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Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Zweiter Band. cover

Florens Abentheuer in Afrika, und ihre Heimkehr nach Paris. Zweiter Band.

Chapter 39: Drittes Kapitel. Abreise von Darkulla.
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About This Book

The narrative follows a woman's travels in Africa and her return to Paris, blending pitched warfare, court politics, and personal entanglements. Episodes alternate between military maneuvers and ceremonial displays, including a gruesome gift delivered in a hollowed gourd, while leaders vie with prophecy, superstition, and rivals for authority. A sorceress exerts influence over jealous admirers, ministers warn of internal danger, and commanders rehearse new tactics as loyalties shift. Satirical and moralizing passages examine how charisma, belief, and theatrical gestures shape power and longing amid danger and intrigue.

Ich schlug die Hände über den Kopf zusammen. Also gegen einen ins Wasser Gefallenen, gegen einen Schuldner seid ihr großmüthig, und den Völkern seid ihr Räuber und Mörder?

Ach, rief Ghlt, das ist vaterländische Tugend!

Wir langten nun bald in Nodnol an. Es ist in der That ein Ungeheuer von einer Stadt. So viele Schiffe sahe ich nie beisammen, wie auf dem Strome, der ihren Hafen bildet, die Waarenvorräthe, die Kaufmannsspeicher, übertrafen an Größe und Weitläuftigkeit, auch die gespannteste Erwartung, viele ansehnliche Prachtgebäude, Monumente des Staatsreichthums, viele geschmackvolle Anlagen im Kleinen, Belege des hohen Wohlstandes der Einzelnen, wurden überall sichtbar. Das Menschengewühl setzte in Erstaunen. Allein es entdeckte sich auch bald, daß man weit mehr Waaren besaß, wie man loszuwerden hoffen durfte, viele Läden waren ohne Beschäftigung; eine unerhörte Menge von Arbeitern aller Art, mit bleichen verhungerten Gesichtern, fragte vergebens nach Arbeit; Noth und Elend boten in den entlegenen Winkeln ein gräßlich Schauspiel dar, und die Unsittlichkeit hatte eine schauderhafte Höhe erreicht.

Aber wo sind denn nun die Reichthümer, welche ihr von allen Seiten erpreßtet? fragte ich meinen Begleiter. Sind sie in die Hände weniger Einzelnen gekommen, welch Heil wird dem Volke davon? Er stockte, und sagte mir, ich sollte in den großen Pallast gehn, wo die Gesetzgebung und Staatshaushaltung öffentlich gehandhabt würden, da würde ich über die großen Angelegenheiten Licht empfangen.

Der Rath wurde befolgt. Ich hörte dreierlei verhandeln. Einmal die Nothwendigkeit neuer Auflagen, wobei die älteren aufgezählt wurden, deren fast auf allen Lebensbedürfnissen bestanden, so daß ein Einwohner dieses Landes, die Abgaben zu erschwingen, mehr als die Hälfte seiner Vermögenseinkünfte geben, oder mehr als die Hälfte seiner Zeit, um diesen Zweck arbeiten mußte. Leibeigne zur Hälfte, waren also diese gepriesenen Freien. Eben bewilligte man eine Abgabe auf das Trinkwasser. Dann wurden die nothwendigen Summen zur Erhaltung der Kriegsprahmen für das laufende Jahr gefordert. Sie waren so hoch, daß ich wohl begriff, wie das meiste, was dies Volk von anderen im Handel gewann, auf dem Wege der Auflagen den Einwohnern wider abgenommen werden mußte, um jene große Kosten zu bestreiten. Endlich kam die Schuld der Nation zur Sprache. Sie betrug weit mehr, als den Werth des Landes, mit Allem was darin ist. Also war man nicht reich, sondern arm, nicht nur arm, noch weniger. Der Wucher baute eigentlich doch nur das Unglück der Menschen, wie riesenhaft er auch seine Spekulationen anlegte.

Ich begab mich vor die Stadt hinaus. Da sah ich ein Lager bei dem anderen, überall Waffenübung. Was bedeutet dies? fragte ich einen Spaziergänger.

Das sind unsere Freiwilligen, gab er zur Antwort.

„Und wozu versammelt ihr so viel Jugend? Entzieht dem Ackerbau so viele Hände?“

Aus Furcht vor einem Angriff der Vercingenten, die über den Strom kommen mögten. Schon Jahre lang sind wir so in Bereitschaft. Noch Jahre lang werden wir es fortsetzen müssen. Wohl ist es nothwendig. Die Vercingenten können sechs Mann stellen, wo wir einen stellen, sind fertig im Landkriege, wir müssen auf unsrer Hut sein, daß wir die Ufer vertheidigen.

„So viel Angst, Sorge, Mühe, Verbrechen und Gewinn, der am Ende doch wieder in Nichts zerfließt. Und wenn nun den Vercingenten es dennoch einmal gelänge, den Fuß siegreich ans Land zu setzen?“

Dann würden die Vornehmsten und Reichsten entfliehen. Mögten die Feinde das Land hinnehmen.

„Und das Land würde seinem Unheil überlassen, die Schuld wäre quitt? — Adieu Land der Carthager! Ich habe das Land der Freiheit, Großmuth und der Handelsherrlichkeit gesehn.“


[4] Königen.

Siebentes Kapitel.
Was Perotti unter den Vercingenten sah.

Nichts Eiligers hatte ich zu thun, als mich aus dem Lande der Freiheit und Großmuth zu entfernen. Ein Räuber, der ein stattlich Pferd ritt, plünderte mich noch unterwegs, und da ich alles hingab, war er in der That so großmüthig, mir das Leben zu lassen. Gut daß ich mir durch einige Gaukelkünste Etwas wieder erwarb, sonst wäre ich in die drückendste Verlegenheit gekommen.

Ich ließ mich zu den Vercingenten übersetzen. Eigentlich sollte es nicht sein, doch mit Geld läßt sich Vieles möglich machen.

An dem Gestade der Vercingenten sahe ich große Vorkehrungen, um in das Land der Carthager zu fallen. Es lagerte ein Heer, viele Fahrzeuge waren bereit, über den breiten Strom zu setzen. Doch sagte mir ein Vercingent ins Ohr: Wer weiß, ist es Ernst damit, wir richten aber schon genug aus, wenn die Carthager in Furcht gehalten werden. Sie sind dann genöthigt, alle Kräfte zur Bereitschaft des Widerstandes anzuspannen.

Ich erfuhr im Lande, daß die Vercingenten vor mehreren Jahren sich genöthigt gesehen hätten, eine Regierungsveränderung vorzunehmen. Das ging niemand etwas an, wie ihnen selbst. Allein mehrere auswärtige Mächte waren mit gewaffneter Hand aufgetreten, und hatten begehrt, sie sollten die alten Formen herstellen. Das hatte nun Partheiwuth und innere Noth aufs höchste gebracht. Nichts war mehr zu verlieren, alles zu gewinnen. Darum stand die Nation in voller Kraft auf, ihr Recht zu behaupten. Wenn alles auf dem Spiele steht, muß sogar der Muthlose verwegen sein. Genug, die Kraftsumme, welche jetzt in Thätigkeit kam, brachte neben einer, dem Kriege günstigen geographischen Lage die erstaunenswerthesten Wirkungen hervor, und besser stand noch der Vercingenten Spiel, als ihre Feinde sich schlecht mit einander vertrugen, und oft ihre Lust daran hatten, wenn der heimlich gehaßte Bundesgenoß Unfälle erlitt. Wie glorreich sie aber auch kämpften, und jeden Krieg mit Eroberung krönten, die Carthager (wir wissen schon warum) bewirkten durch ihr Gold ihnen immer neue Kämpfe. Zuletzt wurden die Vercingenten der Sache recht gewohnt, der Krieg war ihr Element, und sie machten sich von einem Lande nach dem anderen Meister.

Eben da ich nach der Hauptstadt reis’te, sah ich auf den Landstraßen bald Wagen mit erbeuteten Waffen, bald Siegeszeichen aus einer eben gewonnenen Schlacht, bald lange Reihen Gefangener, die aus der Fremde gebracht wurden.

