Kehren wir nunmehr zu Christina zurück, die wir im Advent des Jahres 1267 im Pfarrhause zu Stommeln zurückgelassen haben, wo sie den ersten Besuch des Dominikanerpaters Petrus von Dazien erhalten sollte. Wie das kam, soll uns Petrus selbst erzählen. „So weit meine Erinnerung reicht, schreibt Petrus,[28] hatte ich seit meiner frühesten Kindheit allezeit eine innige Freude, wenn ich etwas hörte von dem Leben, den Tugenden, den Leiden und dem Tode der Heiligen und besonders von Jesus, unserem Herrn, und seiner glorreichen Mutter. Wenn ich dann über das Gehörte nachdachte, so brachte das meinem Herzen viele Tröstungen. Infolgedessen fing ich schon damals an, die Welt mit ihren Lüsten geringzuschätzen und öfters sprach ich mit meinen leiblichen Brüdern darüber, wie wir die Welt verlassen möchten. Dabei entstand in meinem Herzen eine besondere Sehnsucht. Ich verlangte und wünschte nämlich, der Herr möchte mir mit seiner Gnade behülflich sein, irgend einen seiner Diener kennen zu lernen, durch den ich den Wandel der Heiligen nicht bloß in Worten, sondern in Tat und Beispiel sicher und klar erlernen könnte.... Unter diesem Sehnen flossen viele Jahre dahin, wie ich meine, wohl über zwanzig Jahre. In dieser Zeit hat nun freilich der Herr mir mehrere Personen beiderlei Geschlechtes gezeigt, an denen ich mich oft erbaut habe. Doch wurde durch sie niemals mein Verlangen gesättigt. Je mehr ich solche fromme Seelen antraf, desto mehr sehnte ich mich wieder nach andern. Denn in keiner fand ich, was ich suchte, und mein Sehnen blieb ungestillt. Endlich hat der Vater der Erbarmungen ... mich ganz unerwartet eine solch fromme Seele, die ich suchte, finden lassen. Eine aus vornehmer Familie entsprossene Frau namens Alfradis, die einen Mann, der ebenfalls vornehmen Standes war, geehlicht hatte, wurde schwer krank und sandte zum Bruder Walter, der seit langer Zeit ihr Beichtvater war. Er ging zu ihr am Tage vor dem Feste des h. Apostels Thomas und nahm mich als Begleiter mit. Wir kamen erst spät an jenem Hause an. Während nun Walter die Beichte jener Frau hörte und ich im Hause saß, kam zu mir eine Begine, Aleidis mit Namen, und fragte mich, woher ich gekommen sei. Ich antwortete: Von Cöln. Da sprach sie: Wärest du doch in unserem Dorfe gewesen und hättest einmal die wunderbaren Dinge gesehen, die dort an einem Mädchen geschehen! Am Nachmittage des folgenden Tages nun gingen wir, wie es Walter bestimmte, nach jenem Pfarrdorfe und kehrten im Pfarrhause ein, wo sich damals jenes Mädchen befand wegen der Bedrängnis, die man befürchtete.... Als ich ins Pfarrhaus eintrat, sah ich ärmlichen Hausrat, betrübte Menschen und eine junge Person, die etwas seitwärts saß und das Gesicht mit dem Mantel verhüllt hielt. Diese stand auf, als Bruder Walter eintrat, und grüßte ihn. Aber in demselben Augenblicke stieß der Teufel sie rückwärts, sodaß ihr Kopf heftig wider die Wand anschlug. Die Anwesenden erschraken darüber, waren aber noch mehr in Angst wegen der Trübsale, die nach den Erfahrungen der früheren Jahre noch zu befürchten waren. Während nun diese alle in Sorge und Betrübnis waren, wurde ich allein mit einer ganz besonderen, ungewohnten Freude erfüllt, fühlte eine innerliche Tröstung und war ganz von Staunen ergriffen. Ich begriff nicht, was mit mir vorging, und wurde darob betroffen, weil ich fürchtete, man möchte es merken.... Um nun diese meine Gemütsstimmung zu verbergen, suchte ich mit den Hausgenossen, mit dem Herrn Pfarrer nämlich und seiner Mutter, mit seinen Schwestern und anderen Personen, die gerade im Hause waren, ein Gespräch anzuknüpfen. Mein Genosse saß inzwischen ein wenig von uns entfernt bei jenem Mädchen und hielt ihr verschiedene Beispiele vor von der Geduld Christi und der Heiligen. Jene meine Freude aber prägte sich so stark in meine Seele ein, daß auch bis jetzt, wo schon elf Jahre seitdem verflossen sind, sie nicht bloß mir im Gedächtnis haftet, sondern mir auch wie gegenwärtig fühlbar ist. Ich habe in jener Stunde, wie ich glaube, gewiß irgendeine göttliche Einwirkung empfangen. Während ich nun so dasaß und den Leuten zuhörte, auch mitunter ein munteres oder ernstes Wort dazwischen redete, waren meine Augen und Gedanken dahin gerichtet, wo jene Person sich befand, deren Nähe ich meine Umwandlung zuschrieb ... Wie ich nun meinen Genossen und jenes Mädchen genau beobachtete, sah ich, daß der Teufel es siebenmal stieß, viermal wider die Wand rücklings und dreimal wider eine Kiste zu ihrer Linken und zwar mit solcher Gewalt, daß die Stöße auch für die ferner Stehenden hörbar waren. Was mir besonders auffiel, war der Umstand, daß bei diesen heftigen Stößen das Mädchen weder Seufzer noch Schluchzen vernehmen ließ, ja nicht das geringste Zeichen von Ungeduld oder Schmerz weder durch Wort noch Geberde zu erkennen gab, sondern ruhig blieb, ohne einen Laut des Murrens oder der Klage von sich zu geben. Ich konnte mich nun nicht länger mehr halten und sprach zu Bruder Walter: „Liebster Vater, ich weiß nicht, ob Ihr es bemerkt, wie der Teufel das Mädchen so heftig stößt. Es wäre wohl gut, wenn Ihr mit ihm etwas weiter von der Wand und der Kiste abrücktet und ein Kissen hinter ihren Kopf legtet, damit, wenn noch weitere Stöße erfolgen sollten, die Heftigkeit des Anpralles durch die weiche Hinterlage gemildert werde.“ Man tat dieses auch. Wie wir nun noch eine Weile dagesessen hatten, hörte ich das Mädchen auf einmal aufseufzen, wie wenn es plötzlich von etwas Schmerzhaftem betroffen worden wäre. Als die Frauen, die um es herumsaßen, dies bemerkten, fragten sie nach der Ursache des Aufseufzens. Es antwortete: „Ich bin an den Füßen verwundet.“ Man sah nach und fand es so. Denn an jedem Fuße fand sich eine frisch blutende Wunde. Als die Verwundete auf solche Weise viermal von neuem aufseufzte, wurde ich von Mitleid ergriffen und bei dem Weinen und Schluchzen derer, die um sie saßen und bei jedem neuen Aufseufzen neue Wunden sahen, stand auch ich auf und sah, wie ich meine, bei den beiden letzten Aufseufzungen nach, und ich erblickte die Wunden in ihrem Entstehen, noch bevor das Blut hervorquoll. Denn gewöhnlich pflegt es einige Augenblicke zu dauern, ehe das Blut nach der Verwundung hervorfließt. Hiermit nun hatte diese Mißhandlung ein Ende. Sieben frisch blutende Wunden erblickte ich auf der oberen Seite der Füße, und zwar vier auf dem einen und drei auf dem anderen Fuße. Da ich aber zweimal aufgestanden war und die Sache mich sehr interessierte, habe ich genau acht gegeben und bemerkt, daß jedesmal eine neue Wunde hinzugekommen war. Unterdessen war die Nacht nach dem Feste des h. Apostels Thomas angebrochen und ich, der ich vorher von Freude erfüllt war, war nun voll des Mitleidens. Bruder Walter wünschte, daß wir jetzt die Komplet beteten. Wir beteten sie mit allen Zusätzen nach Vorschrift und zwar in Gegenwart der Jungfrau. Und als wir zu Ende waren, kniete die Jungfrau nieder, Bruder Walter legte ihr beide Hände auf das Haupt und sprach das Johannesevangelium zum Schutze gegen die Wut des bösen Feindes. Hierauf bat ich ihn um die Erlaubnis, mit den Hausgenossen die Nacht durchwachen zu dürfen. Er gestattete es und ich geleitete ihn zu seiner Ruhestätte, die man ihm aus Ehrfurcht vor seinem Alter und seiner Frömmigkeit im Pfarrhause selbst bereitet hatte.... Als ich nun mit seiner Erlaubnis wieder zur Jungfrau zurückkam, um ihr Trost zu spenden und auch durch sie mittels der Wunderwerke des Herrn Trost zu empfangen, fand ich zwei Lichter im Hause, die bis zum Morgen brannten, und sieben Personen, die nicht abwechselnd, sondern alle mitsammen die Nacht hindurch ununterbrochen Wache hielten, bis es Tag wurde, ohne daß auch nur einer sich zur Ruhe niederlegte. Man hielt dies für notwendig, weil ein jeder der Anwesenden von der Wut und Bosheit des Teufels die heftigsten und unerträglichsten Angriffe zu befürchten hatte. Sie waren froh, als sie mich zurückkommen sahen, und ersuchten mich, dort Platz zu nehmen, wo mein Gefährte vordem gesessen hatte. Ich tat es, und als ich dort eine Weile in Stillschweigen gesessen, fragte mich jene Jungfrau: „Wie heißet Ihr?