgesetzt. Dieser war 2 Stadtschuh und 2½ Zoll hoch und 8 Stadtschuh und 8 Zoll weit. Verfertigt wurde er durch Niklas Gnotzhamer und vergoldet durch den Goldschmied Erhard Hupfauf, der 80 Dukaten oder (3 Dukaten zu 4 Goldgulden gerechnet) 106 fl. 5 Pfund und 18 ϑ neu oder 896 Pfund alt dazu verwendete. Ich vermute aber, diese Summe sei für die Vergoldung beider Turmknöpfe und nicht bloß des einen verwendet worden. Am 7. Juli wurde die Fahne aufgesteckt; sie war von Kupferblech, 2 Stadtschuh und 11 Zoll hoch und 3 Stadtschuh und 11 Zoll breit und wog mit dem Eisenwerk 39 Pfund. Gemalt hatte sie der Meister Ulrich Pildschnitzer, Maler; für das Malen derselben und für das Anstreichen des Eisenwerkes und der Fenster bei der Schlagglocke erhielt er 40 Pfund Pfennig alt. Dann ging es an die Herstellung der Türmerstube, und da kamen die Kleibergesellen, die den Boden, den kupfernen Ofen und die Fenster mit Lehm verkleibten und verstrichen, und die Tünchergesellen, die da tünchten und Estrich schlugen; deren jeder erhielt 24 ϑ Taglohn und am Ende der Woche ein Badgeld. Die Türmerstube erhielt 8 neue Rahmen. Das Paar kostete 1 Pfund 15 ϑ. In den Rahmen waren 433 neue und 70 alte Fensterscheiben; hierfür erhielt der Glaser 28 Pfund alt. Der Turm war sohin fertig bis auf das Decken.

Der Turm St. Moritzen-Kapellen gegenüber (nördlicher Turm). Nachdem der der Stadtwage gegenüber gelegene Kirchturm im Steinwerk fertig war, kamen am 10. November 1482 Sebald Schreier, Kirchenmeister, Niklas Groß, Hans Tucher und Hans Volckamer in Ruprecht Hallers, des Kirchenpflegers, Haus abermals zusammen, um mit Meister Heinrich Kugler auch wegen Erbauung des anderen Turmes Moritzen-Kapellen gegenüber zu unterhandeln. Die Bedingungen waren dieselben wie beim ersten Turm; sie wurden von Meister Heinrich auch ebenso angenommen. Bei dieser Gelegenheit wurde auch eine Irrung zwischen Meister Heinrich und seinem Parlierer Ulrich Speidel beigelegt und ausgesprochen, daß Meister Heinrich Gewalt haben solle, die Steinmetzgesellen aufzunehmen und zu entlassen, und auch sogar dem Parlierer selbst den Abschied zu geben, letzteres jedoch nur mit Wissen eines Rates. Der Parlierer erhielt den Taglohn eines Gesellen, aber alle Quatember noch eine Liebung von 16 Pfund alt. Speidel erkrankte übrigens am Montag nach St. Margareta; am Pfintztag (Donnerstag) danach war er schon eine Leiche. Er starb an der Pest, die damals regierte. An seiner Stelle nahm Meister Heinrich den Hans Karter als Parlierer auf.

„Am 7. April 1483 wurde mit dem Abbrechen des Turmes begonnen; neun Wochen später, am 16. Juni, konnte man schon den ersten Stein auf das alte Gemäuer setzen. Nach drei Monaten, am 24. September, war das Mauerwerk hergestellt. Mit dem Aufstellen des unterdessen hergerichteten Zimmerwerks begann man am 3. November 1483. Am 5. Dezember wurde sodann der Knopf und danach auch die Fahne aufgesteckt. Die Stiegen, Portale, Geländer und Gänge an beiden Türmen wurden während der nächsten drei Jahre gemacht.