Sehr begierig war ich, ihre Hauptstadt zu sehen, und der Wunsch wurde mir bei den vortrefflichen Wegen und Anstalten zum schnellen Fortbringen der Reisenden bald gewährt.

Ihr Umfang ist ebenfalls beträchtlich, wenn sie sich gleich durch Schönheit der Straßen und Wohnhäuser im Allgemeinen nicht empfiehlt. Kömmt man übrigens nach dieser Stadt, so wird man (mit Ausnahme einiger Gegenstände, die bald zur Berührung kommen sollen) nichts weniger meinen, als daß dies der Mittelpunkt eines kriegerischen und immerfort in Krieg begriffenen Landes sei. Nichts wie üppige Vergnügungen überall. Schauspiele in allen Gegenden der Stadt, die leckersten Gastereien bei den Großen, eine Menge Lustgärten, die den raffinirtesten Lebensgenuß darbieten, Spiel- und Tanzhäuser ohne Zahl. Nicht in Soldatentracht geht hier der Held, der vielleicht mit Wunden bedeckt ist, und jenseit der Gränze vor Kurzem vielleicht Wunder der Tapferkeit verrichtete. Im weichlichen Stutzeranzuge sieht man ihn, von köstlichen Salben duftend, von Schöne zu Schöne fliegen, Musik, Gesang und Galanterie treibend. Was die Historie von einem Sybaris, einem Capua spricht, bleibt bei Weitem gegen das sinnentrunkene Leben zurück, das die Vercingenten in ihrer Hauptstadt führen, und die Schätze, welche man den Feinden abnahm, werden hier zu den feinsten Schwelgereien angelegt. Ich fragte in den Buchläden, welche Werke am meisten Leser fänden, und mir wurde ein Lehrgedicht über die leckere Kochkunst genannt. Und gleichwohl darf ein solcher Prasser nur zu den Heeren gerufen werden, so scheut er wieder keine Mühseligkeit, und theilt Mangel, Noth und Gefahr, mit dem niedrigsten Krieger auf die geläufigste Weise.

Ich konnte mich nicht genug verwundern, wie das, was sonst die Menschen zu allem Kräftigen und Muthigen abspannt, hier gar keine nachtheilige Wirkung äußerte, und sah mich dann ein wenig nach den Mitteln um, welche die Vercingenten anwendeten, um das Feuer des Kriegsgeistes bei ihren Bürgern nicht verglimmen zu lassen.

Was ich aber da sahe, lockte mir wieder ein neues Staunen ab. Denn Gemüth und Einbildungskraft waren hier nach allem, was darin anschlagen, reizen, begeistern kann, so in Ueberblick und Lenkbarkeit gebracht, als wären sie sichtbare fühlbare Räder einer Maschine, die man nach Gefallen in Bewegung bringt. Eine dichterische Spannung war über das gesammte Soldatenhandwerk gebracht, daß jeder Krieger nichts Edleres, Höheres fassen konnte, wie die Waffe. Alle Künste strebten, das Herz in den Banden der Begeisterung fest zu halten, der Feldherr hatte Aussicht, in großen Marmorstatüen, Untergebieter der Truppen in Büsten und Gemälden, der Geringste in goldener Namensschrift an Ehrensäulen auf die Nachwelt zu kommen. Man feierte phantastische, verbrüdernde, ermuthigende Feste, bei Versammlung der Heere, an Tagen berühmter Siege. Dem Alter der Hülflosigkeit des Kriegers, winkten bequeme Versorgungen. Der Lohn für den besondern Muth war ausschweifend. Der Neugeworbene konnte hoffen, schon im künftigen Jahre eine bedeutende Stufe zu erklimmen, die Krieger von Rang erlangten neben Ehrenzeichen und Schätzen, oft Land und Leute, wurden herrschende Grauen, wohl gar Weliks. So viele Aussaat mußte denn wohl mit Frucht wuchern, und nichts wunderte mich mehr, als wie die Feinde der Vercingenten, die das System solcher Anreize nicht kannten, nicht in Ausführung bringen wollten (auch nicht mehr konnten), doch immer Sieg hofften. Ohne ein Wunder vom Himmel blieb er, alle Umstände zusammengenommen, denn doch nicht denkbar. Einige waren aber auch klug, und wandten sich auf die Seite derer, die sie doch einmal nicht zu bezwingen verstanden.

Uebrigens ist es blos eine gewisse Kürze des Entschlusses, welche die Vercingenten zu dem Gipfel der Größe erhebt. Was ihnen gut dünkt, thun sie gleich zur Stelle, haben sie geirrt, ändern sie geschwind wieder ihren Weg. Liegt ein Stein vor ihnen, dieweil andre ihn messen, und weitläuftig über die Mittel berathen würden, ihn wegzuschaffen, sprengten sie lange darüber weg. Wer tiefe Ueberlegung, lange Berechnungen ihrer Plane, hartnäckige Ausdauer an einem Vorhaben bei ihnen suchte, würde sehr irren, überall nur kurzer muntrer Entschluß, das nächste zu thun. Und das führt sie denn um so weiter als ihre Nachbarn träge im Handeln sind. Außerdem, so viel Abgeschliffenheit ihnen eigen ist, mag ich nichts mit ihnen zu thun haben, außer bei den Tafeln der Großen ihrer Hauptstadt.

Ich gerieth bald in armseelige Umstände. Denn indem ich täglich in den vornehmsten Gasthäusern schmauste, und niedliche Mädchen dazu einlud (ein Fehler, in den ich wohl nun nicht mehr fallen dürfte) ward mein Geld bald rein all. So gern ich das lustige Treiben fortgesetzt hätte, mein Erwerb langte nicht, da es viel feinere und geschicktere Gaukler gab. Ich sang zuletzt in die Guitarre, gewann aber auch da nichts, und lief, Schulden nachlassend, davon.

Achtes Kapitel.
Perotti endigt seine Erzählung.

Mit Mühe erreichte ich das Land der Celtiberier. Diese waren einst arbeitsam, stolz, großherzig, dichterisch gewesen, allein Reichthum hatte Trägheit über sie gebracht, und der Aberglaube hatte, durch frühere politische Leitung so dick und dunkel die Geister umnebelt, daß wer nicht den Druden jedes Mährchen aufs Wort glaubte, verbrannt wurde. Ich gewann indeß ansehnliche Geschenke, da ich den Crodoismus annahm, und hielt mich länger nicht auf.

Nun kam ich noch zu manchen anderen Völkern. Unter andern ins Land der Hinkenden. Hier konnte Niemand grade einhergehn, den Fehler aber zu verstecken, tanzte man beständig. Die Kapriolen mit gebrechlichen Beinen nahmen sich sonderbar genug aus, ob man gleich nun die Lähmung nicht entdeckte. Ich ging natürlicherweise aufrecht, und ohne Sprünge zu machen, einher, da hättet ihr das Lachen sehen, das Spotten hören sollen. Es blieb dabei nicht, ich wurde auch mit Steinwürfen abfertigt. Dies Land der Hinkenden kam mir vor, wie ein gewisses, wo es scheint, die Menschen wüßten gar nicht das nächste evident klare Urtheil auszusprechen, sei es nun aus einem wirklichen Hindernisse in der Gehirnmasse, das den einfachen Gedanken immer unterbricht und verschiebt, oder aus einem gewissen Dünkel, dem das Grade gemein dünkt, und die Umschweife vornehm. Genug, um das Uebel zu verstecken, bedienen sie sich der philosophischen Tanzkunst, und schweben immer zur Höhe empor. Wehe, wer nun ein gesundes Urtheil, das sich nach Gebühr, auf dem Erdboden erhält, unter ihnen gültig machen will! Er wird ausgezischt, gegen ihn geschrieben, man bewirthet ihn mit Schimpf, ja es kann dahin kommen, daß er in den Kerker wandern muß. Und so schlechte Progressen auch die philosophischen Hinker machen; so sehr ihre Sprünge sie auf dem Wege zurückhalten; wie sie ermattet keuchen, wo sie bequem vorwärts dringen könnten; sie weichen dennoch nicht von der beliebten Methode.

