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Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens cover

Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens

Chapter 15: Dreizehntes Kapitel.
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About This Book

The narrative recounts journeys across Syrian deserts and towns, combining travel diary, ethnographic observation, and archaeological description. The writer prioritizes encounters with local people—Arab tent-dwellers, Druze, and Turkish or Syrian officials—quoting their stories and conversations to reveal daily life, customary laws, hospitality, and differences in practical outlook. Landscapes, camp and tent life, regional ruins and monuments are described, often accompanied by photographs and a map. Reflections on administration, social structures, and the need for further archaeological research punctuate the account, while personal impressions emphasize cultural manners encountered on the routes.

[11] Seither habe ich erfahren, daß nach meiner Anwesenheit Mr. Butler und seine Reisegesellschaft ihre Forschungen auf das Land nördlich von Kal'at Sim'ān erstreckt haben, und ich warte mit Spannung auf eine ausführliche Beschreibung dieser Gegend in ihren künftigen Veröffentlichungen.

[12] Vermutlich hat dieser Verfall seine Ursache zum Teil in der ungeheuren Steuerlast, die Justinian während seiner Bemühungen, den Westen seines Landes zurückzuerobern, den Ostprovinzen auferlegte. Wer Diehls großes Werk über Justinian gelesen hat, weiß, wie sehr die soziale und politische Organisation seiner Provinzen unter dem Druck der Kriege in Italien und Nordafrika in Unordnung geriet. Die Ostländer hatten, als die reichsten, am meisten zu leiden.

[13] Es ist dies eine Beobachtung Mr. Butlers, »Architektur und andre Kunst.«

Kal'at Sim'ān, der kreisrunde Hof.

Ich verbrachte den Morgen damit, die Simonskirche und das am Fuße des Berges gelegene Dorf zu durchforschen. Letzteres weist einige sehr schöne Basiliken und die Ruinen einer großen Pilgerherberge auf. Beim Frühstück erschien ein Kurde auf der Bildfläche, der einen so klugen, vertrauenerweckenden Eindruck machte, daß ich mir ihn sofort für die nächsten Tage zum Führer erkor, denn die Gegend, die ich zu durchziehen beabsichtigte, war steinig, pfadlos und auf der Karte nur ein leerer Fleck. Mūsa war der Name meines neuen Freundes. Als wir am Nachmittag zusammen dahinritten, vertraute er meinem verschwiegenen Ohr, daß er seines Glaubens Jezīdi sei, eine Sekte, die die Mohammedaner Teufelanbeter nennen. Ich halte sie jedoch für ein gutmütiges, harmloses Volk. Sie sind im oberen Teile von Mesopotamien zu Hause, und von dort war Mūsas Familie auch ausgewandert. Wir sprachen von Glaubenslehren — freilich nur vorsichtig, denn unsre Bekanntschaft war noch jung — und Mūsa gestand ein, daß die Jezīdis die Sonne anbeten. »Ein sehr geeignetes Anbetungsobjekt,« entgegnete ich, und in der Absicht, ihm etwas Angenehmes zu sagen, fügte ich hinzu, daß die Ismailiten beides, Sonne und Mond, anbeten, aber siehe da, bei dem bloßen Gedanken an einen derartigen Götzendienst war Mūsa kaum imstande, seinen Abscheu zu verbergen. Das führte mich zu der stillen Betrachtung, ob die Welt wohl viel klüger geworden seit den Tagen, da St. Simon auf seiner Säule saß. Der Schluß, zu dem ich endlich gelangte, war nicht schmeichelhaft.

Kal'at Sim'ān, der kreisrunde Hof.

In den Dörfern am Fuße des Djebel Scheich Barakāt, des höchsten Gipfels südlich von Kal'at Sim'ān, setzte der Regen unsern Streifereien ein Ziel und trieb uns heim; gegen Abend aber klärte sich der Himmel wieder auf. An dem wunderbar schönen Westtor sitzend, beobachtete ich, wie die Berge allmählich kupferrot erstrahlten, die grauen Mauern der Ruine wie in Gold getaucht erschienen. Der sehr niedergeschlagene und reumütige Michaïl beglückte mich mit einem vortrefflichen Diner, trotzdem würde ich ihn davongejagt haben, wenn St. Simon mir nur zu einem andern Koch hätte verhelfen können. Ja, ich war halb geneigt, mir einen aus Aleppo kommen zu lassen, aber der Zweifel, ob ich durch eine Stellenvermittlung einen guten Diener bekommen würde, und eine gewisse Bequemlichkeit verhinderten mich an der Ausführung des Planes. Vor mir rechtfertigte ich mich mit der Hoffnung, daß Michaïls Reue von Dauer sein würde. Einen Monat lang lebten wir auf einem Vulkan mit gelegentlichen Ausbrüchen, bis wir schließlich in die Luft flogen. Aber genug dieser unerquicklichen Dinge.

Kal'at Sim'ān, Apsis.

Am nächsten Tage ging ich daran, den östlich und nordöstlich der Kirche gelegenen Dörfern des Djebel Sim'ān einen Besuch abzustatten. Ein einstündiger Ritt in rein östlicher Richtung brachte uns nach Burdjkeh, das den unverfälschten Charakter dieser Dörfer des äußersten Nordens trägt. So hat es den fast unvermeidlichen großen, viereckigen Turm. Alles Mauerwerk war massiv; oft waren die Steine nicht einmal zu richtigen Lagen geschichtet, und wenn schon, so zeigten diese Lagen ganz verschiedene Tiefen. Die Kirche hatte eine viereckige, über die Mauern des Schiffes hinausgebaute Apsis. Jedes Fenster krönte ein fortlaufender Fries, der sich in der Höhe der Brüstung von einem Fenster zum anderen hinüberzog und beim letzten in einer Spirale endete. Er machte den Eindruck eines Bandes, das um die Öffnungen geschlungen, und dessen Enden aufgerollt worden waren.

Kal'at Sim'ān, Westtor.

