So mahlt und mahlt die ewige Sündenmühle; dieselben Anklagen, dieselben Verteidigungen. Sisyphus, der seinen Stein rollt, die Danaïden, die mit ihrem Sieb schöpfen: wahrhaftig, scheinen nicht die Strafen ewige zu sein!
Als ich in meine Zelle zurückkehre, finde ich, dass die Uhr erst neun ist, und öffne die Bibel, um Aufklärung und Ruhe zu finden. Als ich aber in den Psalmen Davids zu den grauenhaften Flüchen komme, die er mit Gebeten auf seine Feinde herabruft, kann ich nicht länger dabei sein: ich habe nur einen Feind, das bin ich; die andern, die mich quälen, haben ein Recht dazu, und es ist immer zu meinem Besten gewesen, und ich habe eben gelernt, das man seinen Feinden verzeihen soll: die Theosophen haben mir sogar gesagt, dass das Gebet schwarze Magie ist, dass Böses über Feinde erbitten envoütment ist d. h. Verhexungen, die mit dem Scheiterhaufen bestraft wurden! Mein alter Freund Hiob tröstet mich nicht mehr, denn ich bin teils kein gerechter Mann, wie bekannt, teils finde ich seine Kritik über des Ewigen Handlungsweise ebenso gottlos wie meine aufrührerischen Reden und Gedanken.
Da werfe ich mich auf das Neue Testament und stosse auf Paulus, der gleich mir ein Saulus gewesen ist und mir deshalb viel zu sagen haben müsste. Gewisse meiner Fehler finde ich bei ihm wieder, aber nicht darum habe ich ihn aufgesucht; und ich verstehe noch nicht, wie man den Mut haben kann, Strafpredigten zu halten und zum Satan zu verurteilen, wenn man mit beiden Beinen im Sündenpfuhl steht. Sein Eifer macht ihn kindlich und deshalb momentan sympathisch, so, wenn er einen Korintherbrief mit dem Bekenntnis beginnt: "Ich, Paul, der Euch verächtlich scheint, wenn ich Euch nahe bin, aber der voll von Kühnheit ist, wenn ich weit von Euch bin." Ich kann auf die Worte dieses Mannes nicht lauschen, als seien sie von Gott gekommen, da er alle meine Schwächen hat, die ich mit seiner Hilfe fortarbeiten wollte. Wie soll ich die Demut bewahren, wenn mein Lehrer zwei lange Briefe voll Prahlerei über sich schreibt. "Ich erachte, dass ich in nichts den ausgezeichnetsten Aposteln unterlegen gewesen bin." Oder: "Niemand betrachte mich als einen Törichten; wenn doch, so habe Geduld mit meinem Unverstand, dass ich mich auch ein wenig rühme." Und dann zählt er seine Leiden auf (ganz wie ich, obwohl ich schliesslich eingesehen habe, dass meine Leiden wohl verdient waren). "Ich habe mehr des Tages Last getragen als die andern, mehr Wunden, mehr Gefängnis. Von den Juden habe ich fünfmal empfangen vierzig Streiche weniger eins; gestäupt dreimal; gesteinigt wurde ich einmal usw."
Da finde ich meine Schosssünden wieder und, was schlimmer ist, deren Verteidigung. "Ich bin töricht gewesen, da ich mich rühmte, aber Ihr habt mich dazu gezwungen, denn es stand Euch an, Gutes von mir zu reden, da ich, wie bekannt, in keinem Punkt den höchsten Aposteln unterlegen gewesen bin, wiewohl ich nichts bin." Die letzten Worte offenbaren das unsinnig Falsche in dieser gepriesenen Demut, mit welcher der Hochmut prahlt; und das entzündete in mir von neuem den Unwillen, den ich schon in meiner Jugend gegen diesen Propheten der Reiseprediger hegte, dessen Stil sie so gut nachzuahmen verstanden. Und ich verliess den Schüler, um vom Meister selbst Worte der Weisheit zu hören. Aber ich weiss nicht, welcher Dämon an diesem Abend, da ich allein und zerknirscht bin, die Blätter wendet, vielleicht das Gesicht verkehrt, so dass das Buch, das Antwort auf alles und Heilung für alles hat, mich nur täuscht und mir ins Angesicht schlägt. Als ich lese, wie Christus die Ehebrecherin freispricht, fühle ich die bodenlosen Zweifel wieder aufsteigen von den Toten. Es war 1872, als ich in meinem Jugenddrama "Meister Olof" den Reformator die Hure, Magdalena, mit ungefähr denselben Worten freisprechen liess. Was folgte darauf? Dieser Katarakt von Freisprechungen, und zwar von allen moralischen Verpflichtungen, der durch die Literatur über die Gesellschaft strömte und alles aufgelöst hat, Familie, Sitte, Ehre, Glauben. Und diese Befreiung, die auf edler Humanität fusste und Christi Gebot "richte nicht" gehorchte, die wird nun von "den Mächten" desavouiert, indem sie die Befreier mit Schrecken und neuen Plagen schlagen! Christi Nachfolger! Nein, nicht einmal die Bibel, nicht Christus, nicht Humanität——nichts.
Ich bin jetzt vollständig bankerott! Des Umgangs mit der Menschen beraubt, ohne zu wissen, warum; des Interesses für die Wissenschaften verlustig, die mich früher am Leben hielten durch das Grosse, das darin liegt, die Rätsel zu erfahren; dem Trost der Religion entzogen, weil sie Böses und Falsches lehrt, habe ich nur die leere Schale eines inhaltslosen Ichs vor mir. In meinem Stuhl sitzend, den Sternenhimmel durch das Gitter meiner Fensterluke betrachtend, denke ich an nichts, empfinde nichts, träume nichts. Fange schliesslich an neugierig zu werden, wie meine Stimme klingen wird, wenn ich sie wieder nach dreiwochenlangem Schweigen hören werde. Verlange so nach der Gesellschaft eines Menschen, dass ich die antipathischesten aufsuche könnte, die nur den Mund zu öffnen brauchen, um mich zu verletzen. Erwäge, ob diese Isolierung den Zweck haben soll, mich zu lehren, dass alle Menschen einander nötig haben, obwohl ich weiss, dass schlechte Gesellschaft zu meiden ist und dass manche Menschen eher meiner bedurft hätten, als ich ihrer. Als ich auf die Uhr sehe, ist es nicht weiter als halb zehn, und vor zehn wage ich nicht zu Bett zu gehen, weil die Nacht unruhig wird. Ich, der mein ganzes Leben darauf gewartet habe, dass das Gewünschte kommen werde, warte jetzt darauf, dass eine halbe Stunde verfliessen soll. Lesen kann ich nicht, denn wenn ich ein Buch öffne, glaube ich alles vorher zu wissen. Nichts interessiert mich, nichts erfreut mich, nichts schmerzt mich. Ich habe mehr als tausend Francs in der Tasche, aber sie sind ohne Wert, denn ich wünsche nichts. Früher und immer, wenn mir Geld fehlte, hatte ich vollauf an Wünschen: Bücher, Instrumente, Bezahlung von Schulden; und dieses Verlangen gab dem Leben Interesse, richtete den Willen auf die Zukunft, verankerte ohne zu vertäuen.
Schliesslich wird die Uhr zehn. Nach meiner gewöhnlichen Waschung gehe ich zu Bett und falle bald in Schlaf, müde bis zum Tod von lauter Beschäftigungslosigkeit und Langeweile.
