Die Kirche ist mit ihrem prächtigen Narthex (schmale, viereckige Vorhalle der Basilika), den mit Bildhauerarbeit verzierten Türen, dem überhöhten Bogen und breitgespannten Bogengängen ihres Schiffes die schönste im Djebel Zawijjeh. Wie gerechtfertigt das Vertrauen war, welches der kühne Erbauer in seine Herrschaft über das verfügbare Material setzte, als er jene großen Bogen von Säule zu Säule spannte, beweist die Tatsache, daß eine davon bis auf den heutigen Tag steht. Das kleine Grabmal des Bizzos ist fast so gut erhalten, als wäre es neu. Die neben der Tür eingehauene Inschrift lautet: »Bizzos, Sohn des Pardos. Ich lebte gut, ich sterbe gut, ich ruhe gut. Bitt' für mich.« Die leisen Anklänge an klassische Motive, wie sie sich in manchen fast mit gotischer Freiheit ausgeführten Bildwerken wiederfinden, sind, ebenso wie das klassische Gebälk an Kirchenfenstern und Architraven, der seltsamste Zug in der gesamten Architektur Nordsyriens. Die Uranfänge syrischer Dekoration bestanden in einer Reihe von Kreisen oder Kränzen, die entweder mit Windungen oder dem christlichen Monogramm ausgefüllt waren. Als dann die Bildhauer geschickter wurden, verschlangen sie die Kreise zu den mannigfachsten schönen und phantastischen Formen, zu Akanthus, Palme und Lorbeer, und ihre Phantasie umgab damit Kirche und Grab in den denkbar verschiedensten Gewinden. Das Gras unter ihren Füßen, die Blätter der Zweige über ihren Häuptern gaben ihnen eine Fülle von Entwürfen ein, wie sie ähnlich zwölf Jahrhunderte später William Morris begeisterten.
Eine andre Kirche in Ruweihā ist kaum weniger gut erhalten als die des Bizzos, wenn auch weniger schön im Plan. Sie ist besonders merkwürdig wegen eines dicht an der Südmauer befindlichen Bauwerkes, welches als ein Glockenturm, ein Grab, eine Kanzel oder überhaupt nicht gedeutet worden ist. Es erhebt sich in zwei Stockwerken, von denen das untere, aus sechs Säulen bestehende eine Plattform trägt, auf deren niedriger Mauer vier Eckpfeiler ruhen, die Kuppel oder Baldachin tragen. Die Ähnlichkeit mit norditalienischen Gräbern, z. B. mit dem Monument Rolandino in Bologna, tritt so stark hervor, daß der Beschauer dem anmutenden Bauwerk in Ruweihā unwillkürlich dieselbe Bestimmung zuschreibt.
Diese Nacht blieben wir in Dana. Dieses Dorf rühmt sich eines Pyramidengrabes mit einem Portal aus vier korinthischen Säulen, das so wohlproportioniert und schön ausgeführt ist, wie man sich nur etwas zu sehen wünschen kann. Auf unserm Weg von Ruweihā hinweg kamen wir an einer Wohnstätte vorbei, die mir wie ein Typus der Hausarchitektur des 6. Jahrhunderts erschien. Sie stand, von jedwedem Ort durch ein oder zwei Meilen welliges Terrain getrennt, ganz isoliert da, die offnen Veranden nach Westen gerichtet, das reizende gegiebelte Portal — es hätte jedem englischen Landhaus von heutzutage zur Zierde gereicht — nach Norden zu. Im Geiste sah ich den Eigentümer aus dem 6. Jahrhundert auf der Steinbank darin sitzen und nach einem Freunde Ausschau halten. Er brauchte sicher keine Feinde zu fürchten, warum hätte er auch sonst seine Wohnstätte so weit draußen errichtet und nur durch einen Gartenzaun geschützt? In Kasr el Banāt, der Jungfernfestung, wie die Syrer sie bezeichnen, kam mir der hohe soziale Standpunkt, den man im Djebel Zawijjeh erreicht hat, mehr als an irgend einem anderen Orte zum Bewußtsein, weil Sicherheit und Wohlstand hier ganz offenkundig zutage traten, wie auch Muße genug, um der Kunst zu leben. Im Weiterreiten fragte ich mich, ob die Zivilisation wirklich nach unsern europäischen Begriffen eine Macht ist, die unaufhaltsam vorwärts drängt, und in ihr Wappen diejenigen aufnimmt, die aus ihrem Lauf Nutzen zu ziehen vermögen. Sollte sie nicht vielmehr, gleich einer Flut, gehen und kommen, und bei diesem rastlosen Vorwärts und Zurück, zur Zeit der Flut immer wieder denselben Ort am Gestade berühren?
Ganz spät abends kam einer von Scheich Jūnis' Söhnen geritten, um sich zu erkundigen, ob sein Vater noch bei uns wäre. Dieser unternehmungslustige alte Herr war also, nachdem er von uns gegangen, nicht in den Schoß seiner sich sorgenden Familie zurückgekehrt, und ich argwöhne, daß sein freundschaftlicher Eifer, uns auf dem richtigen Weg zu sehen, mit einem feinausgeklügelten Projekt in Verbindung stand, durch welches er persönlich in jene lokalen Störungen einzugreifen hoffte, die ihn am Morgen so beschäftigt hatten. Jedenfalls hatte er sich davon gemacht, sobald wir außer Sicht gewesen, und die Vermutung lag nahe, daß er zum Kampfplatz geeilt war. Ich habe nie erfahren, was ihm zugestoßen, aber wetten will ich, daß es jedenfalls nicht Scheich Jūnis gewesen ist, der auf das Dorf El Mugharāh zugeritten ist.
Drei recht mühselige Tage trennten uns noch von Aleppo. Wir hätten die Reise ja in zweien zurücklegen können, aber um die mir gut bekannte Fahrstraße zu vermeiden, hatte ich vorgeschlagen, einen Umweg nach Osten zu machen, denn war die Gegend auch nicht interessanter, so mir doch weniger vertraut. Nach fünfstündigem Ritt über offenes Hügelland gelangten wir nach Tarutīn. Wir kamen an verschiedenen alten Stätten vorüber, in denen sich die fast seßhaft gewordenen Araber der Muwālistämme angesiedelt haben; die ursprünglichen Gebäude fand ich freilich fast gänzlich in Trümmern. Am ganzen westlichen Saum der Wüste beginnt der Beduine den Boden urbar zu machen und muß daher in der Nähe seiner Kulturen feste Wohnungen errichten. »Wir sind Bauern geworden,« sagte der Scheich von Tarutīn. Wenn in kommenden Zeiten die ganze Erde unter Pflug und Ernte stehen wird, wird das Nomadenleben in Arabien aufgehört haben. In der Zwischenzeit wohnen diese neuerstandenen Bauern in ihren Zelten weiter, die indessen stehen bleiben und mit ihrem sich darin aufhäufenden Schmutz eine für alle Sinne fatale Niederlassung abgeben. Die wenigen Familien Tarutīns hatten die Sitten der Wüste noch beibehalten; wir fanden in ihnen angenehme Leute, trotzdem die obigen Bemerkungen auch auf ihre Haarzelte Anwendung finden müssen.
