Fünftes Kapitel.
Unter Bluträchern.
Von der Höhe hinter Amadijah führte der Pfad bergab nach der Ebene Newdascht. Auf derselben angekommen, gaben wir den Pferden die Sporen, so daß wir über den dürren Boden, der diese Ebene kennzeichnet, mit vogelhafter Schnelligkeit dahinflogen.
Wir kamen in das Dorf Maglana, von welchem Dohub, der Kurde, mit mir gesprochen hatte. Es wird von lauter Kurden bewohnt, welche mit den umliegenden chaldäischen Christen in steter Feindschaft leben. Wir hielten nur an, um uns nach dem Weg zu erkundigen, und dann ging es wieder vorwärts. Wir kamen durch verfallene Ortschaften, bei deren Untergang die Feuersbrunst der Hütten das Blut der Bewohner aufgeleckt hatte. Die Trümmer lagen zerstreut; die Tiere des Waldes hatten die Knochen, welche wir hier und da liegen sahen, abgenagt. Mich schauderte.
In der Ferne, rechts oder links sahen wir zuweilen Rauch aufsteigen; es zeigte sich uns die unbeworfene Mauer eines Hauses; ein einzelner Reiter tauchte vor uns auf, bemerkte uns und schwenkte rasch zur Seite ab. Wir befanden uns auf keinem friedlichen Boden, und er sah, daß wir ihm an Zahl überlegen waren. Genau so geht es den Vögeln des Waldes, die bei jedem Flügelschlage eines Feindes gewärtig sein müssen und dann ihr einziges Heil in der Verborgenheit finden.
Nun dunkelte der Abend herein, und vor uns auf der Ebene sahen wir vielleicht dreißig Häuser zerstreut liegen. Es war das kleine Dorf Tiah, wo wir zu übernachten dachten. Wie der Empfang sein würde, das wußten wir allerdings noch nicht.
Man hatte uns von weitem erblickt, und eine Anzahl von Männern war zu Pferde gestiegen, um uns entweder als Feind zurückzuweisen oder als Freund zu empfangen. Eine Strecke von ungefähr zweitausend Schritten vor dem Dorfe hielten sie an, um uns zu erwarten.
»Bleibt ein wenig zurück!« sagte ich und ritt voran.
Ich sah, wie sie bei dem Anblick meines Pferdes einander die Köpfe zukehrten, und so stolz mich diese Bewunderung machte, so bedenklich mußte sie mir auch sein. Ein gutes Pferd, schöne Waffen und Geld: — wer eines von diesen drei Dingen besitzt, der ist bei diesen räuberischen Völkerschaften nie sicher, es zu verlieren und das Leben dazu.
Einer von ihnen ritt einige Schritte vor.
»Ivari 'l kher — guten Abend!« grüßte ich ihn.
Nachdem er gedankt hatte, ließ er seinen Blick von meinem Turban bis zu den Hufen meines Pferdes herabgleiten und begann ein Verhör.
»Woher kommst du?«
»Von Amadijah.«
»Wohin willst du?«
»Nach Kalah Gumri.«
»Was bist du? Ein Türke oder Araber?«
»Nein, ich bin — — —«
»Schweig!« gebot er mir. »Ich frage dich, und du antwortest! Du redest Kurdisch, aber ein Kurde bist du nicht. Bist du ein Grieche, oder ein Russe, oder ein Perser?«
Ich verneinte, und jetzt war er mit seinen Kenntnissen zu Ende. Dieser Mann empfing mich ja wie ein russischer Grenzaufseher! Ich durfte nicht sagen, welchem Volke ich angehöre, sondern er wollte so scharfsinnig sein, es zu erraten. Da ihm dies nicht gelungen war, gab er vor Aerger seinem Pferde mit der Faust einen Schlag über das Auge, daß es vor Schmerz laut aufwieherte.
»Was bist du denn?« fragte er endlich.
»Ein Tschermaka[95],« antwortete ich mit Stolz.
»Ein Tschermaka?« wiederholte er. »Die Tschermaki kenne ich. Ihr Stamm wohnt an den Ufern des Sees von Urmiah und hat elende Hütten von Schilf.«
Diese Worte waren in einem sehr verächtlichen Tone gesprochen.
»Du irrst,« entgegnete ich. »Die Tschermaki wohnen nicht am Ufer des Urmiahsees und wohnen auch nicht in elenden Schilfhütten.«
»Schweig! Ich kenne die Tschermaki, und wenn du nicht weißt, wo sie wohnen, so gehörst du nicht zu ihnen. Wer ist der Kurde dort?« — Und er deutete auf den Engländer.
»Es ist kein Kurde; er trägt nur kurdische Kleidung.«
»Wenn er nur kurdische Kleidung trägt, so ist er ja kein Kurde!«
»Das habe ich ja bereits gesagt.«
»Und wenn er kein Kurde ist, so darf er auch keine kurdische Kleidung tragen. Das verbieten wir ihm. Was ist er?«
»Ein Inglo,« antwortete ich kurz.
»Ein Inglo? Ich kenne die Ingli. Sie wohnen jenseits des Berges Ararat, sind Karawanenräuber und fressen Gumgumuku gaurana.[96]«
»Du irrst wieder! Die Ingli wohnen nicht am Ararat; sie sind keine Räuber und fressen auch keine Eidechsen.«
»Schweig! Ich war im Lande der Ingli und habe selbst auch mit ihnen Gumgumuku gaurana und sogar Gumgumuku felana gefressen. Wenn er keine frißt, so ist er kein Inglo. Wer sind die drei andern Reiter?«
»Der eine ist mein Diener, und die andern sind Araber.«
»Von welchem Stamme?«
»Sie gehören zum großen Stamme der Schammar.«
Ich sagte die Wahrheit, weil ich mich auf die Feindschaft zwischen den Türken und den Schammar verließ. Ein Feind der Türken mußte ein Freund der Kurden sein. Zwar wußte ich, daß die südlichen Stämme der Schammar mit den südlichen Stämmen der Kurden auch in Feindschaft leben, doch nur infolge der räuberischen Streitereien der Kurden, welche ja selbst auch wieder mit andern Kurdenstämmen in dem Zustande der Blutrache und des ewigen Streites leben. Hier befanden wir uns in der Mitte Kurdistans, wo es sicher noch keinen feindlichen Araber gegeben hatte, und daher gab ich meine Antwort in der festen Ueberzeugung, daß sie uns keinen Schaden bringen werde.
»Ich kenne die Schammar,« hob der Kurde an. »Sie wohnen an der Mündung des Phrath, trinken das Wasser des Meeres und haben böse Augen. Sie heiraten ihre eigenen Mütter und machen Rollen[97] aus dem Fleisch der Schweine.«
»Du irrst abermals. Die Schammar wohnen nicht am Meere und essen niemals Schweinefleisch.«
»Schweig! Ich selbst bin bei ihnen gewesen und habe das alles gesehen. Wenn diese Männer ihre Mütter nicht geheiratet haben, so sind sie keine Schammar. Auch leben die Schammar in Blutfehde mit den Kurden von Sar Hasan und Zibar, und darum sind sie unsere Feinde. Was wollt ihr hier?«
»Wir wollen fragen, ob ihr eine Hütte habt, in welcher wir heute nacht ruhen können.«
»Wir haben keine Hütten. Wir sind Berwari-Kurden und haben Häuser. Ihr sollt ein Haus haben, wenn ihr uns beweist, daß ihr nicht unsere Feinde seid.«
»Womit sollen wir dies beweisen?«
»Dadurch, daß ihr uns eure Pferde und eure Waffen übergebt.«
O du alter Lügner und Eidechsenfresser! Du hältst die Leute, welche Würste machen, für recht dicke Dummköpfe! Das dachte ich, aber laut sagte ich: »Ein Mann trennt sich nie von seinem Pferde und von seinen Waffen.«
»So dürft ihr nicht bei uns bleiben,« sagte er barsch.
»So ziehen wir weiter,« erwiderte ich kurzweg und ritt zu meinen Gefährten zurück; auch die Kurden schlossen nun einen Kreis um ihren Führer.
»Was sagte er?« fragte mich der Engländer.
»Er will unsere Waffen und Pferde haben, wenn wir hier bleiben wollen.«
»Mag sie sich holen,« knurrte er.
