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Die Ströme des Namenlos

Chapter 11: Auguste Supper
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About This Book

Die Erzählerin erinnert sich an ihre Kindheit und die schwierige Ehe ihrer Eltern: einen schwermütigen Vater, der in Verzweiflung einen Suizidversuch unternimmt, und eine hingebungsvolle Mutter, die Trost in Glauben, Arbeit und einfachen Freuden findet. Aus dieser Atmosphäre gehen sechs Kinder hervor, die das drängende, sehnsuchtsvolle Erbteil des Vaters und die lebensbejahende Wärme der Mutter zugleich tragen. Die Perspektive verknüpft intime Familienszenen mit persönlicher Reflexion über Schmerz, Liebe, Schuld und die Suche nach innerem Halt, wobei Erinnerungen und innere Konflikte das Erwachsenwerden prägen.

Wenn die Becher klingen,
Denk an kein Zerspringen!
Wenn der Früchte goldene Sonnen
Ihre Fülle senken,
Lasset uns an kein Zerronnen –
Heute nicht an Morgen denken!
Laßt uns singen,
Daß die Lieder, die die Götter schenken,
Hell erklingen!

»Leben« heißt die tolle Dirne,
Die Dein Arm in Lust umfange.
Rosen decken ihre Stirne,
Geht ihr Mund in keckem Sange.
Trink den Wein aus ihrem Glase.
Schmeckt er nicht, so nimm den Scherben,
Wirf ihr eine blutige Nase.
Buhl mit ihrer Schwester »Sterben«.

Verspielt war Lieb und Lust und Glück
Und nichts mehr übrig blieben.
Da hab ich einen Augenblick
Dem Teufel mich verschrieben.
Da floß der Wein, da sprang mein Blut
Rot in die graue Stunde.
Und winkend brach mir Flammenglut
Vom kühl verbotnen Munde.
Mit leeren Händen griff ich drein
Und haschte nach den Funken,
Und hab vom Mund und roten Wein
Das ganze Feuer trunken!

Schatz, mein Schatz, Du machst mir bittern Schmerz!
Ich hab Dich wollen küssen,
Ward nausgeschmissen,
Das bricht mein Herz.
Schatz, mein Schatz, mir war's so kalt im Haus!
In Deinen schönen Armen
Wollt' ich erwarmen,
Jetzt ist es aus.
Schatz, mein Schatz, nun bist Du gar verlobt!
Nach Deinen weißen Brüsten
Tät mich gelüsten,
Nun han ich ausgetobt!

Mit Faulheit bin ich hochbegabt
Und Lust am Rauch der Pfeife.
Daß einer sich am Schanzen labt, –
Wer weiß, wann ich's begreife.
Mein Sinn, der wilde Meereswind,
Will keine Mühlen treiben,
Zerschellt an Klippen, toll und blind
Und heult um kleine Scheiben.
Wer betet oder spinnt und klagt,
Der habe meinen Segen.
Ich weiß allein, was mir behagt,
Und will des Lebens pflegen.

– Im November kam das Kind. Es war ein großer prächtiger Knabe, und Margret behauptete, es sei keins von ihren andern so schön gewesen. Sie konnte das schlafende Büblein stundenlang in ihrem Bette haben und es mit Glück und Rührung betrachten, auch fiel es mir auf, wieviel ängstlicher und sorgsamer als mit den Großen sie mit ihm war. »Es ist ein ganz Besonderes!« sagte sie oft, »ich seh es schon jetzt. Ich möchte gern, daß du ihm Patin wirst, Ageli, weil du so eine Liebe bist. Und du mußt mir versprechen, daß du für ihn sorgst, wenn wir es einmal nicht können sollten. Er soll es gut haben, Ageli, gelt, du verbürgst es mir?«

Ich versprach es; als das Peterlein getauft wurde, stand ich Gevatter, und im Innern machte ich Pläne mit ihm, als ob's mein Eigener wäre.

Etwa drei Wochen nach der Geburt des Kleinen sagte der Arzt zu Adolf und mir, daß Margret nicht mehr lange zu leben habe. Ich war gänzlich unvorbereitet, da sie ohne Schmerzen und immerwährend glücklich und vergnügt gewesen war, nun überfiel es mich mit Schrecken und Grauen; ich konnte es nicht fassen, war namenlos betrübt, daß das schöne und fröhliche Wesen nicht mehr sein solle und brach in ein fassungsloses Schluchzen aus. Adolf nahm es ruhig und schweigend auf.

– Wenn ich nun gedacht hätte, daß es bei Fouqués von jetzt ab anders werden würde, etwa stiller und ernster, so hatte ich mich gründlich getäuscht. Der Winter kam, und die Kinder waren meist auf das Haus und die Stuben angewiesen; nun trugen sie ihre Spiele, ihre Händel, ihren Unband und ihr Gelächter an Margrets Bett. Das Kleine lag in seinem Körblein daneben, krähte und strampelte, daß es eine Lust war, und alle Augenblicke stand Adolf da mit Blumen und Spässen, bereit zu Liebesdiensten und heiterer Gesellschaft. Margret wurde zwar matter, und an ihrem Körper sah man die Zerstörung wohl, aber es war keine Stunde, in der sie einen trüben Gedanken gehabt hätte und nicht befriedigt und strahlend glücklich gewesen wäre.

An einem Märztag, als die Kinder schon wieder draußen waren und Adolf auf einen halben Tag nach auswärts gereist, rief mich Margret zu sich. »Es ist mir ein bißchen bang,« sagte sie zu mir, »und ich kann es fast nimmer erwarten, bis Adolf da ist. Kann man nichts tun, daß er früher heimkommt?«

Ich besann mich, doch war alles ziemlich aussichtslos; man mußte eben warten. Margret gefiel mir nicht –. Ich holte Adolfs Gedichte, legte ihr den Kleinen aufs Bett und setzte mich zu ihr. Endlich kam Adolf; Margrets Gesicht glänzte und lachte, und sie lag selig still in seinen Armen.

Dann tat sie noch einen fast verlegenen, spitzbübischen und bittenden Blick zu mir herüber und sagte ganz leise: »Gelt, Ageli, du bist so gut und läßt uns jetzt allein –!«

Betrübt und beinahe ärgerlich ging ich hinaus und an meine Arbeit. Als nach einer Stunde die Kinder heimkamen, trat Adolf aus dem Schlafzimmer und sagte, daß Margret gestorben sei.

– Als ich ihm am Abend dieses Tages Gute Nacht gesagt hatte und eben in mein Zimmer wollte, hielt er mich noch ein wenig am Aermel fest und sah mir ernst und eigentümlich in die Augen: »Es ist schade, daß du nicht dabei warst, als sie starb. Ich sage dir nur, du kannst froh sein, wenn es mit samt deiner Anstrengung und Plackerei an deinem Ende so schön und glücklich hergeht. Gute Nacht, Ageli; es ist nichts mit eurer Weisheit.«

Als am Morgen die Leichenfrau kam, setzte ihr Adolf ein gutes Vesper vor, fragte sie nach der Schuldigkeit und bezahlte sie. Dann, als sie an ihre Arbeit gehen wollte, bot er ihr ihre Jacke und ihren Hut und nötigte sie freundlichst zur Tür hinaus. »Wir danken Ihnen recht schön, Frau Müller; das andere besorgen wir gerne selber!«

Nun wusch er Margret mit seinen schönen, weißen Händen, bekleidete sie und legte sie in den Sarg und machte das alles ruhig und unendlich zart und fein. Ich sah nur zu und stand still dabei, kaum daß ich ein paar Handlangerdienste tun durfte.

