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Die selige Christina von Stommeln

Chapter 2: Vorwort. ______
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About This Book

The biography reconstructs the life and mystical experiences of Christina of Stommeln, tracing her spiritual development, visionary ecstasies, periods of demonic temptation and bodily afflictions, and the emergence of sustained local veneration. It relies primarily on a medieval codex and an eyewitness account, explains the manuscript's threefold structure and editorial history, and presents reported marvels alongside cautious consideration of possible natural explanations. The author places ascetic practices and visions within their contemporary religious milieu and outlines the ecclesiastical inquiry that shaped subsequent devotion.

The Project Gutenberg eBook of Die selige Christina von Stommeln

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Title: Die selige Christina von Stommeln

Author: Arnold Steffens

Release date: August 31, 2017 [eBook #55466]
Most recently updated: October 23, 2024

Language: German

Credits: Produced by Peter Becker, Franz L Kuhlmann and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SELIGE CHRISTINA VON STOMMELN ***

Anmerkungen zur Transkription

Die nicht sehr häufigen typografischen und Fehler bei der Zeichensetzung sind stillschweigend bereinigt.

Das Deckblatt ist vom Einband des Originals übernommen; es geht damit in die "public domain".

1. Haupt der h. Christina von Stommeln.

Die selige Christina
von Stommeln.

Von

Dr. Arnold Steffens,

Domkapitular.

1912.

Druck und Kommissionsverlag der Fuldaer Actiendruckerei
in Fulda.

Imprimatur.
 

Fuldae, 29. Okt. 1912.

 
 


Dr. Arenhold,
Vic. gen.

 

Vorwort.
______

Die selige Christina von Stommeln, die vielgenannte und vielfach verkannte hervorragendste Vertreterin des beschaulichen Lebens im Cölner Erzbistum aus dem dreizehnten Jahrhundert, ist in letzter Zeit infolge der seitens des h. apostolischen Stuhles erfolgten Bestätigung ihrer unvordenklichen Verehrung Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit geworden. Die Nachfragen nach einer eingehenden Darstellung ihres Lebens mehrten sich. Das im Jahre 1859 über sie erschienene Buch von Pfarrer Theodor Wollersheim ist längst im Buchhandel vergriffen. Eine Neuauflage desselben empfahl sich nicht, weil es mehr eine Uebersetzung der Materialien zur Geschichte Christinas ist, und zudem noch eine vielfach ungenaue und irrtümliche, als eine durchgearbeitete Darstellung ihres Lebens.

Da der Verfasser gegenwärtiger Arbeit im kirchlichen Prozeß der Bestätigung der Verehrung Christinas als Antragsteller das Beweismaterial beizubringen hatte und sich deshalb mit allem, was auf die Dienerin Gottes Bezug hatte, vertraut machen mußte, wurde er von verschiedenen Seiten ersucht, eine neue Darstellung ihres Lebens zu bearbeiten, zumal am 6. November dieses Jahres die sechste Jahrhundertfeier ihres Todes eintrifft.

Die Aufgabe hat ihr Verlockendes, aber auch ihr Schwieriges.

Verlockend ist sie, weil es sich darum handelt, eine innige, gottliebende, durch das Feuer der Trübsale erprobte starkmütige Frauengestalt der an Heiligen jederzeit fruchtbaren Cölner Kirche zu schildern.

Schwierig ist sie, weil Christina zu jenen zählt, die auf dem Wege der innigsten Gottvereinigung, die ein Ausfluß der Gaben des h. Geistes ist und gewöhnlich als mystische bezeichnet wird, zur beseligenden Anschauung Gottes im himmlischen Vaterlande geführt wurde. Solche Seelen aber sind regelmäßig durch Gottes Zulassung Gegenstand außergewöhnlicher Anfechtungen und Quälereien seitens der bösen Geister. Auch in Christinas Leben treten sie in die Erscheinung, sind jedoch beschränkt auf die Bußzeiten des Kirchenjahres und finden sich auch nur in den beiden mittleren Jahrzehnten ihrer siebenzigjährigen Lebensdauer. Da alles Dämonische stets seine dunklen Seiten hat, eine eingehende Nachprüfung der vielgestaltigen, stets neuen Arten der angeblichen teuflischen Quälereien, die über sechshundert Jahre zurückliegen, im Einzelnen kaum möglich ist, auch ermüdend wirken würde, erschien es dem Verfasser am zweckmäßigsten, Christina so zu schildern, wie sie sich selbst gibt, und den Ideenkreis ihrer Zeit getreu wiederzugeben. Einzelne der berichteten Vorgänge lassen sich freilich als Krankheitserscheinungen erklären; allein die meisten haben mit Krankheitserscheinungen nicht den mindesten Zusammenhang, sie sind einfach körperliche Mißhandlungen, die von unsichtbarer Hand ausgeführt wurden.

Selbstverständlich bleibt es einem jeden überlassen, sich über diese Vorgänge sein Urteil zu bilden. Die Verehrungswürdigkeit Christinas hängt nicht davon ab, ob ihre Leiden natürlichen oder teuflischen Ursprunges waren. Sie hat dieselben mit heldenmütiger Geduld ertragen. Auch für solche, die geneigt sind, Christinas Leiden und Anfechtungen auf natürliche Gründe zurückzuführen, gilt sie als eine fromme und heilige Person.

Quelle der Darstellung ist vor allem der handschriftliche Kodex des Pfarrarchivs zu Jülich, der den Titel führt: Legenda et passio sancte christine virginis. Er ist auf Pergament geschrieben, in Holz und Leder gebunden und besteht aus drei Büchern. Das erste Buch hat die Ueberschrift: Incipit liber primus de virtutibus sponsae Cristi Cristinae compilatus a fratre Petro de ordine predicatorum. Es zählte 39 Blätter, von denen jedoch 22 fehlen. Im Anschluß an 43 Hexameter handelt es von den Tugenden, die Christina besonders zierten, ohne daß jedoch ihr Name genannt wird. Abgesehen von den Hexametern ist dasselbe noch nicht veröffentlicht. Das zweite Buch hat die Aufschrift: Incipit liber secundus de vita benedicte virginis Cristi Cristine. Es zählt 55 Blätter. Dasselbe wurde auf Kosten der schwedischen Staatsregierung in mustergültiger Weise herausgegeben im Jahre 1896 durch Professor Johannes Paulson in Gotenburg (Wettergren und Kerber). Das dritte Buch ist überschrieben: Incipit liber tertius de passionibus sepe benedicte virginis cristi cristine, quem compilavit magister Johannes capellanus virginis. Es zählte gleichfalls 55 Blätter; die Zählung schließt sich jedoch an die des zweiten Buches an. Das vorletzte Blatt fehlt. Es ist veröffentlicht bei den Bollandisten unter dem 22. Juni, und auch Professor Paulson hat im Appendix seiner Schrift: In tertiam partem libri Juliacensis annotationes, Blatt 66-72 und 110 aus demselben abgedruckt. Verfaßt ist der Kodex zur Zeit, als Christina und Petrus noch lebten, also noch vor 1288. Der Kodex, wie er jetzt ist, wurde zusammengestellt und geschrieben um das Jahr 1340, wahrscheinlich auf Veranlassung des Grafen Dietrich von Cleve.

Das dritte Buch enthält ausgesprochenermaßen Berichte über Vorgänge visionärer Natur und kommt daher für die Geschichte wenig in Betracht.