Dieser Fries ist den Bauten des 6. Jahrhunderts in Nordsyrien eigen. Die Wohnhäuser von Burdjkeh waren einfache, viereckige Hütten und aus vieleckigen Steinen erbaut. Mūsa kundschaftete ein neugeöffnetes Grab in der Nähe der Kirche aus. Mit etwas Mühe gelang es mir, hineinzukriechen; ich wurde aber belohnt, denn in einer der Nischen fand ich das Datum 292 der Antiochischen Zeitrechnung eingegraben. Es entspricht unserm Jahr 243 n. Chr. Unter der Jahreszahl befanden sich drei Zeilen arg verwitterter griechischer Schrift. Wir ritten weiter und gelangten eine halbe Stunde später nach Surkanyā, einem verlassenen Dorfe, das ganz reizend am Anfange eines flachen, felsigen Tales liegt, in dem sogar einige Bäume zu finden sind. Die Häuser waren von außergewöhnlich massiver Konstruktion; schwerfällige Steinbalkone bildeten eine Art Vorraum über der Tür. Eins trug ein Datum, das Jahr 406 n. Chr. Die Kirche war der zu Burdschkeh fast ganz gleich. Dreiviertel englische Meilen weiter nördlich lag Fāfertīn; hier begann es zu regnen. Wir suchten Zuflucht in einer Apsis, dem letzten Überrest einer Kirche, die grob gebaut war, aber größer als eine der bisher gesehenen.[14]

[14] Butler berichtet in seinen Aufzeichnungen, daß diese Kirche die Jahreszahl 372 n. Chr. trägt und damit den Vorzug hat, diejenige Kirche Syriens, wenn nicht der ganzen Welt zu sein, die das älteste Datum aufweist.

Grabmal, Kāturā.

Das Dorf war von einigen Familien der Jezīdi-Kurden bewohnt. In strömendem Regen ritten wir eine Stunde nordostwärts nach Chirāb esch Schems, konnten hier aber infolge des Wetters nichts vornehmen. Wir eilten deshalb weiter über Kalōteh nach Burdj el Kās, wo ich meine Zelte auf einer feuchten Wiese errichtet fand. Mūsa zeigte sich sehr betrübt über den heftigen Regen, denn, wie er sagte, war das feuchte Frühjahr seinen Feldern verhängnisvoll, da alle Erde von den hochgelegenen Stellen in die Täler hinabgewaschen wurde. Noch ist das Bloßlegen des Gesteins, das die Fruchtbarkeit Nordsyriens so herabgemindert hat, in vollem Gange. In Burdj el Kās krönte ein viereckiger Turm den Gipfel des Berges, einige alte Häuser waren wieder instandgesetzt und von den Kurden bewohnt. Der Querbalken einer Tür trug die Zahl 406 n. Chr., ein anderer eine sehr schwer zu entziffernde Inschrift. Das Ende dieses Steines wurde durch die Ecke eines wiederaufgebauten Hauses verdeckt, ein Blick dahinter aber ließ mich gerade noch erkennen, daß sich am äußersten Rande eine kleine Verzierung befand. Der Besitzer des Hauses war der Meinung, daß dieselbe eine Madonna darstelle. Das wäre nicht nur eine bemerkenswerte Vermehrung der spärlichen Skulpturen Nordsyriens gewesen, sondern auch ein neuer theologischer Ausblick; ich drückte deshalb mein Bedauern aus, die Ecke nicht genauer sehen zu können. Sofort holte mein Freund eine Spitzhacke und schlug damit ein Stück seines Hauses ab: die Jungfrau Maria erwies sich als ein römischer Adler.

Chirāb esch Schems, Skulpturen im Innern eines Grabes.

In Nadjībs und Mūsas Begleitung suchte ich die Dörfer wieder auf, an denen ich des Regens wegen am Tage vorher vorübergeritten war. In Kalōteh blieb Nadjīb mit den Pferden zurück, während wir zu Fuß nach Chirāb esch Schems weitergingen. War doch der Weg so steinig, daß ich ihn meinen Tieren gern ein zweites Mal ersparen wollte. Chirāb esch Schems enthielt eine schöne Kirche, die vom Westtor bis zum Beginn des Altarplatzes 21 Schritt maß. Nach Norden und Süden hin waren die Umfassungsmauern gestürzt, es standen nur noch die fünf Bogen auf jeder Seite des Schiffes, sowie ein von zehn kleinen, rundbogigen Fenstern durchbrochenes Cleristerium, letzteres den Eindruck einer allerliebsten, freistehenden Loggia machend. Weiter bergaufwärts befand sich eine massive Kapelle ohne Flügel, aber mit herausgebauter Apsis. Mit ihrem halbdomförmigen Dach aus viereckigen Steinplatten ähnelte sie dem im 5. Jahrhundert erbauten Baptisterium zu Dār Kīta.[15] In der Bergwand fanden wir eine Anzahl Felsengräber; zu meiner Befriedigung entdeckte ich in dem einen mehrere merkwürdige Reliefs. Die Nische links der Tür zeigte vier grobgehauene Figuren mit in Gebetsstellung erhobenen Armen, in einer dunklen Ecke der Felswand aber befand sich eine einzelne Gestalt mit Hemd und spitzer Kappe angetan, die in der rechten einen sonderbaren korbähnlichen Gegenstand hielt. Nach Kalōteh zurückgekehrt, besuchten wir eine westlich des Dorfes isoliert auf einer Anhöhe stehende Kirche. In der Nähe des Südtores trug die Mauer eine lange griechische Inschrift. Das Schiff war von den Flügeln durch je vier Säulen getrennt, die, nach den Überresten zu urteilen, teils kanneliert, teils glatt gewesen waren.

[15] Butler, Architektur und andre Kunst, Seite 139.

Kapitäl, obere Kirche zu Kalōteh.