Ich hatte noch keine Stunde in meinem Lager zugebracht, als sich eine große Aufregung unter meinen Männern bemerkbar machte, und Michaïl rief: »Die Amerikaner! Die Amerikaner!« Aber uns drohte keine Räuberhorde, es war nur die archäologische Expedition Princeton, die von Damaskus aus, auf einem anderen Wege als wir, dem Djebel Zawijjeh zuwanderte, und als eine erfreuliche Begegnung pries man es im ganzen Lager, denn fand nicht jeder von uns Bekannte unter den Herren oder den Maultiertreibern und nahm sich Muße zum Plaudern, wie man zu plaudern pflegt, wenn man auf öder Straße einander trifft? Überdies verschaffte mir der in Tarutīn verbrachte Tag wundervoll anschauliche archäologische Belehrung, denn da die Teilnehmer der Expedition Grundrisse von den Ruinen entwarfen und die Inschriften entzifferten, stieg das ganze 5. Jahrhundert aus seiner Asche vor unsern Augen empor — Kirchen, Häuser, Forts, Felsengräber, über deren Tür Name und Todestag ihrer Inhaber eingemeißelt waren. Am nächsten Tag erwartete uns ein zehnstündiger Marsch. Auf unserm Weg nordwärts passierten wir das kleine Erdhüttendorf Helbān und ein zweites, Mughāra Merzeh, wo wir die Ruinen einer Kirche und sehr primitive Felsengräber fanden. (Keine dieser Örtlichkeiten findet sich auf Kieperts Karte.)
In Tulūl, das wir erreichten, nachdem wir uns östlich gewendet hatten, stießen wir auf eine ungeheure überschwemmte Fläche, die sich von dem Matkh, aus welchem der Fluß Kuwēk entspringt, wenigstens zwölf englische Meilen nach Süden zu erstreckt. In Tulūl weinten mehrere Araberfrauen an einem frischen Grabe. Drei Tage lang bejammern sie den Toten am Grabesrande; nur in Mekka und Medina gibt es, wie Mahmūd sagte, keine Trauer um den Verschiedenen. Dort stoßen die Frauen, sobald der letzte Atemzug getan ist, dreimal einen Schrei aus, um anzukünden, daß die Seele den Körper verlassen hat; aber damit hört auch alles Wehklagen auf, denn keine Träne darf auf das Haupt des Toten fallen. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen.
Am Rande einer Erhebung hin südlich reitend, gelangten wir an den kleinen Berg Selma, schlugen dann wieder die östliche Richtung ein und kamen am Rande der Überschwemmung hin nach dem großen Dorfe Moyemāt, das zur einen Hälfte aus Zelten, zur anderen aus Bienenkorbhütten bestand. Das einzige Baumaterial dort ist Erde; wir sahen überhaupt keine Steine mehr dort von dem Augenblick an, wo wir den felsigen Boden, auf dem Tarutīn steht, verließen, ja keine Steine und auch keinen Baum, nichts als ein endloses, ununterbrochenes Getreidefeld, auf dem die ersten, scharlachroten Tulpen zwischen dem ersten jungen Weizen blühten. Die Pferdefüße hatten zwar weichen Boden unter sich, aber es war schweres Marschieren. Wieviel leichter würde sich das Reisen in Syrien gestalten, wenn die Hügel mit etwas mehr Erde bedeckt, und dafür mehr Steine auf der Ebene wären! Aber Er, dem keiner gleicht, hat es anders gewollt. Von Moyemāt ritten wir nordöstlich bis zu dem Dorfe Hober, welches am Fuße eines Ausläufers vom Djebel El Hāß liegt, und hier wollten wir lagern; da indes weder Hafer noch Gerste oder auch nur eine Handvoll Häcksel zu bekommen war, ging es bis nach dem auf der Karte angegebenen Kefr 'Abīd weiter, wo wir um 6 Uhr die Zelte aufschlugen. Die Kiepert unbekannten Dörfer sind wahrscheinlich neueren Datums, in der Tat sind viele aus der großen Zahl — bei Hober zählte ich fünf in einem Umkreis von etwa zwei Meilen — beinahe noch Zeltlager. Die sie bewohnenden Araber halten als Nomadengewohnheit an der Fehde fest; jedes Dorf hat seine Verbündeten und seine Todfeinde, und die politische Zugehörigkeit ist ebenso schwach wie in der Wüste. Mein Tagebuch enthält als Endaufzeichnung des Tages: »Immergrün, weiße Iris, wie wir sie in El Bārah blau fanden, rote und gelbe Ranunkeln, Störche, Lerchen.« Das war alles, was uns für die Monotonie des langen Rittes entschädigte.
Etwa eine halbe Stunde nördlich von Kefr 'Abīd befindet sich ein kleines Bienenkorbdorf mit einem sehr wohlerhaltenen Mosaik in geometrischen Figuren. Im Dorfe verstreut befinden sich auch noch andre Mosaiken, einige in Häusern, andre in Höfen. Der ganze Distrikt möchte genau durchforscht werden, während die neuen Ansiedler den Boden aufgraben und ehe sie vernichten, was sie vielleicht finden. Wir erreichten Aleppo um die Mittagsstunde, und zwar ritten wir durch einen offnen Kanal ein. Der erste Eindruck der Stadt enttäuschte, ob nun der üble Geruch oder der bleierne Himmel und der staubbeladene Wind daran schuld waren, mag dahingestellt bleiben. Der Name in seiner schönen vereuropäerten Form wäre einer anziehenderen Stadt würdig; anziehend ist Aleppo sicherlich nicht inmitten jener unfruchtbaren, baumlosen und öden Gegend, dem Ausgang der großen Mesopotamischen Niederungen. Die Lage der Stadt ist einer Unter- und Obertasse zu vergleichen; während die Häuser in der Untertasse stehen, erhebt sich das Schloß auf der umgekehrten Obertasse. Sein Minaret ist auf mehrere Stunden hin sichtbar, wogegen die Stadt erst innerhalb der letzten Wegmeile zum Vorschein kommt.