Die bei den Bollandisten unter dem 22. Juni abgedruckte Vita anonyma ist eine bald nach Christinas Tode aus dem im Jülicher Kodex vorhandenen Material zusammengestellte Lebensbeschreibung Christinas, die wohl zur Einleitung ihrer Heiligsprechung dienen sollte. Sie kommt nebst einer Nachschrift zum zweiten Buch der Jülicher Handschrift in Betracht für das Lebensende Christinas und den Beginn ihrer kirchlichen Verehrung.

Unsere Darstellung fußt, was Christinas Leben anbelangt, im Wesentlichen auf dem zweiten Buch der Jülicher Handschrift, das Petrus von Dazien als Augenzeuge der Vorgänge geschrieben und sein Landsmann, Professor Johannes Paulson im Jahre 1896 herausgegeben hat.

Petrus von Dazien war ein gewissenhafter Schriftsteller, der außerordentlich sorgfältig arbeitete. Die ungemein zahlreichen, in dem Buch vorkommenden Orts- und Zeitangaben, desgleichen die Angaben über Persönlichkeiten und Zeitverhältnisse, überhaupt alle Angaben, die eben nachgeprüft werden können, erweisen sich als zutreffend, sodaß kein Grund, Dingen, die sich der Nachprüfung entziehen, die Glaubwürdigkeit abzusprechen. Er berichtet getreulich und umständlich, was er gesehen und gehört. Ob er die Natur der außergewöhnlichen Vorgänge im Leben Christinas richtig erfaßt und beurteilt hat, bleibt dahingestellt. Man tut ihm jedoch Unrecht, wenn man sagt, er habe alles Außergewöhnliche gleich für Teufelswerk gehalten. Im Gegenteil forschte er mitunter nach, ob nicht äußere Ursachen, etwa mutwillige Menschen, die Vorgänge bewirkt hätten. Daß auch innere Ursachen im Spiel sein konnten und einzelne Vorgänge als Krankheitserscheinungen sich deuten lassen, scheint ihm freilich nicht in den Sinn gekommen zu sein, weil eben Christina nicht krankhaft veranlagt war.

Der Verfasser dieser Schrift hat seinen persönlichen Anschauungen rückhaltlos Ausdruck gegeben. Er will aber dadurch andere nicht verpflichten und unterwirft dieselben ebenso rückhaltlos dem Urteile der Kirche.

Cöln, den 24. Juli 1912.

Dr. Arnold Steffens.

Literatur.
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I. Vollständige Bücher.

  1. Petri de Dacia vita Christinae Stumbelensis. Johannes Paulson, Gotoburgi 1896. Fasc. II secundum de vita Christinae librum continens.
  2. In tertiam partem libri Juliacensis annotationes. Johannes Paulson, Göteburg 1896.
  3. Jülicher-handskriften till Petrus de Dacia. Johannes Paulson, Göteburg 1894.
  4. Lilium inter spinas (deutsch geschrieben). Kaspar Peter Lull, Cöln 1689.
  5. Leben und Leiden der sogenannten wunderbarlichen Christinae von Stommeln im Herzogtum Jülich, Prediger Ordens der dritten Regel des h. Dominici, durch einen Prediger des Prediger Ordens. F. L. F. O. P. Cöln. 2. Aufl. 1744.
  6. Das Leben der ekstatischen und stigmatischen Jungfrau Christina von Stommeln. Theodor Wollersheim, Köln 1859.

II. Ausführliche Abhandlungen in größeren Werken.

  1. Acta Sanctorum Junii tom. IV pag. 270-454. Antwerpiae 1707.
  2. Novale Sanctorum. Joannes Gillemannus, canonicus in Rougecloître 1487.
  3. Die Legend deren Heiligen. P. Dionysius de Luxemburg († 1703).
  4. Legende der Heiligen. Martin von Kochem. Augsburg 1705.
  5. Die christliche Mystik. Johann Josef von Görres. 4 Bde. Regensburg und Landshut 1836-1842 (2. Bd. S. 249 ff. S. 416; 3. Bd. S. 416).
  6. Legende oder der christliche Sternhimmel. Alban Stolz, Freiburg 1851-1860 (unter dem 22. Juni).
  7. Histoire littéraire de la France XXVIII (1881). Ernest Renan. La bienheureuse Christine de Stommeln. S. 1-16.
  8. Der Marien-Psalter. Dülmen 1891/1892 S. 33 und 222; 1896/1897 S. 41-47.
  9. Annalen des historischen Vereins für den Niederrhein. Heft 68 (1892). Die Verlegung des Kollegiatkapitels von Stommeln nach Nideggen und von Nideggen nach Jülich. Dr. Arnold Steffens (S. 109-132).
  10. Geschichte des deutschen Volkes vom 13. Jahrh. bis zum Ausgang des Mittelalters. Emil Michael, Freiburg i. B. 1903. 3. Bd. S. 165-167.

III. Kürzere Notizen in größeren Werken.

  1. Martyrologium des Usuard, Greven'sche Ausgabe v. J. 1515.
  2. Martyrologium des Kanisius. Dillingen 1570.
  3. De Archiepiscoporum ac episcoporum Coloniensium origine et successu. Petrus Merssaeus. Coloniae 1580 (S. 115).
  4. Annales Novesienses von Werner aus Titz bei Martène „Veterum scriptorum amplissima collectio“ tom. IV pag. 584.
  5. De admiranda ... magnitudine Coloniae. Aegidius Gelenius, Coloniae 1645 sub 23. Junii u. 6. Nov.
  6. Von den Wunden Christi. Petrus de Wael S. J. Antwerpen 1649.
  7. Annales Juliae. Wernerius Perarius (Teschenmacher).
  8. Animae illustres Juliae etc. Theodorus Ray S. J. Neoburgi 1663 (unter dem 22. Juni).
  9. Theses de gratia. Jos. Hartzheim S. J. Coloniae 1734.
  10. Bibliotheca Coloniensis. Jos. Hartzheim S. J. Coloniae 1747.
  11. Repertoire des sources historiques du moyen âge, Ulysse Chevalier. Paris 1857 (col. 450).
  12. Trésor de chronologie etc. De Mas Latrie. Paris 1889. Table alphabétique générale des Saints col. 700; classément des principaux Saints. Allemagne occidentale col. 903.
  13. Geschichte der alten Jülich'schen Residenz Nideggen. Martin Aschenbroich, Bochum 1867 (S. 132).
  14. Alte und neue Erzdiözese Cöln. 4 Bde. Binterim und Mooren 1828-1831. Neubearbeitet von Mooren 1892 (I S. 177).
  15. Beiträge zur Geschichte der Stadt Cleve. Dr. Scholten. S. 127-127, 134-135.
  16. Geschichte des früheren Gymnasiums zu Jülich. Prof. Dr. Kuhl, Jülich 1891 (I S. 26-27; 253-254).
  17. Die Hubertusschlacht bei Linnich. Der hohe Orden vom h. Hubertus. Dr. Heinrich Oidtmann. Jülich 1904. S. 67 und 69.
  18. Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz von Paul Clemen. VIII. Bd. Kreis Jülich, von K. Frank, Oberaspach und Edmund Renard, Düsseldorf.
    IX. Bd. Kreis Düren, von Paul Hartmann und Edmund Renard, Düsseldorf 1910 (S. 234-235).