Auch als nun die Trauerbesuche kamen, benahm er sich ernst und würdig und war ohne Spott und ohne seine boshaften Blicke. Nur als am zweiten Tag der Stadtpfarrer ihn aufsuchte, um ihm Beileid zu sagen und etliches wegen der Leichenrede zu fragen, geschah ihm etwas recht Mißliches. Ich war eben ausgegangen und Adolf mit seinem kleinen Mädelchen allein in der Wohnung. Das Kind war in dem fremden und ungewohnten Getriebe ängstlich und weinerlich geworden; Adolf setzte sich daher mit ihm auf einen Stuhl in den Gang und versuchte in seiner herkömmlichen Weise, es zu trösten. Die beiden gerieten dabei an jenes schöne und ergötzliche Spiel, wobei man sich erst an der Nase zieht und dazu die Zunge herausstreckt, sich sodann erst am rechten, hernach am linken Ohrläppchen packt und die Zunge jeweils in der angedeuteten Richtung bewegt, endlich aber sich aufs Kinn stupst und die Zunge dabei hineinschnappen läßt und dieses alles so närrisch und gewandt als möglich wiederholt. Und sie betrieben dieses Spiel mit Eifer und herzlicher Vergnügtheit eben in dem Augenblick, als der geistliche Herr die Treppe heraufkam und durch die offene Glastür das seltsame Gebaren der trauernden Hinterbliebenen sehen konnte. Er sah es aber nicht lange mit an, sondern ging meuchlings, ohne Gruß und in tiefer Entrüstung die Treppe wieder hinunter, und die Leichenrede am andern Tag fiel auch darnach aus.

Auch meine Mutter war zu Margrets Begräbnis hergekommen; wir hatten uns seit damals nimmer gesehen, und sie erkannte mich kaum mehr, so groß und stark war ich inzwischen geworden. Es war mir ein eigenes Gefühl, als sie mich küßte und mir in die Augen sah; ich wußte nicht, sollte ich mich schämen oder stolz sein. Die alte, herzliche Liebe war aber schnell wieder da, und wir waren in jenen Tagen viel beieinander. Die Mutter hatte sich nicht verändert; sie sah schön und vornehm aus in ihrem vollen weißen Haar und dem feinen Kleid, das ihr der Greiner geschenkt hatte, und sie saß wie eine fremde, alte Königin unter uns.

– Als die Trauergäste fort waren und eben die letzten von ihnen um die Straßenecke bogen, stand Adolf unter dem Fenster und schaute ihnen nach; er räusperte sich von Herzen und spuckte hinter ihnen her in den schönen weißen Märzenschnee hinunter. Dann schnaufte er tief auf und drehte sich um. Als ich später am Wohnzimmer vorbei kam, hatte er die Tür und alle Fenster sperrangelweit aufgerissen, so daß der kalte Wind mächtig durchfuhr. In der Stube aber lief Adolf mit einer kräftigen Zigarre auf und ab, die dicken Wolken in alle Winkel blasend, als ob er ein übles Gestänklein ausräuchern wolle; und als er mich, die ich erschrocken über ein solch befremdendes Getue in der offenen Tür stehen geblieben war, gewahrte, nickte er mir freundlich zu: »So, nun könntest du die Stube wieder warm heizen; man kann's jetzt wieder aushalten hier drin!« Und er machte seine Fenster zu.

Letztes Buch

Es verstand sich von selber, daß ich vorerst dablieb, bis die Verhältnisse etwas geordneter waren und das Kind größer. Und merkwürdig schnell brachte ich nun das fertig, was zu Margrets Lebzeiten nicht gelungen war: den verlotterten Haushalt einigermaßen herauf zu bringen. Ich machte freilich die wilden und jeder Pünktlichkeit abholden Buben nicht von heut auf morgen anders, und täglich kam mir Adolf mit einer Schlamperei oder seine Katzen mit irgendwelcher Tragödie zwischen meine edlen Bestrebungen. Aber mit einemmal blieben die Stuben sauber und aufgeräumt, es hatte keiner mehr ein zerrissenes Hemd an, die Mahlzeiten standen pünktlich auf dem Tische, und Adolf ging wenig mehr ins Wirtshaus, da ich ihm auf den Abend etwas Gutes kochte, vorher die Kinder ins Bett tat und einen hübschen Tisch dazu deckte. Das Geld reichte besser, wenn man es einteilte, – nach und nach wurde auch der Weißzeugkasten durchgeflickt, und der jahrelang aufgespeicherte Staub kam hinter den Möbeln hervor. Und wenn man genau hinsah, so schien es fast, als sei in diesem Haushalt einzig Margret das hemmende Element gewesen. Nun, da sie nicht mehr da war, war auch mit einem Schlage jenes unheimliche Loch verschwunden, für das ich seither gearbeitet hatte; und unter meiner unentwegten Arbeit ging es glatt und gedeihlich vorwärts.

Am Anfang war es freilich keinem wohl dabei. Adolf suchte betrübt nach einem Staub, in den er seine Verse schreiben konnte, den Buben war es unbehaglich in ihren neuen Hosen; auch war es nicht gemütlich, immer zur pünktlich festgesetzten Essenszeit von seinem Spiel oder Geschäft weglaufen zu müssen, und vor lauter Ordnung fand erst keiner seine Sachen mehr. Dazu fehlte einem der vergnügte Spektakel, der stets um Margret herum gewesen war, das leere Bett bedrückte einen ordentlich, und es dauerte eine gute Zeit, bis man sich an alles das gewöhnt hatte und bis die alte Fröhlichkeit in neuere und festere Bahnen gelenkt war.

An den Abenden bekam ich nun auch eher die Hände frei für Breisels Nöte. Ich erinnere mich, daß wir in jenem Jahr zum erstenmal mit den Büchern in Ordnung waren, daß wir Ladenputzerei hielten und daß unsere Rücksendungen noch beinahe recht zur Ostermesse nach Leipzig kamen.

In jener Zeit mußte ich oft und ungewollt über meinen Schwager nachdenken. Wir lebten ja nun so nahe zusammen, daß ich ihn gründlich kennen lernen konnte. Es erfüllte mich mit grenzenloser Verachtung, daß er zumeist, wenn ich spät abends todmüde vom Geschäft heraufkam, in behaglicher Faulenzerei am Klavier saß; und doch, – wie er es tat und wie er mich dabei lächelnd und leisen Spottes voll anschaute, so mußte es mir doch wieder gefallen. Ich wußte, wie unendlich gewinnend und anziehend er sein konnte und daß er etwas an sich hatte, das einem jungen Mädchen gefährlich war. Doch hatte ich einen mächtigen und doppelten Talisman dagegen: ich durfte nur einen Augenblick an meinen toten Gottfried denken und sein leuchtendes Bild in meinem Innern erstehen lassen oder ich brauchte bloß ein wenig Goethe oder Hölderlin zu lesen, so schwand gleich alles Schwüle und Dunkle. Ich stand wieder in dem reinen und glühend hellen Lichte jener Liebestage, davor Fouqué samt seinem Breisel und dem verfahrenen Haushalt nichtig und jämmerlich wurden und es nimmer wert waren, daß ich ihnen außer der Kraft meiner Hände noch etwas anderes schenkte. Und dann kam noch ein Ereignis dazu, das mich vollends aus dem Fouqué'schen Banne riß und hoch darüber emporhob.

Eines Morgens, nachdem ich längst alle Hoffnung aufgegeben hatte, bekam ich Nachricht von meinem eingesandten Manuskript. Ich hätte es falsch adressiert, – nun sei es nach vielen Irrfahrten aber doch in die rechten Hände gekommen; man habe es angenommen, wolle es bald abdrucken und biete mir fünfzig Mark dafür an. Dann standen noch einige Fragen in dem Brief, – ob ich schon mehr habe erscheinen lassen, was ich noch vorrätig habe und dergleichen mehr. Ich freute mich unsäglich darüber, schrieb hin und schickte ein paar Gedichte mit. Darauf kam von dem wohlwollenden Redakteur eine Einladung, ob ich ihn nicht an einem Abend einmal besuchen möge; er hätte mich gern kennen gelernt.

