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Heil dir im Siegerkranz!: Erzählung / (Zweite Auflage) cover

Heil dir im Siegerkranz!: Erzählung / (Zweite Auflage)

Chapter 4: Hinweise zur Transkription
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About This Book

Anna Marie, an unmarried woman admired for her kindness and absence of envy, lives amid constant social invitations and family responsibilities. When an uncle asks her to come and assist his household, she accepts to protect her young cousin Kitty, whose bright love of life and romantic entanglements contrast with Anna Marie's cautious compassion. The narrative traces domestic scenes, social gatherings, and private recollections, showing how quiet devotion, protective instincts, and social expectations shape relationships and personal sacrifices within a circle of family and acquaintances.

*   *   *

Die Tafel ist gedeckt. Mit einer Art Andacht blickt Bernhard, der alte Kammerdiener, auf die geschmackvolle Ausstattung derselben nieder; der lange Tisch ist in ein Blumenbeet verwandelt, aus dem die flachen, mit wundervollem Obst besetzten silbernen Schüsseln hervorglänzen. Es steht weniger Silber auf dem Tisch als zu Herrn Försters Junggesellenzeit, und das wenige ist anderer Art.

Rosa Wachskerzen in schweren silbernen Armleuchtern, jede Kerze mit einem kleinen Lichtschirm versehen, werfen ihr liebkosendes Geflimmer über die Blumen und Schüsseln, über die Reihen von scharf geschliffenen Krystallgläsern, über die goldverschnörkelten, mit Blumensträußen bemalten Teller. Kitty selbst hat das Decken der Tafel überwacht. Es ist seltsam genug, daß sie, für welche die ganze Welt momentan in Trümmern liegt, sie, die keinen Atemzug schöpfen kann, ohne Schmerz zu empfinden, noch darauf hält, daß der Tisch in ihrem Hause ordentlich aussehen möge.

Jetzt steht sie mit Anna Marie in der Halle und stellt ihr die soeben eingetretenen Offiziere vor – sieben an der Zahl – ein Oberst, ein Oberstlieutenant, zwei Majore, ein Hauptmann, zwei Lieutenants; der Oberst blond, schön, ritterlich (der Prinzessinnentänzer heißt er unter seinen Kameraden), französischer Abstammung, leichtblütig, gutmütig, nicht ohne Anlage zu phantastischen Übertreibungen, immer beflissen, sich populär zu machen, unglücklich, wenn sich unter den Anwesenden ein einziges Geschöpf, und sei's auch nur ein Hund, befindet, dessen Gunst er sich noch nicht zu erwerben vermocht hat; – der Oberstlieutenant, ein Bürgerlicher im Gegensatz zu seinem aristokratischen Obersten, nicht ganz zufrieden damit und mit Vorliebe von den Familienpapieren erzählend, die vor drei Generationen bei der Belagerung von Danzig verloren gegangen sind, im übrigen von allem läppischen Strebertum frei, ungemein schneidig, sehr beliebt trotz seiner burschikosen Manieren, gutmütig wie ein Kind, lebenslustig, diensteifrig, ehrgeizig; – der erste Major, ein echter pommerscher Junker aus sehr gutem Hause, mit dem weißen Malteserkreuz um den Hals, starken markigen Zügen, kleinen, nüchtern und scharf in das Leben hineinblinzelnden Äuglein und vollen Lippen unter einem kurzgestutzten grauen Schnurrbart, äußerlich verbindlich gegen einen jeden, von einem Frankfurter bis zu einem Hottentotten, innerlich fest von der absoluten Superiorität des preußischen Junkertums dem Rest des Weltalls gegenüber überzeugt, aber unbeugsam, pflichttreu, verläßlich, ehrentüchtig durch Erziehung, Standeshochmut und ererbte Naturanlage, nicht unanregend in der Konversation, wenn man ihn nämlich auf sein Lieblingsthema zu bringen weiß, d. i. die langsame und stetige Entwickelung von Preußens Größe, und allezeit bereit, darüber einen kleinen historischen Vortrag zu halten; – der zweite Major, ein geborener Levantiner, der nur durch Zufall in die preußische Armee hineingeraten zu sein scheint und der mit seiner fatalistischen Gleichgültigkeit und seinen ironisch die Wichtigkeit des Lebens verspöttelnden großen, traurigen Augen in seltsamem Gegensatz zu der Strammheit der anderen drei Herren steht, die den Dienst und das Leben so ernst nehmen; – der Hauptmann gedrückt wegen zu langsamen Avancements, die Lieutenants jung, heiter und sehr mager.