Das Decken beider Türme. Um sie dauerhaft und gut decken zu lassen, ließ man den Meister Stephan Kaschendorfer von Dresden kommen, damit er dem Meister Christoph Lilgenweiß Unterricht im Decken erteile. Nachdem dies geschehen und Meister Stephan für seine Mühe reichlich belohnt worden, übertrug man am 27. April 1483 das Decken des Turmes der Wage gegenüber dem Meister Christoph Lilgenweiß, der mit dem nötigen Zinn, womit die Türme gedeckt wurden, und mit allem Zeug von dem Kirchenmeister versehen wurde und für das Gießen eines jeden Zentners Zinn 1 fl. erhielt. Als der Turm im Laufe des Jahres 1483 vollständig gedeckt war, wurde ihm am 4. März 1484 auch das Decken des mittlerweile fertig gewordenen Turmes St. Moritzen-Kapellen gegenüber übertragen. Vor Ablauf des Jahres war auch dieser gedeckt. Man verwendete entweder Eberstorfer, Löwensteiner oder Seifenzinn; von den beiden ersteren kostete der Zentner 8 fl., von letzterem 10 fl. Auch englisches Zinn wurde verwendet. Aber die Arbeit war schlecht geraten und der Guß der Zinntafeln und Tonnen ungleich; sie zersprangen allenthalben und ließen den Regen eindringen. Man schrieb die Schuld teils dem Meister Stephan Kaschendorfer, der über das Gießen und Decken nicht gehörig Aufschluß gegeben, insbesondere aber dem Meister Christoph Lilgenweiß zu, der mit Unfleiß, Verwahrlosung und Untreue umgegangen, indem er Zinn beim Decken abgetragen und entwendet und dieses Material mit Blei vermischt und geringert und so den Eid verletzt habe, den er bei der Übernahme der Arbeit geschworen. Der Wert des Zinnes, das er bei dem ersten Turm abhändig gemacht, betrug 142 fl., bei dem zweiten über 278 fl. Er wurde deshalb im Jahre 1485 ins Lochgefängnis gelegt und mit ernstlicher Frag (Tortur) angegriffen. Er bekannte aber nur 56 fl. Als Fürbitten von Bamberg und anderen Orten bei dem Rat für ihn einkamen und sein Vater, der Lilgenweiß von Bamberg, und seine Hausfrau Anna die Zahlung obiger 56 fl. verbürgten, ließ man ihn los, weil man damals noch keine Kenntnis hatte von dem großen Schaden, den er der Kirche zugefügt und der erst später sichtbar wurde. Als er aber vernahm, daß die Türme wieder ab- und von neuem gedeckt werden sollen, ergriff er die Flucht, weil er die Entdeckung seiner großen Untreue befürchtete.

„Am 15. Juli 1489 wurde beschlossen, die Türme durch Meister Ulrich Hübner, Büchsenmeister von Bamberg, neu decken zu lassen. Zuerst deckte er den Turm der Wage gegenüber. Das nötige Zinn und was er sonst nötig hatte, das Werkzeug ausgenommen, erhielt er von dem Kirchenmeister Sebald Schreier, der ihn für das Gießen eines jeden Zentners und für das Decken 2 Pfund neuer Haller bezahlte. Die Kosten für das Decken dieses Turmes betrugen 1406 Pfund und 4 Schilling Haller neuer Währung oder (den Gulden zu 2 Pfund 1 Schilling 8 Haller neu oder 8 Pfund 10 ϑ alt gerechnet) 674 fl. rhein., 19 Schilling 6 Haller in Gold. An Zinn und Blei wurden 4907 Pfund verwendet.

„Da die Arbeit des Meisters Ulrich befriedigte, übertrug man ihm im Jahre 1490 auch das Decken des anderen Turmes, bei welchem sich die Kosten nur auf 310 Pfund 18 Schilling 8 h. oder 149 fl. 5 Schilling in Gold beliefen.“

Soweit Baaders Nachrichten, welche aus den Baurechnungen gezogen sind. Demnach war der 1481 oder richtiger im Frühjahr 1482 begonnene Neubau einschließlich Bedachung — abgesehen von der Neudeckung 1489 und 1490 — im Herbst 1484 vollendet. Kleinere Arbeiten, wie Einrichtung der Holztreppen, Fertigstellung der Türen, Geländer und Gänge an beiden Türmen, nahmen noch die Jahre bis 1486, nach anderen bis 1485 in Anspruch.[53] 1496 sollen die „beiden zierlich durchbrochenen Gänge, welche man aber 1577 wieder neu bauen mußte, gemacht“ worden sein[54], wofür ein urkundlicher Beleg jedoch nicht bekannt ist. Möglich, daß durch den 1494 erfolgten Aufzug der Viertelstundenglocke die Galerie beschädigt oder, um den Aufzug zu bewerkstelligen, absichtlich teilweise beseitigt wurde, was 1496 eine umfassende Reparatur erfordert hätte.[55] Jedenfalls hätte es sich dann nur um den südlichen Turm, in dessen oberem Helmdurchbruch die Glocke aufgehängt wurde, handeln können.

Die Erhöhung der Türme bezog sich hauptsächlich auf den Aufbau neuer Glockenstuben mit weiten Schallfenstern, die ohne Verjüngung beiderseits auf die unteren Stockwerke aufgesetzt wurden. Die an jeder Seite der Türme angebrachten doppelten Schallfenster werden je durch ein weites und hohes Blendfenster mit drei senkrechten Stäben zusammengefaßt. Die Spitzbögen der eigentlichen Schallfenster füllt einfaches Maßwerk, Leibungen und Stäbe der Blende sind in schlichter Weise profiliert. Die Wände sind vollständig glatt behandelt, es fehlen also auch die Lisenen, welche am nördlichen Turm bis an das Gesims des sechsten Stockwerkes hinaufreichen. Unter dem oberen Abschluß dieses Stockwerkes zieht sich, ohne Abwechslung der Motive, ein Bogenfries hin, dessen Spitzen Knospenornamente zieren.

