The Project Gutenberg eBook of Jedermanns Hundebuch
Title: Jedermanns Hundebuch
Pflege, Erziehung und Dressur des Haushundes
Author: Ernst von Otto-Kreckwitz
Release date: September 25, 2022 [eBook #69045]
Most recently updated: October 19, 2024
Language: German
Original publication: Germany: Verlagsbuchhandlung Paul Perey, 1924
Credits: Dieter Doggendorf
Jedermanns
Hundebuch.
Pflege, Erziehung und
Dressur des Haushundes.
Von
E. von Otto,
Bensheim.
Dem Hunde, wenn er gut gezogen,
Wird selbst ein weiser Mann gewogen.
Goethe.
Mit 12 Abbildungen auf Tafeln
Berlin
Verlagsbuchhandlung Paul Perey
Verlag für Landwirdschaft, Gartenbau und Forstwesen
SW.11, Hedemannstraße 10 u. 11
1924.
Alle Rechte, auch das der Übersetzung, verbehalten.
Vorwort.
Das Schicksal jedes Lebewesens, auch des Menschen und der Pflanze, wird durch das Zusammenwirken seiner erblichen Veranlagung mit den Einflüssen der Umwelt bestimmt. Welcher von den Ursachengruppen die größere Bedeutung zukommt, das ist von Fall zu Fall verschieden. Mehr als das Schicksal irgend eines anderen Tieres bestimmt der Mensch das ganze Sein und Werden des Haushundes, dessen Umwelt er schafft, dessen Wachsen und Ausbildung er leitet, dessen Uranlagen die Züchtungstechnik durch sorgfältige Auswahl von erblichen Anlagen beeinflußt. Der erste Schritt zur Einwirkung ist, daß sich der Hundebesitzer seiner Stellung, Aufgaben und Mittel gegenüber dem ihm überlieferten Hund bewußt ist. Mit viel Tierliebe und freundlichen Absichten, aber herzlich wenig oder ohne alles Verständnis wird meist der erste Hund angeschafft. Es existiert eine größere Anzahl von Lehr- und Dressurbüchern für die Ausbildung von Polizei-, Kriminal- und Jagdgebrauchshunden, aber bis jetzt kein einziges, das für Leien und Anfänger den ganzen Werde- und Lebensgang des Haushundes, den der Skandinavier bezeichnend Selskabshund (Gesellschaftshund) nennt und wir früher als Luxushund zu klassifizieren pflegten, von „Wiege bis zum Grabe” erläuterte. Alles, was wir vom Hund fordern und ihn lehren wollen, soll dessen Verstehen angepaßt sein, und wir müssen es verstehen, ihm das begreiflich zu machen. Im Sein, Bewußtsein und Selbstbewußtsein stuft sich die Dreiheit der Psychologie, d. h. der Lehre von den seelischen Vorgängen und Zuständen. Dreifach ist daher auch die Tätigkeit, die wir dem Hund von frühester Jugend an zuwenden. Dem Welpen, der nur von Daseinstrieben geleitet ist, wenden wir eine liebevolle Pflege zu. Blind und ohne Gehör kommt er zur Welt. Jeder an ihn herantretende Reiz, zuerst die Abkühlung der Außentemperatur in Abwesenheit der Mutter, Durst, die ersten Lichtstrahlen, wenn sich das Lid am neunten Tage öffnet, sogar lebhafte Geräusche werden mit Unbehagen oder Schmerz empfunden, mit Winseln quittiert. Ganz allmählich gewöhnen wir ihn an äußere Einflüsse, an die Reize der Umwelt, die später zu Lebensbedürfnissen werden. Der sorgenden Mutter entwöhnt, beginnt das Sein des Junghundes in das Bewußtsein überzugehen, er erlebt sich selbst und entdeckt die Umwelt. Jetzt hat die Erziehung einzusetzen, die das noch wenig Muskeltrieb und Widerstand entgegensetzende, werdende Wesen umsichtig zu dem leitet, was es einmal werden soll, was ihm schon von früher Jugend im eindrucksfähigsten Alter in Fleisch und Blut übergehen muß, z. B. bedingungsloser Gehorsam. Hat der Junghund mit vollendetem Zahnwechsel, der Rüde, der allein gegebene Liebhaberhund, mit beginnender Geschlechtsreife, das spielerische Wesen abgelegt, so erwacht im Jährling das Selbstbewusstsein; er schafft sich jetzt selbst eine Stellung zur Umwelt, zum Herrn, zu andren Tieren, zum Heim und allem, was um ihn lebt, im Guten oder Bösen, wenn und soweit wir es nicht schon vorher durch seine Erziehung und Gewöhnung verstanden haben, sein ganzes Empfindungsleben so einzustellen, wie es für seine zukünftige Stellung als Haushund nützlich und erforderlich ist.
Wir beschäftigen uns also beim Welpen vorwiegend mit dessen Körper, beim Junghund mit dessen Empfinden, beim Jährling mit dessen Willen. So arbeitet unsere liebevolle Sorge, für den unbewußten Willen des Welpen, die kluge Erziehung richtet es so ein, daß sie mit dem Willen des Junghundes parallel zu laufen scheint, die konsequente Dressur fordert vom Jährling, was mit dessen Neigungen und Wünschen weniger oder nicht im Einklang steht, richtet sich gegen seinen Willen. Die scharfe Dressur und Strafe beugen oder brechen den mißratenen Bruder des Selbstbewußtseins, den Eigensinn. Dieser dreifachen Altersstufe des Welpen, Junghund und Jährlings und unserer dreifachen Tätigkeit Pflege, Erziehung, Dressur trägt die Einteilung dieses Buches in drei Abschnitte Rechnung. Jedes Kapitel ist logisch dem vorhergehenden angefügt, die Reihenfolge und Fortschritte sind zu beachten. Nur ein rationell auf- und wohlerzogener Hund gewährt dem Besitzer Genugtuung und Freude, ist unsren Nachbarn keine anstößige Erscheinung, sondern ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft. Die Haltung eines Hundes legt uns Pflichten und auch Verantwortung gegenüber dem Tier, wie Rücksichten auf unsre Mitmenschen auf. In diesem Sinne möchten wir dieses Buch aufgefaßt und beachtet wissen; es ist dem Hunde zu Liebe geschrieben, um für ihn Verständnis und neue Freunde zu gewinnen.
