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Im Banne der Furcht

Chapter 48: Die Wachstumsprodukte.
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About This Book

Eine ethnographische Darstellung der Wapare in Ostafrika schildert Lebensstationen, Rituale und soziale Organisation: Geburt, Initiations‑ und Frauenfeste, Beschneidung, Erziehung von Jungen und Mädchen, Heirat und Scheidung werden systematisch dargestellt. Rechtssätze, wirtschaftliche Formen, Hausbau, Handwerk, Jagd‑ und Ackergeräte sowie Aspekte der Küche und des täglichen Lebens werden ausführlich erörtert. Ausführliche Kapitel behandeln religiöse Vorstellungen, Totemismus, Orakel, Heil‑ und Bestattungsriten sowie Dämonen‑ und Fetischglauben. Abschließend untersucht der Text Dichtung und Denkweisen der Gemeinschaft und reflektiert die Begegnung mit Mission und Islam sowie deren Auswirkungen auf Bräuche und Glaubenspraxis.

Die Wachstumsprodukte.

Es ist mir hier natürlich unmöglich, einen auch nur annähernd vollständigen Bericht all der Sitten zu geben, in welchen die Seelenvorstellungen ihren Ausdruck finden. Und würde ich selbst alles das, was mir an solchen Gebräuchen in diesen Jahren zu Ohren gekommen ist, niederschreiben, so wäre es höchst wahrscheinlich nur ein geringer Bruchteil dessen, was uns ein Medizinmann mitteilen könnte, wenn er wollte.

Bei den Wapare gelten Haare und Nägel als Träger der Seelenkräfte. Läßt sich z. B. jemand vom Medizinmann behandeln, daß seine Person gegen jeglichen bösen Zauber gefeit wird, so schneidet ihm der Arzt einige Haare und den Nagel eines Fingers, gewöhnlich des kleinen Fingers ab und legt dies auf ein schwarzes Läppchen zusammen mit seiner andern Arznei. Nunmehr heißt er den „Patienten“ etwas von seinem Speichel mit der Arznei vermischen. Nachdem er dann geheimnisvolle Sprüche gemurmelt hat, wird das Läppchen zusammengebunden, und das Amulett ist fertig. Denselben Vorgang lernten wir schon bei der Besprechung des Kikobwa-Schutzzaubers kennen. Dort wurden auch die Haare sowie Zehen- und Fingernägel als kräftige Seelenträger bei der Bereitung des Amulettes mitverwandt. Unzählige Vorschriften betreffs des Scheerens der Haare sind auf den Seelenglauben zurückzuführen. So bestimmt der Arzt manchmal, daß einem kleinen Kinde nach seiner „Behandlung“ nicht eher das Kopfhaar abrasiert werde, bis er es selbst unter Einhaltung gewisser Regeln tun werde. Da hierüber manchmal zwei Jahre vergehen, so müssen dem Kinde (genau wie bei den Vai va nyumba) die Haare mit Wasser und Fett eingerieben werden, so daß sie mit der Zeit in langen Strähnen herunterhängen. Auch auf die Mutter dehnt sich diese Vorschrift oft aus. In Zukunft darf das Kind nur von diesem Arzt behandelt werden, bis die Haare wieder abgeschnitten sind. Der behandelnde Arzt wird also gewissermaßen zum Hausarzt ernannt. Für ihn hat dieser Glaube auch noch die praktische Seite, daß ihm so auf jeden Fall sein „Honorar“ nicht von einem zweiten Arzt abwendig gemacht werden kann. Wir sahen oben schon (S. 51. 52), daß die langen Haare des Mädchens, wenn es die Frauenfeste durchgemacht hat, auf dem Dachboden sorgfältig versteckt werden, um sie nicht in die Hände von Zauberern fallen zu lassen, denen damit eine gewisse Macht über das Kind verliehen wäre. Sie könnten es z. B. unfruchtbar machen. Daß südafrikanische Neger dem in der Fremde Gestorbenen eine Haarlocke abschneiden und diese dann in der Heimat begraben, ist schließlich die letzte Folgeerscheinung der Vorstellung, welche die Seelenkräfte in die Wachstumsprodukte des Körpers verlegt.

Eingeborene bei der Feldbestellung.
Phot. Geßmann.
Bananenstauden.
Phot. Geßmann.
Maisstapel.