Darüber erhebt sich, durch eine aus zwei Hohlkehlen bestehende Profilierung wenig über die Mauerflucht hervorragend, eine Kranzgalerie (Abb. 29), in Herzblattmuster durchbrochen gearbeitet. Das siebente, ebenfalls quadratische aber engere Stockwerk über der Plattform, ist wiederum glatt behandelt und hat jeweils in der Westseite eine Türe, durch welche man auf den schmalen Gang gelangt, und außerdem auf jeder Seite zwei kleine viereckige Fenster. Der obere Teil dieses siebenten Stockwerkes wurde im südlichen Turm als Wächterwohnung eingerichtet. Ein Fries, ähnlich dem des sechsten Stockwerkes, schließt das Mauerwerk ab. Die schlanken Turmhelme setzen viereckig an und gehen durch Teilung der Kanten und Brechung derselben in ein gleichmäßiges Achteck über; der südliche Helm ist zweimal durchbrochen, zur Aufnahme der Stundenglocke unten und der Viertelstundenglocke oben. Knopf und Fahne bekrönen das Ganze.

Einen Anspruch auf künstlerische Bedeutung können die Türme auch in ihren neuen Bauteilen nicht erheben. Gerade in den beiden Türmen mit ihrer einfachen, schlichten Behandlung kommt eben eigentlich so recht die Einfachheit und zugleich auch Nüchternheit der Nürnberger Gegend zum Ausdruck. Hier unterscheidet sich die Kirche St. Sebald nur wenig von den Bauten der Nachbarorte, denn weder das nördliche Bayern, noch das angrenzende östliche Franken hat Kirchtürme aufzuweisen, welche sich besonderer Schönheit erfreuen. Am nächsten verwandt mit den Türmen von St. Sebald ist der Turm der Stadtpfarrkirche in Schwabach.

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Abb. 29. Oberer Teil des nördlichen Turms.

Der Baumeister der neuen Turmteile war Heinrich Kugler von Nördlingen. Dort hatte er 1480 das Amt eines Kirchenbaumeisters bei St. Georg übernommen und in der Zeit bis 1494, wo er wegen Krankheit seine Stelle niederlegen mußte, in der Hauptsache den oberen Teil des mächtigen Turmes und die Pfeiler im Chore gebaut; die kriegerischen Verwicklungen der Reichsstadt mit Herzog Georg von Niederbayern-Landshut und insbesondere die Beurlaubung nach Nürnberg zum Ausbau der Türme von St. Sebald[56] hinderten ihn, am Bau von St. Georg in dieser Zeit mehr auszuführen. Übrigens käme für einen kunstkritischen Vergleich doch eigentlich nur der obere Teil des Nördlinger Turmes in Betracht; allein aus dem kleinen von Kugler ausgeführten Stück, dem achteckigen Teil über der zweiten Galerie, lassen sich keine Schlüsse auf die Türme von St. Sebald ziehen, um so weniger, als Kugler dort genau wie bei St. Sebald durch die Höhe der vorhandenen Türme für den Weiterbau bereits gebunden war und außerdem die im Gutachten des früheren Baumeisters Ensinger gegebenen Direktiven einzuhalten hatte.[57]

Endlich ist für den Bau der Türme noch ein Aufriß in sauberer Federzeichnung von Interesse, der sich im Archiv der Oberen Pfarrkirche zu Ingolstadt befindet. Er stellt im Maßstab 1 : 20 den oberen Teil eines Turmes dar, der im wesentlichen mit den Glockenstuben von St. Sebald übereinstimmt und mit Wahrscheinlichkeit als ein Werkriß des Meisters Heinrich Kugler betrachtet werden darf. Die großen Schallfenster mit ihrer Verblendung stimmen fast genau mit den ausgeführten Fenstern überein, nur die Strebepfeiler an den Ecken sind weiter geführt und endigen etwa in der Mitte des sechsten Stockwerks mit Fialen und Kreuzblumen. Das siebente Stockwerk jedoch ist vollständig anders geplant. Nur wenig schmäler als das sechste steht es mit diesem durch ein kräftig profiliertes Gesims in Verbindung und hat erst zu oberst eine Kranzgalerie, so daß der Turmhelm ohne jede Vermittlung auf der Plattform aufsitzt, aber ebenfalls einen schmalen Gang freilassend. Das durchbrochene Motiv der Galerie sowie der Bogenfries unterhalb derselben, ferner Form, Größe und Anordnung der Fenster der Türmerwohnung sind die gleichen wie am ausgeführten Bau. Wie dieser Aufriß in das Archiv der Oberen Pfarrkirche (oder Frauenkirche) zu Ingolstadt gelangt ist, muß vorerst noch unaufgeklärt bleiben. Da er sich zwischen den Bauplänen des Ulrich Heydenreich, Baumeisters zu Unser Schönen Lieben Frauen in Ingolstadt, erhalten hat, kann man vermuten, daß Heydenreich, als er gegen Ende des Jahrhunderts die schwäbischen Städte besuchte und ihre Kirchen und insbesondere Türme aufnahm, jenen Riß von seinem Kollegen Heinrich Kugler geschenkt bekommen und mit nach Ingolstadt gebracht habe.