Bensheim (Hessen), im Mai 1924.
E. v. Otto.
1885—1914 Herausgeber von
„Hundesport und Jagd”.
Inhalt.
I. Teil.
Die Verpflegung und erste Anleitung.
1. Kapitel.
Trächtigkeit. Geburt und Pflege
des Welpen bis zur Abgewöhnung
von der Mutter.
Der Züchter, der einen lebenskräftigen Wurf erzielen und sich eine gesunde, die Welpen gut und reichlich ernährende Mutter erhalten will, muß schon kurz nach dem Belegen mit rationeller Behandlung und Fütterung einsetzen, damit die tragende Hündin nicht gezwungen wird, ihr eigenes Blut-, Kalk- und Fleischreservoir im Körper anzugreifen und zu erschöpfen. Sie muß in der kurzen Zeit von 9 Wochen eine Körpermasse bilden, die bis 1⁄7 ihrer eigenen beträgt. Innerhalb der ersten 14 Tage der Tragzeit läßt man einen Futterwechsel noch nicht eintreten, nur den Bedarf an phosphorsaurem Kalk verabreicht man ganz allmählich steigernd zunächst auf natürlichstem Wege durch Knochengaben. Weiche, nicht ausgekochte Kalbsknochen verdienen vor allem den Vorzug. Nach 14 Tagen, ist es schon angezeigt, ein Futter von besserer Qualität zu verabreichen, ohne die Masse zu vermehren, weil Darm und Magen ohnehin durch die ausgedehnte Gebärmutter bedrängt werden. Je schneller die Mutter unter lebhaftem Fungieren aller Organe als Grundzug jeder Fruchtbarkeit das Futter umsetzt, desto bester; jeder von den 63 Tagen der Tragzeit ist wertvoll. Luft, Sonne, Bewegung, Hautpflege, Abwechslung im Futter, Spaziergänge und freundliche Ansprache, kurz alles, was das Wohlbehagen fördert, sind unsere Mittel. Von der vierten Woche wird der Auslauf verringert; Hetzen, Hochsprung, Massage der Hinterhand bei Bearbeitung mit dem Haarhandschuh, fallen weg. Sobald die Hündin sichtbar trägt, was man am besten über ihr stehend von oben feststellt, erhält sie ihr Futter in mehreren Rationen (3—4 täglich) und vermehrt in Menge. Je verdaulicher zubereitet und gehaltvoller, desto vollkommener wird sie Welpen aufzubauen vermögen; sie braucht dazu Eiweiß, Kalksalze, leimgebende Substanzen, und das alles muß erst von ihr auf dem Wege der Verdauung ihrem Blute zugeführt werden, um durch das Blut wiederum in die Gebärmutter zu gelangen und den Fötus (Leibesfrucht) zu ernähren. Statt einer Futtermenge von etwa 900—1000 g gemischter Kost (Fleisch, Knochen und Vegetabilien) im Verhältnis 1—3 für Bernhardiner, Dogge, 8—600 für Jagd- und Schäferhunde, 200 für Teckel, Foxterrier, je trocken gewogen, gibt man jetzt etwa 1250, 900, 300 g im Mischungsverhältnis 2:3 von Fleisch und Vegetabilien. Fett (z. B. in Fettgrieben), das auch junge Hunde schlecht vertragen, reicht man sparsam; von viel Milch ist jetzt abzuraten, da selbst die beste 87% Wasser enthält. Besteht Verdacht, daß eine Hündin mit Würmern behaftet ist, so soll eine Wurmkur (siehe Kap. 4) spätestens in der 5. Woche vorgenommen werden; eine spätere Gewaltkur gegen Bandwurm führt häufig zum Verwerfen. Ungeziefer (Flöhe) ist als Blutentzieher nicht zu dulden. Schon in den letzten Wochen, nicht erst Tagen oder Stunden, wenn die Hündin bereits unruhig geworden und vor dem Werfen steht, ist das Wurflager herzurichten. Für harte größte Rassen genügt eine gegen Zugluft abgeschlossene Hütte im Freien oder im Schuppen, im Haus die sogenannte Wohnkiste mit etwas erhöhtem Einschlupf und abdeckbaren Deckel, für kleinere Schläge eine flache Kiste, deren Seitenwände grade hoch genug sind, das Herausfallen der Welpen zu verhindern, für kleinste ein flacher Korb. Als Einstreu trockenes Heu, kurzes Stroh, nie Holzwolle, noch alte Decken, die durch Fruchtwasser durchnäßt werden würden. Außerdem scharrt jede Hündin die Streu beim Werfen beiseite und legt die Welpen auf den blanken Boden, der deshalb nicht kalter Stein sein soll. An dieses Lager, das ruhig, etwas dunkel und geschützt stehen soll, gewöhnt man die Hündin schon einige Zeit vor der Fälligkeit des Wurfes (62.—63. Tag). Der Wurfakt geht meist nachts völlig glatt vor sich; der Laie vermeide jede, noch so wohlgemeinte Hilfe. Die Hündin beißt die Nabelschnur selbst durch, frißt diese, sowie die Nachgeburt, leckt die Welpen sauber und trocken. Zwischen den Pausen kann man ihr, wenn sie ersichtlich erhitzt ist und lechzt, etwas Trinkwasser hinhalten. Ist sie ruhig, so unterbleibt alles für mehrere Stunden. Dann erst läßt man die Hündin zur nötigen Entleerung ins Freie führen; inzwischen hat man schon eine Waschlösung (Eimer) vorbereitet mit warmem Wasser, in das etwa 50 g Septoform geschüttet wird, um den Boden zu reinigen. Die Welpen liegen einstweilen warm zugedeckt in einem Korb. Die der Mutter zu belassenden, bei Erstlingswurf höchstens 3—4, bei späteren bis 5, legt man der Hündin sofort bei Rückkehr unter. Die zu tötenden sind inzwischen weit entfernt worden, so daß die Mutter ihr Winseln nicht hören kann. Man tötet sie durch kräftiges Aufwerfen auf den Steinboden; der Sturz hat sie schon betäubt, ehe sie den Boden erreichen. Die kräftigsten Rüden läßt man leben; Hündinnen nur, wenn sie von Züchtern bestellt sind, niemals, um sie an Laien zu verschenken, da sie nur in Hände von Fachleuten gehören.