Der Säulengang endete an der Apsis mit eingebauten kannelierten Säulen, die schöne korinthische Kapitäle trugen. Apsis, Prothesis und Diaconicum waren alle mit in die Umfassungsmauern eingeschlossen. Das Westtor zeigte einen erhabenen, überhöhten Bogen über der zerbrochenen Oberschwelle, welch letztere mit einer Zahnschnittleiste verziert war. Südlich der Kirche liegt ein isoliertes Baptisterium, neun Fuß im Geviert groß, dessen Grundmauern noch die erste Lage der Steinwölbung trugen. Die Kirche muß mit Ziegeln bedeckt gewesen sein, denn ich sah noch zahlreiche Bruchstücke im Schiff umherliegen. Eine massive Umfriedigungsmauer umschloß beides, Kirche und Baptisterium. Im Dorfe unten standen noch zwei weitere Kirchen, die westliche 38 zu 68 Fuß, die andre 48 zu 70 Fuß groß. Aus den Friesen um die Tore beider Kirchen kann man schließen, daß sie nicht vor dem 6. Jahrhundert erbaut sein können. Das Dorf wies auch Häuser mit Steinveranden auf.

Barād, Turm im Westen der Stadt.

1½ Stunde westlich von Kalōteh liegt Barād, das größte und interessanteste Dorf des Djebel Sim'ān. Es ist zum Teil wieder bewohnt, und zwar von Kurden. Mein Lager befand sich auf freiem Felde, einem wunderbar schönen Grabmal gegenüber; es stellte einen Baldachin dar, der von vier auf hohem Podium ruhenden Strebepfeilern getragen wurde. In der Nähe lag ein großer Steinsarkophag und eine Anzahl anderer Gräber, die teils in die Felsen gehauen waren. Zwei Kirchen im Innern der Stadt unterzog ich näherer Prüfung. In der einen war das 68 Fuß lange Schiff von den Seitenflügeln durch vier große Säulen abgetrennt, die sechs Fuß im Durchmesser hatten und eine Säulenweite von 18 Fuß zeigten. Diese große Säulenweite ist ein Beweis später Entwicklung, sie weist etwa auf das 6. Jahrhundert hin. Die zweite Kirche zeigte noch größere Dimensionen, 118 zu 73 Fuß, lag aber bis auf die Westmauer und einen Teil der Apsis gänzlich in Trümmern. Nördlich davon stand eine kleine Kapelle mit vollständig erhaltener Apsis; der nahe dabeiliegende Sarkophag läßt den Schluß zu, daß die Kapelle ein Mausoleum gewesen ist. Das östliche Ende der Stadt enthielt einen Komplex von Gebäuden, aus vieleckigen Steinblöcken konstruiert; sie umschlossen eine viereckige Umfriedigung mit einem viereckigen Raum in der Mitte, unter dem sich ein Gewölbe befand, das jedenfalls ein Grab darstellt. Im äußersten Westen der Stadt stand ein schöner Turm und einige große, wohlerhaltene Häuser daneben. Diese Gruppe war durch eine kleine Kirche von der Stadt selbst getrennt. Nahe bei meinem Lager befand sich ein wunderliches Gebäude mit zwei unregelmäßig in die Ostmauer eingebauten Altarplätzen. Meiner Meinung nach ist es vorchristlich. Die Mauern trugen noch die vollständig erhaltene Wölbung. Während Mūsa und ich dieses Bauwerk ausmaßen und den Grundriß zeichneten, wurden wir von zwei Personen in langen weißen Gewändern und Turbanen beobachtet, die das größte Interesse für unsre Bewegungen an den Tag legten. Wie Mūsa sagte, waren es Regierungsbeamte, die den Djebel Sim'ān besuchten, um mit Rücksicht auf eine Steuererhöhung eine Volkszählung vorzunehmen.

Barād, Baldachingrab.

Der nächste Tag war einer der unangenehmsten, deren ich mich entsinnen kann. Eine dicke Wolkenschicht lag unmittelbar über dem Gebirge und hüllte uns in kalten, grauen Schatten, während nach Norden und Süden hin Berge und Ebene im lieblichsten Sonnenschein lagen. Wir ritten ungefähr eine Stunde nordwärts nach Keifār, einem großen Dorfe am äußersten Ende des Djebel Sim'ān. Über dem Tale des Afrīn drüben, der das Gebirge im Nordwesten begrenzt, erhoben sich die ersten großen Strebepfeiler des Giour Dagh. Nach Mūsas Aussage enthalten weder das Tal noch die entfernteren Gebirge weitere verfallene Dörfer; sie hören an der Grenze des Djebel Sim'ān ganz plötzlich auf, und die syrische Zivilisation scheint nicht weiter nordwärts gedrungen zu sein. Aus welchem Grunde ist nicht festzustellen. In Keifār fanden wir drei arg verfallne Kirchen, an denen aber noch Spuren außerordentlich fein gearbeiteter Verzierungen sichtbar waren, einige gut erhaltene Häuser und ein Baldachingrab, ähnlich dem zu Barād. Eine zahlreiche kurdische Bevölkerung bewohnte das Dorf. Wir kehrten nach Barād zurück und ritten dann in bitter kaltem Regen und Wind etwa 1½ Stunde in südöstlicher Richtung weiter nach Kefr Nebu. Hier sahen wir eine Inschrift auf dem Oberbalken einer Tür, ein paar kufische Grabsteine und ein sehr schönes, zum Teil wieder hergestelltes Haus; ich litt aber viel zu sehr unter der Kälte, um diesen historischen Denkmälern die gebührende Aufmerksamkeit zuwenden zu können. Ich war bis aufs Mark erkältet und außerdem so enttäuscht, daß meine Versuche, einige Aufnahmen zu machen, infolge des Sturmes mißlungen waren, daß ich sofort mein eine Stunde von Kefr Nebu entfernt in Bāsufān befindliches Lager aufsuchte, ohne einige weiter südlich liegende Ruinen zu besichtigen.

Bāsufān ist Mūsas Heimat; wir gingen an seinem Vater vorüber, der auf dem Kornfeld arbeitete.

»Gott gebe deinem Körper Kraft!« rief Mūsa. Es ist dies der übliche Gruß für jemand, der Feldarbeit tut.

»Und deinem Körper!« antwortete der Alte und blickte mit seinen trüben Augen zu uns herüber.

»Er ist schon alt,« erklärte Mūsa im Weiterreiten, »und Kummer hat ihn getroffen, aber einstens war er der schönste Mann und der beste Schütze im Djebel Sim'ān.«

»Welcher Kummer?« fragte ich.