Ich sah auch noch ein Volk von lauter Harlekinen, über die man nicht lachte, von lauter tragischen Poeten, deren Nüchternheit keine Thräne rief. Endlich aber ward ich der Streiferei müde, und begab mich nach dem Gilimerischen Städchen, wo ich zuerst über jenen Gränzstrom setzend, angelangt war. Ich forderte die Erlaubniß, mich wieder zurückbegeben zu dürfen. Doch umsonst. Heilig hielt man das Landesgesetz. Die übrige bewohnte Welt soll nichts von diesen verborgenen Völkern erfahren, und deshalb wird kein Fremdling von ihnen gelassen. Man sagte mir: ich müsse mich auf Lebenslang ansiedeln, wo? stände in meiner Willkühr.

Zum Glücke aber ist die Luftschifferei unter ihnen noch unbekannt. Ich verfertigte ins Geheim einen Ball, wartete günstigen Wind ab, und flatterte so nach der Wüste. Wie sahn die Bewohner mir nach! Man wird wie von einem Wunder von meiner Abreise sprechen.

In der Wüste hatte ich meine Schätze verborgen, die, welche ich einst dir verwahrte, und die mir der ruchlose Musa abnahm, waren dabei. Ich hatte nur eine mäßige Summe mit über den Strom genommen.

Mein Diener war krank zurück geblieben, und zur Pflege bei einem alten Neger gelassen worden. Ich fand ihn hergestellt. Wir nahmen die Schätze, die Kameele, die der Neger auch hatte füttern müssen, und begaben uns zurück. Mich traf das Unglück, den Spähern des Musa in die Hände zu fallen, oder vielmehr das Glück, denn nun konnte ich dir, hohe Nene, treue Dienste leisten. Was mir Armen sonst widerfuhr, ist dir bekannt.

Hier schloß Perotti seine Erzählung, aber Flore maß ihr wenigen Glauben bei, und äußerte unverholen, sie hielte alles für unverschämte Erdichtung.

Achtes Kapitel.
Sie kommen in der Hauptstadt des innern Darkulla an.

Die Schwäne zogen rüstig, der Wind half, und so sahe man denn bald den Blumenpallast der Hauptstadt liegen. Flore zeigte ihn Gigi von fern, doch diese blickte nur mit flüchtigem Auge dahin, sie beschäftigte die holde neugeborne Liebe.

Als das Reiseeiland endlich dem Gestade des Pallastgartens nahe war, rief Flore den alten Alonzo auf die Seite. Schon während der ganzen Reise, fing sie an, denk ich darauf, wie ich das Beilager der Liebenden auf eine neue, noch nicht erhörte Weise feiern lassen will. Alles in unsern Schicksalen ist außerordentlich, so muß es auch diese Feier sein. Aber ich bin ohne Erfindung, nur Gewöhnliches fällt mir bei, wissen sie nichts auszudenken?

Und sie fragen noch? erwiederte der Hispanier. Wir steigen alle vom Eiland, bis auf das Paar, ich spreche einen eiligen Vater- und Priestersegen, sie bestätigen ihn obrigkeitlich, und wir stoßen sie wieder ab. Sie mögen nun drei Tage für sich umherschwimmen. Kann ein junges Paar seliger sein?

Recht Alter, Recht! entgegnete Flore, nach drei Tagen holen wir sie von dem Eilande ein, und dann eine große Feier durchs ganze Land.

Man befand sich schon bei der Auffuhrt. Perotti, Imar und die Diener wurden voran in die Stadt geschickt, Flore hatte einige rosenfarbne Veilchen in einen Kranz gewunden, und schmückte die rabenschwarze liebliche Locke Isabellens, unerwartet damit. Alonzo, heiligen Ernst auf der Stirne, hieß die beiden niederknien. Sie thaten es betroffen, vor einem Hügel von gediegenem Goldstaub, auf den der Strahl des eben über das Palmengebüsch emporschwebenden Vollmonds glänzte. Alle Abendviolen des Eilands hatten eben die duftenden Busen geöffnet.

Seegen vom Himmel auf dies neue Paar, sprach Alonzo mit freudebebender Stimme, das ich an Priesters Statt hier verbinde.

Seegen! rief Flore, zog den Alten hinüber, und stieß mit einem kleinen Stabe an die Insel, den Schwanen zugleich ein Zeichen gebend. Die verständigen Thiere wandten sich um, und ruderten still wieder in den großen silberklaren mondbeglänzten Teich. Ein leiser Zephyr stieg zugleich auf, und blies in die breiten Cocosblätter und den Jasmin, die Seegelstelle vertraten, und ein zahlreiches Heer von Nachtigallen, fing ein holdes Lied an zu flöten, Isabellen und ihrem Erwählten das heiligste Epithelam.

In drei Tagen Widersehn, riefen Jene den frohbestürzten, entzückten, Neuvermählten zu, deren Wonne verstummte.

Alle Trauben an den Thyrsusstäben, verwandelten sich in ätherischen Nektar, aus jeder Frucht ward Ambrosia Elysiums. Luna umstrahlte mit Verklärung, im Dufte der Blumen athmeten sie Götterwahn, Philomelens Gesang hob sie in die Sphären der Unsterblichkeit. Ein Gott und eine Göttin von lauter Himmel umgeben, schwammen sie auf dem Eiland dahin. Keine Fabel, denn trugen sie nicht den Götterfunken der Liebe im Busen, hier von dem entzückend freundlichen Schicksal zur flammenden Apotheose erzogen?

Ende des siebenten Buchs.

Potpourri.
Erfinderische Träumereien.

Manches Ding auf Erden bringt dem Geschlechte der Sterblichen, alleinigen Nutzen, es müßte denn offenbarer Mißbrauch im Spiele sein, manches wird wenigstens eben so oft heilsam wie nachtheilig, die entschiedenen Schädlichkeiten können meistens unter besonderen Umständen Vortheile bringen, wie unter andern Gifte, in der Aerzte Hand. So leicht aber wird keine Sache ein so sichtbares empörendes Uebergewicht des Bösen zeigen, wie das Schießpulver. Ganz überflüssig wäre es, dieser Behauptung noch die kleinste Rednerblume anzuflechten, sie überzeugt genug in vollkommner Einfachheit, denn das versteht sich wohl, der Gesichtskreis soll hier nicht gelten, in welchen der Widerspruch den Helden führen könnte, welcher durch die Mönchserfindung seinen Ruhm erweitert. Auch den oft gehörten Satz: die Kriege sind jetzt weniger blutig, als da noch mit Lanzen und Pfeilen gestritten wurde, weisen wir billig zurück. Held und Krieg werden hier nicht bedungen, sondern Menschenwohl.

Bei dem allen könnte das Pulver, vermöge seiner Gewalt, und bei schwierigen weitläuftigen Arbeiten, höchst ersprießliche Dienste leisten, ja auf andern Wegen ganz unerreichbare, unglaubliche romanhafte Zwecke, ließen sich im Bunde mit dieser Titanenkraft umarmen, wenn wir mehr Aufmerksamkeit auf diesen hochwichtigen Gegenstand wendeten.

Vor allen Dingen müßte die Materie wohlfeiler dargestellt werden, und das könnte geschehn, wenn wir den Salpeter, wie in Frankreich, mehr aufsuchten. Dann ist auch zu gewissen Zwecken gar nicht nöthig, daß es mühsam und kostspielig auf den Mühlen zubereitet werde, der Zusatz von Kohle, nothwendig, sobald vom Schießen die Rede ist, kann vielleicht unter gewissen Umständen, zum Theil, oder ganz wegfallen. Salpeter und Schwefel verlieren ohnehin durch ihn nur an Stärke. Lavoisier fand freilich die Explosion ohne den Zusatz zu furchtbar, und die Materie schwierig und gefährlich zu handhaben, allein das beweiset nicht, daß sich dazu nicht bequeme Mittel ausfindig machen liessen, und mit der erhöhten Vorsicht, wird die Gefahr vermindert.

Der Ackerbau, die Bergwerke, der Handel, alles was große mechanische Kräfte braucht — wo ein Hauptstoß bedungen wird, da ist doch alle Mechanik gegen das Pulver wie eine lahme Matrone zu betrachten.