Für die säugende Hündin ist ein allmählicher Futterwechsel nötig, plötzlicher führt zu Verdauungsbeschwerden, die auf die Milch übergreifen. In den ersten Tagen gibt man vorwiegend Milchsuppen mit Hafer-, Gerstenflocken oder Mehlsuppen. Wie während der Tragzeit darf Kalk nicht fehlen, man fügt am einfachsten zu jeder Mahlzeit einen Eßlöffel Kalziumlösung, die man sich durch Auflösen, von 100 g Chlorkalzium in 1⁄2 l Wasser bereitet hat. Auch Phosphor ist nötig; er vermehrt und verbessert die Milch, und wird in Form von Phosphorlebertran verabreicht. Innerhalb der ersten Tage werden Afterklauen mit desinfizierter Schere (Eintauchen in schwache Septoformlösung) abgeschnitten und die kleine Wundstelle mit blutstillender Watte kurze Zeit geschlossen. Bis spätestens zum 8. Tage läßt man die Ruten von Terriers, Dobermannpinscher, Schnauzer, Zwergpinscher, Toyspaniel, Pudel, Rottweiler, Griffons, deutschen Vorstehhunden usw. kürzen, die Ohren erst mit 8—12 Wochen. Die Wurfkiste oder Hütte wird fleißig gelüftet, der Boden öfter mit Septoformlösung (aromatisch riechendes Desinfektionsmittel) gewaschen, das Lager beständig erneuert, so daß Blutsauger, wie Flöhe und Läuse, die zudem Überträger von Bandwurm sind, nicht aufkommen. Die Reinigung der Welpen besorgt die Mutter, die auch durch Lecken des Unterleibs die Kleinen zur Entleerung veranlaßt. Hat sie die Nabelwunde durch Übereifer entzündet, so mildert man mit Borsalbe. Bis zum 9. bis 10. Tage hören und sehen die Welpen noch nicht; dann öffnen sich Ohr und Lid, und es ist Zeit sie allmählich an Licht zu gewöhnen. Auch an Temperaturunterschiede, indem die Mutter zeitweilig ausgeführt wird. Je weniger Welpen man ihr beläßt, je rationeller man sie mit milchgebenden Stoffen füttert: Mehlsuppen, gesalzener Milch mit altem, eingeweichtem Brot, dazu täglich Fleisch und Knochen nebst Phosphor-Lebertran, desto länger und besser ernährt sie die Welpen. Solange sie nur liegen oder herumkriechen, genügt die flüssige Ernährung; das Zeichen zur halbflüssigen ist ihr Herumwatscheln oder Gehversuche. Anfangs der dritten Woche bricht das Milchgebiß durch, ein Signal, daß sie etwas zu beißen brauchen. Da selbst Pflanzenfresser im Mutterleib und während des Säugens nur animalisch ernährt werden, braucht man von kleinen Fütterungsgaben von geschabtem rohem Fleisch nicht zurückzuscheuen. Dazu gibt man nach und nach als Beigabe zur Muttermilch pasteurisierte Kuh- oder noch besser Ziegenmilch mit etwas Kochsalz. Später setzt man der Milch Hafergrütze oder Hafermehl zu nebst kleingewiegtem Fleisch, füttert etwa 5 mal im Tag und läßt die Mutter nach 6 Wochen nur noch nachts zu den Welpen. Durch ein erhöhtes Brett oder Lager gibt man ihr Gelegenheit, sich vor den spitzen Krallen und scharfen Nägeln zu retten. Je früher und öfter es mildes und trocknes Wetter gestattet, die Kleinen an die Sonne, sei es auf Kiesplatz, Holzbelag (nur nicht feuchten Rasen) als Spielplatz zu bringen, desto besser. Doch nicht überfüttern, lieber öfter und immer gehaltvoller. Und sobald sie allein sich nähren, also mit etwa 8—9 Wochen, hinaus damit an die neuen Besitzer, die dem einzelnen mehr Sorgfalt und Futter zuwenden, können, als der Züchter einem ganzen Nest. Vorher läßt man die Namen nebst Züchteraffix bei zuständigem Stammbuch eintragen, da es Züchterrecht und -Pflicht ist, die Namen dauernd festzulegen, unter denen die zukünftigen Preisgewinner ihm dereinst Ehre machen sollen, und sie mit Stammbuchnummer legitimiert abzugeben. Zugleich mit dem abzugebenden Welpen und der Bestätigung über erfolgte Eintragung in das Zuchtbuch sollte jeder Züchter dem Laienkäufer ein Exemplar dieses Buches überreichen, damit der neue Hund dem Besitzer durch rationelle Aufzucht und Erziehung einst Freude bereite.
2. Kapitel.
Die Ankunft des Welpen, erste Eingewöhnung, sein Platz.