»Mein Bruder ist vor wenigen Monaten von einem Blutfeind erschlagen worden,« antwortete er. »Wir wissen nicht, wer ihn getötet hat, vielleicht war es ein Verwandter seiner Braut, denn er wollte sie ohne die Zustimmung ihrer Familie heiraten.«

»Und was ist aus der Braut geworden?«

»Sie ist zu den Ihren zurückgegangen,« sprach er, »aber sie hat bitterlich geweint.«

Bāsufān wird von gewissen Juden und Christen aus Aleppo als Sommerfrische benutzt. Sie kommen heraus und wohnen während der heißen Monate in den Häusern der Kurden, die um diese Zeit in ihren Zelten hausen. Auch einige hohe Bäume stehen im Süden des Dorfes, wo sie einen Kirchhof beschatten, auf dem zumeist mohammedanische Tote ruhen, die oft viele Meilen weit hergebracht worden sind. Das nahe Tal birgt einen berühmten Quell, der selbst in regenlosen Jahren, wo alle seine Brüder erschöpft sind, nicht versiegt.

Mūsa und seine Familie.

Die Kurden pflegten auf den benachbarten Hängen Tabak zu bauen, und das Kraut wurde seiner Güte wegen hochgeschätzt, so daß die Ernten immer schnellen Abgang fanden, bis die Regierung das Tabaksmonopol einführte. Von da ab erhielten die Kurden so geringe Preise, daß der Anbau nichts mehr abwarf. Andre Erwerbsquellen hatten sie nicht, und somit hörte die Industrie ganz auf; die Felder blieben brach liegen, höchstens wurde etwas Korn angebaut — »und nun sind wir alle arm«, sagte Mūsa zum Schluß.

Noch war ich keine Stunde im Lager, als der Regen aufhörte und die Sonne durchbrach. Damit war auch unser Lebensmut wieder hergestellt. In Bāsufān befand sich eine große Kirche, die zu irgend einer Zeit durch Hinzufügung dreier Türme in ein Fort verwandelt worden war. Alle Überreste des ursprünglichen Gebäudes zeigten vortreffliche Arbeit. Die eingebauten Säulen an der Apsis waren spiralig kanneliert — das erste Beispiel, das ich sah — und die korinthischen Kapitäle wiesen sorgfältige tiefeingeschnittene Skulpturarbeit auf. Mūsa zeigte mir auf der Südmauer eine altsyrische Inschrift, die ich mit vieler Mühe und wenig Erfolg kopierte: möge der Kuckuck alle altsyrischen Inschriften holen oder aber die Reisenden mit schärferem Witz begaben! Nachdem ich alles besichtigt, blieben mir immer noch ein paar helle Nachmittagsstunden, und ich beschloß, über die Berge nach Burdj Heida und Kefr Lāb zu gehen, welche beiden Orte ich am Morgen dank dem Regen und der Kälte links hatte liegen lassen. Mūsa begleitete mich und nahm seinen »Kompagnon« mit — so wurde er mir wenigstens vorgestellt —; an welchem Unternehmen sie beide teilhatten, erfuhr ich nicht. Der Besuch von Burdj Heida war lohnend. Es besaß einen viereckigen Turm und drei Kirchen, deren eine noch außerordentlich gut erhalten, und der ein interessantes Gebäude angefügt war, das vielleicht die Wohnung des Geistlichen gewesen. Aber hauptsächlich wegen der Unterhaltung meiner beiden Gefährten war der Ausflug bemerkenswert. Mit Mūsa hatte ich in den drei Tagen, die wir zusammen verbracht, eine feste Freundschaft geschlossen, die sich meinerseits nicht nur auf seine mir geleisteten Dienste gründete, sondern auch auf eine warme Würdigung des strahlenden Lächelns, mit dem er alles für mich tat. Wir waren bereits so vertraut miteinander geworden, daß ich glaubte, mit Recht von ihm einige Aufklärung über die Glaubenslehren der Jezīdi erwarten zu können. Denn, mag man es auch in Europa damit halten, wie man will, in Asien ist es nicht höflich, einen Mann nach seinem Glauben zu fragen, solange er uns nicht für seinen vertrauten Freund erachtet. Es ist auch nicht ratsam, denn man macht sich nur verdächtig, ohne eine befriedigende Antwort zu erzielen. Während wir auf der Schwelle der kleinen Kirche zu Kefr Lāb saßen, begann ich meine Nachforschungen mit der vorsichtigen Frage, ob die Jezīdi Kirchen oder Moscheen hätten.

»Nein,« erwiderte Mūsa, »wir verrichten unsre Andacht unter freiem Himmel. Jeden Tag in der Dämmerung beten wir die Sonne an.«

»Habt ihr,« fragte ich weiter, »einen Imām, der die Gebete leitet?«

»An Festtagen,« sagte er, »tut es der Scheich, an anderen Tagen betet jedermann für sich allein. Wir halten einige Tage für glücklich, andre für unglücklich. Mittwoch, Freitag und Sonntag sind unsre guten Tage, der Donnerstag aber bringt Unheil.«

»Warum?« forschte ich.

»Ich weiß nicht. Es ist so.«

»Seid ihr Freunde der Mohammedaner oder stellt ihr euch feindlich?«

Mūsa antwortete darauf: »Hier in der Gegend von Aleppo, wo unser nur wenige sind, fürchten sie uns nicht, und wir leben friedlich miteinander; aber es kommt jedes Jahr ein sehr gelehrter Scheich aus Mosul zu uns, um Tribut von uns zu erheben, der wundert sich, daß wir so brüderlich mit den Muselmännern auskommen; denn in Mosul, wo es viele Jezīdi gibt, herrscht bittre Feindschaft zwischen ihnen. Dort wollen die Unseren nicht Heeresdienste leisten, wir hier aber werden Soldaten wie die anderen auch. Ich bin es selbst gewesen.«

»Habt ihr heilige Schriften?« fragte ich.