Inhaltsverzeichnis.
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Seite
1. Kapitel: Christinas Herkunft und Kindheit 1
2. Kapitel: Christina bei den Beginen in Cöln 9
3. Kapitel: Christina in Stommeln bis zum ersten Besuch des Petrus von Dazien (1259-1277) 19
4. Kapitel: Zur Beurteilung des Dämonischen 24
5. Kapitel: Erster Besuch des Petrus von Dazien bei Christina im Advent 1267 39
6. Kapitel: Zweiter Besuch des Petrus. Christinas Entrückung und Seelenjubel 45
7. Kapitel: Dritter und vierter Besuch des Petrus. Christina empfängt die Wundmale des Herrn 49
8. Kapitel: Drei weitere Besuche des Petrus an den Festen Kreuzauffindung, Pfingsten u. Maria Magdalena 56
9. Kapitel: Achter, neunter und zehnter Besuch des Petrus zu Allerheiligen, im Advent und zu Weihnachten 1268. — Seelenjubel, Besudelung 64
10. Kapitel: Fastenzeit des Jahres 1269. Sinnliche Versuchung. Elfter und zwölfter Besuch des Petrus 74
11. Kapitel: Christinas Briefwechsel mit Petrus während dessen Aufenthalt in Paris (Mai 1269 bis Juli 1270) 84
12. Kapitel: Besuche des Petrus in Stommeln bei seiner Rückkehr von Paris. 97
13. Kapitel: Briefwechsel nach des Petrus Rückreise nach Schweden. Christinas Eltern und Pfarrer Johannes sterben. 1270-1279 101
14. Kapitel: Bruder Petrus kommt aus Schweden nach Stommeln, um Christina zu besuchen. 1279 113
15. Kapitel: Vom Advent 1279 bis zum Advent 1280 118
16. Kapitel: Christina bewirkt die Bekehrung der Sünder und die Befreiung der armen Seelen aus dem Fegfeuer 135
17. Kapitel: Christinas letzte Prüfungen, friedevoller Lebensabend und seliges Ende. 149
18. Kapitel: Christinas Verehrung nach dem Tode und deren Bestätigung durch Papst Pius X. 162

Verzeichnis der Abbildungen.
______

  1. Haupt der h. Christina von Stommeln.
  2. Kirchhügel zu Stommeln.
  3. Beginenfigur (14. Jahrh.).
  4. Bild Christinas aus der Cölner Kartause (vor 1639).
  5. Handschuh und Buchtäschchen Christinas.
  6. Gebetstäfelchen Christinas.
  7. Bild Christinas am Cölner Dom.
  8. Grabstätte Christinas zu Stommeln.
  9. Krankenhaus „Maria-Hilf“ zu Stommeln.
  10. Christinenaltar in der neuen Pfarrkirche zu Stommeln.
  11. Altes Grabmal Christinas zu Jülich.
  12. Bild Christinas vom alten Grabmal zu Jülich.
  13. Christinenkapelle in der Pfarrkirche zu Jülich.


Erstes Kapitel.
______
Christinas Herkunft und Kindheit.

Eine Passionsblume erblühte im alten Jülicherland, viele hundert Jahre sind es her. Gar lieblich war ihr Duft und tief purpurn ihre Farbe. Entzückt neigten sich Gottes Enkel über sie und gute Menschen staunten sie bewundernd an. Auch heute noch ist ihr Duft nicht verweht und ihre Farbenglut nicht verblaßt. Im Gegenteil, köstlicher als je weht uns in diesem Jahre der Wohlgeruch ihrer Tugenden entgegen, herrlicher als je prangt heuer ihr verehrungswürdiger Name. Am 6. November dieses Jahres werden nämlich sechshundert Jahre verflossen sein, seitdem diese Blume aus dem Garten der Cölner Kirche ins himmlische Paradies verpflanzt wurde. Die selige Christina von Stommeln meine ich, die im Jahre 1242 zu Stommeln geboren wurde, dort am 6. November 1312 starb, seit dem 22. Juni 1586 in einem Hochgrabe in der Hauptkirche zu Jülich ruht und deren unvordenkliche Verehrung durch Papst Pius X. am 12. August 1908 die höchste Bestätigung erhielt.

In eine gewaltig bewegte Zeit fiel das Leben Christinas. Ein jugendfrisches Geschlecht bevölkerte damals unsere heimischen Gauen, das zwar mit Begeisterung dem christlichen Glauben anhing, aber die angestammte heidnische Wildheit noch nicht vollständig überwunden hatte. Christlicher Heldensinn und lasterhafter Frevelmut, zarte Gottinnigkeit und leidenschaftliche Roheit, grausige Verbrechen und strenge Bußübung gedeihen nebeneinander. Es ist das Zeitalter, in dem Papst und Kaiser in Fehde lagen, es ist das Zeitalter der letzten Kreuzzüge, aber auch die kaiserlose, schreckliche Zeit, in der Räuberhorden sich allerorts breitmachten, eine Zeit, die an Kampf und Streit ihre Freude hatte, eine Zeit großen Wohlstandes und mächtigen Aufblühens in Handel und Gewerbe, Kunst und Wissenschaft, eine Zeit, wo der ungestüme Freiheitsdrang der Bürger erfolgreich ankämpfte gegen die Macht des Adels und der Geistlichkeit, es ist die Zeit, in der Konradin, der letzte Hohenstaufe, auf dem Blutgerüste zu Neapel sein junges Leben lassen mußte, die Zeit, die den Cölner Dom gebaut, aber auch die streitbaren, herrschgewaltigen Cölner Erzbischöfe im Kerker geschaut.

Das alte Stumbelo, etwa 3½ Stunden nordwestlich von Cöln gelegen, dort, wo die von Cöln über München-Gladbach nach Venlo führende Straße sich kreuzt mit dem von Worringen nach Bergheim gehenden Wege, gehörte zur Grafschaft Jülich, die 1336 zur Markgrafschaft und 1356 zum Herzogtum erhoben wurde.

Die Grafen von Jülich waren kühne Haudegen, die, wiewohl sie in ihrem Lande die Frömmigkeit pflegten, doch vor keiner Gewalttat zurückschreckten, wenn es galt, ihren Machtbereich auf Unkosten des Reiches und besonders der Cölner Kirche zu erweitern. Wilhelm II., der Große genannt, war ein höchst lasterhafter Mensch, der im Kriege der Gegenkönige Philipp von Schwaben und Otto von Braunschweig aus Wut darüber, daß sein Land mit dem Interdikt belegt worden war, die dem h. Stuhl ergebene Geistlichkeit plünderte, mißhandelte und wegjagte und dafür seine Kreaturen eindrängte. Er war verrufen weit und breit wegen seiner Gewalttätigkeit, Grausamkeit und Wollust. Sein Ende entsprach seinem gottlosen Leben. Nicht weit von Stommeln führte die alte Heerstraße, die von Jülich nach Cöln geht, vorbei. Sie ging damals über Brauweiler. Auf dieser wohl ritt i. J. 1207 der Große Wilhelm gen Cöln. Plötzlich wurde er von einer Herzschwäche befallen und sank zu Boden mit den Worten: „Cöln werde ich nicht wiedersehen.“ Sein Kaplan eilte herzu und sprach zu ihm: „Herr und Gebieter, entlaß die Buhlerin und nimm Dein Weib zu Dir.“ Er hatte nämlich seine rechtmäßige Gemahlin verstoßen. „Nimmermehr,“ erwiderte der Sterbende. Zur Buhlerin aber, die gleichfalls herbeigeeilt war und unter Tränen ihn fragte, was aus ihr werden solle, wenn er tot sei, sprach er: „Heirate einen jungen Soldaten.“ Und so starb der trotzige Sünder. Sein Nachfolger Wilhelm III. nahm das Kreuz und starb 1219 auf dem Kreuzzuge in Aegypten. Wilhelm IV. war gleich seinen Vorgängern ein rauflustiger Held, der in seiner langen Regierungszeit namentlich mit den Cölner Erzbischöfen scharfe Fehde führte. Im Geburtsjahre Christinas fand zwischen Lechenich und Brühl ein Treffen statt, bei dem Erzbischof Konrad von Hochstaden in die Hände des Jülicher Grafen fiel, der ihn neun Monate lang auf Schloß Nideggen in Haft hielt. Im Gefechte bei Marienholz zwischen Zülpich und Lechenich, das im Jahre 1267 stattfand, nahm er Erzbischof Engelbert von Falkenburg gefangen und hielt ihn bis 1271 zu Nideggen in Gewahrsam. Ein tragisches Ende jedoch ereilte ihn in der Gertrudisnacht (16. März) des Jahres 1278 beim Ueberfall der Stadt Aachen. Im Handgemenge wurde er nebst seinem Erstgeborenen, der gleichfalls Wilhelm hieß, von einem Grobschmiede erschlagen.