Kitty hat für jeden von ihnen ein freundliches Wort; Förster, welcher unterdessen eingetreten ist, beobachtet sie genau.

Sie steht noch im Begriff, Anna Marie die Namen der Herren zu nennen, als es von dem ersten Treppenabsatz in die Halle heruntertönt:

A–ach, wie freuen wir uns,
Da–aß zum Feste hier
U–uns so froh vereint
Dieser Jubeltag!

Kitty hebt die Augen – es ist ein Stück achtzehntes Jahrhundert, das dort auf der Treppe steht. Man hat die Rumpelkammer ausgeplündert, um sich zu kostümieren, alle sind kostümiert, die Damen frisiert und gepudert, die Herren – Herr von Manz und der Hofmeister – in weißseidenen Strümpfen, in Atlaskniehosen und gestickten Röcken und Westen, Herr Wißmuth, der in Ulmenhof natürlich nur ohne seine Frau empfangen wird, hat seine gewöhnliche Tracht anbehalten und steht, energisch dirigierend, mitten unter dem phantastischen Häuflein. »Leise, sehr leise,« hat er von ihnen verlangt –

Ach, wie freuen wir uns,
Daß zum Feste hier
Uns so froh vereint
Dieser Jubeltag.

Es ist wie ein Reigen von Gespenstern, die sich ungebeten an ein Menschenfest herandrängen.

Die Offiziere applaudieren frenetisch, da die Sänger jetzt die Treppe herabtänzeln. Kitty hält die Hände auf eine Stuhllehne gestützt.

»Was hat unsere schöne Hausfrau nur heute?« fragt der Oberstlieutenant den türkischen Major. »Haben Sie je solche Augen gesehen?«

»Ja, einmal zum Schluß einer Parforcejagd bei einem Hirsch, als er, von den Hunden müdgehetzt, zusammenbrach. Ich habe seit der Zeit nie mehr eine Parforcejagd mitreiten wollen. Brr! Das Nachlaufen ist lustig genug – aber das Einholen ist ein gruseliges Vergnügen!« Der Major ist ein nervöser weichlicher Mensch, obgleich er sich tapfer geschlagen hat.

Der Kammerdiener meldet, daß angerichtet ist. Herr Förster hat Frau von Manz seinen Arm geboten, Kitty beschließt mit dem Obersten den Zug. Natürlich sitzen Kitty und der Hausherr einander gegenüber in der Mitte der beiden langen Seiten des Tisches.

»Welch wundervolle Blumen!« sagt der Oberst.

Frau von Manz bemerkt über den Tisch hinüber: »Ich laß meine Tafel immer kahl, mich erinnere diese Blumebeete unter Wachskerzeschimmer an eine Katafalk. Mir verdirbt's jedesmal de Appetit!«

»Ich habe, Gott sei Dank, keine so schwachen Nerven,« wirft Fräulein von Mühlhausen ein, deren energische Unausstehlichkeit ihr immer einen guten Platz an der Tafel sichert, sie sitzt an der rechten Seite des Obersten.

Anna Marie neben dem Oberstlieutenant, dessen Platz links von Kitty ist.

Die Mühlhausen setzt alles daran, den Obersten gänzlich zu monopolisieren, sie hat so viel mehr Verständnis für das Militär als Kitty. »Haben Sie die Schlacht von Sedan mitgemacht, Herr von Delormes?« fragt sie den Obersten.

»Ja, gnädiges Fräulein, alle vier waren wir mit dabei, der Oberstlieutenant, meine beiden Majore und ich.«

»Ach, wie ich Sie beneide!« schwärmt das Fräulein.

»Schade, daß das Vaterland momentan für eine Jeanne d'Arc keine Verwendung hat!« bemerkt der an der rechten Seite der Mühlhausen sitzende türkische Major mit seiner schläfrigen Ironie, »da könnten Sie sofort einspringen, gnädiges Fräulein!«

»Die Trommel gerührt, das Pfeifchen gespielet,« summt Fräulein von Mühlhausen unternehmend vor sich hin.

