Meine Schuljahre. Etwas über Uetersen. Reise nach Hamburg. Eine Fête bei Rainville. Professor Zimmermann. Uebersetzung aus dem Terenz. Veit Weber, Prätzel. Travestie der Glocke. Gurlitt. Hipp. Strauch Radspiller. Travestie der Kapuzinerrede. Köstlin. Cornelius Müller. Die Eiermahnspost. Die Kommersche des Primaner. Der Dichterclubb in Altona. Wit von Dörring. Wolff. Palt. Bahrdt.
Der geneigte Leser wird mir verzeihen, wenn ich hier einen Anachronismus begehe und meinen humoristischen Wanderjahren einen Theil meiner Lehrjahre voran sende. Es sind die in Hamburg verlebten, sie werden auch für Norddeutschland wenigstens ein gleiches Interesse wie meine academischen Reminiscenzen haben.
Es war um Michaelis 1814, als mein Oheim und Vormund mich aus der Schule des Rectors Andresen in Uetersen nach Hamburg schickte, um dort auf dem Joanneo meine letzte Vorbereitung zur Universität zu empfangen. Seit 1804 war ich in diesem Klosterflecken und nach dem im August 1809 erfolgten Tode meines Großvaters, des dortigen Prälaten Grafen Ranzau, (vulgo Peter Graf genannt,) in der Pension des gedachten Andresen erzogen. Ich kann nicht sagen, daß ich diesem Manne viel verdanke, denn das thue ich leider! aus sehr traurigen Gründen, Keinem, aber das wenige Gute, was sich in meinem glücklichen Naturell ausgebildet hat, — meinen Haß gegen das Gemeine, meine Schamröthe über das Unsittliche und meine Unbeugsamkeit und Verachtung gegen Vornehmere, die nur voll von jener Rechtschaffenheit, welche sie nichts kostet, und die sie stets auf der gleißnerischen Zunge tragen, nur zu gerne den Stab über Menschen brechen, in denen ihnen eine höhere Natur ahndet — und das Motto meiner humoristischen Blätter: »nil bonum nisi quod honestum« — ich verdanke dies alles ihm dem liebenswürdigen poetischen und wohl unterrichteten Manne, dem schwerlich ein Lehrer in ganz Dänemark verglichen werden kann, aus dessen Schule so viele ausgezeichnete Männer hervorgegangen sind, und der nach sechs und dreißigjähriger Dienstzeit im großen Dänischen Staatskalender, einem Veilchen im fürstlichen Blumengarten vergleichbar, als unscheinbarer »Rector« verzeichnet ist. Indessen werden ihn die Augen seines neuen geistvollen Königs schon finden, und dieser die Anerkennung, welche ich hiermit im Namen von hunderten seiner Schüler ausspreche, auf irgend eine Weise »königlich« bestätigen.
An Uetersen knüpfe ich meine liebsten Erinnerungen. Wenn ich recht diät lebe, recht vielen Leuten geholfen habe, besonders wenn ich Tags vorher recht tüchtig für sie herumgelaufen bin, worin überhaupt meine meiste Bewegung besteht, dann träumt mir von Uetersen (»ich lof nich für mir selber, ich lof für Andere«, sagt jener Jude). Komme ich einmal dorthin, was freilich selten geschieht, so erheben sich die Erinnerungen auf meinen Blutwellen, daß mein armes Gehirn Mühe genug hat, beide zu beherbergen; ich kenne dort jeden Stein, jede Baumwurzel wieder, und beklage es nur, daß alle Häuser kleiner geworden sind, wie die aus Rüben gezogenen Gespielinnen der durchlauchtigsten Prinzessin Rübezahl, oder daß gar neue Häuser ohne Geschichte die alten Giebel, aus denen jedem tausend und eine Erzählungen zu schnitzen wären, verdrängt haben. Ja, ich besitze eine solche gute Physiognomik, daß ich alle die verschiedenen Geschlechter Uetersen’s mit ihren Abarten, durch der Hölle teuflischen Hohn, recognoscire, so daß ich nach vier und zwanzig Jahren einen Jungen, der wie ein Contrebandier oder wie eine geschwärzte Rübe mit unfreiwillig schmutzigem Gesicht in einer Gosse lag, nach seiner Gentilität, durch den Schmutz durch, errieth, und auch auf die plattdeutsche Anfrage:
Hehtst Du nich Jan Matzen?
die Antwort
»Ne, Klas Matzen.«
erhielt.
