Fünfzehntes Kapitel.
Trinkgelage bei den Chanés und Chiriguanos.

Erzählt ein Chané oder Chiriguano eine Sage, so beginnt er sie oft so: „Vor langer Zeit war einmal ein großes Trinkgelage.“ Berichtet er von etwas, was passiert ist, von der Krankheit eines Verwandten oder dergleichen, so sagt er: „Es war vor oder nach dem Fest.“ Bei diesen Festen hört und sieht man auch das meiste, was von der alten Kultur dieser Indianer übriggeblieben ist. Da kommen die schönsten Tongefäße zum Vorschein, da sieht man Trachten aus früheren Zeiten, da werden die Steinschmucksachen aus den Schatztöpfen hervorgeholt.

Eine Hausmutter bei uns ist stolz, wenn sie ihren Gästen schöne Tischtücher und schönes Porzellan zeigen kann. So denken auch die Chané- und Chiriguanofrauen. Beim Feste will jede Frau, daß das Maisbier in ihrem Hause in schöneren Tongefäßen als denen der Nachbarinnen aufgetragen und in Kalebassen serviert wird, die eleganter geschmückt sind, als bei einem anderen.

Abb. 116. Chanémädchen stoßen Mais in einem Mörser. Rio Parapiti.

Deshalb beschäftigen die Frauen sich vor jedem Feste mit der Herstellung von Tongefäßen und die Männer mit der Verzierung der Kalebassen. In den Chané- und Chiriguanodörfern sieht man auch prächtige Sammlungen von Tongefäßen. Besonders einige Frauen verstehen es, diese mit ausgezeichneter Geschicklichkeit und Eleganz zu malen. Man sieht beinahe niemals drei Krüge, die sich vollständig gleichen. Jede sucht bei dem Feste mit etwas Originellem aufzutreten, etwas Neues und Hübsches zu malen. Was die lineare Ornamentik betrifft, so versteht man es, die alten Ornamente zu variieren, man versteht es aber nicht, oder will sich nicht von ihnen frei machen und neue Bahnen brechen. Die Indianerin ist in ihrer Kunst konservativ und vermag sich nur, wenn sie ihre Motive direkt aus der Natur nimmt und Tiere malt, von den Vorbildern aus der Zeit der Mutter oder Großmutter freizumachen. Keineswegs alle Frauen in den Dörfern sind Künstlerinnen. Es gibt solche, denen die Natur die Gabe der Kunst verliehen hat, und richtige Pfuscher. Wer kann Tongefäße so malen, wie die eine Frau des Chiriguanohäuptlings Maringay? Sie sind weitberühmt in den Tälern, und jeder versucht, ihre Werke durch Tausch zu erwerben. Nicht zum wenigsten ich habe ihre sichere und geschmackvolle Kunst bewundert. Die Frau des Chanéhäuptlings Vocapoy (Taf. 19) ist auch kein Stümper.

Wo die Indianer reich sind, d. h. große Maisernten haben, da ist die Keramik schön. Wo man arm und der Kampf ums Dasein hart ist, da hat man nicht viel Zeit zu künstlerischer Arbeit. Wenn die Kunst im Indianerheim gedeihen soll, muß Freude und Munterkeit herrschen.

Die jüngere Generation wird, fürchte ich, deutsches Porzellan und Emailgefäße vorziehen, und damit wird auch die Chiriguano- und Chanékunst zu dem vielen Schönen und Feinen gehören, das vor der brutalen Zivilisation des weißen Mannes verschwindet. In vielen Dörfern muß man schon in den Winkeln der Hütten herumkramen, wenn man mit sicherer Hand und natürlichem Geschmack gemalte Gefäße finden will. Das Schlimmste ist jedoch, daß die Weißen Gefallen an den Tongefäßen der Indianer zu finden beginnen. Dadurch entsteht Massenherstellung. Für die Weißen ist alles gut genug, da braucht es weder schön noch gut gearbeitet zu sein. Sie wünschen nicht das Geschmackvolle und Einfache, sondern das Grelle und Merkwürdige, „curiosidades“, wie der Kreole sagt. Vor diesem Merkwürdigen müssen sich unsere Museen hüten, denn das gibt eine unrichtige Vorstellung von dem rein Indianischen.

Die Frauen brauen das Bier zum Feste. Dieses soll aus Mais (am liebsten gelbem oder weißem) sein, und nur die armen Chanés am Rio Parapiti müssen sich oft mit Bier aus süßen Kartoffeln begnügen. Ist Algarrobo vorhanden, so wird auch aus dieser Frucht Bier gebraut. „Es ist gut und berauscht so schön“, sagen die Indianer.

Ist die Maisernte reich, so herrscht Freude in den Dörfern, dann ist Speise und Trank in jeder Hütte. Mißrät die Maisernte, dann ist keine Freude, die Magen sind leer und auf dem Festplatz ist es still. Sind die Scheunen voll Mais, dann ist der Indianer stolz und kümmert sich nicht um Weiße, Unterdrückung und Sorgen. Ist die Scheune leer, dann ist er untergeben und düster.

Abb. 117. Kochen des Maisbieres. Chané. Rio Itiyuro.

Nachdem die Frauen den Mais aus den Scheunen geholt und die Männer Holz und die Frauen Wasser herbeigeschleppt haben, beginnt das Brauen. Erst wird der Mais in großen Mörsern gestoßen. Nacht und Tag hört man, wie die fleißigen Frauen stoßen. Der gestoßene Mais wird gesiebt und dann in gewaltigen Tongefäßen mit Wasser gemischt und gekocht. Hierauf wird ein Teil herausgenommen, gekaut und ordentlich mit Speichel vermengt. Dies wird dann zu dem übrigen geschüttet und muß, nachdem es geseiht ist, in großen offenen Gefäßen bei schwacher Wärme gären. Mit großen Holzspaten (Abb. 118 a) oder mit geschafteten Schulterblättern (Abb. 118 b) rührt man in den Töpfen um. Es ist der Stolz jeder Frau, gutes Bier, „cangui“, und viel Bier zu brauen. Sie sind auch rastlos fleißig. Den ganzen Tag sieht man sie arbeiten, und auch des Nachts beschäftigen sie sich mit Kochen und Mahlen. Keine Familie darf sich der Zubereitung von Cangui entziehen.

Daß Speichel angewendet wird, erscheint vielleicht unsauber. Anfangs dachte ich dies auch, bald war ich aber so verhärtet, daß mir auf Indianerweise mit Speichelhefe zubereitetes Cangui besser schmeckte, als das von den Weißen auf zivilisiertere Weise gebraute.

Kenner, nicht allein Indianer, sollen derselben Ansicht sein wie ich. Wichtig ist jedoch, daß das Cangui kalt getrunken wird, lauwarm ist es ekelhaft. Wenn es lange gestanden hat, ist es etwas berauschend, jedoch nicht so stark wie das Algarrobobier.

Beim Canguitrinken geht es sehr zeremoniell zu. Vorn sitzen auf Bänken und Schemeln (Abb. 85) die Männer, und hinter ihnen, auf dem Boden, die Frauen. Die älteren Damen bekommen die besten Plätze. Die Wirtin bringt das Cangui in ihren feinsten Tongefäßen, „yambuy“, herein und stellt diese vor ihre Gäste (Abb. 77 u. 78). Wem ein Gefäß mit Cangui hingestellt wird, der muß servieren. Das gilt auch für die Häuptlinge. Sogar ich habe auf Indianergesellschaften serviert. Es ist nichts Ungewöhnliches, daß die Männer die Frauen bedienen und umgekehrt. Man füllt das Cangui in verzierte Kalebassen, die man der Reihe nach umherreicht. Jeder muß austrinken. Wer sich weigert, ist unhöflich und ungebildet. Sich selbst einzuschenken, ist nicht passend. Will man gegen den Servierenden höflich sein, so trinkt man erst seine Schale aus, füllt sie dann selbst und bietet sie jenem an. Trinkt man alles, wozu man eingeladen wird, dann ist man der Freund der Indianer. Weigert man sich, dann fassen die Indianer Mißtrauen zu einem. Ein alter Chané sagte auch einmal zu mir: „Du bist ein netter Christ, schon am Morgen trinkst du Maisbier mit uns.“ Wenn Moberg mit Beute beladen von der Jagd heimkehrte, drängten sich die jungen und hübschen Frauen um den glücklichen Jäger und bewillkommneten ihn mit einer Kalebasse Maisbier. Was waren die Mühseligkeiten der Jagd gegen die des Trinkens, denn die Frau, deren Schale er unberührt ließ, vergaß niemals den Schimpf. Wenn man Feinde hat, kann das Canguitrinken gefährlich sein, denn wer weiß, ob nicht jemand etwas von den eigenen Exkrementen oder Haaren in das Bier gelegt hat, so daß man verhext wird und stirbt. Dergleichen geschieht in diesen Dörfern.

Bei den Festen kommen oft Züge von Indianerhumor zum Vorschein. Ein Scherz ist z. B. zu tun, als ob man Cangui in einer umgestülpten Kalebasse herumreicht, ein anderer, einen zu bitten, auf einem unförmlichen Rohr Flöte zu blasen.

Abb. 118. Suppenspatel. Chiriguano.
A = Tihuipa. ⅛.
B = Caipipendi. ⅙.

Tanzmasken werden von den Chiriguanos und Chanés jetzt nur während des Karnevals, dem großen Zechfest der Christen, getragen. Diejenigen, die ich gesehen habe, hatten die Form von menschlichen Gesichtern (Abb. 119).

Sehr verschiedene Ansichten herrschen unter den Indianern, ob die Masken hier ursprünglich indianisch sind oder nicht. Vocapoy sagte, die Idee zu ihnen sei ursprünglich von den Weißen gekommen. Batirayu behauptete dagegen, als Knabe am Rio Parapiti bei den Chanés von den jetzigen verschiedene Masken gesehen zu haben, die bei ihren großen Festen benutzt wurden. Seiner Ansicht nach haben die Chanés Masken angewendet, bevor die Weißen ins Land gekommen sind. Man hatte damals auch Klappern aus Früchten um die Beine und Federschmuck aus Papageifedern auf dem Kopfe.

Die Chiriguanos und Chanés zerstören immer die Masken nach dem Karneval. Sie werden entweder verbrannt oder in den Fluß geworfen. Die Chanés nennen die Masken „añañya“.

Eigentümlich ist es, eine wie große Rolle der Karneval jetzt als Fest bei den Indianern spielt. Dies kommt sicher daher, daß die Weißen da Massen von Branntwein verteilten und daß die Indianer, die bei diesen arbeiten, dann einige Tage frei bekamen.

Zu den Festen kommen die Gäste oft aus weiter Ferne. Sie treten dort in ihren feinsten Kleidern und Schmucksachen, neu bemalt und fein gekämmt, auf. Die meisten alten Trachten und Schmucksachen sind jedoch schon verschwunden. Frauen in hausgewebten Kleidern mit Halsketten aus Chrysocol und Türkis sieht man jedoch noch. Das silberne Diadem und die silbernen Nadeln, die zur Festtracht gehören, habe ich indessen niemals im Gebrauch gesehen. Die blauen Trachten der Männer (Abb. 81) mit silbernem Brustschmuck sieht man oftmals in den Hütten bei den Alten verwahrt, zu den Festen werden sie aber nicht angewendet. Bei den Chanés im Itiyurotal habe ich die Indianer bei einem Canguifest tanzen sehen. Um einen „Yambuy“ mit Cangui standen einige der alten Männer zu zweien, ein eintöniges Lied singend und den Takt mit den Füßen schlagend. Die Frauen gingen langsam im Takt des Liedes außerhalb des Kreises der Männer auf und nieder.

Bei den Chanés und Chiriguanos verdrängt die Tracht des weißen Mannes alles Alte und Hübsche, und von meinen vielen alten Häuptlingsfreunden unter diesen Indianern verachtet nur allein Maringay die Lumpen der Weißen.

Der Branntwein dringt immer mehr bei diesen Indianern ein, und die zeremoniellen, gutmütigen Maisbierfeste verwandeln sich in rohe Trinkgelage.

Ich vergesse nie eine Nacht im Dorfe Vocapoys. Die Männer waren zu den Christen gegangen, um Branntwein zu trinken. Als sie zurück kamen, fielen harte Worte und die Messer kamen hervor. Der Branntwein hätte blutige Opfer gefordert, wenn die mutigen Frauen sich nicht mit Feuerbränden vom Maisbierkochen zwischen die streitenden Männer geworfen und sie, nachdem sie sie getrennt hatten, unter beruhigenden Schmeichelworten nach Hause gebracht hätten.

Abb. 119. Tanzmaske. Chiriguano. Yacuiba. ⅙.