“ Ich antwortete: „Petrus.“ Da sprach sie: „Guter Bruder Petrus, erzählet mir etwas von Gott; ich höre so gerne etwas von ihm, wiewohl ich wegen meiner jetzigen Bedrängnis zu meinem Bedauern nicht sonderlich achtgeben kann.“ Auf ihren Wunsch, dem sich auch die übrigen anschlossen, erzählte ich ihnen nun, obschon ich der Mundart noch nicht vollkommen mächtig war, zwei Beispiele aus dem Leben der Brüder, die ich für erbaulich hielt, das eine, wie die seligste Jungfrau einen Kartäuser gelehrt habe, ihr zu dienen und sie zu lieben; das andere, wie ein Bruder des Predigerordens durch die h. Messe, die ein befreundeter älterer Bruder für ihn gelesen, aus dem Fegfeuer, in dem er fünfzehn Jahre lang gewesen war, befreit worden sei.
Als ich die Erzählungen beendigt hatte, hielt ich ein wenig inne. Da auf einmal seufzte die Jungfrau auf, heftiger wie gewöhnlich. „Was ist geschehen?“ fragte ich. „Ich bin am Knie verwundet,“ sagte sie. Nach einer Weile, in der man wohl ein Miserere hätte beten können, stöhnte sie wieder, zog ihre rechte Hand durch den Aermel ihres Kleides nach innen, fuhr damit unter ihrem Kleide herab, zog dann einen eisernen Nagel hervor, der mit frischem Blute überronnen war und gab ihn mir in die Hand.... Ich fand ihn viel wärmer, als er es durch Berührung des menschlichen Körpers hätte sein können.... Da es nun, wie mir dünkte, Mitternacht war, ging ich zu meinem Gefährten, um nach Ordensbrauch mit ihm die Mette zu beten. Wir beteten die Mette von der allerseligsten Jungfrau, und als wir die Laudes begonnen, entstand im Hause ein solches Jammern, daß wir das Gebet abbrachen, ohne Nachricht abzuwarten, gleich zu der Jungfrau und ihrer Umgebung hineilten und fragten, was geschehen sei. Man sagte uns, die Jungfrau sei schwer verwundet worden. Mein Gefährte setzte sich neben sie und fand sie in tiefer Betrübnis und fast ohnmächtig. Bald jedoch kam sie wieder zu sich, zog dann die andere Hand ähnlich wie früher durch den Aermel nach innen und langte einen anderen Nagel hervor, der mit frischem Blute benetzt und gleich heiß war wie der erstere, aber eine viel grauenhaftere Form hatte. Sie gab denselben meinem Gefährten in die Hand mit den Worten: „Schauet da, womit ich verwundet worden bin.“ Alle betrachteten den Nagel, staunten über seine schreckliche Form und entsetzten sich. Ich aber bat, man möge ihn mir zum Geschenke und steten Andenken überlassen. Man gab ihn mir und ich habe ihn bis zum heutigen Tage aufbewahrt, auch an ihm ein Zeichen gemacht, wie tief er in das Fleisch eingedrungen war. Denn das Fleisch, das noch daran hing und das anklebende Blut, ließen das ganz deutlich erkennen.
Am Morgen kehrte ich wieder nach Cöln zurück. Ich weiß nicht, ob ich mich je in meinem Leben in solcher Gemütsverfassung befunden habe, so daß ich damals am liebsten, wenn ich gekonnt, die Messe von der allerseligsten Jungfrau gelesen hätte zur Danksagung für die mir von Gott erwiesenen Gnaden. Nun glaubte ich die Psalmstelle zu verstehen: „Helle ist mir geworden die Nacht in meiner Wonne; denn vor dir hat die Finsternis kein Dunkel und hell wird die Nacht wie der Tag. Denn so wie ihr Dunkel, so ist sein Licht.“ (Ps. 138, 11-12.) Und mit den Jubeltönen des Exultet fährt dann Petrus fort: „O glückliche Nacht! o selige Nacht, die du für mich geworden zum Anfang der göttlichen Erleuchtungen, bei denen Nacht und Tag nicht mehr wechseln. O süße und wonnevolle Nacht, in der mir zuerst verliehen wurde zu verkosten, wie lieblich der Herr ist. Das ist die Nacht, in der ich gewürdigt wurde, zuerst die Braut meines Herrn zu sehen.“ Nur eines beklagte Petrus, daß sie für ihn zu kurz war. „Möchte von nun an,“ so schließt er, „meine sündige Seele erneuert und ich in einen neuen Menschen umgewandelt werden, so daß ich zu neuem Leben erstehe und den Tod nicht schaue in Ewigkeit!“
Nach dem Advente verließ Christina das Pfarrhaus. Im darauffolgenden Jahre, 1268, einem Schaltjahre, fiel das Fest des h. Apostels Matthias, das in Stommeln noch heute als das des zweiten Pfarrpatrons besonders feierlich begangen wird, auf den Samstag vor dem ersten Fastensonntag. Der Pfarrer von Stommeln hatte seinen guten Freund, Bruder Gerhard vom Greif aus dem Dominikanerkloster in Cöln, gebeten, zur Aushülfe herüberzukommen. So bot sich für Bruder Petrus eine Gelegenheit, die Schritte wieder nach Stommeln zu lenken. Hören wir ihn selbst, wie er seinen zweiten Besuch in Stommeln beschreibt: „In der nächstfolgenden Fastenzeit ging ich wieder bei dargebotener Gelegenheit nach dem früher genannten Orte, nach dem meine Sehnsucht stand, als Begleiter des Bruders Gerhard vom Greif, dem Beichtvater besagter Jungfrau ... Wir kamen dort an am Samstage vor dem ersten Sonntage der Fastenzeit. Am Sonntage nun lud der Herr Pfarrer seinem Freunde, dem Bruder Gerhard, zuliebe auch dessen geistige Tochter auf Mittag zu Tisch. Sie folgte der Einladung und speiste mit uns. Darüber hatte ich viele Freude; denn so hatte ich Gelegenheit, ihre Sitten und ihr Verhalten genau zu beobachten ... Nach Tisch, als der Pfarrer einen Kranken besuchte, begab es sich, daß eine Person — jedenfalls die sangeskundige Gertrud, Schwester des Pfarrers, — aus Andacht den Hymnus: Jesu dulcis memoria in unserer Gegenwart sang und nach der lateinischen Strophe auch jedesmal die deutsche innig-fromme Uebersetzung[29] mitsang. Dadurch wurde ich mehrmals zu Tränen gerührt. Da wurde mit einem Male die Jungfrau dermaßen im Geiste entrückt, daß sie in allen ihren Sinnesorganen unempfindlich und am ganzen Körper starr war und kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Was uns aber noch mehr in Erstaunen setzte, man konnte gar kein Atemholen mehr an ihr bemerken. Ich gestehe, daß ich bei diesem Anblicke vor Freuden weinte und vor Verwunderung außer mir war und für eine so große Gabe des göttlichen Einflusses dem Geber Dank sagte. Denn was hier vor sich ging, konnte ich keiner natürlichen Ursache, noch menschlicher Einwirkung zuschreiben; ich erkannte darin vielmehr die Nähe Gottes ... Einen solchen Zustand hatte ich noch nie an einem Sterblichen wahrgenommen und ich glaubte, hier geschehe, was der Apostel andeutet, wenn er schreibt: „Sive mente excedimus“, d. h. mögen wir im Geiste entrückt sein ... Und ich begann nun, desto genauer alle Geschehnisse zu beobachten, auf alle Worte zu hören, und auf alle Bewegungen und Geberden zu merken und sie meinem Gedächtnisse tiefer einzuprägen, weil ich alles dem Hulderweis besonderer Gnade zuschrieb.