Ich erkenne es übrigens für ein Glück, meine Jugend in einem andern Staate, als meine späteren Jahre, verlebt zu haben. Sie ist mir reiner, heiliger und frischer geblieben. Am Ende geht es den Menschen wie den Kartoffeln: sie gedeihen besser, wenn sie verpflanzt werden. Wenn man erst in der Fremde heimisch werden muß, so lernt man den Herrn Jesum Christum auch besser erkennen. —
Ich kann bei diesem Simultaneo, Gott sei Dank! eine humoristische Iliade und Aeneide singen, und das ist viel werth.
Ich reis’te also von Uetersen ab. Mein Abschied wurde mir damals sowol durch die Aussicht, nach Hamburg zu kommen, als durch den Umstand erleichtert, daß Uetersen damals von einer gräßlichen Seuche, der Ruhr, heimgesucht wurde, welche in dem etwa aus 400 Feuerstellen bestehenden Orte damals kaum fünf Häuser, aber auch das unsrige, verschont und fast aus allen ein Opfer gefordert hatte. Kurios ist es, daß überhaupt Holstein, wenigstens in meiner Jugendzeit, viel heftiger, als irgend ein Land, von ihr bedroht wurde, die dermalen viel heftiger wüthete, als es irgendwo die menschenmörderische Cholera ihr nachgethan hat. Gewöhnlich begann sie im Dorf Kaltenkirchen, welches, wenn ich nicht irre, an der Poststraße von Hamburg nach Kiel liegt, und dann sofort gesperrt wurde. Ich habe oft über die Gründe dieses endemischen Uebels nachgedacht, vielleicht sind die frischen Seewinde daran Schuld, welche namentlich des Abends die in der Sommerzeit erhitzte Luft urplötzlich kühlen. Euch, lieben Landsleuten! aber will ich vorläufig ein sicheres Präservativ gegen diese Krankheit anvertrauen. Es ist dieses ein solches, welches ich kürzlich von dem Nichtdoctor, aber geschickten Arzt Prießnitz erlernt und sehr bewährt gefunden habe. Tragt in dieser Zeit ein nasses, ausgerungenes Tuch um den Unterleib, und stärkt Eure Haut dadurch, daß Ihr, sobald Ihr aus dem Bette kommt, Euch eine halbe Minute in eiskaltem Wasser badet. Probatum est. Merke Du Dir es vor allen Dingen, jedesmaliger pro tempore Pastor in Kaltenkirchen!
Mein Weg führte mich über Dummerjan, Jappob, Luhrop[2] nach Hamburg. Der Wirth im ersten Wirthshause, welcher mich von Jugend auf kannte, ertheilte mir seinen väterlichen Segen. Ich habe aber doch nicht den Segen der Dummheit in der Welt gespürt, ohne klug geworden zu sein, und verzweifle daher an der Görgentheorie Gellert’s.
Als ich in Altona ankam, wurde ich zu dem prächtigsten Feste geladen, das meine Augen je gesehen. Es wurde dies in Altona und zwar in dem Rainvill’schen Hotel lediglich auf Kosten des Königs von Dänemark zu Ehren der ganzen russischen Generalität und vorzüglich dem General Grafen von Benningsen gegeben, und soll nach Einigen 12,000, nach Andern 20,000 Thaler gekostet haben. Der ganze, nur für die Feierlichkeit erbaute Salon war auf das Geschmackvollste drappirt, und wurde während der Abendtafel, wie durch einen Zauberschlag, gänzlich umgewandelt, indem man alle Seitenwände mit Bildern schmückte, welche die elegantesten russischen Bauten und Gegenden darstellten. Ich vergesse das Erstaunen und die Ausrufungen nicht, welche den guten Skys und Skas und Witschs entströmten, als sie sich so in die heimathlichen Gegenden versetzt sahen.