Die Stadt lag mit dem Zug zu fahren eine Stunde von der unsern weg; ich erfand nun Adolf gegenüber eine Ausrede, fuhr hin und wurde von dem Redakteur und seiner lebhaften Frau freundlich empfangen. Dann wurde ich zum Nachtessen eingeladen, es war noch ein Herr da, der etwas von der Schriftstellerei verstand, ich mußte erzählen, sprach auch von meinem Roman, den ich schreiben wolle, und es war mir zumut wie im Traum und Märchen. Dabei erfuhr ich auch zum erstenmal, daß man mit dem Bücherschreiben wirkliches Geld verdienen konnte; Gottfried hatte das nicht so recht gewußt, und Adolf hatte ich in meiner Angst, er möchte etwas von meiner Schriftstellerei erfahren und mich deshalb auslachen, nie darüber zu fragen gewagt. Nun war ich ungemein erstaunt und erfreut darüber.

In der schönen Sommernacht fuhr ich heim. Das Herz war mir voller Hoffnungen und seligklopfender Erwartung. Die ganze leuchtende Ferne meiner Träume war vor mir aufgetan; die fremden Länder und Meere und Herrlichkeiten meiner Sehnsucht wollten Wirklichkeit werden und waren mir zum erstenmal verlockend nahe. Ach, nun sollte alles Zufällige, Kleinliche und Hemmende wegfallen, mein Leben sollte mir gehören und ganz in dem beständigen, unangreifbaren Reich des Geistes sein. Ich konnte mir zwar noch nicht recht vorstellen, wie das werden würde; wenn ich einen Plan fassen wollte oder mir etwas Näheres ausdenken, so floß alles in einen feinen schimmernden Duft und Nebel zusammen. Doch war es köstlich und kam den Wonnen einer allerersten Jugend gleich, so halb blind und träumend diesem Schönen und Wunderbaren, das auf mich wartete, entgegen zu fahren und die reine und kindliche Seligkeit des Ahnens und unbewußten Vorausfreuens zu genießen. Deutlich spürte ich nur das Eine: das, was mir all dieses erschließen sollte, jene fremde, schöpferische Lust, war gewaltig und drängend über mir, jeden Augenblick bereit, mich wegzuführen und hinzureißen und mich mit ihrer göttlichen Fülle zu überschütten.

Seit Gottfrieds letzten Tagen war ich nimmer so selig gewesen wie bei dieser nächtlichen Fahrt durch das warme Land; ja, es war mir, als sei mir eine neue Liebschaft aufgegangen und liege mir süß und betörend im Blute.

In den nächsten Tagen schaffte ich wie ein Gaul aus lauter bedrängender Freude heraus, und mit den Buben war ich so lustig und übermütig, daß der sanfte Breisel baß verwundert durch sein Fensterlein in den Hof hinaus äugte. Aber mein Herz und meine Gedanken waren weit ab davon; sie dichteten und fuhren auf blauen Meeren und sahen in Fouqués Sortiment ein Buch liegen, das die Agnes Flaig geschrieben hatte. Etliche Male nahm ich einen Anlauf, Adolf davon zu sagen, ihn zu veranlassen, daß er sich eine Haushälterin suche und mir meine Freiheit gebe. Ich hatte im Sinne, mich einige Zeit in irgend einer schönen Stille von meinem Ersparten zu nähren, bis ich meinen Roman geschrieben hatte. Das Honorar wollte ich für das Peterlein zurücklegen, damit es vorläufig etwas für die Not habe; dann aber wollte ich in die Welt hinaus, und die Herrlichkeit konnte losgehen. So oft ich aber anhub, Adolf meinen Entschluß zu sagen, blieb es mir vor Zaghaftigkeit im Halse stecken und ich brachte es nicht heraus.

Nun hatte ich mir's aber für einen Sonntagabend ordentlich vorgenommen, und nach Frauenart suchte ich Adolf in möglichst gute Laune zu bringen, damit er's gnädig aufnehme. Ich sorgte also, daß Blumen da waren und ein Wein, den er gern hatte, und richtete ein gutes Abendessen. Am Nachmittag gingen wir mit den Kindern und dem Kleinsten im Wägelein zu Margrets Grab hinaus und brachten ihr einen frischen Kranz; hernach aber machten wir einen weiten Spaziergang über die sommerlichen Berge. Adolf war in prächtigster Laune; es hätte meiner schlauen Fürsorge für den Abend gar nicht bedurft. Er neckte mich beständig und stiftete die Buben zu allerhand Unfug an, der mich zur Entrüstung und zum Schrecken bringen sollte, worüber mich dann alle unbändig auslachten. An einem kleinen See im Wald ruhten wir aus, die Kinder spielten um uns herum und aßen ihr Vesperbrot, indes Adolf und ich im Grase lagen und genießerisch über das stille, glänzende Wasser hinsahen.

»Es ist doch elend fein hier,« sagte Adolf. »Was meinst du, – wir wollen jedes ein Gedicht darüber machen und es dann einander vorlesen, welches schöner ist –?«

Ich ging darauf ein, setzte mich ein wenig abseits und begann mit fürchterlicher Sorgfalt und Bemühung den stillen See anzudichten, denn ich wollte mich nicht vor Adolf schämen müssen. Dann schrieb ich's auf und ging zu ihm hinüber. »Bist du fertig, Adolf?«

Er nickte. »Aber lies du dein's erst.«

Es waren ein paar ganz leidlich nette Verse geworden. Als ich fertig war, sah ich Adolf mit Spannung an. »So, nun kommst du!«

»Ach, weißt du, ich habe gar kein Gedicht gemacht; ich wollte nur herauskriegen, wie du dichten kannst!« Und er fing gewaltig an zu lachen; die Buben kamen angesprungen und lachten der Spur nach mit, und ich ärgerte mich wirklich ein wenig darüber, daß ich mich so hatte hereinlegen lassen. Doch zeigte ich's nicht und freute mich im stillen meines Trumpfes, den ich für diesen Abend im Sack hatte.

Dann, als wir wieder zu Hause waren und ich die Kinder ins Bett getan hatte, kleidete ich mich um und deckte den Tisch zum Abendessen recht fein und hübsch, wie Adolf es gern hatte. Auch zwickte ich mich noch einmal tüchtig ins Ohrläppchen, ehe ich ihn rief, – um mir Mut zu machen. Als er in's Zimmer kam, blieb er überrascht vor mir stehen.

»Ei, Mädel, was bist du hübsch!«

Er stand ganz stille vor mir, ließ seine Augen lächelnd und voll großem Wohlgefallen auf mir ruhen, und am Schlusse nahm er meinen Kopf zwischen seine Hände und küßte mich auf den Mund.

Dann setzten wir uns zum Essen; es war mir zwar unter dem Kusse etwas warm geworden, doch tat ich so unbefangen als möglich und gab mir Mühe, recht vergnügt zu sein. In dem Winter, ehe Gottfried starb, hatte ich mir einen feinen lichtfarbenen Stoff gekauft und ein Kleidlein daraus genäht; das trug ich nun, und es war das erstemal, daß mich Adolf darin sah. Ich habe das reiche, braune Haar unserer Mutter geerbt und bin gerade und wohl gewachsen; auch war mir das Kleid gelungen und hübsch und festlich geworden; so mag es wohl sein, daß ich an jenem Abend gut ausgesehen habe. – Auf dem Tisch stand ein großer, farbiger Strauß von allen Blumen des Gartens, die Fenster waren weit offen, ließen Wärme und Sommergeruch herein, und als das Licht brannte, hielt die schwärmerische Schar der Nachtfalter ihren Einzug und begann um Lampe und Tischtuch einen leisen schwirrenden Tanz zu halten. Das Essen war gut und schmeckte uns herrlich; zum Schlusse gab es ein süßes Speislein und einen hellen, herb und köstlich duftenden Wein. Adolf strahlte in seiner heitersten Stimmung, war voller Witz und Uebermut und riß mich bald in seine Ausgelassenheit mit hinein. Mir erschien diese köstliche Nacht so recht als ein Vorschmack des neuen Lebens, in das ich nun hinüber gehen wollte, und daß schon in der nächsten Stunde der entscheidende Schritt dazu getan werden sollte, erfüllte mich mit einem geheimen, glücklichen Rausch.