»Um Gottes willen, Sir, heute keinen Schuß! Die Kurden halten die Blutrache noch heiliger als die Araber. Wenn sie uns feindselig behandeln und wir verwunden oder töten einen von ihnen, so sind wir verloren; denn sie sind mehr als fünfmal so stark als wir.«
»Was aber thun?« fragte er.
»Zunächst unsern Weg fortsetzen und, wenn sie uns daran hindern sollten, verhandeln.«
Ich sagte das alles auch den übrigen, und sie gaben mir recht, obgleich kein Feigling unter ihnen war. Diese Kurden gehörten sicher nicht alle zum Dorfe, das keine solche Anzahl erwachsener Krieger haben konnte; sie waren jedenfalls aus irgend einem Grunde hier zusammengekommen, und es schien, daß sie sich in einer sehr kriegerischen Stimmung befänden. Sie lösten jetzt den Kreis auf und bildeten nun einen scheinbar ungeordneten Haufen, der sich nicht von der Stelle bewegte und unsern Entschluß abzuwarten schien.
»Sie wollen uns den Weg versperren,« meinte Mohammed, der Häuptling der Haddedihn.
»Es scheint so,« stimmte ich ihm bei. »Also gebraucht die Waffen nicht, so lange wir uns nicht in wirklicher Lebensgefahr befinden!«
»Wir wollen deshalb einen weiten Kreis um das Dorf herum reiten,« schlug mein kleiner arabischer Diener Halef vor.
»Das müssen wir auch. Kommt!«
Wir schwenkten in einem Bogen ab, aber sogleich setzten sich die Kurden auch in Bewegung, und der Anführer kam wieder auf mich zugeritten.
»Wo willst du hin?« fragte er.
»Nach Gumri,« antwortete ich mit Nachdruck.
Meine Antwort mochte dem Kurdenanführer nicht nach Wunsch sein, und er entgegnete:
»Es ist zu weit, und die Nacht bricht ein. Ihr werdet Gumri nicht erreichen.«
»Wir werden andere Dörfer finden oder im Freien schlafen.«
»Da werden euch die wilden Tiere anfallen, und ihr habt schlechte Waffen.«
Das war jedenfalls nur auf den Busch geklopft. Vielleicht war es gut für uns, wenn ich ihn vom Gegenteile überzeugte, trotzdem dies auch das Gelüste, unsere Waffen zu besitzen, in gefährlicher Weise erregen konnte. Darum sagte ich: »Wir haben sehr gute Waffen!«
»Das glaube ich nicht!« lautete seine Antwort.
»Oh, wir haben Waffen, von denen eine einzige genügt, um euch alle zu töten!«
Er lachte und sagte dann: »Du hast ein sehr großes Maul. Zeige mir einmal eine solche Waffe!«
Ich nahm einen meiner Revolver heraus und fragte den Kurden: »Siehst du dieses kleine Ding?« — Dann rief ich meinen Diener herbei und befahl ihm: »Brich einen Ast von jenem Strauche, mache die Blätter weg bis auf sechs und halte ihn empor. Ich will danach schießen!«
Er that es, und da nun die anderen Kurden merkten, um was es sich handelte, so kamen sie näher heran. Ich nahm mein Pferd auf die weiteste Distanz zurück und zielte. Die sechs Schüsse wurden schnell hintereinander abgegeben, und dann reichte Halef dem Kurden den Zweig hin.
»Katera Chodeh[98],« rief er; »sie sind alle sechs getroffen, die Blätter!«
»Das ist nicht schwer,« prahlte ich; »das kann bei den Tschermaki ein jedes Kind. Aber das Wunder besteht darin, daß man mit diesem kleinen Ding so schnell und immerfort schießen kann, ohne zu laden.«
Er gab den Zweig seinen Leuten, und während sie ihn betrachteten, nahm ich sechs Patronen heraus und lud wieder den Revolver hinter dem Halse des Pferdes, ohne daß er es bemerkte.
»Was hast du noch für Waffen?« fragte er nun.
»Siehst du jenen Tu[99]? Paß auf!«
Ich stieg ab und legte den Henry-Stutzen an. Einer, zwei, drei, fünf, acht, elf Schüsse krachten. Die Kurden erhoben bei einem jeden neuen Schusse einen Ausruf des höchsten Erstaunens und nun setzte ich das Gewehr wieder ab.
»Geht hin und seht euch den Baum an!«
Alle eilten hin, und die meisten sprangen, um gut sehen zu können, vom Pferde. Ich erhielt somit Zeit zu neuem Laden. Dasselbe Experiment mit demselben Stutzen hatte mich einst bei den Comanchen in Respekt gesetzt, und auch jetzt erwartete ich eine ähnliche Wirkung mit Zuversicht. Da kam der Anführer wieder auf mich zu und rief:
»Chodih[100], alle elf Kugeln stecken im Baume, eine unter der andern!«
Daß er mich jetzt mit >Herr< anredete, schien ein gutes Zeichen zu sein.
»Du kennst nun einige von unsern Waffen,« sagte ich, »und wirst mir glauben, daß wir uns vor euren wilden Tieren nicht fürchten.«
»Zeige uns die andern Waffen auch!«
»Dazu habe ich keine Zeit. Die Sonne ist hinab, und wir müssen weiter.«
»Warte noch ein wenig!«
Er ritt wieder zu seinen Leuten und verhandelte mit ihnen. Dann kehrte er zurück und erklärte: »Ihr dürft bei uns bleiben!«
»Wir geben weder unsere Waffen noch unsere Pferde ab,« erwiderte ich.
»Das sollt ihr auch nicht. Ihr seid fünf Männer, und fünf von den Unserigen haben sich erboten, je einen von euch bei sich aufzunehmen. Du wirst bei mir wohnen.«
Hm, ich mußte vorsichtig sein. Warum gaben sie auf einmal nach? Warum ließen sie uns nicht weiter reiten?
»Wir werden dennoch weiter reiten,« erklärte ich ihm, »weil wir uns teilen sollen. Wir sind Gefährten und werden nur da bleiben, wo wir beisammen wohnen können.«
»So warte noch ein wenig!«
Wieder verhandelte er. Es dauerte etwas länger als vorher, und es schien mir, als ob sie uns mit Absicht hinhalten wollten, bis es zu dunkel zum Weiterreiten geworden sei. Endlich kam er wieder mit der Erklärung: »Chodih, du sollst deinen Willen haben. Wir überlassen euch ein Haus, in welchem ihr gemeinsam schlafen könnt.«
»Haben auch unsere Pferde Platz?«
»Ja; es ist ein Hof an dem Hause, wo sie stehen können.«
»Werden wir es allein bewohnen?«
»Es soll niemand darin bleiben dürfen. Siehe, da reitet schon einer fort, um diesen Befehl zu überbringen. Wollt ihr die Speisen geschenkt erhalten, oder werdet ihr sie bezahlen?«
»Wir wünschen, eure Gäste zu sein. Versprichst du mir das?«
»Ich verspreche es.«
»Du bist wohl der Nezanum[101] dieses Dorfes?«
»Ja, ich bin es.«
»So reiche mir deine beiden Hände und sage, daß ich dein Hemscher[102] bin!«
Er that es, aber doch mit einigem Widerstreben. Jetzt fühlte ich mich sicher und winkte den Gefährten, heranzukommen. Wir wurden von den Kurden in die Mitte genommen und dann galoppierten wir in das Dorf hinein, wo vor einem verhältnismäßig ansehnlichen Hause Halt gemacht ward.
»Das ist euer Haus für diese Nacht,« erklärte der Nezanum. »Tretet ein!«
Ich besah mir das Gebäude, ehe ich abstieg, von außen. Es hatte nur das Erdgeschoß und auf dem platten Dache eine Art von kleinem Schuppen, in welchem Heu aufbewahrt zu werden schien. Der an das Gebäude stoßende Hofraum wurde von einer breiten Mauer umgeben, welche ungefähr drei Ellen hoch war und von einem schmalen Buschwerk überragt ward, das sich an der hinteren Seite der Mauer hinzog. In diesen Hof konnte man nur durch das Haus gelangen.
»Wir sind zufrieden mit dieser Wohnung. Woher nehmen wir das Futter für unsere Pferde?« fragte ich nun.