»Gewiß,« sagte er, »ich will Ihnen sagen, was sie uns lehren. Wenn das Ende der Welt herannaht, wird Hadūdmadūd auf Erden erscheinen. Bis dahin werden die Menschen an Größe so zusammengeschrumpft sein, daß sie kleiner sind als Grashalme — Hadūdmadūd aber ist ein mächtiger Riese. Und in sieben Tagen oder sieben Monaten oder sieben Jahren wird er alle Seen und Flüsse austrinken, so daß die ganze Erde ausgetrocknet wird.«

»Und dann,« fiel der Kompagnon ein, der Mūsas Auseinandersetzung mit Eifer gefolgt war, »wird ein großer Wurm aus dem Staub hervorkommen und Hadūdmadūd verschlingen.«

»Und wenn er ihn aufgefressen hat,« fuhr Mūsa fort, »kommt eine Flut, die sieben Tage oder sieben Monate oder sieben Jahre anhalten wird.«

»Und die Erde wird reingewaschen werden,« fügte der Kompagnon hinzu.

»Und dann wird der Madi kommen,« fuhr Mūsa fort, »und die vier Sekten zusammenberufen, Jezīdis, Christen, Mohammedaner und Juden, und der Prophet jeder Sekte muß seine Gläubigen sammeln: Jezīd die Jezīdi, Jesus die Christen, Mohammed die Mohammedaner und Moses die Juden. Alle die aber, die während ihres Lebens den Glauben gewechselt haben, werden im Feuer geprüft, damit offensichtlich wird, welchem Bekenntnis sie in ihrem Herzen anhangen. So wird jeder Prophet die Seinen kennen. Das ist das Ende der Welt.«

»Haltet ihr alle vier Glaubensbekenntnisse für gleichwertig?« fragte ich.

Mūsa erwiderte (etwas diplomatisch vielleicht): »Christen und Juden erachten wir uns gleich.«

»Und die Mohammedaner?« erkundigte ich mich.

»Die halten wir für Schweine.«

Das waren Mūsas Glaubenssätze. Was sie bedeuten, will ich nicht zu wissen behaupten. Hadūdmadūd aber ist wahrscheinlich Gogmagog, wenn das der Sache zu größerer Klarheit verhilft.

Die Sonne sank, als wir uns von der Kirchenschwelle erhoben und über die Ruinen von Kefr Lāb heimwärts zu klettern begannen. Jenseits des Dorfes stießen wir auf brüchigen Boden, und auf der Spitze des Hügels sah ich große Höhlungen unter den Felsen. Mūsas Genosse machte Halt vor denselben und sprach:

»An solchen Stellen suchen wir nach Schätzen.«

»Und findet ihr sie?« sprach ich.

Er erwiderte: »Ich habe nie einen entdeckt, aber man hört viel erzählen. So verlor einst, wie berichtet wird, ein Hirtenknabe eine Ziege und durchsuchte das Gebirge nach ihr. Endlich fand er sie in einer Höhle, die ganz mit Goldmünzen gefüllt war. Schnell verstopfte er den Eingang und eilte heim, um einen Esel zu holen, den er mit dem Golde beladen konnte. In seiner Hast aber ließ er die Ziege in der Höhle, und als er zurückkam, fand er weder Höhle noch Ziege, noch Gold, soviel er auch suchte.«

»Und ein andermal,« sagte Mūsa, »schlief ein Knabe in den Ruinen von Kefr Lāb und träumte, er hätte einen großen Schatz in der Erde gefunden und danach gewühlt. Als er erwachte, waren seine Hände wirklich mit Goldstaub bedeckt, aber er hatte keine Ahnung mehr von der Stelle, wo er gegraben.«

Keine dieser Erzählungen bot jedoch genügend Anhaltspunkte, um die Ausrüstung einer Schatzgräberexpedition nach dem Djebel Sim'ān zu rechtfertigen.

Als wir Bāsufān erreichten, fragte Mūsa, ob seine Schwester Wardēh (die Rose) sich wohl die Ehre geben dürfte, mir ihre Aufwartung zu machen. »Und bitte,« fügte er hinzu, »versuchen Sie doch, sie zum Heiraten zu überreden!«

Bāsufān, kurdisches Mädchen.

»Zum Heiraten?« fragte ich, »wen soll sie denn heiraten?«

»Irgend jemand,« entgegnete Mūsa gleichmütig. »Sie hat erklärt, daß ihr die Ehe verhaßt ist, und daß sie in ihres Vaters Haus bleiben will. Wir können sie nicht davon abbringen. Und doch ist sie jung und schön.«

Sie sah wirklich sehr hübsch und überdies auch bescheiden aus, als sie so in meiner Zelttür stand in der kleidsamen Tracht der Kurdenfrauen, mit der Kaimakschüssel, dem mir zugedachten Gastgeschenk, in der Hand, und ich muß gestehen, daß ich in dem Glauben, sie könne ihre Angelegenheiten am besten selbst versorgen, die Heiratsfrage nicht sehr dringlich betrieb. Sie brachte mir frisches Brot zum Frühstück für den nächsten Tag und bat mich, vor meiner Abreise auch ihres Vaters Haus zu besuchen. Das tat ich und fand die ganze Familie, Söhne, Schwiegertöchter und Enkel zu meiner Begrüßung versammelt. Obgleich ich erst kurz vorher gefrühstückt hatte, bestand doch der alte Vater darauf, daß mir Brot und Schüsseln mit Rahm vorgesetzt wurden, »damit das Band der Gastfreundschaft uns verbinde«. Schöne, wohlgebildete Leute waren sie alle; ihre angenehmen Gesichter wurden durch das Lächeln verklärt, das auch Mūsas Hauptreiz war. Um ihretwillen soll den Kurden künftighin ein Platz in meinem Herzen bewahrt bleiben.


Dreizehntes Kapitel.