»O hätt ich ein Wämslein und Hosen und Hut!« flüstert leise der ironische Türk, und die Mühlhausen wiederholt, den Kopf hin und her wiegend, mit nur mühsam an sich gehaltener Begeisterung: »O hätt ich ein Wämslein und Hosen und Hut.«

»Denken Sie sich Fräulein von Mühlhausen als Füsilier,« flüstert Herr von Manz Frau Stutzmann zu. Beide lachen.

»Nun, vielleicht haben Sie noch binnen kurzem Gelegenheit, Ihrer Kriegslust Rechenschaft zu tragen, gnädiges Fräulein,« sagt der Oberstlieutenant; »es türmen sich wieder sehr böse Wolken am politischen Horizont.«

»Entsetzlich!« ruft Frau Stutzmann aus, »ich habe zwei Söhne bei den Husaren.«

»Wie kann man so kleinlich sein!« entrüstet sich Fräulein von Mühlhausen.

»Sie erfreuen sich offenbar starker Nerven, gnädiges Fräulein,« sagt der türkische Major, »allen Respekt!«

»Der Krieg ist immer eine Barbarei,« bemerkt Emma Becker. Sie fängt an, sehr weise zu werden aus Verzweiflung, wie die meisten Damen, wenn ihre Schönheit auf der Neige ist.

»Der Gedanke an die vielen geopferten Menschenleben ist gräßlich. Für die Angehörigen der Kämpfenden muß so ein Feldzug allerdings qualvoll sein. Doch stumpft sich auch die Angst ab mit der Zeit.«

»Das ist sehr individuell,« wirft der Oberst lebhaft ein. »Meine Frau versicherte mir, die Todesangst sei für sie, ein paar vorübergehende Fluktuationen abgerechnet, vom ersten bis zum letzten Augenblick dieselbe gewesen!«

»Die Arme!« ruft Kitty, sich zum erstenmal lebhaft in das Gespräch hineinmischend, aus, »ich würde mich sehr freuen, Frau von Delormes kennen zu lernen.«

»Meine Frau ist tot,« erwidert der Oberst.

»Tot!« wiederholt Kitty.

»Ja! vierzehn Tage nach meiner Heimkehr aus dem Feldzug ist sie gestorben; ein akutes Nervenfieber hat sie dahingerafft. Der Arzt sagte mir, ihr Nervensystem sei einfach verbraucht gewesen von den Aufregungen des Kriegsjahres.«

Bei diesen Worten heftet der Oberst die Augen auf Fräulein von Mühlhausen. Diese aber wirft ihren gepuderten Kopf – sie ist als Werthers Lotte kostümiert – unternehmend in den Nacken und sagt: »Sie war eben keine echte Soldatenfrau!«

Der Oberst beugt sich über seinen Teller – kein Mensch findet auf diesen verblüffenden Ausspruch eine Erwiderung.

»Haben Sie je einen Angehörigen im Felde gehabt?« fragt der Oberst nach einem Weilchen.

»Zwei Vettern und drei Onkel auf einmal,« versichert die Mühlhausen überlegen, »meine Familie hat immer massenhaft in der Armee gedient.«

»Nun, dann müssen Ihre zwei Vettern und drei Onkel Ihrem Herzen nicht sehr nahe gestanden sein,« entscheidet der Oberst trocken.

»Sie begreifen meinen Standpunkt nicht,« erklärt die Mühlhausen und blickt auf den Obersten herunter wie von einem Turm. »Ich wüßte niemanden, der mir in meinem Leben näher gestanden wäre als Hans von Altenried; als das Vaterland jedoch das Opfer seines Lebens forderte, grollte ich nicht. Das muß man so mitnehmen!«

»Hm! ich hätte wirklich große Lust, einmal Gelegenheit zu haben, Sie im Kugelregen zu beobachten,« bemerkt der türkische Major.

»Ich würde mich tapfer behaupten, davon können Sie überzeugt sein,« renommiert die Mühlhausen. »Das immer mehr überhand nehmende empfindsame Entsetzen vor dem Krieg, welches die moderne Gesellschaft auszeichnet, kenne ich einfach nicht. Ich für mein Teil hätte lieber sieben Kugeln im Leib als die Sticheleien einer Freundin nach einem Cotillontriumph. Lieber einen Feldzug als eine Ballsaison! Ich kann mir nichts Schöneres denken, als so vorwärts zu stürmen mitten im Kugelregen und Siegesjubel!«

Die Blicke der sämtlichen anwesenden Männer richten sich jetzt auf die dürre verkümmerte Figur der kriegslustigen alten Jungfer. Um die kleinen, runden Augen des breitschulterigen Junker Majors (von Teufelsegg heißt er) zuckt es spöttisch, und seine starken Lippen nehmen einen strengen Ausdruck an, indem er sagt: »Nur gemach, gnädiges Fräulein! Gegen das Vorwärtsstürmen im Krieg hab ich nichts. Wenn einmal der erste Moment vorüber ist, hat's was für sich. 's ist das Umsehen, das mir unbehaglich ist. Es ist nicht der Tag der Schlacht, an den ich mich ungern erinnere, aber der Tag, der darauf folgt!«

»Da haben Sie recht, Teufelsegg,« bekräftigt der Oberstlieutenant. »Wenn ich so an ein paar Episoden nach Sedan gedenke, so ... besonders die eine Geschichte ...!« Er schüttelt sich ein wenig!

»Welche Geschichte?« fragt plötzlich Kitty mit harter herrischer Stimme.

»Ich hatte einen Kameraden fallen sehen neben mir, meinen besten Freund. Gott! ist mir's damals quer durchs Herz gegangen, daß ich mich nicht einmal neben ihm habe aufhalten können, um ihm beizustehen!« Er hält inne, blickt sich verlegen um, macht sich offenbar Vorwürfe darüber, bei dieser festlichen Gelegenheit seiner Umgebung mit einem traurigen Eindruck zur Last zu fallen.

»Nun?« fragt Kitty über die Blumen hinüber.

Der Oberstlieutenant berichtet weiter: »Es ließ mir keine Ruhe, noch an demselben Abend erkundigte ich mich nach ihm, suchte ihn. Ich kam in eine erbärmliche Hütte, die mit Verwundeten vollgepfropft war. Ersparen Sie mir die Beschreibung, ich werde krank, wenn ich der Stickluft gedenke. Zu achten lagen sie da nebeneinander auf dem Stroh; zwei Leichen mitten unter den anderen. Ich trachtete natürlich unseren tapferen Märtyrern, so gut ich's vermochte, beizustehen. In einer Ecke lag einer, welcher meine besondere Teilnahme erweckte. Ein schöner blonder Mensch war's, groß, schlank, und mit einem sehr vornehmen Gesicht, kaum in der Mitte der zwanzig. Er war gräßlich zugerichtet, der rechte Arm knapp an der Schulter abgerissen, der Körper zerschossen. Es gewährte mir Trost, zu sehen, daß er bereits im Hinüberziehen war. Zugleich merkte ich an der Art, wie er mit den Schultern arbeitete und den Kopf zu heben versuchte, daß ihn noch eine letzte Unruhe quälte. Dann riß er mit der Linken an sich herum, konnte aber nichts mehr fest anfassen. Ich beugte mich zu ihm und zog ein kleines Medaillon aus seiner Brust. Armer Narr! aufmachen konnte er's nicht mehr. Ich öffnete es für ihn und hielt's ihm unter die Augen. Ob er es noch deutlich hat sehen können, weiß ich nicht, aber den Blick hat er darauf geheftet. Dann hat er danach gegriffen, die Hand folgte nicht mehr, er tastete daneben. Endlich mühsam brachte er's bis an seine Lippen. Dann wendete er den Kopf von mir ab gegen die Wand, seufzte ein einziges Mal, aber so, wie ich's nie vergessen werde. Ein paar Minuten darauf war's mit ihm vorbei. Das Weiterleben war ihm unter den Umständen nicht zu wünschen. In die Heimat zurückkehren und seine Braut nicht einmal in die Arme schließen können, muß gräßlich sein!«

»War die Braut hübsch?« fragt Emma Becker neugierig.