»Ich werde es euch senden,« lautete die Antwort.
»Da oben liegt aber ja Futter,« sagte ich und wies auf den Schuppen.
Er sah sichtlich verlegen empor und antwortete dann:
»Das ist nicht gut; es würde euren Tieren schaden.«
»Und wer besorgt uns die Speisen?«
»Ich selbst werde sie bringen nebst Licht. Wenn ihr etwas wünscht, so sagt es mir. Ich wohne in jenem Hause.«
Er zeigte auf ein Gebäude, welches ziemlich in der Nähe stand. Wir stiegen ab und führten unsere Pferde in den Hof. Dann besahen wir uns das Innere des Hauses. Es bestand nur aus einem einzigen Gemache, welches aber durch ein dünnes Flechtwerk von Weiden in zwei ungleiche Hälften geteilt war. Jede derselben hatte zwei Löcher, die als Fenster dienten und mit einer Matte verhängt werden konnten. Diese Löcher waren ziemlich hoch, aber so schmal, daß man kaum den Kopf hindurchstecken konnte. Die Diele bestand aus gestampftem Lehm und war an der hintern Seite eines jeden Gemaches mit einem Binsenteppich belegt. Eine weitere Ausstattung gab es nicht.
Die Thüren konnten beide mit einem starken Balken fest verschlossen werden; hier wenigstens also war uns Sicherheit geboten. Im Hofe lag einiges alte Holzwerk nebst etlichen Gerätschaften, deren Zweck ich nicht erraten konnte. —
Wir befanden uns allein, denn auch der Nezanum war draußen geblieben, und nun hielten wir großen Rat.
»Glaubst du, daß wir sicher sind?« fragte mich der Scheik.
»Ich bin im Zweifel darüber. Der Nezanum hat mir alles versprochen und wird es auch halten. Wir sind seine Gäste und die Gäste des ganzen Dorfes. Aber es waren viele da, die nicht zu dem Dorfe gehörten.«
»Diese können uns nichts thun,« erwiderte er. »Wenn sie einen von uns töteten, wären sie der Blutrache des ganzen Dorfes verfallen, dessen Gäste wir sind.«
»Und wenn sie uns nicht töten, sondern nur bestehlen wollen?«
»Was können sie uns nehmen?«
»Die Pferde, vielleicht die Waffen, vielleicht noch mehr.«
Der ernste Scheik Mohammed Emin streichelte jetzt lächelnd seinen Bart und sagte: »Wir würden uns wehren.«
»Und dabei der Blutrache verfallen,« ergänzte ich.
»Warten wir es ab!« meinte er.
Da trat auch der Engländer ein, welcher draußen im Hofe umhergestöbert hatte. Seine Nase lag auf der rechten und sein Mund auf der linken Seite des Gesichtes, ein ganz sicheres Zeichen, daß ihm etwas Merkwürdiges passiert sei.
»Hm!« räusperte er sich. »Habe etwas gesehen! — Interessant! — Yes!«
»Wo? So erzählt doch nur!«
»Pst! Nicht in die Höhe sehen! War im Hofe. Schmutziger Platz das! Sah die Büsche an der Mauer und stieg hinauf. Schöner Ueberfall von draußen herein! Würde prächtig gehen. Blicke auch hinauf zum Dache und sehe ein Bein. Well! Eines Mannes Bein. Es guckte einen Augenblick lang aus der Hütte heraus, wo Futter ist.«
»Habt Ihr auch recht gesehen, Sir?«
»Sehr recht! Yes!«
Jetzt erst fiel es mir ein, daß ich weder eine Treppe noch eine Leiter gesehen hatte, um auf das Dach zu gelangen. Wir traten also hinaus in den Hof, um zu suchen. Es fand sich nichts. Auch im Innern des Gebäudes war nicht zu entdecken, ob man von hier aus auf das Dach gelangen könne, und dennoch wurde es Zeit, nachzusehen; denn die Nacht war schon ganz nahe.
Droben über der hinteren Thüre ragte ein Dachbalken etwas aus der Mauer hervor, zwar nicht viel, aber es genügte. Ich nahm den Lasso, knüpfte ihn vierfach zusammen, bildete auf diese Weise eine einzige große Schlinge und warf sie empor. Sie hing am Balken so, daß ich sie unten fassen konnte. Nun zog ich mich an der Schlinge empor, trat in sie hinein und gelangte auf diese Weise auf das Dach. Nun ging ich auf das Behältnis zu, welches bis zum Eingange desselben mit Futter angefüllt war. Ich langte hinein, fühlte aber nichts Verdächtiges; als ich jedoch soweit hineinkroch, daß meine Arme bis ganz hinter langen konnten, faßte ich den Kopf eines Menschen, der sich in die fernste Ecke verkrochen hatte.
»Wer bist du?« fragte ich.
»U— — ah!« erklang es gähnend.
Der Mann wollte mich glauben machen, daß er geschlafen habe.
»Komme heraus!« befahl ich ihm.
»U— — ah!« machte er noch einmal; dann schob er meine Hand von sich ab und kam langsam hervorgekrochen. Es war noch so licht, um deutlich zu sehen, daß dieser Mann nicht einen Augenblick geschlafen habe. Er gaffte mich an und that, als ob er erstaune.
»Ein Fremder! Wer bist du?« fragte er mich.
»Sage nur zuerst, wer du bist!«
»Dieses Haus ist mein!« antwortete er.
»So! Das ist mir lieb, denn dann kannst du mir sagen, wie du heraufgekommen bist.«
»Auf der Leiter.«
»Wo ist sie?«
»Im Hofe.«
»Da ist sie nicht.«
Ich sah mich auf dem Dache erst jetzt näher um und gewahrte sie längs des Dachrandes liegen.
»Mensch, du bist verschlafen, denn du hast ganz vergessen, daß du die Leiter hinter dir heraufgezogen hast! Hier liegt sie!«
Er blickte sich verdutzt um und sagte dann: »Hier? Ja. Ich habe geschlafen!«
»Nun wache aber. Komm hinab!« — Mit diesen Worten schob ich die Leiter hinunter, und der Mann stieg mir voran und verließ hierauf das Haus, ohne ein Wort zu sagen. Erst that er, als sei er sehr überrascht von der Gegenwart eines fremden Menschen, und nun lief er gemächlich zum Nezanum hinüber, ohne mich weiter über mein Recht, hier in seinem Hause zu sein, im mindesten zu inquirieren.
»Wer war es?« fragte der Engländer.
»Der Besitzer dieses Hauses.«
»Was will er da oben?«
»Er that, als habe er geschlafen.«
»Nicht geschlafen! Kenne den Kerl! War derselbe, welcher fortritt. Ihr konntet das nicht bemerken, weil Ihr mit dem Schießen zu thun hattet. Yes!«
»So ist es sicher, daß man eine feindselige Absicht hegt!«
»Denke es auch. Aber welche?«
»Unser Leben wollen sie nicht, aber unser Eigentum.«
»Kerl wird hinaufgestiegen sein, um zu sehen, wann wir schlafen. Dann giebt er Zeichen, andere kommen, holen Pferde und alles.«
Derselben Ansicht waren auch die anderen Gefährten. Es war jetzt vollständig dunkel in den beiden Stuben, so daß man nicht erkennen konnte, ob man von dem Dache aus auch in das Innere des Hauses gelangen könne; doch schien mir dies wahrscheinlich zu sein. Schon stand ich im Begriff, aus Mangel an irgend einer Beleuchtung ein Stück Holz anzubrennen, als draußen an den Eingang geklopft wurde. Ich ging hinaus und öffnete. Der Nezanum war es mit noch zwei Männern, welche Essen, Wasser und zwei Kerzen brachten. Die Kerzen waren sehr roh aus ungereinigtem Wachs bereitet und konnten nur wenig Helligkeit verbreiten. Ich zündete eine derselben an.
Noch hatte keiner der drei Männer ein anderes Wort gesprochen als die Namen der Gegenstände, welche sie auf den Lehmboden legten. Nun aber fragte ich den Dorfvorsteher:
»Ich fand einen Mann auf dem Dache. War es wirklich der Besitzer dieses Hauses?«
»Ja,« antwortete er einsilbig.
»Was wollte er oben?«
»Er schlief.«
»Warum zog er die Leiter empor?«
»Er wollte nicht gestört sein.«
»Du sagtest doch, daß wir allein hier wohnen sollen.«
»Er lag da bereits oben! Das wußte ich nicht, und er wußte auch nicht, daß Gäste da sind.«
»Er hat es gewußt.«
»Woher?« fragte er barsch.
»Er war mit draußen vor dem Dorfe, als wir uns trafen.«
»Schweig! Er war daheim.«
Dieser Mann verfiel wieder in seinen befehlshaberischen Ton. Ich aber ließ mich nicht einschüchtern und begann von neuem zu fragen:
»Wo sind die Männer, welche nicht in dein Dorf gehören?«
»Sie sind nicht mehr da.«
»Sage ihnen, daß sie ja nicht wiederkommen sollen!«
»Warum?«
»Das magst du erraten.«
»Schweig! Ich rate nicht.«
Nun ging er wieder fort, und die beiden anderen folgten ihm.
Das Abendessen war ein sehr frugales: getrocknete Maulbeeren, Brot, in Asche gerösteter Kürbis und Wasser. Glücklicherweise aber hatten wir einigen Vorrat bei uns und brauchten also nicht zu hungern. Während Halef das Essen ordnete, ließ ich den jungen Haddedihn mit der angezündeten zweiten Kerze hinaus auf den Flur gehen. Die Thüre führte nämlich gleich neben der Ecke des Hauses in dasselbe, und der Flur wurde also von der Grundmauer und der Zimmerwand gebildet. Als Amad mit dem Lichte draußen stand, stieg ich auf das Dach und untersuchte den Fußboden desselben sehr genau. Endlich bemerkte ich über dem Flur, welchen das Licht Amads erhellte, eine sehr dünne Spalte, die ein regelmäßiges Viereck bildete. Ich fuhr mit dem Messer hinein und — hob einen viereckigen Deckel empor. Das Geheimnis war entdeckt.
Nach weiterem Suchen fand ich über den beiden Wohnräumen einige schadhafte Stellen, welche es ermöglichten, hinabzusehen und nicht nur alles zu überblicken, sondern auch das Gespräch der darunter Befindlichen zu belauschen.
Jetzt stieg ich wieder hinab, machte kurzen Prozeß, faßte meinen Rappen beim Zügel und führte ihn in die Stube.
»Hallo!« rief der Engländer. »Was ist los?«
»Holt Euer Pferd auch herein, denn auf diese war es wohl abgesehen. Da draußen über dem Flur ist ein Loch, durch welches man hinabsteigen und die Thüre öffnen kann. Die Kurden hätten gewartet, bis wir schliefen, und wären dann mit unseren Pferden davongegangen.«
»Ist richtig, sehr richtig! Werden das thun! Yes!«
Auch die andern waren einverstanden. Die Fenster wurden verhangen, die Pferde in das hintere Gemach gebracht; dann zog ich die Leiter in den Flur und schaffte den Hund auf das Dach hinauf. Nun konnten die Kurden immerhin über die Mauer in den Hof steigen; sie fanden ihn leer und mußten wieder abziehen. Vielleicht irrte ich mich auch, und sie hegten gar keine diebischen Absichten; dann war es um so besser.
Jetzt nun konnten wir endlich auch über unsere weiteren Pläne sprechen. In Amadijah war dies nicht geschehen, weil uns da jeder Augenblick etwas Neues bringen konnte, und unterwegs waren wir nur bedacht gewesen, schnell vorwärts zu kommen. Es handelte sich natürlich um den Weg, welcher uns zurück nach dem Tigris führen sollte.
»Der kürzeste Pfad geht durch das Gebiet der Dschesidi,« meinte Mohammed Emin.
»Den dürfen wir nicht nehmen,« antwortete Amad. »Man hat mich da gesehen und würde mich erkennen.«
»Er ist auch in anderer Beziehung nicht sicher,« fügte ich hinzu, »besonders da wir nicht wissen, wie der Gouverneur von Mossul seinen Bericht abgefaßt hat. Direkt nach Westen können wir nicht.«
»So bleiben uns zwei Wege,« erklärte Mohammed. »Der eine geht durch Tijari nach dem Buthan und der andere führt uns auf den Zab hinunter.«
»Beide sind gefährlich, weniger für den entflohenen Gefangenen als vielmehr im allgemeinen. Aber ich ziehe den Weg nach Süden vor, wenn er uns auch in das Gebiet der Abu Salman bringt.«
Dieser Ansicht stimmten die anderen bei, und dem Engländer war alles recht. Es wurde daher beschlossen, über Gumri nach Lizan zu reiten, von da aus dem Flusse zu folgen, bis er seine große Wendung in das Land der Schirwan- und Zibar-Kurden macht, und diesen Bogen durch einen Ritt quer über die Berge von Tura Ghara und Haïr abzuschneiden. Dann mußten wir an die Ufer des Akra gelangen, der uns wieder an den Zab brachte.
Nachdem wir hierüber einig geworden waren, legten wir uns zur Ruhe. Ich schlief sehr fest und erwachte durch einen Stoß, den ich von dem neben mir liegenden Engländer erhielt.
»Master!« flüsterte er. »Schritte draußen! Schleicht jemand!«
Ich horchte gespannt, aber die Pferde waren nicht sehr ruhig, und so konnte man sich nicht auf das Gehör verlassen.
»Es wird nichts zu bedeuten haben,« meinte ich. »Wir sind doch nicht in einer offenen Wildnis, wo jedes Geräusch, von einem Menschen verursacht, das Nahen einer Gefahr verkündet. Man wird im Dorfe wohl noch nicht schlafen gegangen sein.«
»Mögen es thun! Sich auf die Nase legen! Well! Gute Nacht, Master!«
Er drehte sich auf die andere Seite. Nach einiger Zeit aber horchte er wieder auf. Auch ich hatte jetzt deutlich ein Geräusch vom Hofe her vernommen.
»Sind im Hofe,« raunte Lindsay mir zu.
»Es scheint so. Merkt Ihr, was für einen guten Hund ich habe? Er hat verstanden, daß er nur auf das Dach aufzupassen hat, und darum giebt er jetzt noch keinen Laut von sich.«
»Edle Rasse! Will die Kerls nicht verscheuchen, sondern fangen!«
Jetzt aber dauerte es lange, bis wir wieder einzuschlafen vermochten, vielleicht über eine halbe Stunde, da vernahm ich an der Vorderseite des Hauses leise Schritte. Ich stieß Lindsay.
»Höre es schon!« meinte er. »Was aber haben sie vor?«
»Sie werden glauben, daß wir die Pferde in den Flur gezogen haben, und legen nun von außen eine Leiter an, um auf das Dach und durch dasselbe herunter zu den Tieren zu gelangen. Wenn ihnen dieses glückte, so brauchten sie nur die vordere Thüre zu öffnen, um mit unseren Pferden davonzugehen.«
»Soll ihnen nicht gelingen!«
Kaum hatte er dies gesagt, so erscholl fast grad über uns der laute Schrei einer menschlichen Stimme und das kurze, kräftige Anschlagen des Hundes.
»Hat ihn!« jubelte Lindsay.
»Pst, leise!« mahnte ich.
Auch die andern waren aufgewacht und lauschten.
»Werde nachsehen,« meinte der Engländer.
Er erhob sich und schlich hinaus. Es dauerte wohl fünf Minuten, bis er zurückkam.
»Sehr schön! Yes! Ausgezeichnet! War oben. Da liegt ein Kerl und über ihm der Hund. Wagt nicht, zu reden oder sich zu rühren. Und unten auf der Gasse viel Kurden. Sprechen auch nicht.«
»So lange der Hund nicht lauter wird, sind wir in Sicherheit. Aber wenn sie mehrere Leitern anlegen, so müssen wir hinauf.«
Wir lauschten wieder eine lange Zeit. Da erscholl ein fürchterlicher Schrei — es war ein Todesschrei, daran war gar nicht zu zweifeln — und sofort ein zweiter und gleich darauf wieder das laute, Sieg verkündende Bellen des Hundes.
Jetzt konnte es gefährlich werden. Wir erhoben uns. Ich rief Halef zu mir; denn seiner war ich am sichersten. Wir traten leise hinaus auf den Flur und stiegen die Leiter empor auf das Dach. Ein menschlicher Körper lag auf demselben. Ich untersuchte ihn; er war tot; der Hund hatte ihm das Genick zermalmt. Wo dieser sich jetzt befand, verriet mir ein leiser, leiser Ton, mit dem er mich bewillkommnete. Vielleicht fünf Schritte von dem Toten lag ein zweiter Körper, und auf demselben hatte sich der Hund ausgestreckt. Eine einzige Bewegung brachte dem unter ihm liegenden Menschen den sicheren Tod.
Wenn ich die Augen recht anstrengte, sah ich unten allerdings viele Leute stehen. Es war kein Zweifel, daß sich das ganze Dorf beteiligt hatte, den Pferdediebstahl oder gar noch etwas anderes auszuführen. Der erste, welcher das Dach erstiegen hatte, war von dem Hunde niedergerissen worden, und sein Schrei hatte die andern zur Vorsicht gemahnt. Als aber der zweite heraufgekommen war, hatte sich der Hund nicht anders zu helfen gewußt, als daß er den vorigen erbiß, um den jetzigen packen zu können.
Was sollten wir thun!
Ich stieg hinab und ließ Halef als Wächter oben. Eine kurze Beratung ergab, daß wir uns vollständig schweigsam verhalten wollten, um am Morgen thun zu können, als ob wir gar nichts gehört hätten. Gefährlich war unsere Lage im höchsten Grade, obgleich wir uns selbst gegen einen noch zahlreicheren Feind recht gut hätten verteidigen können; aber wir hätten das ganze vor uns liegende Land in ein uns feindliches verwandelt, während es uns doch auch nicht möglich war, wieder umzukehren.
Da klopfte es sehr laut an den Eingang des Hauses. Die Kurden hatten Beratung gehalten, und wir sollten nun das Ergebnis derselben erfahren. Wir zündeten eine der Kerzen wieder an und traten mit unseren Waffen hinaus auf den Flur.
»Wer klopft?« erkundigte ich mich.
»Chodih, öffne!« antwortete der Nezanum. Ich erkannte ihn an der Stimme.
»Was willst du?« fragte ich.
»Ich muß dir etwas Wichtiges sagen.«
»Du kannst es so auch sagen.«
»Ich muß drin bei euch sein!«
»So komm herein!«
Ich fragte ihn gar nicht erst, ob er allein sei; denn es sollte keinem zweiten gelingen, einzutreten. Die Gefährten legten ihre Gewehre an; ich zog den Balken weg und stellte mich so hinter die Thüre, daß sie nur halb geöffnet werden und also auch nur einem einzelnen Manne den Eintritt lassen konnte. Als er die auf sich gerichteten Waffen sah, blieb er in der Thüröffnung stehen.
»Chodih! Ihr wollt auf mich schießen?«
»Nein. Wir halten uns nur für alles bereit. Es könnte doch auch ein anderer, ein Feind sein!«
Er kam vollends herein, und ich schob den Balken wieder vor.
»Was willst du, daß du uns in unserer Ruhe störst?« begann ich nun.
»Ich will euch warnen,« antwortete er.
»Warnen! Wovor?«
»Vor einer sehr großen Gefahr. Ihr seid meine Gäste, und daher ist es meine Pflicht, euch aufmerksam zu machen.«
Sein Blick forschte ringsum und fiel auf die Leiter und auf das geöffnete Loch im Dache.
»Wo habt ihr eure Pferde?« fragte er.
»Drin in der Stube.«
»In der Stube? Chodih, diese ist doch nur für Menschen gemacht!«
»Ein gutes Pferd ist dem Reisenden mehr wert als ein schlechter Mensch!«
»Der Besitzer dieses Hauses wird zornig sein, denn die Hufe der Tiere werden ihm seine Diele zerstampfen.«
»Wir werden ihn entschädigen.«
»Warum habt ihr die Leiter hereingenommen?«
»Sie gehört herein, da keine Treppe vorhanden ist.«
»Habt ihr geschlafen?«
Ich bejahte, und er fragte weiter:
»Habt ihr Geräusch gehört?«
»Wir hörten draußen vor dem Hause Leute gehen, aber das können wir ihnen nicht verbieten. Doch wir hörten auch Leute in den Hof steigen, und das war uns nicht lieb. Der Hof ist unser. Wären unsere Pferde noch draußen gewesen, so hätten wir auf die Eindringlinge geschossen, da wir sie für Diebe hätten halten müssen.«
»Pferde können nicht über die Mauer fortgeschafft werden, und du hast ja wohl auch den Hund im Hofe, den ich heute bei dir gesehen habe.«
Das war eine Wendung, auf die ich nicht einging.
»Das wissen auch wir, daß man die Pferde nicht über die Mauer bringt; aber man konnte sie hier durch den Flur führen.«
»Man kann ja nicht herein!«
»Laß deine Gedanken etwas weiter reichen, Nezanum! Wenn man auf das Dach und von da hier herunter steigt, so kann man die Hof- und auch die Vorderthüre öffnen und alle Pferde entführen, zumal wenn man die Stubenthüre hier mit dem Riegel verschließt. Wir hätten dann drin gesteckt, ohne uns wehren zu können.«
»Wer sollte auf das Dach steigen!«
»Oh, es hatte sich ja bereits ein Mann da oben versteckt und die Leiter mit emporgezogen. Das erweckte natürlich unsern Verdacht, und so haben wir die Pferde zu uns hereingenommen. Und wenn auch nun hundert auf das Dach steigen wollten, sie würden wohl hinauf, aber nicht in das Innere des Hauses kommen, und am Morgen würden ihre Leichen auf dem Dache liegen.«
»Würdet ihr sie töten?«
»Nein, wir würden ruhig schlafen; denn wir wissen, daß wir uns auf meinen Hund, der oben ist, verlassen können.«
»Aber ein Hund gehört doch nicht auf das Dach!«
»Ein Hund gehört überall dahin, wo es gilt, wachsam zu sein, und ich will dir sagen, daß die Hunde der Tschermaki des Nachts sehr gern auf den Dächern spazieren gehen. Aber du wolltest uns ja warnen! Wovor? Du hast uns die Gefahr noch nicht genannt.«
»Es wurde vorhin einem Bewohner des Dorfes seine Leiter gestohlen, und als er sie suchte, fand er sie an eurem Hause lehnen. Es standen einige fremde Leute dabei, die aber schnell entflohen. Da dachten wir, daß es Diebe seien, die in euer Haus eindringen wollten, und daher bin ich gekommen, um es euch zu sagen.«
»Ich danke dir! Aber du kannst ruhig sein und wieder gehen, und auch wir werden uns wieder niederlegen; denn der Hund wird keinen Dieb in das Haus kommen lassen.«
»Aber wenn er einen Menschen tötet!«
»Einen einzelnen tötet er nicht; er hält ihn am Boden fest, bis ich komme. Aber wenn ein zweiter so unvorsichtig wäre, nachzusteigen, so wird er den ersten allerdings töten, um den zweiten packen zu können.«
»Chodih, so ist bereits ein Unglück geschehen!«
»Inwiefern denn?«
»Es ist bereits ein zweiter emporgestiegen!«
»Weißt du das gewiß?«
»Ganz gewiß.«
»Oh, Nezanum, so bist du also dabei gewesen, als diese Diebe uns überfallen wollten! Was muß ich von dir und von euer Gastfreundschaft denken!«
»Ich war nicht dabei, sondern man hat es mir gesagt.«
»So ist jener dabei gewesen, welcher es dir sagte!«
»Nein, er hat es auch nur erst vernommen.«
»Das bleibt sich gleich. Wer es zuerst gesagt hat, ist doch bei den Dieben gewesen. Aber was gehen mich diese an! Ich habe keinem Menschen erlaubt, auf mein Dach zu steigen, und wer es dennoch thut, der mag auch zusehen, wie er ohne mich wieder herunterkommt. Gute Nacht, Nezanum!«
»So willst du nicht nachsehen?«
»Ich habe keine Lust dazu!«
»Laß wenigstens mich hinauf!«
»Ich erlaube es dir, denn du bist kein Dieb und kommst erst zu mir, um mich darum zu fragen. Aber hüte dich vor dem Hunde! Wenn er dich bemerkt, wird er dich fassen und vorher den andern totbeißen, falls schon einer oben ist.«
»Ich habe Waffen!« meinte er.
»Er ist schneller als du, und töten darfst du ihn ja nicht; denn du müßtest ein reicher Mann sein, um ihn mir bezahlen zu können!«
»Chodih, gehe mit hinauf! Ich bin der Nezanum, und meine Pflicht gebietet mir, nachzusehen.«
»Wenn du deines Amtes zu walten hast, so werde ich dir diesen Gefallen erweisen. Komm herauf!«
Ich stieg voran, und er folgte. Droben angekommen, sah er sich um und bemerkte den Toten. Unten standen noch ebenso viele Leute, als ich vorhin gesehen hatte.
»Chodih, hier liegt einer!« rief er.
Ich trat hinzu. Er bückte sich und befühlte den Mann.
»Sere men[103], er ist tot! Oh, Herr, was hat dein Hund gethan!«
»Seine Pflicht. Klage nicht über ihn, sondern lobe ihn. Dieser Mann hat wohl den Besitzer dieses Hauses überfallen wollen und nicht geahnt, daß heute Leute hier wohnen, die sich von keinem Diebe oder Mörder überfallen lassen.«
»Aber wo ist der Hund?« fragte er. Ich wies auf die Stelle, und er rief aus:
»Oh, Chodih, es liegt einer unter ihm! Rufe den Hund weg!«
»Ich werde mich wohl hüten; aber sage diesem Manne, daß er sich ja nicht rühren und ja kein Wort sprechen soll, sonst ist er verloren.«
»Du kannst ihn doch nicht während der ganzen Nacht hier liegen lassen!«
»Die Leiche werde ich dir übergeben; aber dieser Lebende bleibt mein.«
»Warum soll er hier bleiben?«
»Wenn noch jemand wagt, dieses Haus oder diesen Hof zu betreten, so wird er von dem Hunde zerrissen. Dieser Mann bleibt als Geisel hier.«
»Und ich verlange ihn!« sagte der Nezanum barsch.
»Und ich behalte ihn!« lautete meine Antwort.
»Ich bin Nezanum und gebiete es dir!«
»Laß das Gebieten bleiben! Willst du die Leiche mitnehmen oder nicht?«
»Ich nehme beide, den Toten und den Lebendigen!«
»Ich will nicht grausam sein, sondern dir versprechen, daß dieser Mann nicht in dieser unbequemen Lage bleiben soll. Ich werde ihn mit herunter in die Stube nehmen. Aber jeder Angriff gegen uns würde seinen Tod zur Folge haben!«
Er legte die Hand auf meinen Arm und sagte ernst:
»Schon dieser eine hier, welchen der Hund erwürgt hat, fordert euern Tod. Oder kennen die Tschermaki die Blutrache nicht?«
»Was redest du von Blutrache? Ein Hund hat einen Dieb erbissen. Das ist kein Fall, welcher die Blutrache herausfordert!«
»Er fordert sie, denn Blut ist geflossen, und euer Tier hat es vergossen.«
»Und wenn es so wäre, so geht es dich nichts an. Du hast selbst zu mir gesagt, daß diese Diebe Fremdlinge sind.«
»Es geht mich sehr viel an, denn das Blut ist in meinem Dorfe geflossen, und die Anverwandten des Toten werden die Rechenschaft auch von mir und von allen meinen Leuten fordern. Gieb beide heraus!«
»Nur den Toten!«
»Schweig!« rief er nun laut, während wir bisher ziemlich leise gesprochen hatten. »Ich befehle es dir abermals. Und wenn du nicht gehorchest, so werde ich mir Gehorsam zu verschaffen wissen!«
»Wie wirst du das machen?«
»Die Leiter liegt noch am Hause. Ich laß meine Leute heraufkommen; sie werden dich wohl zwingen!«
»Du vergissest dabei die Hauptsache: - unten befinden sich vier Männer, die sich vor keinem Menschen fürchten, und hier oben bin ich mit meinem Hunde.«
»Auch ich bin oben!«
»Du würdest sofort unten sein. Paß auf!«
Ehe er es vermuten konnte, faßte ich ihn unter dem rechten Arm und beim linken Oberschenkel und hob ihn empor.
»Chodih!« brüllte er.
Ich ließ ihn wieder nieder.
»Was hätte mich gehindert, dich hinabzuwerfen? Nun gehe und sage deinen Männern, was du gehört hast!«
»Du giebst diesen Mann nicht heraus?«
»Einstweilen noch nicht!«
»So behalte auch den Toten. Du wirst ihn bezahlen müssen!«
Er stieg nicht wieder in das Innere des Hauses, sondern gleich an der Leiter hinab, welche an der Außenseite desselben lehnte.
»Und sage deinen Leuten,« rief ich ihm noch zu, »daß sie fortgehen und diese Leiter mitnehmen sollen. Ich wünsche, dieses Haus frei zu haben, und werde jedem, der vor demselben stehen bleibt, eine Kugel senden!«
Er hatte die Erde erreicht und sprach leise mit den Männern. Ebenso leise wurde ihm geantwortet. Ich konnte kein Wort verstehen. Aber nach einiger Zeit wurde die Leiter weggenommen, und die Versammlung zerstreute sich.
Erst jetzt rief ich dem Hunde zu. Er ließ von dem Manne ab, trat aber nur einen Schritt von ihm weg.
»Stehe auf!« sagte ich zu dem Kurden.
Dieser erhob sich schwerfällig und holte tief Atem. Er war sehr schmächtig von Gestalt, und seine Stimme hatte einen jugendlichen Klang, als er rief: »Chodeh!«[104]
Er sprach nur dies eine Wort aus, aber es klang aus demselben die ganze Fülle der ausgestandenen Todesangst.
»Hast du Waffen bei dir?«
»Ich habe nur diesen Dolch.«
Ich trat zur Sicherheit einen Schritt zurück.
»Lege ihn zu Boden und gehe zwei Schritte von der Stelle weg!«
Er that es, und ich hob den Dolch auf und steckte ihn zu mir.
»Jetzt komm herunter!«
Der Hund blieb oben, und wir stiegen hinab, wo die andern meiner warteten. Ich erzählte ihnen nun, was sich oben zugetragen hatte. Der Engländer betrachtete sich den Gefangenen, welcher höchstens im Anfang der zwanziger Jahre stehen konnte, und sagte dann:
»Master, dieser Kerl sieht sehr ähnlich! Dem Alten! Yes!«
Jetzt fand ich dies auch; vorher hatte ich es nicht bemerkt.
»Wahrhaftig! Sollte es sein Sohn sein?«
»Sicher! Sehr sicher! - Fragt ihn einmal, den Schlingel!«
Verhielt es sich so, dann war allerdings die Sorge des Nezanum um diesen Menschen sehr begründet; aber dann lag auch ein ganz außerordentlicher Bruch der Gastfreundschaft vor.
»Wer bist du?« fragte ich den Gefangenen.
»Ein Kurde,« antwortete er.
»Aus welchem Ort?«
»Aus Mia.«
»Du lügst!«
»Herr, ich sage die Wahrheit!«
»Du bist aus diesem Dorfe!«
Er zögerte nur einen Augenblick, aber es war genug, um mir zu verraten, daß ich recht hatte.
»Ich bin aus Mia!« wiederholte er.
»Was thust du hier so weit von deiner Heimat?«
»Ich bin als Bote des Nezanum von Mia hier.«
»Ich glaube, du kennst den Nezanum von Mia nicht so gut wie den hiesigen; denn du bist der Sohn des letzteren!«
Jetzt erschrak er förmlich, obgleich er sich Mühe gab, dies nicht merken zu lassen.
»Wer hat dir diese Lüge gesagt?« fragte er.
»Ich lasse mich nicht belügen - weder von dir noch von anderen. Ich werde bereits in der Frühe wissen, wer du bist, und dann giebt es keine Gnade, falls du mich betrogen hast!«
Er blickte verlegen vor sich nieder. Ich mußte ihm zu Hilfe kommen: »Wie du dich verhältst, so wirst du behandelt. Bist du aufrichtig, so will ich dir verzeihen, weil du zu jung warst, um dir alles vorher zu überlegen. Verharrst du aber in deiner Verstocktheit, so giebt es keine andere Gesellschaft für dich, als meinen Hund!«
»Chodih, du wirst es doch erfahren,« antwortete er nun. »Ja, ich bin der Sohn des Nezanum.«
»Was suchtet ihr in diesem Hause?« fuhr ich in dem Verhöre fort.
»Die Pferde!«
»Wie wolltet ihr sie fortbringen?«
»Wir hätten euch eingeriegelt und die beiden Thüren geöffnet; dann waren die Pferde unser.«
Dieses Geständnis war gar nicht genug beschämend für ihn, denn bei den Kurden gilt der Pferdediebstahl ebenso wie der offene räuberische Ueberfall für eine ritterliche That.
»Wer ist der Tote, welcher oben liegt?«
»Der Besitzer dieses Hauses.«
»Sehr klug! Er mußte vorangehen, weil er die Schliche am besten kannte. Aber warum bist grad du ihm gefolgt? Es waren doch noch andere und stärkere Männer vorhanden!«
»Der Hengst, welchen du rittest, Chodih, sollte meinem Vater gehören, und ich mußte dafür sorgen, daß kein anderer ihn beim Zügel ergriff; denn wer ein Pferd zuerst ergreift, hat das Recht darauf.«
»Also dein Vater hat selbst den Diebstahl anbefohlen? Dein Vater, welcher mir die Gastfreundschaft zusagte!«
»Er hat sie dir zugesagt, aber ihr seid dennoch nicht unsere Gäste.«
»Warum nicht?« fragte ich verwundert.
»Ihr wohnt allein in diesem Hause. Wo habt ihr den Wirt, dessen Gast ihr seid? Hättet ihr verlangt, daß der Besitzer dieser Wohnung in derselben bleiben solle, so wäret ihr unsere Gäste gewesen.«
Hier bekam ich eine Lehre, welche mir später nützlich sein konnte.
»Aber dein Vater hat mir ja Sicherheit versprochen und gelobt!«
»Er braucht sein Versprechen nicht zu halten, da ihr nicht unsere Gäste seid.«
»Mein Hund hat den Wirt getötet. Ist dies bei euch ein Grund zur Blutrache?«
Er bejahte es, und ich examinierte weiter:
»Wer ist der Rächer?«
»Der Tote hat einen Sohn hier.«
»Ich bin mit dir zufrieden. Du kannst nach Hause gehen!«
»Chodih,« rief er freudig erstaunt, »ist dies dein Ernst?«
»Ja. Ich habe dir gesagt, daß du behandelt werden sollst ganz so, wie du dich verhältst. Du bist aufrichtig gewesen, und so sollst du deine Freiheit haben. Sage deinem Vater, daß die Tschermaki sehr friedliche Leute sind, die zwar keinem Menschen nach dem Leben trachten, aber sich auch, wenn man sie beleidigt oder gar angreift, gehörig zu verteidigen wissen. Daß der Wirt gestorben ist, das thut mir leid; aber er selbst trägt die Schuld daran, und ich werde den Rächer seines Blutes nicht fürchten.«
»Du könntest ihm ja den Preis bezahlen. Ich will mit ihm reden.«
»Ich bezahle nichts. Hätte der Mann uns nicht berauben wollen, so wäre ihm nichts Uebles geschehen.«
»Aber Herr, man wird euch töten, einen wie den andern, sobald der Tag anbricht!«
»Obschon ich dir die Freiheit und das Leben geschenkt habe?«
»Ja, dennoch! Du bist gut gegen mich, und darum will ich dich warnen. Man will eure Pferde, eure Waffen und auch euer Geld haben, und so wird man euch nicht erlauben, das Dorf zu verlassen, bis ihr dies alles hergegeben habt. Und außerdem wird der Rächer noch dein Blut verlangen.«
»Man wird weder unser Geld noch unsere Waffen und Pferde erhalten, und mein Leben steht in der Hand Gottes, aber nicht in der Hand eines Kurden. Ihr habt unsere Waffen gesehen, als ich nach einem Baum und einem Zweige schoß; ihr werdet ihre volle Wirkung kennen lernen — erst dann, wenn wir auf Menschen zielen.«
»Chodih, eure Waffen werden uns nichts thun; denn wir werden uns in die beiden Häuser legen, welche hier gegenüber stehen, und können euch durch die Fenster niederschießen, ohne daß ihr uns zu sehen bekommt.«
»Also eine Belagerung!« bemerkte ich. »Sie wird nicht lange dauern.«
»Das wissen wir. Ihr habt nichts zu essen und zu trinken und müßt doch endlich geben, was wir verlangen,« meinte der junge Kurde.
»Das fragt sich sehr! Sage deinem Vater, daß wir Freunde des Bey von Gumri sind.«
»Darauf wird er nicht hören. Ein Pferd ist mehr wert als die Freundschaft eines Bey.«
»So sind wir fertig. Du kannst gehen; hier ist dein Dolch!«
»Chodih, wir werden euch die Pferde und alles andere nehmen, aber wir werden euch als wackere und gute Männer ehren!«
Das war so naiv, wie nur ein Kurde sein kann. Ich ließ ihn zur Thür hinaus, während sich hinter mir laute Stimmen erhoben.
»Master,« rief Lindsay, »Ihr laßt ihn frei?«
»Weil es besser für uns ist.«
»So erzählt doch! Was sagte er? Muß alles wissen! Yes!«
Ich berichtete mein ganzes Gespräch mit dem Kurden, und die Nachricht, daß der Nezanum es sei, dem wir den Ueberfall zu verdanken hatten, brachte mir eine Flut der kräftigsten Ausdrücke zu Gehör.
»Und du hast diesen Dieb freigelassen, Emir!« sagte Mohammed Emin vorwurfsvoll. »Aber warum?«
»Zunächst aus Teilnahme für ihn, sodann aber auch aus Berechnung. Behalten wir ihn hier, so ist er uns hinderlich, und wir müssen ihn speisen, während wir selbst Mangel haben. Nun aber ist er voll von Dankbarkeit gegen uns und wird eher zur Sühne als zum Streite raten. Wir wissen nicht, was vorkommen kann, und werden nur dann sicher sein und ohne Erschwerung handeln können, wenn wir unter uns allein sind.«
Diese Ansicht erhielt die Zustimmung aller. Vom Schlafe war ohnehin keine Rede mehr, und so beschlossen wir, auf unserer Hut zu sein.
Da stieß mich Halef am Arm und sagte:
»Sihdi, da hast du doch nun Zeit, an das Geschenk zu denken, welches mir der Mann in Amadijah für dich gegeben hat.«
Ja richtig, an das Etui hatte ich ja gar nicht mehr gedacht.
»Bringe es her!«
Ich öffnete und konnte einen Ruf der Bewunderung nicht unterdrücken. Das Etui war von sehr schöner, sauberer Arbeit, aber was war es im Vergleich zu seinem Inhalt! Ein persisches Kaliuhn[105] zum Tabakrauchen beim Reiten befand sich darin. Es war eine teuere Pfeife, um deren Besitz mich sogar der Engländer beneiden wollte. Schade, daß ich sie nicht gleich anrauchen konnte, da wir nur einige Schlucke Wasser hatten!
»Gab er dir auch etwas, Halef?« fragte ich den Diener.
»Ja, Sihdi. Fünf goldene Medschidje. Sihdi, es ist doch manchmal gut, daß Allah auch tolle Kirschen wachsen läßt, wie du jene Beere nennst. Allah illa Allah! Er weiß am besten, was er thut!« — —
Als der Tag zu grauen begann, begaben wir uns auf das Dach, von wo aus wir den größten Teil des Dorfes überblicken konnten. Wir sahen nur in der Ferne einige Männer stehen, welche unser Haus zu beobachten schienen; in der Nähe aber regte sich niemand. Nach kurzer Zeit that sich jedoch die Thüre eines der gegenüberliegenden Häuser auf, und es traten zwei Männer hervor, welche zu uns herüberkamen. Auf der Mitte des Weges blieben sie stehen.
»Werdet ihr schießen?« fragte der eine.
»Nein. Ihr habt uns ja noch nichts gethan,« antwortete ich.
