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Erzählungen aus dem Ries cover

Erzählungen aus dem Ries

Chapter 7: III.
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About This Book

A collection of three village tales that portray everyday life in the Ries through close observation and affectionate attention. The narratives mix faithful realism with poetic idealization, employing local dialect in reported speech to convey personality and humor. Episodes explore communal customs, domestic relationships, moral choices, and small-scale tensions that lead to humane or ironic resolutions. A prefatory essay outlines the author’s aims, stresses the need for lived experience to render authentic rural character, and supplies guidance for reading the dialect passages, while the stories consistently dignify the inhabitants and examine how simple lives yield both earnest feeling and gentle comedy.

Die Lehrersbraut.
I.

In einem Dorfe mitten im Ries, in einem hübschen Hause, wohnten glückliche Leute — Mutter, Tochter und Vetter. Sie waren gesund und verhältnißmäßig, d. h. nach ihrem Stande, wohlhabend. Die Mutter von ruhigem Temperament, mehr geneigt sich am Angenehmen zu freuen, als aus verdrießlichen Dingen, wie sie im Leben vorkommen, sich viel zu machen; die Tochter, Christine, hübsch und wohlgemuth; der Vetter, Hans, wacker und thätig, ein guter »Baur« — wie man das im Ries nennt — und »ein rechter Schaffer.«

Ein eigentlicher Bauer im Sinne der dörflichen Rangordnung war Hans freilich nicht; das war aber auch der verstorbene Glauning, der Vater der Christine, nicht. Erst Söldner und Weber hatte sich dieser durch ächt Rieserische Arbeitsamkeit und Sparsamkeit zu einer Mittelstellung zwischen Söldner und Bauer emporgearbeitet. Das Weberhandwerk wurde aufgegeben und nur im Winter noch zum Wirken des eigenen Garnes betrieben, um so fleißiger den Geschäften des Ackerbaus und der Viehzucht nachgegangen. Es gelang dem stillen, ruhig fortarbeitenden Manne, das Unglück eines Brandes, der nebst sechs andern auch sein strohgedecktes Haus in Asche legte, zu überstehen, ein neues, bequemeres, plattengedecktes an seine Stelle zu setzen, und bei seinem Tode der Wittwe ein respektables Anwesen zu hinterlassen: das Haus mit Wohnung, Stall und Stadel in Einem Bau, vier Kühe mit Nachzucht, fünf Schweine, einen schönen Baumgarten, zwei »Dawert« (Tagwerke) Wiesen und vier Morgen »in ein Feld« — also, wer das nicht verstehen sollte, zwölf Morgen Ackerland. Allerdings war dieses »schöne Sach« nicht schuldenfrei; der alte Glauning hatte eine runde Summe aufnehmen müssen, um die runde Zahl von Morgen Landes zu erhalten, die im Ries mehr bedeuten wollen als anderswo. Aber der Hauptgläubiger war gegenwärtig — Vetter Hans.

Hans Burger — denn der Mann verdient, daß wir seinen ganzen Namen nennen — war vom nächsten Dorfe, Sohn des dortigen Schmieds. Er wurde von dem Vater in seinem Handwerk unterwiesen; aber trotzdem, daß ihm ein paar Arme verliehen waren, die im Nothfall den Ambos in Stücke schlagen konnten, hatte er für seine Person doch mehr Freude am »Bauernhandwerk.« Nach dem Tode seiner Eltern führte er die kleine Oekonomie und nahm Hammer und Zange nur als Gehülfe seines Bruders in die Hand. Dieser konnte zu eben der Zeit, wo der alte Glauning starb, »einen guten Heirich« (gute Heirath) machen. Hans überließ ihm Schmiede und Oekonomie, nahm seinen Vermögenstheil heraus und ging zur Base Glauning, um ihr die Wirthschaft zu führen. Christine war damals noch nicht ganz fünfzehn Jahre alt; demungeachtet wollte man bemerken, daß der Vetter sie verstohlenerweise schon mit ganz besondern Augen ansehe.

Drei Jahre gingen in's Land. Christine wuchs heran und wurde nach den Begriffen des Dorfs immer schöner. Mittelgroß, rund, aber von angenehmer Rundung, das gutmüthige, ruhig vergnügte Gesicht, dessen Linien nicht ohne eine gewisse Anmuth waren, frischroth mit bräunlichem Hauch, die Zähne regelmäßig und weiß — konnte man sie einem Apfel vergleichen, der untadelich gereift eben vom Baum genommen wurde. Damals war unter den Rieser Bauernmädchen noch nicht die Mode aufgekommen, die Haare doppelt zu scheiteln und auf beiden Seiten herunterzukämmen, wodurch sie sich jetzt ein städtisches, vornehmeres Ansehen zu geben suchen. Das Haar wurde von der Stirn an zurückgestrichen und gegen die Mitte des Kopfes zu von dem landesüblichen Käppchen bedeckt. Das ließ einfacher, munterer, und stand besonders Gesichtern, wie Christine eines hatte. Am hübschesten erschien diese, wenn sie an heiterem Sommertag, in weißen Hemdärmeln und den Rechen in der Hand, auf die Wiese ging, ohne eine Ahnung von Sorge, in Fülle körperlichen Wohlseyns schwimmend und gänzlich der frohen Gegenwart hingegeben. Aus dem runden Gesicht blickte zugleich ein eigenthümliches Selbstgefühl heraus, und das hatte seinen guten Grund.

»Die schöne Christine« hieß sie im Dorf. Nur eine Bauerntochter konnte mit ihr noch verglichen werden; aber da diese »so eine rahnenge« war, nämlich allzu schlank, so erhielt Christine von den bäuerlichen Schönheitsrichtern den Vorzug. Die jungen Bursche tanzten gern mit ihr, und wenn einer sie an der Hand im Reihen führte, sang er wohl auch den Musikanten Schelmenliedchen vor, ihr zu Ehren. Aus dem Stegreif zu dichten, ist die Sache des Rieser Burschen nicht, solche Talente sind dort Ausnahmen; dagegen weiß er bekannte Lieder passend anzubringen und damit, ähnlich dem gelehrten Schriftsteller, der eine öfters citirte klassische Stelle wieder citirt, auf bescheidene Weise elegant zu werden. Wenn ein tüchtiger Kerl, mit Christine herumgehend, sang:

Macht mer 'n Walzer auf,
Der a weng luste geht,
I hab' a Tänzere,
'Sist der Müh werth —

dann im Takt strampfend schmunzelte, so gewann das oft gehörte Liedchen wieder Bedeutung. Einige Zuschauer konnten lächeln und irgend ein alter Bekannter der Christine gemüthlich zurufen: »Ja, ja, so isch — sott (solche) git's net viel!« Als unter den zuschauenden Weibern einmal die noch immer stattliche Wittwe Glauning vornean stand, machte es der zufällige Tänzer der Christine noch besser; er sang, indem er dem Liede durch Gesichtsausdruck und Blick Sinn verlieh:

A schneaweißa Däube (Täubin),
A schwarzer Dauber;
Und wann d'Mueter schön ist,
No[1] wurd d'Tochter sauber.

Bei dieser Gelegenheit war die Heiterkeit der Mutter noch um vieles lebhafter, als die der Tochter, die an solche schöne Dinge schon gewöhnt war. — All die Huldigungen aber, die sie erfuhr, gaben dem Wesen des Mädchens nach und nach eine vergnügte Sicherheit, Wohlgefälligkeit, und, wenn man dieses Wort in den Grenzen ländlicher Möglichkeit verstehen will, einen Ausdruck von Huld, der ihr ganz gut stand, aber auch mehr hinter ihr vermuthen ließ, als vorläufig noch hinter ihr war.

Das Gefühl der Huld wurde in Christine vorzugsweise durch Hans genährt. Beichten wir in seinem Namen ohne Umstände. Hans hatte sich allerdings schon in die noch nicht Fünfzehnjährige versehen und nach einem Besuch, kurz vor dem Tode des alten Glauning, ernsthaft zu sich gesagt: »Des wurd (wird) a Mädle für mi!« Die Hoffnung seines Herzens hatte großen Antheil an seinem Entschluß, der Base die Wirthschaft zu führen; sie belebte sein ganzes Wesen und machte ihm die Bauernarbeit noch viel lieber, als sie ihm ohnehin war. Bald freilich trat neben dieser Hoffnung auch eine gewisse Furcht hervor; sie steigerte sich, als Christine zu dem Glanz ihrer ländlichen Reize heranwuchs, und erzeugte das Gefühl und den Humor der Entsagung, dem sich der gute Bursche mit der halben Lust einer treuen, opferfähigen Seele hingeben konnte. »Ja, ja,« sagte er dann wohl mit einem Seufzer, »i sig (sehe) scho, die krieg i net; die ist z'schöa' für mi!« Aber dieses Gefühl konnte natürlich nicht dauern; nach einiger Zeit kam auch die Hoffnung wieder und er ermuthigte sich mit der Bemerkung: »Was doh (da)! A Bursch wie ih kann oh a schöns Weib kriega'; des ist scho oft vorkomma'!« Dann wich der Ernst aus seinem Gesicht, er wurde herzensvergnügt und that der Mutter und der Tochter noch eifriger alles zu Liebe. Aber er fand nicht den Muth, mit Christine von seiner Liebe zu reden.

Die Leserinnen dieser Erzählung haben schon errathen, wo es bei unserem Freund haperte. War Stand und Vermögen gleich und das Herz des Liebhabers doch ohne Zuversicht, so mußte es mit der Figur nicht zum besten bestellt sein. Und das können wir allerdings nicht leugnen. Hans gehörte unter den ledigen Burschen nicht zu den Schönen, und auch nicht zu den Lustigen, die sich bei festlichen Gelegenheiten »recht aufführen« können, auf diese Art den Mangel besonderer Schönheit decken und den Mädchen ebenfalls in die Augen stechen. Er war untersetzt und etwas krummbeinig. Seine Arme haben wir charakterisirt; auf seinen Schultern konnte er ohne Anstrengung ein »Schahf« (Scheffel) Korn tragen. Sein Gesicht war breiter, als man's liebt, und die Nase nicht ganz regelmäßig, die Farbe für einen noch in den Zwanzigen befindlichen Menschen zu braun. Eines war schön an ihm: seine treu blickenden, braunen Augen. Sie waren sogar sehr schön und ihr Glanz hatte einen rührenden Reiz, wenn er heimlich in gutmüthigster Liebe einen Blick auf Sie warf. Nur Schade, daß er dies immer bloß heimlich that, und wenn er ihr offen ins Gesicht sah, in den Grenzen einer freundschaftlichen Herzlichkeit blieb, die wohl einen angenehmen Eindruck macht, aber keinen Zauber ausübt, wie es der Blick der Leidenschaft vermag. Hätte er sie im rechten Moment einmal so angesehen, wie er es heimlich zu thun pflegte, dann wäre ihr Herz vielleicht geschmolzen und ihr Gesicht hätte einen Ausdruck erhalten, der ihm den Muth gegeben hätte, mit seinem Anliegen hervorzugehen und die Schöne zu erobern. Dann hätten wir freilich auch unsere Geschichte nicht schreiben können.