Nur zwei Tage hielt ich mich dort auf, und während der Zeit regnete es fast unaufhörlich, weshalb ich Aleppo nicht kenne. Die Stadt des Orients öffnet dir nicht ihre vertrauten Kreise, es sei denn, du verbringst Monate in ihren Mauern, und selbst dann noch nicht einmal, wenn du dir nicht Mühe gibst, den Leuten zu gefallen. Trotzdem verließ ich Aleppo nicht, ohne bemerkt zu haben, daß es Sehenswertes dort gibt. Es war früher eine prächtige Araberstadt; in den engen Straßen stößt man auf Minarets und Torwege aus der schönsten Epoche der arabischen Architektur. In demselben Stil erbaut sind auch einige der Moscheen, Bäder und Karawansereien, besonders die halb verfallenen und geschlossenen. In ganz Syrien aber gibt es kein besseres Muster arabischer Kunst aus dem 12. Jahrhundert, als die Burg mit ihren eisernen Türen aus derselben Periode (sie tragen das Datum) und den schönen Dekorationsfragmenten. Gewiß weist die Stadt auch jetzt noch Lebenskraft auf, die diesen Zeichen vergangener Größe entspricht, aber leider sind schlimme Tage ihr Los. Sie ist der Eifersucht europäischer Konzessionsjäger verfallen und leidet mehr als irgend eine andere syrische Stadt unter dem würgenden Griff der Ottomanenherrschaft. Sie droht an dem Mangel eines Ausfuhrweges nach dem Meere hin zugrunde zu gehen, und weder die französische noch die deutsche Eisenbahn wird ihr zu Hilfe kommen. Bis jetzt sind beide Gesellschaften nur geschäftig gewesen, einander entgegenzuarbeiten. Die ursprüngliche Konzession der Rayak-Hamah Bahn erstreckte sich bis nach Aleppo und im Norden nach Biridjik — ich habe gehört, daß die Fahrkarten nach Biridjik gedruckt wurden, als man die ersten Geleise in Rayak legte. Da kam Deutschland mit seinem großen Plan einer Bahn nach Bagdad. Nachdem es die Konzession zu einer Nebenlinie von Killiz nach Aleppo erlangt, tat es sein Möglichstes, um die Franzosen zu hindern, über Hamah hinauszugehen, indem es vorgab, die französische Bahn würde die Konzession der deutschen Bahn beeinträchtigen. (Meine Information entstammt nicht etwa der Kaiserlichen Kanzlei, sondern einer heimischen Quelle in Aleppo selbst.) Seit meiner Abreise haben die Franzosen die unterbrochene Tätigkeit an der Rayak-Hamah Bahn wieder aufgenommen, sie soll jedoch, glaube ich, nicht nach Biridjik, sondern nur bis Aleppo weitergeführt werden.[10] Die Stadt wird keinen Nutzen davon haben. Aleppos Kaufleute wollen ihre Waren nicht eine dreitägige Reise nach Beirut machen lassen; sie wünschen einen eignen, zur Hand gelegenen Seehafen, damit ihnen der Profit ihres Handels auch zugute kommt — und dieser Hafen müßte Alexandretta sein. Aber auch aus dem Weiterführen der Bagdadbahn erwächst keinerlei Aussicht auf Vorteil. Vermittels einer bereits bestehenden Nebenlinie, die von englischen und französischen Geldmännern erbaut, aber neuerdings unter deutsche Verwaltung gekommen ist, wird die Bahn bei Mersina das Meer berühren, aber Mersina ist ebenso weit von Aleppo wie Beirut. Höchstwahrscheinlich aber ist es, daß man eine Linie direkt von Aleppo nach Alexandretta legt, da der Sultan über alles eine Verbindung zwischen den Karawanenstraßen des Binnenlandes mit der Küste fürchtet, wodurch ausländischen Truppen, besonders englischen, eine gefährliche Handhabe geboten würde, aus ihren Kriegsschiffen zu landen und landeinwärts zu marschieren. Aleppo sollte eigentlich immer noch, wie in vergangenen Zeiten, den Stapelplatz für die Landesprodukte abgeben, aber der Handelsverkehr ist gelähmt, da die Regierung so erschreckend häufig über die Lastkamele verfügt. Als im vergangenen Jahre der Krieg in Jemen bevorstand, und Mannschaften sowohl als militärische Requisiten an die Küste befördert werden mußten, um nach dem Roten Meere geschifft zu werden, war diese Kalamität äußerst fühlbar. Einen vollen Monat lang stockte der Handel; die für die Küste bestimmten Waren blieben in den Bazaren aufgehäuft. Nur kurze Zeit noch, und die Zufuhr hätte überhaupt aufgehört, da die Kamelbesitzer des Ostens nicht wagten, ihre Tiere in den Bereich der Gefahr zu bringen. In Aleppo wie in allen türkischen Städten fürchtete man den Staatsbankrott, hatte doch die Regierung keinen Fonds zu den dringendsten Arbeiten, die Schatzkammern waren vollständig erschöpft.
[10] Die Linie ist jetzt bis Aleppo fertiggestellt.
Mein Aufenthalt war zwar von kurzer Dauer, aber nicht ohne neue Bekanntschaften; die wichtigste war der Vāli. Kiāzim Pascha ist ganz andrer Art als der Vāli von Damaskus. In demselben Maße wie der letztere sich, seiner Begabung entsprechend, als wirklicher Staatsmann zeigt, ist Kiāzim ein bloßer Farceur. Er empfing mich in seinem Harem, wofür ich ihm dankbar war, denn ich sah seine Frau, eine der schönsten Frauen, die man sehen kann. Sie ist schlank und doch voll, der dunkle Kopf sitzt auf prächtigen Schultern, die Nase ist klein und gerade, das Kinn spitz, und ihre Brauen wölben sich über Augen, die wie dunkle Gewässer schimmern. Konnte ich doch den Blick nicht von ihrem Gesicht wenden, während sie bei uns saß. Sie und ihr Gatte sind Zirkassier, weshalb ich auf meiner Hut war, ehe der Vāli den Mund öffnete. Sie sprachen beide Französisch, er sogar sehr gut. Nachdem er mich in seiner ungenierten Weise willkommen geheißen, bemerkte er:
»Ich bin der junge Pascha, der Frieden zwischen den Kirchen gestiftet hat.« Nun war mir bekannt, daß er zu einer Zeit Muteserrif zu Jerusalem gewesen, als die Eifersüchteleien zwischen den christlichen Parteien zu außergewöhnlich heftigem Blutvergießen geführt hatten, und daß es zu einer Art von erzwungenem Vertrag gekommen war — ob infolge seines Scharfsinnes oder der Dringlichkeit des Falles, wußte ich jedoch nicht.