Ein unbeholfenes, noch weltfremdes, drolliges kleines Lebewesen kommt in eine völlig neue Umgebung und ist dementsprechend zu behandeln. Falls mit Bahn oder Post überschickt, sorgt man, daß es morgens durch Expreßboten eintrifft; der zukünftige Herr öffnet den Behälter selbst, damit ihn der Hund als Erlöser aus dem Gefängnis betrachtet. Er soll einen ganzen Tag Zeit haben, den ersten Trennungsschmerz zu überwinden, damit er nicht nachts durch Winseln und Heulen die Familie oder gar das ganze Haus in der Nachtruhe stört. Durch vorherige Erkundigung beim Züchter orientiert man sich, ob das Schlaflager in Korb, Schlafkiste (diese ist mit seitlichem Einschlupf und Schubtür zu versehen, als Aufenthalt willkommen und zur Erziehung praktisch), Matratze, dicker Kokosmatte (bequem wegen Reinigung) bestand, welches Futter und wie oft gegeben wurde. Das erste Lager wird vorteilhaft aus dem Heu der Transportkiste, das noch Heimatgeruch hat, gebildet. Bereitzustellen ist außer dem Lager: ein kleiner Eimer mit Sägespänen und eine Flasche Septoform zum Desodorieren des Aufwaschwassers. Man darf sich nicht begnügen, nasse Spuren aufzutrocknen, sondern muß die betreffende Stelle durch Eingießen von etwas Septoform verwittern (den Uringeruch überdecken!), weil Hunde sonst dieselbe Stelle immer wieder benützen würden. Etwas billiger und ausgiebiger ist Lysol oder Kreolin, aber wegen des scharfen Geruchs in der Wohnung lästig. Alsbald nach Ankunft trägt man den Welpen in einen geschlossenen Hof oder Garten, sobald er durch unruhiges Herumsuchen verrät, daß er sich lösen oder nässen will. Beobachtet man ihn darauf in den ersten Tagen beständig, so wird man sehr bald am Benehmen und tiefer Kopfhaltung des Suchens merken, daß es Zeit ist, hinauszuführen, was zur Zimmerreinheit hinleitet. Diese zu erzwingen, ist erst möglich, wenn er sich etwas eingewöhnt hat und begriffen, daß es Dinge gibt, die ihm verwehrt sind, also Verbote und Gebote, die er befolgen muß, um sich nicht üblen Folgen auszusetzen. Das erste Begreifen ist ihm mit dem „Platz!” beizubringen, das ist das ihm zugewiesene Lager, auf dem er zu verharren und das er aufzusuchen hat, wenn das scharf gesprochene Wort „Platz!” erfolgt. Zunächst ist ein solcher im Zimmer, wo die Familie und er sich gewöhnlich aufhalten, so zu wählen, daß er von dort aus selbst übersieht, gesehen wird, aber nicht getreten werden kann oder lästig fällt. Nachdem er sich einige Zeit frei bewegen durfte, wird er dorthin geführt, sanft zum Legen niedergedrückt unter Kommando „Platz”. Macht er Miene aufzustehen, so drückt man wieder nieder: „Platz”. Wiederholt es mehrmals mit viel Geduld. Hilft energisches Befehlen bei dem kleinen Quecksilber nicht, so unterstützt man das Kommando mit leichtem Schlag, doch nicht mit der Hand, die nie zum Schlagen dienen soll, sondern mit leichter Gerte (Zweig). Die Hand ist etwas, was der Hund nie fürchten soll; diese belohnt, streichelt, gibt, deutet. Ein gut behandelter und richtig erzogener Hund wird mit der Schnauze die Hand des Herren suchen, seinen Kopf in diese legen, nie nach der Hand von Menschen schnappen, auch wenn diese z. B. einmal genötigt ist, einen Knochen wegzunehmen oder energisch einzugreifen. Allzulange zwingt man anfangs zum Verharren auf dem „Platz” nicht, sondern gibt durch freundlichen Anruf des Namens, der kurz, höchstens zweisilbig sein soll, Erlaubnis zum Verlassen. Einsilbig und kurz, wie ein Ruck, suggestiv seien die ersten Kommandos und das Wehren: Pfui, Hier, Platz, Aus. Beim Anruf und überall, wo er beschleunigt folgen soll, klatscht man in die Hände; auch das wirkt aufstachelnd, suggestive. Niemals verzichte man darauf, daß der einmal gegebene Befehl „Platz” nicht ausgeführt oder auch nur nachlässig beachtet wird; folgt der Hund nicht, so führt oder trägt man ihn energisch zum Lager, wo er einige Zeit verharren muß, worauf man ihn belobt. Von den ersten Anfängen an muß es dem jungen Tier in Fleisch und Blut übergehen, daß jeder Befehl unweigerlich zu befolgen ist. Das ist für die ganze Erziehung und Dressur ausschlaggebend. Hat er nach mehrmaligen täglichen Übungen begriffen, was er soll und daß er muß, so wird der Ort des Lagers gewechselt, falls dieser z. B. nachts nicht im Wohnzimmer, sondern im Vorhaus sich befinden soll. Wer ein Landhaus allein bewohnt, wird immer das Treppenhaus dazu wählen, so daß der Hund nicht zu fern der Haustür liegt. In einem Mietshaus empfiehlt sich dies für untere Stockwerke weniger, damit der Hund nicht wegen später nachts heimkehrender Mitbewohner alles im Schlafe stört. Selbstverständlich muß der Hund, falls man beim Verlassen des Zimmers das Kommando „Platz” gibt, dort verweilen, auch wenn er allein gelassen wird. Man überzeugt sich, indem man rasch zurückkehrt, spricht ihn bei Ungehorsam scharf an und unterstützt den neuen Befehl durch Drohung mit Gerte oder leichtem Schlag. Wenn das alles auch überflüssig erscheint, so führe man doch alle diese Übungen konsequent durch; es ist die eindrucksvollste, leichteste Vorbereitung für alle spätere Dressur. Das nächste Wort, das der junge Hund sehr rasch begreifen wird, weil das Hinausgeleiten aus der Monotonie des Zimmers, in dem er sich gesittet benehmen muß, ihm Freude macht, ist „Hinaus”. So oft es hinausgeht, wird das Wort mehrmals lebhaft wiederholt, bis sich für ihn damit der Begriff von Bewegung und Verlassen des Zimmers verbindet. Die Worte „Platz” und „Hinaus” sind es aber nicht allein, sondern der Ton und Klang, und dafür haben alle Hunde ein sehr feines Verständnis, da sie nie ein Wort selbst und dessen Bedeutung erfassen, sondern nur den Begriff, der sich für sie damit innig verbindet. Kinder haben dem Junghund nie zu befehlen; sie dürfen sich höchstens mit ihm befassen und spielen. Aber sie sollten unbewußt viel von dessen Erziehung profitieren.