Noch eins war, ich will nicht sagen schön an Hans, aber proportionirt und nicht zu tadeln: der Mund und seine mannhaften Zähne. Wann er bei seinen Kameraden im Wirthshaus saß und in der Laune, die das braune Bier erweckte, gutmüthig über andere und sich selber Spaß machte, dann umspielte seine Lippen ein humoristisches Lächeln, das ihm sehr gut stand und dem ganzen Menschen etwas Angenehmes gab. Das Gesicht glänzte, und sogar die Zähne, die zur Hälfte zwischen den geöffneten Lippen hervorsahen, schimmerten Heiterkeit. Aber auch in diesem Vorzug konnte er sich nie vor der Geliebten zeigen. Einmal wollte er eine lustige Geschichte, die im Wirthshaus großen Beifall gefunden hatte, zu Hause wieder erzählen. Als aber Christine aufmerksam horchte und nicht gleich vergnügt aussah, wo nach seiner Ansicht das »G'spässige« der Geschichte schon begonnen hatte, brachte ihn die Furcht, sein Ziel zu verfehlen, in Verwirrung; er verpfuschte das Ende und wies ein Gesicht, das eher geeignet war Mitleiden als Heiterkeit einzuflößen. »'Sischt doch grad,« sagte er darauf im Kuhstall, den er nach seiner Niederlage aufgesucht hatte, »als wann's der Deufel g'macht hätt'! Im Wirthshaus ka'n es, und derhoe'mt (daheim) ka'n es net und stell me a' wie a'n Esel!« Als ihm hier eine Kuh, die nach Futter verlangte, diesen ihren Wunsch durch eine Kopfbewegung und einen Blick zu erkennen gab, die er sogleich verstand, sagte er: »Ja, ja, du sikscht (siehst) g'scheider drei' und host meaner Segel im Hihra (mehr Grütz im Kopf) als ih!« Gleichsam um das Vieh für seinen Verstand zu belohnen, gab er ihm etwas extra. Bei sich selber aber beschloß er fest, seine Geschichten künftig nur im Wirthshaus zu erzählen.

Sein Gefühl, das so sträubig war, sich in der Gestalt von Worten zu offenbaren, bewies der gute Hans um so mehr durch Thaten. Die Wirthschaft besser zu führen, als wenn's seine eigene gewesen wäre, die Aecker herzurichten wie Gartenland, Korn und Vieh auf dem Markt zum höchsten Preis zu verkaufen, und im Hause der Geliebten Freude zu machen durch Erfüllung ihrer Wünsche, die sie entweder aussprach oder die er ihr an den Augen ansah, das war seine Sache. Im Uebrigen wollte er — warten. »'S macht se villeicht amohl von o'gfohr« (von ungefähr), dachte er und tröstete mit dieser Möglichkeit sein ungewisses Herz. Sein Zögern hatte auch noch einen Grund, den die Leser ganz vernünftig finden werden. Eins in's andere gerechnet, war sein Verhältniß zu Christine für ihn auch jetzt schon eine Quelle von Vergnügen. Mit ihr die ländlichen Arbeiten zu verrichten, wie die Jahreszeit sie brachte, das Heu »zusammenzuschlohen« oder das Korn zu sammeln, auf dem Wagen die Garben von der Gabel zu nehmen, die ihre rüstigen Arme ihm entgegen streckten, und ihn so schön und gleichmäßig zu laden, daß sie ihn bewundern mußte; im Winter mit ihr zu dreschen und seinen Flegelschlag nach dem ihrigen kräftiger »auf dem Tennen« erschallen zu lassen; Abends mit ihr und der Base zu schwatzen, Rath zu halten über die Arbeiten des folgenden Tages, über Kauf und Verkauf; namentlich aber, vom Markt heimgekehrt, ihnen aus dem ledernen Gurt das Geld vorzuzählen und Lob dafür zu empfangen, daß er wieder so viel gelöst habe — dieß und anderes, wie es der Verkehr in einem Haus und Geschäft mit sich bringt, war für ihn eine Kette von Freuden, Labsal und Trost für alle Unbilden, die er erfuhr oder im zweifelnden Herzen sich selber anthat. Sollte er nun das alles auf's Spiel setzen, indem er Christine zum Weib verlangte und eine abschlägige oder auch nur eine ausweichende Antwort erhielt? In diesem Fall mußte er das Haus verlassen, oder wenn er blieb, war ihm die Freude verdorben und jede fernere Werbung untersagt. Hans — das haben wir nun hoffentlich schon klar gemacht — war kein gewöhnlicher Mensch; er hatte seinen Kopf und sein Ehrgefühl.

Und sie, die schöne Christine? Unstreitig werde ich nicht nöthig haben den Leserinnen erst noch ernsthaft zu versichern, daß sie gar wohl wußte, wie es mit dem Herzen des guten Burschen stand. Wo gäbe es ein hübsches Mädchen, die hier nicht sogleich Bescheid wüßte? Ich kann sogar verrathen, daß Christine schon als Fünfzehnjährige, nachdem sie ihn einmal auf einem gewissen Seitenblick ertappt, von dem Stand der Dinge gleich eine sehr entschiedene Ahnung hatte. Aber ein unausgesprochenes Gefühl hat auch für die einfache Schöne das Gute, daß es zugleich vorhanden und nicht vorhanden ist. Sie kann ihm gegenüber ihre Gedanken ebenfalls unausgesprochen lassen und thun, als ob es nicht existirte, während es schon diplomatische Geistesbildung erfordert, auch das ausgesprochene Gefühl zu ignoriren. Christine sah, wie sie den Vetter am Schnürchen hatte, und freute sich darüber. Es gefiel ihr besonders, daß er so bescheiden war, daß er sie nicht nöthigte, Ja oder Nein zu sagen, sondern ihr die Freiheit ließ, in der sie sich immer noch so wohl fühlte. Sie hatte eine Empfindung, wie sie bekanntlich auch schöne junge Damen haben, die es ebenfalls höchst reizend finden, eine Zeitlang als erstrebenswerthes Gut zu glänzen, bevor sie ihre Macht und Freiheit an einen Einzelnen hingeben. »Den kannst du haben und am Ende glücklich mit ihm leben,« dachte die gute Christine, und ein Lächeln erhellte ihr Gesicht, wenn sie sich vorstellte, wie glücklich sie den Vetter machen könnte, wenn sie ihm entgegenkäme. »Aber es hat noch Zeit,« rief es dann in ihr; — »wer weiß!« —

Aehnlich dachte die Mutter. Daß sie für ihre Tochter einen Mann haben konnte, brav, in der Arbeit geschickt und in seiner Art vermöglich, war gut. Aber wer konnte sagen, ob ihrer Christine nicht noch was Besseres, vielleicht was viel Besseres anstand? »Es hat noch Zeit,« war darum auch ihr Refrain, wenn sich beide mit einander über diese Angelegenheit besprachen. Einmal setzte sie hinzu: »Du därfst aber oh nex thoa', daß 'r verschächt wurd (verscheucht wird)!« Und Christine antwortete: »Des fällt mer net ei'! Er hätt's oh net om mi verdea't!« Und sie folgte ihrer Natur und traf in ihrem Sinne das Rechte: sie bewies gegen Hans eine Freundlichkeit, die seinem Wunsche die Aussicht auf das Ziel freiließ, ohne sie selber zu verpflichten.

Aus diesen Gründen nannten wir im Eingang unserer Erzählung die drei Leute glücklich. Hans war es durch seine Liebe, durch seine Herzensgüte und seine Hoffnung. Mutter und Tochter waren es durch ihre behagliche Existenz, durch die Ehre, die ihnen widerfuhr, durch die Sicherheit, die ihnen Hans gewährte, und durch die Macht, die ihnen gegeben schien. Das Glück des Hans war nun freilich um vieles löblicher, als das seiner beiden Verwandten; allein ich wünschte doch nicht, daß Christine zu streng beurtheilt würde. Sie schätzte den Vetter nur, sie liebte ihn nicht; sollte sie ihm nun entgegenkommen und sich binden ohne Noth? Und daß die Mutter aus bewußter, die Tochter aus instinktmäßiger Vorsicht den wackern Burschen für dem Nothfall bewahrt zu sehen wünschten, das wollen wir zwar nicht bewundernswürdig finden, aber — aus Galanterie — auch für keine Todsünde halten.

Ein solcher Zustand kann nicht dauern, und soll es auch nicht. Die unentschiedene Seele sieht sich auf einmal in eine Lage versetzt, wo sie ein bestimmtes Ziel vor sich hat, welches alle ihre Wünsche an sich reißt. Und nicht nur das Erreichen, auch das Erstreben dieses Ziels kann das bisherige Glück trüben und alteriren.

Als Christine das achtzehnte Jahr hinter sich hatte, kam, was Hans in den Stunden der Sorge befürchtete. Es trat ein Nebenbuhler auf.

Im selbigen Winter gab es zwei Hochzeiten, die im Wirthshaus gefeiert wurden, also zwei Tanzgelegenheiten. Bei der ersten ging Christine mit Hans und einer Kamerädin auf den »Ansing.« Wie man ohne Zweifel schon aus seinem ganzen Charakter vermuthet, war das Tanzen die Stärke des Hans nicht. Er hatte keine Freude daran, er leistete auch nichts Rechtes darin und bequemte sich darum auch nur höchst selten dazu. An diesem Ansing tanzte er nur ein paar Reihen, weil ihn Christine in Folge der Koketterie, mit der hübsche Mädchen bescheidene Liebhaber zuweilen auch unversehens beglücken wollen, selber dringend dazu aufgefordert hatte. Nachdem er das Nöthige gethan zu haben glaubte, bedankte er sich und sagte zu ihr mit gutmüthigem Lächeln, sie möge sich den Abend nur recht lustig machen, vor ihm habe sie nun Ruhe. Sie versetzte: »Was schwätscht ietz doh widder! 'S wär' koë Wonder, i tanzet net geara' mit d'r!« Dann aber gab sie doch vergnügt einem flinkeren Burschen die Hand, der schon auf sie gelauert hatte. Hans belohnte sich für seine Anstrengung durch einen tüchtigen Trunk und stellte sich in eine Ecke, um der Lustbarkeit zuzusehen. Das war ihm lieber als selber mitzumachen, d. h. wenn Christine tanzte. Er freute sich auch jetzt wieder, wie schön sie's konnte und wie sie ordentlich »das G'rihß hatte« (wie man sich um sie riß).