Einem schlechten Acker, den der Landwirth in nutzlose Brachen abtheilen muß, wäre oft durch eine gänzliche Umwühlung aufzuhelfen, bisweilen liegt nicht tief unter dem Sande, eine Ton- oder andre fruchtbare Erde, wüßte man sie hinauf und den Sand hinunterzubringen, beide allenfalls nur zu mischen, so würde der Acker an Ergiebigkeit, folglich an Werth, ansehnlich gewinnen.

Das sogenannte Rajolen wird jetzt in Gärten angewendet, auf dem Kornfelde selten, es ist dem Landmanne zu kostspielig, es fehlt auch gemeinhin an hinlänglichen Menschenarmen dazu. Vielleicht würde es schon bei dem gegenwärtigen Preise des Pulvers wuchern, sich seiner zur Totalumwühlung schlechter Aecker zu bedienen, wie viel mehr, wenn erst eine gewisse Wohlfeilheit erzielt würde, was, wie wir eben zeigten, gar wohl möglich ist. Der Prozeß wäre dann folgender. Man baute eine Art Ramme mit Rädern, die dann auf lange Zeiten, und von einer ganzen Ortschaft zu benutzen wäre. Mit dieser würde ein spitzer Pfahl in angemessenem Abstand, sechs oder acht Schuh tief, in schiefer Richtung in die Erde geschlagen. Dann hätte man von einer eigens dazu bereiteten schlechten Pappe, mit etwas Holz gegen den Erddruck gesichert, Schachteln mit Pulver gefüllt. Diese würden nun in das schiefe durch den Pfahl gebohrte Loch niedergelassen. An den Schachteln befände sich von derselben harten Pappe eine Röhre, die bis auf den Erdhorizont hinausginge, und durch welche ein in Schwefel und Salpeter getränkter Faden lief. Sodann drückte und schüttete man die Erde mit Vorsicht zu.

Die Masse Pulver müßte eben hinreichen, einen Trichter Erde zur Höhe zu sprengen. Läge sie sechs Fuß tief, so würde der Trichter, laut den Erfahrungen der Minenlehre, zwölf Fuß im Zirkeldurchschnitt bekommen. Alle zwölf Fuß müßten also auch Löcher eingesteckt werden. Die in einen Punkt verbundenen Faden zündete man an, so würde das Feuer zu jeder Schachtel laufen, und die allgemeine Sprengung von Statten gehen. Die obere Erde ginge zuerst in die Luft, würde also auch die Steigekraft zuerst wieder verlieren, und zurückfallen. Die untere, ohnehin unmittelbar durch den Anstoß getroffen, dränge durch die obere Lage, und sänke später nieder. Dadurch also bekäme der Landmann diejenige Erde, welche sechs Fuß tief gelegen, oben, wenigstens mischte sie sich sehr stark mit der anderen. Wäre sie von besserer Güte, so könnte das Grundstück nun vielleicht noch einmal so viel werth seyn, wo nicht, so wäre bei der frischen ausgeruheten Erde, immer einer Brache zu entsagen, und das gäbe schon einen ansehnlichen Gewinn.

In einem flachen Lande unterstützt nichts so die innere Gemeinschaft, wie Kanäle, auch von dem Nutzen, den sie als Bewässerungsmittel für das Land haben, weggesehn. Wie anmuthig wird auch das Leben in Holland durch sie. Statt in anderen Ländern, bei einer Reise man sich, dem immer doch unbequemen Wagen, vertrauen, sich zu Pferde setzen, oder den Weg beschwerlich zu Fuße zurück legen muß, miethet man dort einen Platz in der Postgondel. Es ist ein wandelndes Haus. Man sitzt im netten, in der Hitze kühlen, bei rauher Luft erwärmten Zimmerchen, fühlt kein Stuckern, fürchtet kein Umwerfen, und die Landschaft draußen zieht still vorüber.

Alle niederen Lande könnten mit Kanälen durchschnitten, alle Flüsse von Belang, mit Hülfe der Schleusen durch sie verbunden sein; bis jetzt macht das aber ganz unerhörte Kosten, nur sehr wirthliche Regierungen können von Zeit zu Zeit daran denken. Mehren wir aber erst den Salpetergewinn, und bereiten eine rohe wohlfeile Sprengemischung, dann legt man in dichten Abständen Minen, daß ein Zirkel in den andern greift, und wirft sich so einen Kanal aus der Erde. Die Hauptsache ist mit dem Wurfe geschehen, die Ungleichheiten des Randes werden mit dem Spaten gehoben, und nun für die Bewässerung Sorge getragen.

Um viele nahmhafte Städte wird die Gegend der fehlenden Abwechslung wegen angeklagt. Die Kunst hat durch Jahrhunderte gestrebt, das Schöne darzustellen, sie prangt in stolzen Monumenten, und lockt des Wanderers staunende Blicke an; allein die Väter wählten die Lage ohne Geschmack, eine stiefmütterliche Natur steht mit einem öden Kontrast gegen die Herrlichkeiten von Menschenhand da, und nur desto freudenlosere Empfindungen ergreifen das Herz, wenn man vor Thoren eines neuen Athens lustwandelt, und vielleicht eine unbildliche charakterlose Fläche anblicken muß! Was haben sich unter andern die Umgebungen von Berlin, durch den sinnreichen Verfasser der Parallele: Wien und Berlin, müssen Bitteres sagen lassen! Petersburg, Moskau, Warschau, Kopenhagen darben an Bergen in der Nähe, die eine schöne Landschaft bilden könnten. Was würden nicht auch Paris und London dadurch gewinnen!

Die alten egyptischen Könige hätten sich nun freilich unter solchen Umständen bald zu helfen gewußt. Wer Pyramiden erbaute, oder den See Mäotis ausstechen ließ, bei dem hätte es wohl nur einer Erinnerung bedurft, und bald würde sich ein kleiner Ossa oder Pelion emporgethürmt haben. Nur im Geschmack der Neueren liegt so etwas gar nicht, besonders weil sie so selten etwas für die Nachwelt thun wollen; die Erndte kann immer nicht rasch genug auf die Saat folgen. Aber freilich, wer denn auch einmal von der kleinlichen Gemeinregel abweicht, erscheint bald wie eine Art Wunderthäter, und die Fürsten, welche ihre Regierung nur als Pfründegenuß ansehn, und das Lob ihrer Ruhe, am liebsten von der Schmeichelei hören, sinken bald zu Boden, wenn es einem unter ihnen in gutem Ernste beifällt, das Leben der Unsterblichkeit zu widmen.

Einen Berg, oder eine Bergreihe darzustellen, hat aber so abschreckende Hindernisse nicht, wie die Einbildungskraft im ersten Augenblicke träumt, wenn man sich der Salpeter- und Schwefelkräfte bedient, und daneben (das brauchte freilich keiner Erinnerung) die Kosten nicht scheut.

Hier folgt die Art der Sprengung, welche Schreiber dieses zu einem solchen Ende erdacht hat. Er mögte sie gern durch Zeichnungen erläutern, aber der Verleger spricht achselzückend vom — Zeitalter.

Man legt neben der Stelle, wo ein Berg entstehen soll, in einer nach Maasgabe gekrümmten Linie eine Minenreihe an, deren Trichter zur Hälfte ineinander greifen müssen, ladet und zündet. Nun wird die Erde nach beiden Seiten zum Theil weit versprengt, zum Theil dicht am Rande des entstandenen Grabens hingeworfen werden. In diesem aber, der Seite des projektirten Berges gegenüber, gräbt man (bedient sich des Erdbohrers vielmehr) dann wieder eine Reihe in den Rand, so daß die kürzeste Linie nach diesem, nicht nach dem oberen Erdhorizonte geht. Jetzt wird man Herr über die Sprengung, und kann sie beliebig nach der Stelle des Berges leiten. Wie die Erde dieser Minenreihe nach ihrer Bestimmung geworfen ist, fällt der Erdhorizont nach und ein neuer schiefer Gang wird gebildet. In diesen scheidet man wie zuvor ein, und wirft seine Hälfte weg, wodurch ein abermaliger neuer Rand sich darbietet. So wird nun in der Widerholung alle Erde aus der Tiefe der anfänglichen Miene fort, und nach der Bergstelle geschafft. Die Ladung wird so abgepaßt, daß vorerst eine neue und niedrige Fläche erzielt wird, welche die nöthige Unterlage giebt. Gedieh das weit genug, beginnt ein neuer Hauptgraben, von dem aus eine anderweitige Lage fortgenommen wird. Daß der Aufwurf schmaler zur Höhe steige, müssen die Verhältnisse der Ladung bewirken. Das Wasser in der Tiefe wird vorerst durch hydraulische Mittel entfernt, dann aber noch mit den nächsten Flüssen in Verbindung gesetzt, daß man nicht nur einen Berg, sondern zur größeren Verschönerung auch einen See daneben erziele.

