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Jüdische Geschichten

Chapter 11: V
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About This Book

The collection presents linked short narratives set in devout communities, where elders and teachers exchange anecdotes that probe faith, ritual practice, and everyday morality. Framed dialogues and nested tales contrast literal and spiritual readings of law, examine the balance between bodily needs and piety, and expose tensions between tradition and change. Tone alternates between gentle satire and solemn reflection, using compact, dialogic scenes, parables, and homely incidents to illuminate communal memory, ethical dilemmas, and the human struggle to reconcile devotion with ordinary life.

Vorrede. Ich entschuldige mich und bekenne meine Ansicht, daß es in der Welt keinen Unglauben gibt

Meine Herren! Ich, Jojchenen der Melamed, will euch eine Geschichte erzählen. Und die Geschichte, die ich euch erzählen will, ist wie ein Rädchen in einem Rade: eine Geschichte in einer anderen Geschichte.

Beide Geschichten habe ich nicht erfunden oder, wie man sagt, aus den Fingern gesogen. Ich bin, gottlob, kein Schreiber. Ich erzähle sie euch ganz einfach, ohne Salz und Schmalz; Wortgeklingel lieb ich nicht … Wer die Wahrheit sagt, braucht keine Kunstgriffe, der spricht einfach seine Muttersprache.

Eine Vorrede muß ich euch aber doch geben: diese Geschichten, die ich erzählen will, werden euch möglicherweise zeigen, daß ihr, meine Herren, in vielen Dingen zu weit gegangen seid und euch zu sehr auf eure Sinne verlassen habt; daß es in der Welt Dinge gibt, von welchen weder euch noch euren größten Weisen je geträumt hat … Darum bitte ich euch, mir das nicht übelzunehmen.

Wenn ihr wollt, könnt ihr glauben, und wenn nicht, so nicht.

Ich will mich auch gleich vor meinen Freunden rechtfertigen: es wird meine Freunde vielleicht verdrießen, daß ich sozusagen aus der Schule plaudere, und dazu noch heutzutage, wo es so viel Unglauben gibt … und daß dadurch ein Ärgernis entstehen kann. Gott bewahre! Ich will ihnen sagen, daß es überhaupt keinen Unglauben auf der Welt gibt: das mit dem Unglauben ist eine erfundene Sache!

Denn die ganze Welt ist nichts als Glauben!

Könnte es denn auch anders sein?

Die Welt ist unendlich groß, hat wirklich keine Grenzen! Und unser Verstand ist so klein, so winzig, daß wir einem Menschen gleichen, der in einer finsteren Nacht, mit einem Pfenniglicht in der Hand, das kaum vier Schritt weit leuchtet, durch eine öde, finstere Wüste geht!

Ich bleibe bei meiner Meinung: ohne Glauben kann man überhaupt nicht auskommen! Die Vernunft allein reicht nicht aus. Wo kommt dann das Märchen vom Unglauben her? Nun, diese nichtsnutzigen Schreiber, die für das einfache Volk, für Köchinnen und Dienstmädchen Bücher verfassen, die Geschichten von Mördern und Räubern, von Falschmünzern und Wechselfälschern ausdenken, nur um die Leute zu erschrecken und ihr Blut in Wallung zu bringen, – diese selben Schreiber haben auch den Unglauben und den Irrglauben erfunden! Und zwar mit demselben Zweck: um das gemeine Volk – die Dienstmädchen, Schuster- und Schneiderlehrlinge – zu erschrecken …

Doch in Wahrheit: ohne Glaube kein Wille; einfach jüdisch gesprochen heißt das, daß ein Mensch, der nichts glaubt, auch nichts will und zu nichts Lust hat!

Ein solcher Mensch ist nichts mehr als ein Lehmklumpen, ein Stück Holz! Und wenn du Menschen siehst, welche Gelüste haben oder ihre Gelüste zugunsten andrer, größerer oder erhabenerer überwinden. Menschen, welche essen und trinken, Familienglück genießen, im Schweiße ihres Angesichts arbeiten und den Kopf voller Geschäfte haben, so wisse, daß diese Menschen glauben! Daß sie zumindest an ihr eigen Leben glauben!…

Denn zweifeln kann man ja schließlich auch daran! Wenn man will, so sagt man: Das Leben ist nichts! Und dagegen läßt sich schon wirklich nichts machen.

Doch die Regel ist: alle glauben. Nur glaubt der eine, daß der Leviathan vor dem Schor-ha-Bor(11) verzehrt werden wird; und der andre sagt: nein, umgekehrt, der Schor-ha-Bor kommt zuerst, und dann der Leviathan als Zuspeise. Und ein »aufgeklärter« junger Mann, der weder an den Leviathan noch an den Schor-ha-Bor glaubt, der glaubt an den Äther! Und was ist dieser Äther? Da erklärte mir ein solcher junger Mann: der Äther ist etwas, was weder Körper noch körperliche Kraft, weder Seele noch überhaupt etwas Geistiges ist; er nimmt keinen Raum ein und hat kein Gewicht … Mit einem Worte: er ist ein »Ja« und ein »Nein« zugleich!