Als später der stattliche Sohn eines reichen Bauern auf den geringern Burschen, der sie eben im Reihen führte, zuging und zu ihm sagte: »Komm, loß me oh a weng mit der Christine danza! Du host ietz gmuag (genug)!« — sie dann ohne viel Umstände nahm und nach einigen Worten, die er an sie richtete, strampfte und den Kopf schüttelte, daß das grünseidene Quästchen auf der Fischotterkappe baumelte, da war Hans im Namen der Geliebten stolz auf die Ehre, die ihr widerfuhr; denn jener Bursche war dermalen der »fürnemste« im ganzen Dorf, und der Gute fühlte sich selbst geschmeichelt, daß so einer sie aufzog und, wie es schien, das Tanzen mit ihr gar nicht hatte »verwarten« können. Bald sah er auch, daß der schöne »Hansirg« (Hansjürg) sie wirklich recht gern im Arm oder an der Hand haben mußte. Er tanzte lange mit ihr, so lange, bis ihr die Schweißtropfen an der Schläfe standen und über die rothen Backen herunterperlten. Dann führte er sie zu einem Trunk in die Stube.

Alles das war in der Ordnung und wurde von Hans auch durchaus so gefunden. Als aber beide nicht lange nachher wieder mit einander herauskamen, um sich herumzudrehen, da freute er sich plötzlich nicht mehr. Er sah, wie der Bursche schon mit einer gewissen Vertrautheit sprach, dabei ganz eigenthümliche Augen machte und die Stimme dämpfte, so daß er seine Worte nicht verstehen konnte, und das Blut stieg ihm in's Gesicht. Er mußte sich alle Mühe geben, sich nichts »anmerken« zu lassen; und um dieß besser zu können, ging er in die Stube, setzte sich an seinen Tisch und fing ein Gespräch an. Früher, als er glaubte, kam Christine zurück und sagte zu ihm und zu der Kamerädin: »So, nun will ich ausschnaufen, nachher gehn wir heim; für heut ist's gnug!« Ein Stein fiel dem guten Burschen vom Herzen. Er wußte nicht, daß der »Fürneme« in seiner plötzlichen Zärtlichkeit etwas zu weit gegangen, Christine böse geworden war und sich ihm entzogen hatte, d. h. daß die Sache für ihn, den Hans, immer noch sehr gefährlich stand.

Die zweite Hochzeit folgte wenige Wochen darauf. Christine war entfernt mit der Braut, der reiche Bauernsohn mit dem Bräutigam verwandt, und beide gingen als Gäste auf die Hochzeit. Durch die Miene des Trutzens, die Christine gegen ihn annahm und in der sie ihm noch viel schöner vorkam als letzthin, wurde der Bursche auf's neue gereizt. Er bat sich mit höflicher Miene ein paar Reihen aus, und sie konnte es ihm nicht abschlagen. Während des Tanzes fand er Gelegenheit, sie zu besänftigen und Vergebung zu erhalten. Er war voll Freude, setzte sich in der Stube neben sie, ließ eine Flasche Wein kommen, trank und »juxte« (jauchzte), tanzte wieder, und so gings mit wenigen Unterbrechungen fort bis zum »Obedmohl.« Bedenken wir, daß dieser Bursche, abgesehen von dem Reiz, den er als der Sohn des vielleicht wohlhabendsten Bauern im Dorfe hatte, hübsch, hochgewachsen, geschickt und ein vortrefflicher Tänzer war, daß seine Zärtlichkeit ihm von Herzen ging und die Schmeicheleien aus seinem Munde für Christine etwas außerordentlich Wohlklingendes hatten, so werden wir es natürlich finden, daß das Herz des Mädchens nach und nach erweicht wurde und eine Hoffnung in ihr aufflammte, die sie berauschte. In dieser Hoffnung, in der süßen Aufregung ihres Innern wurde sie so schön, daß das Herz auch des Burschen völlig schmolz und er sich förmlich in sie verliebte.

Nach dem Mahl begab sich Christine nach Haus. Sie fühlte, daß es für heute genug sei, ging nicht mehr auf den Ansing und vertraute ihre Tageserlebnisse mit Auswahl der Mutter. Der junge Bauer blieb, theilte im Rausch der Liebe und des Weins sein Glück einem Kameraden, dem Bruder der Hochzeiterin, mit, schwur, daß er keine andere möge als Christine, und daß er sie heirathen werde. Als der Kamerad ihn an den Stolz seines Vaters erinnerte, entgegnete der Verliebte, sein Vater habe ihm nichts zu sagen, was er wolle, müsse geschehen. Christine bekomme so viel wie manche Bauerntochter und ihre Schönheit sei nochmal so viel werth. Wenn er auch reichere haben könnte, auf's Geld sehe er nicht, das kriege er selber genug. Sein Vater solle ihm nur kommen — Himmel-Kreuz-Tausend — er werde es ihm schon sagen u. s. w.

Auch der andere Morgen, das Getöppel der Seinigen, die sein gestriges Benehmen für ein Plaisir ansahen, das er sich gemacht, auch das ruhige Bedenken der Verhältnisse kühlte seine Glut nicht. Er hatte sich den Gedanken in den Kopf gesetzt, und ein Mann wie er mußte seine Sache durchführen. Am folgenden Sonntag nach dem Essen kehrte er unerwartet mit dem Kameraden bei Christines Mutter ein. Hans hatte schon munkeln hören und war in trüber Stimmung. Als die beiden stattlichen Bursche in die Stube traten, sah er sie mit einem Gesicht an, auf dem kein Willkommen zu lesen war. Und wie er nun die Freude sah, mit der die Base und Christine die Gäste empfingen, die Geschäftigkeit, womit sogleich in's Wirthshaus nach braunem Bier geschickt wurde und die Base sogar Kaffee machen wollte — in einem Hause, wo immer nur Milchsuppe gefrühstückt und der Kaffee nur bei den seltensten Feierlichkeiten aufgetischt wurde — da gab es ihm einen Stich in's Herz. Er fühlte, wie wenig er zu der Gesellschaft paßte, und schützte einen nothwendigen Gang vor, um aus dem Hause zu kommen. — Als er Nachts zurückkehrte, war der Besuch natürlich fort, aber der Schein des Glücks, das er gebracht hatte, glänzte noch auf den Gesichtern der beiden Weiber. Christine sah wohl, daß ihre Freude dem guten Hans wehe that; sie bedauerte es, aber sie konnte sich nicht helfen und den Strom ihres Triumphgefühls nicht zurückhalten. Sie erblickte sich schon als eine der ersten Bäuerinnen im Ries und ihr sonst so gesunder Schlaf wurde mehrmals durch den süßen Tumult ihres Herzens unterbrochen.

Damit war's aber auch zu Ende. Der Vater des Burschen erhielt von dem Besuch und dem wesentlichen Inhalt des gepflogenen Raths Kunde, und es folgte nun zwischen beiden ein Auftritt, in welchem der prahlerische Liebhaber gar bald den kürzeren zog. Der Alte entwickelte einen Zorn und eine Machtvollkommenheit, wovor der Bursche sich verkriechen mußte. Was der Wüthende forderte, wurde mit »ja, ja, i will's ja!« zugesagt — und in kurzem hieß es: »des Moürs (Maierbauers) Hansirg hat mit der einzigen Tochter des reichen Bachbauers von ** Heirathstag gehalten.«

Christine war tief beschämt. Es ging die ersten Tage nicht ohne Vergießung vieler Thränen ab. Allein ihr Temperament und ihr ganzes Wesen war nicht von der Art, daß sich darum ein Gram in ihr befestigen und an ihr zehren konnte. Da der Ungetreue noch dazu aus dem Dorf weg heirathete, so hatte sie, auf gut ländlich, den Traum der Liebe und des Ehrgeizes in wenigen Wochen vergessen.

Hans hatte seit jenem Sonntag ein Betragen angenommen, das er eine Zeitlang unverändert festhielt. Er ging äußerlich ruhig seinem Geschäft nach, beschränkte seinen Verkehr mit Christine und der Base auf das Nothwendigste, machte ein gleichmäßig ernsthaftes Gesicht und suchte zu thun, als ob nichts vorgefallen wäre. Nachdem die Verlobung des Nebenbuhlers bekannt geworden, zeigte er (wer ihn begriffen, sagt sich das von selber) keine Schadenfreude. Er hatte diese nicht etwa zurückzudrängen, sondern die eigentlich so zu nennende empfand er gar nicht. Er bedauerte die Beschämte vielmehr, ging ihr aus dem Weg, um sie nicht in Verlegenheit zu bringen, und überließ sie ihrer Traurigkeit. Als sie nach einigen Tagen schon um vieles getrösteter aussah, gab er seiner Stimme im Gespräch mit ihr unwillkürlich einen freundschaftlicheren Klang, um sie gewiß zu machen, daß er nicht böse sei, und ihre Beruhigung, so weit es von ihm abhing, zu fördern. Aber weiter ging er nicht. Es hatte ihn doch recht »verdschmohcht« (verdrossen), daß sich die schöne Christine dem Bauernsohn mir nichts dir nichts an den Hals geworfen und sich angestellt, als ob er, der Hans, gar nicht mehr auf der Welt wäre. Er wollte sein Herz von nun an nicht mehr an ein Mädchen hängen, die von ihm nichts wollte — Christine sollte durch nichts mehr daran erinnert werden, daß er sie jemals gern gehabt habe.

Diese guten Vorsätze wurden im Ausgang des Winters gefaßt. Im Sommer stand das Verhältniß unseres wackern Freundes wieder so ziemlich auf dem alten Fleck, ja es war im Begriff weiter zu gedeihen. — Christine hatte zwischen Hans und dem Ungetreuen Vergleichungen angestellt, und es war ihr zum erstenmal klar geworden, daß Treue und Zuverlässigkeit etwas seien, wovor man Respekt haben müsse. Das frühere Benehmen des Vetters erschien ihr jetzt nicht mehr als ein Gegenstand herablassenden Spiels, im Gegentheil, sie hatte dabei ganz ernsthafte Gedanken. Und wenn sich nun er zurückhielt und gar nicht mehr dergleichen thun wollte, so — kam sie ihm selber entgegen; allerdings nur mit einer gewissen Vorsicht. Sie offenbarte in ihrem ganzen Wesen nur mehr Achtung und Freundschaft und der Ton ihrer Stimme erhielt nur eine herzlichere Färbung. Zuweilen aber, wenn er im Geschäft etwas recht gut gemacht hatte, warf sie mit ihren graublauen Augen ihm einen Blick zu, dessen Dankbarkeit auch ein Unparteiischer durch eine bedeutende Zugabe von Zärtlichkeit verstärkt gesehen hätte. Dem widerstehe ein liebendes Herz, und obendrein ein großmüthiges! Hans ließ sich Schritt für Schritt wieder zurückführen in die angenehme Gefangenschaft. Er kostete nun seinerseits einen gewissen Triumph, wiegte sich in frohen Momenten stolz im Gefühl der Macht und gab sich einer Sicherheit hin, die nur zuweilen durch die Einwürfe der Bescheidenheit unterbrochen wurde. Dann prüfte er wieder, hielt wieder an sich — und Christine kam ihm einen Schritt weiter entgegen. Die treue Seele war über die Maßen vergnügt; aber dieses Vergnügen that ihm gar zu wohl, und ihm war, als müßte er es vorläufig dabei lassen.