Die Plätze waren genau berechnet; es hatten sich indessen doch, vielleicht durch die Russische Galanterie bewogen, einige Personen mehr als die Geladenen, namentlich einige unbekannte Damen, eingefunden. Das gab einige überzählige Gäste, von denen ich mich noch eines berufenen, aber vom Schicksal nicht auserwählten Barons erinnere, der sich mit einiger Mühe einige junge Erbsen nebst jungem Lachs eigenfüßig geholt hatte, und dem nun Messer und Gabel fehlten um diese eroberten Dinge auch eigenhändig zu verzehren. Das kleine unansehnliche Männchen, das man spottweise wol »Bandjude« nannte, hatte das Unglück einen sehr massiven Russen mit einem unangestellten Paar Messer und Gabeln zu begegnen, der ihm ein »Passluschai, mai Druk« (Höre, mein Freund!) zurief und in der Meinung, einen Aufwärter in escarpins vor sich zu haben, seinem Mitgast mit martialischer hungriger Miene das mühsam Erworbene rein aufaß, ohne daß dieser, theils aus Furcht, theils aus Galanterie, sich dem Kaukasier widersetzte. —
Am andern Tage ging es zum Professor Zimmermann in die Pension, der damals in der Königsstraße dicht an dem Hause wohnte, worin einst Klopstock gedichtet, und das damals von dessen Wittwe bewohnt wurde.
Zimmermann, der Sohn eines Leinwebers aus Dornburg im Weimarischen, ein Schüler Bötticher’s, war bei Weitem der geistvollste Lehrer an der Hamburger Schule. Leider fehlte es ihm an Ausdauer; er hatte die Prolegomena zu jedem Schriftsteller, sowie die ersten Kapitel auf eine bewunderungswürdige Weise bearbeitet; hätte er sie so durchgeführt, so wäre die statarische Weise seines Lehrens vielleicht von keinem Philologen übertroffen worden. Allein sowol die Politik (er redigirte eine Zeitlang nach dem Hamburger Befreiungskriege, an dem er selbst thätigen Antheil genommen, den Hamburger Deutschen Beobachter), wie seine Liebe für Kunst und Theater, welche ihn zum Autor der bekannten dramaturgischen Blätter machten, zogen ihn leider zu sehr von seinem Berufe ab. Seine philologischen Arbeiten wurden ihm auch im Jahr 1815 oder 1816 durch einen wol nicht ganz ungegründeten Vorwurf verleidet, daß er bei einer Beurtheilung von Horaz Satiren, herausgegeben von Heindorf, sich eines Plagiats aus dem Heft des berühmten Philologen Heinrichs in Kiel habe zu Schulden kommen lassen. Er wurde dadurch hart gestraft, dem Heindorf die letzten Stunden durch eine nicht ungerechte, aber zu scharfe Kritik verbittert zu haben. Dazu kam sein Talent, so wie sein Hang zur Geselligkeit, welche seinen Körper zu sehr zerrütteten, so daß er zuletzt in Geistesabwesenheit verschied, während seine Frau, auch schwachsinnig, in demselben Krankenhause saß. — Uebrigens war Zimmermann eine edle Natur, voll Geist und klassischer Gelehrsamkeit, nur klebte ihm von seiner Jugend eine gewisse Derbheit an die er nicht leicht verleugnen konnte, und die ihm, da er sehr leicht Parthei nahm, mit manchen Leuten verfeindete. In dem berühmten Sängerinnen-Streit zwischen der Becker und der Gley nahm er entschieden Parthei für die erstere, und war in seinen Theaterrecensionen oft zu streng und beißend. Zu jener Zeit kam es auf, bürgerliche Jungfrauen »Fräulein« zu nennen, welches Zimmermann allezeit dahin benutzte, daß er den unbescholtenen Damen des Theaters dieses epitheton, den einigermaßen anrüchigen aber nur den Titel »Demoiselle« ertheilte, wie er denn auch mit gleicher Berücksichtigung die verheiratheten Schauspielerinnen bald »Frau«, bald »Madame« nannte.