Der folgende Tag ist gleich dem vorhergehenden bis sechs Uhr nachmittags. Da klopft es an meine Tür, und herein tritt der amerikanische Maler, den ich in meinem Buch "Inferno" mit Francis Schlatter identisch gemacht habe. Da wir ganz indifferent ohne Feindschaft oder Freundschaft geschieden sind, ist das Wiedersehen recht herzlich. Der Mann ist etwas verändert, merke ich. Er scheint mir körperlich kleiner zu sein, als ich ihn im Gedächtnis hatte; sein Ausdruck ist ernster, und ich kann ihn nicht dazu bringen, wie früher über die Plackereien des Lebens und über die ausgestandenen Leiden zu lächeln, die man so leicht trägt, wenn sie glücklich vorüber sind. Aber er behandelt mich auch mit einer auffallenden Achtung, die gegen die frühere Kameradschaftlichkeit absticht. Das Wiedersehen für mich wird eine Aufrüttelung, denn teils kann ich mit einem Menschen sprechen, der jedes Wort versteht, das ich sage, teils knüpfe ich an eine Periode meines Lebens an, in der ich mich auf das stärkste entwickelte, intensiv lebte, glaubte und wuchs. Ich fühle mich bald zwei Jahre jünger und bekomme Lust, eine halbe Nacht auf den Trottoiren beim Glas und gutem Gespräch zuzubringen. Als wir überein gekommen sind, in Montmartre zu Mittag zu essen, treten wird die Wanderung an. Der Lärm der Strasse dämpft etwas den Gang des Gespräches, und ich bemerke bei mir eine ungewöhnliche Schwierigkeit zu hören und aufzufassen.
Am Einlauf in die Avenue de l'Opéra ist der Volksstrom so stark, dass wir unaufhörlich von Begegnenden getrennt werden. Da trifft es sich auch, dass ein Mann, der eine Partie Watte trägt, meinen Kameraden so anstösst, dass er ganz weiss wird. Den Kopf voll von Swedenborgs Symbolik, suche ich im Gedächtnis, was das "bedeuten" soll, kann mich aber nur von der Graböffnung auf St. Helena erinnern, dass Napoleon aussah, als ob sein Körper von weissem Flaum umlaufen sei.
Auf der Rue de la Chaussée d'Antin bin ich schon so müde, dass wir beschliessen, eine Droschke zu nehmen. Da es Dinerzeit ist, ist die Strasse äusserst belebt, und als wir einige Minuten gefahren sind, steht der Wagen plötzlich still. Zugleich bekomme ich einen solchen Stoss in den Rücken, dass ich mich erhebe, fühle ein warmes feuchtes Schnaufen über meinem Nacken, und als ich mich umwende, habe ich die drei weissen Pferdeköpfe, einen Omnibus mit einem schreienden Kutscher vor mir. Das verstimmt mich, und ich frage mich, ob das eine Warnung sein soll.
Wir steigen an der Place Pigalle aus und dinieren. Hier finde ich Erinnerungen an meinen ersten Pariser Aufenthalt wieder, der in den siebziger Jahren stattfand; aber sie machen mich wehmütig, denn die Veränderungen sind gross. Mein Hotel an der Rou Douai ist nicht mehr. Der "Chat noir", der damals entstand, ist geschlossen, und Rudolphe Salis ist in diesem Jahr begraben. Das Café de l'Ermitage ist bloss eine Erinnerung, und das "Tambourin" hat Namen und Titel geändert. Die Freunde von damals sind tot, verheiratet, zerstreut, und die Schweden sind nach Montparnasse übergesiedelt. Da merke ich, dass ich alt geworden bin.
Das Diner wird nicht so lebhaft, wie ich erwartet habe. Der Wein ist von dieser schlechten Sorte, die verstimmt. Da ich nicht mehr daran gewöhnt bin, zu hören und zu sprechen, wird das Gespräch stockend und ermüdend. Die Hoffnung, die alte Stimmung beim Kaffee auf dem Trottoir wieder zu finden, verwirklicht sich nicht, und bald stellt sich dieses furchtbare Schweigen ein, das verkündet, dass man sich trennen möchte.
Lange kämpfen wir gegen die wachsende Verlegenheit, aber vergebens. Bereits um neun Uhr brechen wir auf, und meine Gemütsverfassung ahnend, geht der Kamerad seinen eigenen Weg, in dem er eine Zusammenkunft vorschützt. Allein, empfinde ich sofort eine unbeschreibliche Erleichterung; die Unlust hört auf, der Kopfschmerz verschwindet und es ist, als ob die Windungen im Gehirn und das Flechtwerk der Nerven mit denen eines andern verwickelt gewesen wären, aber jetzt anfingen sich zu entwirren. Wahrhaftig, die Einsamkeit hat mein Persönlichkeit so empfindsam gemacht, dass ich nicht den Kontakt des Fluidums eines Fremden ertrage. Ruhig, aber mit einer Illusion weniger, kehre ich nach Hause zurück, froh, wieder in meiner Zelle zu sein; aber glücklich darin, merke ich, dass das Zimmer sich unähnlich ist, nicht mehr dasselbe, dass eine Unlust sich dort häuslich niedergelassen hat. Möbel und Kleinigkeiten haben ihre Plätze behalten, machen aber einen fremden Eindruck: es ist jemand da gewesen und hat etwas hinterlassen. Ich fühle mich nicht wohl.
Am nächsten Tage merke ich bereits die Veränderung, und ich muss hinaus, um Gesellschaft zu suchen, finde aber keine. Am dritten Tage gehe ich nach Übereinkunft zu meinem Freund, dem Künstler, um seine Radierungen zu besehen. Er wohnt in Marais. Ich frage den Torhüter, ob er zu Hause ist. Ja, aber er sitzt unten im Café mit seiner Dame. Da ich seiner Dame nichts zu sagen hatte, gehe ich wieder.
Am folgenden Tage lenke ich die Schritte wieder nach Marais, und da der Mann zu Hause ist, beginne ich die sechs Treppen zu steigen. Als ich drei überwunden habe, die sich eng wie Turmtreppen in einer Röhre schlängeln, erwacht eine Erinnerung an einen Traum und eine Wirklichkeit. Der Traum, der oft wiederkehrt, handelt von einer solchen schraubenden, drängenden Treppe, in der ich krieche, bis ich ersticke, da sie immer enger wird. Das erste Mal kam mir mein Traum wieder im Turm zu Putbus, und ich kehrte sogleich nach unten zurück. Jetzt stehe ich hier, beklommen, keuchend, mit klopfendem Herzen, doch beschliesse ich zu steigen. Und ich schraube mich hinauf, komme ins Atelier und treffe den Freund mit seiner Dame. Als ich aber fünf Minuten gesessen habe, habe ich einen Schmerz tief im Kopfe und sage:
—Mein guter Freund, es sieht aus, als ob ich nicht mit Ihnen verkehren dürfte, denn Ihre Treppen töten mich. Ich habe jetzt den bestimmten Eindruck: steige ich noch einmal hier herauf, so sterbe ich.
—Aber Sie sind ja neulich den Montmartre und die Treppen zu Sacré-Coeur hinaufgestiegen.
—Ja, es ist wunderbar.
—Nun, wandte er ein, dann komme ich zu Ihnen, und wir essen abends zusammen.
Am Tage darauf essen wir wirklich zusammen und kommen in eine gute Stimmung, die man bei Tische sucht. Man behandelt einander mit Achtung, vermeidet es, Unannehmlichkeiten zu sagen, entdeckt Sympathien, stellt sich auf des andern Standpunkt und hat die Illusion, in allen Fragen einig zu sein. Nach dem Essen, da der Abend mild ist, setzen wir das Gespräch fort und ziehen über den Fluss auf die Boulevards, Trottoir und Tisch wechselnd, bis wir schliesslich die Höhe am Café du Cardinal erreicht haben. Da ist es Mitternacht, aber wir sind noch lange nicht müde, und nun beginnen diese wunderbaren Stunden, da die Seele sich aus ihrer Hülle löst und die Seelenkräfte, die zu Träumen gewandt werden sollten, in wachen und klaren Konzeptionen, geschärften Blicken in Vergangenheit und Zukunft verbraucht werden. Während dieser Nachtstunden ist es, als halte sich mein Geist über und ausserhalb meines Körpers, der wie ein für mich fremde Person dasitzt. Das Trinken ist Nebensache und nur dazu da, den Schlaf fern zu halten, vielleicht die Schleussen des Gedächtnisses zu öffnen, die mein ganzes grosses Lebensmaterial herauslassen, so dass ich in jedem Augenblick Tatsachen, Jahreszahlen, Szenen, Rede und Gegenrede daraus schöpfen kann. Das ist die Freude und das Machtgefühl des Rausches für mich, aber ein Okkultist, ein religiöser, hat mir auch gesagt, dass es Sünde sei, denn man nehme einen Vorschuss auf die Seligkeit, die gerade in der Befreiung der Seele von der Materie bestehe; deshalb werde auch dieser Übergriff mit den schrecklichen Qualen bestraft, die am andern Tage folgen und an die Unseligkeit erinnern sollen.