Der Verkehr der drei Leute nahm einen Charakter an, dessen reine Fröhlichkeit jeden theilnehmenden Beobachter erquickt hätte. Man scherzte und neckte sich; dem Vetter gelang es jetzt, der Schönen lustige Geschichten, namentlich wenn sie kurz waren, ohne Anstoß zu erzählen und sein Gesicht dabei durch jenes humoristische Lächeln zu erhellen, das ihm so gut ließ. Das Dorf war über ihr Verhältniß im Reinen, und wenn es geheißen hätte: Christine wird ihren Vetter heirathen, so hätte sich kein Mensch darüber gewundert. Hans wurde nun von seinen Kameraden mit ihr aufgezogen und gelegentlich ermahnt, einmal ein Ende zu machen, damit man bald wieder eine lustige Hochzeit bekäme. Und jetzt, in den Tagen des Herbstes, faßte er ernstlich den Entschluß, ihr seine Herzensmeinung zu sagen. Er verschob indessen die Ausführung von einem Tag zum andern. War es das Gefühl, daß Eile nicht nöthig sei und Christine ihm doch nicht entgehen könne? oder war der Geist des Zweifels wieder über ihn gekommen, oder vermochte er nur nicht über die Anrede mit sich einig zu werden und wartete auf eine Gelegenheit, wo sie sich von selber machte? Sei dem wie ihm wolle — er zauderte.

Da trat auf einmal ein Nebenbuhler auf, der noch gefährlicher war, als der erste, und in kurzer Zeit die Hoffnungen des Guten zertrümmerte.

II.

Der Nebenbuhler des Hans war der neue Lehrer, der den bisherigen in der Dorfschule ersetzte. Der alte war im Ausgang des Sommers an eine andere Stelle befördert worden, die jährlich um zwanzig volle Gulden mehr trug. Der neue, ein geborner Rieser, im Seminar erzogen und als mehrjähriger Gehülfe praktisch gebildet, übernahm sein Amt im Oktober.

Friedrich Forstner — so hieß der junge Mann — war kaum vierzehn Tage im Dorf, als er schon die meisten Herzen gewonnen hatte. Ein Theil erinnerte an das »neue Besen kehren gut« und wollte erst sehen, wie er sich halte. Nur wenige alte Murrköpfe oder junge Eifersüchtige erklärten ihn für einen »Windbeutel.« — Der Contrast zwischen ihm und dem bisherigen Lehrer war freilich sehr stark.

Der alte war seines Zeichens ursprünglich ein Weber, und, wie man annehmen muß, an seine Stelle gekommen in Ermangelung eines Bessern. Eine lange, hagere Gestalt mit kleinem Kopf und dünner Nase, von der man sogleich auf einen charakteristisch näselnden Ton der Stimme schließen konnte. Gutmüthig bis zu einem gewissen Grad, wurde er an Einfalt nur von Einem seiner damaligen Collegen übertroffen. Indem er zur Nothdurft lesen, schreiben und rechnen lehrte, genügte er dennoch. Seine Hauptthätigkeit bestand im Abhören dessen, was die Kinder, entweder von ihm aufgegeben oder freiwillig, auswendig gelernt hatten. Diese Kunst war für einen Mann, der Gedrucktes lesen konnte, nicht schwer, und da die »Schulfrau« (die Gattin des Lehrers) dies auch verstand, so vermochte sie ganz gut für ihn Schule zu halten, wenn er über Land gegangen war oder irgend ein dringendes Geschäft abzumachen hatte. In einem Zweige der Pädagogik war der würdige Repräsentant der guten alten Zeit Virtuos — in Führung des Haselstocks. Wenn die Buben oder keckeren Mädchen schwatzten und »bätschten,« d. h. Tauschgeschäfte machten, was namentlich mit »Helgen«[2] zu geschehen pflegte; wenn sie, zum Sprechen aufgefordert, dem Befehl nicht nachkommen konnten, weil sie zu heimlichem Genuß eben Brod oder Obst in den Mund gesteckt hatten; wenn sie statt das Auswendiggelernte ohne Anstoß »herzubeten,« »gatzten« (stotterten) und nicht mehr weiter konnten, dann schwang er, besonders wenn er schon vorher in gereizter Stimmung war, den gefürchteten Stock mit einer Fertigkeit auf Achseln und Rücken des Schuldigen, daß es eine Freude war zuzusehen. Und mit jener Befriedigung, die man nach Ausübung einer Kunst empfindet, in der man sich Meister weiß, legte er, während der getroffene Schlingel heulte, das Instrument wieder bei Seite.

In den größten Zorn konnte der Mann gerathen, wenn er fand, daß ein Schüler seine »Lection« übersprungen hatte. Damit verhielt es sich so. Vielleicht um sich auch die Mühe des Aufgebens zu ersparen, oder berücksichtigend, daß nicht einer ein so gutes »G'merk« (Gedächtniß) habe wie der andere, stellte er es den Kindern anheim, aus Luthers kleinem und großem Katechismus nach Oettingscher Einrichtung von vorne beginnend auswendig zu lernen, so viel ihnen gutdünkte, indem er dann abhörte, was sie ihm als gelernt bezeichnet hatten. Wie nun der Ehrgeiz aus keinem Winkel der Erde zu verbannen ist, so lernten auch die Schüler tüchtig; denn es galt die Erlangung des Ruhms, von allen zuerst mit den sämmtlichen zweiundfünfzig »Lezgen« oder Lectionen des großen Lutherischen Katechismus fertig geworden zu sein. Hie und da besaß einer der geistreicheren Jungen viel Ehrgeiz, aber sehr wenig Lernbegierde; was war natürlicher, als daß er nun gelegentlich einige Lectionen überhüpfte? Manchmal gelang der Betrug, wenn auch die Mitschüler nichts gewahr wurden oder so gute Kameraden waren, daß sie schwiegen. Wenn aber der Lehrer selber stutzte, oder irgend ein Schelm ihn durch Lachen aufmerksam machte, oder ein Verräther geradezu rief: »Herr Schullehrer, der überhupft!« — dann gerieth der Getäuschte in eine schwer zu beschreibende Wuth, und die Streiche des Haselstocks regneten auf den entlarvten Betrüger. Diesem blieb nichts übrig, als die Schläge trotzend oder schreiend hinzunehmen und nach Umständen außer der Schule den Verräther durchzuprügeln, was meistentheils geschah, da der unternehmende Bursche in der Regel kräftig und gewandt, der »Batscher« (Plauderer) schwach und feig zu sein pflegt.

So hielt der alte Lehrer Schule. In ähnlicher Weise kam er auch den Pflichten eines Küsters, Organisten und Vorsängers nach, nämlich immer in einer gewissen Entfernung. Für die Bauern war er doch »kein unebener Mann.« Da er, mit einer Anzahl von Kindern gesegnet, »nothig« und geschenkbedürftig war, so befleißigte er sich den Wohlhabenden gegenüber stets der gebührenden Höflichkeit. Er war dienstwillig, und wenn ein Vater anfragen ließ, ob sein Bube heute nicht »aus der Schule bleiben« könnte, so nahm er es mit dem vorgeschützten Grunde niemals genau. Sogar das Verlangen, den Haselstock zu führen, so mächtig es in ihm war, konnte er »aus Rücksichten« bemeistern. Die »gestandenen« Bauern fühlten sich in keiner Weise unter ihm. Er trug sich städtisch, aber der städtische Anzug war das Produkt des Dorfschneiders und nicht geeignet, neben der Rieser Tracht den Anblick von etwas Feinerem zu gewähren. Er sprach ein wenig hochdeutsch; aber jeder Andere glaubte in der ächten Rieser Sprache etwas Gescheidteres sagen zu könnnen. So flößte er in keiner Art Respekt ein. Darum war es aber gerade commod mit ihm umzugehen, und das ist eine Eigenschaft, die auch im Dorfe Beifall und Gunst findet.

Friedrich Forstner war seiner ganzen Erscheinung nach das, was der Rieser Bauer einen »Herrn« nennt. Mittelgroß, zierlich gebaut, sah er in seiner einfachen, aber wohlgefertigten Kleidung nett, beinahe elegant aus. Als ein aufgeweckter Kopf und von Natur anstellig zu Allem, hatte er im Seminar eine nicht gewöhnliche Summe von Kenntnissen erlangt; als Gehülfe in Dorf und Stadt hatte er die Klugheit ausgebildet, die Niemand lästig wird und sich spielend nach den Umständen zu richten weiß. Er sang hübsch, verstand mehrere Instrumente und war ein vortrefflicher Gesellschafter.

Gleich bei seinem Einzug hatten die Glieder der Gemeindeverwaltung und andere Männer, die mit ihm zusammen kamen, eine eigene Empfindung. Forstner ließ es durchaus nicht an Höflichkeit fehlen, aber sie, anstatt die Artigkeiten, wie bei seinem Vorgänger, wohlgefällig hinzunehmen und nur kurz zu danken, fühlten sich unwillkürlich getrieben, sie zu überbieten. Der junge Mann erwiederte bescheiden, schlug mit Gewandtheit einen vertraulichen Ton an und wußte es zu machen, daß die Bauern ihren Respekt behielten, ohne dadurch genirt zu sein, ein Gefühl, das ihnen ganz neu war. Als der zeitige Ortsvorsteher nach Haus kam, sagte er zu seinem Weib: »Höer du! der nui (neue) Schulmoëster ist a fei's Mändle!«

Eine ähnliche Erfahrung machten die Schulkinder. Forstner hielt bei seinem Auftritt eine Anrede an sie, und es war den meisten, als ob sie das, was er sagte, verständen! Als die Eltern zu Hause fragten, wie's gegangen sei, wußten sie sogar von dem Gehörten etwas wieder zu erzählen und es einigermaßen zu expliciren! Am andern Tag fand eine Aufmerksamkeit statt, wie sie die Wände der Schulstube nie gesehen hatten. Bei einem entstandenen Lärm genügte ein Zuruf und ein Blick des Lehrers, um zwei in Streit gerathene Buben augenblicklich verstummen zu machen; und wie später einer mit seinem Nachbar schwatzen wollte, stieß ihn dieser, anstatt auf das Vergnügen des »Blieselns« einzugehen, mit dem Ellbogen in die Seite und rief mit gedämpfter Stimme ärgerlich: »Halt's Maul!« — Nach dem vierten Tage erlebten die Eltern etwas Unerhörtes: die Kinder wollten nicht mehr aus der Schule bleiben! Ein Söldner brauchte seinen zehnjährigen Sohn bei einer Arbeit und wollte ihn zu Hause behalten; das Bürschchen widersprach, und als das nichts half, begann es zu »flannen« (flennen). So lange das Dorf stand, der erste Fall dieser Art.