Als sie nun in diesem Zustande, ein wenig nach vorn geneigt, Gesicht und Hände mit dem Schleier verhüllt, etwa drei bis vier Stunden auf einer Bank gesessen hatte, seufzte sie unter Schluchzen auf, so daß sie am ganzen Körper etwas in Bewegung kam. Dann begann sie ein wenig aufzuatmen; jedoch ging dies leichter und langsamer vor sich, als es sonst bei Menschen zu geschehen pflegt. Die Bewegung beim Atmen war so gering, daß es besonderer Aufmerksamkeit bedurfte, um sie wahrzunehmen ... Es war nämlich, wie gesagt, die Bewegung beim Atmen geringer und die Zwischenzeit zwischen Ein- und Ausatmen größer wie gewöhnlich. Als sie nun auch in diesem Zustande die Zeit von ungefähr zwei Messen hindurch gesessen hatte, fing sie an tiefer und überhaupt so zu atmen, wie Menschen gewöhnlich zu atmen pflegen. Darauf begann sie auch zu reden, jedoch so leise, daß man es selbst bei aufmerksamem Hinhorchen kaum verstehen konnte und auch nicht in vollständigen Sätzen, sondern in einzelnen Ausrufungen voller Liebe und Süßigkeit, wie: Liebevollster, süßester oder herzinnigster, trautester oder Bräutigam. Und dabei jubelte sie auf unter freudiger Erregung des ganzen Körpers, das einem Aufhüpfen ähnlich sah, und zwar in ganz ungewohnter Weise. Das Jubeln ging in einem Atemzuge vor sich und dauerte ein Miserere lang und dann trat wieder eine ebensolange Zeitdauer hindurch Unbeweglichkeit ein. Es wiederholte sich dann derselbe Vorgang des freudigen Aufhüpfens, Jubelns oder Jauchzens — ich weiß nicht, wie ich es nennen soll, sagt Petrus, denn ich habe früher so etwas nie gesehen — und nahm ungefähr die Zeit von zwei Messen in Anspruch. Diejenigen, die bei ihr saßen, weinten vor Freude ob der Inbrunst der Andacht und der Glut der Liebe, die in dem Vorgang zu Tage trat.“ — Es ist dieses Aufjubeln der Seele eine im Leben der innigen Vereinigung mit Gott mitunter hervortretende Erscheinung. Beim Einströmen der göttlichen Liebeswonne wird die Seele gleichsam trunken vor Seligkeit. Sie vermag sich nicht mehr zu fassen vor übergroßer Wonne, ihr Herz strömt über und so führt sie unwillkürlich eine Art mystischen Reigens auf, ähnlich demjenigen der jungfräulichen Chöre im Hochzeitssaale des himmlischen Bräutigams, und süße Jubeltöne entströmen ihren Lippen, wie sie in unnachahmlicher Meisterschaft wiederklingen in den Melismen der Gradual- und Allelujagesänge des gregorianischen Chorals.
4. Bild Christinas aus der Cölner Kartause (vor 1639)
4. Bild Christinas aus der Cölner Kartause (vor 1639)
Als nun diese Art des Seelenjubels nachließ, begann sie in ihrer Rede mehrere Worte miteinander zu verbinden und gleichsam vollständige Sätze zu bilden, in denen sie Danksagung und Lobpreis ausdrückte. Denn sie tat einige Erwähnung von dem Zustande, in dem sie gewesen war, und von den Wohltaten, die sie empfangen hatte, obgleich sie sich in einzelnes nicht einließ. Es war überaus rührend zu hören, wie sie dabei ihre eigene Armseligkeit und die großmütige Freigebigkeit und herablassende Güte ihres Bräutigams hervorhob. Von dem einen zum andern übergehend, redete sie bald von ihrer eigenen Geringheit und Unwürdigkeit, bald wieder pries sie die unermeßliche Güte Gottes. Diese Art und Weise der Rede dauerte etwa die Zeit einer Messe. Darnach begann sie in größter Bitterkeit des Herzens und unter einem großen Tränenstrome die vielen Armseligkeiten ihrer irdischen Verbannung so sehr zu beklagen, daß ich derartiges Weinen früher nie gesehen habe. Ich hatte zwar bis dahin auch geglaubt, daß die Füße des Herrn, wie das Evangelium berichtet, von den Tränen eines Weibes benetzt wurden; seitdem aber habe ich mir diese Worte, durch ein solches Beispiel belehrt, tiefer eingeprägt. Und ich meine, diese Jungfrau würde mit ihren Tränen nicht nur die Füße, sondern auch die Hände und das Haupt des Herrn, wenn die Gelegenheit dazu sich dargeboten hätte, benetzt haben. Da nun auch so eine Stunde vorübergegangen war, begann sie, gleich einem andächtig Betenden, Gott dem Herrn inbrünstig jene anzuempfehlen, die sich ihr empfohlen hatten. Ich bemerke dies deshalb, weil ich hier zuerst wahrnahm, daß sie wieder aus Antrieb der menschlichen Vernunft und natürlichen Erkenntnis handelte ... Nachdem sie so ihre Freunde und Wohltäter, die ihr nur irgendetwas Gutes erwiesen hatten, angelegentlich dem Herrn empfohlen hatte, betete sie auch ganz innig für ihre Feinde, falls sie solche haben sollte, damit der Herr ihnen verzeihe, ob sie nun geflissentlich oder aus Unverstand gegen sie gesündigt. Das setzte sie hinzu, weil einige, da sie die Wahrheit nicht kannten, lieblos über sie geredet hatten. Schließlich begann sie denen, die mit ihr gesprochen, zu antworten und sich nach gewöhnlicher Art der Menschen zu verhalten, ohne jedoch Erwähnung zu tun von dem, was vorgegangen war. Es schien ihr vielmehr unangenehm zu sein, wenn sie jemanden davon reden hörte.
