Vierter
Abschnitt.
Die Alchemie im Orient.
1. Erste arabische Übersetzungen und Schriften.
Einleitung.
Fast unmittelbar nach dem Tode MUHAMMEDS (570–632) begannen die Araber ihre Siegeszüge, nahmen auf die gewaltige Schlacht bei Kadesia hin, in der 636 das persische Reich zusammenbrach, alsbald dessen fruchtbarste Gegenden (Mesopotamien, Chuzistan) in Besitz, erstürmten Damaskus und Jerusalem und eroberten bereits 640 die oströmische Provinz Syrien; sie begegneten in diesen Ländern einer so hochentwickelten, von ihrer eigenen so verschiedenen und sie in jeder Hinsicht so himmelweit überragenden Kultur, daß die Art, in der sie diese vom ersten Augenblicke an richtig zu würdigen verstanden und sofort zu ihrem eigenen Besten nutzbar zu machen begannen, den denkwürdigsten und erstaunlichsten Tatsachen der Weltgeschichte zugezählt werden darf.
In Mesopotamien, namentlich aber in Syrien, hatte die griechische Litteratur schon frühzeitig festen Boden gefaßt, und griechische Werke philosophischen und medizinischen Inhaltes wurden vielleicht bereits seit dem 4. Jahrhundert, in weiterem Umfange aber seit den Austreibungen der Nestorianer aus dem byzantinischen Reiche (431 und 489), unmittelbar in das Syrische übersetzt. Ganz besonders tat sich hierbei der Mönch SERGIUS von RESAIN oder Rîschʿaïnâ hervor (gest. 536), der in Alexandria studiert haben soll und zahlreiche theologische, philosophische, medizinische, physikalische und mystische Schriften ins Syrische übertrug[3643]; die Behauptung, er habe auch astrologische und alchemistische Abhandlungen übersetzt, ist unerwiesen und gründet sich wohl nur auf das Vorhandensein von mancherlei Pseudepigraphen, die sein berühmter Name noch in späterer Zeit zu decken hatte, — denn eine lebhafte Übersetzungs-Tätigkeit ins Syrische hielt bis in das 8., ja bis in das 10. Jahrhundert hinein an und wurde erst von da ab durch die aus dem Griechischen und Syrischen in das Arabische abgelöst[3644].
Daß es hingegen mindestens schon seit dem 5. oder 6. Jahrhundert von anderen Autoren angefertigte syrische Übertragungen astrologischer, hermetischer und alchemistischer Bücher gegeben habe, ist durchaus wahrscheinlich, und schon weiter oben wurde auf diesen Punkt verschiedentlich hingewiesen. Durch syrische Vermittlung erhielten daher wohl auch die Araber die erste Kunde von einer Litteratur, die ihnen bis dahin in jeder Hinsicht völlig fremd gewesen war, — entgegen einer weitverbreiteten Annahme auch in astrologischer; hatten doch, wie ALBIRUNI (um 1000) erzählt[3645], die Araber daheim vom Himmel und den Himmels-Erscheinungen nicht mehr Kenntnisse als die Bauern allerorten, d. h. sie beobachteten Aufgänge, Stellungen, Aussehen, Lichtfarben usf. der Gestirne[3646], und verehrten zwar, wie alle Westsemiten, Mond und Sterne[3647], schrieben jedoch den Planeten keinerlei besondere oder bestimmende Wirkungen zu.
Eine eigene, d. h. selbständige arabische Litteratur hermetischen und alchemistischen Inhaltes scheint, soweit die noch sehr dürftigen Kenntnisse in dieser Beziehung ein Urteil gestatten, als Fortsetzung der hellenistischen und syrischen zuerst in harranischen (ssabischen) Kreisen entstanden zu sein[3648], und zwar erst zur Zeit der Herrschaft der Abbassiden. Dagegen besaß man schon um das Ende der Omajjaden-Dynastie (661–750) arabische Übersetzungen astronomischer und astrologischer Werke, u. a. der dem HERMES und ZOROASTER zugeschriebenen aus dem Syrischen, sowie der des „babylonischen“ TINKALOS (d. i. des griechischen TEUKROS) aus dem Mittelpersischen (Pehlewi)[3649]; Übertragungen alchemistischer Schriften aus dem Griechischen tauchen sogar, soferne man den vorliegenden Berichten Glauben schenken darf, bereits etwa 50 Jahre nach der Inbesitznahme Alexandrias (641) auf.