»Entzückend!« versichert ihr der Oberstlieutenant mit Begeisterung. »Ich habe nie etwas Hübscheres gesehen. Ein Kindergesichtchen mit großen zärtlichen Augen, die Haare in langen Locken um die Schultern, mit einem breiten Band zurückgebunden, das oberhalb der Stirn in eine Schleife verknüpft war; allerliebst – und sehr jung, die Verlobung konnte auch nicht weit zurückdatieren, denn auf dem Medaillon waren die Worte eingraviert: Zur Erinnerung an den 5. Mai 1870.«

»Der fünfte Mai – komisch, das ist ja der Tag deiner Hauseinweihung, Förster,« bemerkt humoristisch und unbefangen Herr Wißmuth. »Erinnerst du dich nicht mehr an das erste Fest, das du uns in Ulmenhof gegeben hast?«

Aber Herr Förster thut nichts dergleichen, er erhebt sich und bringt einen Toast aus auf den Kaiser und die Armee.


Es werden sehr viele Toaste ausgebracht und sehr viele Champagnergläser geleert.

Immer schwüler wird der Duft der Blumen, die Gläser klingen hell durcheinander, hell und schrill.

Sobald die Tafel aufgehoben ist, sieht sich Anna Marie nach Kitty um. Wenn sie erwartet, etwas Vergrämtes, Blasses zu sehen, so irrt sie sich. Auf ihren Wangen sind die Röslein erblüht, und in ihren sonst so starren, dunklen Augen schimmert ein zärtlicher Glanz.

»Kitty!« flüstert Anna Marie, indem sie den Arm um sie legt. Recht zu finden, was Kitty gethan hat, dazu vermag sie sich auch heute nicht zu bringen, aber böse sein kann sie ihr nicht mehr. Kitty schmiegt sich an sie wie in der alten Zeit. »Meine Anna!« murmelt sie und drückt die Hand der Freundin an ihre Lippen.

»Sie wollen tanzen, ich soll ihnen aufspielen dazu,« flüstert Anna Marie, »ist dir's nicht unangenehm?«

»Ach nein, spiel nur, die alten Walzer spiel, ich höre sie noch manchmal im Traum!« murmelt Kitty. »Spiel nur!« Dann küßt sie Anna Marie und flüstert: »Sei mir nicht bös!« und Anna Marie drückt sie an sich.

Jetzt tanzen sie alle zu schmachtend leichtsinnigen Walzern von Strauß, die Anna Marie ihnen spielt, unermüdlich mit dem verteufelten Rhythmus, der jedem richtigen Österreicher im Blute steckt. Kitty tanzt nicht, ihr Herzleiden enthebt sie dieser Verpflichtung.

Etwas vereinsamt sitzt sie in einem Winkel der großen Halle und hört zu. Es sind dieselben Walzer, die Anna Marie vor zehn Jahren gespielt hat, in dieser selben Halle, sie kann keine neuen, die »Geschichten aus dem Wiener Wald« sind's und die »Dorfschwalben«, und andere altmodische Tanzweisen, bei denen sich eine selige Schwermut mitten in den wirbelnden Reigen der leichtsinnigen Walzermelodie mischt.

So sieht sie Anna Marie sitzen, wenn sie von ihrer gutmütigen und geräuschvollen Beschäftigung aufblickt. Sie fragt sich, was in ihr vorgeht.

Nach einer Weile steht Kitty auf und blickt hinaus. Am Himmel flimmert Stern an Stern über den schwarzen Bäumen, aus dem Boden dringt ein süßer, weicher Hauch, 's ist wie ein Frühlingshauch mit Veilchenduft geschwängert – der Atem der langsam hereinbrechenden Verwesung ist's. Kitty wird sich nicht klar darüber, der süße Hauch mischt sich in ihre Träume und ihre Träume tragen sie in den Frühling zurück. Wie das alles aus ihrer Seele auftaucht, jedes Wort, jeder Blick, jeder Kuß! Und heute ist es zehn Jahre her, daß er zum letztenmal an sie gedacht hat! Durch ihre Adern schleicht sich eine Sehnsucht nach dem Frühling ihres Lebens, nach ihm, nach dem, was hätte sein können. Immer neue Bilder tauchen in ihr auf voll lockender Schönheit, ein wahnsinniges Verlangen rüttelt an ihrem Herzen. Ach, ihn noch einmal sehen, noch einmal in den Armen halten und dann sterben! Sie denkt an den thörichten Gespensterglauben, der mit Ulmenhof zusammenhängt. Es zittert ihr in allen Fibern. Wenn es möglich wäre!