Uns aber kann ein Vergleich des Aufrisses mit dem vollendeten Bauwerk lehren, welche Umänderungen die ursprünglichen Bauabsichten noch während der Ausführung erfahren haben, ein Einblick in die Tätigkeit des Architekten, wie er uns, soweit es sich um die Zeiten des Mittelalters handelt, nur selten möglich ist.

Tafel X.

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Innenansicht vom Ostchor gegen das nördliche Seitenschiff.

Fußnoten:

[IV] Siehe Beilage 18.

[V] Dr. Hoffmann glaubte aus dem Wortlaute der Quellen und dem Befunde am Mauerwerk der Türme den Umfang der an den Türmen im Jahre 1345 vorgenommenen Bauarbeiten genauer bestimmen zu können und insbesondere schon für jene Zeit eine erstmalige Erhöhung des nördlichen Turmes um zwei Stockwerke annehmen zu müssen. Die Überarbeiter seines Manuskriptes vermochten den zur Stütze dieser Ansicht beigebrachten Gründen eine genügende Beweiskraft nicht zuzuerkennen.


III.
Die Restaurierungen der Kirche.

1. Die Restaurierungen der Kirche bis zur Neuzeit.

Bei einem so umfangreichen Bauwerke wie die Kirche St. Sebald wurden natürlich im Laufe der Zeit eine Reihe von größeren und kleineren Reparaturen, namentlich am Außenbau, erforderlich. Verschiedene Veränderungen sind auch ein Produkt der veränderten Bedürfnisse oder des veränderten Zeitgeschmackes.

Die erste beglaubigte Restaurierung im Innern wurde 1493 vorgenommen: „do wart die kirchen zu sant Sebolt geweist und verneut inwendig und wurd fertig auf sant Seboltz tag“.[58]

Nach der Stärke und Beschaffenheit der Tünche zu schließen, welche die Wände bis zur letzten Restaurierung überzog, wurde die Ausweißung öfter wiederholt, möglicherweise auch gelegentlich der Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre des 17. Jahrhunderts betätigten Barockausstattung.

„Im Jahre 1515 erlaubte der Rat dem Michel Beheim, der Cramer Kapellen in St. Sebalds Kirchen am Gewölb und an den Fenstern und Altartafeln restaurieren zu lassen. Doch durfte er sein Wappen nirgends anbringen und mußte er die alten Wappen stehen lassen.“[59] Gemeint ist wahrscheinlich die Pömerkapelle zwischen der südlichen Sakristei und der Dreikönigstüre.

1657 und in den folgenden Jahren wurde das Innere der Kirche von dem Tünchermeister Jakob Fuchs nach dem Muster des Bamberger Domes — Tüncher und Steinmetzen erhielten für die Reise dorthin zusammen 6 fl. — renoviert, und zwar einschließlich der „damaligen Porkirchen“ (wahrscheinlich der Engelschor) und der beiden Sakristeien. Akkordiert war die Summe von 900 fl. Über die Art und Weise der Renovierung, soweit sie die Architektur betrifft, erhalten wir keinen Aufschluß, auch führt ein Vergleich mit dem Bamberger Dom zu keinem Ergebnis, da das Innere desselben unter König Ludwig I. von allen späteren Zutaten „gereinigt“ wurde. Nur folgende Angaben aus der erhaltenen Rechnung sind von Interesse: im Jahre 1657 u. ff. wurde außerdem noch renoviert (von verschiedenen Meistern) innen in der Kirche … unter der Kanzel gepflastert (fl. 1·40), Fledermäuse über dem Gewölbe weggeschafft, Gemälde „oben an dem Gewölb des Chors“ (6 fl.) etc.[60] Aus dem letzteren Posten geht hervor, daß die Gewölbe des Ostchores, denn nur dieser kann gemeint sein, mit Malereien wahrscheinlich aus der Zeit der Erbauung ausgestattet waren. Die letzte Restaurierung hat denn auch eine reiche Polychromie der Schlußsteine und eine Bemalung der anstoßenden Rippen aufgedeckt.

Eine besonders umfangreiche Erneuerung erfuhr 1657 die Innenausstattung der Kirche (Abb. 30). Sie bezog sich vor allem auf die Neuherstellung von Altären und der Kanzel sowie der beiden Orgelemporen im Querschiff. Außerdem wurden damals im Mittelschiff in der Höhe der Triforien und im nördlichen Seitenschiff hölzerne Emporen angebracht. Auf Einzelheiten dieser Erneuerung wird bei der Behandlung des Inventars zurückzukommen sein.

Soweit die Nachrichten über die Restaurierungen im Innern.