Mit Hunderttausend Thalern ließe sich schon viel sprengen. Manches Prachtgebäude kostet mehr und bringt doch bei weitem den Eindruck eines Berges an seinem Orte, nicht hervor. Wirthlichkeit muß es aber noch weit wohlfeiler bewirken können.

Bei Berlin, in der Gegend der sogenannten Jungfernhaide, zum Wedding und Gesundbrunnen hin, ein großer gekrümmter See, mit Wiesen diesseits, mit einer stattlichen, bepflanzten, in verschiedenen Kuppen sich endenden Bergreihe jenseits, ein andrer See zwischen Tempelhof und Schöneberg, der den Templower Berg, mit seiner Erde spitz erhöht, einige kleinere Anlagen auf der nordöstlichen Seite — würde die Landschaft da nicht bald einen anmuthigen, ja romantischen Charakter empfangen? Und die dann entstehenden, entzückenden Aussichten, von den Höhen über die große Stadt!

Ohne diese Theorie hätte dergleichen, wenn gleich nicht so vollkommen, mit Menschenhänden zu Stande gebracht werden können, wären seit dem siebenjährigen Kriege die vielen müßigen Soldaten außer dem sogenannten Dienst auf diese Weise beschäftigt worden. Und welche Kunststraßen hätten sie in einem solchen Zeitraume anlegen können!

Aber freilich, sie mußten ihre Kraft allein der Waffenübung zuwenden — um das Vaterland einst mit hohem Nachdruck zu vertheidigen.

Letztes Buch.

Erstes Kapitel.
Wie Flore den Zustand der Dinge vorfand.

Flore hatte ihre Residenz eilig verlassen, und wenig Vorkehrungen wegen des Regiments während ihrer Abwesenheit gemacht, doch fand sie alles mit Treue und Gewissenhaftigkeit verwaltet. Der alte Darkullaner hatte viele Glieder des Divans mit den Einzelgeschäften beauftragt, und so war alles in der Ordnung gegangen.

Am anderen Morgen nach ihrer Rückkunft ließ sie sich Bericht erstatten. Es war überhaupt lange nicht geschehn, und die unbeständige Sultanin etwas nachläßig gewesen. Die vormaligen Divanglieder zeigten mit einigem Nachdrucke der Stimme an, daß, was sonst nimmer in Darkulla erfolgt war, viele Bürger Einander um Schuld und Rückstände verklagt hätten. Gewöhnlich sei der Gegenstand irgend ein gekauftes und noch nicht bezahltes Kleidungsstück. Ja, es habe sogar ein Darkullaner den andern erschlagen, um ihm einen köstlichen durch die Caffern gefertigten Mantel zu nehmen; demnächst wären die Knechte sehr schwierig gegen ihre Herren, fast täglich liefen da Beschwerden ein. Sie wollten bei großer Dürre (sonst gabs keine Ackerverrichtungen, als daß man säete und ärndtete) kein Wasser auf die Gefilde tragen, darüber sei manche Frucht untergegangen, auch das Gold nicht aus den Flüssen waschen, daß also die Herren der Sultanin nicht so viel Gold als sie sollten, entrichten könnten, und also ein Ausfall in den Einkünften vorhanden sey. Sogar habe es von einem neuen Aufstande gegen die Regierung verlauten wollen, was aber noch bei guter Zeit unterdrückt worden wäre.

„Ihr wollt mich überzeugen, daß Laster im Gefolge meiner Neuerungen entstanden sind. Zufolge der menschlichen Natur, ist es schwer zu vermeiden, die Güte der Gesetze vermag aber viel dagegen. Wartet nur noch kurze Zeit, ihr werdet euch einer trefflichen Regierung freuen!“

Jetzt traf Flore Anstalten zu dem bevorstehenden hohen Feste. Alonzo und Perotti mußten alle ihre Erfindung aufbieten. Wie Cäsar das ganze Volk von Rom speiste, sah man Dürftigkeit, gegen die Fülle, welche hier herbeigeschafft wurde. Cäsar hatte aber keinem Darkulla zu gebieten.

Auf einem schönen Anger, nahe an der Stadt, wurden in Eile lauter kleine runde trockne Teiche gegraben, und mit Perlmutter und breiten Muscheln fest ausgelegt. Dann füllte man sie, entweder mit dem trinkbaren süßberauschenden Blumenthau von Darkulla, mit dem frischgepreßten Most der edlen wilden Reben, mit der Milch der Angoraziegen, die auf den duftenden Hügeln weideten, mit einem Sorbetähnlichen Gemisch, oder dem ausgedrückten Saft von Himbeeren, oder Ananas.

Zwischen diesen Bassins (auf denen, in der Manier des Lord Russel, Knäbchen und kleine Mädchen auf großen Muscheln herumruderten, und die Gäste bedienten) wurden nun Lauben gebaut, aus lauter mit der Wurzel eingegrabenen Fruchtbäumen und Weinranken, daß Pomonens Ueberfluß auf die Rasentische niedersänke.

Noch leitete man überall kleine Bäche durch, in welchen Austern, roh und gebraten, wie alle Arten Fische, auf die leckerste und verschiedenste Weise zugerichtet, geschwommen kamen.

Gebraten Geflügel aller Art, dem sowohl die Schwingen gelassen, als auch mit kleinen Bläschen voll brennbarer Luft versehn waren, flatterte umher; so liefen Haasen, Kaninchen, Rehe völlig zubereitet zwischen die Lauben, denn die brennbare Luft half ihnen fort.

In der Mitte des Angers steckte an einer Zeder von ungeheurer Länge, ein weisser Elephant, und wurde bei einem gewaltigen Feuer gedreht. In seinem Bauch befanden sich drei bis vier Ochsen, die wieder Ziegen oder Rehe in den Eingeweiden hatten, worauf Lämmer, Spanferkel, Eichhörnchen folgten, zuletzt kam immer eine kleine weisse Maus, von besonders zartem Geschmack.

So trugen andre Vorrichtungen Strauße von ausnehmender Größe, denen Schwan, Pfau, Gans, Fasan, Papagoi, Waldschnepfe, bis zum Zaunkönig einverleibt waren.

Eine Giraffe lag auf einem Rost von Mastbäumen, und ein kleines Wäldchen war allein zu dieser Feuerung umgehauen.

So war alles in Bereitschaft gesetzt worden, als die Neuvermählten drei Nächte, und drei Tage, der Einsamkeit auf ihrer schwimmenden Insel gehuldigt hatten.

Gegen Abend ließ Flore das Volk berufen, hielt eine innige Rede, und ließ sich das allgemeine innige Versprechen geben, daß man mit dem, was sie anordnen würde, zufrieden seyn wolle. Das Volk sah die festlichen Anstalten, wallte von Liebe über und verhieß.

Nun steuerte Flore nach dem Eilande, das eben nicht weit vom Pallastgarten schwamm. Das junge Paar wollte gar nicht glauben, daß schon drei Tage geschwunden waren, stritt, bat um Verlängerung seiner Einsamkeit, aber Flore willigte in nichts. Das Volk ist zum Feste versammelt, sprach sie, nun gelte die allgemeine Freude.

Coutances und Isabelle mußten folgen, so schwerfällig ihr Tritt auch war. Sie wurden vorerst in den Pallast geführt, um sich zu schmücken, dann ging es in Begleitung des Hofes, der hohen Staatsdiener, der Garden, und allem was den Glanz des Gefolges mehren konnte, zum Gefilde hinaus.

Der Mond ging diesen Abend später auf, daher war es dunkle Nacht. Den Neuvermählten kam es schon sonderbar vor, in die Finsterniß geleitet zu werden, doch das Zeichen einer Rakete, und ein bewundernswürdiges, jeder Erwartung spottendes Schauspiel, überraschte ihre befremdeten Blicke.