Man fängt an, uns mit Symptomen der Schliessung zu beunruhigen, und da ich noch nicht schliessen will, nenne ich das Wort Baratte, und mein Freund ist sofort bereit.
Café Baratte bei den Hallen hat für mich immer eine wunderbare Anziehungskraft gehabt, ohne dass ich weiss warum. Es kann die Nähe der Hallen sein, die zieht. Wenn es auf dem Boulevard Nacht ist, ist es bei den Hallen Morgen, wo es übrigens die ganze Nacht Morgen ist. Die triste Nacht mit ihrer erzwungenen Beschäftigungslosigkeit und ihren dunklen Träumen gibt es dort nicht. Der Geist, der sich an unmateriellen Welten berauscht hat, verlangt nach Essen und Schmutz, Laster und Lärm hinab. Auf mich wirkt dieser Geruch von Fisch, Fleisch, Gemüse, in deren Abfall man tritt, als ein herrlicher Kontrast gegen die hohen Themata, die man soeben behandelt hat. Das ist der Moder, aus dem wir geschaffen sind und täglich dreimal neugeschaffen werden; und wenn man von Halbdunkel, Schmutz und schäbigen Gestalten in das gemütliche Café tritt, wird man von Licht, Wärme, Gesang, Mandolinen und Gitarren begrüsst. Da sitzen Huren und ihresgleichen, doch zu dieser Stunde ist jeder Klassenunterschied ausgetilgt. Und hier sitzen Künstler, Studenten, Schriftsteller durcheinander, kneipen an langen Tischen und träumen wachend; oder haben sie den traurigen Schlaf geflohen, der vielleicht aufgehört hat sie zu besuchen? Es ist keine sprühende Freude, sondern eine stille Narkose ruht über dem ganzen; und für mich ist es, als trete ich in das Reich der Schatten, wo das gespensterhafte Leben nur halbe Wirklichkeit hat. Ich kenne einen Schriftsteller, der nachts dort zu sitzen und zu schreiben pflegte. Ich habe Fremde dort gesehen, die gekleidet waren, als kämen sie von einem glänzenden Souper aus dem Parc Monceau. Habe einen Mann aus dem Publikum mit dem Aussehen eines fremden Gesandten aufstehen und ein Solo singen sehen. Habe Leute, die verkleideten Prinzen und Prinzessinnen glichen, Champagner trinken sehen. Ich weiss jetzt nicht mehr, ob es wirkliche Sterbliche sind, alle diese Schatten, oder ob es "Astralleiber" Schlafender sind, die sich draussen befinden und die Schlaftrunkenen, die da sitzen, halluzinieren. Das Merkwürdige ist, dass kein grober Ton die Gesellschaft beherrscht, die in das enge Lokal gepfercht ist: die Schwermut der Schlaflosigkeit dämpft und gibt allem, was geschieht, eine gewisse melancholische Farbe. Die Lieder der Sänger sind meist sentimental, und die melancholische Gitarre heilt die Nadelstiche, mit denen die scharfe stahlsaitige Mandoline die Gehirnmuskeln sticht....
Gerade jetzt erinnere ich mich einer Nacht vor zwei Jahren, als ich mit demselben Freunde hier im Café war. Wir hatten über die verborgenen Fähigkeiten der Seele gesprochen, und ich leugnete aus manchen Gründen die Rolle des Grosshirns als Gedankenmaschine. "Es ist ja ein Darm oder eine Drüse, das können Sie doch sehen!"—"Glauben Sie das nicht! Kommen Sie, wir wollen vor die Tür gehen und uns eins kaufen!"—Wir gingen in die Hallen hinunter und verlangten ein Gehirn. Man wies uns durch Korridore und Gewölbe in einen Keller. Schliesslich befanden wir uns in einem Saal, der mit blutigen Körpern und Eingeweiden dekoriert war. Wir wateten durch Blut und gelangten an den Raum für Gehirne. Blutige Männer mit blutigen Keulen und Stemmeisen schlugen abgehauene Tierköpfe so, dass der Schädel brach und das Gehirn herausflog. Wir kauften eins und gingen hinauf ans Licht, aber die grausige Szenerie folgte uns bis zum Tisch des Cafés, wo die vermeintliche Gedankenmaschine demonstriert wurde.
Jetzt in der Nacht, nach meiner langen Einsamkeitskur, fühle ich mich wohl unter der Menschenmenge, es strömt Wärme und Sympathie von ihr aus. Zum ersten Mal seit langem werde ich von einem sentimentalen Mitleid mit diesen unglücklichen Weibern der Nacht er fasst. Und neben unserm Tisch sitzen ein halbes Dutzend allein, niedergeschlagen, ohne etwas Bestelltes vor sich zu haben. Sie sind fast alle hässlich, verschmäht, und wahrscheinlich ausser stande, sich etwas zu bestellen. Ich schlage meinem Freund, der ebenso uninteressierte Absichten hat wie ich, vor, zwei einzuladen, von den hässlichsten, die neben uns sitzen. Angenommen! Und ich lade zwei ein, indem ich frage, ob sie etwas trinken wollen, und, hinzufüge: aber ohne irgend welche Illusionen sonst, und vor allem anständig.
Sie scheinen ihre Rolle zu verstehen und bitten zuerst um Essen. Der Freund und ich setzen unser philosophisches Gespräch auf Deutsch fort, dann und wann ein Wort an unsere Damen richtend, die nicht anspruchsvoll sind und mehr auf Essen erpicht scheinen als auf Aufwartung.
Einen Augenblick trifft mich der Gedanke: Wenn ein Bekannter dich jetzt sähe? Ja, dann weiss ich, was er sagen würde, und ich weiss auch, was ich antworten würde.—Ihr habt mich aus der Gesellschaft verstossen, mich zur Einsamkeit verurteilt, und ich bin genötigt, die Gesellschaft von Menschen zu kaufen, von Parias, hinausgeworfen wie ich, hungrig wie ich gewesen bin. Meine einfache Freude ist, diese Verschmähten prahlen zu sehen mit einer Eroberung, die keine ist, sie essen und trinken zu sehen, ihre Stimmen zu hören, die doch die von Frauen gewesen sind.... Und die ich in keiner Form bezahlt habe, nicht einmal damit, dass ich als Zugabe Moral gebe.
Ich empfinde nur ein Wohlbehagen, mit menschlichen Wesen zusammen zu sitzen und vom Überfluss des Augenblicks geben zu können, des Augenblicks, denn in einem Monat kann ich so arm sein wie sie....
Es ist Morgen geworden; die Uhr zeigt fünf, und wir gehen; aber da fordert meine Dame fünfzehn Francs dafür, dass sie mir Gesellschaft geleistet hat; was ich von ihrem Gesichtspunkt aus erklärlich finde; denn meine Gesellschaft ist wertlos ebenso wie mein Schutz ihrer Polizei gegenüber. Dass das meine Selbstachtung erhöhen wird, glaube ich nicht, eher das Gegenteil.
Doch wandere ich nach Haus mit gutem Gewissen, nach einer wohlverbrachten Nacht, schlafe bis zehn Uhr, erwache ausgeruht und verbringe den Tag mit Arbeit und Betrachtungen. Aber die Nacht darauf bekam ich einen Anfall der schrecklichen Art, wie sie Swedenborg in seinen "Träumen" schildert. Das war also die Strafe. Wofür? "Dass er isst und trinkt mit Huren und Zöllnern, während Johannes in die Wüste ging...." Mit Huren weil er keine andere Gesellschaft findet.... Ich verstehe nichts mehr; hatte geglaubt, es sei eine neue Lektion in der Lebensart, ich solle lernen, dass alle Menschen gleich gut seien; und hatte mir wirklich einen Augenblick eingebildet, meine Rolle im Nachtcafé sei mehr die des Menschenfreundes als des Ausschweifers gewesen, mindestens aber moralisch indifferent.