Zur selben Zeit lagen die Cölner Erzbischöfe in schwerem Streite mit der Stadt Cöln. Bei Frechen kämpften im Jahre 1257 die beiden Heere mit großer Erbitterung gegeneinander. Erzbischof Konrad von Hochstaden behauptete zwar das Schlachtfeld, erlitt jedoch große Verluste. Konrads Nachfolger, Erzbischof Engelbert von Falkenburg, wurde, als er inmitten seiner Würdenträger und Dienstmannen im Bischofssaale saß, am 28. November 1263 von den Cölnern verräterischer Weise überfallen und im Hause „zum Roß“ in der Rheingasse eingekerkert, woraufhin die Stadt vom Papste mit dem Interdikt belegt wurde. Immer größer wurde der Hader, immer höher stieg die Erbitterung auch unter Engelberts Nachfolger, dem Erzbischofe Sigfrid von Westerburg, bis schließlich auf dem Schlachtfelde bei Worringen, wo die Heeresmächte des ganzen Niederrheins aufeinanderstießen, die Jahrzehnte hindurch aufgespeicherte Wut am 5. Juni 1288 zur Entladung kam und die Entscheidung fiel. Sigfrid wurde gefangen und Cöln wurde freie Reichsstadt.

In dieser gährenden, wildbewegten Zeit lebte Christina. Ihr Heimatsort Stommeln lag mitten auf dem Gebiete des Kampfes, wiewohl er nie unmittelbar in denselben hineingezogen wurde. Gegenwärtig zählt der Ort, der schon im 10. Jahrhundert ein ansehnliches Pfarrdorf war, rund 2500 Einwohner, die fast ausschließlich sich zur katholischen Religion bekennen und Ackerbau treiben. In den ältesten Urkunden wurde der Ort Stumbelo, in der Jülicher Handschrift jedoch Stumbele genannt. Der Name, der soviel besagt als „Wald der Baumstümpfe“ (Stumbe = Stumpf und lô = Wald) weist darauf hin, daß der Ort eine fränkische Siedelung ist und auf abgeholztem Waldgebiete angelegt wurde. Die trotzige und treue Art der salischen Franken, der alles Gezierte und Unechte widerstrebt, die in ihrer Natürlichkeit und Geradheit selbst vor Derbheit und Rücksichtslosigkeit nicht zurückschreckt, ist auch heute noch in der Einwohnerschaft Stommelns unverwischt erhalten. Der gute Kriegsmann St. Martin, der Lieblingsheilige der Franken, ist denn auch von jeher dort Kirchenpatron. Der Bruder Kaiser Otto des Großen, Erzbischof Bruno, der Heilige, von Cöln, der als Herzog von Lothringen zugleich Landesfürst war, hat sich um Stommeln besonders verdient gemacht. Er schenkte der Gemeinde einen ansehnlichen Wald, der jetzt teils Ackerland, teils Weidengelände ist und der eingesessenen Bewohnerschaft, der Realgemeinde Stommeln, zugehört. Die Pfarrkirche samt dem neben ihr gelegenen Fronhofe wurde von demselben Erzbischofe im Jahre 961 dem hochadeligen Damenstifte zur h. Cäcilia in Cöln einverleibt. Da der Ackerboden der Stommeler Flur zu den gesegnetsten Gefilden Deutschlands zählt, so herrschte von jeher Wohlstand unter den Bewohnern, aber auch das kirchliche Leben stand dort im 13. Jahrhundert in schönster Blüte. Ganz besonders aber wurde die Andacht zum bittern Leiden unseres Heilandes in der Pfarrgemeinde gepflegt und an den Freitagen wurde der Gottesdienst wie an den Sonn- und Feiertagen besucht. Eifrige und angesehene Seelsorger standen an der Spitze der Pfarre und die Dominikaner von Cöln leisteten häufig Aushülfe in der Seelsorge.

Ze Choln und ze Parîs
da sint die pfaffen harte wîs
di besten vor allen rîchen

so singt ein Dichter des 13. Jahrhunderts. Der selige Albert der Große, der hervorragendste Gelehrte seines Zeitalters, stand damals an der Spitze des Hauptstudiums der Dominikaner zu Cöln, wo Thomas von Aquin sein Schüler war. Nicht bloß aus Deutschland, sondern auch von auswärts strömten die wißbegierigen jungen Leute, vor allem aber die von ihren Provinzialen als die talentvollsten befundenen Dominikaner nach Cöln, das als Sitz der Gelehrsamkeit mit Paris wetteiferte. Stommeln war der Erholungsort, wo an den schulfreien Tagen die Cölner Dominikaner gerne verweilten. Sie fanden dort gastliche Aufnahme nicht bloß auf dem Hofe des St. Cäcilienstiftes, sondern auch im Pfarrhause und bei Gutsbesitzern. Bruder Mauritius sehnte sich, als er in Paris studierte, nach Cöln zurück und seinem „Stommeler Aegypten“, wie er sich in einem Briefe an Christina vom 15. Juni 1271 scherzhaft ausdrückt.[1] Dort hätten sie frische Eier bekommen und schmackhaftes Gemüse zum Fleische. In Paris jedoch seien die Eier verderbt und kleiner als die Eifler Eier, die sie zu Cöln gegessen. Christina solle jedoch den Brief niemanden zeigen, damit er nicht etwa eine üble Note erhalte, der Frau Beatrix aber sagen, daß sie für die vom Kapitel heimkehrenden Brüder frische Eier und Zulage frischen Käses bereite. Auch Bruder Folkwin in Gotland erinnerte sich später noch mit Dankbarkeit der in Stommeln zugebrachten Tage und schickte zur Bekundung dieser Dankbarkeit der Christina einen größeren schwarzen Löffel aus Horn, Christinas Schwester Hilla einen kleinen schwarzen Löffel, der Hilla vom Berge einen weißen mit schwarzem Griffe und der Tochter des Vogtes ebenfalls einen schwarzen Löffel aus Horn.[2]

Auch für den Schulunterricht der Knaben sowohl wie der Mädchen war in Stommeln gesorgt. Die Knaben unterrichtete der Magister Johannes, der entfernt mit Christina verwandt war und später Priester wurde.