Um diese Zeit begegneten sich drei Bauern auf der Gasse. »Was isch denn mit deana' Kinder (diesen Kindern) iatz?«, begann der erste; »die deant (thun) ja wie narret!« — »'Sischt wärle wohr« (wahrlich wahr), versetzte der andere; »der nui Schulmoëster hot's ganz verhext.« — »No, no,« sagte der dritte, »'sist ja rehcht, wann's geara' en d'Schuel gont« (gehen). — »Des scho',« erwiederte der erste; »aber überstudiert soll er's net macha', des paßt se net für Baura'.« — »Ueberstudiert,« entgegnete der dritte, »weara's no lahng net, wann's meaner (mehr) learna', als beim alda'. Semmer (seien wir) froa', daß mer dean loas send ond 'n bessera' hont« (haben). — So behielt die Gunst auch hier das letzte Wort.

Dem Talent des neuen Lehrers gelang es sogar, die Sonntagsschüler zu gewinnen, mit Ausnahme nur weniger Burschen, die schon im achtzehnten Jahre standen und durch nichts mit dem Gedanken versöhnt werden konnten, sich von einem Menschen, der nur etliche Jahre älter war als sie, noch etwas sagen lassen zu müssen. Am zweiten Feiertag fing eine und die andere Jungfrau schon an, sich etwas besser zu putzen und dabei anmuthig zu lächeln und ein wenig zu erröthen. Es trat ein Eifer des Schulbesuchs ein, den bisher niemand wahrgenommen hatte und der zu vielen guten und schlechten Späßen Anlaß gab.

Zuletzt eroberte Forstner auch die Bauern in der Wirthsstube. Er setzte sich kameradschaftlich zu ihnen, ließ sich von ihnen über ökonomische Verhältnisse und Einrichtungen des Dorfes belehren, beantwortete die Fragen der Neu- und Wißbegierde, gab jedem seine Ehre und lieferte das feinste und beste Salz zu den lustigen und satyrischen Gesprächen. — So hallte in kurzem das ganze Dorf von seinem Lobe wieder. Mit wenigen Ausnahmen sangen es Männer und Weiber, Mädchen und Bursche, Kinder und Greise. Es kam so weit, daß hie und da ein wohlgesinnter, aber maßhaltender Mann ärgerlich ausrief: »Ietz hab' i aber gnuag von uirem (eurem) Schulmoëster, und bitt mer'n andern Diskursch aus.«

Das meiste Glück machte der hübsche, junge Pädagog freilich bei den Mädchen des Dorfes, obwohl gerade diejenigen, denen er am meisten gefiel, es am wenigsten Wort haben wollten. Alle, sogar die Tochter des Wirths und die Töchter der reichsten Bauern, suchten dem »netten Mann« zu gefallen. Forstner war Verehrer und Kenner des schönen Geschlechts und mit Vergnügen galant; er konnte gar so freundlich »guten Tag« sagen, und manche, die sich für schön hielt, schwenkte sich nun bloß zu dem Ende an ihm vorbei, um von ihm bemerkt und gegrüßt zu werden.

Drei aus der Klasse derjenigen, die es für ein Glück halten konnten, »Schulfrau« zu werden, hatten ernsthafte Absichten auf ihn. Man würde sich irren, wenn man glauben wollte, Forstner, der so sehr gefiel, hätte nun auch unter allen Dorfmädchen die Wahl gehabt, in der Meinung etwa, daß ein im Seminar erzogener, mit den Gebildeten der Umgegend verkehrender, im Dorf als »Herr« geehrter junger Man für die Phantasie auch des wohlhabenden Bauers etwas Unwiderstehliches besitzen müßte. Dem wohlhabenden Bauer flößen derartige Vorzüge den hier allein entscheidenden Respekt nicht ein; er gibt dem »Herrn Lehrer« die Ehre, behält aber seine Tochter. Der Bauer verlangt vor Allem, daß sein künftiger Schwiegersohn ein eigenes Haus besitze; eine Existenz ohne dieses scheint ihm sehr luftig, und wenn man ihm einen hauslosen Schullehrer anträgt, dann kann er befremdet, ja entrüstet fragen: »Soll i mei' Tochter auf d'Gaß naus heiricha' (heirathen) lossa'?« — Und nicht nur die Eltern, auch die Tochter würde sich in der Regel nicht mit dem Gedanken befreunden, die Frau eines Mannes zu werden, der jährlich nur zwei bis dreihundert Gulden Einnahme hat, »alles kohfa'« (kaufen) und von den Bauern Geschenke annehmen muß. Der Bauer ist stolz darauf, in seiner Art Herr zu sein, d. h. auf tüchtigem Gute thätig und behaglich zu leben und seine Töchter wieder an Bauern oder an Wirthe, Müller und ausnahmsweise an wohlgesessene Handwerker der umliegenden Städte zu verheirathen, die selbst einige Oekonomie haben. So räth es ihm die Sitte und die Lebenserfahrung, und diesen folgt er. Etwas anderes ist es mit dem besser gestellten Söldner, dem dörflichen Handwerker, und allenfalls auch dem verschuldeten Bauer. Diese können es für eine Ehre halten, wenn der Lehrer des Dorfs ihr Schwiegersohn zu werden wünscht. Sein Einkommen entspricht hier dem Heirathsgut der Tochter, und auch in den Augen des verschuldeten Bauers würde die Schattenseite des Lehrerstandes durch die Lichtseite wieder aufgewogen.

Aus dieser Schichte der dörflichen Gesellschaft waren denn auch die drei Mädchen, die es lüstete, die Hand des hübschen Mannes davonzureißen. Sie gaben sich gewaltig Mühe, und eine davon hoffte schon zu triumphiren. Sie hatte die betagte Mutter Forstners, die ihm Haus hielt, wiederholt im Sonntagsstaat besucht und ihr — was man sagt — »mit dem Holzschlägel gewinkt;« und da sie überdieß von den dreien die reichste war, so glaubte sie nicht, daß es ihr fehlen könne. Indeß, ein paar Tage später, und sie mußte hören, der Herr Forstner habe ein Auge auf die schöne Christine geworfen. Eine Woche später, und auch sie mußte sich von der Wahrheit dieses Gerüchts überzeugen, das nun in die Reihe offenkundiger Thatsachen eintrat.

Die Mutter Forstners war mit der Wittwe Glauning verwandt; allerdings sehr entfernt, doch das verhinderte die Glauning nicht, die Mutter des Herrn Lehrers als Frau Base zu begrüßen und denselben Titel von ihr zu empfangen. So war zwischen den Familien gleich in der ersten Zeit ein Verhältniß hergestellt. Der junge Mann fand Christine hübsch, aber in der geschäftigen Zeit der ersten Einrichtung, der Amtspflichten, des Besuchmachens u. s. w. konnte er die Bekanntschaft nicht weiter pflegen. Als er in seinem Neste warm saß, die Arbeiten ihren Gang gingen und ihm freie Zeit übrig ließen, empfand er ein Verlangen, sie wieder zu sehen; er folgte dem unbestimmten Drang und kehrte an einem festtäglichen Abend in ihrem Hause ein. Als er sie sah im Sonntagsputz, vom Schein der Ampel beleuchtet, mit ruhiger, aber herzlicher Heiterkeit zu seinen Artigkeiten lächelnd, fühlte er sich getroffen. Die unverdorbene, schöne Sinnlichkeit machte einen reizenden Eindruck auf ihn, und er mußte sich sagen, daß in ihrem Wesen noch etwas liege, das sie höher stellte, als ihre Gespielen. Er kam sehr eingenommen, in merklicher Aufregung nach Hause und rühmte sie der Mutter in starken Ausdrücken. Diese erwiederte sofort: »Weißt du, was ich mir schon gedacht hab'? Das wär' eine Frau für dich.« — »Frau?« erwiederte er in einem Ton, der den Skrupel des »Gebildeten« ausdrückte. »Ja, Frau!« versetzte die Mutter. »Die Glauningin wird ihre viertausend Gulden Vermögen haben; Christine ist hübsch, wacker, versteht alle Arbeit und paßt sich besser für dich, als so eine Städterin, die nichts als Kleider mitbrächte.« — »Aber man sagt ja, der Bursch da, der Hans, wolle sie heirathen.« — »Ausgemacht ist noch nichts,« bemerkte die Mutter, »das weiß ich. Und so Einen,« setzte sie mit einem etwas eiteln Blick auf den Sohn hinzu, »so Einen wirst du wohl nicht fürchten?« — »Wir wollen sehen,« erwiederte Forstner nachdenklich.

Der Keim, den die Mutter ihm in die Seele gesenkt hatte, gedieh und entwickelte sich. Am nächsten freien Abend fühlte er eine lebhafte Begierde, den Besuch bei der Glauning zu wiederholen. Er legte den Weg vom Schulhaus zu ihr mit raschen Tritten zurück, und das freundliche Gesicht des Mädchens glänzte ihm entgegen wie der Vollmond. Wir haben es schon angedeutet: Forstner war das, was man einen »Liebhaber des schönen Geschlechts« nennt. Seine Freude an hübschen Gestalten dürfen wir vielleicht poetisch nennen, in so fern dieses Wort ein fein sinnliches und phantastisches Wohlgefallen ausdrückt. Die Empfindung war so schön und so reizend! — und er gab sich ihr nun, wo es die Klugheit nicht widerrieth, ohne weitere Skrupel hin. Bei Christine riethen ihm Neigung und Klugheit, für's erste nur den Galanten, den heitern Liebhaber zu spielen. Er wollte das hübsche Mädchen umschwärmen wie ein Schmetterling und hier vor allem die sinnlich romantische Lust finden, die er suchte; er wollte sie bezaubern, den bäurischen »Tölpel,« für den ein solches Mädchen wahrlich nicht geschaffen war, verdrängen und sich zum Gebieter ihres Herzens machen, dann — überlegen, ob und wann er sie zu seiner Frau machen könne.