Vortrefflich war seine Erklärung und Uebersetzung des Theocrits und des Terenz, worin er die ewigen Thorheiten der Menschen auf eine unvergleichliche Weise in die Sprache des Tages übertrug. Wenn er das Fest des Adonis in das Plattdeutsche übersetzen wollte, so gelang ihm dies zwar nicht ganz, aus Unkenntniß dieser Mundart, allein desto herrlicher war seine Version des Lateinischen, von dem ich, so weit ich dies jetzt aus dem Gedächtniß vermag, hier eine Probe geben will.
Aus dem Eunuchen des Terenz.[3]
Dritter Act. Erste Scene.
Thraso, Gnatho, Parmeno.
(Letzterer wird von beiden nicht gesehen, spricht vor sich und begleitet die Reden jener durch Pantomimen.)
Thraso. Also die Thais ist mir so erschrecklich dankbar?
Gnatho. Unmenschlich.
Thraso. Ne, sagt ’mal, ist sie fidel?
Gnatho. Nicht so sehr über das Präsent, als darüber, daß es von Ihnen kommt, das ist ihr auf Ehre ein Triumph.
Parmeno. Ich muß speculiren, ob die Luft rein ist, um meine Leutchen herzuführen. Aber — was sehe ich, den Offizier!
Thraso. Es ist mir auf Taille! so gegeben: Alles, was ich beginne, schlägt mir ein.
Gnatho. Das habe ich auf Ehre auch immer gefunden.
Thraso. Der König war auch immer äußerst zufrieden mit meinen Handlungen; mit den Geschichten von Andern war es immer au contraire.
Gnatho (bei Seite). Der pflügt gleich wieder mit fremdem Kalbe. (Laut.) Ja, wer soviel Witz hat, wie Sie.
Thraso. Das will ich zwar nicht abläugnen. —
Gnatho. Also die Augen Seiner Majestät waren immer auf Sie gerichtet?
Thraso. Das kannst Du glauben.
Gnatho. Sie waren sein Favorit?
Thraso. Aber seine ganze Armee Einem anzuvertrauen, alle seine Pläne —
Gnatho. Sapperment!
Thraso. Wenn die Menschheit und sein Scepter ihn anekelten, wenn er sich erquicken wollte, wenn er so zu sagen — — Verstanden?
Gnatho. Ja, ja. Wenn er, so zu sagen, die misere aus seiner Seele speien wollte —
Thraso. Gut gesagt. Da müssen Seine Majestät ein Menschenkenner gewesen sein.
Thraso. Ja, so ist er, ein Herr für Wenige.
Gnatho. Ich glaubte, für keinen Menschen, da er nur für Sie lebte.
Thraso. Die Hofleute wurden alle höllisch neidisch. Heimlich cabalirten sie; ich fragte aber nicht die Kanaille danach. Sie barsten vor Neid. Einer aber, der eine Schwadron indischer Elephanten commandirte, crepirte das Ding zu sehr. Als der nun anfing, sich unangenehm zu machen, fragte ich ihn: »Sagen Sie mir, Baron Strato, sind Sie deshalb so grimmig, weil sie die wilden Bestien commandiren?«
Gnatho. Fein gegeben, auf Ehre! wunderschön göttlich! Das heißt: mit Elephantenfüßen todt treten. Und was antwortete er?
Thraso. Er war stumm wie ein Fisch.
Gnatho. Natürlich.
Parmeno. O Gott, Gott! was ist das für ein schändlicher, niederträchtiger Erzschurke!
Thraso. Sagt ’mal, Gnatho, habe ich Euch nie erzählt, wie ich den Rhodier auf einem Kommersch touchirt habe?