Es ist bekannt, daß die Araber, wie zahlreiche ihrer anderen anfänglichen Eroberungen, so auch die Ägyptens (von 641 an) auf das Schonendste vollzogen, unter derart weitgehender Berücksichtigung der bestehenden Verhältnisse, — immer abgesehen von der politischen Obmacht —, daß die große Masse einer seit jeher gänzlich passiven und das Aussaugungs-System jeder Regierung widerstandslos hinnehmenden Einwohnerschaft kaum zum Bewußtsein gekommen sein mag, abermals den Herrn gewechselt zu haben. Daher fiel es den Arabern leicht, alsbald nähere Beziehungen mit den Einheimischen anzuknüpfen, vor allem auch mit den hellenistisch gebildeten Elementen der städtischen Bevölkerung, und da sie, wie bereits erwähnt, ebenso fähig waren, die Vorteile überlegener Kultur zu erkennen, wie bestrebt und begabt, sie sich zu eigen zu machen, bahnten sich schon nach kurzem die Anfänge jener Übermittler-Rolle an, die ihnen so ungeheure Wichtigkeit für die ganze geistige Entwicklung Europas verleihen sollte.
Begreiflicherweise und auch der nationalen Veranlagung gemäß erstreckten sich die erwähnten Aneignungen zunächst auf das praktisch Wichtige und Wertvolle, also auf alles Das, was mit Kriegstüchtigkeit und Gesundheitspflege, mit Ertragsfähigkeit und Bereicherung des Landes, mit Handel und Verkehr, oder mit Produktion und Technik zusammenhing. Nicht vom wissenschaftlichen Standpunkte aus, der ihnen noch gänzlich ferne lag, sondern der (wenn auch nur vermeintlichen) praktischen Bedeutung wegen wurden daher die Araber schon sehr frühzeitig auch auf das Treiben der Gold- und Silber-Macher aufmerksam, und daß dies geschehen konnte und geschah, beweist zugleich, daß alchemistische Bestrebungen bis in das 7. Jahrhundert hinein lebendig geblieben waren und sich auch damals noch, besonders wohl in Alexandria, fortdauernder und eifriger Pflege seitens gewisser Kreise erfreuten; daß die Araber griechische Kunstworte und Termini nur von griechisch sprechenden Lehrmeistern und Laboranten übernommen haben können, ist eine naheliegende und u. a. schon von SCHMIEDER mit Klarheit ausgesprochene Schlußfolgerung[3650].
Eingehendes Interesse für Alchemie soll zuerst der omajjadische Prinz KHALID IBN JAZID IBN MUʿAWIJAH (635–704) bekundet haben[3651], der bei seinen fruchtlosen Bemühungen, das Khalifat zu erlangen, schwere Enttäuschungen erlitt und seither in Alexandria zum Zeitvertreib und aus Liebhaberei medizinische, astrologische und alchemistische Studien betrieb; nach den in ALNADIMS „Fihrist“ (abgeschlossen 987) und bei ALDSCHAHIZ (9. Jahrhundert) erhaltenen Nachrichten[3652] war er es, auf dessen Befehl die ältesten Übersetzungen arabischer Werke aus dem Griechischen und Koptischen [?] angefertigt wurden[3653], und auch er selbst, der im Rufe größter Gelehrsamkeit stand[3654], schrieb alchemistische Werke, u. a. ein Lehrgedicht „Paradies der Weisheit“ in 2315 Versen oder Strophen[3655]. Von diesen blieb durch ALMASʿUDI (gest. 956) eine einzige erhalten, „die die Goldbereitung in dunkler Form schildert“[3656] und in freier Übersetzung lautet:
In Prosa und wohl genauer gibt sie E. WIEDEMANN wie folgt wieder[3658]: „Nimm Talk (Glimmer, Gips), Uschschak (= Ammoniak-Harz?), ferner was man an den Wegen findet, sowie eine Substanz, die dem Baurak gleicht, und wäge es ab ohne einen Fehler zu machen; dann, wenn Du Gott, Deinen Herrn, liebst, wirst Du zum Gebieter der Schöpfung gemacht werden.“
Als Lehrer des KHALID IBN JAZID nennt der „Fihrist“ den MORIENES (MORIENUS, MARINOS, MARIANOS), einen alexandrinischen Gelehrten, Arzt und Schriftsteller aus der Zeit der arabischen Eroberung, der selbst wieder seine Weisheit von dem etwas älteren berühmten Alchemisten ADFAR (später auch IBN ADFAR, IBN ADSCHAR geheißen?) überkommen haben soll[3659]. Unter dem Titel „Buch des MORIENUS“ ist eine alchemistische Abhandlung auf uns gelangt, jedoch nur in lateinischer Übersetzung, an deren Echtheit Zweifel erhoben wurden. Ihr Verfertiger, der sie laut Vorrede und Schlußbemerkung am 21. Februar 1182 glücklich vollendete, nennt sich ROBERTUS CASTRENSIS, und JOURDAIN hält ihn für den anderweitig bekannten ROBERT DE RETINES[3660]. Daß dieser, wie LECLERC will[3661], schon 1143 in Pampelona als Archidiakonus gestorben sei, trifft zwar nach WÜSTENFELD nicht zu, trotzdem könne er aber nicht identisch mit dem fraglichen Übersetzer sein, der sich in der erwähnten Vorrede noch 1182 als Jüngling bezeichne[3662]; was er sich daselbst in seinem sehr schlechten Latein zuspricht (dessen Mängel er ausdrücklich entschuldigt), ist indessen nur „ingenium juvene“ (= juvenile), d. i. „jugendlicher Eifer“, so daß diese Stelle kein unbedingtes Hindernis böte, — da aber der Name öfter vorkommt[3663], und überdies „Castrensis“ ein gebräuchlicher Hoftitel ist, der u. a. schon bei AMMIANUS MARCELLINUS (um 380) auftaucht[3664] und auch noch dem berühmten arabischen Arzte ALRAZI (9. Jahrhundert) beigelegt wird[3665], bleibt die Unsicherheit bestehen. In der Vorrede seines Buches sagt MORIENUS, er sei Römer von Geburt, habe seit dem vierten Jahre nach dem Tode des Kaisers HERKULES (d. i. HERAKLIUS, 603–641) als Eremit nächst Jerusalem gelebt und widme das Werk dem „Könige KHALID von Ägypten, Sohne GEZIDS, Sohne MADOYAS“[3666]. Was seinen Inhalt anbelangt, so wird es an Leere, Unklarheit und albernem Gefasel von keinem späteren übertroffen, enthält aber nichts, was mit den Lehren der letzten griechischen Alchemisten unvereinbar wäre, und führt auch, soweit die oft gänzlich entstellten (wenn nicht willkürlich erfundenen?) Namen der Autoritäten überhaupt eine Deutung zulassen[3667], keine anderen als griechische an; zahlreich begegnen mit dem arabischen Artikel al verschmolzene Ausdrücke, wie Alnatron, Almizadir (= Salmiak), Albaurach (= Borax), Alzebric (= Schwefel)[3668], Almagra (= Amalgam, Legierung, u. a. auch Messing)[3669], ferner Azoc (u. a. = Quecksilber)[3670], Zarnak (= Arsen)[3671], Arkan (= Pfeiler, Grundlage)[3672], Elixir (als das verwandelnde Mittel auch „Alchymia“ genannt)[3673] usf., und wiederholt wird auch auf die ursprünglichen arabischen Worte verwiesen, z. B. „Borreca, quod arabice tincar“[3674], „Borax, d. i. das arabische Tinkar“. Allem Angeführten nach ist es nicht ausgeschlossen, daß das „Buch des MORIENUS“ im wesentlichen auf eine alte arabische, den griechischen Vorlagen noch ganz nahestehende Schrift zurückgeht, von der es aber in der vorliegenden Gestalt nur als eine schon vom christlichen Standpunkt aus umgearbeitete Übersetzung anzusehen wäre; da aber ein arabisches Original nicht bekannt ist, und die so zahlreichen zuweilen mit überraschendem Geschicke angefertigten Fälschungen aller Art zur größten Vorsicht mahnen, kann vorerst nur von Möglichkeit die Rede sein, keinesfalls von Gewißheit[3675].