Bei einigen von den zahlreichen Veränderungen am Außenbau wurde durch die letzte Restaurierung der ursprüngliche Zustand, so gut es eben möglich war, wieder hergestellt. So mußten in erster Linie die beiden Dachwerkanbauten auf den Seitenschiffen an der Westwand des Ostchores weichen, in welchen die Blasbälge für die beiden 1443 und 1447 errichteten Orgeln auf den Ostchoremporen untergebracht waren. Zur Zierde des Ganzen hatten diese Anbauten nicht gereicht.

Die älteste Gestalt der gotischen Seitenschiffdächer war die, daß an ein ziemlich flaches, bis an den unteren Rand der Hochschiffsfenster heranreichendes Pultdach von den Wimpergen der Seitenschiffe aus Giebeldächer anstießen. In späterer Zeit waren die Giebeldächer mitsamt den Wimpergspitzen und der Galerie beseitigt und das Pultdach steiler gelegt worden, so daß die reiche Dachbildung, die im Verhältnis zu der mannigfaltigen Gliederung der Wände der Seitenschiffe stand, verloren ging und die unteren Partien der Hochschiffsfenster zugemauert werden mußten, was für den Innenraum des Langhauses einen beträchtlichen Entgang an Licht bedeutete. Dieser Übelstand wurde durch die letzte Restaurierung infolge Tiefer- oder Flacherlegung des Pultdaches und Herausnahme der Fenstereinmauerungen behoben. Die Wimpergspitzen und die Galerie wurden erneuert, Giebel- oder Kapellendächer gelangten jedoch nicht zur Wiederherstellung.

Nach der Vollendung des Ostchores zählte die Kirche sechs Eingänge: die zwei romanischen Turmportale, im Westen, je zwei an der Nord- und an der Südseite, die Anschreibtüre und die Ehtüre, diesen entsprechend die Schultüre und die Dreikönigstüre. Im Jahre 1480 wurde, aus welchem Bedürfnis ist nicht bekannt, in der Südwand des Ostchores gegenüber der Schau unter dem Behaimschen Fenster eine niedrige Türe mit flachem Bogen und ohne Profilierung des Rahmens, nur mit Abschrägung der Kanten, ausgebrochen. Drei Stufen führen zu derselben hinauf. Wegen des gegenüberliegenden öffentlichen Gebäudes wurde sie Schautüre genannt.[61]

Am 20. November 1490 kam in früher Morgenstunde in der Wächterstube des südlichen Turmes Feuer aus. Einen größeren Umfang scheint dasselbe nicht angenommen zu haben, denn bauliche Veränderungen, die auf einen Brandschaden zurückzuführen wären, sind am Turm nicht wahrzunehmen. Es wird also nur ein Zimmerbrand gewesen sein.[62]

Wie bereits hinlänglich bekannt, mußte die Galerie des Ostchores 1561 wegen Baufälligkeit abgenommen werden. Am 27. Mai nahmen im Auftrag des Rates der städtische Baumeister Joachim Tetzel und vier Handwerksmeister eine eingehende Besichtigung des Umganges vor und erstatteten hierüber in einem ausführlichen Gutachten Bericht (vgl. Beilage 36). Danach sei die ganze Galerie durch die Einwirkung des Regen- und Schneewassers gleichsam zerfressen, insbesondere das die Galerie tragende Gesims, so daß einzelne Stücke, vor allem die ebenfalls stark beschädigten Wasserspeier, herabzufallen drohten. Eine Ausbesserung, von der man sich aber nicht viel versprechen könne, würde auf etwa 5000 fl. zu stehen kommen. Man halte die Abtragung der Galerie, die Deckung des Umganges mit Dachziegeln und die Anbringung kupferner Dachrinnen für die geeignetsten Maßnahmen. Dem Antrag entsprechend wurde beschlossen und gehandelt. Und so verschwanden nach nicht ganz 200jährigem Bestehen die Galerie, die Wimperge der Fenster, soweit sie den Dachrand überragten, die Fialen der Strebepfeiler und die vielen Wasserspeier, welche zusammen eine prächtige Bekrönung des Chores gebildet hatten, hinter der bei größeren Festlichkeiten, vornehmlich bei Einzügen von Fürsten, die Stadtpfeifer und -trompeter gar feierlich herabbliesen. Daß es sich damals nur um die Galerie des Ostchores und nicht auch um die der Seitenschiffe handelte, ist aus einer Angabe des vorerwähnten gutachtlichen Berichtes zu schließen, wonach die Länge der Galerie 333 Stadtschuh, also genau dem Umfang des Ostchores entsprechend, abgesehen von der Westwand desselben, betragen hat.[63]

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Abb. 30. Inneres der Sebalduskirche. Ausschnitt aus dem Kupferstiche von J. A. Graff. 1694.