Frage ich ihn, ob er den Äther gesehen hat? Nein! Aber er glaubt an ihn! Kurz und gut: alle glauben.

Was ist dann der Unterschied? Nun, jeder glaubt an seinen Rebben, jeder hat seinen Glauben, sozusagen seinen kleinen Götzen.

Alle blicken fremden Leuten auf den Mund. Alle küssen; doch der eine küßt den Vorhang vor dem Thoraschreine, wenn er auch nicht weiß, was im Schreine ist; der andre das kabbalistische Buch »Megillo Tmirin«, wenn es vom Tische herunterfällt; ich habe sogar mit meinen eigenen Augen gesehen, wie einer von ihren Leuten die »Geheimnisse von Paris« küßte. Und ich habe aus sicherer Quelle gehört, daß diese »Geheimnisse« die schauerliche Geschichte von einem gewissen Charbojno darstellen – doch nicht von unserem Charbojno, seligen Angedenkens, aus dem Buche Esther(12), sondern von einem Pariser Holzhacker, der barfuß auf Glasscherben herumging – und noch ähnliche Lügen, die ein Pariser Lügner erfunden und ein Wilnaer »Aufgeklärter« in die heilige Sprache übersetzt hat.

Meine Herren! Ich habe gottlob viel vom Leben und von der Welt gesehen; ich war Melamed in Dörfern und in kleinen Städten und auch in großen Städten. Seit sieben Jahren bin ich, Gott sei Dank, Melamed in Warschau, und ich komme, gottlob, unter Menschen, und ich kenne Menschen! Ich kenne Misnagdim(13), die beim chassidischen Gebet »Wajizmach purkonej« aus der Haut fahren, und ich kenne Chassidim, die einen, der zu einem andern Rebben fährt, für einen Ketzer – daß Gott davor behüte! – halten.

Ich kenne auch »Aufgeklärte«, sogar sehr viele; bedeutende und unbedeutende, solche, die wirklich was wissen, und gewöhnliche Schreiberseelen; ich kenne sogar viele, sehr viele Abtrünnige. Das alles kenne ich. Doch einen Menschen, der nicht glaubt, habe ich noch nie gesehen!

Ich wage sogar die Behauptung aufzustellen, daß es in der ganzen Gesellschaft der »Aufgeklärten« keinen einzigen gibt, der seinen eigenen Zuschnitt, sein eigenes System, seinen eigenen Weg hätte. Ich sah unter ihnen keinen einzigen, der seine eigene Ansicht über die Dinge hätte; mit Ausnahme von vielleicht zwei oder drei ganz großen Karpfenköpfen … Und die ganze übrige Gesellschaft, wie ihr sie seht, ist nicht ein ausgeblasenes Ei wert! Auch sie sind Chassidim, nur von einer andern Richtung! Sie glauben eben an ihren Rebben! Und sie hängen an ihrem größten Mann der Zeit, genau so, wie wir an dem unsrigen!

Und ich kann einen heiligen Eid schwören, daß keiner von ihnen ein eigenes Lehrgebäude hat, nicht einmal für eine Stunde! Nichts als Glaube an den Großen der Zeit. Und sie sprechen ihm alles nach, ohne einen Unterschied zu machen zwischen dem, was er mit Überlegung, bei klarem Verstande und im Ernst gelehrt, und dem, was er so nebenhin, oder im Zorne, oder gar nur, um zu widersprechen, gesagt hat.

Ganz wie bei unsern Gesinnungsgenossen! Es ist nicht der geringste Unterschied!

Und wenn einer von dieser Gesellschaft zu mir kommt und sagt, daß er an nichts glaubt, so ist es einfach dumm: ich werde ihn doch nicht dadurch beschämen, daß ich ihm meine Ansicht sage. Für mich selbst weiß ich aber, daß er entweder Spaß macht oder einfach prahlt; und gerade ein solcher fürchtet sich, nachts allein auszugehen! Und vielleicht muß er überhaupt so sprechen, weil es sein Geschäft verlangt. Was tut der Mensch nicht wegen seines Geschäfts!… Und er kann ja auch ein ganz dummer Mensch sein, der nicht einmal weiß, was er nicht weiß und was man glauben muß!

Und wenn so, warum sollen wir uns dessen schämen, was wir glauben?! Worin sind denn unsere Gesinnungsgenossen ärger als alle die »Aufgeklärten«, die nichts andres tun, als Ammenmärchen und Wunder zum größern Ruhme ihrer Großen erzählen? Weil unsere Geschichten nicht erfunden sind? Weil wir die Leute nicht mit Schauergeschichten von Räubern und Mördern, Falschmünzern und Wechselfälschern erschrecken? Muß man denn unbedingt nur über solche Dinge schreiben, die glatt erfunden sind?