Das Fest der Verkündigung Mariens wurde im Jahre 1268, da der 25. März auf den Passionssonntag fiel, am vorhergehenden Samstage gefeiert. An diesem Samstage traf Bruder Petrus zu seinem dritten Besuche in Stommeln ein. Er war diesmal begleitet von Bruder Karl, der von Paris gekommen war und im Begriffe stand, über Cöln nach seiner Heimat Dazien zurückzureisen. Petrus hatte ihm von Christina erzählt und ihm auch die beiden schrecklichen Nägel gezeigt, die der Teufel ihr ins Fleisch hineingetrieben hatte. Bruder Karl wurde darob so ergriffen, daß er gar sehr Christina zu sehen wünschte. Auch erbat er sich von Petrus einen der Nägel zum Geschenke. Petrus gab ihm den kleinern. Nach erhaltener Erlaubnis machten die Brüder sich am Nachmittage des 24. März auf den Weg, kamen nach der Komplet in Stommeln an, und kehrten im gastlichen Pfarrhause ein, wo sie auch die Nacht zubrachten. Als sie nach dem Abendbrote miteinander plauderten, fragte Petrus den Pfarrer, wie man es wohl einrichten könne, daß man Bruder Karl, der gar sehr darnach verlange, Christina kennen zu lernen, seinen Wunsch erfüllen könne. Freundlich entgegnete der Pfarrer: „Ladet sie morgen ein, mit euch zu speisen.“ Ich erwiderte: „Es steht mir nicht zu, jemanden einzuladen.“ Darauf sagte der Pfarrer. „Sie wird lieber kommen, wenn ihr sie einladet.“ Ich lud sie denn auch, schreibt Petrus, am folgenden Morgen ein. Da wir nun zu Tisch gehen sollten, fanden wir sie dastehen, bereit, uns Wasser über die Hände zu gießen. Während sie uns zum Händewaschen einlud, kamen mir unwillkürlich die Worte Elisabeths in den Sinn: „Woher mir dieses, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ Doch ließ ich die Dienstleistung geschehen, um Christinas Demut und ihren frommen Sinn nicht zu beschämen. Weil der Pfarrer uns am vorhergehenden Abende gesagt hatte, in Christinas Handfläche sei das Zeichen des Kreuzes erschienen, suchte ich bei Tisch ihre linke Hand zu beobachten. Es gelang mir jedoch nicht zu sehen, was ich wünschte. Als wir aber nach Tisch am Herdfeuer saßen nach Sitte der Deutschen, bat mich Christina, ihr etwas von Gott zu reden. Ich erklärte ihr also die vier oder drei hauptsächlichen Eigenschaften der Serafin nach dem seligen Dionysius;[30] denn ich wußte, daß sie gerne von der Liebe Gottes reden hörte. Darob wurde sie so ergriffen, daß sie die Magd ihrer Mutter, die zu ihr geschickt worden war und sie dreimal angeredet hatte, nicht bemerkte und ihr keine Antwort gab. Ich hielt nun eine Weile inne und sprach zu ihr: „Warum hast du der Magd deiner Mutter keinen Bescheid gegeben?“ denn ich kannte damals ihr Wesen nicht hinlänglich. Sie erwiderte: „Wenn auch die ganze Habe meiner Mutter in Gefahr wäre, so wäre es mir doch augenblicklich unmöglich, mich damit zu befassen.“ Während sie nun so im Geiste ergriffen war, öffnete sie ihre linke Hand und ich erblickte in ihr etwas, wie ich es in meinem Leben nicht gesehen hatte ... In der weißen Hand der Jungfrau sah ich das Kreuz unseres Herrn von blutroter Farbe. Es war aber nicht wie mit Farbe oder Blut aufgemalt, sondern durch sichtbare Wunde in das Fleisch eingeprägt, und zudem mit zierlichen Blümchen geschmückt. Bruder Karl sah auch das Kreuz und war von allem, was er gesehen und gehört, höchlich erbaut. Am folgenden Tage gab er der Jungfrau zum Zeichen besonderer Verehrung sein schönes, kleines Psalterium, das er zu Paris für sich gekauft hatte, da er vernommen, daß der Teufel ihr letzthin am Tage Pauli Bekehrung ihr Psalmenbuch, das einzige, das sie besaß, mit Gewalt aus der Hand gerissen und verschleppt hatte. Lächelnd bemerkte ich dazu: „Gott will mehr geben, als der Teufel rauben kann,“ zog dann mein kleines Diurnale hervor, das mir Bruder Absalon seligen Angedenkens, der Provinzial von Dazien, in meinem Noviziate geschenkt hatte, und sprach: „Schau, da der Teufel dir ein Buch genommen, so gibt Gott dir dafür zwei.“ Dabei überreichte ich ihr das Diurnale und wir schieden recht erbaut von dannen.
Die Betrachtung des Leidens Christi war Christinas liebste Andachtsübung. Sie brachte ihr immer Trost und Erquickung. Kein Wunder, daß Satan ihr diese Andacht zu verleiden suchte. Er quälte sie, wie der Pfarrer Johannes berichtet,[31] in dieser Fastenzeit mit einer langwierigen Versuchung wider den Glauben an das Leiden Christi. Es kam ihr der Gedanke, Gott habe überhaupt nicht gelitten. Wenn sie in die Kirche eintrat und das Kreuz erblickte, dachte sie bei sich: „Das ist ein Bild, was soll dies? Es liegt nichts wahres zu Grunde.“ Sie hatte großes Leidwesen über diese Versuchung, und ihr Herz mühte sich ab in der Bekämpfung dieser Zweifel. Dann sprach der Versucher zu ihr: „Glaubst du, dein Gott habe gelitten? Es ist nicht wahr. Alles, was man davon erzählt, ist erlogen, mögen die Geistlichen sagen, was sie wollen.“ Wenn sie die h. Kommunion empfing, blieb sie ohne Erquickung und beim Gebete verspürte sie keinen Trost. Am Donnerstage nach dem Weggange der beiden Brüder, es war acht Tage vor dem Gründonnerstage, betete sie, als sie der Mette beiwohnte, also zum Heilande: „O mein Geliebter, du bist allzeit mein Helfer gewesen und du weißt, daß dein Leiden immer für mich ein Trost war, befreie mich nun von dieser Plage; denn ich kann diesen Unglauben nicht länger ertragen.“ Und alsbald zeigte sich an ihrem ganzen Haupte etwas wie eine Dornenkrone. Diese wurde ihr so eingedrückt, daß über Gesicht und Hals das Blut herabfloß und alsbald kam sie außer sich. Als sie wieder zu sich kam, war jene Versuchung verschwunden. Von diesem Augenblicke an bis Ostern konnte sie an nichts anderes denken als an das Leiden des Herrn. Am Gründonnerstage fing sie abends spät auf einmal an beängstigt zu werden und am ganzen Körper zu zittern. Blutstropfen begannen schließlich von ihrem Körper zu rinnen. Die Angst war so groß, daß sie glaubte, alsbald sterben zu müssen, und dieser Zustand dauerte bis zur Non, d. h. bis drei Uhr nachmittags des Karfreitags. Da öffneten sich die fünf Wundmale und zwar an ihrer Seite, an den Füßen und den Händen, und am Haupte erschien die Dornenkrone. Auch wurde sie mit Galle getränkt, und ihr Mund war davon mit solcher Bitterkeit erfüllt, daß sie keinerlei Speise verkosten konnte. Sie lag da wie halbtot jene Tage hindurch bis zum Ostertage, wo sie in solchen Seelenjubel eintrat, daß es wunderbar war. Seit jener Zeit kam sie, so oft sie an das Leiden des Herrn dachte oder davon reden hörte, jedesmal, wenn nicht gerade besondere Prüfungen sie heimsuchten, außer sich. Auch hatte sie hinfort eine solche innere Erleuchtung, daß die h. Schrift ihr besser verständlich wurde. Zudem glaubte sie von Gott alles erlangen zu können, was sie begehrte. Wenn jemand mit ihr ein Gespräch anknüpfte, so erkannte sie innerlich, in welcher Absicht dies geschah.