Gnatho. Nein, niemals! Um Alles in der Welt, das müssen Sie mir erzählen. (Bei Seite.) Ich habe die Geschichte schon mehr als tausend Male gehört.
Thraso. Es war besagtes rhodisches Jüngelchen mit mir auf einem Kommersche. Zufällig hatt ich ein Mädchen, mit dem er caressiren und mich railliren wollte. »Was will Er?« fuhr ich ihn an, »Er Kiek in die Welt! essen Hasen auch Wildpret?«
Gnatho (überlaut.) Ha, ha, ha!
Thraso. Was kommt Euch an?
Gnatho. Das war superbe, einzig, himmlisch, unvergleichlich! Aber ernstlich, ist der Witz von Ihnen? ich habe ihn uralt gehalten.
Thraso. Habt Ihr ihn schon gehört?
Gnatho. Und wie oft; er steht ja oben an in den Anekdoten zum Todtlachen.
Thraso. Der ist von meiner Fabrik.
Gnatho. Der arme junge Mann von guter Familie dauert mich doch, daß er für seine Unvorsichtigkeit so angekommen ist.
Parmeno. Hol’ Dich der Henker!
Gnatho. Aber sagen Sie ’mal, was antwortete der Mensch?
Thraso. Er war auf’s Maul geschlagen. Die ganze Gesellschaft wollte vor Lachen bersten. Nachher hatte ich aber allerwärts Respekt.
Gnatho. Und das von Rechtswegen.
Zimmermann sah in seinem Hause wenig Gesellschaft, welche zu unterhalten und zu bewirthen die Frau Professorin auch schwerlich verstanden haben würde. Indessen brachte er doch zum Souper zuweilen einige Literaten mit, welche damals in Hamburg sehr leicht zu zählen waren. Ich entsinne mich noch mit dem größten Vergnügen eines Abends, an welchem Veit Weber und der bekannte Prätzel sich dort trafen und, wenn ich nicht irre, kennen lernten. Veit Weber war ein interessanter alter Herr, der gewiß immer seinen Platz in der deutschen Literaturgeschichte mit voller Berechtigung behaupten wird. Nichts desto weniger laborirte der gute Mann an einer gewissen Eitelkeit und Abgeschlossenheit, welche die deutschen Poeten des vorigen Jahrhunderts überhaupt auf eine ganz merkwürdige Weise zu einer gewissen Abgeschlossenheit brachte, die sie keine neueren Productionen junger Dichter mehr anerkennen ließ. Wie einst der Dichter Müller in Itzehoe in meiner Gegenwart erklärte, er würde sich todt schämen, wenn er die Schillersche »Jungfrau von Orleans« geschrieben hätte, so äußerte der gute Weber unverholen, daß er seinen Wilhelm Tell weit über den Schillerschen setze.
In Erzählungen kleiner Schnurren war Weber excellent. Er war eben dabei eine Legende zu erzählen, in welcher der Teufel immer niesen muß, wenn man ein Kreuz schlägt, als er, den aufmerksam zuhorchenden Prätzel anblickend, plötzlich mit den Worten inne hielt: »Nein, ich erzähle nicht weiter, der Prätzel schnappt mir sonst Alles für die Allmanache weg.«
Da halfen keine Contestationen, keine Versicherungen Prätzel’s, Veit Weber blieb heiter, aber erzählte keine Histörchen mehr. »Es ist mir unerträglich,« sagte er, »meine eignen Ideen von einer fremden Feder dargestellt zu sehen. Es ist kein Mißtrauen gegen Sie, liebster Prätzel! Sie sind grade der Mann, um meine Ideen auszuführen; aber warten Sie bis nach meinem Tode, dann verspreche ich Ihnen meine sämmtlichen hinterlassenen Papiere.«
Topp! sagte Prätzel, und Zimmermann schlug durch die vereinigten Hände.
So viel ich glaube, hat der liebenswürdige, lange nicht genug in seinem Vaterlande anerkannte Prätzel das ihm gethane Versprechen, zu welchem ich ihm wol noch einen Zeugen stellen könnte, vergessen.