Die folgenden Tage bin ich sehr beklommen, und eines Abends sah ich einer Schreckensnacht entgegen. Um neun Uhr hatte ich Ciceros "Natura Deorum" vor mir und wurde so eingenommen von Aristoteles' Ansicht, die Götter kennten unsere Welt nicht und würden sich verunreinigen, wenn sie sich mit diesem Schmutz befassten, dass ich sie abzuschreiben beschloss. Dabei merke ich, dass Blut auf der oberen Seite der rechten Hand ausgebrochen ist, ohne irgend welche Ursache. Und als ich das Blut abtrocknete, fand sich kein Zeichen einer Schramme. Doch ich entschlug mich des Gedankens und ging zu Bett. Um halb eins erwachte ich mit dem voll ausgebildeten Symptom, das ich den elektrischen Gürtel genannt habe. Ungeachtet ich dessen Natur und innere Bedeutung kenne, werde ich sogleich gezwungen, die Ursache ausser mir zu suchen; denke, nun sind sie hier! Sie! Wer? Nahm mich dann zusammen und zündete die Lampe an. Da die Bibel daneben lag, beschloss ich sie um Rat zu fragen, und siehe, sie antwortete:
"Ich werde dich verstehend machen, und ich werde dir den Weg zeigen, den du gehen musst, und mein Auge wird dir folgen. Sie nicht wie ein Pferd oder Maultier, das da mit Zaum und Trense gerissen werden muss, um zu Gehorsam gebracht zu werden!"
Das war Bescheid und ich schlafe wieder, ruhig, dass es nicht böse Menschen sind, sondern eine wohlwollende Macht, die zu mir spricht, wenn auch etwas undeutlich.
Nachdem ich mich mit einigen Tagen Einsamkeit beruhigt hatte, ging ich eines Abends wieder aus, mit dem Amerikaner und einem jungen Franzosen, der meine Manuskripte berichtigt. Es wurde etwas langwierig, und ich kam kurz vor Mitternacht nach Haus, mit schlechtem Gewissen, weil ich, in eine hitzige Konversation hineingezogen, genötigt gewesen war, von einem Abwesenden Böses zu sagen. Was ich sagte, war eine Selbstverteidigung gegen einen Lügner und zwar volle Wahrheit. Um zwei Uhr erwachte ich und hörte einen Menschen im Zimmer über mir poltern; dann, wie er die Treppen hinunter in das Zimmer, das neben meinem liegt hineinging. Also dasselbe Manöver wie im Hotel Orfila. Bin ich denn bewacht? Denn wer besetzt sonst zwei Zimmer in dem Hotel, wo ich wohne, eins über mir, eins an meiner Seite? Dieselbe Geschichte hatte sich ja im September hier im Hotel wiederholt, als ich drei Treppen hoch wohnte. Es kann kein Zufall sein. Wenn nun, was wahrscheinlich ist, mein unsichtbarer Mentor mich strafen will, wie raffiniert ist es, mich in Ungewissheit zu halten, ob es Menschen sind, die mich verfolgen oder nicht. Obwohl ich volle Gewissheit gehabt habe, dass niemand mich verfolgt, so muss ich gleichwohl in den alten Gedankenkreis, dass es jemand tut, gepeinigt werden. Und als die Frage, wer ist es, aufsteigt, beginnt der Reigen von Vermutungen, bis mein Gewissen ihn aufhält. Das klagt mich an auch da, wo ich nur in reiner Selbstverteidigung gehandelt habe, indem ich ungerechte Beschuldigungen von mir abschüttele. Ich glaube mit dem Rücken an einen Pfahl gebunden zu sein, alle Vorbeigehenden haben das Recht, mich ungestraft anzuspucken, wenn ich aber wieder sie spucke, werde ich gestäupt, erstickt, von Furien gejagt. Die ganze Welt, auch der geringste Elende, hat mir gegenüber recht! Wenn ich nur wüsste warum! Die ganze Taktik erinnert so an Frauen, dass ich meinen Argwohn nicht lassen kann. Wenn nämlich eine Frau jahrelang einem Manne Schaden und Unrecht getan hat, ohne dass er aus angeborenem Edelmut die Hand zur Gegenwehr erhob, und er schliesslich um sich schlägt, wie man eine Fliege wegjagt, das macht sie ein Geschrei, ruft die Polizei und lamentiert: "Er verteidigt sich!" Oder wenn in der Schule ein unvernünftiger Lehrer einen unschuldig angeklagten Schüler überfällt, und dieser sich aus gekränktem Rechtsgefühl zu verteidigen sucht, was tut das der Lehrer? Er geht zur Körperstrafe über, indem er ausruft: "So, du antwortest."
Ich habe geantwortet und darum werde ich gepeinigt! Und die Pein geht nun acht Tage lang jede Nacht vor sich. Die Folgen davon sind, dass ich meine gute Laune verliere, und dass der Verkehr mit mir eine Plage wird. Mein Freund der Amerikaner ermüdet, zieht sich langsam zurück, und als er einen Haushalt zu Hause etabliert hat, befinde ich mich wieder allein. Aber es ist nicht ausschliesslich ein gegenseitiger Überdruss, der uns zum zweiten Mal getrennt hat; wir haben nämlich beide bemerkt, dass während unsers letzten Zusammenseins wunderliche Dinge geschehen sind; die können nur dem Einschreiten bewusster Mächte zugeschrieben werden, welche die Absicht gehabt haben, unsern Überdruss zu wecken. Dieser Mann, der fast nichts von meinem früheren Leben weiss, schien das letzte Mal die Absicht gehabt zu haben, mich an allen empfindlichen Punkten zu verletzen; es war, als habe er die geheimsten meiner Gedanken und Absichten gekannt, die doch nur ich kenne. Und als ich ihm diese meine Beobachtung sagte, ging ihm ein Licht auf.
—Ist das nicht der Böse! rief er aus. Ich ahnte, dass es etwas war, denn Sie konnten an dem Abend nicht den Mund öffnen, ohne mich auf das tiefste zu kränken, aber ich sah in Ihrem ruhigen Gesicht und dem freundlichen Ausdruck, dass Sie nichts Böses im Sinn hatten.
Wir versuchten zu trotzen. Aber drei Tage hinter einander ging er den langen Weg zu mir vergebens. Ich war nicht da, und auch nicht in meinem gewöhnlichen Restaurant, nirgends!
Und so schliess sich die Einsamkeit wieder um mich wie ein dichtes Dunkel. Es geht auf Weihnachten und das Entbehren von Heim und Familie bedrückt mich. Das ganze Leben wird widrig und ich beginne wieder ganz folgerichtig nach dem zu blicken, was von oben ist. Kaufe "Christi Nachfolge" und lese.
Es ist nicht das erste Mal, dass dieses wunderbare Buch mich trifft, aber dieses mal findet es den Boden bereitet. Lebend zu sterben von der Welt der verächtlichen, langweiligen, schmutzigen, das ist das Thema. Und der unbekannte Verfasser hat die ungewöhnliche Eigenschaft, nicht zu predigen oder zu strafen, sondern er spricht freundlich, überzeugend, logisch bindend und lockend. Er gibt unsern Leiden die Farbe, als seien sie nicht Strafen, sondern Prüfungen, und damit weckt er den Ehrgeiz, sie gut bestehen zu können.
Nun habe ich Jesus wieder, dieses Mal nicht Christus, und er schleicht sich bei mir ein, langsam aber sicher, als ob er auf Sammetsandalen komme. Und die Weihnachtsausstellungen auf der Rue Bonaparte helfen dazu. Da ist das Christuskind in der Krippe, das Jesuskind mit Königsmantel und Krone, das Kind auf dem Arm der Jungfrau, das Kind spielend, liegend, am Kreuz! Gut das Kind! Das verstehe ich. Der Gott, der so lange die Klagen der Menschen über das Elend des Erdenlebens gehört hat, dass er schliesslich beschloss niederzusteigen, sich geboren werden zu lassen und zu leben, um zu prüfen wie schwer es ist, sich mit einem Menschenleben zu schleppen. Den begreife ich.