Nicht weit von der Hauptstadt befand sich nämlich ein hoher spitzer Berg, dessen Inneres viel Schwefeladern enthielt. Alonzo war darauf gefallen, einen Vulkan daraus zu machen, der dem Mahle am Feste leuchten sollte. Mit Hülfe einer großen Menschenmenge, hatte man den Berg also bis auf den Schwefel gehöhlt, und noch Harz, Pech, Salpeter, Eisenschlacken u. s. w. in großer Menge hineingeworfen, auch dergleichen Materien die Fülle daneben unter Schirmdächern aufgehäuft, um immer wieder Nahrung in den Krater werfen zu können. Damit auch keine Explosion, sondern eine Strömung erfolgte, wurde ein kleiner Bach hinein gelenkt, der den schnellen Ausbruch dämpfen konnte.

Da nun die Rakete winkte, zündeten die Männer, deren Obhut der Vulkan übergeben war, an, und ein dicker Feuerstrom, in allen Farben spielend, stieg majestätisch gegen den Aether empor, und erhellte die ganze Gegend. Nicht der Mittag stellt die Dinge klarer dem Auge dar, wie diese eindruckreiche, magische Beleuchtung.

Isabelle schrie bewundernd auf, Coutances erstarrte. Sie wußten nicht, sollten sie den Blick nach der Lichtsäule wenden, oder nach dem unübersehbarem Volke und den Anordnungen der Lust, oder nach der Stadt, deren Prospekt in dieser Helle etwas Hinreißendes zeigte.

Coutances, rief Flore, die alte Weissagung trifft ein, ihr seid Sultan von Darkulla. Euch und Isabellen übergebe ich Land und Herrscherstab, und des Volkes Zusage: meiner Verfügung froh zu begegnen, ward mir. Ihr kühner, alles hoffender, jedem Hinderniß spottender Geist, Isabelle, wird in Wonne schwelgen, diesem Volke edlere Bildung zu erziehn, und viel kann ein so warmer Wille umfassen. Für mich, die Schwächere, paßt das Riesenwerk nicht, und ich folge dem Zug ins Vaterland.

Isabellens Auge glänzte. Freundin, diese Großmuth — Coutances rief: Meine Ahnung!

Nichts von Dank, wo er mir nicht gebührt, fuhr Flore fort, Herolde verkündet meinen Willen! juble Volk deinen Gruß dem neuen Herrscherpaare!

Bald ras’te das betäubende Freudengeschrei, denn auch in Afrika fliegen die Herzen und Erwartungen neuen Regenten zu.

Dann nahm der Hof unter seinen Goldbaldachinen Platz, die Menge vertheilte sich in die Lauben. Der Schmaus, der stattliche, begann. Dann durchtönten tausend afrikanische Instrumente die Luft, und die freudetrunkenen Paare wirbelten im bachantischen Tanz dahin.

Der heiße Neger ist bei solcher Gelegenheit nicht so zu zügeln, wie der Europäer, besonders der verfeinerte, bei dem oft eigne Schwäche zur Polizei wird. Vom Mittelalter lesen wir aber, daß auch in unserm Welttheile bei Trunk und Tanz Gefahr für die Jungfrauen erwachsen sei. Dort aber ward es ungemein arg damit. Des Hofes Ansehn, die wenigen Eunuchen richteten nichts aus. Flore mußte sogar, des Aergernisses halber, zornig gebieten, daß der Vulkan mit seiner Feuerfontaine einhielt, wodurch die Sache freilich viel schlimmer ward.

Bei dem allen darf man hier nicht an das vom Tigellinus dem Nero gegebene Gastmahl, denken, wovon Tacitus im funfzehnten Buche der Annalen ein Gemälde liefert.

Der Hof kehrte auch, früher wie er es gedacht, zurück in den Pallast.

Zweites Kapitel.
Isabellens Entwürfe.

Am andern Morgen sprach Flore: Ich gebe nun alle Regentengeschäfte in ihre Hand, theure Isabelle, und rüste mich zur Reise. Eine gute Bedeckung nehme ich mit, das letzte worüber ich noch gebieten will.

Jene komplimentirte viel, Flore mögte doch noch da bleiben, sie mit Rath unterstützen, ihre ersten Einrichtungen prüfen, es war ihr sogar Ernst damit, denn Flore hatte sie gewonnen; diese blieb aber fest.

Es bedarf meines Raths nicht, schöne Hispanierin, sie haben den Gemahl und Vater. Auch ist das Volk eine Tafel von Wachs, die alle Eindrücke leicht empfängt. Spätestens nach drei Tagen umarme ich sie zum Letztenmale.

Isabelle weinte ein wenig, dann trocknete sie aber die Augen, und hub mit allem Feuer einer poetischen Projektantin an: Hören sie wenigstens an, was ich mit der Religion vorhabe. Ich denke eine neue zu stiften.

Flore versetzte: Das Volk ist noch offen dafür. Es geschah sogar Einiges die Bahnen zu ebnen.

Hören sie, fuhr Isabelle fort: die Darkullaner sollen den Unerforschlichen anbeten, dem alle Nationen, wenn schon nach verschiedenem Cultus, Altäre bauen, doch ohne Simbol, ohne Kirche, nur unter dem Dom des Sternenhimmels. Selten die hohe, öffentliche, rein geistige Verehrung, etwa beim neuen Jahr, nach der Erndte, am Stiftungstag der neuen Weihe. Damit aber die edlere Sinnlichkeit, einen Spielraum vor sich eröffnet sieht, damit die Künste in einen schönen Bund mit dieser Religion treten können, nimmt sie geheiligte Heroen auf, denen Tempel zu bauen, und Gebilde aufzustellen sind. Diese knüpfen das Erdenleben an das Göttliche, deuten, bestimmen, ordnen die Menschenpflicht. Christus ist einer der Hochverehrten; die Kindheit, die Freundschaft, der Brudersinn, die Aufopferung sind sein Gebiet. Heiter werden seine Tempel erhöht, die rührenden Szenen seiner Legende mag die Kunst darin abbilden. Das Kind empfängt dort Unterricht, und wird mit dem Jugendkranz entlassen; Feinde werden dahin geführt, sich zu versöhnen. Trost und Stärkung schöpfen hier Unglückliche, denn auch die Unsterblichkeit verbürgt der Heilige. Maria, die schöne, sanfte, milde, ist die Harmonie der Liebe. Ideale sind ihre Gemälde, die Dichtkunst legt ihre erhabensten Erfindungen, von Bildners Hand verwirklicht, an ihren Altären nieder. Jünglinge und Mädchen, deren Herz spricht, mögen hier flehen. Das Eheband wird hier geknüpft. Moses ist der Heros des Rechtes. In seinen großen ersten Tempeln werden die Gesetze ausgehängt, die Richter, seine Priester, halten Gericht. Daß das Recht ein Theil der Religion werde, scheint mir passend und heilsam. Auch Mahomed ist ein Heros dieser Religion, denn ich muß ja meinen Darkullanern begegnen. Ihm gehöre der Krieg. Gilt es das gute Recht, das Vaterland zu vertheidigen, dann werde sein sonst geschlossener Tempel geöffnet, der Kämpfer heiligt seine Waffen vor den Bildsäulen des Furchtbaren, und der begeisternde Streitgesang ertöne.

Was meinen sie, wenn einst Maler, Bildhauer und Dichter in Darkulla erstehen, wird nicht diese Religion hohe Schönheit gewinnen, kann sie nicht gute edle Menschen erziehn? Das bürgerliche Gesetz sei innig damit verwebt, nur Greise die Priester, daß allem Mißbrauch vorgebeugt wird.

Flore war gerührt, umarmte die Freundin, wünschte das herrlichste Gedeihen, und zog sich dann auf ihr Zimmer zurück.

Hier fing sie heftig an zu weinen. Wie, sprach sie zu sich, mein Geschick ist so verwickelt, so sonderbar, aber oft komme ich doch mit so guten Menschen, mit so wichtigen erhabenen Dingen in Beziehung. Was bin ich gleichwohl? Eine Verworfene!

Aechte Magdalenenthränen, die sie aber ehrten, strömten reichlich von ihren, aus Rührung bleichen Wangen nieder.