Als er, von der Wittwe mit besonderem Eifer und schon mit einem eigenen Blick empfangen, Platz genommen hatte, setzten sich auch Mutter und Tochter wieder zum Spinnen. Forstner entwickelte sogleich seine Unterhaltungskunst, und sein angebornes Talent und die Begierde, zu gefallen, ließen ihn Scherzreden führen und Geschichten erzählen, wie sie dem Bildungsstand der Zuhörerinnen entsprachen und nothwendig belustigen mußten. Er wußte einer Geschichte ungezwungen eine für Christine schmeichelhafte Wendung zu geben, und nicht nur herzliches Lachen, sondern auch ein beglücktes Erröthen und ein im Abwehren dankbarer Blick war sein Lohn. Forstner besaß eine Gewandtheit mit hübschen Mädchen umzugehen, von der sich ein ehrlicher Bauernbursche nichts träumen läßt. Der Bauer unterhält und schmeichelt im Lapidarstyl, die niedliche Currentschrift mit zierlichen Schnörkeln ist nicht seine Sache. Unser junger Mann war aber gerade hierin stark, und er gab diesen Abend gleich eine Probe davon. Er bewunderte die Kunst des Spinnens, worin Christine in der That sich auszeichnete, und behauptete dann, er hätte es auch einmal zu lernen versucht und möchte wohl sehen, ob's noch ginge. Natürlich lud ihn das fröhliche Mädchen ein, es zu versuchen. Er setzte sich zum Rocken und es ging hinlänglich schlecht; Christine lachte, zeigte es ihm, er versuchte es wieder, und das alles bewirkte unter großem Vergnügen rasche Vertraulichkeit. Nachdem dieses Mittel erschöpft war, erklärte Forstner, er wolle neben einer solchen Meisterin nicht länger den Pfuscher spielen und lieber ein anderes Geschäft treiben, das sich besser für ihn schicke. Er setzte sich neben sie und machte sich's zur Aufgabe, ihr die »Aga'« (Flachsabfälle beim Spinnen) von der Schürze zu schütteln. Und während er die mündliche Unterhaltung fortsetzte, that er dieß gelegentlich so nett und lustig, daß man's ihm nicht übelnehmen und nur lachend Abwehrungsversuche machen konnte. Es stand ihm eben alles an, und er konnte mehr wagen als ein Bauernbursche, weil er es zierlich machte und in den Grenzen des Scherzes blieb. Als er endlich Abschied nahm, erklärten Mutter und Tochter, so vergnügt wären sie lange nicht gewesen, und er solle doch ja bald wieder die Ehr' geben.

Und Forstner kam wieder und wieder. Ihm ward so wohl in der warmen Stube bei dem hübschen Mädchen und der gefälligen, heiter blickenden Mutter. Draußen wirbelte der Schnee und sauste der Wind, drinnen schnurrten die Räder und tickte die Wanduhr, und unter dieser Begleitung ging das Spiel der Unterhaltung fort und gipfelte hie und da in einem Terzett hellen Gelächters. Alle drei hatten im eigentlichen Verstande eine poetische Empfindung. Mutter und Tochter sagten sich dieß nicht, denn sie kannten das Wort nicht; aber Forstner sagte sich's und schwelgte in seinen Gefühlen. Welchen Reiz übte Christine auf ihn! die in ihrer Art vollkommene Gestalt, durch Fröhlichkeit erhellt und verklärt, die sinnliche Fülle in ihrer schönsten Blüthe und im reichsten Glanze des Glücks! — Und dieses Mädchen war ihm gewogen und wurde es immer mehr. Zu ihm neigte sie sich — ein Wort von ihm, und sie lag in seinen Armen. Welch süßes und stolzes Gefühl — das Gefühl der Macht über ein so liebenswürdiges Geschöpf! Nun hielt er beim Abschiednehmen die Hand in der seinen und drückte sie, und dies wurde mit Erröthen geduldet und erwiedert. Lieb war ihm da der Wind und der herabwirbelnde Schnee, die seine glühende Wange auf dem Heimweg kühlten.

Wir dürfen Christine nicht schwächer erscheinen lassen, als sie in der That war. Sie ließ sich nicht ohne Weiteres gewinnen und dem Vetter abwendig machen. Zuerst ahnte sie nichts und hatte gegen Forstner nur das Gefühl der Dankbarkeit, weil er so freundlich und so »unterhaltlich« war. Sie verliebte sich nicht in seine nette Gestalt, wie jene drei andern, eben darum war sie auch nicht auf ihrer Hut und ließ sich gehen — und so verstrickte sie sich. Es gab in der ersten Zeit einen Moment, wo die Wage für Hans und Forstner noch gleich stand. Hätte jener seinen Antrag gemacht, vielleicht hätte der ehrliche Freiersmann den bloßen Liebhaber (als mehr erschien Forstner bis dahin noch nicht) aus dem Felde geschlagen. Aber während dieser dafür sorgte, sein Gewicht zu vermehren, handelte der Ehrliche so, daß seine Schale immer leichter werden mußte.

Hans hatte nie zu denen gehört, die den neuen Lehrer ohne Klausel bewunderten. Gleich nach dem ersten Zusammentreffen mit ihm hielt er ihn für einen Menschen, der ihm zu schlau dreinsehe und dem nicht zu trauen sei. Bei dem ersten Besuch Forstners im Haus der Base hatte indeß auch er noch kein Arg. Er stimmte von der Ofenbank, auf der er saß, ein paarmal herzlich in das Gelächter der Weiber mit ein. Als aber der Gewandte seine Künste begann, hatte der wackere Hans ein unbehagliches Gefühl. Er erklärte ihn zuerst nur bei sich für einen »öaden« (faden) Menschen, der ihm recht »auf d'Weibsbilder aus« zu sein scheine und mit dem sich ein ordentliches Mädchen eigentlich nicht viel abgeben sollte. Als er aber sah, wie Christine sich mehr und mehr auf seine Späße einließ, wurde er ärgerlich und — empfindlich. Er konnte und wollte die Unterhaltung nicht weiter mit anhören, und wenn das »Schulmoesterle« kam, ging Hans in den Stall oder aus dem Hause. — Es wogte sonderbar in der treuen Seele hin und her. Einmal war er erzürnt, und wenn Christine ihn über irgend etwas fragte, brummte er sie an. Dann glaubte er wieder, seine Befürchtung sei Unsinn und sein Trutzen einfältig. Er gab sich Mühe freundlich auszusehen; er wollte ihr nun auch etwas Schönes sagen und etwas Lustiges erzählen, und nun gerieth's ihm wieder nicht. Zu dem Einzigen, was ihm den Sieg noch hätte gewinnen können, zu einer herzhaften Erklärung konnte er sich jetzt am allerwenigsten entschließen. Er wollte jetzt gerade sehen, wie die Sache ginge. Wenn Christine »so 'n Kohbatza'« (winziger Fisch) lieber zum Mann wolle als ihn, dann solle sie ihn haben und Schulmeisterin werden. Sie kenne seine Meinung wohl und sie wisse recht gut, daß sie auf ihn zählen könne. Wenn sie im Stande sei, ihn wieder so ohne Weiteres aufzugeben, dann sei es ihm auch recht — und am Ende besser, daß er so eine gar nicht kriege. Aus diesen Gründen zog er sich mehr und mehr zurück, und Christine neigte sich ganz zu Forstner.

Als der Treue sich davon überzeugen mußte, so daß er nicht mehr zweifeln konnte, fühlte er eine Pein, wie nie zuvor. Aber bald war auch sein Entschluß gefaßt. Was in der ersten stillen Nacht auf dem einsamen Lager in ihm vorging, wollen wir nicht schildern und nur das sagen, daß Zorn und Schmerz über Sie, über sich und sein Unglück so in ihm brannten und sich wechselseitig steigernd ihn so bedrängten, daß sich das gepreßte Herz in Thränen Luft machen mußte. Für eine tiefe und leidenschaftliche Liebe — und das war seine Liebe geworden — ist es eine unsägliche Qual, sich verschmäht zu sehen um eines Mannes willen, den man nicht schätzen kann. Zur Vernichtung aller Hoffnungen auf das einzige Glück des Lebens kommt noch die Pein der Verachtung, die man erfahren, die Pein des Schmerzes über den Triumph des Nebenbuhlers, die Wuth über sich selbst, daß man den Schatz seiner Liebe an die Geringschätzung des Unbestandes verrathen konnte. Hans, in dem alle diese Empfindungen nach einander aufloderten, empfand die Marter der Verzweiflung in seinem Herzen. Welch ein Elend, sich Christine als das Weib dieses »Leckers« denken zu müssen! welche Schande, noch einmal auf die Seite gesetzt zu sein, nachdem schon von ihrer Hochzeit die Rede gewesen war! »Du mußt fort!« rief es in ihm, »aus dem Haus, aus dem Dorf!« — Aber da rührte sich die gründlich gute Natur in ihm. »Nein,« rief er dagegen, indem er sich ermannte, »nein das thu ich nicht, das wär' mir zu miserabel! Ich bleib' und halt' aus — jetzt grad! — Hinter meinem Rücken mögen die Leut' sagen, was sie wollen — in's Gesicht« (und er blickte mit funkelnden Augen in die Morgendämmerung) »in's Gesicht verspottet mich keiner, das weiß ich!« — Nachdem so das Bleiben vor seiner Ehre gerechtfertigt war, konnte auch die Großmuth ihre Gründe dafür aussprechen. »Sie brauchen dich, und jetzt mehr als sonst. Wer weiß, wie's geht? Der sieht mir grad so aus, als ob er mit nochmal so viel fertig werden könnt' als er hat. Ich will die Sach' vor der Hand noch zusammenhalten. — Kein' Dank verlang ich nicht!« Nach der Entschließung beruhigte sich die Leidenschaft endlich, die ihn so mächtig hin und her geschüttelt hatte. Der Wille, auszuharren und denen, die ihn gekränkt, Gutes zu thun — das war der Balsam auf die Wunde seines Herzens. Er kleidete sich an und ging in die Stube.

Christine saß mit ihrer Mutter am Tisch. Hans wünschte mit ruhiger Stimme guten Morgen, aber mit einem Gesicht, daß Christine sich augenblicklich sagte: er weiß es! Sie las in diesen Mienen ihr Gericht und schrak zusammen. Das Gewissen, das sich plötzlich in ihr aufrichtete, erhellte ihren Geist und schärfte ihr Urtheil; und während sie sich vorher, ihrer Neigung folgend, gesagt hatte: »er ist selber dran Schuld, warum red't er nicht?« so erkannte sie jetzt ihr Unrecht und fühlte es tief. Das Schuldbewußtsein drückte sie darnieder und ließ sie so verzagt erscheinen, daß Hans wieder Erbarmen mit ihr empfand. Gemüther wie das seine können in der Strenge des Richters nicht lange verharren; der Trieb, Gnade für Recht ergehen zu lassen, ist zu mächtig in ihnen und geht unwiderstehlich in Wirksamkeit über.