Am Morgen eines Sonnabends ging ich an der Kirche St-Germain L'Auxerrois vorbei. Dieses Gebäude hat immer eine starke Ausstrahlung auf mich ausgebt, weil es so intim aussieht; die Vorhalle mit ihren Malereien ladet ein, und die Masse sind so klein, dass man nicht erdrückt wird oder verschwindet. In der Tür begegne ich Halbdämmerung und Orgelspiel, farbigen Bildern und Kerzen. Immer wenn ich in eine katholische Kirche trete, bleibe ich an der Tür stehen und fühle mich verlegen, unruhig, ausgestossen. Wenn der riesengrosse Schweizer sich mit seiner Hellebarde nähert, bekomme ich ein schlechtes Gewissen und meine, er will mich als Ketzer hinaus treiben. Hier in Saint-Germain L'Auxerrois fühle ich eine Angst, denn das Gedächtnis sagt mir, dass es in diesem Turm war, wo in der Bartholomäusnacht die Glocke ohne bekannte Ursache um zwei Uhr zu läuten anfing. (Um zwei Uhr nachts!) Heute beunruhigt mich meine Stellung als Hugenotte mehr als sonst, denn vor einigen Monaten las ich im Osservatore Romano einen Glückwunsch, den die katholische Priesterschaft an die Judenverfolger in Russland und Ungarn richtete, und einen hochgestimmten Vergleich mit den grossen Tagen, die auf die Bartholomäusnacht folgten und die der Verfasser bald zurückwünschte.
Die Orgel, unsichtbar, spielt Töne, Harmonien, die ich noch nie gehört habe, die mir aber vorkommen wie Erinnerungen; Erinnerungen an die Zeiten der Vorfahren oder an noch entferntere Tage. Wo hat der Komponist die her bekommen? frage ich mich immer, wenn ich grosse Musik höre. Aus der Natur und dem Leben nicht, denn hier gibt es keine Vorbilder, wie in den andern Künsten. Da habe ich keinen andern Ausweg, als mir seine Musik wie eine Erinnerung an einen Zustand zu denken, nach dem sich jeder Mensch in seinen besten Augenblicken zurücksehnt; und im Gefühl des Vermissens selbst muss ja ein dunkles Bewusstsein von etwas Vermissten liegen, das man früher besessen hat.
Sechs Lichter sind am Altar angezündet: der Priester in Weiss, Rot und Gold spricht nicht, aber seine Hand flattert, mit den graziösen Bewegungen eines Schmetterlings über einem Buch. Hinten treten zwei weissgekleidete Kinder vor und beugen die Knie. Es läutet eine kleine Glocke. Der Priester wäscht sich die Hände und bereitet eine Handlung, die mir unbekannt ist. Es geschieht etwas Seltsames, Schönes, Hohes da vorn in der Ferne zwischen Gold, Rauch und Licht ... ich verstehe nichts, aber fühle eine unerklärliche Ehrfurcht und ein unerklärliches Beben, und ein Gefühl schlägt in mich nieder; das hast du schon erlebt und mitgelebt....
Dann aber kommt das Schamgefühl des Heiden, des Ausgestossenen, der hier nicht zum Hause gehört. Und dann steht die ganze Wahrheit klar da: der Protestant hat keine Religion, denn der Protestantismus ist Freidenkertum, Empörung, Sonderung, Dogmatik, Theologie, Ketzerei. Und der Protestant ist in den Bann getan. Es ist der Bann, der Fluch, der über uns ruht und uns unbefriedigt, trist, irrend macht. Und in diesem Augenblick fühle ich den Bann, und ich verstehe warum der Sieger bei Lützen "in seinem Werke fiel" und warum seine eigene Tochter ihn dementierte; verstehe warum das protestantische Deutschland verheert wurde, während Österreich unberührt blieb. Und was wurde für uns gewonnen? Die Freiheit, ausgestossen zu sein, die Freiheit, uns zu sondern und abzusondern, um als konfessionslos zu enden.
Wogend bewegt sich die Gemeinde zu den Türen hinaus, und einsam bleibe ich zurück, indem ich, wie ich glaube, deren missbilligende Blicke ertrage. Es ist dunkel an der Tür, wo ich stehe, aber ich sehe, wie alle das Wasser im Weihkessel berühren und sich bekreuzigen, ehe sie hinausgehen; und da ich gerade davorstehe, sieht es aus, als ob sich alle vor mir bekreuzigen, und ich weiss, was das bedeutet, seit ich in Österreich Leute, die mir auf der Landstrasse entgegenkamen, das Kreuz vor dem Protestanten, der ich war, schlugen.
Als ich schliesslich allein bleibe, nähere ich mich dem Weihwasserbecken aus Neugier oder einem andern Grunde. Es ist aus gelbem Marmor in Form einer Muschelschale, und darüber ist ein Kinderkopf ... mit Flügeln hinten. Und das Gesicht des Kindes ist lebend, von einem Ausdruck verklärt, den man nur bei guten, schönen, wohlerzogenen Dreijährigen sieht. Der Mund steht offen, und die Mundwinkel halten ein Lächeln zurück. Die grossen herrlichen Augen sind niedergeschlagen, und man sieht, wie sich der kleine Schelm im Wasser spiegelt, aber unter dem Schutz der Augenlider, als sei er sich bewusst, etwas Ungesetzliches zu tun, ohne jedoch vor dem Strafer bange zu sein, den er, wie er weiss, mit einem einzigen Blick entwaffnen kann. Das ist das Kind, das noch das Gepräge von unserm fernen Ursprung trägt, einen Schimmer vom Übermenschen, das dem Himmel angehört. Man kann also im Himmel lächeln, und nicht nur das Kreuz tragen! Wie oft in den Augenblicken meiner Selbstanklage, wenn die ewigen Strafen wie objektive Wirklichkeiten vor mir stehen, habe ich nicht diese Frage aufgestellt, die mancher unehrerbietig finden wird: Kann Gott lächeln? lächeln zu der Torheit und dem Übermut der Menschenameisen? Kann er das, dann kann er auch verzeihen.
Das Kindergesicht lächelt mir zu und sieht mich durch das Augenlid an, und der geöffnete Mund sagt neckend: Versuch es, das Wasser ist nicht gefährlich!
Und ich berühre mit zwei Fingern das geweihte Wasser, es geht ein Kräuseln über die Fläche wie—ich glaube, es war im Teiche Bethseda—und nun führe ich den Finger von der Stirn nach dem Herzen und dann von links nach rechts, wie ich es meine Tochter habe tun sehen. Aber im nächsten Augenblick bin ich heraus aus der Kirche—denn der Kleine lachte, und ich—schämte mich, will ich nicht sagen, aber ich wünschte am liebsten, niemand hätte es gesehen.
Draussen an der Kirchentür steht ein Anschlag über etwas, und daraus werde ich belehrt, dass heute Advent ist! Draussen vor der Kirche sitzt in der schrecklichen Kälte eine Alte und schläft. Ich lege leise eine Silbermünze in ihren Schoss, ohne dass sie es merkt, und obwohl ich gern ihr Erwachen gesehen hätte, gehe ich. Welche billige und solide Freude, die Zwischenhand der Vorsehung bei der Erhöhung einer Bitte zu spielen, und einmal geben zu dürfen, wenn man so lange empfangen hat.
Jetzt lese ich "L'Imitation" und Chateaubriand, "Le Génie du Christianisme". Ich habe das Kreuz auf mich genommen und trage eine Medaille, die ich auf Sacre-Coeur in Montmartre bekommen habe. Aber das Kreuz für mich ist das Symbol der geduldig ertragenen Leiden, nicht das Wahrzeichen, dass Christus an meiner Stelle gelitten hat, denn das muss ich schon selbst besorgen. Ich habe sogar eine Theorie aufgestellt: da wir Ungläubigen nicht mehr von Christus sprechen hören wollten, überliess er uns uns selbst, eine satisfactio vicaria hörte auf, und wir mussten uns allein mit unserm Elend und unserm Schuldgefühl schleppen. Swedenborg sagt ausdrücklich, dass Christi Leiden am Kreuz nicht sein Versöhnungswerk war, sondern eine Prüfung, die der Gott sich auferlegt hatte, weniger die eines Schmerzes als die einer Schmach.