3. Kapitel.
Fütterung und Futter.
Die älteste Hundehaltung war auf einen Abfallfresser zugeschnitten; sie ist es auf dem Lande im allgemeinen heute noch, durch gelegentliche Zugaben etwas verbessert. Unsre anspruchsvoller gezüchteten Rassehunde wären damit nicht auf der Höhe zu erhalten, und doch sollte sich die Ernährung nicht allzuweit davon entfernen, nur eine gewisse Nachhilfe ist während der Entwicklungszeit unentbehrlich. Ebenso wichtig ist die Gleichmäßigkeit der Rationen, dem Alter angepaßt, die Regelmäßigkeiten der Mahlzeiten, endlich Vorhandensein der Aufbaustoffe. Konsequente Durchführung befördert ordnungsmäßiges Fungieren des ganzen Verdauungsapparats und der Auswertung. Einige Grundregeln für die Fütterung sind: Das Futter soll immer gut gewärmt werden, denn ehe die Verdauung beginnt, muß der Speisebrei auf Blutwärme im Magen gebracht werden. Hunde neigen alle zum raschen Verschlingen, deshalb gebe man das frische Gemüse klein gewiegt Fleisch klein geschnitten. Was sie nicht sofort auffressen, wird weggenommen; niemals soll die Futterschüssel stehen bleiben; weder im Winter, noch weniger im Sommer. Wird regelmäßig übrig gelassen, so war die Ration zu groß. Jeder Hund hat seine eigne Futterschüssel zu erhalten, womöglich in folgender Form des Querschnittes, damit sie nicht zu leicht umgeworfen wird: ┗━┛. Für junge Hunde oder kleine Rassen sind die sogenannten Kaninchenfuttergeschirre aus Ton sehr praktisch; sie dienen zugleich zum Abmessen der Tagesrationen. Selbstverständlich sind sie peinlich sauber zu halten. Niemals stelle man ihnen das Futter in Tellern oder Schüsseln hin, die in der Küche verwendet werden oder gedient hatten. Damit wäre, abgesehen von dem Unästhetischen, ja Gefährlichen wegen der Übertragung von Würmern, der erste Schritt getan, die Hunde zum Stehlen anzuleiten. Sie müssen wissen, daß es ihr Futter nur aus ihrem Geschirr gibt. Genau so ihr Wasser am gleichen Platz. Entgegen allen Lehren, daß den Hunden immer frisches Wasser zur Verfügung stehen soll, halten wir das für einen Mißgriff. Im breiigen Futter und in der Milch ist so reichlicher Wassergehalt, daß Hunde überhaupt nur 1—2 mal im Tag ein wenig Wasser brauchen. Das Futter belastet ohnehin den Leib, daß es nicht nötig ist, den Speisebrei noch mehr zu verdünnen. Viel Gelegenheit macht zu Gewohnheitstrinkern. Kommt der Hund im Sommer erhitzt heim, so genügt, um den Staub wegzuspülen und den Gaumen zu erfrischen, soviel Wasser als den Boden der Schüssel bedeckt. Stellt sich der kluge Hund an sein leeres Trinkgeschirr, so deutet er an, daß er Durst hat und mag etwas Wasser erhalten. Unerläßlich sind für Junghunde harte Hundekuchen, Hartbrot und vor allem weiche Kalbsknochen. Bis zu 5 Wochen wachsen den Welpen ihre Milchzähne, mit 2—4 Monaten wechseln sie die Zangen- und Milchzähne, mit 3—5 die Eck-, mit 4—6 die Hakenzähne; die Milchbackzähne werden mit 5—6 Monaten gewechselt, die Molaren brechen mit 4—7, die Lückzähne zwischen 3—5 Monaten durch. Diese Vorgänge bedingen eine starke mechanische Tätigkeit des Gebisses; geben wir dem Hund während des Wachstums und der Skelettbildung nicht reichlich Knochen, so wird er den erforderlichen mechanischen Reiz an Stiefeln, Teppichen, Möbelstücken ausüben, Kohlen oder Mauer anfressen. Was man in Form von Knochen gibt, die 6—7 % Kalk-Kohlensäure, 58—63 % Kalkphosphat, 1—2 % Magnesium-Phosphat, 2 % Fluorkalzium, den Rest Eiweiß und Leimstoffe enthalten, erspart man an Fleisch. Hunde von mehr als 5—6 Jahren sollen niemals Knochen bekommen. Die letzte Regel lautet endlich: niemals sofort nach einer Hauptmahlzeit mit Junghunden Spaziergänge; denn Verdauung ist eine Arbeit, und die noch weichen Bänder und Gelenke würden sich bei der Belastung des Leibes zu stark dehnen und lockern. Es gibt leicht krumme Gliedmaßen, weichen Rücken und schwache Muskulatur. Breitstehende, massige, starkknochige Rassen wie Bulldoggen, St. Bernhardshunde, Rottweiler, Boxer, Bordeauxdoggen dürfen eher etwas mastiger gefüttert werden. Leichtere hochstehende, wie Windhunde, Whippets, Dobermannpinscher, sollen konsistentes, trockenes Futter erhalten: viel Gehalt in wenig Menge. Ebenso dürfen Jagd- und sonstige Gebrauchshunde nicht zu weichlichen, überschwemmten Gestalten aufgezogen werden, sondern gehaltvoll, trocken, starkknochig. An der Form des Kotes (Exkremente) ersieht man schon, ob richtig gefüttert wurde; er soll nicht dünnflüssig, weich sein. Zu hart deutet auf zu reichliche Knochenmenge und Mangel an Wasser. Als Grundfutter kommt in Betracht Haferschrot, Gerstenflocken, Roggenschrot, Buchweizengrütze. Reis (arm an Eiweiß, aber sehr reich an Stärkemehl), weniger Kartoffel und nie in Stücken, da sie nur als Brei ausgenützt wird. Das Minimum an täglicher Fettzugabe, die das Futter schmackhaft macht, ist für größte Rassen 16—25 g in der Jugend, für ältere 20—30 g, im Winter etwas mehr. Vorteilhaft wird Fett bei Welpen durch Phosphorlebertran ersetzt. Auch Fettgrieben sind wegen des hohen Eiweißgehaltes sehr zu empfehlen. Hülsenfrüchte sind stark eiweißhaltig, werden aber wenig gern gefressen und müssen durch Fett- und Fleischzusatz schmackhaft gemacht werden. Am besten wechselt man häufig, auch bei den 4—6 Tagesrationen: morgens entrahmte Milch mit Brot, 1—2 mal Gemischtkost, abends trockne Hundekuchen oder Knochen. Letztere niemals in das Futter, immer separat nachher. Fehlen sie zeitweilig, so ersetzt man sie durch Chlorkalzium (150 g auf 1⁄2 l Wasser, davon 1 Eßlöffel in das Futter gerührt). Man rechnet 1⁄10 g auf 1 kg Körpergewicht. Futterkalk (Schlämmkreide) darf nie zum Futter gegeben werden, da er durch Salzsäurebindung die Hauptverdauung im Magen erheblich beeinträchtigt. Mit kleinen Beigaben von Rohzucker (höchstens 20 g für Welpen) kann man den Nährwert von Magermilch oder Grundfutter vorteilhaft erhöhen. Aber niemals sollen Zucker, Semmel oder sonstige Leckerbissen außerhalb der feststehenden Stunde gegeben werden; diese dienen höchstens als Belohnung bei der Dressur. Mit solchen Verwöhnungen erzielt man schlechte Fresser und Bettler. Während der Mahlzeiten der Familie darf sich der Hund wohl im Eßzimmer, aber nur in angemessener Entfernung vom Tisch auf seinem Lager („Platz”) aufhalten. Ein Herantreten des Hundes, dessen Fütterung mit zugesteckten Brocken, wäre ein nicht mehr gutzumachender Erziehungsfehler. Ihn auf sein Lager zu bannen, ist wertvolles Mittel, um Gehorsam vorzubilden. Auch Gehorsam muß gelehrt und geübt werden.
4. Kapitel.
Untersuchung auf Ungeziefer und Würmer.
Die beste Fütterung und Pflege versagt, wenn Junghunde mit Würmern behaftet sind; ja es gehen mehr Welpen an Spulwürmern (Darmentzündung) zugrunde als an Staupe (Sucht). Äußerlich ist das Vorhandensein an Magerkeit, glanzlosem Fell, zeitweilig aufgetriebenem Leib, Aufstoßen nach den Mahlzeiten, viel Durst, sogar Erbrechen, aufgebogenem Rücken (Katzenbuckel) bemerkbar. Spulwürmer (3—8 cm lang, rötlich gelb, 1 mm stark, im Kot sehr leicht festzustellen) haben fast alle Junghunde, sind durch Masse gefährlich, durch Chenopodiumöl ohne üble Nebenerscheinungen leicht zu entfernen. Weit schlimmer sind die kürbiskernförmigen Bandwürmer, da sie durch Flöhe sehr leicht überall verbreitet werden, sich sehr rasch vermehren, und dann zu Darmverstopfungen führen. Wo Fleischabfälle nicht roh verfüttert werden, ist der aus etwa 1⁄3 cm langen Gliedern bestehende Bandwurm seltener; seine Jugendform, die durch Maul oder After des Hundes abgeht, ist für Menschen lebensgefährlich, weshalb man das Ablecken von Händen oder gar Gesicht nie dulden soll. Ist auch nur der leiseste Verdacht auf Würmer vorhanden, so verabfolge man morgens in der Milch 1 bis 2 Santonintabletten, die, mit Kakao gepreßt, in jeder Apotheke für Kinder vorrätig zu haben sind, oder das billigere Chenopodiumöl (2—3 Tropfen je nach Größe), noch besser das entgiftete Präparat Chenoposan und beobachte den nächsten Kotabgang. Fast alle Wurmmittel reizen durch ihre Schärfe den Darm, weshalb man durch leichten Kotabgang die Kur unterstützt und starke Mittel bei noch zarten Tieren sich vom Tierarzt oder einem hundeliebenden Apotheker dosieren läßt. Das beste neuere Mittel ist Megan (Bayer) gegen alle Arten Würmer. Man gibt 0,65 g pro Kilogramm Körpergewicht. Harmloser sind die sich im Mastdarm aufhaltenden, weißen fadenförmigen Würmer (5—8 cm lang), die nur ein lebhaftes Jucken im After Hervorrufen und den Hund quälen, so daß er sich reibt, scheuert oder zu beißen sucht. Durch ein Klistier (Knoblauch in Milch gekocht) kann man ihn davon rasch erlösen. Billiger als Santonin ist das Präparat Santoperonin (Orbiswerke) und relativ ungiftig. Gegen Flöhe gibt es nichts besseres als den engen Kamm und tägliches Nachsehen, wenn sich der Hund kratzt. Bei Überfülle vorheriges Einreiben mit Cuprex (Merck). Ebenso gegen Läuse. Ungeziefer soll man gar nicht aufkommen lassen, weshalb die Decke über Matratze, die Matte täglich ausgeschüttelt, das Heu oder kurze Stroh in der Kiste öfter erneuert wird. Ein gutes Vertilgungsmittel für Läuse ist Chloroform oder Benzin. Da letzteres feuergefährlich, nicht bei Licht einreiben. Radikal wirkt Cuprex (Merck), es vernichtet auch die zäh auf den Haaren klebenden Eier (Nisse). Harmlos ist ein Betupfen mit einer Lösung von 9 Teilen Olivenöl und 1 Teil Anisöl. Das oft empfohlene Petroleum verwende man nur bei robusten Rassen. Wohnt man in Nähe von Laubwald und kommen die Hunde nach Spaziergang mit Zecken (Holzböcken) behaftet heim, so reißt man sie nicht aus, sondern betupft sie mit Terpentinöl aus einem Kännchen mit spitzem Auslauf, wie sie für Nähmaschine und Fahrräder benützt werden. Bäder sind für Welpen nicht zu empfehlen, da sich die Tiere nach solchen, wenn nicht völlig trocken, leicht erkälten; auch müßte jede Lösung, um Parasiten oder Milben zu töten, so scharf sein (2 % Kreolin), daß die zarte Haut entzündet würde. Selbst wenn die Hundebesitzer aus Rücksicht auf das Wohlbefinden ihrer Tiere die Würmer und deren Überträger und Verbreiter (Flöhe) nicht vernichten wollten, so sollte das schon wegen der Übertragungsgefahr erfolgen. Um sich ein Bild von deren Umfang zu machen, sei darauf hingewiesen, daß ein einziger Spulwurm, deren der Hundedarm oft dicke Knäuel beherbergt, nach Prof. Dr. Günther (Der Darwinismus und die Probleme des Lebens; S. 10) in einem Jahr 64 Millionen winzigster Eier, ein Bandwurm bis 100 Millionen zu produzieren vermag, die meist durch den After abgehen. Irgend ein wirksames Wurmmittel muß in der Hausapotheke jederzeit vorrätig sein. Über das Eingeben von Medikamenten s. Kap. 25.