Nach dem Essen setzte sich Adolf ans Klavier und spielte Mozart, von dem er wußte, daß es mein Liebling unter den Musikern war. Ich trug den Tisch ab, setzte mich dann an's Fenster in Margrets Korbstuhl und dachte, in dieser gehobenen Stimmung müsse ich nun meine Angelegenheit fein heraus bringen. Adolf hörte mit seiner Musik auf, kam zu mir herüber und setzte sich auf den Nähtisch vor mich hin. Nun wollte ich es ihm sagen. – Es kam jedoch anders.

Adolf beugte sich zu mir herunter und suchte meinen Blick; dann sah er mir ernst und seltsam in die Augen und fing an, mit einer leisen und weichen Stimme auf mich einzusprechen.

»Ich möchte dir etwas sagen, Ageli, aber du mußt mir dein ganzes schönes, feines Verständnis entgegenbringen, sonst weiß ich nicht, wie ich's machen soll. Wenn ich mir noch so große Mühe gebe, es zart und anständig zu sagen, so kommt es doch plump und ruppig heraus und tut dir vielleicht weh. Nicht wahr, du hilfst mir ein bißchen?«

Ich blieb still und hielt den Atem an; da sprach er langsam weiter.

»Ich möchte dich fragen, ob du mich nicht ein bißchen lieb hast und ob du vielleicht meine Frau werden möchtest. Und sieh, jetzt meinst du gewiß, ich tue das nur deshalb, weil du den Haushalt so gut verstehst und die Kinder und mich so fein versorgst, und damit ich keine Haushälterin brauche und weil es für mich das bequemste so ist. Aber das darfst du ganz gewiß nicht meinen. Du bist so ein feiner, lieber Kerl; sieh, wenn du das alles gar nicht an dir hättest, so stünde ich jetzt dennoch vor dir und würde dir dasselbe sagen, du mußt es mir glauben. Denn ich habe dich sehr lieb, und ich meine, wir könnten glücklich miteinander werden. Besinn' dich einmal darüber.«

Als ich aus meiner dumpfen Bestürzung einigermaßen aufgewacht war, wartete ich immer noch darauf, daß er irgend etwas von Margret sage. Gott im Himmel, war er denn wahnsinnig, daß er jetzt, kaum ein Vierteljahr nach ihrem Tode, so vor einer anderen stand! Er mußte sich doch entschuldigen, er mußte es mir begreiflich machen, warum er so etwas Gemeines tat, er mußte noch irgend etwas sagen, daß es das Abscheuliche und Unbegreifliche ein wenig wegnahm. Ich wartete zitternd.

Es blieb aber alles still, er beugte sich nur noch ein wenig mehr zu mir herunter.

Da packte mich ein unsinniger Zorn und Ekel; ich schrie auf und stieß ihn weg und lief schluchzend aus dem Zimmer.

In meiner Stube schloß ich mich ein. »Gottfried« – – sagte ich in das Dunkel hinein, »– lieber, lieber Gottfried«. Und vor dem reinen Glanze, der in diesem Namen war, erfaßte mich eine mächtige Scham für mich und für Adolf, und dieser erschien mir in diesem Augenblicke so widerwärtig und so unsäglich gemein, daß es mich schüttelte vor Abscheu und Empörung. Ich warf mich auf mein Bett und lag da mit wildem heftigem Schluchzen. Hell und hohnvoll kam mir mein auswendig gelerntes Sprüchlein, das ich noch vor einer Viertelstunde hatte zu Adolf sagen wollen, ins Gedächtnis, vor meinem Innern erstand die schöne, schimmernde Welt, die ich sehen und besingen, lieben und haben wollte, und der selig wunderliche Drang meines Dichtens trieb mit warmen Wellen in meinem Blut. Und nun sollte ich den dicken Fouqué heiraten, und alles sollte aus sein!

– Seine erste Frau war ihm weggelaufen, die zweite war ihm gestorben und wäre es vielleicht nicht, wenn sie es besser bei ihm gehabt hätte. Was sollte es mir viel anders gehen! Und wenn man ein Vierteljahr tot war, war man vergessen, und er ging zu einer anderen.


Flammend und empört stand alles in mir auf. – Nein, nein, nein –! Ich wollte es nicht, und es konnte mich niemand dazu zwingen. Ich putzte mir mit Heftigkeit die Tränen ab, und mein fester Entschluß war bald gefaßt. Eine Stunde noch blieb ich stille liegen, dann horchte ich zu meiner Tür hinaus, ob Adolf wohl noch auf sei. Das Licht brannte nimmer, und ich konnte nichts von ihm hören. So ging ich leise daran, mein schönes Kleid auszuziehen und mit allem andern in meinen Koffer zu packen. Ich verschloß und adressierte ihn, schrieb noch einen Brief an Breisel, daß er ihn mir besorgen und auch meine Bücher gleich mitschicken solle, und nach ein paar Stunden war ich fertig. Leise ging ich durch den dunklen Gang zur Glastür; aus dem Schlafzimmer der Kinder drang ein kurzer, weinerlicher Ton; es war das Peterlein, und an meinem Herzen tat es mir einen Augenblick stark und lähmend weh. Doch lief ich schnell vorbei und die Treppe hinunter und biß die Zähne zusammen, daß ich es überwand.

Es wurde in diesen Hochsommernächten niemals völlig dunkel draußen; als ich auf die Straße kam, war nur eine tiefe Dämmerung, und irgendwo wollte es schon hell werden. Und wieder wie in jener Nacht, da ich die alte Genovev verhauen hatte, war plötzlich und geisterhaft Adolfs Stimme über mir:

»Einen Augenblick, Ageli! Du hast deine Hausschuhe vergessen!« – Und aus der Höhe flog es rechts und links zu meinen Füßen auf das Pflaster und schlug höhnisch klatschend auf.

Grimmig starrte ich nach oben; Adolf lehnte geruhig aus dem Fenster. »Ich möchte bloß wissen, wann du eigentlich schläfst,« rief ich bitter und wütend hinauf.

»Nie!« sagte er unerschütterlich. »Auf Wiedersehen, Ageli!«

»Da kannst du lang warten,« dachte ich empört, ließ die Pantoffel liegen und verschwand so schnell als möglich um die nächste Straßenecke.

An einem Hotel läutete ich an der Nachtglocke; ich bekam ein Zimmer, und es war auch ein schönes Bett darin; bloß schlafen konnte ich in jener Nacht nimmer.

– Nach zwei Tagen schon war ich als Kurgast in einem Forsthaus untergekommen, ein paar Stunden weit vom Gottlosen Zinken weg. Ich atmete wieder die geliebte Luft meines Hochlandes, ich spürte die südliche Glut seiner Sonne, und in den Nächten lauschte ich mit zitternder Sehnsucht dem ersten Sturm entgegen. Lag es mir auch zu Anfang von des kleinen Peter Schreilein her noch manchesmal wie ein böser und quälender Druck auf der Brust und meinte ich oft, durch die Zweige der Tannen das gute Gesicht meines Freundes Breisel betrübt und vorwurfsvoll auf mich gerichtet zu sehen, so verschwand dieses doch mit jedem neuen der göttlichen Tage mehr, und bald war ich sorglos wie ein junger Vogel meiner süßen, ungekannten Freiheit hingegeben.

Ich hatte eine Stube voll alter brauner Möbel, und zu den Fenstern hinaus sah man einen kleinen, bäurischen Garten in der Sommerblüte, ein Stück ständig blauen Himmels und unermeßlich viel Wald, davon ab und zu ein leiser Wind in meine Stube kam und mit den weißen Vorhängen ein zärtlich anmutiges Spiel trieb. Es war mir unsagbar verwunderlich, wenn ich so still dasaß und mich den ganzen Tag um nichts bekümmern durfte als um mich selber und lauter schöne Sachen. Die Mahlzeiten wurden mir auf meine Stube gebracht; jeden Abend gab es dasselbe: Kartoffeln und Rauchfleisch zusammen in eine Pfanne geschnitten, was dann mit Butter und Zwiebeln gebraten wurde. Dieses Gericht unterhielt mich so neben dem Schreiben her des Abends wohl eine Stunde lang in angenehmer Weise, indem erst in der Küche unten ein Geklapper mit Tellern und Pfannen und ein mächtiges Gebrutzel losging, sodann in lieblichen Wogen das entstandene Gerüchlein zu meinem Fenster hereinkam, bis endlich die Försterin die Treppe heraufschlurfte und mir die Herrlichkeit samt einem Glase kühler Milch auf's Tischtuch stellte. Jeden Morgen ging ich an den einsamen Bach hinunter, um zu baden; auf dem Heimweg nahm ich mir mit der Försterin Erlaubnis einen Strauß aus dem Garten mit. Meine Hände wurden jeden Tag feiner und weißer, und es war mir am Anfang ein seltsam wonniges Gefühl, beständig ohne Schürze und in guten, sommerlichen Kleidern zu sein.

Jede Stunde kam und ging in seliger Bläue und war voll zarter innerlicher Heiterkeit –; halb bewußt und genießerisch, halb mit einer träumerischen Trunkenheit, die mich durch die jähe und mächtige Wandlung meines Lebens erfaßt hatte, nahm ich die Schönheit in mich auf. Es war mir so wohl, daß ich hätte den ganzen Tag singen und jubeln und tanzen mögen.

Und gleich dem jauchzenden Ungestüm meines eigenen und sinnlichen Menschentums war wie ein Sturm die fremde Macht über mir und sang und glühte und quoll in unerschöpflicher Fülle. Zum erstenmal nun durfte ich ihr untertan sein ohne Hindernisse und Hemmungen; ich tat es mit tiefer Beglücktheit und brauchte und benutzte sie so verschwenderisch, wie sie sich mir gab. Ich dichtete und schrieb, und ich arbeitete mit solcher Wut und Maßlosigkeit, wie ich es in der herbsten Erntezeit auf dem Zinken nicht getan hatte. Jede Minute tat mir leid, die von dieser Köstlichkeit abging; nur, wenn der Schlaf mich wirklich unüberwindlich bezwang, legte ich mich nieder, und oft geschah es, daß ich nachts jählings erwachte, und daß es mich aus dem Bette trieb vor Erregung und glühend rieselnder Lust. Dann zündete ich mein Licht an, setzte mich an den Tisch und schrieb im Nachthemd weiter.

Mitunter geschah es am Tage, daß mich ein körperliches Erschöpftsein zwang, minutenlang die Feder aus der Hand zu legen und mich müde ein wenig an meinen Stuhl zu lehnen. Und es schien mir, als ob diese stillen Pausen, in denen nur das Bienengesumm über dem blühenden Garten vernehmbar war, das schönste von diesem allem seien. Wie das Fluten von schweren, langsamen Wogen ging es mir dann durch den Leib, und in der wonnigen Entspannung der Kräfte sah ich über mein Buch hinweg und schöner noch als das Gegenwärtige mir die bunten und schimmernden Bilder meiner Sehnsucht nahe zuleuchten, und ich vermeinte zu spüren, wie die Welt mit allen Herrlichkeiten sich mir entgegenneigte.

Es mochte etwa vierzehn Tage so gegangen sein, da merkte ich, wie die seltsame Gewalt in mir langsam nachließ. Es kam gar nicht plötzlich, es fing leise und allmählich an und war jeden Tag ein wenig mehr so. Auch verwunderte es mich zu Anfang gar nicht. So wütend hätte das ja nicht weiter gehen können, und ich spürte auch, daß ich schlaff und überanstrengt sei.

Also machte ich an einem Nachmittag einen weiten Spaziergang, schlief darnach gründlich und ausgiebig wohl zwölf Stunden aneinander, nahm mein Morgenbad im Bache und setzte mich frischen Muts wieder hinter meine Schreiberei. Siehe, es ging wirklich besser. Nur am andern Tage mußte ich mich wieder absonderlich lang besinnen, bis mir etwas einfiel, und am dritten tat es not, daß ich aufs neue spazieren ging und schlief. Als es dann so kam, daß ich zwei Tage faulenzen und marschieren mußte, um am dritten etwas schreiben zu können, berechnete ich, daß mir das zu teuer käme und sann auf ein anderes Mittel. Es war mir von der Landwirtschaft her erinnerlich, daß man einen Boden düngen müsse, wenn er mager war und dennoch tragen sollte. Meine Bücher hatte ich ja da, und ich sagte mir vor, daß auch ein ganz großer Geist nicht immer aus der Phantasie schöpfen könne, sondern hie und da eine Anregung dazu haben müsse. Nun machte ich mir ein paar gute Tage, las den Grünen Heinrich noch einmal und Werthers Leiden, fand auch heraus, daß mich merkwürdigerweise Jean Pauls ergötzliche und vielgeschwänzte Mode am meisten anrege, und derart angetrieben lief meine Schreiberei, wenn auch mühselig, wieder ein paar Tage weiter. Dann half auch das nimmer; ich war stecken geblieben, saß müßig, kaute an der Feder und lauerte tagelang vergebens, daß mir etwas einfalle. Mit recht betrüblichen und unangenehmen Gefühlen mußte ich mir sagen, daß es mit meiner Inspiration aus sei, doch ließ ich darum den Kopf noch nicht ganz hängen. Das Gerüste meines Romans wußte ich genau in mir, es handelte sich also noch ums Niederschreiben und Ausmalen, und ich meinte, man könnte das auch ohne Inspiration, wenn man sich nur die nötige Mühe dazu gebe. So saß ich nun mit zähem Eifer auf meinem Stuhle fest, und wendete alles auf, was ich an Fleiß und Ausdauer und Schweiß besaß, damit es weiter ginge.

Und nun kam eine Zeit, wie es so kurios und jämmerlich und beschämend in meinem Leben keine mehr gab.

Jeder noch so bläßliche Funken an Geist oder irgend einer höheren Gewalt hatte mich verlassen; ich saß lange Stunden unbeweglich stille und starrte auf mein Papier; ich hätte mich ja sehr gern manchmal ein wenig gekratzt, wenn mir eine Mücke über den Scheitel lief, und es wäre mir eine holde Abwechslung gewesen, ein bißchen was auf mein Löschblatt zu malen; aber ich fürchtete zu sehr, daß dann der Gedanke, der etwa grad in diesem Augenblick aufsteigen wollte, dadurch behindert werden könnte; und ich beherrschte mich mit eiserner Energie. In meinem Hirn war eine dumpfe und finstere Spannung; es schien mir zumute zu sein wie einer alten Kanone, die geladen war und aus irgend einem Grunde nicht losging. Ich blätterte in meinem Manuskript vorwärts, um mich durch den vielen, leeren Platz, der noch dahinten war, anspornen und anfeuern zu lassen; jedoch blieb in mir alles gleich zähe, dunkel und vernagelt, und die Seiten starrten mich betrübt und blöde an. Ich blätterte auch rückwärts und fand alles, was da stand, ganz gut und vortrefflich, ja, wirklich, es war nichts zu tadeln dran und alles ausgezeichnet – wenn es nur so weiter gegangen wäre. Auch blätterte ich in meinen schönen Büchern, die ich zur Anregung rings um mich aufgebaut hatte, und fand es hier noch viel besser und vortrefflicher; bloß nützte es mir nichts, und ich steckte das Lesen bald ganz auf, weil es mich nur noch mehr irremachte; wenn mir ein halbwegs brauchbarer Satz einfiel, wußte ich zuletzt nimmer, war er von mir oder von Goethe.

Mit einer eselhaften Geduld probierte ich alles mögliche aus, was etwa gut und zweckdienlich sein könnte. Ich saß der Reihe nach auf allen Stühlen meines Zimmers herum, hatte bald die Beine langausgestreckt, bald das eine über das andere geschlagen, bald in Wut und Verzweiflung beide an den Bauch heraufgezogen. Das einemal saß ich auf dem Sofa und hatte sogar noch ein Kissen untergeschoben, damit es nur ja nicht an der Bequemlichkeit fehle, dann fand ich, daß dieses verkehrt sei und setzte mich auf den eckigsten und härtesten Stuhl, damit ich den Ernst der Stunde spüre. Ich lag im Bett und besann mich an die rissige Stubendecke hinauf, ich machte Dauerläufe in der Stube hin und her, die Hände auf dem Rücken und den Blick gesenkt; – es war alles vergebens, es blieb dunkel und unfruchtbar in mir. Mit Grauen entdeckte ich, daß ich keinen Kinderaufsatz mehr hätte schreiben können, so völlig ausgesogen war mein Gehirn; wenn mir vorher einer diesen Zustand geschildert hätte, – ich hätte nicht geglaubt, daß es so etwas gebe. Ich mußte oft nach Worten suchen und mich lange und mühevoll auf Sachen besinnen, die ein Schwachkopf gewußt hätte; ich hatte gehört, daß schon mancher Dichter verrückt geworden sei, und manchmal glaubte ich im Ernste, daß es mit mir auch so werde und daß dies der Anfang davon sei.

Und immer noch gab ich mir Mühe und meinte, es müsse wieder anders werden. Einmal an einem kühlen Tage hatte ich ein warmes rotwollenes Kleid angezogen, und siehe, am Abend hatte ich eine halbe Seite aufs Papier gebracht, die man stehen lassen konnte. Ich dachte nun, es liege vielleicht am Kleid, behielt das rote auch in den nächsten Wochen noch an und briet und schwitzte mich mit rührender Geduld durch die heißen Tage hindurch. Wert hatte es leider auch keinen. Desgleichen probierte ich es mit dem Fasten, nach dem bedeutsamen Worte: ein voller Bauch studiert nicht gern; doch war es nichts damit; eher spürte ich nach dem Genuß von Rettichen eine leise Andeutung von Besserung in meinem Hirn. Ich aß also Rettige, bis ich Leibschmerzen bekam. Am schlimmsten ging es mir mit dem Alkohol; in einer Nacht fiel mir plötzlich ein, daß schon hie und da ein Dichter nur mit Saufen habe schreiben können. Ich log also dem Förster vor, ich hätte Bauchweh und bekam dafür ein Glas bitteren Wacholderschnaps, den ich mit fürchterlicher Anstrengung hinunter brachte; dann bekam ich einen Rausch und darauf einen Katzenjammer, mußte einen Tag im Bett liegen, winselte und vermeinte, der Bittere wolle mir in den Himmel verhelfen. – Nein, es war wirklich nicht schön.

Zuweilen gelang es mir mit alle diesem, als Frucht eines Tages ein paar Sätze fertig zu bringen, in einem ausgesucht prachtvollen Stil, in noch prachtvollerer Schrift und im übrigen so, daß ich am andern Morgen wütend alles wieder ausstrich.

Dazu hatte mich schon nach ein paar Wochen ein Uebel befallen, das schlimmer als dies alles war; eine Sehnsucht nach körperlicher Arbeit. Ach, ich kannte dieses drängende und schwüle Fieber von einer früheren Zeit her; nur war es diesmal viel stärker, und es trat auf wie eine richtige Krankheit mit Kopfweh und Schlaflosigkeit und bösen, nervösen Zuständen. Oft, wenn ich am Tage stille dasaß und in meine hoffnungslose Borniertheit versunken war, erschien mir wie in einer Vision das Peterlein, ich stellte mir die Seligkeit vor, es zu baden, in die Windeln zu packen und ihm seinen Schoppen zu geben. Mit allen schönen und herrlichen Farben malte ich mir aus, wie man einen Kuchen buk oder eine Wäsche wusch, bis mich irgend ein Geräusch aus meiner Versunkenheit weckte und ich mit einem Seufzer emporfuhr. Ich dachte dann bitter, wie ich dazu noch so viel Phantasie habe. Einmal ging es mit mir durch; ich half den Förstersleuten beim Oehmdabladen; es war eine Stunde Paradies in all diesem Elend; ich sah aber ein, daß ich mir eine solche Pflichtvergessenheit nicht zum zweitenmal erlauben dürfe.

Und jeden Tag war stets derselbe leuchtend blaue Himmel; unabänderlich schien die Sonne über dem kleinen Garten, nur daß darin die Blumen seltener wurden und die Aepfel röter. Das Essen war so gut wie im Anfang, es schmeckte mir sogar, und mit seltsam bitterem Hohne merkte ich, daß ich bei diesem Leben in die Dicke geriet und mir die Kleider enge wurden.

Einmal machte ich einen weiten Gang, planlos in die Wälder hinein, nur, damit ich in der Nacht ein bißchen schlafen könne. Auf einer Anhöhe hielt ich stille und sah mich um. Fern im Abendschein sah ich ein Gehöft liegen, ich schrie auf und hatte den Gottlosen Zinken erkannt. Dann lag ich am Boden, stampfte und weinte und schluchzte in einer ungeheuerlichen Scham.

– Ich weiß nicht, was schließlich noch aus diesem Jammer hätte werden können; mit einiger Vernunft wäre ich abgereist, hätte irgendwo eine Stellung angenommen und ruhig abgewartet, bis sich der Brunnen meiner fremd herrieselnden Lust aufs neue wieder gefüllt habe; so aber war ich verbockt und darein verbohrt, daß es in diesem Sommer noch und aus eigener Mühe und Anstrengung geschehen müsse. So saß ich Tag für Tag in stierer Verzweiflung, mein Geld ging zur Neige, und mit bösem Grauen dachte ich an die kalten Tage.

Da kam ein Brief von meinem jüngsten Bruder, der noch zu Hause war, – von Breisel nach hier umgeschrieben –: die Mutter habe den Fuß gebrochen, müsse im Bett liegen, und von den Schwestern könne keine abkommen, um sie zu pflegen. So ging der Hilferuf weiter an mich.

Ich packte schon meine Sachen zusammen, noch ehe ich den Brief zu Ende gelesen hatte. Ach, ich hätte nie gedacht, daß ich in meinem Leben noch einmal so roh werden würde, – ich lachte und weinte und jubelte vor Freude darüber, daß meine Mutter den Fuß gebrochen habe.


Nun war ich daheim; die Mutter lag freundlich und geduldig in ihrem Bett, ich pflegte sie, besorgte den Haushalt und die Geißen, und lag des Nachts in der alten, wohlbekannten Stube mit dem Firmament. Es war ruhig im Haus, nun, wo sogar der Mutter Strickmaschine nicht mehr klapperte. Regine war jetzt als Lehrerin irgendwo angestellt, und die kleine Eva lernte Krankenpflege in einer großen, fernen Stadt. Nur der stille Hannes war noch da und ging in der Stadt in die Schule; er wollte Lehrer werden, und die beiden großen Geschwister hatten ihm das Geld dazu versprochen.

Wie ein wüster Traum lag die böse letzte Zeit hinter mir; die bitterlichen, beschämenden Einzelheiten waren mir kaum mehr erinnerlich, nur als ein wochenlanger und greulich dicker Stumpfsinn blieb mir das Ganze im Gedächtnis; und schon jetzt gab es Stunden, wo ich es so weit überwunden und hinter mich gebracht hatte, daß ich von Herzen drüber lachen konnte. Ich war mir selber fremd, so plötzlich von allen Stürmen weg im Frieden als Kind bei der Mutter zu sein und lief wie verwandelt durch das stille Haus und auf den alten Stiegen. Es war mir urseltsam zumut, nicht schwer und nicht ganz leicht; sonderlich in der Nacht fuhr ich oft erschrocken aus dem Schlafe, vermeinend, das Peterlein habe geweint, – oder sah ich Adolfs schönes, lachendes Gesicht in beängstigender und verwirrender Nähe über mir und hatte Mühe, mich von dem Spuk wieder frei zu machen.

An einem Abend, als der Bub zu Bett gegangen war, hatte ich der Mutter alles erzählt, von Gottfried an bis zu Fouqués Heiratsantrag und zu dem schnöden Ende meines Sommeraufenthalts; sie hörte stille zu, am Ende nahm sie meine Hand und streichelte sie ein bißchen: »Du Armes, was hast du alles erleben müssen. Aber nun bleibst du bei mir, bis du wieder mit dir zurecht gekommen bist.«

Ich verstand nicht so recht, wie sie das meine; sie sagte sonst nichts darüber, nur ihren Blick spürte ich oft lieb und nachdenklich auf mir ruhen. Ich freute mich immer auf die Abende, wo wir still und vertraut beieinander waren und ich ihrem tiefen, wundersamen Wesen nahe sein durfte. Wenn die Arbeit im Haus herum getan und der Hannes in seinem Stübchen war, trug ich die Lampe auf das Tischlein neben sie und setzte mich mit meinem Strickzeug dazu auf ihren Bettrand hin.