Gleichzeitig mit "Christi Nachfolge" bekomme ich Schwedenborgs "Vera Religio Christiana" in die Hand, in zwei starken Bänden. Mit seiner Allmacht, die jedem Widerstand trotzt, schleppt er mich in seine Riesenmühle und fängt an mich zu mahlen. Zuerst lege ich das Buch fort und sage: Das ist nicht für mich. Aber ich nehme es wieder, denn es ist so viel darin, was mit meinen Beobachtungen und Erlebnissen stimmt und so viel weltliche Weisheit, die mich interessiert. Zum zweiten Mal werfe ich es weg; bekomme aber keine Ruhe, ehe ich es wieder vorgenommen habe, und das Schreckliche der Situation ist, wenn ich lese erhalte ich den bestimmten Eindruck: das ist die Wahrheit, aber ich kann nie dahin kommen! Nie! denn ich will nicht.—Dann fange ich an, mich zu empören und sage mir: er hat sich getäuscht, und dies ist der Geist der Lüge. Dann aber kommt die Furcht, dass ich mich geirrt habe.
Was finde ich denn hier, das das lebendige Wort sein soll? Ich finde die ganze Ordnung der Gnade und die ewige Hölle: die Kindheitserinnerungen an die Hölle der Kindheit mit ihrem ewigen Unfrieden! Aber nun habe ich den Kopf in die Schlinge eingesteckt, und ich bin gefangen. Den ganzen Tag, die halbe Nacht spielen meine Gedanken um dieses eine: ich bin verdammt, denn ich kann unter anderm das Wort Jesu nicht aussprechen, ohne Christus hinzuzufügen, der nach Swedenborg das Schibboleth sein soll, das die Teufel verrät.
Nun habe ich den ganzen Abgrund in mir, und der milde Christus in "L'Imitation" ist der Dämon geworden, der Peiniger! Ich fühle lebhaft, wenn dieses sich weiter entwickelt, werde ich Pietist, aber das will ich nicht! Will nicht!
Drei Tage sind vergangen, seit ich Swedenborg fortgelegt habe, aber eines Abends, als ich mich mit Pflanzenphysiologie beschäftige, erinnere ich mich, etwas besonders Sinnreiches über die Stellung der Pflanze in der Schöpfungskette gerade in "Vera Religio Christiana" gesehen zu haben. Vorsichtig beginne ich nach der berühmten Stelle zu suchen, finde sie aber nicht; dagegen finde ich alles andere: Die Berufung, die Erleuchtung, die Heiligung, die Bekehrung, und wie ich die Blätter wende und die Seiten zu überfliegen suche, bleibt das Auge auf den grausigsten Stellen haften, die stechen und brennen. Zweimal suche ich die beiden Bände durch, aber das Gesuchte ist verschwunden. Es ist ein verzaubertes Buch, und ich möchte es verbrennen, wage es aber nicht, weil die Nacht bevorsteht und die Uhr zwei werden kann.... Ich fühle, wie ich Heuchler werde, und ich habe in mir beschlossen, morgen, wenn ich nur diese Nacht in Frieden schlafen darf, einen Kampf gegen diesen Seelenverderber aufzunehmen; ich werde seine eigenen Schwächen mit dem Mikroskop besichtigen, ich werde seine Stacheln aus dem Herzen ausreissen, wenn es auch dabei zerrissen werden sollte, und ich will vergessen, dass er mich von dem einen Irrenhaus gerettet hat—um mich in das andere zu bringen!
Nachdem ich die Nacht geschlafen habe, obwohl ich erwartet habe, erschlagen zu werden, ging ich am folgenden Morgen ans Werk, nicht ohne Skrupel, denn die Waffen zu ergreifen gegen einen Freund, ist die betrübendste von allen Unternehmungen. Aber es muss geschehen; es handelt sich um meine unsterbliche Seele, ob sie vernichtet werden soll oder nicht.
So lange Swedenborg in "Arcana" und der "Apokalypse" sich an Offenbarungen, Prophezeiungen, Auslegungen hielt, da machte er mich religiös, aber wenn er in "Vera Religio" anfängt über die Dogmen zu räsonieren, dann ist er Freidenker, Protestant, und zieht er blank mit der Vernunft, dann hat er die Waffen selbst gewählt, und schlechte Waffen. Ich will die Religion haben als eine stille Begleitung zu der eintönigen Alltagsmelodie des Lebens, aber hier handelt es sich um Berufsreligion, Kathederdisputation, also um Machtkampf.
Ich hatte schon beim Lesen von "Apokalypsis revelata" eine Stelle gefunden, die mich abstiess, weil sie eine menschliche Eitelkeit verriet, die ich bei einem Gottesmann nicht sehen möchte. Aber ich ging aus Rücksicht daran vorbei, jedoch nicht ohne sie zu notieren. Im Himmel trifft Swedenborg einen englischen König und beklagt sich ihm gegenüber, dass englische Zeitschriften es nicht geruht hätten, seine Schriften anzukündigen. Swedenborg drückte seinen Verdruss besonders über einige Bischöfe und Lords aus, die seine Schriften angenommen, aber ihnen keine Aufmerksamkeit geschenkt hätten. Der König (Georg II.) war erstaunt und wandte sich zu den Unwürdigen, indem er sagte: "Gehet eure Wege! Wehe dem, der so gefühllos bleiben kann, wenn er etwas vom Himmel und dem ewigen Leben hört." Hier will ich als mir unsympathisch anmerken, dass sowohl Dante wie Swedenborg ihre Feinde und Freunde in die Hölle schicken, während sie selbst die Höhen besteigen. Darf ich mir wie Paulus ein kleines Selbstlob erlauben, so ist der Augenblick gekommen, daran zu erinnern, dass ich mich im Gegensatz zu den hohen Meistern allein mitten in die Gluthaufen des Inferno gesetzt habe und die andern wenigstens über mich ins Fegefeuer.
In "Vera Religio" ist die Sache noch unangenehmer, denn dort trifft man Calvin in einem Bordell, weil er gelehrt hat, dass der Glaube alles ist und die Werke nichts (vgl. den Räuber am Kreuz!). Luther und Melanchthon, ungeachtet ihres Protestantismus, sind rohem Hohn und albernen Possen ausgesetzt.... Nein, es regt mich auf, diese Flecke in dem Bilde eines erhabenen Geistes aufzusuchen. Und ich hoffe, es ist Swedenborg in seiner geistigen Entwicklung ergangen, wie es nach seinen Worten Luther ergangen sein soll: "Als dieser in die Geisterwelt eintrat, machte er starke Propaganda für seine Dogmen, aber weil diese nicht im innersten Wesen seines Geistes eingewurzelt, sondern nur von Kindheit an eingesogen waren, ging ihm bald eine grössere Klarheit auf, so dass er schliesslich des neuen Himmelsglaubens teilhaftig wurde."
Ist mein Lehrer zornig, dass ich dies geschrieben habe? Ich kann es nicht glauben; vielleicht teilt er meine Meinungen jetzt, und hat erfahren, dass dort oben nicht Theologie disputiert wird. So wie er das Leben in der Geisterwelt geschildert hat, mit Kathedern und Auditorien, Opponenten und Respondenten, hat er mich zu der lästerlichen Frage verleitet: Ist Gott Theolog?