Hans blieb von diesem Moment an genau in der Zurückhaltung, die er sich zum Gesetz gemacht hatte; aber er wurde freier darin, und Blick und Ton seiner Stimme erhielten wieder mehr von dem Wohlwollen, das unvertilglich in seinem Gemüth lebte. In der Güte, in der Großmuth eines wackern Mannes liegt ein Quell von Kraft, von der die seichte, egoistische Natur keine Ahnung hat. Im Besitz dieser Natur kann man vergeben, und man vergiebt. Und man wird nicht schwächer, indem man es thut, sondern stärker; man fühlt sich nach Ertheilung der Gnade nicht ärmer, als nach Forderung und Erlangung seines Rechts, sondern reicher, und man schwingt sich in dem Bewußtsein der Tugend über das Leid hinweg, das die Seele überfluthen zu wollen schien. Dies vermag der Bauer wie der König, wenn ihm Gott den Geist dazu gegeben hat, und jeder thut's nach seiner Art. Unser Bauernbursche gewann nach seiner innerlichen Ueberwindung einen Gesichtsausdruck, den man nur als edel bezeichnen konnte. Dem Dorfmädchen war auch dieses Wort in seiner moralischen Bedeutung unbekannt, aber von der Sache hatte sie eine Ahnung. Sie fühlte kein Bedauern, sondern eine unwiderstehliche Achtung vor dem Vetter; mit dem weiblichen Stolz, der so bereit ist, Mitleid zu empfinden und namentlich zu offenbaren, war es aus. — Aber ihre Natur machte sich den Stand der Dinge nun auf andere Weise zu Nutze. »Er ist getröstet,« sagte sie sich, »und wenn er sonst auch viel aus mir gemacht hat, thut er es jetzt nicht mehr.« — Einige Tage später, und ihr Gewissen hatte sich wieder beruhigt und schwieg; die Neigung, die Leidenschaft gewannen die Herrschaft wieder völlig. Das Weib fühlte sich frei und gab sich ganz dem Drang ihres Herzens zum Glück hin.

Die Leser haben errathen können, daß Forstner und Christine Liebesgeständnisse ausgetauscht und Hans gewisse Kunde davon erhalten hatte. Zu einem Verlöbniß war es noch nicht gekommen; aber zu diesem Ziele drängte es beide nun unausweichlich hin. Der junge Mann hatte seiner Neigung und wenn man will seinem Gelüste folgen wollen, in der Meinung, immer noch die Wahl frei behalten zu können; er hatte seiner Mutter verboten, mit der Glauning von ernsthaften Absichten seinerseits zu reden. Aber es ging, wie häufig in solchen Fällen: die Leidenschaft wuchs und führte ihn weiter als er gedacht. Sein ganzes Wesen war von Christine bezaubert; er war gebunden durch seine Liebe, gebunden durch die Rücksichten, die er auf Mutter und Tochter, auf den Geistlichen, auf das Dorf und seine Stellung darin nehmen mußte. Das Dorf hatte schon ausgemacht, daß er Christine heirathen werde, und er konnte, er durfte es nicht Lügen strafen. So gedieh das Verhältniß endlich zum Abschluß. Die Wittwe Glauning hatte die Verheirathung ihrer Tochter mit dem gefeierten Lehrer von dem Gesichtspunkt der Ehre ansehen gelernt, und die Aussicht, den Flecken ihrer Verrechnung wegen jenes reichen Bauernsohnes gänzlich zu tilgen und als »Schwieger« Forstners auf eigene Art hervorstechen zu können, erfüllte sie mit Lust und mit jener Begierde, der es unmöglich ist, länger müßig zuzusehen. Als Mutter war sie jetzt ohnehin verpflichtet zu reden; und so ging sie denn eines Tages zur Base Forstner und sprach ihre Meinung in dürren Worten aus. Entweder — oder! — das war der Sinn ihrer Rede. Die Mutter des Lehrers hatte für diesen Fall schon Vollmacht erhalten; sie sagte, daß ihr Fritz nie eine andere Absicht gehabt habe, als das schöne und liebe Bäschen zu heirathen. — Auf einmal hieß es im Dorf: der Herr Lehrer hat sich mit der Christine versprochen.

Die vollendete Thatsache machte doch ihr Recht geltend, obwohl man sie allgemein hatte kommen sehen. Der Geist der Kritik fand sich herausgefordert; jede Meinung, die der Sachlage nach möglich war, fand einen Vertreter, und der Lärm war groß. Die einen, vorzüglich Weiber und Mädchen, verdammten Christine. So einen braven Menschen wie den Hans zweimal nach einander anzuführen, ihm »das Maul zu machen« und ihn, wenn ein Vornehmerer komme, wieder fahren zu lassen, das wäre keine Art nicht; das hätten sie niemals gethan — und wenn ein Graf gekommen wäre! Aber diese Christine sei eben ein hoffährtiges Ding, man wisse das ja, und trachte immer über ihren Stand hinaus. Der Hans hätte für sie gepaßt, der Herr Forstner sei zu fein für sie, und man werde sehen, daß das nicht gut ausgehe. Die andern, hauptsächlich ledige Bursche, machten den Hans für den Ausgang verantwortlich. Er sei allein Schuld und ihm geschehe ganz Recht. Der Mutter jahrelang das Hauswesen führen und sich dann die Tochter wegkapern zu lassen, da müßte einer ungeschickter sein als der Teufel! Wenn sie den »Rang« gehabt hätten, wenn sie bei der Christine im Haus gewesen wären, da hätte so ein Schulmeister kommen sollen! Der hätte gleich gesehen, daß er wieder gehen könnte. Auf so Einen zu warten, ja, das wär' ihnen das Wahre gewesen! Aber der Hans sei eben ein »Lamech,« ein »Drockser,« ein Kerl, der nicht von der Stell' komme; und wenn Christine den flinkeren Schulmeister lieber habe, so könne ihr das kein Mensch übel nehmen.

Das Dorf, wie man sieht, beschäftigte sich eben so viel mit Hans als mit Christine und Forstner. Der brave Bursche, der geschickte Bauer hatte sich eben Respekt erworben und dadurch eine eigene persönliche Bedeutung erlangt. Was wird er nun thun? fragte man sich. Wird er gehen, sein Geld aufkünden und die beiden Weiber sitzen lassen? »Freilich wird er gehen!« rief eine Gegnerin der Christine auf so eine Frage ordentlich hitzig. »Er wird wohl bleiben und all den Spektakel mit ansehen — Hochzeit und am End' Kindtauf' auch noch. Er wird sich die Tochter wegfischen lassen und der Alten noch länger den Knecht und den Narren machen! Das wär' nicht mehr gut, sondern dumm — und dumm ist der Hans doch nicht.«

Die Frage war bald entschieden. Hans blieb, und ein großer Theil seiner Vertheidigerinnen fiel nun auch von ihm ab und sagte, Christine habe doch Recht gehabt, es ihm so zu machen. So ein einfältiger Mensch sei ihnen ihr Lebtag noch nicht vorgekommen.

Durch Alles, was bisher in ihm vorgegangen, hatte Hans die Fähigkeit erlangt, der Christine zu ihrer Verlobung ehrlich und ruhig Glück zu wünschen. Er that es und ging so weit, ihr dabei die Hand zu geben. Aber er vergab sich nichts damit; der Ausdruck seines Gesichts sorgte dafür. Christine wurde roth über und über, sie sah ihn beschämt, ja bittend an und ihre Hand zitterte in der seinen. Es war eine Genugthuung für den treuen Burschen und er kostete ihre traurige Süßigkeit. Aber dann fing er selbst ein anderes Gespräch an und half dem Mädchen, aus Schonung, von der Tiefe der Empfindung wieder zur Oberfläche empor. Beiden wurde leichter um's Herz, und Christine überließ sich bald wieder der Freude und der Ehre ihres Brautstandes.

Am ersten Sonntag Abend nach dem »Verspruch« ging Hans in's Wirthshaus. Einige junge Leute hatten vorgehabt, ihn aufzuziehen; aber er hatte so was Eigenes in seinem Gesicht und in seinem Auge; sie trauten dem Landfrieden nicht und dankten ganz ehrbar auf seinen Gruß. Man discurirte über allerlei andere Dinge; unser Freund sprach resolut, verständig und machte zuletzt sogar hie und da eine humoristische Bemerkung in seiner alten Manier. Wie nun bei natürlichen, eben so wie bei gebildeten Menschen keine wirkliche Kraft ohne Anerkennung bleibt, so bekam der Wackere, als er die Wirthsstube verlassen hatte, von seinen Kameraden ernstlich empfundenes Lob. »Der ist gescheidter,« hieß es, »als die Leute glauben. Er macht sich aus der ganzen Geschichte nichts, und er hat Recht. Die Christine ist eine falsche Person, die einen so braven Kerl gar nicht verdient. Er darf sich Glück wünschen, daß er sie nicht bekommt — und wie's ihr geht, das wollen wir sehen.«

III.

Die größte Heilkraft auf Erden besitzt — die Zeit. Indem sie den Menschen in ihrem Strome fortführt und andere Bilder vor seine Seele bringt, entzieht sie ihn mehr und mehr der Einwirkung dessen, was gewesen ist. Sie mildert den Schmerz, löst die Spannung, entkräftet die Selbstanklage und giebt der Seele die Stärke und Ruhe wieder, ohne die sie ihren eigenen Anfechtungen erliegen müßte. Was uns heute unerträglich scheint, vielleicht in wenigen Tagen schon dünkt es uns eine mäßige Last. Was uns im ersten Moment als eine ausgesuchte Schmach niederdrückt, nach einigen Wochen erscheint es uns als ein gewöhnliches menschliches Ungemach, und unser übertriebenes Leidwesen darüber kann uns ein Lächeln entlocken.

Freilich kommt dabei sehr viel auf die Art des begangenen oder erduldeten Unrechts, auf das Temperament und den Charakter des Menschen an. Es giebt Dinge, die der Seele keine Ruhe lassen, die mitgehen auf dem Wege, den sie nimmt, und ihr immer gegenwärtig bleiben. Es giebt Naturen, welche Handlungen und Erlebnisse von geringerem Belang festhalten und sich selbstquälerisch damit zu tragen im Stande sind; Menschen, in denen die Vergangenheit sich immer wieder vergegenwärtigt und die eine Beschämung roth machen kann, welche ihnen vor zwanzig Jahren widerfahren ist. Andere Erlebnisse verflüchtigen sich von selbst, und andere Naturen wissen Dinge von sich abzuschütteln, die sich sonst wie Kletten anzuhängen pflegen. Auch der Bildungsstand ist hier von großem Einfluß. Je mehr der Mensch seinen Geist entwickelt und sich zu einem innerlichen Leben erzogen hat, desto leichter versetzt er sich in die Vergangenheit, desto bedeutsamer ist für ihn das Gewesene, desto mehr durchdringen sich in ihm die Zeiten. Je näher der Mensch der Natur steht, desto mehr lebt er in der Gegenwart, desto mehr vergißt er, desto weniger belästigt ihn seine Vergangenheit.