Hören wir nunmehr den Bericht des Bruders Petrus über die Stigmatisation Christinas. Am Karsamstage sagte ihm der Prior, er solle mit Bruder Gerhard vom Greif nach Stommeln gehen; denn der Pfarrer hatte um Aushülfe gebeten. Freudig gehorchte Petrus und er machte sich mit seinem Gefährten nach Tisch auf zu seinem vierten Besuch in Stommeln. Als sie ins Pfarrhaus eintreten wollten, kam ihnen die Mutter des Pfarrers, eine hochbetagte Frau, entgegen und sagte zu Petrus, den sie von früher ja kannte: „Liebster Sohn, schade, daß du gestern nicht hier warest. Du hättest Gottes Wunderwerke geschaut, wenn du hier gewesen wärest.“ Gleichsam scherzend entgegnete Petrus: „Vielleicht kann ich morgen auch dergleichen sehen.“ — „Nein, sagte sie, niemals ist in unserer Zeit auf dieser Erde so etwas gesehen worden und wird auch wohl nicht mehr gesehen werden.“ Da ich merkte, schreibt Petrus, daß sie etwas Wichtiges uns mitteilen wollte, fragte ich sie: „Was ist denn Neues geschehen, wovon du soviel Aufhebens machst?“ Da begann sie zu erzählen und sprach: „Gestern sind an einem Mädchen hier im Dorfe die Zeichen des bitteren Leidens deutlich erschienen“ und sie fügte dann noch einiges über die Umstände des Vorganges hinzu. Petrus wurde darob sehr gerührt und wäre am liebsten sofort zu Christina ins Haus der Aleidis gegangen. Allein sein Gefährte war zu müde, um mit ihm gehen zu können. Am Ostertage ging Christina ganz in der Frühe zur h. Kommunion. Nach Tisch gingen der Pfarrer und Petrus zu ihr. Sie lag zu Bett und hatte das Gesicht sorgfältig mit dem Schleier bedeckt. Petrus hatte von der Mutter des Pfarrers gehört, Christinas Gesicht sei ganz blutig unterlaufen, wie wenn es mit Stöcken wäre zerschlagen worden. Er setzte sich deshalb zu Füßen des Bettes, um womöglich einen Blick auf das Gesicht tun zu können. Der Pfarrer, der sich zu Häupten gesetzt hatte, begann zu Christina zu reden vom Osterlamme; denn dieses habe sie am Morgen genossen. Und als die Beiden hierüber einige herzliche Worte wechselten, traf es sich, daß Christina sich räuspern mußte, wobei sie den Schleier etwas lüftete. Da ich am Fußende saß, schreibt Petrus, sah ich ihr Angesicht unter dem Schleier, und wahrlich, es war nicht wie das Angesicht eines Engels, sondern eher wie das Angesicht des ewigen Hohenpriesters, und gar wehmütig anzuschauen. Denn es war ganz blutrünstig, ja fast schwarz. Bald darauf sah ich es noch einmal und meine Augen wurden starr beim Anblicke. Staunen ergriff mich und ein wunderbares Mitleiden mit dem leidenden Heilande ergriff meine Seele.... Ich ging nun mit dem Herrn Pfarrer zur Kirche, um die Vesper zu halten. Nach Landesbrauch war die Vesper schon früh nachmittags beendigt, sodaß man kaum sagen konnte „Quoniam advesperascit“ (es will Abend werden), und der Pfarrer ging mit Bruder Gerhard abermals zu Christina. Petrus folgte ihnen. Auf dem Wege trafen sie noch zwei andere Brüder, nämlich Johannes von Muffendorf und Nikolaus, die wahrscheinlich auf einem benachbarten Dorfe zur Aushülfe gewesen waren. Diese vier Brüder nun gingen mit einigen anderen frommen Personen zu Christina, um sie zu begrüßen, hielten sich indes dort nicht lange auf. Es wurde aber bestimmt, daß am folgenden Tage Bruder Gerhard und Bruder Johannes beim alten Vogt, Bruder Nikolaus hingegen und Bruder Petrus bei Christina speisen sollten. Am Ostermontag nun gingen Bruder Nikolaus und Bruder Petrus nach dem vormittägigen Gottesdienste zur Wohnung Christinas, beteten dort mitsammen in ihrer Gegenwart die Tagzeiten vom h. Geist und von der allerseligsten Jungfrau und setzten sich dann vor Christinas Bett zum Essen nieder. Während wir nun mit ihr aßen, schreibt Petrus, habe ich dreimal in ihren Händen die Wundmale Christi beobachtet. Mitten in der inneren Fläche einer jeden Hand sah ich eine Wunde. Sie war rund, hatte den Umfang eines Sterlings, das rohe Fleisch war sichtbar, und nicht sah sie aus wie gemalt, sondern sie war in etwa ins Fleisch hineingedrückt. So sahen die Wunden auch die ganze Osteroktav hindurch aus mit dem Unterschiede, daß sie jeden Tag etwas kleiner wurden. Auch auf dem Rücken der Hand war eine Wunde, die sich der inneren gegenüber befand, ihr an Größe entsprach und so aussah, als ob sie die Spur eines die Hand durchdringenden Nagels gewesen wäre.
Christina selbst sprach kein Wort mit Petrus über die Wundmale. Petrus aber verhörte sorgfältig im einzelnen Christinas Vertraute, die alles gesehen und gehört hatten, über den Vorgang und zwar Hilla vom Berge, des Pfarrers Schwester Gertrud, die blinde Aleidis und eine andere Jungfrau weltlichen Standes aus Stommeln. Diese alle bekundeten übereinstimmend Folgendes: Am Gründonnerstage, als die Mette vom Karfreitag beendigt war, zur Zeit der Abenddämmerung, geleiteten wir Christina zur Wohnung der Aleidis. Da begann sie in einer uns ungewohnten Weise zu reden und sprach: „Geliebte Gefährtinnen, ich weiß nicht, was mit mir vorgeht.“ Und als sie das gesagt hatte, begann sie zu zagen und innerlich bestürzt zu werden. Die Angst nahm derart zu, daß sie kurz vor Mitternacht Blut schwitzte, und diese Bestürzung dauerte fort bis zum folgenden Tage, wo wir wegen des Gottesdienstes alle zur Kirche gingen. Die Aleidis aber, die wegen ihrer Blindheit und Körperschwäche allein bei Christina zurückgeblieben war, sagte Folgendes: „Ich habe ein Krachen gehört, wie wenn ein Mensch derart ausgereckt würde, daß alle Knochen aus den Gelenken gerissen würden. Auch habe ich Stimmen und Worte gehört, die ich in meinem Leben nicht offenbaren werde.“ Nach der Osteroktav ging Petrus mit Gerhard vom Greif wieder nach Cöln zurück.