Ja Flore, du warst einst eine Verworfene, aber eine überaus unglückliche Erziehung, die deine guten Anlagen untergrub, widrige Umstände, böses Beispiel rissen dich in den Abgrund. Eine andere an deiner Stelle, die jetzt vielleicht eine freundlichere Fügung, zum achtbaren gerühmten Weibe machte, hätte auch sinken müssen. Richte dich auf, du hast in dieser Büßung viel Schmach von der Tafel deiner Erinnerung weggetilgt! Richte dich auf, du hast auch viel Gutes gewirkt, und der Wille, der jetzt in deinem Busen lebt, ist fromm und tadellos! Die Reue verdient Lob, aber sie vergifte nicht die heitre Laune, die in so manchem Sturm des Lebens dich über den Wogen erhielt.

Nun, zu sehr ist das Letztre auch nicht zu fürchten. Flore ist eine Pariserin. Schon trocknet sie ihre Thränen.

Drittes Kapitel.
Abreise von Darkulla.

Vierundzwanzig Elephanten ließ Isabelle mit Goldstaub beladen. Wozu so viel? rief Flore? Ist des Plunders nicht genug in Darkulla? gab die Sultanin zur Antwort.

Werde ich auch mit den Elephanten durch die Wüste kommen? fragte wieder die Exsultanin. Alonzo rief: Nehmen sie noch vierundzwanzig. Zwölfe mögen Fütterung, zwölfe Wasser tragen. Nun wurden dreihundert Darkullaner, und dreihundert Beduinen, lauter stattliche treubewährte Männer, zur Bedeckung ausgesucht, ohne die Elephantenknechte. Den wackern Imar bestimmte Coutances zum Befehlshaber über die Krieger. „Ich stehe dafür, der Araber wird den Durchzug erzwingen, wo man ihn verweigern will.“

So wurde nun die Reise angetreten, und der Hof geleitete Floren bis an den Ausgang der Felsenkette. Hier schied man ohne Sentimentalität, aber nicht ohne Thränen.

Floren ward sonderbar, wie der Weg sie nun immer weiter führte. Der Himmel ihrer Hoffnungen war geröthet, und auch nicht, sie verließ Darkulla gern, und auch ungern, Wehmuth und Zufriedenheit wechselten, ein fortwährender Streit der Empfindungen. Doch wie sie nach einigen Tagen beim Zurückblicken keine Felskuppe des verlassenen Landes mehr sah, da zog es sie entschiedner vorwärts, und sie war beruhigt, daß sie die schönste Natur des Erdbodens, und die Freunde nicht wieder sehn würde. —

So war Flore denn vom innern Darkulla entfernt. Der Leser suche aber das reizende Land auf keiner Karte, er wird es nicht durch Guidotti, Houghton, Mungo Park, Borheck oder Forster beschrieben finden; es liegt zu versteckt, und ist den Geographen entgangen. Das große Darkulla findet er wohl; so gut wie Louisiana, aber nicht die Gegenden, wo Chateaubriants Atala wandelte.

Es währte jedoch nicht lange, so erwarteten unsere Reisende herbe Unfälle. Die Häupter des Landes außer den Felsen, erhielten Kundschaft von ihr, und den Reichthümern, mit denen sie von dannen zog. Sie meinten: es sei Unrecht, das Köstliche so in die Fremde zu schleppen, kamen mit gewaffneter Hand, und fielen sie am Wege an. Es gab einen hartnäckigen Kampf. Imar führte tapfer und kräftig an, hatte aber das Unglück, tödtlich mit einem Pfeile verwundet zu werden. Flore gerieth außer sich vor Bestürzung, und theilte nun selbst die Rollen des Trauerspiels aus. Brav fochten ihre Streiter, aber nach großem Verlust an Mannschaft, hinderten sie der Feinde Beute doch nur zur Hälfte. Zwölf goldbeladne Elephanten gingen verloren.

Flore beweinte Imar, waffnete sich des eingebüßten Reichthums wegen aber mit Philosophie, und zog weiter.

Sie kam ohne neuen Unfall mit den zwölf übrigen Thieren bis Darfur. Auf der Gränze forderte man Eins als Abgabetribut für den Sultan Abdelrachman. Die Begleitung war geschwächt, die Forderung nicht zu verweigern. In der Residenz lud sie aber der Herrscher zum Mahl, und redete wie ein welker Salomo über die Nichtigkeit der Erdengüter.

Am Ausgang des Reiches Darfur, baten sich die Mauthner abermals einen Elephanten aus. Fahre hin, dachte Flore, kaufe ich doch mit dem Rest noch eine ganze Gasse von Paris.

Doch es sollte noch viel schlimmer gehn. In der großen Wüste konnten die Thiere, bei aller Aufmerksamkeit für sie, und allen reichlichen Vorräthen, nicht ausdauern. Es sank Eines nach dem Andern zu Boden, die Ladung war nicht fortzubringen, mußte da im Sande liegen, und was das ärgste war, so ließ sich auch nicht daran denken, sie ein Andermal mit Kameelen abzuholen. Denn wenn die Elephanten, die entkräftet, nicht eben behende sind, hinsanken, gingen meistens die Kisten, worin der Goldstaub gepackt war, entzwei, der Wirbelwind der Wüste ergriff ihn — dahin flog der Welt Herrlichkeit.

Eine starke Seele erschüttern die tückischen Angriffe des Schicksals wenig, auch der Leichtsinn giebt einen erprobten Balsam gegen seine Wunden. Flore jubelte, daß sie nur zwei lebendige Elephanten mit ihren Schätzen ins fruchtbare Land von Oberegypten brachte. Immer trugen sie noch genug, um in Paris unter den Reichsten zu glänzen.

Die Männer der Bedeckung lagen ihr hier an, entlassen zu werden. Der Rückweg ist lang und gefahrvoll, sprachen sie, wir werden im äußern Darkulla ohnehin uns zum Gebürge durchschlagen müssen. Kaufe dir hier Sklaven, die die Thiere führen, das Land ist bebaut, die Straßen sicher.

Schon seit mehreren Tagen hatte Unzufriedenheit unter ihnen geherrscht, und das wohl, weil bei dem großen Verlust, den Flore erlitten hatte, sie geringe Belohnung ihrer Mühseligkeit erwarteten.

Diese war sehr betroffen, doch indem sie am Ende gar Meuterei zu befürchten hatte, beschloß sie, den Männern zu willfahren, sobald sich nur etwas mehr Sicherheit auf dem Wege entdecken ließe.

Dieser Fall trat bald ein, denn Flore stieß auf einen Trupp französischer Soldaten, bei deren Anblick sie in lauten Ausruf des Entzückens ausbrach. Sie erfuhr, daß man vermuthlich Egypten räumen werde, da ließ sich denn also noch hoffen, unangefochten bis ans mittelländische Meer zu gelangen. Hätte Flore aber länger in Darkulla gezaudert, und wäre nach dem Abmarsch ihrer Landsleute in Egypten angekommen, würde schwerlich auch die Bedeckung von Negern und Beduinen sie gegen die wilden Ausbrüche des Hasses gesichert haben.

Sie kaufte, oder miethete sich vielmehr einige Sklaven, denen sie die beiden Elephanten übergab. Einen französischen Troßknecht nahm sie in Dienst, ihres Reitpferdes zu warten. Nun wurden einige Edelsteine an Moggrebinische Kaufleute veräußert, und ein Paar Kameele mit Lebensmitteln für die Afrikaner beladen, jeder von ihnen empfing ein reichlich Geschenk, und so wurden sie entlassen.

In dem Briefe an Isabellen, den sie auch mitnehmen mußten, sprach Flore nichts von ihren Unfällen, die Freundin nicht zu betrüben, wiewohl die Boten davon keinesweges werden geschwiegen haben, wenn sie glücklich zu dem Orte ihrer Bestimmung gekommen sind. Der letztere Umstand ist aber mit Recht zu bezweifeln, denn man hörte kurz darauf von einem neuausgebrochenen wilden Kriege zwischen vielen Völkerschaften gegen die Mitte dieses Welttheils. Darfur, Habesch, Bergu, und andre Reiche sollten Theil daran haben; da werden diese, ohnehin durch jenes Treffen, und Krankheiten in der Wüste, beträchtlich an der Zahl verminderten Krieger, wohl unter irgend einen wüthenden Schwarm gerathen, und umgekommen sein.