Der Bauer giebt sich nicht viel mit Erinnerungen ab, wenn sie nicht von sehr gewichtiger Art sind. Durch seine Denkweise, durch Natur und Gewohnheit, namentlich aber durch die ihm auferlegten Arbeiten ist er vorzugsweise auf die Gegenwart gewiesen. Alle feinern Differenzen kommen auf dem Dorfe gar bald wieder ins Gleiche, und nur tiefe Leidenschaften in tiefen Gemüthern können auch hier still fortglühen.

In dem Haus, in welchem unsere Erzählung hauptsächlich spielt, war äußerlich bald alles wieder im alten Gang und auch innerlich vieles wieder hergestellt und gemildert. — Am raschesten war es der Wittwe Glauning gelungen, ihre frühere Gemüthsruhe wieder zu erlangen. Sie hatte sich wegen ihres Benehmens gegen Hans im Stillen doch auch einige Vorwürfe gemacht; aber nach wenigen Tagen schon war ihr das neue Verhältniß etwas Gewohntes und übte auf ihren Geist die Macht einer Sache, die nun einmal nicht anders ist. Wenn sie den Vetter sah, wie er mit ernstem Fleiß weiter arbeitete, dachte sie wohl: »Das ist doch wahrlich ein braver Mensch! Man sollte gar nicht glauben, daß es noch solche Leute gäbe!« Aber eben durch diese Anerkennung fand sie sich mit ihm ab. Hans war ihr von nun an der gute Vetter, der sehr freundschaftlich gegen sie handelte, auf dessen Dienste sie aber beinahe schon ein gewisses Recht zu haben glaubte.

Christine folgte der Mutter nach. Das beschämende Gefühl und die Vorwürfe, die sich beim Anblick des Vetters zuweilen noch in ihr erneuert hatten, kamen seltener und blieben endlich ganz aus. Sie lebte im Wonnemond des Brautstandes, und die ganze Welt erschien ihr in heiterem Lichte. Wenn man sie hinter ihrem Rücken scharf beurtheilte, in's Gesicht gratulirte man ihr, lobte den Herrn Lehrer und pries sie glücklich. Die Kunst, sich höflich zu verstellen, ist auf dem Lande keineswegs unbekannt und gehört zur guten Lebensart wie anderswo. Es giebt auch hier Leute, die um so lebhafter zu schmeicheln verstehen, je nachdrücklicher sie dieselbe Person gegen Andere durchgehechelt haben; Leute, von denen man als etwas Besonderes hervorhebt, daß sie sich »recht anstellen,« d. h. einen Eifer, ein Vergnügen, eine Bewunderung zeigen können, von denen ihr Herz nichts weiß. Der Glanz des Ruhms, den sich der Bräutigam durch seine persönlichen Vorzüge erworben hatte, warf seine Strahlen auch auf die Braut; um seinetwillen that man der Christine mehr Ehre an und bewies ihr mehr Achtung als vorher. So sah die Glückliche sich umhuldigt von allen Seiten und hatte in der Freude ihres Herzens natürlich kein Arg, daß von den schönen Sachen, die man ihr sagte, auch nur eine Sylbe abgehen könnte.

Forstner selbst zeigte sich jetzt gegen sie von seiner liebenswürdigsten Seite. Er war von Leuten, auf deren Urtheil es ihm ankam, wegen seiner verständigen Wahl gelobt worden; ein paar muntere Collegen, die er von dem Vermögensstand der alten Glauning unterrichtet und mit der Braut bekannt gemacht hatte, erklärten ihn für beneidenswerth; er war in der besten Laune, sog den Blüthenduft des schönen Verhältnisses mit vollen Zügen ein und that alles, was der Erwählten angenehm und schmeichelhaft sein konnte. Wie hätte da Christine noch Aug' und Ohr haben können für etwas anderes! Sie liebte und sah den Geliebten glücklich, sie sah seinen Eifer, ihr Freude zu machen, und fühlte keinen lebhafteren Trieb und wußte keine höhere Pflicht, als ihm seine Liebe zu vergelten.

Das Glück hat die Eigenschaft, daß es sich aus sich selber vermehrt und seine Vermehrung von außen her magnetisch anzieht; darum giebt es auch eine Zeit, wo es in stetem Wachsen ist. Die Freude machte Christine nicht nur holder und feiner, als sie bisher erschien, sondern auch geistig aufgeweckter und heller. Sie war in der Freude sicher, und ihre Urtheile, ihre Bemerkungen im Gespräch erschienen dem Verlobten gar oft mit Recht sinnig und treffend. Forstner sah sich nun auch von dieser Seite beruhigt — er glaubte aus ihr eine Frau ganz nach seinem Herzen bilden zu können. Dies verhehlte er ihr aber auch nicht; er erquickte ihr Herz mit Lob über Vorzüge, die sie bis jetzt noch nicht an sich gekannt hatte, und ein außerordentliches Behagen, ein liebevolles Dankgefühl gegen ihn war die Folge davon.

Die beiden jungen Leute und eben so die beiden Mütter waren in einem Zustande, wo man die Engelein im Himmel singen und musiciren hört. Der Liebes- und Freundschaftsverkehr ließ bei der nothwendigen Arbeit des Tages kaum so viel Muße übrig, um die Ausstattung der Braut und die künftige Einrichtung zu erwägen und die ersten Vorbereitungen zu den Unternehmungen der nächsten Monate zu treffen.

Hans ging seinem Geschäft nach und schien nur dafür Sinn und Auge zu haben. Was er mit seinen Verwandten zu reden hatte, wurde kurz und ruhig abgemacht; er war gern allein, man sah es und ließ ihn allein. Da Christine an ihrer Ausfertigung arbeiten mußte und die strengere Bauernarbeit für sie nicht wohl mehr schicklich war, so hatte man eine Taglöhnerin für sie eingethan. Diese war schweigsam, eine von den still hinlebenden, in ihrer Gedankenlosigkeit glücklichen Personen, wie man sie auf dem Lande nicht selten findet, und der Bursche hatte zu seinem Troste nichts zu leiden durch Geschwätz und durch Fragen, die ihm jetzt doppelt zuwider gewesen wären.

Ihm war das zuletzt Erlebte freilich nicht verschwunden und von der Gegenwart überdeckt, wie den andern; aber es hatte sein Peinliches verloren, die Zeit hatte es gemildert und ihren Duft darauf geworfen. Es war nicht mehr das bloße Leid, das er empfand. Diesem war die niederdrückende Gewalt genommen, die man entweder überwinden oder der man erliegen muß; es hatte selbst etwas Liebes und für die Seele Wohlthuendes erhalten.

Was wir poetisches Gefühl nennen, ist von keinem Stande, von keiner Schichte der Gesellschaft ausgeschlossen. Früher hätte man diesen Satz vertheidigen müssen; jetzt, wo man die Volksmelodien und Volkslieder kennt und ehrt, wird ihn niemand zu bestreiten wagen. Wo ist Liebeslust und Liebesleid inniger, tiefer und rührender ausgesprochen, als in eben diesen Liedern, die aus dem Volke hervorgegangen oder von ihm angenommen und erhalten worden sind, und die immer noch, in Gesellschaft oder in Einsamkeit, von ihm gesungen werden? Wenn das tiefere Gemüth auf sich selbst und sein Leid beschränkt ist, fällt ihm ein Lied ein, das seinen Zustand ausdrückt; der Mund summt es unwillkürlich, das Herz schauert und die Augen werden feucht.

Der Winter war vergangen, die erste Frühlingszeit hatte schön begonnen und die Feldarbeit nahm ihren Anfang. Wenn der letzte Schnee weicht, die Sonne wärmer scheint, der Boden locker, die Wiese grüner wird und die Lerche singend in den Himmel steigt, dann geht durch jede bedrängte Seele ein Gefühl der Genesung. Auch die weichere Natur fühlt sich körperlich und geistig stärker und fängt im Leid wieder an zu hoffen; das männliche Herz gesundet fühlbar, wird seiner selbst mächtig und der Bedrängniß überlegen. Dann ist aber gerade die Zeit gekommen, wo es das Leid lieb gewinnt und es aus freien Stücken festhält und hinabsteigt zu der Süßigkeit melancholischer Träumerei.

Unser guter Freund hatte mehr Anlage zu innerlichem Leben von der Natur erhalten und in sich ausgebildet, als es auf dem Lande gewöhnlich ist. Von der Lustbarkeit weniger angezogen, durch eine scheue Leidenschaft auf sich selber gewiesen, kannte er schon länger den Reiz gemüthlicher Vorstellungen. Die Neigung dazu und die Kraft, solche Vorstellungen zu erzeugen, trat jetzt um so stärker in ihm hervor und gewährte ihm die volle Lust herzlich gehegter Trauer. Freuten die Verlobten sich in hellen Dur-Tönen — ihm war ein Glück, und ein reiches Glück, in Moll beschieden. Seine Arbeiten störten ihn darin nicht; er verstand sie so gut, daß sie wie von selber ihren Gang gingen und ihm Zeit genug übrig ließen, seinen Gedanken nachzuhängen. Wenn er mit seinen Kühen wohlgehaltenes Land »äckerte« und von dem Hauch der frisch aufgeworfenen Erde umdampft zuweilen »sinnirte,« wurden die Furchen darum nicht schlechter und er rief den Thieren zeitig genug sein »Härrerei'« zu, wenn er an der »G'wand« (Ackergrenze, wo umgewendet wird) angekommen war. Auf der Wiese rechte er mit der Taglöhnerin um die Wette Streu, obwohl es in seinem Innern summte, während in ihr die vollkommene Stille des Nichts Platz genommen hatte. Die ländlichen Arbeiten begünstigen zum Theil ein gewisses träumerisches Wesen; besonders einladend dazu ist aber die mittägliche und abendliche Heimkehr von einem entfernteren Ackerstück, so wie die Fütterungs- und Verdauungszeit der untergebenen Thiere. In den völlig einsamen Momenten, erfüllt von seiner Empfindung, kamen unserm Burschen allerlei Lieder in den Sinn. Er sang sie mit herzlicher, gedämpfter Stimme und fühlte ganz die Besänftigung und erneuerte schönere Aufregung anspruchloser Kunst. So sang er das Lied: