Böt er sogar die Güter Orchomenos oder was Theben

Hegt, Aegyptos Stadt, wo reich sind die Häuser an Schätzen.

Hundert hat sie der Thor’ und es ziehen zweihundert aus jedem

Rüstige Männer zum Streit mit Rossen daher und Geschirren.

Ilias B. IX. 383. (nach Voß Uebers.)

[6] Eines Abends zog ich mich, den Geist mit den Wunderwerken, die ich gesehen hatte, angefüllt, in eine von den Hütten zu Luxor zurück, und las nochmals mit Enthusiasmus Bossuets Stelle durch, wo er nach Thevenots Erzählung, eine kurze Uebersicht von den Ruinen von Theben giebt. Man kann von Werken, die Ehrfurcht und Bewunderung einflößen, nicht in einer erhabneren Sprache sprechen. Ich glaube meinen Lesern einen Gefallen zu erzeigen, wenn ich diese Stelle hier einrücke, die ihnen ohne Zweifel noch eine vollkommenere Vorstellung von Orten geben wird, die des Pinsels des französischen Redners würdig sind.

„Die Werke der Egypter waren für die Ewigkeit gemacht. Ihre Bildsäulen waren Colosse, ihre Säulen unermeßlich groß. Egypten hatte seine Absicht auf das Große gerichtet, und wollte die Augen auf sich ziehn, indem es dieselben stets durch die Richtigkeit der Verhältnisse befriedigte. Man hat in dem Saib (man weiß, daß dies der Name der Thebais ist) Tempel und Palläste entdeckt, die beinahe noch vollkommen erhalten wurden, wo diese Säulen, und diese Statüen unzählbar sind. Man bewundert daselbst vorzüglich einen Pallast, dessen Ueberreste blos darum scheinen stehen geblieben zu sein, um den Ruf aller der größesten Werke zu vernichten. Vier Gänge die so weit reichen, als man sehen kann, und an deren beiden Enden Sphinxe stehen, die aus einem eben so seltnen Stoffe gehauen sind, als ihre Größe merkwürdig ist, dienen einer Halle, deren Höhe die Augen in Erstaunen setzt, zu Eingängen. Welche Pracht und welche Größe! Noch haben diejenigen, die uns dieses ungeheure Gebäude beschrieben haben, nicht Zeit gehabt, darin herumzugehn, und sie wissen nicht einmal, ob sie die Hälfte davon gesehen haben, alles aber erregte ihr Erstaunen.“

„Ein Saal, der ohngefähr in der Mitte dieses prächtigen Gebäudes war, wurde von sechsundzwanzig Säulen getragen, die sechs Klaftern dick, verhältnißmäßig groß, und mit Obelisken untermengt waren, die so viele Jahrhunderte nicht haben niederstürzen können. Selbst die Farben, d. h. dasjenige, was der Macht der Zeit am meisten unterworfen ist, sind noch gut unter den Ruinen dieses bewundernswürdigen Gebäudes erhalten, und haben noch ihre ehemalige Lebhaftigkeit. So gut verstand Egypten allen seinen Werken den Charakter der Unsterblichkeit aufzudrücken.“

Fünftes Kapitel.
Neues Unglück und Ankunft in Cairo.

Sie zogen ohne Abentheuer, und ohne Merkwürdigkeiten zu sehn, mehrere Tage fort; dann mußten sie sich über den Nil setzen lassen. Hier war es, wo die arme Flore eine neue schwere Tücke des Schicksals erfahren sollte. Es ging ihr genau nach der uralten Bemerkung, daß das Unglück nicht Einzeln zu kommen pflegt.

Die Fähre, welche am Ufer vorgefunden wurde, war nicht geräumig, das Commando mußte in zwei Abtheilungen eingeschifft werden. Der Elephant blieb zuletzt, und es machte große Mühe, bis er zu bewegen war, in das Fahrzeug zu steigen. Flore wollte nicht von ihrem Besitzthume entfernt sein, aber sie fürchtete die plumpen Bewegungen des Thieres, deshalb fuhr sie in einem kleinen Boote neben der Fähre her. In der Mitte des Stromes muß unseligerweise ein Nilungeheuer, Hippodamus genannt, an der Fähre in die Höhe springen, wie man wohl, die Ostsee beschiffend, plötzlich erscheinende Seehunde wahrnimmt. Der Elephant entsetzt sich, wird scheu, fängt an hin und her zu springen, dadurch verliert das Fahrzeug das Gleichgewicht, die Ruderer schreien auf, springen in die Fluth, sich durch Schwimmen zu retten, und das Fahrzeug schlägt um. Der Elephant geht sogleich, von seiner Last in die Tiefe gedrückt, unter.

Flore fing laut an zu lachen. So komme ich also wieder nach Cairo, wie ich auszog, rief sie. Aller Reichthum von Darkulla ist dahin, ich kann die ganze Hoheit von Darkulla einen Traum nennen, und anders soll sie auch in meinem Gedächtnisse nicht aufbewahrt werden.

Man kann nicht gefaßter seyn, wie sie es war. Andere hätten daran gedacht, durch Taucher, die Ladung des Elephanten suchen zu lassen, sie dachte aber: wer weiß, wohin der Strom das Thier wirft, wo find ich solche Leute, allein wäre ich mit ihnen nicht sicher, und die Soldaten müssen fort. Fahre hin Reichthum! Finde ich nur in Cairo, was ich noch zu fordern habe, läßt mich das Geschick Paris wieder erreichen, Ring einst wieder sehn, so will ich gern sagen: mir träumte einmal, ich wäre Sultanin von Darkulla.

Wenn das Verhängniß nur Reichthum nimmt, ist es noch milde genug, aber wenn auch die Freiheit verlohren geht, (wie Bajazeth, nachdem ihm Tamerlan alles genommen hatte, noch in den Käficht kriechen mußte,) dann wirds arg, und viel ärger, wenn man ein persischer Prinz ist, eine Hauptschlacht wider den Gegner verloren hat, gefangen wird, und dann die Augen hergeben muß.

Entstände die Frage: welchen Sterblichen nennt die Geschichte, der am bittersten verlor; so wäre man geneigt zu antworten: der liebende Abälard, da er durch die Greuelthat — — — — allein die ächt feinen Gemüther, die das Menschliche ins Göttliche zu versenken wissen, können antworten: Abälards Liebe verlor nicht, sie gewann. —

Die Ungewitter des Schicksals toben aber bisweilen aus. Ist ein ungeheures Weh, nach früheren großen, erlitten, darf der Mensch auf einen entwölkten Horizont hoffen. Flore kam nach Cairo, eilte nach ihrer vorigen Wohnung, und so lange sie auch entfernt war, so lange man nichts von dem gefangenen Ring gehört hatte, so fand sie alle ihre Habseligkeiten richtig wieder. Die bravgesinnten Kameraden ihres Mannes hatten sich der Aufbewahrung und Verwaltung unterzogen. Ja alle Rechnungsbücher, die die an die Truppen geleisteten Lieferungen aufzählten, alle Quitungen lagen an ihrem Ort. Es mangelte nicht an baarer Kasse, und Flore übersah bald, daß Ring über das aus Frankreich mitgenommne Kapital, mehr als Hunderttausend Franken, in gültigen Forderungen, ausstehen habe. Das war die Frucht vortheilhafter Einkäufe, emsigen Fleisses, und des Glückes bei dieser oder jener Unternehmung.

Jetzt waren die Forderungen nicht einzuziehn, doch Anweisungen auf Paris wurden dargeboten. Flore war damit vollkommen zufrieden, um so mehr, als sie hinlänglich mit Reisegeld versehn war.

Wie man die Papiere ausgefertigt hatte, beschenkte sie die redlichen Freunde, und eilte nach Alexandrien. Hier besuchte sie Coraims Eltern, und erzählte dem jungen Türken von Isabellen, Alonzo, Coutances, Perotti, der nicht wenig befremdet wurde, und nun um einen Roman reicher war, wenn er eine Gesellschaft durch Erzählungen vergnügen wollte.

Dann sahe sie sich nach einem Schiffe um, das nach Frankreich segeln wollte. Sie fand deren jetzt nicht, da die Engländer zu mächtig in den egyptischen Gewässern umherschwammen, doch lag ein italienischer Kauffahrer mit Ladung nach Triest im Hafen. Sie beschloß mit diesem ihr Glück zu wagen, und wurde bald einig wegen der Fracht. Es versteht sich, daß sie sich jetzt immer wieder der Mannskleider bediente. Doch wechselte sie den uniformmäßigen Rock, mit bürgerlichem Frack und Ueberrock.

Sechstes Kapitel.
Reiseabentheuer auf der Fahrt nach Europa.

Welche Gefühle, da Flore das Boot bestieg, welches sie nach dem auf der Rheede liegenden Schiffe tragen sollte! Welche Gefühle, da die Matrosen dort die Strickstufen hinabließen, und sie daran zum Verdeck hinaufstieg! Welche Gefühle, da bald darauf der Schiffskapitain zufrieden nach dem Wimpel empor schauete, und die Anker lichtende Winde rüstig gedreht ward!

Sanft theilte der Kiel die blauen Fluthen. Das Schiff ging vor einem Südostwinde von mäßiger Kraft, kein peinliches Schwanken, das die Seekrankheit ruft, behagliches Gefühl, nur die sich verkleinernde Küste, das Zeichen der eilenden Fahrt.

Noch am Abend sahe man wenig mehr vom Gestade des alten romantischen Egyptens, am Morgen, da Flore ihr Wandbett fröhlich verließ, und zur Cajüte hinaufstieg, erblickte sie nur Himmel und Wasser, Seemöven, und in der Entfernung einige englische Stationärs.

Der Schiffskapitain hatte Floren versprochen, im Fall die Engländer das Schiff visitirten, sie für seinen Sohn auszugeben, denn freilich konnte sie auf keine Freundlichkeit bei den Britten zählen. Jene Zusage beruhigte sie aber, denn der Mann hatte eine gewisse Biederkeit an sich, die ihr Zutrauen warb. Ihre Menschenkunde betrog sich aber.

Sie hatte ihm ein Märchen aufgebunden, nach welchem sie der Sohn eines alten französischen Offiziers sei, der in Egypten seinen Tod gefunden hatte. Der Seemann glaubte, bedauerte, und verhieß Wohlwollen aller Art.

Allein in einigen Tagen kam ein englisches Kriegsfahrzeug nahe heran, und gab das Zeichen die Seegel niederzulassen. Man mußte gehorchen, und eine Chaluppe brachte mehrere brittische Beamte, welche die Papiere des Kauffahrers untersuchen sollten.

Sie stiegen an Bord, fanden Frachtbriefe und Ladung richtig, und hatten nichts einzuwenden, da das Schiff nach einem neutralen Hafen segelte. Nun kam die Reihe der Passagiere. Die drei, welche außer Floren noch da waren, fanden keine Schwierigkeit, nun fragte der englische Offizier: wer ist der junge Mensch? Pässe vorgezeigt!

Es ist ein Franzos! rief der Schiffskapitän. Florens Knie zitterten. Die Britten ließen ihr God damm und French dog vernehmen, und kündigten ihr an, sie müsse gefangen mit auf das englische Schiff.

Die Arme war bis in den Tod erschrocken, und empört über die Treulosigkeit des Schiffers, da war aber wenig Zeit zu Ausrufungen, Verwünschungen und Klagen, sie mußte hinunter in die englische Chaluppe.

Meinen Koffer, rief sie, laßt mich doch mitnehmen, der Italiener läugnete, daß einer da sei, die Britten wollten sich nicht lange aufhalten, und ruderten davon.

Ein guter Genius der Vorsicht hatte Floren gerathen, ihre Papiere in einem Taschenbuche von Wachstaffent, ins Futter der Weste zu nähen, so hatte sie nun doch alle ihre Anweisungen auf Paris bei sich, und der treulose Wälsche fand in ihrem Koffer, außer einigen egyptischen Seltenheiten, und Kleidungen von geringem Werthe, nur wenig baares Geld.

Die Engländer wiesen ihr im unteren Schiffraum ihren Aufenthalt an, der freilich sehr naß, kalt, und unbehaglich war. Sie konnte nicht einmal fragen, was man mit ihr vorhabe, da sie nicht englisch verstand. Sie war übrigens nicht geplündert worden, auch ihr Geschlecht blieb unentdeckt. Eine Portion Schiffszwieback wurde ihr täglich gereicht, auch wohl Mittags ein wenig Stockfisch oder Sauerkraut.

Vierzehn Tage lang mußte sie dies traurige, ängstliche, ungewisse Leben aushalten, und selten wurde ihr vergönnt, ein wenig frische Luft auf dem Verdecke zu schöpfen.

Dann segelte das Schiff nach Morea, um Wasser einzunehmen. Dort befanden sich damals russische Truppen, und der junge französische Gefangene, den man nicht mehr mit sich herumschleppen wollte, wurde ihnen ausgeliefert.

Waren die Engländer rauh, waren es die Söhne Moscoviens noch weitmehr. Kaum hatte sie den Fuß ans Land gesetzt, als die Kosaken, welche sie ins russische Hauptquartier bringen sollten, ihr Stiefeln, Ueberrock und Hut nahmen. Sie gab noch die geringe Baarschaft von selbst hin, und bat kniend nicht weiter zu gehn, denn sie hatte nun alles zu fürchten.

Knieen, Flehen, Händeringen, das sind inzwischen Dinge, von denen man gar nicht billigerweise erwarten darf, daß sie auf Kosaken Eindruck machen sollten. Sie kommen ihnen im Kriege täglich vor, und es ist nothwendige Regel, daß Gewohnheit für die Eindrücke abstumpfe.

Doch gute Naturen plündern dennoch mit Güte. Sie mißhandeln nicht, und ziehen die Kleidung behutsam herunter, indem die Versicherung gegeben wird, es solle weiter nichts geschehen.

Im Anfang des letzten Krieges, den Oestereich mit der Pforte führte, empfingen die türkischen Soldaten, für den feindlichen Kopf, einen Dukaten, und suchten dann haushälterisch ein Sümmchen einzusammeln. Nahmen sie nun Kaiserliche gefangen, und diese wanden sich um Pardon, sagten die Leutseligen unter den Muselmännern: Fürchte dich nicht! Nur den Kopf!

Doch zu Floren. In dem gültigen Augenblicke, trat eben ein russischer Offizier daher, einen schönen jungen Mann in bürgerlicher Kleidung am Arme. Männer erkennen verkleidete Weibern nicht immer, wenn die weibliche Abweichungen der Gestalt nicht sehr scharf ausgesprochen sind. Aber ein verkleidet Frauenzimmer erkennt das andre auf den ersten Blick.

Darum wandte sich Flore auch nicht an den Offizier, sondern seinen schönen Begleiter, vermuthete aus der feinen Haltung, die französische Sprache würde verstanden werden, und rief: schöne Dame, retten sie mich, ich bin wie sie eine Verkleidete!

Der Offizier wurde roth, die andre Person blaß, doch stellte jener Befehle aus, die Kosaken mußten im Raub Einhalt thun, ja Ueberrock, Hut und Stiefeln zurückgeben, wofür er ihnen einige Rubel hinwarf.

Er erkundigte sich weiter. Flore fertigte einen kurzen wahren Abriß ihres Lebens, wo aber manches ausblieb, z. B. das Palais Royal, und das Königreich Darkulla; wie sie aber von ihren Begebenheiten bei der polnischen Legion sprach, erwiederte der Offizier: O davon sollst du mir noch mehr erzählen, ich bin auch ein Pole.

Flore wurde aus den Händen der Kosaken befreit. Ich verantworte alles, sprach der Offizier und nahm sie mit nach seiner Wohnung, in einem nicht weit von dem Ankerplatz, wo die Engländer lagen, entfernten Flecken.

Dort mußte nun Flore noch viel über den Krieg in Italien nachholen, und ihre Reise mit dem Herrn von Jalonski, ein Hauptmoment aus jener Zeit, kam auch zur Sprache.

Bei dem Namen Jalonski fuhren jene auf. Das ist mein Jugendfreund, rief der Offizier, mit etwas blassem Gesichte. Die andere Person erröthete, wie der Vollmond, wenn er dem Meere entsteigt.

Alles was Flore von dem Herrn von Jalonski wußte, mußte sie jetzt berichten; man nahm nicht nur den lebendigsten Antheil daran, sondern begegnete ihr nun mit lebhafter Auszeichnung, woran auch der bei ihrer Erzählung offenbarte Verstand Ursache war.

Sie bekam ein kleines besonderes Zimmer, und die Versprechung, man werde gewiß Sorge tragen, daß sie ungehindert und sicher nach Venedig oder Triest gelangte.

Schon da alles schlief, kam die andere Person noch auf Florens Zimmer, gestand, sie sei eine Verkleidete, und — Jalonski’s erste Geliebte.

Wer denkt man, daß es war? Maria Gurowska! Joseph, der russische Offizier! Nach jenem Aufstand in Warschau hatte er russische Dienste genommen, und Marie geheirathet. Jetzt stand er schon eine gute Zeit in Morea, empfand Langeweile, und schrieb nach Taurien, wo sich seine Gattin befand, sie mögte zu ihm kommen. Sie wählte Mannskleider.

Joseph und Maria Gurowska sind denjenigen bekannt, welche die Begebenheiten des Herrn von Jalonski lasen; wer die Lesereise durch gegenwärtiges Büchlein macht, und dem jene Begebenheiten fremd sind, wird auch mit den beiden Personen vertraut werden, wenn er sich jenes Buch aus irgend einer Leihbibliothek holen läßt.

Hier wird demnach auch ein Kritiker ausgesöhnt, welcher dem Verfasser einst den Vorwurf machte: er habe nicht berichtet, was aus Joseph und Maria Gurowska weiter geworden sei.

Siebentes Kapitel.
Fortsetzung.

Maria konnte immer nicht genug von dem guten Ignaz hören, und manche Thräne der Rührung perlte auf ihre holden Wangen nieder, wenn seine Unfälle berührt wurden.

Die Erzählung mußte nothwendig Sympathie unter den beiden Weibern erzeugen. Denn man kann verheirathet sein, und den andern Theil achten und lieben; eine Erzählung, die die Saiten der ersten Liebe berührt, ruft doch Melodien der Erinnerung, die den orpheischen Mund segnen lassen. So kettete sich Maria an Floren, und diese gehörte ihr, durch die Freude an ein solch Gefühl, und den Dank.

Sie wurden Freundinnen von neuer Zeitrechnung, aber innig.

Flore mußte acht Tage hier bleiben, und diese Zeit, ihr ohnehin angenehm gemacht, diente ihr dazu, sich von den Mühseeligkeiten auf dem englischen Schiffe zu erholen.

Dann fuhr eine Postjacht nach Corfu. Flore bekam gute russische Pässe und Empfehlungen, auch Josephs Diener mit, der unterwegs für ihre Bequemlichkeit sorgen, und ihr eine Gelegenheit nach Venedig oder Triest verschaffen sollte, die man in Corfu bald zu finden hoffte.

Man schied gerührt. Sehen sie einst Jalonski, rief Joseph, so sagen sie ihm: wenn schon unsere politischen Grundsätze sich trennten, mein Herz gehört immer noch dem Jugendfreunde! Maria wandte den Blick weg, sie konnte nichts sagen.

Das kleine Schiff, von Ragusanern geführt, ging immer längs der Küste, und lag nach einigen Tagen im Hafen von Corfu. Man fand noch an demselben Tage eine Brigg, die nach Triest steuern wollte. Flore miethete ihren Platz darauf, beschenkte den Diener Josephs und ließ Tausend Dank nach Morea entbieten.

Es gelang ihr, ein französisches Papier, mit einigem Verluste, bei dem Wechsler, dem sie durch Joseph empfohlen war, umzusetzen, folglich drückte sie keine Verlegenheit mehr.

Von jetzt an schien das Glück versöhnt, der Schiffskapitän, mit dem sie reiste, war ein redlicher Mann, die Passagiere gute freundliche Menschen; bis auf einen kleinen unerheblichen Sturm erzeigten sich Wind und Wetter vollkommen günstig, und bald lag die Brigg im Hafen von Triest vor Anker.

Flore begegnete jenem treulosen Schiffskapitän, der große Augen machte, sie in Triest zu sehn. Sie reichte eine Klage wider ihn ein, er stritt aber, und sie hätte vielleicht manche Woche harren müssen, um einem vortheilhaften Richterspruch entgegenzusehn, das schien ihr der Mühe nicht werth, und sie eilte weiter zu kommen.

Josephs Empfehlungen an den russischen Consul, waren auch in Triest sehr wirksam, man hatte die Güte ihr einen Paß zu geben, der sie einen Schweitzer nannte; so hinderte sie der Krieg zwischen Frankreich und Oesterreich nicht an ihrer weiteren Reise.

Sie ging erst nach Venedig, dann mit einem Vetturin nach Mailand. Eine Postkutsche brachte sie nach Turin, und hierauf wurden Maulthiere gemiethet, um über den großen St. Bernard zu gehn. Sie kehrte bei den gastlichen Vätern auf der Höhe ein, und ließ sich dann auf einem geflochtenen Palankin niederwärts tragen, denn das Ramassiren, oder auf kleinen Schlitten über den Schnee, bei den jähesten Abgründen vorbei, gleiten, (was manchen Engländern so viel Vergnügen macht, daß sie die Fahrt öfter wiederholen,) wagte sie nicht.

Die kalte Alpenluft war freilich sehr unbehaglich für Jemand, der aus der Mitte von Afrika anlangt, doch trug sie nur einen kleinen Schnupfen davon, der nichts zu bedeuten hatte, weil er bald verging. Denn freilich, vergeht ein Schnupfen nicht bald, kann er viel zu bedeuten haben. Tissot begegnete einem Edelmann, und fragte: wie befinden sie sich? Jener antwortete: Wohl, bis auf einen Schnupfen. O, rief Tissot, am Schnupfen sterben mehr, wie an der Pest. Er hatte Recht, da der Schnupfen, vernachlässigt, leicht die Wurzel gefährlicher Brustkrankheiten legt.

In Genf ruhete unsere Reisende nicht nur von den neuen Ungemächlichkeiten auf dem Meere und den Gebürgen aus, sondern sie legte hier auch feierlich das männliche Kleid ab, um es nie wieder anzuziehn.

Man wunderte sich nicht wenig im Gasthofe, bei der Verwandlung, und als Flore eine Kammerjungfer miethete, mit der es ans Nähen, und Cöffürenaufstecken ging.

Achtes Kapitel.
Endliche Ankunft zu Paris.

Da alles mit dem Costüme in Ordnung war, miethete Flore zwei Plätze auf der Diligence, und stieg mit ihrer Kammerjungfer, einer munteren Savoyarde, ein. In Lyon versah sie sich noch mit allerlei Putzwerk, um stattlich in die Vaterstadt einzuziehn, alles aber an ihr mußte den Stempel einer graziösen Ehrbarkeit tragen.

Außer daß die Gastwirthe unterwegs ziemlich dreist auf ihre Börse spekulirten, begegnete ihr nichts Erzählungswerthes auf dem Wege. Die Landstraßen sind gut, die Postillone fahren trefflich, der Ton ist in Frankreich voll Anstand gegen das andere Geschlecht, da können also die Frauen mit Bequemlichkeit und Dezenz reisen, wenn auch keine männliche Begleitung um sie ist, ein Schritt, bei dem es in Deutschland dagegen, Bedenklichkeiten genug giebt.

So rasch aber der Wagen fortgezogen wurde, je näher an Paris, je größer Florens Ungeduld. Feierlicher, heiliger wird die Heimath, wenn man aus einer weiten Entfernung zurückkehrt. „Werde ich von Ring hören? Ihn vielleicht gar finden? Werden meine Verwandten noch leben?“ Alle diese Fragen richtete sie ängstlich an das Geschick. —

Endlich erreichte man die letzte Post, auf der die Pferde unleidlich zu zögern schienen, ob sie der Postillon schon sehr eilig vorlegte. Endlich rollte die schwere Kutsche, mit Passagieren überfüllt, auch von dort weg. Flore setzte sich hinaus, auf das sogenannte Cabriolet, welches der Platz vor der Kutsche ist, um die freiere Aussicht nach der Stadt hin zu genießen, und sie eher wie von Innen zu sehn.

Oft täuschten sie Pappelbäume im Hintergrunde, die sie für die Thürme von Notredame, und wieder dicke Linden, die sie für die Dome von dem Pantheon, den Invaliden, oder Val de grace ansah. Endlich aber machte die Täuschung der Wahrheit Platz, die Zinnen lagen wirklich vor ihr, und von einem Hügel herab, war der ganze Prospekt, auf die breite, mit zahllosen, von Rauch und Dampf umhüllten, Häusermassen bedeckte Fläche. „Träumst du, Sultanin von Darkulla? Nein, da breitet Paris sich vor dir aus!“

Da sie nun in der Stadt angekommen war, und die Diligence vor ihrer Ausspannung anhielt, nahm Flore einen Miethswagen, und ließ sich in ein Hotel bringen. Bei Dame Beatrice, ihrer Tante, im Palais Royal vorfahren, das ging nicht mehr an. Auch über die Träume von Hoheit weggesehn, gehörte Flore zu der Zahl ehrsamer guter Frauen, und das Gesicht ward ihr immer heiß, wenn sie an die tiefe Vergangenheit dachte.

Sie hätte allenfalls den Abend erwarten, dann ins Palais Royal gehen, und zur Tante unbemerkt hinaufschleichen können. Aber auch das wollte sie nicht, aus Furcht, alte, nicht rühmliche Bekanntschaften, dort zu finden. Ihr Kammermädchen sollte übrigens auch ganz und gar nichts von einer gewissen Vorzeit erfahren.

Es wurde ein Lohnlakai zu Dame Beatrice geschickt mit der Ladung, sogleich ins Hotel N. N. auf das und das Zimmer zu kommen. Wer den Lohnlakaien schickte, das wußte er selbst nicht, die Bestellung war ihm unten im Hause gemacht worden, und die Tante sollte auch überrascht sein.

Das gab aber Anlaß zu einer sehr komischen Verwechslung. Dame Beatrice, nach einem Hotel berufen, was konnte sie meinen, das man von ihr wollte? Nicht doppelte Gänge zu haben, nahm sie gleich einige — Stickerinnen mit, die auch wohlgemuthet ins Zimmer traten. Darüber gerieth Flore in peinliche Verlegenheit, und es minderte die Freude des Wiedersehens. Zum Glücke aber kannten jene Novizen sie nicht, und wurden auf Florens Wink bald von der Alten beurlaubt.

Diese war außer sich vor Freude, verschwenderisch an Fragen, die keine Antwort erwarteten, und an Erzählungen, die nicht zu Ende kamen. Flore konnte keine Ruhe in ihr Gemüth bringen, und ehe man sichs versah, war Jene zur Thür hinausgesprungen und verschwunden.

Flore saß eine Weile allein auf dem Zimmer, und weinte, daß die Alte ihr nichts von Ring hatte sagen können.

Nach einer halben Stunde war Dame Beatrice wieder da, den Maître décrotteur, und den Virtuosen Martin an der Hand, welche das Vergnügen des Tages theilen, und die Heimgekehrte bewillkommen sollten.

Der Leser kennt diese beiden Ehrenmänner auch nur, wenn er die Geschichte des Herrn von Jalonski seiner Durchsicht würdig gehalten hat. Der eine, Florens Oheim, hatte eine Boutique am Pont neuf, wo für die Reinlichkeit der Schuh und Stiefeln Vorübergehender Sorge getragen wurde, der andere, sein Herzensfreund, ging Abends in den Gassen der Vorstädte umher, einen Ohrenschmaus auf einem Instrumente anzutragen, das auch das erklärteste musikalische Nichttalent in einer Stunde meisterhaft spielen lernen kann weil es nur eine drehende Bewegung fordert.

Ohne Umstände, nach Weise guter kleiner Bürger, fielen sie Floren um den Hals, und die vormalige Sultanin in Afrika, konnte sich nicht einmal der freudigen Ausbrüche erwehren.

Beklommen freundlich fragte sie: Was befehlen die Herren zu trinken? Blanc côte d’or? Hermitage? Vin vieux du Rhin? de Tokai?

Eh, eh! erwiederte der Decrotteur, zu theuer, viel zu theuer! Ein Glas Chablis oder Beaune. Oder eine Flasche Bierre de mars, sagte der Freund.

Flore schämte sich, und ließ Blanc côte d’or bringen, wobei sich die Gäste bedeutend ansahen, und den Wein kennerisch zum Munde führten.

Der Decrotteur begehrte etwas Brot, und eine rohe Zwiebel, sein Freund ein wenig Käse, Dame Beatrice äußerte Appetit auf ein Stück boeuf à la mode. Flore ließ ein Poulet normand au cresson, eine Capitolade aux truffes, einige Bécasses, compots de touts espèces, eine Menge von Cremen und Confituren auftragen. Jene kauten sehr hoch, und der vertrauliche Ton verminderte sich mit jeder neuen Delikatesse, womit Flore auch gar nicht unzufrieden war.

Bald gingen die beiden Männer, auch mit einem etwas steifen Komplimente, davon, denn ihre Geschäfte riefen.

Nun sprach Flore zur Tante: Ich kann es nicht mehr ansehen, Dame Beatrice, daß sie ihr Handwerk fortsetzen.

Jene erwiederte: Himmel! Es nährte mich doch so lange redlich, nichts anders habe ich gelernt.

Flore fuhr fort: Ich bin im Stande, für ihren Unterhalt zu sorgen. Es gelang mir, in Egypten etwas zu erwerben, und ich bringe Anweisungen mit, an deren Gültigkeit gar kein Zweifel besteht, da, wie ich schon unterwegs erfuhr, durch die Solidität der jetzigen Regierung der Staatskredit immer mehr befestigt wird. Ich kann auch meine Papiere bei jedem Wechsler loswerden. Und mit dem Landgütchen, was Ring und ich einst mit Papiergelde kauften, muß es gegenwärtig auch wohl stehn.

O ja, rief Dame Beatrice, es liegt Pacht für dich in Bereitschaft. Wolltest du es verkaufen, es würde ansehnlicher Vortheil davon —

Nein, nein, unterbrach sie Flore, wir ziehen zusammen nach Toury. Paris ist kein Ort für sie. Aufs geschwindeste geben sie alles auf, versteigern ihre Mobilien, und folgen mir.

Ei nun wenns so gemeint ist, sagte die Tante mit weinerlichem Ton, wenn du mich todt füttern willst, so geb ich die Geschäfte mit Vergnügen auf, die Zeiten werden so immer schlechter, es giebt Unserer zu viel, und die Welt ist bös, man wird auf allen Enden betrogen.

Flore trieb die Sache eilig und mit Nachdruck. Denn Paris, so heiß sie sich danach gesehnt hatte, war ihr jetzt zuwider. Da sie seine Freuden durchaus nicht ungestört genießen konnte. Sie besuchte die Oper, das Boulevard, den Garten des Palais Luxemburg, in Gesellschaft der Wirthin, doch überall fand sich bald ein ältlicher Elegant, der, sie lorgnettirend, entweder ein bedeutendes Aha! ausrief, es gingen ein Paar Militairs hinter ihr, und riefen ohne Umstände: Voilà Flore! oder sie mußte wohl gar derbe Scherze vernehmen. Das machte, daß sie gar nicht mehr ausging.

Sie verwandelte ihre Papiere in Geld, und that dies auf sichren Zins. Dame Beatrice mußte aufpacken, Herr Jolin, der die Tante späterhin heirathete, setzte sich mit in den Wagen, und so gings auf Toury bei Orleans zu, dessen Pächter, wie ein ehrlicher Mann gewaltet hatte.

Sie fand baare Summen vor, die Grundstücke waren verbessert, es mangelte nicht an Vieh, nicht an Geräth, und Toury verhieß seiner Besitzerin ein anständiges Auskommen.

Neuntes Kapitel.
Einsamkeit zu Toury.

Hier dachte sie nun ernst über ihre bunte Vergangenheit nach. Die Unruhe, das Schwanken zwischen Furcht und Hoffnung, waren von ihr gewichen, zum Erstenmale kam das Gefühl eines gleichstimmigen, zwischen den Extremen unbemerkt hinlaufenden Daseins über sie. Die ländlichen Beschäftigungen in ihrer harmlosen Einfachheit, gewann sie lieb, mischte sich, wie eine Penelope, bald unter die Winzerinnen, bald unter die Frauen an der Spindel.

Wohl von mehr als einer Seite konnte man sie mit der fabelhaften Königin von Ithaka (die übrigens kaum so reich war, als Flore jetzt, um wie viel weniger, als einst Flore in Darkulla) gleichen. Denn die junge Wittwe, (alles sagte ihren Mann todt,) mit artigem Vermögen, und einem artigen beau reste gefiel manchen ehelustigen Männern der Gegend. Zu Wagen, zu Roß und zu Fuße wurden ihr Aufwartungen gemacht, deren Absicht klar genug einleuchtete, auch trafen ganz runde Anwerbungschreiben ein.

Doch sie hoffte auf Rings Zurückkunft. Warum sollte er nicht leben? fragte sie immer. Lebendig ward er gefangen, das sagen meine Nachrichten. Mordet der Türk nicht im Wüthen der Schlacht, so läßt er hernach den Gefangenen wohl unverletzt, da er ihn als Sklave verkaufen, oder selbst nützen kann. Lebt Ring, so wird er, es daure so lange es will, schon Mittel finden, sein Loos, seinen Aufenthalt, hieher kund zu thun, und da kauft man ihn mit einer Summe los.

Darum wurden die Freier artig, doch gemessen abgewiesen. Und da zu viel Justiz im Lande war, als daß sie sich, wie jene übermüthigen, die Herrn von Göthe so gefallen[7], hätten einlegen, und von der Schönen Haabe zehren können, so blieb ihnen nichts, als sich artig zu entfernen; was noch dazu in aller Stille geschah, weil Niemand gern den empfangenen Korb wollte ruchtbar werden lassen.

Doch nicht alle Freier beruhigten sich mit einem Korb; das, was sie entbehren sollten, gewann nur einen desto anziehenderen Reiz für sie, und die Plane der Intrigue wurden zu Hülfe gerufen.

So gings auch hier mit einem Herrn Noiseul, der sich in Madame Ring verliebt hatte, und nicht an der Festung Uebergabe verzweifeln wollte, war gleich das erste Aufforderungsschreiben rund abgelehnt worden. Wir werden im folgenden Kapitel sehn, was Herr Noiseul that.

Sonst sind der Regel nach, die Weiber in diesen Intriguen gewandter, und wie mancher Ehemann wird nach Hymens Tempel an den Banden der Schlauheit geleitet.

Den Leser noch mit einer Episode zu bewirthen, mag hier eine Geschichte der Art Platz nehmen, die dazu das Verdienst der pünktlichen Wahrheit hat.

In B*** lebte eine adliche Wittwe, noch nicht über die Jugendfrische hinaus, nicht ohne einnehmende Reitze, nicht ohne Vermögen. Ein Offizier, noch jünger als sie, fand sie liebenswürdig, und da Offenheit seine Sache war, blieben seine Gefühle ihr gar nicht verborgen. Sie fand den Stand der Wittwe ein wenig öde, und einen Lebensgesellschafter, wie den jungen Offizier, um so erfreulicher, als ihre erste Ehe eine Art Zwangverbindung gewesen war. Der junge Offizier besaß eben keine Mittel, doch ihre Einkünfte und sein Gehalt zusammengelegt, konnten eine Haushaltung ganz gut bestreiten; zudem war ja darauf zu zählen, daß die Zeit seine weitere Beförderung, und mit ihr, einen ansehnlicheren Gehalt, herbeiführen würde. Sie sagte also dem Wüstling, der dreister Natur, ihr bald im Hause aufwartete, eben keine Härten, und behielt ihn, da seine Besuche gewöhnlich in die Nachmittagstunden fielen, gemeinhin zum Abendessen.

Ein solch Souper auf der Serviette hatte für den Offizier viel Anziehendes. Die Einladung hieß immer: ohne alle Umstände, oder à la fortune du pot, und es fanden sich denn in der That nur zwei Schüsselchen, wohl gar nur eine, aber erlesen, denn Frau von *** besaß darin recht feinen Geschmack. Ein Kapaun mit Austern, ein Fasan, eine Gans mit Kastanien gestopft, eine sogenannte Matelotte von Karpfen und Aal, eine Rebhuhnpastete — ein niedlich Desert darauf, und ein trefflich Glas Chateau Margot, von dem der selige Herr einen guten Vorrath im Keller angehäuft hatte. Und nun noch die angenehme, witzige, piquante Unterhaltung der lieben Frau, ihr Klavier — wars Wunder, daß Herr von *** die gewohnten Wirthshäuser, ja Schauspiel und Konzert mied, um in jenem stillen Kreise, Wonneabende zu feiern? Und er wieder, der Gefällige, Zärtliche in jeder Art; was ließ sich erwarten, als daß sie alle ihre Gesellschaftszirkel aufgeben würde, um daheim sich weit besser zu unterhalten.

So schwand ein froher Monat nach dem andern, und die Leutchen vergaßen über ihr Glück, die näheren Erläuterungen sowohl, wie das nicht mehr ganz stumme Urtheil der Welt.

Er besaß einen Freund, welcher von dem eben erwähnten Urtheile Einiges vernahm. Dieser warnte: Du bist zu jung, zu unbeständig, zu flattersinnig, als daß eine Heirath dir schon zu rathen wäre. Drängt die Empfindung nicht ganz unwiderstehlich, oder ist das äußere Glück nicht besonders ausgezeichnet, so bleibt es im Soldatenstande das klügste, ledig zu bleiben. Dann nur zieht man mit ungetrübtem Sinn, und leichtem Muth in den Krieg. Die beiden genannten Fälle sind hier wohl nicht vorhanden, also lasse bei Zeit ab. Denke auch, was die Pflicht der Redlichkeit dir gebietet, an die Ruhe, die Ehre der Dame. Es wäre unverzeihlich, ihr Gemüth mit Hoffnungen zu nähren, die du nicht zu erfüllen denkst; es wäre noch unverzeihlicher, ihr durch einen Umgang, der zu zweideutigen Anmerkungen Gelegenheit giebt, Leumund zu bewirken, ihr vielleicht eine anderweitige angemessene Verbindung, zu untergraben. Vielleicht gingst du schon zu weit darin, darum höre was der Freund erinnert. Er prüft mit kaltem Blute. Oder aber, ist es dein voller Wille zu heirathen, fühlst du einen mächtigen Zug, dem du gern der Jugend Freiheit hinopferst — dann —

Nein, nein, mein Guter, erwiederte jener mit geängsteter Stimme, ich fühle, daß der Ehestand mich unendlich einengen würde, ich nicht stark genug wäre, im ganzen Umfang zu thun, zu meiden, was er gebietet — und — und —

„Demungeachtet bist du täglich bei Frau von ***.“

Ich empfinde die Gerechtigkeit deiner Vorwürfe. Ich darf aber schwören, daß ich ihr meine Hand nicht zusagte, es war sogar, unmittelbar, noch davon nicht die Rede — da bin ich also nicht treulos, wenn ich zurücktrete; die Bemerkungen des Publikums müssen aufhören, wenn ich alle Besuche abschneide, und — da, meine Hand — es soll von Heute an geschehn!

Er hielt Wort.

Wer war aber bestürzter, wie Frau von *** als der Geliebte um die gewöhnliche Zeit nicht erschien, ja auch, was sonst bei einem eingetretenen Hindernisse pünktlich geschah, seinen Besuch nicht einmal absagen ließ!

Sie schickte nach seiner Wohnung. Er war nicht zu Hause.

Es war ein so leckrer Heringsalat mit Kalbsbraten, Neunaugen, Braunschweiger Wurst, Oliven, rothen Rüben, Möstrich, Kapern, Zwiebeln, Aepfeln, Kartoffeln, Zitronsäure, und dem fettesten Marseiller Oel bereitet. Er nannte diese Mischung sein Lieblingsessen, und wäre sonst um einen solchen Heringsalat von einer Fürstentafel weggeblieben; doch heute — wer begreift, wer erklärt das? — heute kömmt er nicht.

Frau von *** wartet zwei, drei traurige Tage, sie wartet umsonst.

Eine Kartenlegerin muß kommen. Eine Kartenlegerin! rufen die Leser in kleinen Städten verwundert. Aber die Geschichte spielte auch in keiner kleinen, sondern in einer großen Stadt. Da hat sich die Tradition nicht nur durch das Zeitalter der Freigeisterei gerettet, sondern Poesie trat in den letzten Tagen mit Mystik und Aberglauben, auch in einen sinnigen bedeutungschweren Bund. Wie lange wird es währen, und wir sehen wieder Astrologie. Wo giebt es erhabenere Kontemplationen als bei ihr? Wie tragen die Verse empor:

„Das, was geheimnißvoll bedeutend webt

Und bildet in den Tiefen der Natur —

Die Geisterleiter, die aus dieser Welt des Staubes,

Bis in die Sternenwelt, mit tausend Sprossen

Hinauf sich baut, an der die himmlischen

Gewalten wirkend auf und nieder wandeln

— Die Kreise in den Kreisen, die sich eng

Und enger ziehn, um die Centralische Sonne — — —

Die himmlischen Gestirne machen nicht

Bloß Tag und Nacht, Frühling und Sommer. Nicht

Dem Sämann bloß bezeichnen sie die Zeiten

Der Aussaat und der Erndte. Auch des Menschen Thun

Ist eine Aussaat von Verhängnissen

Gestreuet in der Zukunft dunkles Land

Den Schicksalsmächten hoffend übergeben.“

Und der Kobold der Wenden, von dem immer noch eine geheime Sage, im Nord von Deutschland, in der Lausitz, in Böhmen umtönt — ob er gleich seit Karl dem Großen aus der Phantasie getilgt sein soll — rufe nur ein mystischer Dichter, in einem hohen Trauerspiele, neue Weihe über ihn, und es wird bald Ton werden, an ihn zu glauben, ihn bei nächtlicher Weile gesehn zu haben u. s. w.

Genug, die Kartenlegerin mußte kommen. Natürlich wurde ihr alles vertraut, sie hatte aber die Karte vergessen, konnte nicht zur Stelle weissagen. Auf Morgen gelobte sie wiederzukommen und die treffende Auskunft zu geben.

Die Zwischenzeit wurde angewandt, sich nach Herrn von *** und seinem dermaligen Thun zu erkundigen. Die Prophetin brachte in Erfahrung, daß er viel in des Freundes Gesellschaft lebe, es schlich sogar einer ihrer Späher den Beiden am Abend nach, und behorchte ihr Gespräch. Sie war mehr als zulänglich unterrichtet.

Da sie sich am anderen Tage bei Frau von *** einstellte, wurde das magische Kartenspiel über den Theetisch gebreitet. Der Coeur König lag nicht weit von Coeur Dame, er blickte sehnsüchtig zu ihr hin, allein der Pik Valet stand zwischen beiden. Aha Madam, das ist der falsche Feind, dieser bringt das Unheil, dieser macht abwendig.

O das ist der verwünschte N. N., rief die Dame, schon hab ich das geargwohnt, der Mensch hat auch die maliziöseste verworfenste Physiognomie, die es nur auf dem Erdboden giebt. Die Kartenlegerin empfing ein Goldstück, und entfernte sich mit vielen Höflichkeiten.

Nun wußte die gute Frau etwas, wußte sogar Wahrheit, doch wohin führte sie das? An Planen war sie eben nicht reich. Ihr fiel bei, daß die Person, der die Wahrheit sich entschleierte, auch wohl die Wege zum menschlichen Herzen kennen mögte, und die Kartenlegerin wurde abermals berufen. Daß sie freudig erschien, kann man denken, denn nicht alle Tage fanden sich Kundschaften, wo mit Goldstücken honorirt wurde.

Eine große Selbstvergessenheit von der Dame allerdings, dies Vertrauen, ja in seiner ganzen Ausdehnung, nicht einmal mit ihrer Leidenschaft zu entschuldigen.

Bald darnach empfängt der Offizier ein Billet von der Dame, worin sie mit einem gewissen schneidenden Schmerz meldet, — sie befinde sich in andern Umständen.

Mit Entsetzen läuft dieser zu dem Freunde, ihm das Geheimniß mitzutheilen. Ah — ruft der Freund — standest du so mit der Frau von ***

„Nein — Ja — aber —“

Jetzt kann ich weiter nicht rathen. Ich verweise dich an dein Gefühl. —

Unruhe, Gewissen machten, daß Herr von *** nun schnell zur alten Geliebten eilte. Sie bedurfte Trost, fragte: sind sie ein Mann von Ehre? Und sie zweifeln? hieß die Antwort, in welcher ihr Trost lag.

Das vorige Leben. Nur Erinnerungen, klare, von ihrer Seite, bald Anstalten wegen der Heirath zu treffen.

Er ging zu seinem General. Dieser schüttelte den Kopf. Ei, ei, in ihren Jahren schon? Das ist zu früh. Es ist eine Aufwallung, kein reif überdachter Entschluß. Besinnen sie sich ein halbes Jahr, und kommen dann wieder. Ich rede mit Niemand davon.

Der junge Mensch berichtete dies der Dame, die auch eben dem General nicht gewogen ward. Doch mußte man sich fügen.

Jener fragte: wann sie meinte, daß ihre Entbindung nahen würde? Etwa nach sechs Monaten, versetzte sie. — „Heimlichkeit ist dann nothwendig!“

Die Zeit verstrich, und der Offizier wunderte sich bisweilen, nicht zu bemerken, was ihm angezeigt worden war, er wähnte noch weiter hinaus, wurde demungeachtet eines Morgens ganz unerwartet mit einem Briefchen überrascht, worin Frau von *** meldete: Ein klein lieblich Wesen erwarte seine Küsse.

Er eilt hin. „Wie, in voriger Nacht?“ — Ja! — „Wer dachte daran?“ — Es übereilte mich.

Die schöne Frau lag im geschmackvollen Nachtanzug da — wenig mitgenommen — und reichte ihm einen jungen Sohn, dem er allerdings liebkoste.

Frau von *** sagte mit schwacher Stimme: Er soll in der Stille aufs Land. Und sie mein Herr, werden nun doch Ernst machen, die von dem grämlichen General bestimmte Zeit, ist um, in dieser Angelegenheit haben sie zu entscheiden. Uebel genug, daß ich sie mahnen, an ihr Kind mahnen muß.

Nein, nein, das darfst du nicht, entgegnete er lebhaft. Heute setze ich alles ins Werk.

Zufällig befand sich der General auf der Jagd, wurde nach einigen Tagen erst zurück erwartet. Unterdessen erfuhr der Freund, dem nichts verschwiegen blieb, die Lage der Dinge und diesem kam so manches darin bedenklich vor.

Er hatte einen Diener, der zum Ausspähen von Heimlichkeiten trefflich zu brauchen war. Dieser erhielt den Auftrag, genau zu beobachten, was in der Wohnung der Frau von *** vorginge. Er fing das richtig an, und hinterbrachte dem Herrn: ein altes Weib, das sich von Kartenlegen nähre, käme des Abends, und hielt sich lange dort auf. Gut, sprach der Herr, beobachte mir auch einen Tag lang alle Gänge des Weibes. Der Diener stellte sich vor ihre erforschte Wohnung, und folgte von fern, wie sie aus dem Hause trat. Unter andern ging sie nach dem großen Hospitale, wo auch arme Mädchen entbunden werden. Nun kostete es ein Trinkgeld, dort von den Krankenwärtern zu erfahren, zu wem die Alte käme? Man nannte ein vor einigen Tagen entbundenes Mädchen.

Auf diese Nachricht, ließ der Freund es sich nun nicht verdrießen, selbst nach dem Hospitale, zu dem Bette der Wöchnerin zu gehn.

Wo ist ihr Kind?

Die Person stockte.

Ohne Umstände, sage sie mirs, hier ist ein Thaler, es erfährt Niemand von mir.

Das arme Geschöpf wollte erst Ausflüchte suchen, da diese aber nicht galten, so vertraute sie: Ich bekomme zwanzig Thaler, und muß mir dafür gefallen lassen, daß eine alte Frau täglich mein Kind auf einige Stunden abholt. Wohin, weiß ich nicht, doch ist es gewiß in guten Händen, wird mir immer richtig zurückgebracht, und von Morgen an, soll es auch ein Ende damit haben.

Der Freund hatte genug, und begab sich zu Herrn von ***. Wie gehts mit deiner Angelegenheit?

„Schlimm und gut, wie du willst. Ich besitze einen allerliebsten Jungen. Morgen kömmt er aufs Land. Wie der General zurück ist, geht es vorwärts mit meiner Heirath, wie kann ich nun anders?“

Ich wage eine Prophezeihung. Bald nach der Heirath wird das Kind auf dem Lande gestorben sein. Du siehst es nicht wieder.

„Wie kömmst du darauf?“

Beschwören würde ich das, so gewiß bin ich meiner Sache.

„Das klingt ja sehr räthselhaft.“

Du siehst das Kind nicht wieder, doch härme dich nur nicht, es war nicht das deinige.

„Wie!“

Ein armer Bastard aus dem Hospital. Gemiethet, dich zu fesseln. Freundes Pflicht mußte dir das bekannt machen. —

Es versteht sich, daß nun aus der Heirath nichts wurde. Und zu beider Theile Glück, sie paßten nicht für Einander.


[7] Siehe: Leiden des jungen Werthers.

Zehntes Kapitel.
Herrn Noiseuls Intrigue.

Herr Noiseul hatte Ring in Paris gekannt, und einige Geschäfte mit ihm gepflogen. Das wußte Flore aber nicht. Er meinte: Nie wird Ring heimkehren, vermuthlich starb er aus Mangel und Noth in der Gefangenschaft, sonst wäre wohl ein Brief von ihm da.

Er machte ein Frauenzimmer in Paris ausfindig, eine Griechin aus Konstantinopel gebürtig, der türkischen Sprache vollkommen gewachsen. Sie war mit dem Bedienten eines französischen Gesandten bei der Pforte, nach Frankreich gekommen, und lebte jetzt in Mangel. Er beredete sie leicht, eine Rolle in seiner Komödie zu übernehmen, und listigen Gemüthes war sie denn auch vollkommen dazu geeignet.

Diese Griechin kam eines Tages in morgenländischen Kleidern und mit einigem Reisegepäck zu Toury an, und ließ sich bei Floren melden. Diese empfing sie desto verwunderter, als die Fremde vor lauter Thränen nicht zur Anrede kommen konnte. Endlich wurde sie Meisterin ihrer Worte, und verkündigte Floren, sie käme aus Bagdad, wo Ring in der Sklaverei verstorben wäre.

Flore erschrack aufs heftigste, sank zurück in ihren Stuhl, und konnte nur nach einer Minute kalter Erstarrung, in Thränen ausbrechen. Dann rief sie: Auf so eine Nachricht mußte ich freilich gefaßt sein, doch aber übermannt sie mich. Nenne mir die näheren Umstände seines Todes, Unbekannte! Wie kömmst du so weit hieher? Laß mich alles hören!

Nun fuhr die Griechin fort: Ich war Rings Weib. Er bedurfte einer Gehülfin in der Sklaverei, erst auf dem Todtenbette vertraute er mir, wie er schon in Frankreich sich verheirathet habe, doch meine Noth bedenkend, sagte er: Gehe nach Paris, vielleicht findest du meine Flore dort; sie wird einsehn, daß ich nicht Unrecht hatte, auf immer von ihr getrennt, mich wieder zu verbinden, und so gut meine Flore ist, wirst du auch Unterhalt bei ihr finden. — Von Paris wieß man mich hieher.

Flore, die erst ungemessen geweint hatte, trocknete während dieser Erzählung, eine Thräne nach der andern, und bald bedurfte sie keines Tuches mehr. Denn die beleidigte Weiblichkeit gerieth mit dem Gram in Wechselwirkung.

Die Griechin vollendete ihr Mährchen durch Aufzählung vieler Nebenumstände, die Ring ganz richtig bezeichneten, ja, sie hatte ein Briefchen, mit Zittern auf dem Krankenlager hingeschrieben, — es schien Rings Hand.

Flore blickte nur oben drüberhin, gab wenig mehr auf die Rede, und dachte immer vor sich: „Und ich, ich, auch so weit entfernt, ohne Hoffnung ihn je wieder zu sehn, ich heirathete doch nicht.“ Zwar sprach eine Stimme aus dem Innern dagegen: „Es hätte doch leicht dahin kommen können“, sie wurde überhört.

Bald ging Flore mit hastigen Schritten im Zimmer umher, bald warf sie sich weinend auf den Divan, bald traf ein Blick flüchtiger Verachtung die Fremde.

Endlich übermannte es sie, eine Krankheit mehrerer Tage war die Folge, während welcher Zeit Dame Beatrice die Griechin in einem Hinterzimmer verpflegte, und sie nicht vor Floren ließ.

Herr Noiseul, in der Nachbarschaft wohnend, hatte denn von der Krankheit gehört, kam, nahm Theil, ließ sich fast stündlich erkundigen.

Als Flore wieder hergestellt war, erklärte sie sich bereit, der Griechin ein klein Jahrgeld auszuwerfen, doch sollte sie zu Paris ihre Wohnung nehmen.

Eine Zeitlang erschien Herr Noiseul wieder nicht. Beide Nachrichten sollten erst tief genug eingreifen, und er berechnete menschenkundig genug, daß die, von einer anderweitigen Heirath Rings, seinen Vortheil noch mehr fördern müsse, wie jene von seinem Tode.

Oft dachte er zwar: Wie aber, wenn der Mann noch lebte? Doch war er so leichtsinnig, als unternehmend, und endete: Kömmt Zeit, kömmt Rath!

Nach sechs bis acht Wochen erneute er seine Besuche zu Toury, wurde weniger kühl empfangen, machte der Tante Geschenke, und erfuhr schon von dieser im Geheim: Madame Ring hätte gesagt: Herr Noiseul sei ein ganz feiner Mann.

Letztes Kapitel.
Schluß.

An einem trüben Herbstnachmittag saß man zu Toury am Kaminfeuer. Es stürmte draußen, die falben Blätter der Linden vor dem Hause fielen ab, der Regen träufte an den Fenstern nieder.

Dame Beatrice, indem sie ihren Thee schlürfte, hub an: der Winter naht, wohl dem, der nicht einsam am traulichen Caminfeuer sitzt. — Im Sommer fühlt sich das Bedürfniß der Geselligkeit weniger, als an den langen Winterabenden —

Sie wollte nun, nach und nach, auf die Empfehlung der Ehe kommen, denn ihr Plan war entworfen.

Flore sahe stumm über den Theebecher hin.

Da bellten draußen die Hunde, und ein Mann in fremder Kleidung kam über den Hof. Dame Beatrice eilte ans Fenster, Flore blieb an ihrem Platz, Herr Jolin ging hinaus, Erkundigung einzuziehn.

Bald kam er zurück. „Ein Mann im Turban und türkischen Pelz, mit einem langen Bart, verlangt Madame Ring zu sprechen.“

Was ist das wieder? rief Flore verdrießlich, er komme.

Furchtbar anzuschauen, trat der Ankömmling ins Zimmer. In gebrochenem Französischen sagte er: Ich komme aus dem fremden Morgenlande, und habe Botschaft von dem Christen Ring an sie.

Ring ist todt! schrie Flore.

Nein, nein, das ist er nicht, war des Türken Antwort.

So bin ich betrogen worden. Die Griechin, die er heirathete, meldete es mir!

Wie würde er heirathen! Lüge! Er lebt, doch in harter Gefangenschaft.

Aber mein Himmel! warum werd ich denn so schrecklich, so schändlich hintergangen? Gottes Seegen über dich, Muselmann, wenn du wahr redest! Aber bist du nicht auch ein Betrüger? Rede mir etwas in türkischer Sprache, ich verstehe sie ein wenig.

Es geschah.

Du bist beglaubigt. Wo lebt Ring?

„In Smyrna!“

Erst hieß es in Bagdad. Wie ist er loszukaufen? Wohin muß das Geld? Welche Summe ist erforderlich?

„Sein Herr fordert viel. Hunderttausend Franken.“

Gern, gern! Was ich besitze, kömmt von ihm, ist sein! O, wenn ich für diesen Preis ihn wiedersähe!

Hunderttausend Franken! seufzte die Tante.

Gewaltig viel, setzte Jolin hinzu.

Flore merkte nicht darauf. Ich eile nach Paris, rief sie, zum Gesandten der Pforte, auf der Stelle — aber kannst du nichts Schriftliches vorzeigen, Muselmann?

O ja, entgegnete dieser. Er wollte ein Papier herausnehmen, schlug den Pelz auseinander. Bei dieser Gelegenheit wurde sichtbar, daß ihm ein Arm fehlte. Flore sank bei dem Anblick auf den Divan.

„Dir fehlt ein Arm? —“

So bin ich erkannt!

Weg flogen Turban und falscher Bart. „Und du wolltest Hunderttausend Franken erlegen? Hier hast du mich umsonst.“

Man kann hier unmöglich wieder erzählen, was in dem Buche[8], wozu das gegenwärtige ein Seitenstück ist, bereits gedruckt steht. Dort findet man, wie der einarmige Ring, nachdem er bei St. Jean d’Acre gefangen worden, eine gute Zeit als Sklave zugebracht, aber des körperlichen Mangels wegen, eben nicht geachtet ward, wie er frei wurde, nach Constantinopel, nach Polen kam, und endlich seine Reise nach Frankreich antreten konnte.

Nun hatte ihn Flore, er Floren wieder! Sie waren am Ende aller Abentheurerei. Wohlstand und Ruhe winkten ihnen eine freundliche Zukunft entgegen.

Dame Beatrice gestand ihre Vermuthung: Herr Noiseul habe jenen Zuspruch der Griechin veranlaßt. Sie weinte heftig darüber.

Ring, höchst empört, wollte Herrn Noiseul auf Pistolen vorladen, das Frauenzimmer sollte gerichtlich verfolgt werden.

Allein in all der Wonne der neuen Vereinigung besann man sich eines Andern, beschloß nun der Ruhe und Liebe zu leben, und Herr Noiseul empfing blos eine höfliche Anzeige der Heimkehr. Weisung genug für ihn, Toury nicht wieder zu betreten.

Es ist nichts mehr zu sagen übrig.

Ende.


[8] Ignaz von Jalonsky, oder die Liebenden in der Tiefe der Weichsel. Eine wahre Geschichte aus den Zeiten der Polnischen, Französischen und Negerrevolution in St. Domingo, erzählt von Julius von Voß. Berlin bei J. W. Schmidt. 8. 2 Theile. 1806.

Letzter Potpourri.

Die
Tapetenwand,
ein superfeines Lustspiel
nach
Duchrest Genlis.

Personen.

Die Marquise.
Die Gräfin.
Der Chevalier.
Sophie, der Gräfin Nichte.
Düpré, ihr Kammerdiener.

Szene: Paris. Das Theater ein kleiner Saal.

Erste Szene.

Marquise. Dupré.

Dupré. Wärs gefällig hier zu verziehn —

Marquise. Wie, Dupré, gehört dies Zimmer nicht der Gräfin?

Dupré. Ihrer Nichte, und Madame bittet —

Marquise. Nach sechs Monaten erwarte ich kaum den Augenblick sie wiederzusehn. Sie theilt meine Ungeduld eben nicht.

Dupré. Sie verkennen die Gräfin. O sie hat Ihnen so viel zu sagen. Doch heute Abend giebt sie Gesellschaft, vierzig Fremde umringen sie, wie es nur möglich ist abzukommen, erscheint sie hier sogleich — einstweilen hab ich die Vollmacht, sie in die Intrigue zu weihen, die eben vorbereitet wird — wenn Madame es nämlich wünschen.

Marquise. Welche Intrigue?

Dupré. Sie ist neu, zartgesponnen, einzig!

Marquise. Ei ei!

Dupré. So viel Sinn wie Laune darin.

Marquise. Zur Sache.

Dupré. Denken sie an keine Alltäglichkeiten. Spannen sie immer die Erwartung.

Marquise. (setzt sich.) Ich nehme Platz. Dupré, wie ich mich entsinne, ist nicht ohne Verstand, nicht ohne guten Vortrag, aber ohne lakonische Kürze.

Dupré. Wie sie befehlen. Ich fange mit einem Gemälde der Gräfin an.

Marquise. Funfzehn Jahr bin ich ihre Freundin.

Dupré. Ah — ich siebzehn Jahr ihr Kammerdiener, ich wage zu behaupten — Siegelbewahrer ihrer Geheimnisse — das dringt weiter, wie die Freundschaft. Auch ist mir eine treue Zeichnung gestattet, denn nur holde Züge vermag ich darzustellen. Sie ist so gut, es wird so leicht ihr zu gehorchen — o mit diesem edelmüthigen Sinn, dieser ächten Würde, der noch kein Leumund zu nahen wagte — diesen Talenten, dieser Schönheit — es stände nur bei ihr, die vier oder fünfunddreißig Jahre zu verläugnen, denn wer sie sieht, glaubte wohl daran —

Marquise. Vier oder fünfunddreißig — wirklich schon?

Dupré. Ja ja! — da waren sie bereits nicht genau unterrichtet. Einen Fehler aber, einen hat die Gräfin — den Frohsinn!

Marquise. Grade dadurch erscheint sie so liebenswürdig, ihre Unterhaltung empfängt so viel Würze —

Dupré. Zu viel Madame, zu viel! Mit Kummer habe ich es oft gesagt. Sie giebt dem Frohsinn, dem gesellschaftlichen Vergnügen, zu freien Spielraum, darum wird so manche kleine Unbesonnenheit ihr Vorwurf. Der verstorbne Graf war unerträglich. Sie hinterging ihn nicht nein, aber sie hatte ihn zum Besten, immer Mißverständnisse, Entzweiung. Nun immer noch dieselbe. Kömmt es darauf an, jemand in Verlegenheit zu bringen — o wenn sie nur lachen kann; sie spielt mit fremder Ruhe, ihr Witz verwundet; ein Leichtsinn dazu, als zählte sie funfzehn Jahre. Es ist furchtbar!

Marquise. Furchtbar, der richtige Ausdruck — doch zur Sache —

Dupré. Eine kleine Geduld, ich muß noch zwei andere Gemälde —

Marquise. Aber —

Dupré. Von Personen, welche sie nie sahen. Der Chevalier von Blancé. —

Marquise. Wohl kenn ich ihn.

Dupré. Empfing ihn die Gräfin —

Marquise. Zwei oder drei Monat vor meiner Abreise.

Dupré. Achtundzwanzig Jahr, den Ruf eines Wildfangs. Madame wollte erst keine jungen Leute bei sich sehn, doch sie traf sich irgendwo mit ihm, fand ihn drollig, lachte, er hatte Eingang. Da spielt er nun Sprüchworte, macht den Erzähler, den Dilettanten der Musik, den — Verliebten. Madame lacht, sie lacht, aber ich wiederhole ihr mein: zu viel Frohsinn! — Doch hat sie eine Schwester in der Provinz.

Marquise. Und diese eine verheirathete Tochter —

Dupré. Sophie — nach einem Jahre wurde sie Wittwe, und verlor bald darauf auch ihre Mutter —

Marquise. Das alles weiß ich, die junge Person ist ohne Vermögen.

Dupré. Die Gräfin denkt sie an Kindesstatt zu nehmen — nun, es ist ihre Nichte, seit vier Monaten bewohnt sie dies Zimmer.

Marquise. Sie ist schön?

Dupré. Ein Engel! Eine Form, eine Blüthe, eine Harmonie der Bewegung, Madame — und siebzehn Jahr! Wie sie nun ankam, gings an ein Entwickeln, Bilden, Verfeinern; Ballettänzer, Opernsänger als Lehrer; dann Toiletten, Schmuck, Federn; kurz der Gräfin Puppe. Die Kleine schreitet zum Verwundern fort, so hold, so liebenswürdig — Frohsinn wird man eben an ihr nicht inne, aber Gefühl, Gefühl! — Madame wollte sie wieder vermählen, ausstatten —

Marquise. Daran erkenn ich ihre Güte.

Dupré. Aber das kleine Herz traf eine Wahl, ganz für sich, ohne mit Jemand zu berathen. Wir hatten ihr einen Mann gesucht — vertraulich, nicht flatterhaft, an Jahren reif — nein, nein, nein, nein! sie mögte. —

Marquise. Den Chevalier?

Dupré. Ja wohl!

Marquise. Und er —

Dupré. Ich gebe mein Wort, bis zum Wahnsinn! Aber diesem Ritter gnügt nicht ein Roman, der Tempel seiner Phantasie ist weit genug, um die Altäre von mehr als einer Geliebten darin zu erbauen. Immer die zärtliche, bald schmachtende, bald ungestüme, Aufmerksamkeit für Madame. Die Leidenschaft für die Nichte, hebt den Geschmack für die Tante nicht auf.

Marquise. Das ist ja ganz — und was hofft er?

Dupré. Wohnt in solchen Köpfen Urtheil? Madame unterhält, ergötzt, entzückt ihn, Sophie rührt ihn sanft, still, tief, innig; abwechselnd kostet er die Wonne der verschiedenen Eindrücke. Uebrigens bringt er sich in keinen zu bescheidenen Anschlag. Er glaubt an eine heftige Empfindung bei Madame. Einmal schmeichelt sie, dann gebührt ihr Schonung. Die Gräfin darf das Gefühl für Sophien nicht entdecken. Das Geheimniß wird ihr sorgsam verschleiert; die Zeit, hofft er, wird den Augenblick herbeiführen, wo man es ohne Gefahr entdecken kann. Bis dahin liebt er, wird geliebt, freut sich der Wonne zu gefallen, der erobernden Triumphe, kützelt sein Selbstgefühl durch das Bewußtsein einer feinen Schlauheit.

Marquise. Ahnt die Gräfin? —

Dupré. Sie weiß, von mir. Hier ist die Geschichte: Der Chevalier ward gegen mich artig, verbindlich — Mein lieber, mein guter Dupré — Bisweilen ein klein Geschenk. Ah, ein Plan! dacht ich. Madame lachte gar sehr, glaubte Bezug auf sich, gebot, ich sollte dem Ritter mein Ohr leihen. Ich bereite ihm Gelegenheit — aufmunternde Winke — er vertraut mir — vertraut mir — die Liebe zu Sophien.

Marquise. Und wozu?

Dupré. Sie erriethen es kaum. Sehn sie diese falsche Thür?

Marquise. Nun?

Dupré. Diese Tapetenwand trennt den Saal von einer Kammer, die an mein Zimmer stößt. Der Saal gehört Sophien. Sie wollte den Chevalier nicht bei sich sehn, man verbarg der Tante — dann der Ton — endlich ward man Eins, nach dem Souper sich durch die Tapeten zu unterhalten, Sophie im Saal, der Liebhaber in jener Kammer, die übrigens keine Verbindung mit diesem Saale hat — unverletzt ist die Tapete — eine Hoftreppe führt dort hinein.

Marquise. Hm —

Dupré. Der Chevalier bot mir dreißig Louisd’or, und beschwor mich, ihm das Kabinet von Zeit zu Zeit einzuräumen. Ich nahm vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit, und meldete Alles Madame.

Marquise. Sie erschrack!

Dupré. Heftig, heftig! Diesmal war ihr Frohsinn nicht anzuklagen. Sie lachte einen Augenblick darnach — aufrichtig, es war Grimasse. O es drang ein, tief ein. Bei dem allen befahl sie mir, die Goldstücke zu nehmen, mein Kabinet zu räumen und ja über ihr Mitwissen zu schweigen. Ich gehorchte. Unsre Verliebten sprachen sich auf diese Weise nun acht oder zehnmal in sechs Wochen. Und Madame — hochherzig — bekämpfte, beherrschte sich muthig wenn sie wollen — beschloß ihre Nichte dem Chevalier zu geben; nur will sie das Paar zuvor zwei oder drei Stunden durch Unruhe peinigen, Rache üben, an des Chevaliers Larve, Sophiens Verstellung.

Marquise. Und wie?

Dupré. Sophie, ohnehin der Tante flüchtig ähnlich, besitzt ein Sprachorgan, so übereinstimmend mit dem der Gräfin, daß es fast unmöglich wird, durch den gleichen Ton der Rede nicht hintergangen zu werden. Wir Hausgenossen erfahren das alle Tage.

Marquise. Schon errathe ich. Die Gräfin denkt Sophiens Platz einzunehmen —

Dupré. Unsre Intrigue! Die Ausführung naht schon. Der Chevalier kömmt diesen Abend ins Kabinet, Madame unterhält sich in Sophiens Namen.

Marquise. Lustig, neu — aber ich besorge manches. Der Chevalier, indem er Sophien vermuthet, kann über die Gräfin in den Tag hineinschwatzen.

Dupré. Wohl möglich, doch Madame lacht mit so viel Geist, verzeiht mit so viel Schonung, und die Empfindlichkeit, nur eine Minute in ihrem Gemüthe, flieht. Jetzt heiter, erlustigt sie das alles, statt sie zu entrüsten; auf vollkommne Nachsicht wenigstens, schwöre ich. Doch man kömmt, sie wird es sein —

Marquise. Ihre Stimme —

Dupré. Ob es auch wohl Sophie ist? — Nein Madame! — Hier!