Und da geschah es nun, daß, wenn wir so in der tiefen Stille beieinander saßen, die Mutter anhub zu erzählen. Etwa von jenen Zeiten, da sie noch Dienstmagd gewesen war, dann von meinem Vater, von ihrem Brautstand und so allmählich von ihrer Ehe und jenen Tagen und Stunden, um deretwillen ihr Haar weiß geworden war.

Mich packte das alles mit einer mächtigen Wucht und mehr, als sie wahrscheinlich ahnte. Hatte ich etwa in der letzten Zeit gemeint, daß ich selber viel erlebt und durchgefressen habe, so stand ich nun jämmerlich klein und winzig neben diesen Tiefen und Höhen und Abgründen, die sich vor mir auftaten. Und dann frug ich mich voll innerer Unruhe: war nicht doch eine Absicht dabei, wenn mir die Mutter das sagte? Meinte sie am Ende doch, ich sollte den Schwager heiraten? Ich wußte, daß sie ihn selber nicht sonderlich hochschätzte; aber an den Kindern hing sie mit ihrer ganzen inbrünstigen Mütterlichkeit, und es war ihr wohl um diese. Sie sagte noch immer kein Wort von alle dem, aber je länger ich um sie war, desto gewisser wurde es mir, wie sie es meinte. Von da an lag ich oft tief in die Nächte hinein wach, und es wurde mir alles wieder neu und schmerzlich lebendig. Ich wehrte mich gegen die Unruhe und Plackerei, die mich da in meinem sauberen Frieden so meuchlings überfiel, und konnte sie doch nicht bannen; es trieb mich unsichtbar und mächtig um, und ich wußte nicht, was ich tun sollte.

Und wie nun die Mutter so zu mir sprach wie zu einem reifen und rechten Menschen, der es wert ist, daß man ihm sein bestes gibt, wie sie ernst und leise, doch tapfer und ohne Scham mir auch das Verschwiegenste und Heiligste ihres Herzens sagte und mich ihres köstlichen Vertrauens würdigte, da begriff ich, daß sie etwas ganz ungeheuer Großes tat, das Größte und überhaupt das Einzige, was mir ein Mensch tun konnte. – Von da ab wehrte ich mich nimmer; ich ließ mein Herz ruhig in den Bränden der Scham und Liebe liegen und alles still an mir geschehen. Ich hätte noch wohl auskneifen können, vor Adolf und vor meiner Mutter; nun konnte ich es aber vor mir selber nimmer.

Ich spürte mit Wehmut und Lächeln, daß mir in diesen Nächten leise meine Jugend entgleite; jene Zeit, von der die kühle Frau Gunhild einmal gesagt hatte, daß man sich zu wichtig nehme und daß es Torheit und Egoismus sei.

Es mochte sein, daß da manche Lust und schimmernde Hoffnung mit unterging, aber was ich dafür eintauschte, war unvergleichlich schöner.

Denn wenn es Ziel und Kern des Lebens war, seinen eigenen, unvollkommenen und verwirrten Menschen samt aller Leidenschaft und Unruhe hinzugeben und zu verlieren, um sich dafür als ein Teil jener Kraft wieder zu finden, die von Gott ausgeht als seine reinste, ureigenste Gewalt, zu uns strömt und durch uns wieder zu ihm, daß wir Armen, sobald wir unser selbst vergessen und für andere leben, dürfen selber Götter sein, selber Ströme der Klarheit und Unsterblichkeit in uns haben, um sie in die Welt zu strahlen, daß wir selber in Herzen und in Händen dürfen spüren, was des Lebens Ursprung ist, – ach, so ist keine farbige Jugend so helle, daß sie vor jenem Licht bestehen könnte.

– Dann kam eine Nacht im November, der Sturm ging ums Haus und brauste in den Kirchhoftannen; ich saß unausgekleidet unter meinem Fenster und hörte darauf hin. Es war mir wunderlich wie nie und elend und rührselig zumut, es kribbelte mir in allen Gliedern, schließlich konnte ich nimmer widerstehen. Leise kletterte ich zum Fenster hinaus, meine Füße gingen einen wohlbekannten Weg, – da war der Kirchhof und ein armes, vergessenes Grab.

»Namenlos, ach du lieber, lieber Namenlos.«

Ich lag in seinen feuchten Blättern und hielt den wilden Busch umschlungen wie ehedem als ganz kleines Mädchen. Meine Tränen liefen in seine Erde hinein; in dieser Stunde aber bekam er einen Namen, und ich versank in seinen Fluten, daß ich für immer drin bleiben mußte.

Am andern Tag war es Sonntag und die Mutter versuchte ihren ersten Gang seit jenem Unfall. Ich führte sie ein Stück bergan, dann ruhten wir auf einem Bänklein aus und sahen in das Tal hinunter.

Da sagte ich es ihr. »Du, Mutter,« fing ich an, »ich glaube, ich möchte Adolf doch heiraten.«

Sie sah mich an, ein liebes, köstliches Lächeln ging über ihr Gesicht, und indem sie mich auf Mund und Stirne küßte, sagte sie leise: »Ich habe es gewußt, Agnesle!«

Und in dem Augenblick war ich nimmer ihr Kind, es war, als sei ich ihre Schwester geworden und reif und weise, das Leben zu tragen wie sie.


Ein paar Tage vor Weihnachten fuhr ich von zu Hause fort. Auf der ganzen Reise fürchtete ich mich vor Adolfs Spott und Triumph und wäre froh gewesen, wenn ich den Empfang schon hinter mir gehabt hätte. Nur um eines freute ich mich, nämlich, daß er nichts von meinem verkrachten Roman wußte. Sonst hätte ich mich auch wahrlich kaum zu ihm getraut.

Es war kalt und regnerisch und später Abend, als ich hinkam. Unten im Laden war alles schon dunkel; da die Tür zum Hinterstüblein unverschlossen war, ging ich einen Augenblick hinein und drehte das Licht an. Ach es sah fürchterlich aus; mit wehmütiger Heiterkeit machte ich mir einen Begriff davon, wie es wohl oben sein möge. Unversehens streiften meine Blicke Breisels Gesälzhafen; lächelnd schaute ich hinein und sah am Boden eine winzige, betrübte, schimmelige Kruste. Armer Kerl; – es sollte wieder anders werden.

Mit klopfendem Herzen stieg ich hinauf und fand Adolf in der Küche, wo er eine höchst seltsame Hantierung betrieb. Es schien, als sei gar keine Magd oder Haushälterin da. Erst konnte ich nicht erkennen, was er eigentlich da mache; da sah ich, daß er schmutzige Windeln und Kinderwäsche waschen wollte, indem er nämlich jedes einzelne Stück mit einem Reißnagel an den Rand des Schüsselbrettes über den Ablauf festspießte, dann einen Schlauch am Wasserhahnen befestigte und nun höchst genial drauf los flößte, auf und ab und an allen Stücklein herum.

Und wie ich nun so stand, glühend vor Erregung, wie ich das Lachen verbiß, während mir doch vor Scham und Rührung und Zaghaftigkeit ein paar Tränlein herunterliefen, da drehte sich Adolf um und erkannte mich. Ueber sein Gesicht kam eine ungeheure Fröhlichkeit, ehrlich und kindhaft und ohne Spott, und er strahlte mich voller Liebe an.

»Schau, das Ageli. – Fein!«

Dann kam er auf mich zu, hielt seine nassen Hände ausgebreitet und weit von sich ab; er beugte sich zu meinem Gesicht und küßte mich auf den Mund.