Christina ist nicht die einzige unter den Seligen des Himmels, die mit Christi Wundmalen hienieden bezeichnet wurde. Allgemein bekannt ist diese Auszeichnung vom serafischen Patriarchen, dem h. Franz von Assisi. Weit häufiger jedoch als in der Männerwelt tritt diese Erscheinung bei gottseligen Personen des weiblichen Geschlechtes uns entgegen. Kein Wunder. Das Uebernatürliche baut sich ja auf das Natürliche auf. Das Weib hat nun aber ein reicheres Gemütsleben als der Mann; die Liebe und das Mitleid sind mithin bei ihm weit lebhafter als beim Manne. Die Wundmale aber sind der äußere Ausdruck der innigsten Liebesvereinigung mit dem gekreuzigten Heiland, des herzlichsten Mitleidens mit der grausamen Marter, die er aus Liebe zu uns erduldet hat. Dieses Mitempfinden ist derartig lebhaft, daß nicht bloß die Seele ganz und gar davon durchdrungen, sondern das ganze Wesen des Menschen, mithin auch der Leib, davon ergriffen wird. Und so wird denn durch die Glutpfeile der göttlichen Liebe nicht bloß die Seele verwundet, sondern auch der Körper dem Gekreuzigten verähnlicht; es treten die hh. Wundmale an ihm in die Erscheinung.
An das Wundmal der Dornenkrone erinnert eine merkwürdige Färbung des Stirnbeins der seligen Christina, die in einem kranzförmigen, grünlichen, mit roten Punkten durchsetzten Geäder von Fingerbreite besteht. Wie das Geäder des Marmors erst dann klar zutage tritt, wenn er geschliffen wird, so ist auch dieser grünlichrote Streifen erst dann bemerkt worden, als der Schädel Christinas, der alljährlich am 6. November den Gläubigen zum Kusse dargeboten wird, infolge der jahrhundertelangen Verehrung glatt und blank geworden war. Peter Lull, der um 1680 in Jülich war, spricht zuerst von diesem grünlichen Kranze in seinem Büchlein „Lilium inter spinas“ und P. Steinfunder aus Essen beschreibt ihn genau in zwei an den Bollandisten Papebroch gerichteten Briefen, von denen der eine im Jahre 1685, der andere im Jahre 1692 geschrieben wurde. Wie Steinfunder, so erklärte auch Josef von Görres in seiner Mystik[32] diese Erscheinung damit, daß die bei Lebzeiten erhaltene Dornenkrone bis zur Knochensubstanz des Schädels vorgedrungen sei. Wegen ihrer Merkwürdigkeit wurde sie im Titelblatt in Farbendruck wiedergegeben.
Am Tage vor dem Feste des h. Martyrers Petrus von Mailand, der im Jahre 1252 den Tod erlitten und im Jahre 1253 von Innocenz IV. heilig gesprochen worden war, wurde Bruder Petrus, was ihm selten geschah, im Kloster zu Cöln an die Pforte gerufen, und unter den Personen, die da mit ihm sprachen, befand sich auch Christina. Aus Andacht war sie zu dem Feste nach Cöln gekommen, um die Dominikanerkirche zu besuchen und des Ablasses teilhaftig zu werden. Bruder Petrus sagte ihr, Bruder Mauritius habe ihn ersucht, auf einige Tage mit ihm auszugehen, worauf Christina die Beiden einlud, nach Stommeln zu kommen.
Am Tage vor dem Feste Kreuzauffindung gingen nun beide Brüder nach Stommeln, wo sie freundliche Aufnahme fanden. Am folgenden Tage erklärte Bruder Petrus nach Tisch in Gegenwart einer ziemlichen Anzahl von Personen die Stufen der Betrachtung nach Richard von Sankt Viktor, wobei Christina große Freude empfand. Nach dem Vesperbrot wünschten mehrere einen Spaziergang zu machen bis zu einem gewissen Wasser. Man machte sich auf den Weg und ging paarweise wie in Prozession. Petrus ging mit Christina und die Beiden unterhielten sich über die Süßigkeit Gottes. Unter anderem fragte Christina den Petrus, wie es komme, daß einige Priester schneller, andere langsamer die h. Messe läsen. Petrus antwortete mit einem Gleichnis: „Wenn jemand, sprach er, den Mund voller Mohnsamen nimmt und die Süßigkeit jedes einzelnen Körnchens verkosten will, so muß er länger kauen und braucht deshalb mehr Zeit wie einer, der sie ganz herunterschluckt. So auch muß jener, der die Süßigkeit der einzelnen honigfließenden Worte des Kanons verkosten will, diese etwas langsamer aussprechen.“ Die Erklärung gefiel Christina und sie stellte alsbald eine andere Frage: „Guter Bruder Petrus,“ sprach sie, „nimm mir meine Frage nicht übel. Wie ist es dir, wenn du Messe liesest?“ Petrus antwortete: „Wohl, sehr wohl.“ Daraufhin kniete Christina mit beiden Knien nieder und neigte sich mit dem Angesichte tief bis zur Erde hin. Nachdem sie sich wieder erhoben, wurde der Rückweg nach Stommeln angetreten, wo unterdessen noch zwei andere Dominikaner, nämlich Bruder Heinrich von Bedburg (beitbur) und sein Begleiter eingetroffen waren. Die Gesellschaft speiste zu Abend und ging dann mit Christina in den Baumgarten, der an das Speisezimmer anstieß. Auf die Bitte der Gesellschaft erklärte Petrus die Stelle aus dem Hymnus von den hh. Jungfrauen: „Post te canentes cursitant, d. h. Sie folgten dir lobsingend nach.“ Darauf sprach er von der Größe und Weite des Himmels und bezog sich auf die Schriftstelle „O Israel, quam magna est domus Dei, d. h. O Israel, wie groß ist Gottes Haus“[33] und auf des Ptolomäus Darlegungen über den Lauf der Gestirne. Während Petrus sprach, kam Christina in Verzückung. Als Petrus dies bemerkte, hielt er inne. Etwa zwölf Personen, darunter mehrere Geistliche, saßen im Kreise beisammen und beobachteten den Vorgang, der für manche etwas neues war. Die Geistlichen nannten ihn Entzückung (raptus). Christina blieb in der Entzückung so ziemlich vom Untergange bis zum Aufgange der Sonne. Die Brüder aber gingen am Morgen wieder nach Cöln zurück.