Tiefer, immer tiefer geht sie in den Park hinein, der schwermütige Leichtsinn der Tanzmusik klingt schwächer in das Rauschen der großartigen, kantig verstutzten Lindenkronen.


»Was sagen Sie denn zu der Episode während des Soupers?« fragt Frau Stutzmann ihren jungen Vetter Manz in den Pausen eines Walzers.

»Ich verstand nicht ganz, aber ich denke, es handelte sich um Altenried,« meint Herr von Manz. »Zum Glück hat Frau Förster die Sache noch gut aufgenommen.«

»Der Oberstlieutenant hat mich heut übertroffe; was, Willy?« meint Frau von Manz, an ihren Sohn herantretend. »Ihr sprecht doch von der Geschichte mit dem Medaillon?«

»Ja.«

»Es war schauerlich,« meint Frau Stutzmann, »besonders wenn man bedenkt, daß die arme Förster im höchsten Grade herzleidend ist, von einem Augenblick zum anderen kann's aus sein mit ihr.«

»Ich hab meine Sterne gedankt, daß alles noch so gut abgelaufe ist,« sagt Frau von Manz. »Nein, wenn etwas passiert wäre bei Tisch! Schrecklicher Gedanke! Ich hätt mich nie davon erholt!«

Mit einemmal zieht Anna Marie die Hände vom Klavier, wendet den Kopf und horcht ... Was ist das? ... Tram-tam ... erst klingt's dumpf und unheimlich, wie ferner Hagel, der noch in den Wolken steckt, dann wird der Schall rhythmischer, deutlicher – tram – tam, tram – tam ... Wie oft hat Anna Marie diesen Laut gehört im Morgengrauen oder bei hellem Sonnenschein. Die Schritte eines heranmarschierenden Regiments.

Der alte Kammerdiener öffnet die auf den Park hinausmündenden Flügelthüren der Halle weit und teilt den Herrschaften mit, daß das Feuerwerk beginnen werde.

Sie eilen alle hinaus, die Damen und die Herren, in den Park, in dem bereits die ganze Einwohnerschaft der Umgebung des zu erhoffenden Schauspiels harrend versammelt steht. Man sieht sie, ein groteskes Gedränge von dummstarrenden, grobklotzigen Gesichtern, über das ein verzerrender, gelbroter Lichtschein zuckt. Ksch! ... eine Rakete schwirrt zum Himmel hinauf – noch eine.

Die Militärmusik schmettert einen grellen Marsch dazu. Eine Beängstigung, deren sie nicht Herr werden kann, hat sich Anna Maries bemächtigt. Wo ist Kitty? Sie eilt in Kittys Zimmer – nichts. In das Zimmer der Kinder eilt sie. Die Kinder sind alle aus ihren Betten herausgekrochen und starren, eilig von der Kinderfrau in warme Hüllen verpackt, aus dem Fenster, um das Feuerwerk zu sehen. Aber von der Tante Kitty wissen sie nichts, die Tante war den ganzen Abend nicht bei ihnen, »nicht einmal, um uns gute Nacht zu sagen und Bonbons zu bringen,« beklagt sich der kleine Hans.

Ksch ... Immer noch sprühen die Raketen, immer noch schmettert die Musik.

Anna Marie eilt hinunter. Es ist ja gräßlich – das kann Kitty nicht aushalten, sagt sie sich. Wenn sie ihrer nur habhaft werden könnte, um Kittys Kopf in ihren Schoß zu bergen, damit sie diesen schrecklichen Lärm nicht hört!

In der Halle begegnet sie Herrn Förster, ungeduldig herumstampfend mit einem sehr finsteren Gesicht. »Ist Kitty oben, versteckt sie sich?« fährt er Anna Marie an.