Und nach einer Viertelstunde saß ich drinnen im Wohnzimmer; Adolf hatte mir mit seinen weißen, zärtlichen Fingern den Mantel und die Mütze abgenommen und mir das Haar zurückgestrichen. Er machte mir einen Tee, buk mir ein Eierküchlein und lief voller Eifer ab und zu. In der Gaststube zündete er ein Feuer an, richtete das Bett und tat sogar eine Wärmflasche hinein; nur einmal kam er mit großer Betrübnis zu mir.

»Du mußt entschuldigen, Ageli; es ist neulich ein Katzenschißchen auf dein Bett gekommen, und es müffelt noch ein wenig. Es ist mir wirklich leid; aber gelt, du nimmst es nicht zu schwer –!«

Als ich nun in meine Stube ging, kam er noch einmal, sah mich voller Uebermut und Spitzbüberei an und überreichte mir meine Pantoffeln.

»Ich habe sie damals wieder von der Straße herauf geholt und sie dir aufgehoben; ich wußte ja, daß du wieder kommen würdest.«

Ich wurde rot und sah zu Boden. Und ach, da erblickte ich plötzlich, daß Fouqués Hausschuh ein Loch habe, durch das Loch guckte der Strumpf heraus, und der hatte auch eins, so daß ich ein Stücklein nackte Zehe sah. Und über dem erschien mir unverweilt jene andere blaugefrorene Zehe, die in meinem Leben so bedeutsam war; ich spürte zitternd, wie die mächtigen Ströme des Namenlos über mich hereinbrausten, und inmitten der stürmenden Bedrängnis zog ich Adolfs lockigen Kopf zu mir her und küßte ihn heiß und herzlich. Und das war damals bei Gottfried auch nicht anders gewesen.

Dann leuchtete er mir mit dem Lämpchen in meine Stube und spielte hernach auf dem Klavier eine zarte und selige Melodie, bis ich eingeschlafen war.


Darüber ist nun schon manches Jahr hingegangen. Ich muß sagen, daß ich meinen Mann herzlich liebe; wir ergänzen uns und passen ineinander, wie es prächtiger nimmer sein könnte. Ich habe selber noch zwei Kinder bekommen, und es ist stets ein farbiges, fröhliches und beglückendes Getümmel um mich herum, so, wie ich es immer geliebt habe. Des Werktags habe ich Sorgen und schaffe und lasse meine Kräfte springen; Sonntags und an manchen Abenden aber gibt's Musik und Literatur und heitere Gesellschaft bei einem Glase Wein; ja, seit ich entdeckt habe, daß mein Mann ein guter Tänzer ist, gehen wir sogar hie und da miteinander zu einem Tanze. Im Sommer aber, wenn's im Sortiment ruhig ist, wenn Breisel hinter dem Ladentisch nickt und einer neuen Zwetschgenernte entgegen träumt, machen wir alle zusammen ein Reislein auf den Gottlosen Zinken hinauf; bloß, daß Frau Finkenlohr schon lange nicht mehr da, sondern mitsamt ihrem Zuckerschleckbüchslein zur ewigen Ruhe eingegangen ist.

Mit meinen Freunden Roth lebe ich immer noch in einer warmen, ungetrübten Freundschaft; zwar habe ich Herrn Roths Lebensweisheit nicht mehr weiter bei mir angewandt; im Gegensatz zu ihm gebe ich mir in solchen Sachen keine große oder besondere Mühe, sondern lasse mich einfach von meinen innerlichen Strömen weiter treiben; aber manchmal will es mich bedünken, als liefen unsere beiden Lebenspläne und Anschauungen am Ende doch irgendwo in Einem zusammen.

Und dann ist da noch etwas, das ich sagen muß. Zuweilen, etwa in einer Sommernacht, wenn ich ein Kind an der Brust habe und Adolfs Klavierspiel durch die Nacht zu mir herüber kommt, geschieht es, daß ich die fremde, rieselnde Dichterlust meiner Jugendtage wieder über mir spüre. Sie hat jene Leidenschaft und drängende Gewalt ganz verloren; es ist nur, als ob es in meinem Gemüte leise und köstliche Wellen schlüge. Ich sitze dann still und horche in mich hinein; Verse und Lieder steigen in ruhiger und müheloser Klarheit in mir auf, und sie sind so reif und schön und selig wie keines von damals. Ich behalte es aber für mich und sage niemand etwas davon.

Und dieses ist mir beinahe so lieb, als wenn am Ende meines Lebens in Fouqués Sortiment meine gesammelten Werke lägen.

Ende


Verlag von Eugen Salzer in Heilbronn.

Anna Schieber

Alle guten Geister... Roman. 101.-105. Aufl. Geb. Mk. 21.50.

Ludwig Fugeler. Roman. 26.-30. Aufl. Geb. Mk. 12.–.

Wanderschuhe und andere Erzählungen. 21.-25. Taus. Geb. Mk. 11.–.

... und hätte der Liebe nicht. Weihnächtliche Geschichten. 111.-130. Tausend. Geb. Mk. 3.–.

Amaryllis und andere Erzählungen. 61.-70. Taus. Geb. Mk. 3.–.

Das Kind. Erzählung. 31.-40. Taus. Geb. Mk 3.–.

Der Lebens- und Liebesgarten. 21.-30. Taus. Geb. Mk. 3.–.

Heimat. Erzählungen. 38.-41. Taus. Geb. Mk. 7.50.

Bruder Tod. Ein Lied vom lebendigen Leben. 1.-5. Taus. ca. Mk. 8.–.

Das Opfer. Erzählungen. 1.-10. Taus. Geb. ca. Mk. 12.–.

Auguste Supper

Da hinten bei uns. Erzählungen aus dem Schwarzwald. 11.-13. Aufl. Geb. Mk. 6.50.

Leut'. Schwarzwalderzählungen. 6.-7. Aufl. Geb. Mk. 8.–.

Die Mühle im kalten Grund. Roman. 10.-12. Taus. Geb. Mk. 12.–.

Herbstlaub. Gedichte. 3. Aufl. Geb. Mk. 5.50.

Vom Wegesrand. Erzählungen. 31.-35. Taus. Geb. Mk. 3.–.

Käuze. Erzählungen. 16.-20. Taus. Geb. Mk. 3.–.

Der Mönch von Hirsau. 3. Aufl. in Vorbereitung.

Der schwarze Doktor. Erzählung aus Würzburgs düsterer Zeit. 2. Aufl. in Vorbereitung.


Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription werden gesperrt gesetzte Schrift sowie Textanteile in Antiqua-Schrift hervorgehoben.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Hagebutten" – "Hagenbutten", "um so" – "umso", "war's" – "wars",

mit folgenden Ausnahmen,

Seite 10:
"«" hinter "?" entfernt
(wo wir als Kinder die Undine aufgeführt haben?)

Seite 15:
"«," geändert in ",«"
(»Du armer lieber Namenlos,«)

Seite 19:
"," geändert in "."
(um Limonade zu kaufen. Nur die Gräther)

Seite 19:
"«," geändert in ",«"
(»Nein,« sagte ich.)

Seite 26:
"»" eingefügt
(»Soll ich ein Taschentuch an einem Brunnen)

Seite 26:
",«" eingefügt
(anspucken können vor Verachtung,« und ich zog meine)

Seite 26:
"«," geändert in ",«"
(»Du, Flaig,« sagte sie leis)

Seite 38:
"," hinter "ich" entfernt
(Bisher war ich ein ruhiges)

Seite 43:
"«," geändert in ",«"
(»Ich will die Rosen ihm bringen,«)

Seite 55:
"»" eingefügt
(– »Dann ist's recht.)

Seite 55:
"Fenßer" geändert in "Fenster"
(unter dem Fenster in der kühlen Nacht)

Seite 73:
"»" vor "Was" entfernt
(Was, du lachst?)

Seite 129:
"«" eingefügt
(wenn Sie so dichten?«)

Seite 132:
"«" eingefügt
(ich weiß nicht, was dann draus wird!«)

Seite 136:
"»" eingefügt
(»Ich bin dann immer beschämt in mich gegangen)

Seite 240:
"und und" geändert in "und"
(den Haushalt so gut verstehst und die Kinder)