In den Jahren 1571 bis 1647 wurden eine Anzahl Reparaturen am südlichen, dem sogenannten Schlagturm vorgenommen. 1571 fand eine Besichtigung der Kranzgalerie, die infolge Baufälligkeit das Schicksal der Ostchorgalerie teilen sollte, statt. Einige Jahre darauf, vielleicht 1577, wurde auf ein ausführliches fachmännisches Gutachten hin, welches zugleich ein kurzes Projekt der Restaurierung enthielt und dem ein Plan der Galerie beigegeben war, dieselbe erneuert, und zwar genau im ursprünglichen Stilcharakter. Die beabsichtigte Aufsetzung von Kugeln auf den Ecken des Geländers scheint unterblieben zu sein. Die übrigen Renovierungen beziehen sich meist auf das ruinös gewordene Zinndach. 1591 wurde der schlechte Zustand desselben zum ersten Mal festgestellt. 1609, 1613 und 1616 folgten weitere Besichtigungen und Ausbesserungen. Schließlich, 1647, blieb nichts anderes übrig, als eine Neubedachung vorzunehmen, und da man mit dem Zinn so schlechte Erfahrungen gemacht hatte, wurde Kupfer gewählt. Seitdem besteht an dem Turmpaar von St. Sebald ein für das ganze Stadtbild charakteristisch gewordener Farbenkontrast, der nördliche glatte Turmhelm zeigt sich in dem matten Grau des Zinnes, der südliche durchbrochene in der grün schimmernden Patina des oxydierten Kupfers.[64]

Samstag den 3. August 1754 schlug ein „Donnerwetter“ in die Kirche St. Sebald, und zwar ein „Feuer-“ und ein „Wasserstrahl“. Der erstere fuhr durch das Dach des Langhauses „gegen den Milchmarkt über“ auf das darunter befindliche Dach „auf den Boden, wo man in die kleine Orgel gehet“, und zündete einen Querbalken an. Der Brand wurde sofort bemerkt und gelöscht. Der „Wasserstrahl“ ging durch das Langhaus bei den Türmen, eine „ziembliche“ Anzahl Ziegel erschlagend, auf das Dach direkt über der Löffelholzkapelle, wo die Türmer Holz und Späne liegen hatten, und wo er mehrere Dachsparren völlig zerschmetterte. Die entstandenen Dachöffnungen wurden aus eigener Initiative des Almosenamtes noch am selbigen Abend mit Ziegeln zugedeckt. Die erforderlichen Ausbesserungen waren für den Bau selbst nicht von Belang.[65]

Wie beim südlichen Turm so mußte man auch beim nördlichen Turm die schädlichen Folgen einer schlechten Zinnbedachung erfahren. Hier bedurfte aber nicht allein die Bedachung, sondern der ganze Dachstuhl des spitzigen Helmes einer Erneuerung. Für die neue Bedachung wurde nicht wie 1647 beim anderen Turm Kupfer, sondern wieder Zinn in starker Vermischung mit Blei gewählt. Die Restaurierung nahm die Jahre 1768 und 1769 in Anspruch und erforderte einen Kostenaufwand von über 5500 fl. Die Einzelheiten sind aus der Beilage 38 ersichtlich.

1805 wurde die Fahnenstange auf dem südlichen Turm wiederholt ausgebessert. Die zur Vornahme der geringfügigen Ausbesserung notwendige Rüstung des Helmes kostete 361 fl. 20 kr.[66]

Die 1647 in Kupfer ausgeführte Neubedachung des südlichen Turmes wurde 1807 an mehreren Stellen ausgebessert, wobei die abgenommenen schadhaften Kupferplatten für Reparatur eines Braukessels im Weizenbierbrauhaus Verwendung fanden.[67]

Aus dem Vorausgehenden ist ersichtlich, daß wesentliche Veränderungen am Bau von St. Sebald, wie ihn das Mittelalter der späteren oder neueren Zeit überliefert hat, nicht vorgenommen wurden, obwohl sich schon früh genug die Wahl weichen Steinmaterials für ornamentale Teile oder architektonische Zierglieder gerächt hatte. Es darf dieser Umstand vielleicht als ein Glück bezeichnet werden. Denn spätere Umbauten im Renaissance-, Barock- oder Rokokostil, wie sie sich so häufig in den katholisch gebliebenen Gegenden vorfinden, würden, selbst wenn sie zu den hervorragendsten Leistungen zu zählen wären, nur den Bau seiner ursprünglichen künstlerischen Feinheiten und einer Reihe kostbarer historischer Erinnerungen beraubt haben; das mittelalterliche Leben, das noch aus allen Ecken und Winkeln der Kirche atmet und ein mächtiger Zeuge der früheren politischen Höhe Nürnbergs ist, wäre zerstört. Der Gegenwart war es vorbehalten, das schadhaft gewordene Bauwerk durch eine gründliche Restaurierung in seinem alten Glanze wiederherzustellen.

Wir lassen nun eine Würdigung der 1906 beendeten Restaurierung folgen nebst den ausführlichen Berichten der Bauleitung.

2. Das Restaurierungswerk der Neuzeit. 1888–1906.

Die im vorausgehenden Kapitel behandelten, in der Zeit vom 16. bis zum beginnenden 19. Jahrhundert an der Kirche vorgenommenen Ausbesserungen, amtlich „Reparaturen“ genannt, waren in der Regel untergeordnete Instandsetzungsarbeiten an schadhaften Stellen des Baues. Die Architektur als solche blieb unangetastet, wenn sie auch noch so restaurierungsbedürftig erschien.