Zum Pfingstfeste kam Bruder Petrus mit Bruder Gerhard vom Greif zum sechsten Besuche nach Stommeln. Am Pfingstmorgen empfing Christina nach den übrigen Gläubigen während der h. Messe die h. Kommunion und begab sich dann in den hinter dem Hochaltar befindlichen Raum, wo sie bis lange nach der Komplet blieb. Sie lag dort in der bereits beschriebenen Körperhaltung, wie sie bei den Cölner Beginen üblich war und die nicht unähnlich ist jener durch Madernas Marmorbild verewigten Haltung, in der Sankt Cäcilias Leichnam ins Grab gebettet wurde. Sie hatte das Gesicht mit dem Schleier und die Hände mit dem Mantel bedeckt, war ohne alle Empfindung gegenüber der Außenwelt und am ganzen Körper starr. Sie war in Verzückung. Als nun die Vesper und im Anschluß an sie auch die Komplet gesungen wurde, und der Psalm: „Ecce unc benedicite Dominum, d. h. Wohlan, nun preiset alle den Herrn“ angestimmt wurde, kam auf einmal vor den Augen des Volkes ein in ein Täschchen gehülltes Buch von der westlich im Turme befindlichen Eingangstüre durch die ganze Kirche geflogen, prallte gegen die nach Morgen gelegene Chorwand deutlich vernehmbar an und fiel dann mit Geräusch zu Füßen des Bruders Petrus nieder, der mit seinem Begleiter Gerhard und dem Pfarrer im Chorgestühl saß. Die drei meinten im ersten Augenblicke, die an der Südseite gegenübersitzenden Schulknaben hätten das Geräusch verursacht. Doch da sahen sie das Buch vor sich auf dem Boden liegen. Der Pfarrer erkannte es sofort wieder als das Psalmenbuch, das von unsichtbarer Hand am Tage Pauli Bekehrung der Christina entrissen worden war; denn er hatte es selbst geschrieben und er kannte auch das Buchtäschchen. Er sprach zu Bruder Petrus, er möge das Buch aufheben. Petrus tat dies und reichte es dann an Bruder Gerhard vorbei dem Pfarrer. Dieser besah es und sagte dann in der Ausdrucksweise des Landes: „Bei der Seele meines Vaters, das ist das Buch der Christina!“ Die das Buch umhüllende Tasche war naß und übelriechend, wie wenn sie in einer Kloake gelegen. Er zog das Buch aus dem Täschchen, wobei der Aermelsaum seines Röckleins naß wurde, das Buch aber war ganz unverletzt und wohl erhalten. Darüber wunderten sie sich. Ein gewisses Feuer der Andacht durchzuckte die drei, sie sprachen den unterbrochenen Psalm bis zu Ende und stimmten dann mit erhöhter Stimme den Hymnus der Komplet „Veni creator spiritus“, wie es damals nach Cölner Brauch üblich war, an und sangen denselben so feierlich, daß die mit Menschen besetzte Kirche sich darüber verwunderte. Nach der Komplet hielt dann Bruder Gerhard eine Ansprache an das Volk und zeigte ihm auch das Psalmenbuch und das Buchtäschchen. Christina aber lag währenddem noch immer in Verzückung. Von den Leuten aber kam niemand auf den Gedanken, daß etwa irgend ein loser Bursche das Buch in die Kirche hätte hineinwerfen können. Auch die Brüder, die sich noch vier Tage in Stommeln aufhielten, sowie der Pfarrer konnten nichts derartiges in Erfahrung bringen. Christina aber stieg seit jenem Vorgange, der viel besprochen wurde, im Ansehen der Leute, die sagten: „Nun haben auch wir einmal etwas von den wunderbaren Dingen Christinas mit eigenen Augen gesehen.“
Im Dominikanerkloster zu Cöln befand sich in jener Zeit ein Bruder aus der Provinz Toskana in Italien namens Aldebrandino (Hildebrand), der in der Wissenschaft wohl gebildet und ein tüchtiger Prediger war. Auch er hörte von Christina, und da er wußte, daß Bruder Petrus sie näher kannte, ersuchte er ihn, mit ihm nach Stommeln zu gehen. Petrus war aber, wie er bemerkt, auch mit den Einwohnern von Stommeln ziemlich bekannt, namentlich aber mit der Herrin des Ortes, der Aebtissin Geva von St. Cäcilien in Cöln, die eine Gräfin von Virneburg war. Am 22. Juli, einem Sonntage, dem Feste der h. Maria Magdalena, gingen die beiden nach erhaltener Erlaubnis, nicht aus Neugier, sondern aus Andacht nach Stommeln. Sie kamen dort an zur Zeit der Vesper und gingen deshalb zunächst zur Kirche. Nach dem Gottesdienste begrüßten sie ihre Freunde und gingen dann zu den Wohnungen, die ihnen angeboten worden waren. Kurz nachher kam auch die Aebtissin Geva mit ihren Mägden an.
„Am andern Morgen,“ schreibt Petrus, „gingen wir zur Kirche, und da wir mit der h. Messe warteten, bis die Aebtissin zur Kirche kam, ging ich in der Zwischenzeit zu Christina, die in der Kirche war, begrüßte sie und fragte sie, wie es ihr gehe. Sie antwortete: „Ich habe Kopfwehe, weil ich seit vierzehn Tagen nicht mehr geschlafen habe. Wenn ich mich zu Bette lege, so überfällt mich eine so große Hitze, wie wenn ich in siedendes Wasser gelegt würde. Daher ist auch mein ganzer Körper mit Bläschen bedeckt, die vor Hitze aufbrechen und so kann ich gar nicht schlafen.“ Sie bat mich, ich möge für sie beten. Ich tröstete sie und ermahnte sie zur Geduld. Darauf ging ich wieder ins Chor, hörte eine h. Messe, die für die Verstorbenen gehalten wurde, und las dann selbst die h. Messe von den Engeln. Denn Montags pflegte ich die h. Messe von den Engeln zu lesen, wenn kein Hindernis entgegenstand. In der h. Messe gedachte ich in besonderer Weise Christinas, wie sie mich gebeten und wie ich es ihr versprochen hatte.“ Mittags wurde bei der Aebtissin im Fronhofe gespeist. Nach der Vesper trafen noch zwei andere Studiengenossen des Bruders Aldebrandino aus Cöln ein, nämlich Bruder Balduin aus Flandern und Bruder Mauritius aus Reval. Abends wurde wieder bei der Aebtissin gespeist. Dann machte diese mit ihren Mägden und den adeligen Stiftsfräulein, deren sechs da waren, einen Spaziergang ins Feld und auf ihren Wunsch gingen die Brüder mit ihnen. Nach dem Spaziergange setzte sich die Aebtissin auf einem Hügel vor ihrem Hofe auf einen Sitz, und die Brüder und die Stiftsfräulein setzten sich um sie herum. Als man eine Weile hin und her geredet hatte, sprach der Pfarrer zur Aebtissin: „Gnädige Frau, ihr habt hier vier gelehrte Studenten des Predigerordens aus verschiedenen Provinzen vor Euch. Saget ihnen, daß sie über irgendeine theologische Frage eine Unterredung halten.“ Die Aebtissin ersuchte darauf den Petrus, irgendeine Streitfrage zu behandeln. Petrus aber bat die Aebtissin, sie möge auf ihrem Wunsche nicht bestehen, weil er befürchtete, es möchte, wie gewöhnlich, zu hitzig hergehen. Sie aber ließ nicht nach, weil sie noch nie einer gelehrten Disputation beigewohnt hatte und begierig war, eine solche zu hören. Auf den Vorschlag des Pfarrers stellte sie die Frage zur Verhandlung: „Wem unser Herr einen größern Vorzug verliehen, dem Petrus, dem er seine Kirche, oder dem Johannes, dem er die glorreiche Jungfrau, seine Mutter, anvertraut habe.“ Bruder Aldebrandino, der unter den Brüdern der älteste war und im Erbteile des h. Petrus, dem Kirchenstaate, das Licht der Welt erblickt hatte, übernahm es, die Würde des h. Petrus zu vertreten, Bruder Petrus hingegen verteidigte die jungfräuliche Reinheit des h. Johannes und seine vertraute Freundschaft mit Jesus. Während nun Einwendungen und Lösungen von den Beiden vorgebracht wurden, wobei die zwei Studiengenossen miteingriffen, kam plötzlich ein Mädchen herzugelaufen und rief dem Pfarrer, er möge schleunigst kommen. „Wir glaubten,“ sagt Petrus, „es handle sich um einen Kranken, der am Sterben liege.“ Als aber der Pfarrer mit dem Mädchen gesprochen, rief er mir laut zu, ich solle samt Aldebrandino schnell kommen; der Teufel habe Christina in eine Grube voll Morast geworfen. Wir brachen die Disputation ab, liefen so schnell wir konnten und fanden Christina ganz in schmutzigen Schlamm versenkt. Nur ihr Kopf ragte noch hervor, den Hilla vom Berge aufrecht hielt. Petrus, der zuerst angelangt war, sprang mit den Schuhen in den Morast hinein und suchte mit Hilla, sie aus dem Schlamm herauszuziehen, vermochte es aber nicht, bis der Pfarrer und Aldebrandino zu Hülfe kamen. Nunmehr wurde Christina, die nur mit ihrem langen, weißen Untergewande bekleidet war und Kopf und Hals mit dem Schleier umwunden hatte, in den auch ihre erhobenen Hände eingehüllt waren, herausgezogen, eine kleine Weile aufs Stroh gelegt und dann ins Haus getragen. Die Mägde trugen sie, Aldebrandino aber stützte den Kopf und Petrus die Schultern. Sie wurde ins Bett gebracht und es fand sich, daß sie ganz empfindungslos war, jedoch war der Körper nicht starr. Nach einer halben Stunde begann sie wie aus einer Ohnmacht zu sich zu kommen, jedoch nicht stufenweise wie beim Erwachen aus der Verzückung, und sie weinte bitterlich. Sie beklagte sich beim Herrn darüber, daß Männerhände sie berührt und getragen hätten. „Solch eine Beschämung sprach sie, ist für mich hart über alles; leicht wäre es mir, alles zu erdulden, was du von mir verlangst, mag es auch noch so unerträglich sein, wenn ich es nur vor dir allein zu leiden hätte.“ Petrus wollte sie trösten, indem er bemerkte, daß nichts unziemliches vorgekommen sei; sie aber wollte keinen Trost annehmen, pries aber Gottes Fügung. Darauf kehrten die Brüder mit dem Pfarrer zu ihrer Wohnung zurück.