Zimmermann war sehr jähzornig. Er vergaß sich einmal so weit, einem Primaner eine Ohrfeige zu ertheilen, welches diese so übel nahmen, daß sie nach Studentenweise förmlich auszogen. Ich war damals Secundaner und fühlte mich durch diesen Vorfall veranlaßt, die Glocke zur Hälfte zu travestiren, die hier ihren Platz finden mag. Sie ist freilich die Arbeit eines Schülers, allein ich gestehe zu meiner Beschämung, daß ich nicht im Stande sein würde, jetzt eine bessere zu liefern. Sie ist übrigens gedruckt, wie manche in diesem Werkchen vorkommende Anekdote. Indessen dürfen alle der Vollständigkeit halber nicht fehlen, wie die bereits publicirte Probe einer Uebersetzung in die ganze Version aufgenommen werden muß.
Das Lied vom Prügel.
Vivos ferio, mortuis abstinco, ossa frango.
Prolog zum Michaelisexamen, gesprochen vom Custos.
Als ich Zimmermann diese Travestie mit dem Motto vorlas:
lächelte er zwar anfangs, verbot mir aber später bei Strafe der Relegation, meine Travestie zu verbreiten. Da sie indessen im Ganzen harmlos war, habe ich mich auch an dies Pascha-Verbot nicht gekehrt, zumal da einige der Lehrer mein Gedicht sich heimlich abschrieben, und mich, da sie selbst mala fide waren, nicht bona fide consiliiren konnten. In späteren Jahren hat Zimmermann oft herzlich über die Poesie seines Pensionärs und Secundaners gelacht.
Der Director der Schule war der bekannte Doctor der Theologie »Gurlitt«, welcher von Klosterbergen hierher berufen war, woselbst er eine früher in Hamburg nie gekannte Schuldisciplin eingeführt hatte. Die Schüler zitterten, wenn er in die Classe trat, wohin er freilich mit Ausnahme seiner Prima nur kam, um irgend ein Strafgericht zu halten.
Alle, die den seligen Doctor Gurlitt kannten, werden dahin übereinstimmen, daß dieser wirklich große Schulmann, dem die Primaner mit militärischer Subordination gehorchten, vor dessen Anblick die Secundaner in den combinirten Stunden fast vor Angst, um mich Heinisch auszudrücken, verquirlten, weil er das Princip der disciplina scholastica mit eiserner Ruthe handhabte, au fond ein höchst humaner und gutmüthiger Mensch war. Incuriosus in Bezug auf die Dinge des Lebens, verwechselte er Fouqué und Fouché, litt nicht, daß die gewandten Hamburger Kutscher ihn schnell fuhren, und obgleich diese Großstädter einen magnetischen Tact haben, die Deichsel des Wagens eine Terze vorher zu fühlen, und ihr auszuweichen; ehe sie den Rücken durchbohrt; rief er nicht selten, der Übersetzer der Pindarschen Gesänge, dem Wagenlenker zu: »Halt Barbar, Du fährst einen Menschen über!« Ein galanter Witz entwaffnete ihn auf eine komische Weise, und er pflegte dann, bestürzt, dieser Geisteskraft ganz ungewöhnliche Benennungen, wie Mathematik oder Poesie zu geben. Als er einmal bei Tische die Bemerkung ausgesprochen hatte, daß es doch nie zwei Tage hinter einander stürme, bemerkte seine Haushälterin witzelnd, daß es auch nie zwei Tage hinter einander regne. — »Wie das?« fragte Gurlitt erstaunt. »Es ist allemal eine Nacht dazwischen,« belehrte ihn die Dame. »Nun das zeigt von mathematischem Verstande!« entgegnete Gurlitt verwirrt.