Die Gerichtsbarkeit wurde ausgeübt durch einen im Orte ansäßigen Vogt, der in der Nachbarschaft Christinas wohnte und mit ihrer Familie befreundet war. In dieser wohlgeordneten, frommen und wohlhabenden Pfarrgemeinde erblickte Christina das Licht der Welt im Jahre 1242. Der Tag ihrer Geburt ist nicht näher bekannt. Daß sie am 24. Juli, dem Feste der h. Jungfrau und Martyrin Christina, geboren sein soll, ist nur eine Vermutung. Ihr Vater war ein vermögender Ackerwirt. Er hieß Heinrich Bruso und seine Frau Hilla. Vom Geburtshause Christinas sind noch Mauerreste erhalten geblieben. Es lag inmitten des Ortes an der Hauptstraße, dort, wo gegenüber die Eschgasse zu der auf einer ziemlichen Anhöhe gelegenen alten Pfarrkirche abbiegt. Es war ein Gehöfte mit einem Doppelhause, einem ältern großen Hause und einem kleinern Anbau. Noch immer führen die dort befindlichen Baulichkeiten den Namen Brusohaus, und früher, als Stommeln noch zum Herzogtum Jülich gehörte, war dort auch der Wohnsitz des Amtsverwalters.

Christina war nicht das einzige Kind ihrer Eltern. Sie hatte einen ältern Bruder namens Heinrich, der etwas weltlich gesinnt war, wohl den Versuch gemacht hatte, ins Kloster Kamp einzutreten, es aber wieder verlassen hatte und nach Cöln übergesiedelt war. Außerdem hatte sie einen jüngern Bruder, Sigwin genannt, für den sie in mütterlicher Liebe besorgt war. Dieser trat als Laienbruder in den Dominikanerorden ein und zwar in der Provinz Dazien, erhielt den Namen Gerhard, weil der Name Sigwin in Schweden nicht gebräuchlich war, und führte zur größten Zufriedenheit die Geschäfte eines Prokurators, da alle Einnahmen und Ausgaben des Klosters durch seine Hand gingen. Wie Christina zwei Brüder hatte, so hatte sie auch zwei Schwestern. Eine hieß Hilla und die andere Gertrud. Beide scheinen älter gewesen zu sein als Christina. Eine von ihnen wohnte später in Cöln; die andere heiratete und blieb anfänglich in Stommeln. In Poulheim wohnten nahe Blutsverwandte Christinas, zwei Schwestern nämlich und deren Brüder.

Schon in der Kindheit stand Christina, die ein gewecktes Mädchen war, unter besonderer Einwirkung der göttlichen Gnade. In dem freilich erst nach ihrem Tode von einem Ungenannten verfaßten Bericht über ihr Leben lesen wir, daß der Jesusknabe dem fünfjährigen Kinde öfters erschien, es im Glauben unterrichtete, es beten lehrte und ihm zum frommen Leben Anleitung erteilte. Christina zeigte denn auch viel früher als andere Kinder Verständnis für göttliche Dinge, ging gerne in die Kirche und wohnte dort täglich mit kindlich frommer Andacht dem h. Meßopfer bei. Als sie sechs Jahre alt war, schaute sie bei der Wandlung das Jesukind in den Händen des Priesters, das zu ihr sprach: „Siehe, ich bin hier zugegen, stets bereit, Barmherzigkeit zu erweisen. Wer also um Barmherzigkeit fleht, wird Barmherzigkeit erlangen.“ Als sie sieben Jahre zählte, wurde sie von einem Engel im Geiste ins Paradies geführt, wo sie himmlische Geheimnisse schaute und mit unaussprechlicher Wonne erfüllt wurde. Ein Seraph kam dort zu ihr, begrüßte sie als die Auserlesene Jesu Christi und machte ihr kund, daß durch sie viele Sünder bekehrt, viele Gerechte gestärkt und getröstet und viele Seelen aus dem Fegfeuer würden befreit werden. Als der Engel sie dann wieder zur Erde zurückgeführt und sie zu sich gekommen war, hub sie an zu singen ein Lied, das so anfing:

Rosen und Lilien auf grünenden Auen
Ueberall prächtig und lieblich zu schauen,
Wie mein Brüderlein Jesu Christ,
Wenn man seiner Liebe genießt.

Im Alter von neun Jahren wurde sie um das Fest Mariä Verkündigung drei Nächte nacheinander im Geiste von einem Engel der allerseligsten Jungfrau Maria vorgestellt und in jeder dieser Nächte sang sie dreimal nacheinander zuerst die Sequenz vom h. Geiste, die zu Pfingsten beim Hochamt gesungen wird:

Veni sancte spiritus,
Et emitte caelitus
Lucis tuae radium,
 
 
Komm, o Geist der Heiligkeit,
Aus des Himmels Herrlichkeit
Sende Deines Lichtes Strahl,

und sodann die von der allerseligsten Jungfrau, welche anfängt mit den Worten:

Ave rosa generosa
Salve candens lilium,
 
 
Sei gegrüßt Du edle Rose
Gruß Dir Lilie blendendweiß,

und wenn sie diese Gebete beendet, so warf sie sich nieder vor der h. Gottesmutter und sprach folgendes Gebet:

Deprecor vos, mater misericordiae, per amorem dilectissimi filii vestri, ut mihi apud ipsum peccatorum meorum veniam impetretis necnon et amicitiam et favorem eiusdem filii vestri mihi procuretis.
 
 
Mutter der Barmherzigkeit, ich bitte Dich bei der herzlichen Minne, die Dein vielgeliebter Sohn zu Dir getragen hat, Du wollest mir bei ihm Verzeihung meiner Sünden erlangen sowie auch die Freundschaft und die Huld dieses Deines Sohnes mir erwirken.

Die h. Gottesmutter aber beantwortete jedesmal dieses Gebet mit den Worten: „Freue dich, teuerste Tochter, und frohlocke; denn du wirst die Braut und Freundin meines vielgeliebten Sohnes sein.“ Seit jener Zeit wußte Christina diese beiden lateinischen Sequenzen auswendig, obschon sie den Psalter noch nicht gelernt hatte, und wurde jedesmal, wenn sie dieselben singen hörte, mit großer Wonne erfüllt.

Im Jahre 1252, als sie zehn Jahre zählte, erschien ihr in einer Nacht Jesus Christus selbst im Traumgesichte in Jünglingsgestalt. Christina erschrak. Christus aber sprach zu ihr: „Vielgeliebte Tochter, siehe, ich bin Jesus Christus. Gelobe mir Treue, und zwar so, daß du mir immerwährend dienest. Sollte dich übrigens jemand um ein anderes Verlöbnis angehen, so sage ihm, daß du dich Jesu Christo selbst in seine Hände verlobt habest“ — dabei ergriff er ihre rechte Hand und legte sie in die seine. — „Bei den Beginen,“ so schloß der Herr, „sollst du bleiben.“ Als Petrus von Dazien sie siebenundzwanzig Jahre später über diese Erscheinung befragte, sagte sie: „Ich sah den lieben Heiland im Glanze solcher Herrlichkeit und in solcher Schönheit, daß ein menschliches Auge es nicht zu ertragen vermag. Deshalb kam ich von Sinnen und drei Tage und drei Nächte hindurch war ich für alle körperlichen Wahrnehmungen unempfänglich.“ Von diesem Tage an hatte ihr Geist keine Ruhe mehr, sondern immerdar quälte sie sich mit dem Gedanken, wie sie zu den Beginen kommen könnte.

Wie sie elf Jahre alt war und nach Weise der Schulkinder den Psalter lernte, kam es ihr, wenn sie die Psalmen las, vor, als ob sie zu demjenigen rede, dem sie Treue gelobt hatte. Und dann konnte sie nicht anders als weinen vor seliger Freude.