Viertes Kapitel.
Flore trifft den guten wohlthätigen Bei.

Die Soldaten, an welche Flore sich nun geschlossen hatte, nahmen den Weg gegen die Ruinen von Theben. Nach einigen Tagen erreichte man die bewundernswürdigsten Denkmäler, welche das ganze Alterthum der Gegenwart nachließ.

Wie staunten die Reisenden! Flore setzte sich zu einem Zeichner, auf ein Säulenstück. Dieser hatte Sonninis Reisen bei sich, und las der Gesellschaft folgendes Fragment daraus vor, welches die schon lebendig erregte Begeisterung noch mehr entflammte:

„Wir langten bald darauf in dem elenden Dorfe Karnack an, dessen Hütten den Glanz der prächtigen Ruinen, die um sie her liegen, nur desto mehr erhöhen würden, wenn etwas mit den Ueberresten von Theben, einer berühmten Stadt aus dem Alterthume, die Homerus besang[5], verglichen werden könnte. Eine Meile weiter hinauf liegt Luxor, das auch ein Dorf und auf dem äußersten Südende der Stelle erbaut ist, die diese berühmte Stadt auf dieser Seite des Flusses einnahm. Man hätte mehr Zeit, als ich hatte, und mehr Sicherheit haben müssen, als auf diesem Boden herrschte, der mit Ruinen und Räubern bedeckt war, wenn man die Trümmern, die die Unsterblichkeit den Anfällen der Zeit, und der Wuth der Barbarei entrissen hatte, genau und vollständig hätte untersuchen wollen. Nicht weniger schwer würde es sein, wenn ich die Eindrücke beschreiben wollte, die der Anblick so großer, so majestätischer Gegenstände in mir hervorbrachte. Es ergriff mich nicht eine bloße Bewunderung, sondern es überfiel mich eine Entzückung, die den Gebrauch aller meiner Kräfte aufhob. Lange blieb ich bewegungslos vor unnennbarer Wonne stehen, und fühlte mich mehr als einmal bereit, mich zum Zeichen der Ehrfurcht vor Denkmälern niederzuwerfen, die alle menschliche Erfindung, und alle menschliche Kräfte zu überschreiten scheinen.“

„Obelisken, kolossalische und andere ungeheure Statüen, Zugänge, die durch Sphinxe gebildet werden, und durch die man noch hineingehn kann, obgleich der größte Theil von den Statuen zerbrochen, oder unter dem Sande vergraben ist; gewölbte Gänge von einer ungeheuern Höhe, wovon noch einer von 170 Fuß Höhe und 200 Fuß Breite vorhanden ist: unermeßliche Säulenstellungen, deren Säulen über zwanzig, und einige sogar ein und dreißig Fuß im Umfange haben; Farben, die noch durch ihre Schönheit in Erstaunen setzen; Granit und Marmor, die bei dem Baue in Menge verschwendet sind; ungeheuer große Steine, die von Knäufen getragen werden, und die diesen prächtigen Gebäuden zur Decke dienen; endlich Tausende von umgestürzten Säulen, alles dieses nimmt eine Strecke von einem sehr großen Umfange ein.“

„Wie sehr sinken die so gerühmten Gebäude Griechenlands und Roms vor den Tempeln und Pallästen des egyptischen Thebens herab. Seine stolzen Ruinen sind noch imposanter als ihre prächtigen Zierrathen, und seine ungeheuer großen Trümmern sind noch ehrwürdiger, als ihre vollkommene Erhaltung. Der Ruf der berühmtesten Gebäude verschwindet vor den Wundern der egyptischen Baukunst, und wenn man sie würdig beschreiben wollte, müßte man das Genie der Männer besitzen, die den Plan dazu entworfen und denselben ausgeführt haben, oder man müßte so beredt als Bossuet schildern[6].“

„Der Araber, der zu Luxor-Ismain, Abu-Alis Befehlshaber war, und dem ich einen Brief von diesem Fürsten übergab, nahm mich sehr wohl auf, dann setzten wir uns zu Pferde, und ritten unter seiner Bedeckung, bei den Ruinen der alten Residenzstadt der egyptischen Könige herum. Ihre Pracht und ihre Größe übertrifft alles, was man sich vorstellen kann, allein neue Ereignisse jagten mich von den Ruinen weg, deren merkwürdigsten Theil ich untersuchen und zeichnen lassen wollte. Ich habe blos eine Zeichnung aufnehmen lassen können, die eine sonderbare Säulenstellung des Theiles von den Ruinen vorstellt, wovon das Dorf Luxor umgeben ist.“

Der Europäer, und nur der Alterthumskundige vermag den tiefen Eindruck dieser edlen Erhabenheit in sich aufzunehmen, doch ging das sonst nicht ohne listige oder gefährliche Störung an. Nun aber in Gesellschaft bewaffneter Soldaten wurde jede Nachforschung leicht, kein hoher Genuß vernichtet. Und hätte die Expedition der Franzosen, ganz gewiß noch einst folgenschwer, auch nichts bewirkt, als der gebildeten Welt all die herrlichen authentischen Werke über Egypten zu geben, so würde die Nachwelt sie schon mit Preis und Dank nennen.

Zwei bis drei Tage hielt man sich hier auf, bewunderte, maaß, zeichnete, beschrieb. Flore half die Meßkette tragen.

Am letzten Tage irrte sie allein ein wenig umher, bog um eine dicke Mauer, und wurde einige Menschen von dürftigem Ansehn gewahr, die ihr etwas Bekanntes zu haben schienen. Jene erschracken, und wollten sich verbergen, Flore ermuthigte sie, und fragte gutmüthig: ob sie ihnen worunter nützlich werden könne?

Auf den vernommenen Ton ihrer Stimme wandte sich der Eine von den Männern etwas rasch um, und blickte mit starrem Auge auf Floren. Diese ihrerseits prüfte, forschte näher mit ihren Blicken — siehe da! sie hatte den Bei vor sich, den gutmüthigen, der sie einst von Schmach und Tod gerettet, sie mit Geschenken und Freundschaft überhäuft hatte.

Sie freute sich hoch, aber mit Beben erkundigte sie sich; warum er doch, mit seiner wackeren Gattin (denn auch sie saß da, in einen einfachen Schleier gehüllt) und wenigen Knechten, sich an dem abgelegenen Orte befände?

Der Bei, nachdem er sich von seinem Staunen erholt hatte, erzählte ihr in Kurzen, wie er nicht nur durch die Zeitumstände von allem Einfluß, und allen Einkünften ausgeschlossen worden sei, sondern auch noch das herbe Unglück erlebt habe, auf jenem Landhause, seiner Schätze beraubt, ja bis auf die ersten Bedürfnisse an Kleidung, geplündert worden zu sein. Seine eignen Knechte hatten mit diebischen Arabern einen Bund geknüpft, sich nach der That entfernt, und vorher alle Gebäude in Brand gesteckt.

Waren die nicht dabei, welche mich geleiteten? rief Flore.

Ich vermuthe, diese waren die ruchlosen Anstifter, entgegnete der Bei.

„O das ist mir glaubwürdig genug. Auch an mir frevelten die Verräther.“

Sie fuhr nicht weiter fort, sondern dem ersten Gedanken, der ihr Herz füllte, wärmte, fortzog, folgend, sprang sie zu ihren Elephanten. Sie waren schon beladen, denn man wollte aufbrechen. Hierher, Knecht, mit dem Einen! rief sie. Der verwunderte Bei sah sich plötzlich reich, seine Gattin empfing einen Kuß, und Flore war in dem Säulenlabyrinth verschwunden.

Da sie floh, und mit den Truppen fortwanderte, warf eine Stimme in ihrem Innern ihr vor: „Aber so viel! die ganze Hälfte!“ und eine andre fragte: „Konnte ich weniger thun?“

Die erste mußte bald verstummen.


[5] Der deutsche Uebersetzer des Sonnini führt an: „Achilles sagt beim Homerus: Nie werde ich mich vom Agamemnon überreden lassen, ins Lager der Griechen zurückzukehren: