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Indianerleben

Chapter 57: Kunst und Industrie.
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About This Book

A detailed ethnographic account records life among several indigenous peoples of the Gran Chaco, combining chaptered field descriptions of houses, family and communal organization, subsistence, gendered division of labor, and material culture with examinations of ritual specialists, ceremonies, myths, and oral sagas. It surveys artistic techniques, tools, games, and trade, and discusses conflict, alliances, and contact with settlers and missionaries. Scattered anecdotes and translated legends illustrate cosmologies and moral ideas while systematic comparisons highlight regional differences in social institutions and daily practices.

Sechzehntes Kapitel.
Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer (Forts.).

Kunst und Industrie.

Die Chiriguanos und Chanés sind Stämme, deren Kunstindustrie sehr hoch steht. Besucht man eine der Hütten der weißen Ansiedler in diesen Gegenden, so wird man nicht viele Erzeugnisse einheimischer Industrie, nicht viel von eigener Kultur sehen. Ich weiß rein gar nichts, was diese Menschen können, was mit der Keramik und Webetechnik der Indianer konkurrieren kann. Sicher ist, je mehr die Indianer „zivilisiert“ werden, um so weniger leisten sie kunstindustriell. Von den Weißen lernen sie nicht viel mehr, als Branntwein bereiten und trinken. Die indianische Kunstindustrie verschwindet hier allmählich, je mehr die Indianer mit den Weißen in Berührung kommen, sie wird aber nicht umgebildet. Sie verbleibt zum großen Teil rein indianisch bis zu ihrem schließlichen Untergang. Eine Industrie ist indessen jetzt in den Händen der Weißen, und zwar die Metallindustrie. Die silbernen Schmucksachen, welche z. B. die Chiriguanos und Chanés anwenden, werden von den Schmieden in den Dörfern der Gebirgsgegenden gearbeitet. Die halbweiße oder quichuaindianische Bevölkerung, die wir in den Gebirgen westlich vom Lande der Chiriguano- und Chanéindianer antreffen, ist recht kunstfertig. Besonders die Webetechnik steht dort hoch. Vom Westen haben die Chiriguanos und Chanés sicher viel gelernt.

Tafel 19. Die Frau des Chanéhäuptlings Vocapoy malt ein Tongefäß. Rio Itiyuro.

So finden wir die für die Chiriguanos charakteristische Serérepfeife (Abb. 120) in Sammlungen von der Küste Perus[88]; die Nadel zur Befestigung der Frauenkleider (Abb. 130) ist in ihrer Form typisch peruanisch, ebenso der silberne Haarauszieher, von dem ich indessen kein Exemplar habe. Die Festtracht des Mannes (Abb. 81) scheint mir ebenfalls peruanischen Schnitt zu haben. Möglicherweise hat sich jedoch der Einfluß von Peru unter den Chiriguanos erst nach der Eroberung der Hochebene durch die Spanier geltend gemacht.

Boman[89] hat nachgewiesen, daß die Chiriguanos, oder richtiger der Gúaranistamm, zu welchem diese Indianer gehören, sich früher viel weiter südwärts ausgedehnt haben als jetzt. Er hat dort die für sie so eigentümlichen Graburnen angetroffen.

Die materielle Kultur der Chanéindianer unterscheidet sich nicht sehr von der Kultur der Chiriguanos im allgemeinen. Die Chanés, die mehr abgesondert am Rio Parapiti wohnen, haben dagegen eine vollkommen selbständige Keramik, die wir bei den Chiriguanos nicht wiederfinden. Vergleichen wir im übrigen die Industrieerzeugnisse der Chanés und der Chiriguanos, so finden wir keine größeren Unterschiede, als wir sie in den verschiedenen Chiriguanodörfern auch finden.

Abb. 120. Serérepfeife. Chiriguano. ¼.

Sammelt man z. B. Tongefäße im Iguembetal und im Caipipendital, welche beide Täler von Chiriguanos bewohnt werden, so wird man unwillkürlich finden, daß die Keramik, obschon in Ornamentik und Form stark verwandt, doch auch lokal variiert. Über die individuellen Variationen habe ich schon gesprochen (S. 235).

Von den verschiedenen Industrien steht bei den Chiriguanos und Chanés besonders die Keramik hoch (s. die Abb.). Sie sind auch geschickte Weber und Verzierer von Kalebassen. Korbflechten kommt vor, jedoch meist im nördlichen Teil ihres Gebietes. Federarbeiten werden jetzt nicht mehr angefertigt. Von Caraguatábast werden nur Seile und Fischnetze, und am Rio Parapiti Hängematten und Tragnetze gemacht. Die für die Chacostämme so charakteristischen Taschen aus diesem Material werden niemals von den Chiriguanos und Chanés angefertigt, aber zuweilen durch Handel zwischen den Stämmen erworben.

Abb. 121. Tongefäß. Chiriguano. Caipipendital. ¼.

Bei den Chanés am Rio Itiyuro habe ich die Topfherstellung verfolgt. Der Ton wird gemahlen und mit zerstoßenen, gebrannten Krugscherben gemischt, damit das Gefäß nicht beim Brennen entzweigeht. Die Tongefäße werden auf gewöhnliche Indianerweise aus Rollen aufgebaut. Zum Glätten werden eine Muschelschale oder ein Maiskolben ohne Samen sowie ein schmales Bambusstäbchen angewendet. Der Maiskolben macht parallele, feine Ritzen.[90] Das Bambusstäbchen wird auch bei der Herstellung zum Abmessen benutzt, um richtige Verhältnisse zu bekommen. Hiernach wird das Gefäß einen Tag im Schatten getrocknet, bevor es gebrannt wird. In der Regel hat man nur ein oder ein paar Gefäße gleichzeitig in Arbeit.

Abb. 122. Brennen von Tongefäßen. Chané. Rio Itiyuro.

Die gröberen Gefäße sowie alle Kochgefäße werden nur mit Fingereindrücken und aufgelegten Tonschleifen ornamentiert. Die feineren Gefäße werden später bemalt (s. Taf. 19). Mit einem Pinsel aus Agutihaaren[91] werden die Ornamente in Weiß, Dunkelbraun und Schwarz bemalt. Die weiße Farbe ist eine Erdart (Kaolin), die anderen werden aus Schiefer und Sandstein zubereitet. Man malt freihändig und komponiert die Ornamente aus dem Gedächtnis und nicht nach Modellen. Holz, Maiskolben und Kuhexkremente werden um das Gefäß gehäuft. Das Brennmaterial wird angezündet und muß eine Viertelstunde oder, wenn das Gefäß groß ist, noch länger mit kräftigem Feuer brennen (Abb. 122).

Falls das Gefäß gemalt ist, wird es mit Harz, „taraviruti“, das von einer Mimosoidee gesammelt ist, und mit Harz von palo santo (s. S. 93) gefirnißt. Das erstere gibt einen gelblichen Glanz, das letztere sieht wie grünschwarze Glasur aus.

Fertigt man einen Topf an, so tauft man ihn, bevor er erkaltet ist, damit das Wasser in demselben schnell kocht.

In Maringays Dorf malte man einzelne Gefäße mit einer Mischung von Uruku oder einer anderen Farbe und einem Pflanzenfett. Wie dies letztere bereitet wird, habe ich nicht sehen können.

Die Chiriguano- und Chanéfrauen sind geschickte Weberinnen. Das Material für die indianischen Gewebe ist in der Regel Baumwolle und manchmal auch Schafwolle.

Da durch die Weißen große Massen Zeug eingeführt werden, verschwinden die einheimischen Gewebe immer mehr. So sah ich bei den Chanés im Itiyurotal keine Webstühle und einheimische Gewebe waren sehr selten.

In der Regel sind alle Gewebe dieser Indianer ohne Ornamente oder diese sind sehr einfach. Die Mädchen in den Missionen lernen von den Mönchen allerlei Blumen, wie Rosen, Veilchen usw. sticken. Dies machen sie ausgezeichnet. Merkwürdigerweise hören die Indianerinnen nach dem Verlassen der Nähschule auf, diese Ornamente anzuwenden. Es wäre richtiger, wenn die Missionare die Indianerkinder Ornamente lehrten, die sich deren Phantasieleben anschließen. Die Resultate ihrer Arbeit würden dann ganz andere sein.

Einige Chanéfrauen haben vor ein paar Generationen von einer Quichuafrau Ornamente weben gelernt, die man noch jetzt auf verschiedenen Chanégeweben sieht. Es waren stilisierte Tiere und Menschen. Die Pflanzenornamentik macht wenig Eindruck auf die Indianerinnen. Tier- und Menschenfiguren regen ihre Phantasie an und sie lehren sie ihren Kindern.

Abb. 123. Webstuhl. Chiriguano. Tihuïpa.

Die Chiriguano- und Chanémänner sind tüchtig im Verzieren von Kalebassen (Abb. 126), schnitzen hübsche Pfeifen (Abb. 120) und verstehen das Ledergerben, was sie wohl von den Weißen gelernt haben.

Von plastischen Darstellungen von Tieren und Menschenfiguren sieht man bei diesen Indianern nicht viel. Die Tongefäße haben manchmal Tierformen. Die Chanéfrauen am Rio Parapiti formten klumpige kleine Puppen aus Wachs für die Kinder (Abb. 105). Einige der Tongefäße sind mit Tierfiguren bemalt. Ein Gefäß vom Rio Itiyuro, das ich durch Tausch erworben habe, ist mit Baumfiguren geschmückt. Vereinzelt sieht man Tongefäße in Form von Früchten.

Menschen und Tiere darstellende Zeichnungen habe ich an den Wänden in einigen Chanéhütten und an einigen Chiriguanokalebassen aus dem Caipipendital gesehen.

Abb. 124. Sieb. Rio Parapiti. ⅛.
Abb. 125. Korb. Chiriguano. Caipipendi. ⅙.

Von Korbarbeiten sind die Siebe bei den Weißen so beliebt, daß sie durch den Handel weit über das Chiriguano- und Chanégebiet hinaus verbreitet werden. Im übrigen arbeiten die Chanés und Chiriguanos wenig Körbe. Massen von Korbarbeiten finden wir bei den Indianern erst, wo die paarblättrigen Palmen beginnen, und das ist bei Santa Cruz de la Sierra.

Wenn wir eine Sammlung von den Chiriguanos und Chanés anlegen, dürfen wir nicht vergessen, daß sie durch den Handel zwischen den Stämmen viele Sachen von den Matacos, Tobas, Chorotis und Tapietes erhalten haben, sonst bekommen wir eine unrichtige Vorstellung von dem großen Unterschied zwischen der materiellen Kultur der hier genannten Chacostämme und der Chiriguanos und Chanés.

Wenn wir die materielle Kultur der Chorotis und Chanés mit der hier ebenfalls beschriebenen der Chorotis und Ashluslays vergleichen, müssen wir u. a. an folgendes denken. Die Chiriguanos und Chanés machen Korbarbeiten — die Chorotis und Ashluslays niemals. Die ersteren verstehen es, die Tongefäße vor dem Brennen zu bemalen, was den letzteren unbekannt ist. Die Chiriguanos und Chanés arbeiten niemals Taschen aus Caraguatá usw. Vergleichen wir im übrigen sämtliche Arbeitserzeugnisse der Chanés und Chiriguanos mit denen der Chorotis und Ashluslays, so finden wir, daß die allermeisten vollständig verschieden sind. Die Herstellung gewisser Sachen, wie der Serére- (Abb. 120) und Huiramimbipfeifen (Abb. 36 und 80) haben die Chacoindianer wahrscheinlich von den Chiriguanos gelernt, dies ist aber verhältnismäßig unbedeutend.

Abb. 126. Verzierte Kalebaßschale. Chiriguano. Yacuiba. ⅕.

Wir sehen hier, wie zwei Kulturen hunderte Jahre lang nebeneinander existieren können, ohne zu verschmelzen.

Folgen wir dem Rio Pilcomayo nach den Gebirgen herunter, so treffen wir zuerst die Quichuakultur, dann kommen die Chiriguanos und Chanés und hierauf die chaquensische Kultur, die ganz gleichartig die Matacos, Tobas, Chorotis, Ashluslays sowie die Lenguas und andere Stämme im Chaco Paraguay umfaßt. Diese drei Kulturen sind vollständig verschieden.

[88] Serére kommen noch bei den Lenguas, Ashluslays, Chiriguanos, Chanés, Churápas und Yuracáres vor.

[89] Boman: Antiquités de la Région Andine. Tome 1–2. Paris 1908.

[90] Aus ähnlichen Ritzen an Tongefäßen, die man bei archäologischen Ausgrabungen findet, kann man sehen, daß die Hersteller der Tongefäße Mais gehabt haben. Dies habe ich z. B. an Tongefäßen von Ojo de Agua in Quebrada del Toro in Nordargentinien gesehen.

[91] Dasyprocta.