Zweites Kapitel.
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Christina bei den Beginen in Cöln.

Das engelgleiche Töchterlein des Heinrich Bruso wuchs inzwischen zur blühenden Maid heran. Sie war mit allen Vorzügen ausgestattet, die ihre Hand auch für die erlesensten aus der Schar der Jünglinge begehrenswert machten. Sie war das Kind wohlhabender und angesehener Eltern. Schlank von Wuchs und kräftig von Gestalt, machte sie mit ihrem frischen, edelgeformten und von goldblondem Haar umwallten Gesichte den Eindruck jungfräulicher Anmut. Kein Wunder, daß die Eltern daran dachten, sie zu verloben; denn sie hatten keine Kenntnis von dem Traumleben ihres Kindes. Doch Christina widerstrebte diesem Vorhaben. „Bei den Beginen sollst du bleiben,“ so hatte der Herr ihr gesagt, und dieser Weisung wollte sie folgen. Ohne Vorwissen der Eltern begab sie sich deshalb am St. Katharinentage des Jahres 1255, als sie dreizehn Jahre alt war, nach Cöln. Es schneite und stürmte und sehr kalt schnitt der Wind. Nichts hatte sie von Hause mitgenommen, als ein leinenes Tuch, das sie über den Kopf geworfen hatte. Eine Frau, die sie mitgenommen, zeigte ihr den Weg. Die Freude, bald zu den Beginen zu kommen, beflügelte ihre Schritte. Die einzige Besorgnis, die sie auf diesem Wege hatte, war die, jene Frau könne sie möglicherweise verraten oder in Cöln, wo sie unbekannt war, in ein Haus führen, wo ihre Ehre und Unschuld Gefahr leiden könnte. Sie langte jedoch glücklich in Cöln an und ging sofort zu den Beginen, wo sie auch aufgenommen wurde.

Die Beginen bildeten einen nach Art einer Ordensgemeinschaft organisierten Stand weiblicher Personen, die als Jungfrauen, Ehefrauen und Witwen sich zu einem enthaltsamen Leben entschlossen hatten. In Folge der Kreuzzüge war damals die männliche Bevölkerung in unseren Gegenden bedeutend verringert, und für einen erheblichen Teil der weiblichen war mithin die Ehelosigkeit der gewiesene Weg. Es war natürlich, daß diese weibliche Bevölkerung Anschluß an die bestehenden Ordensgenossenschaften suchte. Die Prämonstratenser waren es, die zuerst dieser Frauenbewegung sich annahmen, dann ihr aber, als sie ihnen zur Plage wurde, wieder den Rücken kehrten. Darauf versuchten die Zisterzienser die Lösung derselben Frage, die aber auch ihnen ebenso wenig wie den Prämonstratensern gelingen sollte. Notgedrungen bildete sich nun diese der Enthaltsamkeit geweihte Frauenwelt zu einer selbständigen Eigenart des Ordenswesens aus, zum Beginentum. Ohne Gründer und ohne Gründerin aus dem Drange der Verhältnisse geboren, entwickelte es sich vorzugsweise in den belgischen und rheinischen Landen zu großer Blüte. Seine Wiege ist die Stadt Nivelles in Brabant, wo im Jahre 1207 das erste selbständige derartige Kloster entstand. Als kirchliche Organisation wurde das Beginentum anerkannt durch Papst Gregor IX., der ihm am 30. Mai 1233 einen Schutzbrief ausstellte. Den Anforderungen, die der Völkerapostel an die gottgeweihten Frauen und Jungfrauen stellt, nacheifernd, bemühten sich diese frommen Frauen, nicht bloß ein keusches, enthaltsames Leben zu führen, sondern auch den Geist des Gebetes zu pflegen, die hh. Sakramente häufiger zu empfangen, ein Leben der Entsagung zu führen und sich in den Werken der christlichen Barmherzigkeit zu üben. Sie trugen einfache, eigene Kleidung von schwarzer Farbe, verrichteten das kirchliche Stundengebet, pflegten aber auch mit besonderer Vorliebe das Rosenkranzgebet[3]; wohnten gewöhnlich in nächster Nähe der Pfarrkirche, trugen Sorge für die hh. Gewande, die Reinheit und den Schmuck des Gotteshauses, unterrichteten die Mädchen, pflegten die Kranken und beherbergten die durchreisenden Fremden. Ihr Reformeifer erweckte jedoch vielfachen Widerspruch. Man warf sie zusammen mit der Sekte der Apostoliker und Albigenser, und weil in jenem Zeitalter ein Lütticher Priester namens Lambert, zubenannt le bègue, d. h. der Stammler († 26. März 1187), viel von sich hatte reden machen wegen seines Reformeifers, der ihn in einen Streit mit seinem Bischof verwickelt hatte, in Folge dessen er zensuriert und eingekerkert wurde, so nannte man sie Beginen, womit der Begriff der Ueberkirchlichkeit und Widersetzlichkeit verbunden war. Doch der Priester Lambert war mit Unrecht bekämpft worden; in der Tat war er ein Mann Gottes. Papst Luzius III. hob das Urteil des Lütticher Bischofes auf und gab dem unschuldig Gemaßregelten die Vollmacht zu predigen wieder. Die neuen Ordensfrauen brauchten deshalb den ihnen in kränkender Absicht zugelegten Beinamen nicht zurückzuweisen und er ist ihnen in der Folge verblieben, wiewohl Lambert le bègue geschichtlich mit ihnen keinerlei Zusammenhang hat.[4] Als die beiden Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner sich hierzulande auszubreiten begannen, kamen die Beginen wie von selbst in ein Abhängigkeitsverhältnis zu ihnen. Mit diesen beiden Ordensfamilien, die im ersten und zweiten Orden das eigentliche Ordensleben für das männliche und weibliche Geschlecht organisiert hatten, war nämlich ein dritter Orden planmäßig verbunden, der eine losere Form des Ordenslebens für Weltleute darstellte. Dieses Tertiarierwesen war aber seiner Idee nach der Grund zur Bildung des Beginentums gewesen. Es ist deshalb auch nicht zu verwundern, daß die Beginenhäuser sich um die Klöster der Dominikaner und Franziskaner zu gruppieren pflegten. Im 15. Jahrhundert sind die Beginen durch die kirchlichen Behörden veranlaßt worden, eine bestimmte Ordensregel anzunehmen. Sie entschieden sich für die Augustinerregel. Die noch heute blühenden Klöster der Zellitinnen in Cöln, Düren, Neuß und Aachen sind dem Ursprunge nach Beginenklausen.