Tags darauf, am Feste der h. Christina und Vorabend des h. Apostels Jakobus, gingen die Brüder mit dem Pfarrer wieder zu Christina und begrüßten sie. Sie wurden von Christina freundlich empfangen und begaben sich dann zur Kirche, um die h. Messe zu lesen. Zuerst las Aldebrandino, dann hielt Bruder Petrus am Altare des h. Apostels Petrus die Messe vom h. Geiste und während er beim Memento Christinas gedachte, wurde seine Seele von einer nie empfundenen süßen Freude erfüllt und Tränen strömten ihm aus den Augen. Der Pfarrer brachte unterdessen Christina die h. Kommunion. Nach Beendigung der hh. Messen drang Aldebrandino in Petrus, er möge mit ihm zu Christina gehen, da er gehört hatte, daß sie nach der h. Kommunion in Verzückung zu kommen pflege und ihr Leib dann starr werde. Sie gingen hin, fanden Christina im Bette liegen, das Gesicht mit dem Schleier und den Körper mit einer anständigen, aber ärmlichen Decke bedeckt, und so regungslos, daß man nicht einmal das Atemholen bemerken konnte. Aldebrandino trat näher ans Bett hin und berührte ihre Schulter. Da er aber nichts von Starre bemerkte, wandte er sich voller Entrüstung zu Petrus hin und rief in seiner feurigen Art: „Bruder Petrus, Lüge ist es, was man mir von diesem Mädchen gesagt hat, daß sie so tief in Verzückung komme, daß ihr Leib hart werde.“ Petrus sagte ihm, er möge noch ein wenig zuwarten; denn zwischen der Kommunion und der Starre pflege eine längere Zeit zu verstreichen. Doch Aldebrandino ging aufgebracht weg und beklagte sich, daß man ihn falsch berichtet habe. Das mißfiel dem Petrus sehr.
Bei der Aebtissin wurde um drei Uhr — es war ja Fasttag — gespeist und nach Tisch ersuchte Aldebrandino den Petrus, ihn zu Christina zu begleiten. Petrus aber wollte nicht. Aldebrandino jedoch ließ nicht nach mit Bitten, und so entschloß sich doch schließlich Petrus dazu, mit ihm zu Christina zu gehen. Auch der Pfarrer ging mit. Christina lag noch geradeso da, wie am Vormittage, das Gesicht zur Wand gerichtet. Aldebrandino stellte sich zu Häupten des Bettes und beobachtete alles genau. Da er nun kein Lebenszeichen mehr an ihr wahrnahm, auch kein Atemholen mehr bemerken konnte, legte er noch einmal seine Hand auf ihre Schulter und fand diese so starr, wie wenn der Tod eingetreten wäre. Die Härte, die er wahrgenommen, brachte sein Herz zur Erweichung. Doch schwieg er einstweilen still. Nachdem sie noch eine Weile schweigend dagesessen, kam Christina in etwa zu sich, jedoch nicht so, daß sie mit den Sinnen etwas wahrnahm, sondern bloß, daß sie atmete und der Körper sich etwas regte. Da fügte es sich, daß sie den linken Arm ausstreckte, wobei die Hand sich etwas öffnete. Als nun Aldebrandino, der scharf aufpaßte, in der Handfläche das oben beschriebene purpurrote Kreuzchen erblickte, rief er, von Rührung übermannt, laut aus: „Wehe mir Ungläubigen! daß ich es jemals gewagt habe, wider eine solche Heiligkeit zu reden! Nie habe ich so etwas gesehen, und keinem würde ich es glauben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen geschaut! Wehe mir! wie konnte ich so unsinnig sein, wider eine solche Heiligkeit zu reden! Wahrlich, die ganze Welt vermag nicht, ein solches Kreuz zu bilden!“ Während Aldebrandino dieses und ähnliches aus Herzensdrang in großer Aufregung sprach, weinten alle vor Rührung. Auch Aldebrandino weinte bis zur Vesper, machte bald sich selbst Vorwürfe, pries bald Gottes Wunderwerke und ging einher wie trunken im Geiste. Zur Vesperzeit gingen alle zur Kirche. Als sie am Fronhofe vorbeikamen, trafen sie die Aebtissin an der Türe des Hauses sitzen. Auf deren Frage, ob sie Christina gesehen, sprach Bruder Aldebrandino: „Gottes herrliche und wunderbare Werke haben wir heute geschaut. Nie hätte ich geglaubt, daß solches zu unseren Zeiten geschehe.“ Und er erzählte dann den ganzen Hergang. Am folgenden Tage, dem Feste des h. Jakobus, nahmen die Brüder Abschied von der Aebtissin und sprachen dann, bevor sie den Rückweg nach Cöln antraten, bei Christina vor. Sie war wieder im gewohnten, natürlichen Lebenszustande. Petrus fragte sie unter anderm, wie es gekommen, daß sie in den Schlamm geraten sei. Da erzählte sie Folgendes: „Am Tage vor dem Feste der h. Christina ergriff mich, als du weggegangen, ein solcher Schauer und eine solche Angst, daß ich nicht wußte, was mit mir vorging. Um diese Beklemmung in etwa zu mildern, legte ich mein Obergewand ab und machte die Betten meiner Mitschwestern zurecht. Als ich das getan und auch so meine Beklemmung nicht gewichen, ging ich aus dem Kämmerlein, worin ich mich mit meinen Mitschwestern befand, hinaus und kniete nieder vor einer Kiste, die im größern Hause stand, jedoch nahe an der Türe des Gemaches, aus dem ich herausgekommen war. Während ich nun zu Gott betete, er möge meine Trübsal mildern oder mir Geduld verleihen, sie zu ertragen, kam es mir plötzlich vor, als komme durch die große, nach Morgen befindliche Türe des größern Hauses eine schauerige, schwarze Wolke herangezogen, und umhülle meinen Kopf. Was nun noch weiter mit mir geschehen ist, davon weiß ich nichts, bis ich mich im Bette liegend gefunden habe.“