Einstmal traf er einen holsteinischen Eleven des Johannei, der trotz seines Alters und seiner Größe sich nicht weiter im Examen, als bis zur classis latina et graeca secunda, und das Letztere nur deshalb hatte legitimiren können, weil er auf die mehrmalige Anfrage: »Was das verbum für eine Zeit sei?« mit großem Glücke aoristus primus geantwortet hatte, an einem Sonntage in Harvstehude. Der arme Secundaner hatte seine Schwächen gefühlt, sich nicht einmal Zeit genommen, im ersten Vierteljahre in die Comödie zu gehen, und belohnte heute am Ostertage zum ersten Male seinen Wagner’schen emsigem Fleiß durch einen Spaziergang. Nicht ohne Zagen folgte er dem Ruf des ihn erspähenden Directors, der ihn mit den Worten anredete: »Hören Sie, mein liebes Kind, als ich in Ihren Jahren war, war ich nicht so desparat zurück, wie Sie. Und doch feierte ich den Ostertag, anstatt vor die Thore Leipzig’s zu gehen, nur damit, daß ich aus der Clavis ciceronia, die ich mir vom Morgenbrod abgespart hatte, vertirte und revertirte.« Verdutzt sah ihn der Schüler an. Contestirte er litem, so war er verloren, und Gurlitt nannte ihn gewiß bis nach der Abschiedsrede, wo der Primaner den Beinamen »Hecht« verlor und von ihm liberal behandelt wurde, nur den »Harvstehudegänger.« Bei leichtem jugendlichen Blute sann er bald auf eine humoristische Antwort. — »Das mußten Sie auch thun, Herr Doctor,« versetzte er, »ich habe es aber nicht nöthig!« »Wie so?« versetzte Gulit, entrüstet durch die Replik. »Sie hatten nicht einen so guten Director, bei dem man in der Woche soviel lernte, um sich Sonntags durch einen Spaziergang erholen zu dürfen!« antwortete der Johanniter. »Gehen Sie nur!« antwortete Gurlitt, fast mädchenhaft verlegen, »Sie sind ein Poet.«
Einer seiner oft in der Schule wiederholten Professorenwitze war die Erklärung über den infinitivus historicus. Nachdem er gezeigt hatte, daß dieser gewissermaßen in der menschlichen Natur liege eigentlich der Invinitiv des Affects sei, wie »me hoc pati, me hoc ferre?« den die kindliche Sprache der Grammatik erfunden habe, pflegte er oft hinzu zu fügen: »Es gab viele Theologen, die sich bemühten, den infinitivus historicus durch das ausgelassene Wort »coepit« zu erklären. Dieser falschen Meinung war auch ein alter Scholarch der Schule zu Magdeburg oder Kloster-Bergen, der bei einem öffentlichen Examen den examinirenden, den Livius docirenden Collaborator daran erinnerte, daß er seine Schüler doch fragen solle, von welchem Worte der infinitivus historicus abhänge? Der prüfende Lehrer, der den Ungrund dieser Ansicht kannte, vermied die Frage, bis der Scholarch, am Ende ungeduldig, die Schüler mit den Worten belehrte: »Der infinitivus historicus hängt von coepit ab.« — Schweigend ließ der Lehrer die jungen Leute weiter expliciren, bis am Ende das ihn rächende Wort »coepisse« als infinitivus historicus kam. »Von welchem Worte hängt der infinitivus historicus ab?« fragte nun der gekränkte Collaborator. »Von dem Worte coepit,« rief die Jugend. »Recht,« entgegnete der Lehrer — coepit, coepisse —
Gurlitt’s Lob war sehr spärlich. Zu einem der ersten jetzigen hamburger Prediger sagte er einmal, und das war das größte Lob, womit ich ihn Jemand habe beschenken hören: — »Wenn Sie so fortfahren, fleißig vertiren und revertiren, so ist Hoffnung vorhanden, daß Sie ein Fünkchen lernen.«
In politicis war er dänisch gesinnt, und strich jedesmal den jungen Hamburgern, die in ihrem vitae curriculo beim Eintritt in prima der Besetzung Hamburg’s in der Franzosenzeit nicht zum Lobe jenes Staats erwähnten, mit der Bemerkung: hoc falsum est, ut ex scriptis Hafneri (des dänischen Obristen) apparet. — Am empfindlichsten war Gurlitt gegen Wunden. Die Vorstellung davon und die Erwähnung derselben scheuchte er immer mit den Worten: »Schweigen Sie still, ich kriege Krämpfe.« Hierauf bauend, befreite ein Schüler einmal seinen Kameraden aus dem Karzer, indem er Gurlitt von dem kranken Arm des Arrestanten erzählte.