So ist die Kirche St. Sebald, zwei kleine Anbauten an der Giebelseite des Ostchores und die Steilerlegung der Seitenschiffdächer ausgenommen, in ihrer äußeren Erscheinung in der Gestalt der Spätzeit des 15. Jahrhunderts fast unverändert auf uns gekommen. Dagegen war der Erhaltungszustand des Baues der denkbar schlechteste. Bei dem weichen Steinmaterial, das man für das ganze Mauerwerk und auch für die feinen Zierglieder der Hoch- und Spätgotik verwendet hatte, konnte die Zeit bald und ausgiebig mit ihrer Zerstörungsarbeit beginnen, so daß die Kirche zuletzt, verwildert und verstümmelt, den Anblick einer Ruine gewährte (Abb. 31). Dazu kam, daß die an dem ursprünglichen romanischen Baukörper nach und nach vorgenommenen Umbauten jedesmal einen empfindlichen Eingriff in den konstruktiven Organismus bedeuteten, der Verschiebungen und Schwächungen der einzelnen Mauerteile zur Folge haben mußte. Der Zustand des Verfalls war allmählich in ein bedenkliches Stadium getreten. Eine durchgreifende Wiederherstellung war nicht länger aufzuschieben.

Die Verwaltung des vereinigten protestantischen Kirchenvermögens, die Eigentümerin des Bauwerkes, erkannte diese Notwendigkeit und ging energisch zu Werke. Eine Menge langwieriger Vorarbeiten war zu erledigen, so daß von dem ersten Entschluß bis zur Inangriffnahme der Wiederherstellung eine geraume Zeit verstrich. Man war auf das bereitwillige Entgegenkommen und die emsige Mitarbeit der verschiedensten Faktoren angewiesen. Denn weder der Umfang und die Zeitdauer der Restaurierung, noch die Höhe der entstehenden Kosten konnten trotz Untersuchungen, Gutachten und Voranschlägen genau bestimmt werden. Insofern aber sah die Kirchenverwaltung dem Zustandekommen des Unternehmens mit Zuversicht entgegen, als sie wußte, daß hinter ihr ein auf die Erhaltung seiner historischen Kunstschätze bedachtes Bürgertum stand, welches dem Aufruf zur Instandsetzung des bedeutenden Baudenkmals und der dort aufgespeicherten Schätze opferwillig Folge leistete.

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Abb. 31. Ostchorpartie vor der Restaurierung.

Ein eigens für die Restaurierung der Kirche gegründeter Verein machte sich ausschließlich die Beschaffung der erforderlichen Geldmittel zur Aufgabe. Von allen Seiten flossen Zuschüsse herbei, wenn auch in Anbetracht der enormen Ausgaben, welche das Unternehmen verursachte, zuweilen etwas langsam und in geringen Beträgen. Private Kreise, die Stadtbehörde, Fürstlichkeiten, voran der Deutsche Kaiser und Bayerns Regent, und insbesondere die alteingesessenen Patriziergeschlechter der ehemaligen Reichsstadt hielten mit Unterstützungen nicht zurück.

Das Unternehmen der Restaurierung war vom Schicksal begünstigt. Schon der Umstand war von unschätzbarem Vorteil, daß man sich an die Wiederherstellung nicht früher gewagt hat, als es in der Tat geschehen ist, obwohl der Zustand des Baues von jeher Anlaß genug gewesen wäre. Ein Menschenalter vorher beispielsweise hätte bei den maßgebenden Faktoren und ebenso in Künstlerkreisen nicht das gleiche Verständnis für alle Stilperioden des Baues und noch weniger für alle Gegenstände der Inneneinrichtung bestanden. Es wären zweifellos viele Inventarstücke der Renaissance, des Barock und Rokoko dem damals noch vielfach angewendeten Purifikationssystem zum Opfer gefallen.

Ein überaus glücklicher Griff wurde in der Wahl der Bauleitung getan. Die Kirchenverwaltung bestellte als Oberleiter den Professor Georg von Hauberrisser in München, der wiederum seinen Schüler Professor Joseph Schmitz mit der örtlichen Leitung betraute. Beide sind Gotiker von anerkanntem Ruf. Während der Restaurierung des Außenbaues behielt Hauberrisser die Oberleitung bei, die Restaurierung des Innern und des Inventars leitete Schmitz allein. Die beiden Meister huldigten dem Grundsatz der gleichen Existenzberechtigung sämtlicher Teile des Baues wie des Inventars, gleichviel ob künstlerische oder historische Interessen in Frage ständen, und dem anderen Grundsatz: besser zu wenig als zu viel restaurieren. Mit liebevoller Pietät und peinlicher Sorgfalt wurden alle Einzelheiten behandelt, und waren Ergänzungen von größerer Ausdehnung vorzunehmen, so boten die künstlerischen Qualitäten der Leiter Garantie für zutreffende Form.

Ein allgemein bindendes Programm oder bestimmte, für jeden speziellen Fall gültige Satzungen wurden nicht aufgestellt. Die Restaurierung erfolgte in einzelnen Abschnitten und wanderte von Bauteil zu Bauteil (Abb. 32). Während der Vollendung eines Abschnittes wurde die Arbeit für den nächstfolgenden vorbereitet. Setzte die folgende Wiederherstellungsarbeit eine andere Art der Behandlung voraus, so wurden von der Bauleitung die geeigneten Maßnahmen beraten, die beschlossenen Absichten dem Bauausschuß der Kirchenverwaltung vorgelegt und nach den entworfenen Plänen die Ausführung in Angriff genommen.

Mit der Außenrestaurierung des Ostchores wurde der Anfang gemacht; es folgten die Nordseite, der Westchor und das südliche Seitenschiff. Die Türme bildeten den Schluß. Um während der Innenrestaurierung den Gottesdienst nicht auf längere Zeit unterbrechen zu müssen, teilte man die Kirche in zwei Hälften, welche nacheinander in Arbeit gegeben wurden. Zugleich mit der Innenrestaurierung des Baues wurde auch die Renovierung der Inventargegenstände betätigt.

Die äußerliche Schadhaftigkeit der spätromanischen Bauteile war bei dem Mangel feiner dekorativer Glieder am Außenbau naturgemäß geringer als die Schadhaftigkeit der gotischen Teile. Der Verwitterung am meisten ausgesetzt waren hier hauptsächlich die Bogenfriese und ornamentierten Kapitäle, welche durch getreue Kopien ersetzt wurden. An den ausgedehnten gotischen Partien fehlten nicht nur Krabben und Kreuzblumen, sondern auch Wimpergspitzen, Maßwerke, ja ganze Galerien waren dem Zerstörungswerk zum Opfer gefallen. Spärlich, doch ausreichend waren die aufgefundenen Überreste zur Ermöglichung zuverlässiger Rekonstruktion und Ergänzung. Von besonderem Interesse sind in dieser Beziehung die innerhalb der Mauerkrone des Ostchores aufgefundenen Reste der früheren Galerie. Die Restaurierung des Baues wurde daher durchgehends im Stilcharakter der einzelnen Bauteile durchgeführt. Die wiederholte Aufnahme des alten Baustiles und die Außerachtlassung neuzeitlicher Ausdrucksformen war ohne weiteres gerechtfertigt.

Auf leergebliebenen Konsolen des Ostchors und nördlichen Seitenschiffes fanden zahlreiche vom Bildhauer Georg Leistner in Nürnberg gearbeitete Statuen von Aposteln, Propheten und Kirchenvätern, dazu auch Luthers und Melanchthons Aufstellung. Sie erfüllen wesentlich einen dekorativen Zweck und fügen sich in ihrer gotischen Formengebung im allgemeinen gut der reichen architektonischen Umgebung ein.

Hauptarbeiten am Außenbau waren: Auswechslung der schadhaften Steine, Ergänzung, beziehungsweise Rekonstruktion der ruinösen oder abgefallenen Galerien, Pfeilerendigungen und sonstigen Zierglieder, Kopierung der verwitterten Bildwerke, Neubedachung der beiden Turmhelme und Flacherlegung der Seitenschiffdächer. Über diese Punkte, wie über alle Einzelheiten bei der Außen- und Innenrestaurierung, gibt der nachfolgende ausführliche Bericht der Bauleitung genauen Aufschluß.[68] Bezüglich der letzterwähnten Arbeit am Außenbau ist hinzuzufügen, daß von den verschiedenen Gestaltungen, welche den Seitenschiffdächern im Laufe der Jahrhunderte gegeben worden sind und deren jede für uns historische Berechtigung hatte: Kapellendach, flaches Pultdach, steiles Pultdach — das flache Pultdach als diejenige Form gewählt wurde, welche sich praktisch als die vorteilhafteste erwies.

Das Steinmaterial des alten Baues besteht beim romanischen Teil aus grauem, bei den gotischen Bauteilen aus rötlichem Sandstein der Nürnberger Umgebung von ziemlich grobem Korn. Die Beständigkeit dieses Materials insbesondere bei Verwendung für dekorative Glieder und figürliche Darstellungen ist eine sehr geringe, dazu kommen die schädlichen Einwirkungen des Rußes der modernen Fabrikstadt, die den Fortschritt der Verwitterung bei einem schon angegriffenen Stein außerordentlich beschleunigen.

Um derartigen Übelständen für die Zukunft vorzubeugen, wurde bei allen Ergänzungen und Kopien außer verschiedenen oberfränkischen Hartsandsteinen meistens der sehr harte wetterbeständige und quarzitreiche Stein aus den Wendelsteiner Brüchen bei Nürnberg verwendet.