»Sie ist nicht oben, ich suchte sie vergebens.«

»Aber sie muß doch erscheinen, um den Obersten zu beglückwünschen zum Schluß des Feuerwerks!« ruft Förster. »Wo könnte sie sein?«

Plötzlich zuckt's auf in Anna Marie. Mein Gott! – ja dort ... Tief eilt sie in den Schatten hinein, von Zeit zu Zeit durchflammt ihn das Licht einer aufstrebenden Feuergarbe.

Weiter ... weiter ...

Ein lauter Schrei, ein Schrei jubelnder Volksbewunderung tönt durch den Park, ein schrill durcheinander klingendes Ah – ah in allen Tonarten.

Da – was ist das ...

Mitten in dem Lärm hört Anna Marie etwas wie das Aufrauschen einer geknickten Blüte, die zu Boden fällt. Noch ein paar Schritte macht sie – dann –

Dort neben der steinernen Gartenbank, wo sich die Delphine in dem versiegten Bassin herumkrümmen im Sand, halb an den Sitz der Bank gelehnt, liegt etwas Weißes.

Kitty!

Anna Marie beugt sich über sie.

»Großer Gott! Kitty, was ist dir?« ruft sie. Aber Kitty antwortet nicht.

Anna Marie versucht sie aufzurichten; wie schwer und steif sie ist.

Immer lauter, schriller wird das Geschrei der Menge. Der ganze Park erschauert von Jubelrufen.

Da hebt Kitty mühsam den Kopf – blickt auf –

Dort zwischen den Sternen steht es in Flammenschrift, ein kurzes, großmächtiges Wort:

Sedan!

»Sedan!« murmelt Kitty kaum hörbar, zuckt zusammen, ringt nach Atem, ihr Kopf sinkt auf Anna Maries Knie, schwer, leblos.

»Sedan!« schreit die Menge hundertstimmig. »Sedan, Sedan! Vivat hoch!« und die Kapelle spielt:

Heil dir im Siegerkranz!


Die Wiederbelebungsversuche blieben vergeblich. Als der Arzt kam, sagte er, man möge sich nicht mehr mit der Leiche herumquälen, alle Mühe und Sorge sei umsonst.

Anna Marie wachte neben der Toten, die ihr altes liebes Kindergesicht zurückgewonnen hatte und mit kalten Lippen lächelte.

Der Arzt hatte dem Todesanlaß Kittys einen gelehrten, griechisch klingenden Namen gegeben; in der ganzen Umgebung aber hieß es, daß Hans von Altenried der jungen Frau erschienen war, um ihr das Todesurteil zu künden.

Fräulein von Mühlhausen setzte ihre ganze Dialektik daran, dieses Gerücht zu widerlegen, Frau von Manz schenkte ihm jedoch unbedingten Glauben.

»Ich hab's Ihne ja immer gesagt,« behauptete sie, »die Alterieds dulde's nit, daß ein Fremder ihre Besitz entweiht.«

Nach dem Begräbnis Kittys hatte Herr Förster mit Anna Marie eine lange Unterredung, von der er mit rotgeweinten Augen zurückkehrte.

Er bestand darauf, für die drei Lieblinge Kittys sorgen zu dürfen, als ob Kitty noch am Leben wäre.

Die beiden Jungen wurden in einer Kadettenschule untergebracht, das Mädchen nahm Anna Marie zu sich.

Der Ulmenhof steht leer.

Man spricht davon, das schöne, alte Schloß einem wohlthätigen Zweck zu widmen.

Druck von George Westermann in Braunschweig.

Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription werden gesperrt gesetzte Schrift sowie Textanteile in Antiqua-Schrift hervorgehoben.

Der Halbtitel wurde entfernt.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,

Seite 61/62:
"Osterreicherin" geändert in "Österreicherin"
(erwiderte die Österreicherin)

Seite 107:
"," eingefügt
(durch eine kriegerische Demonstration geantwortet hatte, durch ein)

Seite 115:
"«" eingefügt
(»Arme Hilde!« rief er)

Seite 126:
"!" eingefügt
(Aber nein! Weiter – immer)

Seite 131:
"." eingefügt
(Mit einemmal verstummte Kitty.)

Seite 168:
"Weichen" geändert in "Weilchen"
(Ein Weilchen saß sie still)

Seite 199:
"." eingefügt
(seitdem ich wieder Uniformen sehe.)