»Wir sind ohne Waffen. Dürfen wir den Toten holen?«
»Kommt herauf!«
Halef stieg hinab, um die Thüre zu öffnen, und die beiden Kurden kamen auf das Dach.
»Seid ihr verwandt mit dem Toten?« redete ich sie an.
»Nein. Wenn wir Verwandte desselben wären, kämen wir nicht herauf zu dir, Chodih.«
»Warum nicht?«
»Wir könnten ihn besser rächen, wenn du uns nicht kennst.«
Wieder eine Lehre, welche mir bewies, wie viel ein Mensch zu lernen hat.
»Schafft ihn fort!« sagte ich.
»Wir haben dir zuvor eine Botschaft von dem Nezanum auszurichten.«
»Was läßt er uns sagen?«
»Er sendet dir seinen Dank dafür, daß du ihm den Sohn geschickt hast, der doch in deinen Händen war.«
»Ist dies alles?«
»Sodann fordert er von euch die Pferde, die Waffen und alles Geld, das ihr bei euch habt. Dann sollt ihr in Frieden ziehen dürfen. Eure Kleider hat er nicht verlangt, weil du barmherzig gegen seinen Sohn gewesen bist.«
»Sagt ihm, daß er nichts bekommen wird.«
»Du wirst es dir anders überlegen, Chodih! Aber wir haben dir auch noch eine andere Botschaft zu bringen.«
»Von wem?«
»Von dem Sohne dieses Toten.«
»Was läßt er mir sagen?«
»Du sollst ihm dein Leben geben.«
»Ich will es ihm geben.«
»Herr, ist dies wahr?« fragte der Mann erstaunt.
»Ja. Sage ihm, er soll zu mir kommen und es sich mitnehmen!«
»Herr, du scherzest in einer ernsten Sache. Wir haben den Auftrag, dein Leben oder den Blutpreis zu fordern.«
»Wie viel verlangt er?«
»Vier solche Gewehre, wie du hast, mit denen man immerfort schießen kann, und fünf solche kleine Pistolen, aus der du sechs Schüsse thatest. Sodann drei Pferde und zwei Maultiere.«
»Ich habe diese Sachen nicht!«
»So schickst du nach ihnen und bleibst so lange hier, bis sie kommen.«
»Ich gebe nichts!«
»So wirst du sterben müssen. Siehst du den Gewehrlauf dort aus dem Fenster ragen? Das ist sein Gewehr. Von dem Augenblick an, da ich ihm deine Antwort bringe, wird er auf dich schießen.«
»Er mag es thun.«
»Und ihr wollt auch das andere nicht geben?«
»Nein. Holt euch selbst unsere Habe!«
»So mag der Kampf beginnen!«
Sie hoben ihren Toten auf und trugen ihn auf der Leiter hinab und zum Hause hinaus. Wir verriegelten hinter uns die Thüre. Natürlich mußte ich den Gefährten die Forderung der beiden Abgesandten verdolmetschen. Die Araber waren sehr ernst; sie kannten die Tücken und Grausamkeiten der Blutrache zu genau; aber der Engländer schnitt ein vergnügtes Gesicht.
»Oh, herrlich! Belagerung! Bombardement! Bresche schießen! Sturm laufen! Well! Werden es aber nicht thun, Sir!«
»Sie werden es thun, Master Lindsay; sie werden uns bombardieren und auf uns schießen, sobald wir uns sehen lassen, denn — — —«
Als augenblickliche Betätigung meiner Worte fiel ein Schuß, noch einer, drei, vier — — — und dazu hörten wir Dojan laut auf dem Dache bellen. Ich eilte zur Leiter empor und steckte den Kopf vorsichtig aus der Bodenöffnung heraus. Es bot sich mir ein spaßhafter Anblick. Man schoß aus den beiden Häusern da drüben auf den Hund. Dieser merkte das und bellte die an ihm vorüberfliegenden Kugeln an. Ich rief ihn zu mir her, nahm ihn auf die Arme und trug ihn hinab.
»Seht Ihr's, Master, daß ich recht habe? Sie schossen bereits auf den Hund.«
»Well! Werde probieren, ob auch auf Menschen!«
Er öffnete die Thüre des Hauses und trat zwei Schritte vor dasselbe hinaus.
»Was fällt Euch ein, Sir! Wollt Ihr gleich hereinkommen?«
»Pshaw! Haben schlechtes Pulver. Hätten sonst den Hund getroffen!«
Drüben krachte ein Schuß, und die Kugel flog in die Mauer. Lindsay sah sich um und deutete mit dem Zeigefinger auf das Loch, welches sie gebohrt hatte, um dem Schützen zu zeigen, daß er auf beinahe vier Ellen weit gefehlt habe. Eine zweite Kugel hätte ihn beinahe getroffen; da trat ich hinaus, faßte ihn und schob ihn hinein. Nun erscholl drüben ein lauter Schrei; ein dritter Schuß krachte, und die Kugel traf ganz in der Nähe meiner Achsel an die Kante der Thüre. Das war sicher des Toten Sohn gewesen, welcher mir durch seinen Ruf andeuten wollte, daß die Kugel aus dem Gewehre des Bluträchers komme. Es war also nun wirklich Ernst geworden.
»Sihdi,« meinte Halef, »schießen wir nicht auch?«
»Jetzt noch nicht.«
»Warum jetzt nicht? Wir schießen besser wie sie, und wenn wir auf ihre Fenster zielen, so werden sie sich sehr in acht zu nehmen haben.«
»Das weiß ich. Aber wir wollen zunächst sehen, ob wir ihnen nicht entrinnen können, ohne einen von ihnen töten zu müssen. Es ist genug an dem Erbissenen.«
»Wie wollen wir entrinnen? Sobald wir mit den Pferden vor die Thüre kommen, werden wir Kugeln erhalten.«
»Aber diese Leute wollen ja die Pferde haben und werden diese also nicht treffen wollen. Wenn wir uns hinter die Tiere verstecken, so schießen sie vielleicht nicht.«
»Oh, Sihdi, ehe sie uns mit den Pferden entkommen lassen, werden sie dieselben lieber töten!«
Das war allerdings wahr. Ich sann und sann, um ein Mittel zu finden, uns ohne Blutvergießen aus dieser fatalen Lage zu befreien; vergeblich! Da erbarmte sich der Engländer meiner.
»Worüber nachdenken, Sir?«
Ich sagte es ihm.
»Warum sollen wir nicht schießen, wenn sie schießen? Dann sind einige kurdische Diebe weniger! Was weiter? Könnten fortkommen, ganz gut! Ohne einen Schuß! — Hm! Geht aber nicht!«
»Warum nicht?«
»Blamieren uns! Würde aussehen wie Flucht! Wäre skandalös!«
»Das kann uns gleichgültig sein. Ihr wißt, Sir, daß ich mich gewiß nicht zu etwas entschließen werde, was uns in Wirklichkeit blamiert. Also sagt mir Euren Plan.«
»Müssen erst wissen, ob wir auch von hinten belagert werden.«
»Da giebt es kein Gebäude.«
»Aber vom Felde aus!«
»Nun, weiter!«
»Könnten ja ein Loch in die Mauer machen!«
»Ah, wirklich; das ist kein übler Gedanke!«
»Well! Sehr gut! Ausgezeichnet! Kommt von Master Lindsay! Yes!«
»Aber die Werkzeuge fehlen uns!«
»Habe ja meine Hacke!«
Allerdings hatte er sein >Häcklein< stets am Sattel mit sich geführt; das Ding aber paßte wohl, um das Loch für eine Pflanze in ein Gartenbeet zu machen, nicht aber, um eine Mauer einzureißen.
»Diese Hacke ist zu schwach, Sir. Vielleicht ist im Hofe ein Werkzeug zu finden. Kommt heraus!«
Ich teilte den anderen den Plan des Engländers mit, und sie begleiteten uns. Ich stieg auf die Mauer und sah, daß man dieser Seite des Hauses gar keine Beachtung geschenkt habe; denn nirgends war ein Mensch zu sehen. Die Kurden nahmen jedenfalls an, daß wir der Pferde wegen das Haus nur durch den vorderen Eingang verlassen könnten, und daß sie infolgedessen nur diesen zu blockieren brauchten, um uns in der Falle zu fangen.