»Für wie alt halten Sie mich?« fragte der Pascha.
Mein Taktgefühl gab mir ein, ihn auf 35 zu schätzen.
»36!« erklärte er triumphierend. »Aber die Konsuln hörten auf mich! Mon Dieu! ein bessrer Posten als dieser hier, wenn ich auch nun Vāli bin. Hier kann man keine Konferenz mit Konsuln abhalten, und einem Manne wie mir ist der Umgang mit gebildeten Europäern Bedürfnis.«
(Ein weiterer Grund zu Mißtrauen: ein orientalischer Beamter, welcher erklärt, den Verkehr mit Europäern vorzuziehen!)
»Ich bin sehr engländerfreundlich,« fuhr er fort, worauf ich die Dankbarkeit meines Landes in geeigneten Ausdrücken übermittelte.
»Aber was suchen Sie in Jemen?« fügte er schnell hinzu.
»Exzellenz,« sagte ich, »wir Engländer sind eine Schiffahrt treibende Nation, und ganz Arabien hat nur zwei Orte, die uns berüh—«
»Ich weiß,« fuhr er dazwischen, »Mekka und Medina.«
»Nein,« sagte ich, »Aden und Kweit.«
»Und Sie behaupten sie beide,« gab er scharf zurück — ja ich muß gestehen, sein Ton war nicht der eines Engländer-Schwärmers.
Alsdann begann er mir zu erklären, daß er als einziger unter den Paschas die Bedürfnisse der Jetztzeit erfaßt habe. Er gedenke eine schöne Chaussee nach Alexandretta zu legen (viel Zweck wird sie ja nicht haben — dachte ich bei mir — wenn keine Kamele vorhanden sind, um sie zu begehen), ganz wie die Straße, die er von Samaria nach Jerusalem geführt hätte. Solch eine Straße solle man in der Türkei suchen — ob ich sie kenne? Ich war kürzlich darauf gereist und ergriff die Gelegenheit, den Schöpfer derselben zu beglückwünschen, hielt es aber nicht für nötig zu erwähnen, daß sie am Fuße der einzigen nennenswerten Steigung abbricht und erst wieder da einsetzt, wo man die Höhe des Plateaus von Judäa erreicht hat.
Des weiteren brauche ich mich über Kiāzim Paschas Eigentümlichkeiten nicht zu ergehen.
Eine weit anziehendere Bekanntschaft war der griechisch-katholische Erzbischof, ein Damaszener, der in Paris erzogen und dort eine Zeitlang auch Seelsorger der griechisch-katholischen Gemeinde gewesen war. Trotzdem ist er noch verhältnismäßig jung. Ich war mit einem Empfehlungsbrief versehen, nach dessen Empfang er mich höchst leutselig in sein Privathaus einlud. Da saßen wir in dem mit Büchern angefüllten Raum, dessen Fenster die Aussicht auf den stillen Hof seines Palastes boten, und unterhielten uns von den Bahnen, in welche der Geist Europas eingelenkt hatte. Ich bemerkte mit Genugtuung, daß der Erzbischof, trotz seiner Gelehrsamkeit und seines Aufenthaltes im Westen, im Herzen Orientale geblieben war.
»Ich freute mich, als mir der Befehl wurde, aus Paris in mein eignes Land zurückzukehren,« sagte er. »Es gibt viel Gelehrsamkeit und wenig Glauben in Frankreich; in Syrien findet man zwar viel Unwissenheit, aber die Religion ruht auf einer festen Grundlage des Glaubens.«
Die Schlußfolgerung, die aus dieser Darlegung gezogen werden kann, ist zwar nicht schmeichelhaft für die Kirche, aber ich enthielt mich eines Kommentars.
Am Nachmittag erschien er zum Gegenbesuch — muß doch vom Vāli abwärts jedermann dieser gesellschaftlichen Verpflichtung nachkommen. Er hatte das goldene Kreuz angelegt und trug den erzbischöflichen Stab in der Hand. Von seinem hohen, randlosen Hut fiel ein schwarzer Schleier über seinen Rücken nieder, und seine schwarzen Gewänder waren mit Purpur gesäumt. Hinter ihm her schritt ein willfähriger Kaplan. Er traf bereits einen Besucher in meinem Hotelzimmer an, Nicola Homsi, einen reichen Bankier aus seiner eignen Gemeinde. Er gehört einer einflußreichen Christenfamilie in Aleppo an, und sein Bankgeschäft hat Filialen in Marseille und London. Beide, er und der Erzbischof, vertraten sozusagen die unternehmendsten und gebildetsten Klassen Syriens. Sie sind es, die durch die Türken zu leiden haben — der Geistliche durch die blinde, kleinliche Opposition der Behörden, die den Christen überall entgegentritt, der Bankier, weil seine Interessen überall gebieterisch nach Fortschritt rufen, und Fortschritt ist es, was der Türke nie begreifen will. Als ich die Herren daher nach ihren Ansichten über die Zukunft des Landes befragte, sahen sie einander an, und der Erzbischof gab zur Antwort:
»Ich weiß nicht ..... ich habe die Frage gründlich erwogen, aber wie ich sie auch beleuchte, eine Zukunft für Syrien erblicke ich nicht.«
Das ist die einzige glaubwürdige Antwort, die mir über irgend einen Punkt der türkischen Frage geworden ist.