5. Kapitel.
Lob und Strafe.
Die alten Dressurbücher kennen als Dressurmittel nur Korallenhalsband und Prügel, und sie erörtern höchstens, ob man mit der Hand, zusammengelegter doppelter Führungsleine, Ochsenziemer oder lederner Hundepeitsche und auf welche Körperteile man schlagen solle. Ehe man je zu einer Züchtigung schreitet, prüfe man genau die Ursachen des Nichtgehorsams, ob etwa ein Befehl oder Verbot, in gereiztem, unbekanntem Ton, also dem Hund ungewohnt und unverständlich war, oder ob er während Ablenkung der Aufmerksamkeit durch Nebenumstände erfolgte. Vor allem, hatte der Hund überhaupt verstanden, was man von ihm wollte und kann man schon eine aktive Betätigung (Ausführung) erwarten? Es ist gar nicht zu verlangen, daß er entgegen seinem Trieb, Vergnügen oder Behagen auf jede Aufforderung nachgiebig eingeht, daß er eine Marionette ist, die durch Befehle in Bewegung gesetzt, durch Verbote zur Ruhe genötigt wird. Die Antwort auf die an sich selbst gestellte Frage, wann man strafend schlagen sollte, müßte man sich dahin geben: schlage womöglich nie, so wenig wie dein Kind, suche immer mit andern Mitteln auszukommen; man kommandiere aber auch so wenig als möglich, sonst entwertet man dieses Hauptmittel der Autorität. Das Kommando sei kurz, straff, ruhig; eher leise, niemals schreiend; der Ton muß sich wesentlich von der sonstigen, freundlichen Ansprache unterscheiden. Mit Kindern und Hunden parlamentiert und überredet man nicht, sondern man befiehlt. Etwas anderes ist es, durch einen mechanischen Druck (zum Hinlegen oder Setzen), durch Winke einen Befehl verständlich zu machen und der Ausführung nachzuhelfen. Zum Abwehren schadet ein Schlag mit der dünnen Gerte nicht, da es ja bei dem Hunde steht, sich solche zu ersparen. Neben dem leichten Schlag kommt als Strafe bei Ungehorsam in Betracht: Anlegen an Kette, oder Leine (auf Spaziergang), Einsperren. Strafe und Schlagen ist nicht dasselbe! Noch größer ist der Unterschied zwischen Wehren und Befehlen. Je fester der Gehorsam gegenüber dem Wehren und Verbieten (Unreinlichkeit, Anbeißen von Verbotenem, Springen auf Möbel, Winseln oder Heulen bei Alleinsein, Betteln bei Tisch, Herumtollen trotz Verweisens auf den „Platz”) sitzt, desto leichter ist später das Befehlen. Bis es zu diesem kommt, muß der Welpe verstehen und beachten lernen, muß eine gewisse Triebkraft, Bewegungslust, Tatendrang, veranlaßt durch Muskulatur und Interesse an allen Vorgängen der Außenwelt, also Vertrautsein mit dieser, sowie der innere Zusammenhang mit dem Dressurlehrer vorhanden sein, der geistige Reife voraussetzt. Zum Wehren und Verbieten ist es nie zu früh, weil wir durch mechanische Nachhilfe das Verständnis unterstützen können. Das Befehlen darf erst einsetzen, wenn sich der Lehrer von der nötigen körperlichen Energie und Regsamkeit überzeugt hat. Also: den richtigen Moment erfassen und nur verlangen, was der Hund auch verstanden hat. Führt er das aus, so darf für die ersten Male mit einem Leckerbissen (Biskuit, Zuckerstücke) nicht gespart werden. Und später muß jede Erfüllung mit freundlichem Lob und lebhafter Anerkennung belohnt werden. Pflichtgefühl besitzt selbstverständlich kein Tier, wohl aber ist der Hund sehr empfänglich für Lob und Aufmunterung. Ungehorsam gegenüber Kommando kann zur Ursache haben: Furcht vor der schlagenden Hand, verspätetes oder mangelndes Auffassungsvermögen, motorische Langsamkeit, Eigenwillen; letzterer äußert sich durch Flucht, Kundgabe des Unmuts, Hinlegen, nervöse Empfindlichkeit, Erregungszustände. Ehe man also zur Strafe schreitet, prüfe man die Ursachen und versuche sie durch freundliche Ansprache, einen kurzen ruhigen Spaziergang an der Leine zu beseitigen. Dann wird man selbst zu der Überzeugung kommen, daß Zuhauen das ungeeignetste Mittel ist, den Hund zur Ausführung von Befehlen gefügig zu machen, dann wende man die systematischen Mittel an, die in Teil III aufgeführt sind, auch wenn sie etwas Geduld und Zeit erfordern. Unbedingte Züchtigung (auf die Keulen) verdient nur offensichtliche Widersetzlichkeit bei zweifellosem Verständnis für Befehl oder Verbot; diese erfolge jedoch ohne Zorn und Nervosität nach klarer Prüfung, damit der Hund fühle, wer seine Unfolgsamkeit straft, und daß es eine energische Kraft über ihm gibt.