Am 4. April, früh 8 Uhr, verließen wir Bāsufān und ritten auf unglaublich felsigen Pfaden südwärts. Wir ließen Kal'at Sim'ān westlich liegen und umgingen die Ostflanke des Djebel Scheich Barakāt. Mūsa erklärte, mich noch einen Teil des Weges begleiten zu müssen, und kam mit bis Deiret Azzeh, einem großen, aus 300–400 Häusern bestehenden mohammedanischen Dorfe. Hier verließ er uns, und wir stiegen hinab in die fruchtbare Ebene von Sermeda, die von den Hängen des Djebel Halakah eingeschlossen ist. Gegen Mittag erreichten wir das große Dorf Dāna und speisten an dem berühmten, dem dritten Jahrhundert entstammenden Grabe, das de Vogüé beschrieben hat. Es ist meiner Meinung nach das lieblichste unter den geschichtlichen Denkmälern Nordsyriens und könnte in seiner zierlichen Einfachheit würdig dem choragischen Denkmal des Lysicrates in Athen zur Seite gestellt werden. Es hielt uns nichts weiter in Dāna zurück, und als auch unsre Lasttiere angekommen waren, sandte ich sie mit Michaïl und einem heimischen Führer voraus nach den Ruinen von Dehes, wo sie Nadjīb und mich erwarten sollten. Nach einigem Beraten wurden sich Nadjīb und der Eingeborene auch über die Lage des Ortes einig, der mir nur aus den Berichten der Reisenden bekannt war. Erst als wir ihn erreicht hatten, entdeckte ich, daß wir uns in Mehes statt in Dehes befanden. Schließlich machte es keinen großen Unterschied. Hauptsache war, daß wir einen bequemen Lagerplatz dort vorfanden. Von Dāna aus führte mich Nadjīb die alte Römerstraße entlang an einem römischen Triumphbogen, Bāb el Hawa, vorbei, der malerisch am Eingange zu einem felsigen Tale erbaut ist. Wir ritten einige Meilen weit in demselben aufwärts, sahen eine verfallne Kirche und erstiegen dann den Westabhang durch eine Schlucht, die uns auf ein weites Hochplateau, dicht an das verödete Dorf Ksedjba führte.[16] Unser Weg führte uns durch eine Gegend, die mit Blumen und Gruppen verfallner Häuser und Kirchen wie bestreut war, weiter nach dem Dorfe Bābiska. Das Herz hüpfte vor Freude beim Anblick so viel einsamer, unberührter Schönheit. Zwischen diesen Hügeln war es schwierig, zu sagen, wo Bākirha, die Stadt, der mein nächster Besuch galt, liegen mochte; aber in der Nähe von Bābiska fanden wir einige Hirtenzelte, von deren Bewohnern wir den Weg erfragten. Der Hirt, ein phlegmatischer Mann, behauptete, es gäbe keinen Weg nach Bākirha, und der Nachmittag wäre für ein derartiges Unternehmen zu weit vorgeschritten, überdies müßte er einen Korb Eier nach einer andern Richtung tragen und könnte uns nicht helfen. Ich aber war nicht so viele Meilen geritten, um so nahe dem Ziele von meinem Vorhaben abzustehen, und mit etwas Poltern und viel Überredungskunst brachten wir den Mann endlich dazu, uns bis an den Fuß des Berges, der Bākirha trägt, zu führen. Er ging ungefähr eine Stunde weit mit uns und zeigte dann nach dem Gipfel des Djebel Bārischa. Mit den Worten »Das ist Bākirha« verließ er uns eilends und kehrte zu seinem Eierkorb zurück.

[16] Die alten Stätten im Djebel Bārischa sind von der amerikanischen Expedition bereist und beschrieben worden.

Grab zu Dāna.
Bāb el Hawa.

Da wir uns vergeblich nach einem Pfad umsahen, der uns hinaufführen sollte zu den Ruinen, die im leuchtenden Nachmittagssonnenschein oben am Berghang lagen, lenkten wir unsre Tiere endlich mitten in das Geröll und das blühende Dornengestrüpp hinein. Aber selbst die Ausdauer der syrischen Pferde kennt eine Grenze, und die unseren waren fast an derselben angelangt, nachdem sie schon den ganzen langen Tag über Felsgestein geklettert. Überdies stand uns noch ein wer weiß wie langer Ritt bis zu unserm Lager bevor. Und doch mochte ich die verlockend schimmernden Mauern, die so greifbar nahe über mir lagen, nicht aufgeben; ich gebot daher dem widerwilligen Nadjīb, unten mit den Pferden auf mich zu warten, und kletterte allein hinauf. Schon neigte sich der Tag, und ich eilte schnell vorwärts, aber die Erinnerung an diesen hastigen Stieg über die steilen Felsen, die halb in Blumen begraben und von der Sonnenhitze durchglüht waren, wird mir nicht so leicht aus dem Gedächtnis schwinden. Eine halbe Stunde später stand ich am Eingang der Stadt vor einer prächtigen Basilika mit der schönsten abwechslungsreichsten architektonischen Ausschmückung. Jenseits derselben lagen die verfallenen Straßen, alles Lebens bar, am Berghange die Häuser, die mit Skulpturen geschmückten Balkone, die tiefen, überwölbten Torwege, die säulenbestandenen Marktplätze, — alles war vom goldenen Sonnenlicht überflutet. Aber ich strebte noch einem weiteren Ziele zu. Ich stieg einen breiten, gewundenen Weg hinan, bis die Stadt und die blumigen Wiesenhänge hinter mir lagen, und der Pfad an einem tiefen Abgrund endete. Nichts mehr lag zwischen mir und dem Kamme des Bergzuges als eine schroffe Felswand. Das Gebirge war nämlich hier durch steile Schluchten zerrissen, deren Böschungen sonnenbeglänzte, fruchtbare Ebenen einschlossen, der obere Rand dieser Schluchten aber trug auf einem schmalen Felsplateau einen kleinen lieblichen Tempel. Ich ließ mich an dem Tore nieder, durch welches die Andächtigen in den Tempelhof geschritten waren. Unter mir lagen der Nordabfall des Djebel Bārischa, breite, schöne Täler und die schneegekrönten, von warmem Dunst umschleierten Häupter des Giour Dāgh. Stadt, Tempel und Berg, alle lagen sie gleich verödet, nur weit drüben auf felsigem Pfad blies ein Hirtenknabe seiner zerstreuten Herde eine wilde, süße Melodie. Der Ton der Rohrpfeife ist so recht die Stimme der Einsamkeit: getragen von den Wellen der Gebirgsluft, die vom Hauch der Blumen durchduftet, von den Strahlen der sinkenden Sonne durchglüht war, schallte sie schrill, klar und leidenschaftslos herüber zu dem Tore des Tempels. Menschen waren gekommen und gegangen, das Leben war an den Flanken des Berges heraufgeflutet und wieder geebbt, die alten Götter aber waren zurückgeblieben und streckten ihre Zepter über die in friedlicher Einsamkeit und Schönheit liegenden Felsen und den blühenden Dorn.