Das älteste Beginenhaus in Cöln ist der Konvent „ver Selen“, der 1230 gegründet wurde, sich in der Stolkgasse befand und dem Dominikanerkloster, dessen Stelle jetzt die Hauptpost einnimmt, gegenüberlag. Allem Anschein nach war es dieses Haus, in das Christina eintrat. Denn wir lesen von ihr, daß sie die Dominikanerkirche fleißig besuchte. Im Kloster erhielt Christina jedoch bald Besuch. Ihre Mutter hatte erfahren, wo sie sich hinbegeben. Sie kam nach Cöln, und unter Tränen bat sie ihre Tochter, doch wieder mit ihr nach Stommeln zurückzukehren. Christina indes war nicht hierzu zu bewegen. Zum Entgelt versagte die Mutter ihr jegliche Aussteuer. Ein ganzes Jahr hindurch ließ sie ihr nicht die mindeste Unterstützung zukommen, sodaß Christina darben mußte und an manchen Tagen nicht einmal Brot zum Essen hatte. Einige Beginen redeten ihr deshalb zu, sie sollte doch wieder zu ihren Eltern zurückkehren. Sie aber lehnte dies ab, da sie lieber dem Willen Gottes gemäß im Kloster in Armut, als bei den Eltern im Ueberfluß leben wollte. Sie blieb ungefähr vier Jahre bei den Beginen in Cöln und übte sich dort eifrig in der Schule der Vollkommenheit. Sie liebte die Einsamkeit, um dem Gebete obliegen zu können; auf Erholung und Unterhaltung nahm sie nicht Bedacht. An jedem Samstage und an allen Vorabenden der Heiligenfeste fastete sie bei Wasser und Brot. Sie trug ein einfaches, wollenes Kleid, aber kein leinenes Unterzeug. Ein fest anliegender Gürtel umschlang ihre Lenden. Sie schlief allein. Holz und Stein bildeten ihr Ruhelager, damit sie desto eher erwache und zum Gebete sich erhebe. Zweihundertmal beugte sie das Knie in jeder Nacht und tagsüber flehte sie zu allen Heiligen, deren Namen sie kannte, sie möchten ihr die h. Liebe erwirken. Ihr Stundengebet verrichtete sie gewöhnlich mit dem ganzen Körper seitwärts zur Erde hingestreckt, Freitags dagegen streckte sie dabei die Arme in Kreuzesform aus und so legte sie sich dann auch auf ihr Ruhelager. Strümpfe trug sie nicht; sie hatte nur Sohlen unter den bloßen Füßen. Die Hälfte des Jahres fastete sie, ohne irgendwelche Fleischnahrung zu sich zu nehmen. Ihr gewöhnliches Getränk war Wasser, sehr selten nahm sie etwas Bier. Alles, was nach Weichlichkeit aussah, war ihr zuwider. All ihr Sinnen und Trachten war unablässig darauf gerichtet, zu betrachten, wie vieles und wie schmerzliches Christus für uns gelitten hat.

Christina besuchte, wie gesagt, mit Vorliebe die Dominikanerkirche. Im Jahre 1225 waren die Dominikaner nach Cöln gekommen. Die Stiftsherrn zum h. Andreas hatten ihnen ihr in der Stolkgasse gelegenes Hospital zur h. Maria Magdalena geschenkt. Dieses Hospital hatten die Dominikaner zur Kirche umgewandelt, an deren Stelle Albert der Große 1271 die zu Anfang des 19. Jahrhunderts niedergelegte prächtige Kirche gotischen Stiles zum h. Kreuz erbaute. In jener älteren Magdalenenkirche war eines Tages Christina in die Betrachtung des bitteren Leidens unseres Herrn versenkt. Da wurde sie mit einem Male entrückt. Sie war wie entseelt und mußte aus der Kirche nach Hause getragen werden. Drei Tage lang dauerte dieser Zustand. Die Beginen aber, mit denen sie zusammenlebte, wußten diesen Zustand nicht zu beurteilen. Sie meinten, das müßte ein Anfall von Geisteskrankheit oder von Fallsucht gewesen sein, und sie hielten deshalb Christina für eine Minderwertige.

So ergeht es ja in der Regel den von Gott besonders begnadigten Personen. Sie werden für unsinnig gehalten und Gott läßt dies zu, um sie vor Ueberhebung zu bewahren.

Die Entzückung ist jedoch weit davon entfernt, etwas Krankhaftes zu sein. Es hat ja auch Männer von Ruf gegeben, die künstlerische Begabung, zumal das Dichter- und Musikergenie, als eine Art von Wahnsinn ansahen. Und doch ist solch' künstlerische Begabung ein Zeichen höchster Geisteskraft und Geistesgesundheit. Noch viel mehr sind Verzückungen Aeußerungen höchsten Geistesaufschwunges. Freilich können gottbegnadigte Personen und desgleichen Dichter und Musiker gerade so gut geisteskrank werden wie andere Menschen; allein an und für sich haben mystische Zustände und künstlerische Begabung mit Geisteskrankheit nichts zu tun. Es gehört freilich ein Kennerauge dazu, krankhafte Erscheinungen von mystischen Zuständen zu unterscheiden, weil gewisse äußere Aehnlichkeiten vorliegen bei aller Verschiedenheit des Wesens. Die Kenntnisse eines auch noch so hervorragenden Nervenarztes reichen da nicht aus; der eigentliche Fachmann ist da der mit den Zuständen des übernatürlichen Seelenlebens entweder durch eigene Erfahrung oder durch eindringendes Studium der Wissenschaft der Heiligen vertraute Geistesmann.

Die h. Teresia, eine der vorzüglichsten Lehrmeisterinnen des geistlichen Lebens, wußte wohl zu unterscheiden zwischen Weiberohnmachten und Verzückungen. Sie kannte beide Zustände aus Erfahrung. Auch träges, träumerisches Versunkensein beim Gebete hat mit Verzückung nichts zu tun. Diese ist vielmehr ein machtvoller, urplötzlicher Aufschwung der Seele zu Gott, ihrem Urheber. Es sind nicht mehr die natürlichen, von der Gnade unterstützten Fähigkeiten der Seele, die da tätig sind; es ist vielmehr der Geist Gottes selbst, der h. Geist, der durch seine sieben Gaben, zumal durch die Gabe des Verstandes, den menschlichen Geist anregt und leitet. Ein unmittelbares Schauen der Gottheit, wie es im Zustande der Verklärung eintritt, findet freilich nicht statt. Dazu bedarf es des Lichtes der Herrlichkeit. Auch bei der mystischen Vereinigung wird die Seele geleitet auf dem Wege des Glaubens, der nicht im Schauen aufgegangen ist. Allein die Seele ist auf eine höhere Stufe des übernatürlichen Lebens erhoben, welche die Mitte hält zwischen dem gewöhnlichen Gnadenzustande und der Himmelsseligkeit. Vermöge der Eingießung der Gaben des h. Geistes sind es nicht so sehr die natürlichen Seelenkräfte, die tätig sind, es ist vielmehr der Geist Gottes, der von der Seele Besitz ergreift und in ihr tätig ist. Da ist nun höheres, göttliches Licht, da ist ein Vorgeschmack der Seligkeit und Wonne des Himmels. Würde jemand aus nebelumlagerter Finsternis plötzlich in der h. Weihnacht in den in hellster Beleuchtung prangenden Cölner Dom eintreten und sein Ohr von den Klängen überirdischer Musik entzückt werden, er würde sprachlos dastehen, staunen und genießen. Und wenn dies Schauen und Genießen auch nur eine Viertelstunde währen sollte, es würde ihm zeitlebens unauslöschlich vor der Seele stehen, und niemand würde ihm einreden können, er habe nur ein Traumbild geschaut. Aehnlich ist es mit der Seele, die entzückt wird. Beim Einfluten des Lichtes der Gottheit wird sie sprachlos. „Der Atem stockt, sodaß sie, wenn auch die Tätigkeit der anderen Sinne noch andauert, durchaus nicht reden kann. Manchmal jedoch hört urplötzlich alles auf, es erkalten die Hände und der ganze Körper erstarrt derart, daß es den Anschein gewinnt, die Seele sei nicht mehr da, und mitunter kann man auch keinen Atem wahrnehmen. Dieser empfindungslose Zustand dauert jedoch nur kurze Zeit; denn sobald dieser gewaltige Aufschwung etwas nachläßt, scheint der Körper wieder einiges Leben zu gewinnen und atmet wieder auf, um aufs neue zu sterben und der Seele ein höheres Aufleben zu verschaffen. Bei all dem dauert eine solche großartige Verzückung nie lange. Es kommt aber auch vor, daß nach ihrem Aufhören der Wille so versenkt und der Verstand einen ganzen Tag oder mehrere Tage so entrückt bleibt, daß es den Anschein hat, er könne auf nichts achten als auf das, was den Willen zur Liebe zu erwecken vermag. Hierzu ist er in vollkommen wachem Zustande, dagegen ist er ganz eingeschlafen, wo er einem Geschöpfe besondere Aufmerksamkeit zuwenden soll.“