II. Teil.
Die Erziehung des Junghundes.
6. Kapitel.
Stubenreinheit.
Die zielbewußte Erziehung hat dem Lernen vorauszugehen. Grundregel ist: dulde bei dem jungen Hund nie etwas, was du später verbieten wirst! Mag es noch so harmlos sein, wenn das saubere Tierchen auf einen Stuhl oder Divan gehoben wird, oder sich an den Kleidern aufrichtet; es versteht nicht, warum das, wenn es von der Straße naß oder schmutzig ist, nicht geschehen soll. Verbotene Räume, wie die Küche, sollen das immer bleiben. Laß ihn nicht seine schwachen Zähnchen an einem alten Hausschuh probieren: er kennt nicht den Unterschied zwischen alt und neu. Amüsiere dich nicht, wenn er in kindlichem Heldenmut Pferde anbellt, Geflügel hetzt; kleine Fehler geben später schwer auszurottende Laster. Je früher der Welpe mit der Großstadt, dem Lärm der Wagen, Pferde, Autos vertraut gemacht wird, desto leichter geht es; ahnungslos trottelt er im Schutz des Herrn, während er reifer geworden, nervös davon läuft und sich schwer an Großstadtverkehr gewöhnt. Um ihn zimmerrein zu erziehen, muß er an der Leine gehen; ein weicher Lederriemen genügt als Halsband, eine solide längere Schnur, in deren eines Ende ein Karabiner, in das andre eine Handschleife geknotet ist, genügt als Leine zum Führen; die richtige Leinenführigkeit kommt später, wenn er nicht mehr unreif und spielerisch ist. Zunächst achtet man auf den Hund, wenn er vom Lager morgens aufsteht und sich nach einer Ecke des Zimmers begibt; man legt schnell den Zangenkarabiner an, ruft „Hinaus”! und führt oder lockt ihn auf die Straße. Nicht tragen, sondern führen. Liegt die Wohnung an belebter Straße, so läßt man ihn in den Hof oder zur nächsten ruhigen Seitenstraße bringen; denn über Beachtung von Menschen, Tieren, Wagen, Geräuschen kommt er nicht zu der Ruhe, die Entleerung auslöst. Der Hund verdaut sehr gut, aber langsam; der Magen eines Schäferhundes hat das Fassungsvermögen, das dem eines Pferdes gleichkommt. Die langsame Verdauung kommt von der oberflächlichen Zerkauung und Einspeichelung. Erhält er seine Hauptmahlzeit mittags, so sind die unverdauten Reste nach etwa 9 Stunden bis in den Mastdarm vorgerückt, so daß er etwa gegen 10—11 Uhr abends entleeren und ein ihn weniger belastendes Futter bis zum Morgen im Darm behalten kann. Wasser erhält er nach Spätnachmittag überhaupt nicht mehr. Je behaglicher sein Lager ist, womöglich in Korb oder flacher Kiste, mit etwas Mühe zum Verlassen verbunden, desto weniger wird er nachts aufstehen, herumlaufen und sich im Haus lösen. Hat er es trotzdem getan, so führt man ihn jedesmal morgens zur Stelle mit den Worten „Pfui, Hinaus”, beschleunigt seinen Gang zur Tür mit der Gerte. Sobald er (s. Kap. 8, Lautgeben und Melden) schon durch Ungeduld bei vorgehaltenem Futter, Knochen, Leckerbissen gelernt hat, auf Kommando Laut zu geben, wird man bei jedem Ausgang, Hinausführen, ihn an der Türe kurz bellen lassen, wodurch er anzudeuten hat, daß er hinaus will. Viele Dressurlehrer wollen das durch Kratzen an der Türe markieren lassen; das ist indessen für den Welpen schwieriger zu verstehen. Viele Hunde hingegen begreifen sehr rasch, daß sie eine nur angelehnte Türe mit der Nase aufstoßen können und markieren das auch bei den verschlossenen. Da man das aber nachts nicht hört, ist die Stimme des Hundes das natürlichste. Es wird oft im Leben vorkommen, daß der Hund auf diese Weise den Herrn alarmiert. Das natürliche Verbellen der Jagdhunde ist nichts andres als ein Rufen des Jägers. Ein kluger Jagdspaniel verbellt jedes Stück Wild, das ihm zum Apportieren zu groß ist. Ein lockerer Hals ist immer Zeichen von Intelligenz und des Triebs, sich durch seine Sprache verständlich zu machen. Das Kratzen an der Tür verleitet den Junghund, wenn er allein gelassen wird, die Tür zu beschädigen; größer, gelingt es ihm durch Zufall und Aufrichten selbst die Tür zu öffnen, was er nicht lernen soll. Den Hund mit der Nase in den Kot zu stoßen, ist sehr unappetitlich, auch überflüssig; schon in die Nähe der Missetat gebracht, weiß er ganz genau, daß er gesündigt hat; es genügt ihn zur Stelle zu bringen, ihn zu strafen und hinaus zu stecken. Ist ein Hund trotz Anweisung, Unterstützung durch Futter (Kartoffel, Schwarzbrot macht viel Kot, belastet stark), trotz späteren Hinausführens nachts fortgesetzt unreinlich, so bleibt nichts übrig, als ihn abends an eine in den Boden gedrehte Ringschraube mit kurzer Kette dicht am „Platz” anzuhängen, da Hunde fast nie ihr Lager oder dessen Nähe verunreinigen. Hilft das und auch fühlbare Strafen nichts, so muß man ihn nachts in eine Schlafkiste sperren, die so hoch ist, daß er nur mit gesenktem Kopf darin stehen kann. Abends erhält er dann höchstens einen Knochen als Futter, kein Wasser.