Ich hatte nun Swedenborg eingeschlossen, von ihm Abschied genommen, mit Dankbarkeit, als von dem, der mich, wenn auch mit Schreckbildern, wie ein Kind zu Gott zurück gescheucht hat. Und siehe, der Schwarze Christus plagt mich nicht mehr mit Unseligkeit, sondern der Weisse, das Kind das lächeln und spielen kann, nähert sich mit dem Advent; damit findet sich ein gewisser froherer Blick aufs Leben ein, so lange ich nämlich wache über meine Handlungen, Worte und sogar Gedanken, die, wie es scheint, nicht geheim gehalten werden können vor dem unbekannten Schutzengel und Strafengel, der mir überall folgt.
Rätselhafte Begebenheiten treffen immer noch ein, aber nicht mehr so drohend wie früher. Swedenborgs Christentum habe ich verlassen, wie es hasserfüllt, rachgierig, kleinlich, sklavisch war, aber ich behalte "L'Imitation" mit gewissen Vorbehalten, und eine stille Kompromissreligion ist auf diesen unseligen Zustand gefolgt, der das Suchen nach Jesus begleitet. Ich sitze eines Abends und diniere mit einem jungen französischen Poeten, der soeben "Inferno" gelesen hat und vom okkultistischen Gesichtspunkt aus Erklärungen suchen will für die ausgestandenen Attacken, denen ich ausgesetzt war.
—Haben Sie keinen Talisman? fragte er. Sie müssen einen Talisman haben.
—Ich habe "L'Imitation"! antwortete ich. Er sah mich an, und ich nahm, etwas verlegen, da ich eben desertiert war meine Uhr hervor, um mich mit etwas zu beschäftigen zu können. Im selben Augenblick fiel die Medaille von Sacré-Coeur mit dem Christusbild von der Kette. Ich wurde noch verlegener, sagte aber nichts.
Wir standen bald auf und gingen nach einem Café beim Châtelet, um ein Glas Bier zu trinken. Der Saal ist geräumig, und wir nahmen an einem Tisch, der Tür gegenüber, Platz. Dort sassen wir eine Weile, und das Gespräch drehte sich um Christus und seine Bedeutung.
—Er hat sicher nicht für uns gelitten, sagte ich, denn hätte er das, würden sich unsere Leiden ja vermindert haben. Aber das haben sie nicht getan, sondern sind noch ebenso intensiv.
Jetzt macht ein Kellner Lärm, und mit einem Besen und Sägespänen fängt er an den Boden zwischen uns und der Tür zu fegen, wo kein Mensch hingetreten hat, seit wir gekommen sind. Auf dem weissen Parkettboden sieht man einen Kranz von roten Tropfen; und während der Kellner kehrt, murmelt er und betrachtet uns mit scheelen Augen als die Schuldigen. Ich frage meinen Begleiter, was es ist.
—Es ist etwas Rotes.
—Dann haben wir es getan, denn niemand hat den Platz nach uns betreten, und als wir eintraten, war er rein.
—Nein, antwortete der Kamerad, wir haben es nicht getan, denn es ist keine Fussspur, sondern als habe jemand geblutet; und wir bluten ja nicht.
Das war unheimlich, und auch unangenehm, weil unsere Personen sich die Aufmerksamkeit der andern Gäste auf unangenehme störende Weise zuzogen.
Der Poet las meine Gedanken, doch er hatte nicht das Abenteuer mit der Medaille gesehen. Deshalb, und um mein Herz zu erleichtern, schloss ich:
—Christus verfolgt mich.
Er antwortete nicht, obwohl er gerne eine natürliche Erklärung gesucht hätte, die er nicht finden konnte.
Ehe ich meinen Freund, den Amerikaner verlasse, den ich zum Versuch mit dem Therapeuten Francis Schlatter identifiziert habe, muss ich einige Züge erzählen, die den Argwohn bestärken, dass dieser Mann einen "double" hatte.
Als ich die Bekanntschaft mit ihm jetzt wieder anknüpfte, sagte ich ihm alle meine Meinungen rund heraus, und zeigte ihm das Heft der Revue Spirite, in dem der Artikel "mein Freund H—" stand. Er schien unschlüssig, aber mehr skeptisch.
Nach einigen Tagen, als er zum Diner kam, war er ganz verwirrt, und er erzählte mit einer gewissen Bewegung, seine Geliebte sei verschwunden, ohne Abschied genommen zu haben und ohne eine Nachricht zu hinterlassen.
Sie blieb einige Tage fort und kam dann wieder. Als er ein Verhör anstellte, bekannte sie schliesslich, sie fürchte sich vor ihrem Herrn, dem sie den Haushalt führte. Nach weiteren Fragen erfuhr er: als sie in der Nacht aufwachte, während er schlief, war sein Gesicht kalkweiss und unkennlich; was sie auf unbeschreibliche Weise erschreckte.
Übrigens wagte er sich nie vor Mitternacht zu legen, denn dann wurde er geplagt, als sei er auf einen Bratspiess aufgespiesst, der ihn drehte und drehte, bis er das Bett verlassen musste.
Als er "Inferno" gelesen hatte, sagte er:
—Sie haben nicht Verfolgungsmanie gehabt, sondern Sie sind verfolgt worden, jedoch nicht von Menschen.
Von meinen erzählten Erfahrungen geweckt, begann er in seiner Erinnerung zu suchen und brachte unerklärliche Begebenheiten aus seinem Leben der letzten Jahre hervor. So gab es einen gewissen Fleck auf dem Pont Saint-Michel; auf dem wurde er durch ein Ziehen in einem Bein zurückgehalten, und das zwang ihn, stehen zu bleiben. Das kehrte regelmässig wieder, und er hatte die Sache von Freunden bezeugen lassen. Er hatte auch einige andere Eigentümlichkeiten bemerkt und hatte "bestraft" zu sagen gelernt.
—Wenn ich raucht, werde ich bestraft, und wenn ich Absinth trinke, werde ich bestraft. Eines Abends, als wir uns getroffen hatten, aber die Mittagsstunde noch nicht gekommen war, gingen wir in das Café de la Fregate an der Rue du Bac. In lebhaftem Gespräch nahmen wir den ersten besten Platz und verlangten Absinth. Das Gespräch ging weiter, aber mitten darin stockte mein Kamerad, sah sich um und rief aus:
—Haben Sie eine solche Sammlung Banditen gesehen? Das sind ja alles Verbrechertypen. Und als ich mich umsah, wurde ich bestürzt, denn es war nicht das gewöhnliche Publikum des Ortes, sondern eine Schar zusammengerafften Gesindels, von denen die meisten verkleidet aussahen und Grimassen schnitten. Aus Mangel an Platz hatte mein Kamerad als Lehne eine Eisensäule bekommen, die wie aus seinem Rücken aufstieg und in der Höhe seines Halses einen Wulst wie ein Halsband bildete.
—Und Sie sitzen am Schandpfahl! rief ich aus.
Alle schienen uns jetzt zu betrachten; wir wurden unlustig, beklommen und standen auf, ohne auszutrinken.
Das war das letzte Mal, dass ich mit dem Kameraden Absinth trank. Doch ich machte einen späteren Versuch allein, aber ich erneuerte ihn nicht. Meinen Genossen zum Diner erwartend, setzte ich mich auf das Trottoir am Boulevard Saint-Germain Cluny gegenüber und bestellte einen Absinth. Sofort langten drei Figuren an, ich weiss nicht von wo, und stellten sich vor mich. Zwei Kerle mit zerrissenen Kleidern und mit Schmutz bespritzt, als ob sie aus den Kloaken gezogen wären, und neben ihnen ein Weib, barhäuptig mit struppigem Haar, mit Spuren von Schönheit, berauscht, schmutzig; und alle betrachteten mich mit höhnischen Blicken, frech, cynisch, als ob sie mich kennten und erwarteten, an meinen Tisch geladen zu werden. Ich habe nie solche Typen in Paris oder Berlin gesehen, vielleicht nur an der Mündung von London Bridge, wo das Publikum wirklich ein okkultes Aussehen hat. Ich denke meine Zuschauer zu ermüden und zünde Zigaretten an, aber es gelingt nicht. Da trifft mich der Gedanke: das sind nicht "richtige" Menschen, das sind Halbvisionen; ich erinnere mich an meine früheren Abenteuer von der Brasserie des Lilas und stehe auf—seitdem habe ich nicht mehr gewagt Absinth anzurühren.
Eins scheint mir sicher zu sein unter all meinem Schwanken, und das ist, dass ein Unsichtbarer Hand an meine Erziehung gelegt hat, denn es ist nicht die Logik der Begebenheiten, die hier spielt. Es ist nämlich nicht logisch, dass Schornsteinbrand ausbricht, oder sonst nicht vorhandene Gestalten vortreten, wen ich Absinth trinke; gewöhnliche Schicksalslogik wäre ja, dass ich krank würde. Logisch ist auch nicht, dass ich in der Nacht aus dem Bett genommen werden, wenn ich am Tage von einem Menschen etwas Böses gesagt habe. Aber es verrät sich in allen diesen Handlungen eine bewusste, denkende, allwissende Absicht mit gutem Endzweck, der zu gehorchen mir gleichwohl so schwer wird, hauptsächlich weil ich so schlechte Erfahrungen über Güte und Uneigennützigkeit von Absichten gemacht habe. Es hat sich indessen ein ganzes Signalsystem ausgebildet, das ich zu verstehen anfange, und dessen Richtigkeit ich geprüft habe.
So habe ich mich sechs Wochen lang nicht mit Chemie beschäftigt, und das Zimmer war nicht durch Hausrauch belästigt. Eines Morgens nahm ich zur Probe meine Goldapparate hervor und richtete die Bäder an. Sofort füllte sich das Zimmer mit Rauch; er stieg vom Boden auf, hinter dem Kaminspiegel, überall. Als ich den Wirt rief, erklärte er das unbegreiflich, weil es Steinkohlenrauch sei und man Steinkohlen im ganzen Hause nicht benutze. Also soll ich mich nicht mit Goldmacherei beschäftigen!
Die Holzharmonika, die ich oben erwähnt habe, bedeutet Frieden, das habe ich gemerkt, denn wenn sie fort ist, entsteht Unruhe.
Eine wimmernde Kinderstimme, die man oft im Schornsteinrohr hört, und die nicht natürlich erklärt werden kann, bedeutet: Du sollst fleissig sein; und daneben: Du sollst dieses Buch schreiben und dich nicht mit anderen Dingen beschäftigen.
Wenn ich in Gedanken, Worten oder Schrift aufrührerisch bin oder mich ungebührlichen Stoffen nähere, höre ich einen groben Basston wie aus einer Orgel oder aus dem Rüssel eines Elefanten, wenn er trompetet und böse ist.
Zwei Beweise, dass dieses nicht subjektive Wahrnehmungen bei mir sind, will ich anführen.
Wir dinierten am Bastilleplatz, der Amerikaner, der französische Poet und ich. Das Gespräch hatte sich einige Stunden um Kunst und Literatur gedreht, als beim Dessert der Amerikaner in das Junggesellenbereich hinüber glitt. Sofort hörte man in der Wand das Trompeten des Elefanten. Ich tat so, als höre ich nichts, aber meine Begleiter gaben darauf acht und wechselten unter einer gewissen Verstimmung den Gesprächsstoff.
Ein anderes Mal frühstückte ich mit einem Schweden, und in einem ganz andern Lokal. Er sprach gleichfalls gegen Ende des Desserts, über Huysmans "Là bas" und wollte die schwarze Messe schildern. Im selben Augenblick trompetet es, aber dieses Mal mitten im Saale, der menschenleer war.
—Was war das? unterbrach er sich.
Ich antwortete nicht; und er setzte die unheimliche Schilderung fort.
Es trompetet noch einmal, und zwar so heftig, dass der Erzähler stecken blieb, erst ein Weinglas umgoss und dann die ganze Sahnenkanne über seine Kleider leerte. Jetzt liess er das Thema fallen, das mich quälte.
Nachschrift.
Wie der Leser wahrscheinlich durchschaut hat, ist diese zweite Abteilung "Jacob Ringt" ein Versuch, in sinnbildlicher Schilderung den religiösen Kampf des Verfassers zu zeichnen, und als solcher misslungen. Deshalb ist er ein Fragment geblieben und hat sich wie alle religiösen Krisen in ein Chaos aufgelöst. Daraus scheint hervorzugehen, dass das Forschen in den Geheimnissen der Vorsehung wie alles Himmelstürmende mit Verwirrung getroffen wird, und dass jeder Versuch, auf dem Weg des Räsonnements sich der Religion zu nähern, zu Absurditäten führt. Die Ursache ist wohl, dass die Religion wie die Wissenschaften mit Axiomen beginnt, welche die Eigenschaft haben, nicht bewiesen werden zu brauchen, und nicht bewiesen werden können; wenn man doch die selbstverständlichen notwendigen Voraussetzungen zu beweisen sucht, gerät man ins Sinnlose hinein.
Als der Verfasser 1894 prinzipiell seine Skepsis verliess, die alles intellektuelle Leben zu verwüsten gedroht hatte, und sich experimentierend auf den Standpunkt eines Gläubigen zustellen begann, erschloss sich ihm das neue Seelenleben, das in "Inferno" und diesen "Legenden" geschildert ist. Im Lauf der Sache, als der Verfasser allen Widerstand eingestellt hatte, sah er sich von Einflüssen, Kräften überfallen, die ihn in Stücke zu zerreisen drohten; und auf dem Weg zu ertrinken, griff er schliesslich nach einigen leichteren Gegenständen, die ihn schwimmend erhalten konnten; aber auch diese begannen zu weichen, und es war nur eine Frage der Zeit, wann er zu grunde gehen würde. In solchen Augenblicken wird der Strohhalm für das Auge des Erschreckten zu einem Baumstamm, und dann hebt der hervorgezwungene Glaube den Gesunkenen aus der Woge, so dass er auf dem Wasser gehen kann. Credo quia absurdum, ich glaube, weil das Ungereimte, das aus dem Räsonnement hervorgegangen ist, mich aufklärt, dass ich dabei war, eine Axiom zu beweisen. Und damit ist die Anknüpfung zu dem obigen gemacht.
Ein französischer Schriftsteller schrieb in den 80er Jahren ein Buch gegen die Jesuiten, und in diesem Buch fand ich neulich diesen Satz: "Im Jahr 1867 sagte ich in einem Revueartikel "Der providentielle Atheismus" voraus, dass Gott sich jetzt verbergen werde, um die Menschen zu zwingen, ihn desto eifriger aufzusuchen."
Im Jahr 1867! Das ist wie zu Haus bei uns, wo um dieses Jahr alle religiöse Erörterung unter den Gebildeten aufhörte und Gott aus der Literatur verschwand. Wenn er nun wieder kommt, sind wir nicht sicher, dass er derselbe ist wie früher, wenn er wie alles andere wächst und sich entwickelt. Ist er auch strenger geworden, muss er doch den Agnostikern und den Forschern in dem Verborgenen verzeihen, dass sie ihn nicht fanden, weil er fort war oder nicht empfing.
Lund, 23. April 1898.
Der Verfasser.
Inferno.
1. Die Hand des Unsichtbaren
2. Der heilige Ludwig
3. Die Versuchungen des Teufels
4. Das wiedergefundene Paradies
5. Der Fall und das verlorene Paradies
6. Das Fegefeuer
7. Auszug aus meinem Tagebuch, 1896
8. Die Hölle
9. Beatrice
10. Swedenborg
11. Tagebuch eines Verdammten
12. Der Ewige hat gesprochen
13. Die entfesselte Hölle
14. Wallfahrt und Sühne
15. Der Erlöser
16. Trübsal
17. Wohin gehen wir?
Legenden.
Erster Teil
1. Der besessene Teufelsbeschwörer
2. Die Trostlosigkeit breitet sich aus
3. Erziehung
4. Wunder
5. Meines kleingläubigen Freundes Drangsale
6. Allerlei
7. Strahlung und Ausdehnung der Seele
8. Studien in Swedenborg
9. Canossa
10. Der Geist des Widerspruchs
11. Auszug aus meinem Tagebuch, 1897
12. In Paris
Zweiter Teil
JAKOB RINGT