Die Luft von Aleppo eignet sich nach des Sultans Dafürhalten ganz ausgezeichnet für Paschas, die bei ihm in Konstantinopel in Ungnade gefallen sind. Die Stadt birgt eine solche Menge Verbannter, daß selbst der gelegentliche Besucher mit einigen Bekanntschaft schließen muß. So wohnte auch in meinem Hotel ein Dyspeptiker von demütigem Auftreten, dem wahrscheinlich niemand revolutionäre Gelüste zugetraut hätte. Vermutlich hatte er auch keine und verdankte seine Verbannung nur einer gelegentlichen Bemerkung, die von einem Feinde oder Spion hinterbracht und verschärft worden war. Ich habe viele dieser Verbannten über Kleinasien verstreut angetroffen, und keiner hat mir sagen können, wofür ihn eigentlich sein Geschick betroffen. Gewiß hat mancher seine Vermutungen gehabt, und manchem ist sein Vergehen genau bekannt gewesen, aber die meisten waren wohl so unschuldig, wie sie zu sein vorgaben. Das wirft ein schärferes Licht auf die Frage vom türkischen Patriotismus, als anfänglich erscheinen mag, denn es ist Tatsache, daß diese ausgewiesenen Paschas selten Patrioten sind, die für ihre Hingabe an ein hohes Ideal büßen, sondern meist Männer, welche sich durch eine unselige Schicksalsfügung der bestehenden Ordnung entfremden ließen. Wofern ihnen die geringste Hoffnung winkt, daß ihnen die Gunst wieder lächelt, zeigen sie selbst in der Verbannung eine nervöse Furcht, irgend etwas zu tun, was bei den Behörden Verdacht erwecken könnte; erst wenn sie eingesehen haben, daß zu Lebzeiten des regierenden Sultans keine Hoffnung für sie existiert, geben sie sich dem Verkehr mit Europäern ohne Zwang hin, sprechen auch offen von ihren Trübsalen. Es gibt, soviel ich sehen kann, keine organisierte Körperschaft für freisinnige Ansichten, alles beruht auf individuellem Mißvergnügen, das durch persönliches Mißgeschick hervorgerufen wird. Schwerlich werden die Ausgewiesenen, wenn sie bei dem Tode des Sultans nach Konstantinopel zurückkehren, irgend welcher Reform das Wort reden oder den Wunsch äußern, ein System zu ändern, durch welches sie, infolge der natürlichen Umwälzung der Dinge, wieder zu Einfluß gelangen können.
Es gibt dann noch eine andre, ehrbare Verbannung in der Türkei: die Versetzung an einen entfernten Posten. Zu dieser Klasse gehört mein Freund Mohammed 'Ali Pascha von Aleppo und wohl auch Nāzim Pascha selbst. Der erstere, ein angenehmer Mann von etwa 30 Jahren, ist mit einer Engländerin verheiratet. Er geleitete mich in das Haus des Vāli, erwirkte mir die Erlaubnis, die Zitadelle zu sehen, und machte sich auf manch andre Weise nützlich. Seine Gemahlin war eine nette, aus Brixton stammende kleine Dame, er hatte sie in Konstantinopel kennen gelernt und dort geheiratet; soviel ich weiß, ist das teilweise der Grund, weshalb er in Ungnade fiel, denn die englische Nation ist keineswegs gens grata im Yildiz Kiosk. Mohammed Pascha ist ein Gentleman in des Wortes vollem Sinne, und er scheint seine Gattin glücklich zu machen, aber — verstehen Sie recht — im allgemeinen möchte ich türkische Paschas nicht zu Gatten für Brixtons Jungfrauen empfehlen. Denn wenn jene Dame schon Tennis spielen und die Nähkränzchen der europäischen Kolonie besuchen durfte, mußte sie sich doch bis zu einem gewissen Grade den Sitten der muselmännischen Frauen anbequemen. Sie betrat nie unbeschleiert die Straße, »weil,« wie sie sagte, »die Leute reden würden, wenn die Frau eines Pascha ihr Antlitz sehen ließ.«
Wir erklommen die Burg in der einzigen Stunde meines Aufenthaltes in Aleppo, wo die Sonne schien, und wurden von höflichen Offizieren in prächtigen Uniformen und mit rasselnden Schwertern und Sporen umhergeführt. Sie waren besonders ängstlich, daß ich nicht die kleine, in der Mitte der Festung stehende Moschee übersehen sollte, die an jener Stelle errichtet war, wo Abraham seine Kuh melkte. Wie sie sagten, ist selbst der Name Aleppo auf diesen historischen Vorfall zurückzuführen, und ohne Zweifel besteht seine arabische Form, Haleb, aus denselben Stammlauten, die auch das Stammwort melken bilden. Trotz der hohen Bedeutung der Moschee interessierte mich die Aussicht von der Spitze des Minarets mehr. Flach wie eine Planke lag unter uns die Mesopotamische Ebene ausgebreitet; bei schönem Wetter ist der Euphrat sichtbar, ja selbst Bagdad könnte man sehen, wenn die störende Rundung der Erde nicht wäre, denn keine andre Schranke hemmt den Blick auf dieser weiten Fläche. Zu unsern Füßen drängten sich die Dächer der Bazare und Karawansereien; dazwischen dann und wann ein Blick aus der Vogelperspektive auf Marmorhöfe, und hier und da der schöne Turm eines Minarets. Bäume und Wasser fehlten in der Landschaft, wie Wasser überhaupt die große Schwierigkeit in Aleppo ist. Der träge Strom, der den Matkh verläßt, vertrocknet im Sommer, und die Quellen schmecken das ganze Jahr hindurch salzig. Gutes Trinkwasser muß von weit her geholt werden und kostet jedem Hausstand wenigstens einen Piaster pro Tag — eine ernste Verteurung des Lebensunterhaltes. Dafür ist aber das Klima günstig; der Winter bringt scharfe Kälte, und der Sommer nicht über einen oder zwei Monate übergroße Hitze. Das wäre Aleppo, die Stadt mit dem volltönenden Namen und den Spuren einer glänzenden Vergangenheit.
Während meines zweitägigen Aufenthaltes in Aleppo wurde jeder Moment meiner Muße benutzt, um Maultiertreiber auszuwechseln, eine zwar störende, aber durchaus unerläßliche Beschäftigung. In Antiochien hörte die Arabisch sprechende Bevölkerung auf. Habīb und sein Vater konnten kein Wort Türkisch, Michaïl nur einige Namen, wie Ei, Milch und Piaster, und mir, die ich kaum weiter vorgeschritten war, widerstrebte es, mit einem Gefolge in Gegenden einzudringen, wo wir höchstens nach den dringendsten Bedürfnissen oder nach dem nächsten Wege fragen konnten. Man hatte mir viel von den großen Fähigkeiten der nordsyrischen Maultiertreiber erzählt; der Titel Maultiertreiber ist allen Ernstes eine Namensirrung, denn das Lasttier ist in diesen Strichen nur ein armseliger Klepper (kadīsch sagt man auf Arabisch); von Alexandretta bis Konia sahen wir wohl überhaupt kein Maultier, ganz sicher aber keine Karawane. Man hatte mir gesagt, daß ich bis zur Reorganisation meiner Begleitung auf Behaglichkeit, Pünktlichkeit und Ordnung würde verzichten müssen, nie ohne Verdruß und das Gefühl der Verantwortlichkeit sein würde, und daß ich ja, wenn ich wünschte, meine Karawane in Konia auflösen könnte. Für die Männer aus Aleppo würde sich schon eine Ladung zum Heimweg finden. So verabschiedete ich mich von meinen Beirutern — und vom Frieden.
Von nun an ging die Reise unter einem Erpressungssystem vor sich. Der Erpresser war ein zahnloser alter Lump, Fāris mit Namen, der mit seinem Bruder eine beträchtliche Zahl Lasttiere in Aleppo besaß. Dank seiner Zahnlosigkeit war sein Arabisch und Türkisch in gleicher Weise unverständlich. Er versah mich mit vier Lastpferden und ritt selbst auf einem fünften zu seiner eignen Bequemlichkeit und auf eigne Kosten, machte aber doch den vergeblichen Versuch, mich dafür zahlen zu lassen, als wir Konia erreichten. So mietete er auch um einen Hungerlohn zwei Burschen zur sämtlichen Arbeit im Lager und auf dem Marsche, und ließ sie fast verhungern. Die Ärmsten gingen barfuß (die vermögenden Leute aus dem Libanon hatten sich mit Eseln versehen), denn obgleich Fāris sich verbindlich gemacht hatte, ihnen Schuhe zu liefern, weigerte er sich, bis ich endlich mit der Drohung einschritt, ihm das Geld für die Schuhe an seinem Lohne abzuziehen und sie selbst zu kaufen. Ich mußte mich sogar um den Proviant bekümmern und darauf achten, daß die Burschen genug zu essen bekamen, um arbeitsfähig zu bleiben, aber trotz aller Mühe liefen die gemieteten Leute auf jeder Station davon, und mir lag die Sorge ob, andre ausfindig zu machen und, was noch schlimmer war, das neue Paar in seine Pflichten einzuweihen — wo die Zeltpflöcke zu befestigen waren, wie die Lasten verteilt werden mußten, und noch hundert kleine, aber immerhin wichtige Dinge mehr. Dann galt es, Fāris anzuspornen, der sich mit stets wachsenden Entschuldigungen von seiner Arbeit zu drücken suchte, und hätte ich nicht früh und spät das Füttern der Pferde überwacht, sie wären sicher mit ebenso knapper Not dem Hungertode entgangen, wie die gemieteten Burschen. Als wir endlich in Konia angelangt waren, mußte ich erfahren, daß Fāris die letzten seiner Sklaven auf die Straße gesetzt und sich ganz entschieden geweigert hatte, sie bis in ihre Heimat Adana mitzunehmen, weil er — so hatte er sich hinter meinem Rücken geäußert — »billigere Leute bekommen könnte«. Da es mir widerstrebte, zwei Leute, die bei aller Dummheit ihr Bestes getan hatten, um mir zu dienen, im Stich zu lassen, mußte ich sie unterstützen, damit sie ihr Heim wieder erreichten. Kurz und gut: ich möchte behaupten, daß niemand, der die Maultiertreiber Aleppos und ihr abscheuliches System empfiehlt, je eine wohlorganisierte und gut geleitete Karawane besessen haben kann, wo die Arbeit mit der Regelmäßigkeit des Big Ben getan wird, und die Männer heitere Mienen und willige Hände zeigen. Sie können auch keine Erfahrung in wirklich geschäftsmäßigem Reisen haben, denn das läßt sich nur mit Dienern ermöglichen, die Mut in Gefahren und Unternehmungslust offenbaren, und die sich zu helfen wissen. Ich gebe zu, daß ich nur geringe Erfahrung besitze und — im Vertrauen sei es gesagt — sie wird auch nicht zunehmen, denn eher würde ich Maultiertreiber aus Bagdad mitbringen, als Fāris und seinesgleichen ein zweites Mal mieten.
Gerade als die Schwierigkeiten der Reise sich mehrten, versagten Michaïls Tugenden. Die zwei Tage, wo er auf die Gesundheit seiner davonziehenden Kameraden trank, mit denen er — wie sich's den Gliedern einer guten Karawane geziemt — sich vortrefflich gestanden, genügten, um den Segen seiner zweimonatigen Nüchternheit wieder zu vernichten. Von den Tagen an bauchte die Arrakflasche seine Satteltaschen aus, und wenn auch auf Arrakflaschen in Satteltaschen gefahndet und sie am Gestein zerschmettert werden können, so vermochte doch keinerlei Wachsamkeit, Michaïl den Weinläden fernzuhalten, sobald wir in eine Stadt kamen. Das Mißgeschick gibt uns manche Lehre, mit gemischten Gefühlen blicke ich auf die vier ungemütlichen Wochen zurück, die zwischen unsrer Abreise von Aleppo und der Zeit lagen, wo die Vorsehung mir einen anderen und besseren Mann bescherte, und ich mein Herz verhärtete und Michaïl entließ, aber ich bedaure das Lehrgeld nicht, welches ich zahlen mußte.
Von Hadji Mahmūd, dessen Vertrag in Aleppo zu Ende war, verabschiedete ich mich nur ungern. Der Vāli versah mich mit einem Zaptieh, dem Kurden Hadji Nadjīb, der, obwohl von unvorteilhaftem Äußeren, sich doch als ein gefälliger und auch nützlicher Mann erwies, denn er war mit den Gegenden, die wir durchreisten, und auch mit den Bewohnern wohlbekannt. Unser Aufbruch verzögerte sich: Michaïl war voll Arrak, und die Maultiertreiber ungeschickt im Aufladen. Der Tag (wir hatten den 30. März) war wolkenlos, und zum erstenmal machte sich die Sonne unangenehm fühlbar. Schon als wir um 10 Uhr auszogen, brannte sie glühendheiß, und den ganzen Tag lang winkte auf dem ganzen öden Weg keine Spur von Schatten. Nachdem wir etwa eine Meile auf der Straße von Alexandretta geritten und an einem von etlichen Bäumen umstandenen Kaffeehaus vorübergekommen waren, schlugen wir zur Linken einen Pfad ein, der in kahles, felsiges Hügelland führte und selbst bald ebenso felsig wurde. Wir hielten uns östlich mit einer Neigung nach Norden zu. ½12 hielten wir inne, um zu frühstücken, und warteten eine volle Stunde auf unser Gepäck, was mir Zeit gab, Vergleiche zwischen der Marschschnelligkeit meiner alten und der neuen Dienerschaft anzustellen und der Sonnenglut innezuwerden, die während des Reitens weniger fühlbar gewesen. Als wir nach einem weiteren halbstündigen Ritt auf eine Hütte, Jakit 'Ades, stießen, schlug Nadjīb vor, da zu lagern, aber ich fand es noch zu früh, und nachdem wir Fāris genaue Weisungen über den Pfad, den er verfolgen, und den Ort, wo wir lagern würden, erteilt hatten, machte ich mich mit dem Zaptieh auf den Weg, und gemächlich weitertrabend, waren wir bald außer Sehweite der übrigen.
Auf der Sohle eines kahlen, gewundenen Tales dahinziehend, kamen wir an mehreren Stellen vorbei, die zwar auf der Karte eingezeichnet, in Wirklichkeit aber nichts als winzig kleine Trümmerhaufen waren. Gegen 4 Uhr erstiegen wir den Nordabhang des Tales und erreichten einen Weiler, der Kiepert unbekannt war, und den mir Nadjīb als das Dorf Kbeschīn bezeichnete. Hier fanden wir inmitten einiger alter Mauern und vieler moderner Schutthaufen ein kurdisches Lager, eine jener Frühlingsniederlassungen, wie sie nomadische Völkerschaften mit ihren Herden zur Zeit des jungen Grases zu beziehen pflegen. Die Zeltwände, wenn der Name Zelt überhaupt anwendbar ist, bestanden aus rohen Steinen, die flüchtig zu einer Höhe von ca. fünf Fuß übereinandergesetzt waren, die Dächer aber bestanden aus Ziegenhaarstoff und wurden in der Mitte durch Zeltstangen gestützt. Bald drängten sich die kurdischen Hirten um uns und unterhielten sich mit Nadjīb in ihrer eignen Sprache, die mir vertraute Klänge aufwies, denn sie ähnelt der persischen. Sie sprachen auch Arabisch, ein seltsames Kauderwelsch voll türkischer Worte. Wir saßen eine Weile auf den Schutthaufen in Erwartung unsrer Lasttiere, bis mir endlich, trotz Nadjībs beruhigender Worte, klar wurde, daß die Sache einen Haken haben mußte, und wir wahrscheinlich in alle Ewigkeit hier warten konnten. Da kam der Kurdenscheich mit der Nachricht, daß es Essenszeit sei, und lud uns ein, an dem Mahle teilzunehmen. Der Vorschlag fand freudiges Entgegenkommen, denn es ist einer der Vorteile des Lebens im Freien bei schmaler Kost, daß es keinen Augenblick des Tages gibt, der uns nicht voll Eifer findet zu essen.
Der Kurde erfreut sich in den Reiseberichten keines guten Namens. Er wird als mürrisch und streitsüchtig geschildert, ich für mein Teil aber habe an ihm fast alle die Eigenschaften gefunden, die angenehmen geselligen Verkehr ermöglichen. Wir wurden in das größte der Gebäude geleitet; es war hell und kühl, luftig und sauber, da seine Bauart ihm die Vorteile des Zeltes sowohl als auch des Hauses verlieh. Die Mahlzeit bestand aus Brot, saurem Quark und vorzüglichem Pillaf, in dem zerquetschter Weizen den Reis ersetzte. Wir saßen auf Teppichstücken um eine Matte herum, auf welcher die Gerichte aufgetragen waren. Die Frauen bedienten uns. Ehe wir fertig wurden, war es 6 Uhr, aber keine Karawane ließ sich blicken. Nadjīb war sehr betroffen, unsre Wirte zeigten große Anteilnahme und erklärten sich von Herzen gern bereit, uns über Nacht zu beherbergen. Unserm Zögern wurde durch einen kleinen Knaben ein Ende gemacht, der mit der Kunde hereingestürmt kam, daß bei dem Dorfe Fāfertīn, auf der entgegengesetzten Seite des Tales, eine Karawane gesehen worden war, die auf Kal'at Sim'ān, das nächste Ziel unsrer Reise, zusteuerte. Nun gab es keine Zeit zu verlieren; die Sonne war bereits untergegangen, lebhaft erinnerte ich mich der nächtlichen Wanderung bei El Bārah durch eine Gegend, die der jetzt vor uns liegenden nicht unähnlich war. Vor unserm Aufbruch aber nahm ich Nadjīb beiseite und fragte ihn, ob ich den Leuten wohl Geld für die uns gebotene Mahlzeit geben dürfte. Er versicherte, daß das keinesfalls angängig sei: die Kurden erwarteten keine Bezahlung von ihren Gästen. Ich konnte weiter nichts tun, als die Kinder um mich versammeln und eine Handvoll Metalliks unter sie verteilen, eine sehr wohlfeile Großmut, die auch das empfindlichste Gemüt nicht verletzen konnte. Dann machten wir uns auf den Weg. Nadjīb ritt so schnell auf dem steinigen Pfade voran, daß ich die größte Mühe hatte, Schritt mit ihm zu halten. Ich wußte, daß die große Kirche des St. Simon Stylites auf einem Hügel stand und von unserm Wege aus zu sehen sein mußte; freilich liegt die große Säule des Heiligen, um welche die Kirche erbaut wurde, schon seit Jahrhunderten in Trümmer gesunken. Nachdem wir eine Stunde vorwärts gestolpert waren, zeigte Nadjīb nach dem dämmerigen Gebirge, und ich konnte gerade noch eine undeutliche Masse unterscheiden, die wie eine die Kammlinie unterbrechende Festung aussah. Eine weitere halbe Stunde brachte uns an die Mauern. Es war ½8 Uhr und vollständig dunkel. Als wir durch die ungeheure Kirche ritten, merkten wir zu unsrer Erleichterung am Geläut der Karawanenglocken, daß unsre Zelte angekommen waren — wir hörten auch das Schreien und Fluchen Michaïls, der unter dem Einfluß verschiedener Dosen Arraks wie ein wildes Tier tobte und sich weigerte, den neuen Maultiertreibern Anweisungen bezüglich des Aufstellens meines englischen Zeltes zu geben. Als die einzige nüchterne Person, die da wußte, wie die Pfähle ineinandergepaßt, die Zapfen eingetrieben und die Möbel aufgestellt wurden, mußte ich beim Schimmer zweier Kerzen den größten Teil der Arbeit selbst verrichten und dann die Vorratskörbe nach Brot und Butter für die Maultiertreiber durchsuchen. Wurde doch mein Befehl, die übliche, aus Reis bestehende Abendmahlzeit zu bereiten, von meinem aufsässigen Koch mit höhnischem Geheul und mit Fluchen über alles und jedes beantwortet. Mit einem Betrunkenen ist nicht zu reden, ich hoffe aber, daß der Racheengel der Gefühle nicht Erwähnung getan hat, mit denen ich mich zum Schweigen zwang.
Als endlich alles fertig war, ging ich hinaus in die milde Frühlingsnacht, durchschritt die stattlichen, so friedlich daliegenden Ruinen, unter deren Mauern wir unser Lager aufgeschlagen hatten, und befand mich plötzlich in einem kreisrunden, oben offnen Hofe, von dem aus sich die vier Flügel der Kirche nach den vier Himmelsgegenden erstrecken. Der Hof ist von einem unvergleichlich schönen Säulengang umgeben gewesen, von dem noch jetzt viele Bogen erhalten sind, und in der Mitte erhob sich in vergangenen Tagen die Säule, auf welcher St. Simon lebte und starb. Ich kletterte über die Steinhaufen bis zu dem die Basis bildenden Felsblock; es war ein mächtiger, schiefriger Stein mit einer Vertiefung in der Mitte, in der sich, wie in einer kleinen Schüssel, klares Regenwasser gesammelt hatte. Ich wusch mir Hände und Gesicht darin. Die Nacht war mondlos; eine verfallne Pracht, standen die Pfeiler und Bogen im tiefen Schatten da, still wie ein unbewegter See lag die Luft, alle Müdigkeit und aller Ärger fielen von der Seele ab, sie stand dem Himmel und dem Frühling offen. Ich saß und überdachte, welch einen Streich das Schicksal in diesen Stunden dem grimmigen Heiligen gespielt. Für diese eine Nacht hatte es seinen Thron der Bitternis einem Menschenkinde überlassen, dessen rosige Träume einer tiefen inneren Zufriedenheit entstammten, die er wohl als der erste verdammt haben würde. Bei solchem Sinnen nickte mir ein großer Stern zu, der über den in Trümmer stehenden Säulengang heraufgeklettert war, und wir beide kamen überein, daß es besser sei, über Himmel und Erde dahinzuwandern, als bis zum Ende der Tage auf einer Säule zu sitzen.
Die Glieder der amerikanischen Vermessungsgesellschaft haben die nördlichen Gebirge bis zur Kal'at Sim'ān aufs genaueste erforscht und in ihren Karten aufgezeichnet, aber weder sie noch andre Reisende haben einen Bericht des Hügellandes veröffentlicht, das sich von dem Heiligtum in nordöstlicher Richtung erstreckt.[11] Ich habe dasselbe bereist und beinahe alle verfallnen Dörfer besucht. Von den Bewohnern wird es beinahe allgemein Djebel Sim'ān genannt, und auch ich werde unter diesem Namen davon sprechen. Das Simongebirge mit dem Djebel Bārischa nach Südwesten und dem Djebel el 'Ala noch weiter nach Westen hin gehören demselben architektonischen System an, wie der Djebel Zawijjeh, durch den wir auf unserm Wege nach Aleppo gekommen waren. Man könnte wohl Unterschiede in dem Stile der nördlichen und dem der südlichen Gruppe herausfinden; dem amerikanischen Architekten Mr. Butler ist es dank seiner gründlichen Kenntnis der beiden Distrikte auch gelungen, für den flüchtigen Beobachter aber scheinen diese Verschiedenheiten hauptsächlich auf natürlichen Ursachen zu beruhen, sowie auf dem Umstand, daß der nördliche Distrikt mehr unter dem Einflusse Antiochiens stand, und diese Stadt war in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung die Hauptquelle aller künstlerischen Anregung, und zwar nicht für Syrien allein. Die Ansiedlungen im Djebel Sim'ān waren kleiner und die einzelnen Häuser weniger geräumig, wahrscheinlich weil das nördliche Gebirge viel zerklüfteter ist und unmöglich eine so große und reiche Bevölkerung ertragen konnte. Der Djebel Sim'ān scheint früher bebaut worden zu sein und den Gipfel des Wohlstandes etwas später erreicht zu haben, als der Süden des Landes, auch ist er nicht jener Periode des Verfalls unterworfen gewesen, der den Süden im letzten Jahrhundert vor der arabischen Besitzergreifung heimgesucht hat.[12] Die schönen Kirchen des Nordens entstammen dem 6. Jahrhundert und zeigen bezüglich des architektonischen Schmuckes einen fast genialen Luxus, den keine der spätesten südlichen Kirchen erreicht, die, mit Ausnahme der Bizzoskirche in Ruweihā, alle bereits ein Jahrhundert früher erbaut sind. Es ist interessant, daß die letztgenannte Kirche, die doch etwas jünger ist, als Kal'at Sim'ān, gleichwohl viel herber in ihren Einzelheiten ist, und daß im Norden selbst kleine Häuser nicht selten größere Mannigfaltigkeit und Kostbarkeit im Schmuck aufweisen, als im Süden üblich ist.[13] Da der Reisende beim Lesen der Inschriften an Kirchen und Wohngebäuden das Datum immer mehr nach der Antiochischen Zeitrechnung angegeben findet, wird er auf den sehr verzeihlichen Gedanken verfallen, daß es die prachtliebende Hand Antiochiens gewesen ist, die hier die Architrave und Kapitäle, die Simse und Friese geschaffen hat. Die Kirche des St. Simon ist nicht nur aus lokalen Beiträgen errichtet worden, sondern hier hat die ganze Christenheit dem berühmten Heiligen ihren Tribut dargebracht, und wahrscheinlich sind nicht heimische Arbeiter, sondern die Architekten und Steinschneider von Antiochien ihre Erbauer gewesen. Wenn es an dem ist, so muß man auch die anmutige Kirche von Kalb Lōzeh denselben Schöpferhänden zuschreiben, und ein Dutzend kleinere Bauten wie z. B. die Ostkirche in Bākirha verraten deutlich gleichen Einfluß.