Tempeltor, Bākirha.

Ein Loblied stieg hier, an der Schwelle des Heiligtums, aus meinem Herzen empor, ehe ich dankerfüllten, freudigen Sinnes den Rückweg antrat.

Nadjīb bewillkommnete mich mit Ausrufen der Erleichterung.

»Bei Gott,« sagte er, »nicht eine einzige Zigarette habe ich geraucht, seit ich Ew. Exzellenz aus den Augen verloren. Die ganze Stunde mußte ich unaufhörlich beten: Gefalle es Gott, daß sie auf keinen Räuber in den Felsen stößt!«

Um das Versäumte nachzuholen, brannte er die Zigarette an, die er trotz seiner Angst während meiner Abwesenheit gerollt hatte, und wenn ich auch nicht zu behaupten wage, daß es wirklich die einzige war, so muß man seinem Gefühl doch Anerkennung zollen. Ich glaubte damals (der nächste Tag belehrte mich freilich eines besseren), daß wir auf dem holperigsten Pfade der Welt in die Ebene von Sermeda hinabritten. Am Fuße des Berges angelangt, wandten wir uns südwärts einem Tale zu, das, ein schmaler Streifen angebauten Bodens, sich zwischen steinigen Höhen dahinwand. Weiterhin verbreiterte es sich, und wir kamen durch ein großes, neues Dorf, in dem uns die willkommne Nachricht zuteil ward, daß unsre Karawane uns bereits voraus war. ¼7 Uhr ritten wir todmüde in Mehes oder Dehes, welches von beiden es auch gewesen ist, ein. Es möchte eine harte Probe für unsre Tiere gewesen sein, hätten sie noch eine Meile weiter aushalten sollen. Mehes war ein prächtiger Lagerplatz. Es kam nicht oft vor, daß wir unsre Zelte so weit von jeder menschlichen Wohnung entfernt aufschlagen konnten. Die Maultiertreiber trauerten dem sauren Quark und anderm Luxus der Kultur nach, und auch ich vermißte den Quark, aber der Reiz eines einsamen Lagers vermochte mich über vieles zu trösten. Die Nacht war still und klar; wir verbrachten sie in dem verfallnen Schiff einer Kirche und schliefen nach unserm langen Ritt den Schlaf der Gerechten.

Noch eine Ruine gedachte ich zu besuchen, ehe ich das Gebirge verließ, und zwar die Kirche von Kalb Lōzeh, die der Beschreibung nach das schönste Gebäude von ganz Nordsyrien sein mußte und in Wirklichkeit auch war. Die Lasttiere schickte ich unten herum durch die Täler und gab Fāris strenge, leider nutzlose Anweisung, unterwegs nicht zu säumen. Ich selbst machte mich mit Michaïl und Nadjīb auf, zwei Gebirgszüge, den Djebel Bārischa und den Djebel el 'Ala zu überschreiten. Es ist am besten, Felsen zu Fuße zu überklettern, wer aber die ganze gymnastische Leistungsfähigkeit eines Pferdes kennen lernen will, der muß über den Djebel el 'Ala nach Kalb Lōzeh reiten. Ich glaubte über diesen Punkt ganz genau Bescheid zu wissen, muß aber gestehen, daß dieser Streifzug meine Kenntnis um ein ganz Erhebliches erweitert hat. Nachdem wir einen unerträglich steinigen Berg westlich von Mehes gerade hinaufgeklommen waren, erreichten wir den Kamm des Djebel Bārischa.

Der Boden war hier vielfach mit Felsblöcken bedeckt, aber zwischen denselben erblickten wir kleine Olivenhaine, Weingärten und winzige Kornfelder verstreut. Jeder Vorsprung, jede Vertiefung war ein Garten voll wilder Blumen: große blaue Iris entfalteten ihre schlanken Knospen im süßduftenden Lorbeerdickicht, und die Luft war mit dem Wohlgeruch des purpurfarbenen Seidelbast erfüllt. Und in diesem Paradies wohnte ein sauertöpfischer Bauer, der unliebenswürdigste und schweigsamste Mensch, den man sich denken kann. Nach viel erfolglosem Verhandeln (er verlangte ungeheuerliche Preise für alle Dienste, und da wir in seiner Hand waren, mußten wir auch schließlich nachgeben) willigte er ein, uns nach Kalb Lōzeh zu bringen, und führte uns auf einem steilen, in den Felsen gehauenen Pfad den Djebel Bārischa hinab. Er fiel so gerade ab und war so schmal, daß wir uns nur mit größter Mühe an einigen Frauen vorbeidrücken konnten, die mit Bündeln von Reisig — Reisig! es war blühender Lorbeer und Seidelbast — vom unteren Abhang heraufgestiegen waren. Am Fuße dieses halsbrecherischen Abstiegs lag ein tiefes Tal, an dessen einem Ende ein See erglänzte, und vor uns erhob sich der Djebel el 'Ala, meinem Ermessen nach nicht mehr als eine Steinmauer, die kein Roß zu erklimmen vermochte. Unser einsilbiger Führer — glücklicherweise habe ich seinen Namen vergessen — gab uns zu verstehen, daß unser Weg dahinauf lag, und da Nadjīb beizustimmen schien, folgte ich sinkenden Mutes. Es war unbeschreiblich. Wir sprangen und stolperten über die Steinblöcke, und unsre Tiere sprangen und stolperten hinter uns drein; sie taumelten am Rande kleiner Abgründe dahin, in denen ihnen beim Hinabstürzen jeder Knochen zerschmettert worden wäre. Aber die Vorsehung wachte über uns, und unversehrt gelangten wir hinauf, wo sich unseren Blicken eine ebenso liebliche Landschaft zeigte, wie sie drüben auf dem Djebel Bārischa hinter uns lag. Am Rande eines Olivenhaines machte unser Führer kehrt, und wir erreichten nach wenig Augenblicken Kalb Lōzeh.