Diese Beschreibung, welche die h. Teresia[5] von der Entzückung gegeben, paßt ganz und gar auf das, was bei Christina wahrgenommen wurde. Der Leib wird empfindungslos und starr. Zu verschiedenen Malen hat man an Christina, während sie in Verzückung war, den Versuch gemacht, zu erproben, ob dem wirklich so sei. Einmal hat man ihr am Arme drei Wunden beigebracht. Christina aber regte sich nicht und merkte nichts. Als sie aber aus der Verzückung erwachte, fühlte sie den Schmerz der Wunden, die nun anfingen zu bluten und langer Zeit bedurften, um zu heilen. Ein anderes Mal hat, wie Bruder Gerhard vom Greif, der Pfarrer Johannes und andere dem Bruder Petrus berichteten, eine Begine der Christina, als sie nach der Kommunion in Verzückung gekommen, mit der Schere tief in die Wade geschnitten. Auch diesmal merkte Christina während der Verzückung nichts von der beigebrachten Verletzung. Als sie aber zu sich kam, empfand sie heftigen Schmerz und die Wunde fing an zu bluten. Da sie kein Mittel anwandte, um die Wunde zu heilen, so schwoll das Bein bedenklich an und die Wunde fing an in Fäulnis überzugehen. Sie begab sich nun nach Cöln und klagte dem Bruder Gerhard vom Greif ihr Leid. Dieser sagte ihr, es müsse ein Wundarzt die Wunde untersuchen und einen Einschnitt machen. „Muß der Mann die Wade sehen?“ fragte Christina. Bruder Gerhard erwiderte: „Ich glaube, er wird sie sonst nicht heilen können.“ In einer Weise, die mehr zu bewundern als nachzuahmen ist, erwiderte Christina: „Lieber lasse ich das ganze Bein verfaulen, als daß ich dieses zugebe,“ und ging fort. In der Nacht wandte sie sich zum Gebete und erlangte vom Herrn Heilung ihrer Wunde. Morgens ging sie dann zurück zu Bruder Gerhard und sprach: „Es ist nicht nötig, den Wundarzt zu rufen; denn der Herr hat mich in seiner Güte geheilt.“[6] Auch trifft bei Christina zu, was die h. Teresia von den Wirkungen der Verzückung sagt. Krankhafte Erscheinungen erzeugen Unlust zu geistiger Betätigung, sie hinterlassen Schwäche, Abspannung und Erschöpfung. Ganz anders die Verzückung. Auch sie greift die Sinnesorgane in ihrer Weise an. Durch das übermächtig einströmende Licht der Gottheit wird die Tätigkeit der Sinnesorgane nicht nur, sondern auch alle gewöhnliche Tätigkeit des Geistes gebunden. Die Seele ist ganz aufgegangen in ihrer höchsten und edelsten Tätigkeit, im Schauen und Lieben ihres Urhebers. Sie lebt ein höheres Leben und das natürliche ist eine Weile wie erstorben. Kehrt sie nun wieder zum natürlichen Leben zurück, so bedarf es einer Art Neubelebung des Organismus, um wieder die gewohnten Beschäftigungen aufnehmen zu können. Diese geht gemach vor sich, hat aber, da eine Krankheit gar nicht vorlag, mit Rekonvalescenz keine Aehnlichkeit. Bald fühlt der Organismus sich wieder ganz frisch. Die Seele brennt vor Glut, sich wiederum mit Gott und zwar für immer zu vereinigen. Die ganze Schöpfung möchte sie aufrufen, mit ihr Gott zu preisen. Entbehren und leiden aus Liebe zu Gott ist für sie eine Genugtuung. Keine Bußübung ist ihr zu schwer. Die Welt und was sie enthält erscheint ihr gar armselig. Ihre Herrlichkeit ist ihr wie welkes Gras und ihre Lust wie ödes Sumpfwasser. Sie hat ja Höhres verkostet. Was sie in der Verzückung geschaut, vermag sie, wie St. Paulus es darlegt, nicht in Worte zu kleiden. Es übersteigt ja alle Erfahrung. Gefällt es jedoch dem Allmächtigen, sie durch bildähnliche Erscheinungen zu belehren oder zu erbauen, so weiß sie diese auch, sobald sie zu sich gekommen, zu beschreiben. Wo jedoch die Mitteilung des göttlichen Lichtes unmittelbar auf die geistige Erkenntnis einwirkt, ist einerseits eine Täuschung unmöglich; denn durch den Vorgang selbst hat die Seele die Gewähr, daß sie mit Gott verbunden ist, andererseits aber versagen ihr auch die Ausdrucksmittel, das, was sie erfahren, entsprechend wiederzugeben.

In der Regel sind solche besondere Hulderweisungen der göttlichen Liebe Vorboten großer Prüfungen und Leiden. Liebe und Leib gehören nun einmal zusammen wie im natürlichen Leben, so auch im übernatürlichen. Seine besondern Lieblinge führt Gott den Weg des Leidens. Keine verzärtelten Geschöpfe würdigt er seiner besonderen Freundschaft, sondern nur die Heldenseelen, die Opferfreudigen. Sie werden in der Schule des Leidens geübt, dann aber auch im Brautgemache der göttlichen Liebe erquickt. Unter den Heiligen des Himmel ragen die hh. Martyrer hervor, die für Christus die grausamsten Qualen erduldet und ihr Leben für ihn gelassen haben. Was in den Zeiten der Christenverfolgung wutschnaubende Machthaber an den Bekennern des christlichen Namens verübt, das gestattet in friedlichen Zeiten Gott der Herr dem Satan an seinen Auserwählten zu vollbringen, damit auch ihnen des Martyriums Palme nicht fehle. Es darf uns daher nicht wundern, wenn in der Lebensbeschreibung Christinas nach der hohen Begnadigung von widerwärtigen Versuchungen und grausamen Quälereien die Rede ist. Sie verehrte mit besonderer Innigkeit den h. Apostel Bartholomäus; sie betrachtete ihn als ihren ganz besonderen Schutzpatron, da sie in ihren Trübsalen sehr oft seinen Beistand erfahren hatte. In der Dominikanerkirche sowohl wie in der nahegelegenen Stiftskirche zum h. Andreas befanden sich Reliquien des h. Bartholomäus. Ob es nun diesem Umstande zuzuschreiben ist, daß Christina sich ihn zum besonderen Schutzheiligen erkor, oder ob seine grausame Marter, da ihm lebendigen Leibes die Haut abgezogen wurde, auf ihr mitleidiges und heldenmütiges Herz bestimmend eingewirkt hat, läßt sich nicht ermitteln. Vielleicht haben beide Gründe zusammen eingewirkt.