Sechster
Abschnitt.
(Anhang.)
Zur älteren Geschichte der Metalle.
Einleitung.
Die vorausgehenden Abschnitte boten bereits vielfachen Anlaß zur Erörterung einzelner wichtiger Punkte aus der älteren Geschichte der Metalle; angesichts des innigen Verbandes, in dem diese mit der Entwicklung der Alchemie steht, soll sie aber der vorliegende nunmehr noch in zusammenhängendem Umrisse und in etwas erweiterter Form darstellen. Das Hauptgewicht ist jedoch hierbei auf die kulturgeschichtlichen und etymologischen Beziehungen gelegt, während nicht etwa beabsichtigt wurde, aus der Geschichte wohlbekannte Tatsachen zu wiederholen, oder nach berg- und hüttenmännischer, chemischer und technologischer Seite hin auf den ungeheuren Wissensschatz einzugehen, der sich in zahlreichen, ebenso ausführlichen wie gründlichen Werken hervorragender Sonderforscher niedergelegt findet.
Was den Ausdruck „Metall“ anbelangt, so sei bemerkt, daß die sämtlichen älteren Etymologien dieses Wortes jeglichen Wertes entbehren, die neueren aber ebenfalls noch nicht feststehen oder allgemein anerkannt sind[5454]. Schon vor fast anderthalb Jahrhunderten brachte GEHLER, jedenfalls auf noch ältere Quellen hin, „Metall“ in Verbindung mit dem homerischen Zeitworte μεταλλᾶν (metallán) = aufsuchen, nachforschen[5455]; tatsächlich entsprechen diesem auch im Griechischen nach SCHRADER die Hauptworte μεταλλή (metallé) = Nachforschung und μέταλλον (métallon) = „Ort der Nachforschung“ in ganz gleicher Weise wie es innerhalb der lebenden Sprachen z. B. im Russischen der Fall ist[5456]. In erster Linie bedeutete also Métallon nichts weiter als eine beliebige Grube, in zweiter dann ein Bergwerk (im Armenischen noch jetzt Métalk), in dritter ging der Name von dem Orte auf den Gegenstand der Nachsuchung über, und erst in vierter und spätester auf jene bestimmte Art des Gegenstandes, die man unter Metall im heutigen Sinne zu verstehen pflegt[5457]. Wie die Bezeichnungen vieler edler Metalle und Steine, denen man seit jeher zauberisch schützende, abwehrende, oder heilende Eigenschaften beilegte, z. B. χρυσός (Gold), χαλκός (Kupfer), ferner vielleicht σάπφειρος (Sapphir), ἀμέθυστος (Amethyst) und andere, so entstammte vermutlich auch μέταλλον einer orientalischen Sprache[5458], anscheinend der eines kleineren, keiner der führenden Hauptfamilien zugehörigen Volkes. Im Sinne von Bergwerk begegnen wir μέταλλον erst bei HERODOT (489–425)[5459]; bei ARISTOPHANES (geb. 444) sind μέταλλα auch schon die Pachtgelder für Bergwerke[5460]; metallum im Sinne von Metall scheint, wohl zufälligerweise, erst bei LUCRETIUS (98–55) bezeugt zu sein[5461]. STRABON (66 v. bis 24 n. Chr.)[5462] und auch DIODOR (zur Zeit CAESARS)[5463] sprechen von Alaun und Alaungruben als „Metalla“, und diese Bezeichnung der Grube oder des Gegrabenen wendet VITRUV (zur Zeit des AUGUSTUS) auch auf Melinum an (eine weiße oder gelbliche Erdart)[5464], PLINIUS (um 75 n. Chr.) u. a. auf Kreide und Diamant[5465], SOLINUS (um 250) in seinen dürftigen Auszügen aus PLINIUS auf Salz (salinarum metalla)[5466], sein Zeitgenosse HELIODOR auf Smaragden[5467], usf. In späterer Zeit heißen Metallarii, μεταλλεῖς, erst die mit dem Graben von Gängen und Stollen beim Bergbau und auch bei Belagerungen Beschäftigten[5468], und im 4. Jahrhundert sind „Metallarii“ die den Zünften der Bergwerks- und Steinbruch-Arbeiter Angehörenden. Das Anlegen der Gruben und die Verarbeitung der Metalle bildete damals, gleich dem Sammeln und Verwerten des Purpurs, der Herstellung feiner Gewebe (besonders des Leinens) und dem Betriebe vieler anderer Gewerbe, ein kaiserliches Vorrecht oder Monopol[5469]; um dessen Ertrag zu sichern, war der Stand der Metallarii ein zwangsweise erblicher[5470], unterlag der Aufsicht besonderer Oberbeamten, — ein „Comes metallorum per Illyricum“, „Berghauptmann oder Berggraf für Illyrien“, ist für 366 nachgewiesen[5471] —, und hatte eine feste Abgabe, „Canon metallicus“, zu leisten, die derart eingetrieben wurde, daß der Kaiser z. B. den privilegierten Goldsuchern oder Goldwäschern (aurileguli) eine bestimmte Menge ihres Goldes in natura abforderte, während ihm für den Rest das Vorkaufsrecht zu einem Vorzugspreise zustand[5472].