Kalb Lōzeh.

Ob die große Kirche je von einer umfangreicheren Niederlassung umgeben gewesen ist, weiß ich nicht; jetzt finden sich nur noch wenige Häuserruinen vor, die Kirche steht fast ganz isoliert. Kaum ein anderes Denkmal syrischer Kunst kommt ihr gleich. Schon beim ersten Blick wird das Auge des Beschauers gefesselt von dem turmtragenden Narthex, den weiten Ausbuchtungen des Schiffes, der mit Säulen geschmückten Apsis, der unvergleichlichen Schönheit des architektonischen Bildwerkes und den tadellosen Größenverhältnissen; schaust du aber näher hin, so wirst du innewerden, daß du hier nicht nur die höchste, letzte Vervollkommnung der syrischen Kunst, wie sie allein durch Jahrhunderte währendes Streben erreicht werden konnte, vor dir hast, sondern daß dieses Bauwerk den Anfang eines neuen Kapitels in der Architektur der ganzen Welt bezeichnet. Der romanische Stil in seiner edlen Einfachheit ist ein Kind Nordsyriens. Es ist ein dankbares Feld für die Phantasie, zu überdenken, wie sich das Genie dieser Architekten weiter entfaltet haben würde, wäre es nicht durch die arabische Besitzergreifung gehemmt worden. Sicher ist, daß sie eine große Künstlerschule gebildet hätten, die sich vielleicht stark an die klassischen Muster und sicher mehr noch an den Orient anlehnte, die aber allerorten unverkennbar ihre ebenso kühne wie edle und schöpferisch tätige Eigenart bekundete. Ein kleiner Trost liegt in dem Gedanken, daß die Schöpferkraft, die sich in Kalb Lōzeh offenbart, nie Zeit gehabt hat, in Verfall zu geraten.

Apsis, Kalb Lōzeh.

Wie ich früher gehört oder gelesen, befanden sich in den Bergen bei Kalb Lōzeh einige drusische Niederlassungen, die von Auswanderern aus dem Libanon bewohnt wurden, da ich aber noch keine gesehen, hatte ich ihr Dasein fast ganz vergessen. Nun standen in der Nähe der Kirche ungefähr ein halbes Dutzend Hütten, deren Bewohner herauskamen und mir beim Photographieren zusahen. Und siehe da, es traf mich ein wohlbekannter Blick aus kohlschwarzen Augen, es fielen mir gewisse Eigentümlichkeiten im Benehmen auf, die zwar schwer zu beschreiben sind, die aber in ihrer Gesamtheit bei mir den Eindruck freundschaftlicher Vertrautheit, mit Wohlwollen gepaart, hervorriefen. Als sich die Frauen der kleinen Gruppe zugesellten, hafteten meine Augen auf den silbernen Ketten und Schnallen, die sie trugen, und die ich, wie ich mich dunkel erinnerte, schon früher gesehen hatte. Beim Abschied trat ein ältlicher Mann vor und erbot sich, uns eine Stunde weit zu begleiten, da der Weg nach Hārim schwer zu finden sei, wie er sagte. Noch waren wir keine hundert Schritte zusammen gegangen, als mir die Bedeutung meines unbewußten Wiedererkennens klar wurde.

»Mascha'llah!« sagte ich, »ihr seid Drusen.«

Ängstlich blickte sich der Mann nach Nadjīb und Michaïl um, die uns auf dem Fuße folgten, dann nickte er mit dem Kopfe und schritt ohne zu sprechen vorwärts.

»Du brauchst dich nicht zu fürchten,« tröstete ich, »der Soldat und mein Diener sind verschwiegene Männer.«

Da nahm er sich ein Herz und sprach:

»Etliche von uns wohnen hier in den Bergen, aber wir fürchten die Mohammedaner und verheimlichen vor ihnen, daß wir Drusen sind, damit sie uns nicht verjagen. Es sind nicht über 200 drusische Häuser, alles in allem.«

»Ich hatte mich schon auf euch gefreut,« entgegnete ich, »denn ich kenne die Scheichs im Haurān; sie haben mir viel Freundlichkeit erwiesen. Deshalb will ich alle Drusen begrüßen, wo ich sie auch finde.«

»Allah,« sagte er, »kennst du den Turschan?«

»Bei Gott!« erwiderte ich.

»Schibly und seinen Bruder Jahya?«

»Jahya kenne ich, aber Schibly ist tot.«

»Tot!« rief er aus, »Allgütiger — Schibly tot?«

Und so entlockte er mir alle Neuigkeiten aus dem Gebirge und lauschte mit atemloser Aufmerksamkeit den mancherlei Geschichten, für die ich, so weit von Salchad entfernt, kein williges Ohr zu finden erwartet. Plötzlich stockte sein Fragen, er verließ den Weg und trat auf einen Weingarten zu, in dem ein junger Mann die Stöcke verschnitt.

»Oh mein Sohn!« rief er, »Schibly el Atrasch ist tot! Borge mir deine Schuhe, daß ich mit der Dame nach Hārim gehen kann, die meinen sind zerrissen!«

Der junge Mann näherte sich und zog währenddes seine roten Lederpantoffeln von den Füßen.

»Wir sind Gottes!« sagte er. »Ich habe Schibly zuletzt vor einem Jahr gesehen.« Und die Kunde mußte ihm in ihren Einzelheiten wiederholt werden.

Während wir über die steinigen Berggipfel dahinzogen, und unsre Füße das Seidelbastgestrüpp streiften, das in üppiger Fülle die Hänge überwucherte, plauderten wir, als wären wir alte, lange getrennt gewesene Freunde. Als wir den Rand des Djebel el 'Ala erreichten, sahen wir Hārim unter uns liegen, und ich bestand darauf, daß mein Begleiter sich die Mühe weiteren Mitgehens erspare. Mit großem Widerstreben nur gab er nach und goß fünf Minuten lang all seine Segenswünsche über mich aus, ehe er Abschied nahm. Schließlich kehrte er nochmals um, um sich zu versichern, ob wir ihn auch bezüglich des Weges richtig verstanden hätten.