In religiöser Beziehung war Gurlit ein höchst eifriger Rationalist. Er war einer von den Wenigen, welche es verweigert hatten, die symbolischen Bücher zu beschwören, welches er oft in der Klasse mit den Worten erzählte: »Einige hamburger Rindfleischseelen wollten durchaus, daß ich die symbolischen Bücher beschwören sollte; ich habe es aber doch nicht gethan und der Senat hat mich doch nicht zwingen können, gegen meine Ueberzeugung zu handeln.«
Der zweite Lehrer am Johanneo war der Professor Hipp, der eigentliche Begründer einer kaufmännischen Schule, welche mit der lateinischen verbunden war. Er lehrte in Prima die Mathematik und las den Tacitus, von dem er eine Uebersetzung lieferte, die an Gedrängtheit und Schönheit des Ausdrucks dem Originale nicht nachstand. Es wäre wol der Mühe werth, Nachforschungen darüber anzustellen, ob sich nicht eine schriftliche Version des Tacitus in seinem Nachlasse befindet; Hipp’s Erben würden gewiß gute Geschäfte damit machen. Daß er eine Uebersetzung des Agricola und der Germania schriftlich besessen, weiß ich mit Bestimmtheit. Uebrigens war Hipp ein chamäleontischer Mensch, dessen Laune wie Aprilwetter wechselte, weshalb er auch nicht im Stande war, eine Autorität bei seinen Schülern gehörig zu conserviren. Stets in finanziellen Bedrängnissen war er von bodenloser Gutmüthigkeit, so daß er eines Morgens mit Pantoffeln in die Schule kommen mußte, weil er in der Frühe einem durchreisenden Handwerksburschen sein einziges Paar Schuhe, daß er angehabt, geschenkt hatte. Gegen Gurlitt spielte er sehr den Devoten. Er trat gewöhnlich um zehn Uhr Morgens, zu welcher Zeit seine mathematische Stunde anfing, in die erste Klasse, ließ es sich aber jedesmal gefallen, wenn der alte Schulmonarch ohne ihn zu fragen noch bis halb elf und noch länger fortdocirte, während welcher Zeit er sich zu einem der Schüler setzte, mit der Miene der größten Aufmerksamkeit in dessen Buch sah und oft den alten Gurlitt mit lauten Bewunderungen belobte, während er doch nicht selten, wenn dieser die Classe verlassen hatte, den Succensor des alten Herrn machte. Hipp war übrigens der fleißigste Mensch, den ich in meinem Leben gesehen habe. Kein Tag verfloß ihm ohne funfzehn Arbeitsstunden.
Ein Lehrer der zweiten und dritten Klasse war der jetzige Pastor Strauch in Hamburg, ein Mann von vieler Wissenschaft, ausgezeichnetem Fleiße und guter Lehrergabe. Indessen war sein Tadel oft zu ironisch, welcher mehreren seiner Schüler eine Abneigung wider ihn einflößte. Einer von diesen, der sich zu sehr und zu oft durch Strauch’s Tadel deprimirt fühlte, rächte sich eines Tages auf eine originelle Weise.
Strauch beging den Fehler, Dichter ziehen zu wollen, ohne zu bedenken, daß diese geboren werden müssen. So verlangte er einmal, jeder Schüler solle ihm eine Fabel liefern, was der hamburgischen, höchst unpoetischen Jugend recht schwer wurde, worauf der Antagonist eine Fabel einlieferte, von der mir etwa noch Folgendes erinnerlich ist.