Und ich will ja keine Geschichte von jenseit des Meeres oder aus uralten Zeiten erzählen, sondern eine wahre Begebenheit, die sich hier in Warschau und zudem vor ganz kurzer Zeit ereignet hat!

Und vielleicht kommt jemand und sagt: Es ist nicht wahr! Die Sache ist erlogen!… Gut, soll er nur kommen, soll er sich unterstehen! Ich bin, Gott sei Dank, ein einfacher Melamed und kein Schreiber, Gott behüte! Und Lügen ist weder mein Handwerk noch mein Geschäft!

Kurz und gut – meine Geschichte ist wahr. Und wenn jemand kommt und ihr eine andere Deutung gibt? Gut, so werden wir ihn anhören.

Bis hierher geht die Vorrede, und nun beginnt die Geschichte selbst.

II

Ein Ausspruch des »Schweigers« gesegneten Angedenkens. Die Vorzüge meines Bruders; er ruhe in Frieden. Ein guter Anfang

Man erzählt vom »Schweiger«(14), gesegneten Angedenkens, daß er, als man ihn einmal fragte, warum er nicht, wie die andern Rebben, aus der Thora predige, einfach geschwiegen habe, wie er es bei allen Fragen zu tun pflegte.

Doch zu einer andern Stunde, als er besonders gnädig aufgelegt war und man in ihn mit derselben Frage wieder drang, sagte er mit einem Lächeln:

»Die Welt«, sagte er, »wundert sich über mich, warum ich nicht Thoraweisheit predige. Und ich wundere mich über diejenigen, die das tun können. Wie kann man in der Thora anfangen und aufhören, wo die Thora weder Anfang noch Ende hat und die Unendlichkeit selbst ist?

»In Wirklichkeit ist es aber so: Leute, die keine Ahnung von der Thora haben und predigen, was ihnen gerade in den Sinn kommt, beginnen, wann und wo sie wollen, und endigen, wann und wo sie wollen. Denn die Thora, die sie predigen, ist nicht die Unendlichkeit, nicht die Thora des Herrn der Welt! Es ist ihre eigene, von ihnen erfundene Thora … Doch einer, der die Thora wirklich kennt, predigt nicht, weil er nicht weiß, wo er beginnen und wo er endigen soll!

»Und in weltlichen Dingen ist es auch so. Zum Beispiel bei einem Rechtsstreit, wenn man die Zeugen vernimmt. Ein wahrheitsliebender Mensch, der nicht lügen kann und will, beginnt seine Zeugenaussage mit den sechs Tagen der Schöpfung und kommt niemals zu der Sache selbst; und zum Schluß – schon gar nicht! Doch einer, der frei aus dem Kopfe spricht, legt sich alles hübsch zurecht und spricht wie ein Mensch, der Anfang und Ende weiß … Und seine Aussage fließt dahin wie Baumöl!«

Dieselbe Regel gilt auch für jede Erzählung: der Schreiber, der sich alles aus den Fingern saugt, kann eine Geschichte beginnen, wann und wo er will; sie ist seine eigene Schöpfung, und er kann mit ihr tun, was ihm beliebt! Wenn er will, macht er sie kurz. Doch ich, der ich eine wahre Begebenheit erzählen will, weiß wirklich nicht, womit ich anfangen und womit ich endigen soll! »Es gibt nichts Neues unter der Sonne« – jede Sache hängt von einer früheren Sache ab, und die frühere von einer noch früheren, und diese letztere kann man auch nicht verstehen, wenn man nicht weiß, was noch früher war. Und so gelangt man zu den sechs Tagen der Schöpfung … Doch zu Ehren meines geliebten Bruders Seinwel-Jechïel, er ruhe in Frieden, will ich mit ihm beginnen …

Es ist jedermann bewußt – die ganze Franziskanergasse weiß es –, daß mein Bruder, gesegneten Angedenkens, ein großer Gelehrter und ein wirklich gottesfürchtiger Mann war.

Er war Witwer, und in seinen alten Tagen blieb er ganz allein mit seiner Tochter, der Jungfrau Broche-Leë – es soll zwischen Lebendigen und Toten wohl unterschieden werden! Er lebte in großer Not, und da er keine Kraft mehr zu unterrichten hatte, blieb er schließlich – nicht auf euch gesagt und auf keinen Juden gesagt! – ohne Brot. Und die Jungfrau Broche-Leë wuchs, unberufen, wie auf Hefe … Mit einem Wort – es war ein Jammer!

Was tut Gott? Einige Hausväter, lauter geachtete feine Männer, deren Kinder mein Bruder unterrichtet hatte, tun sich zusammen und übernehmen es, Broche-Leë zu verheiraten und ihrem Vater, er ruhe in Frieden, die Mittel zu geben, damit er ins Heilige Land fahren kann.

Obwohl die Reise nicht zum Abschluß gedieh, da er unterwegs – nicht auf euch gesagt! – an einem Herzschlag starb, so war ihm doch vergönnt, die Stadt Zfas im Heiligen Lande zu sehen, woselbst er seinen Geist aufgab und in einem jüdischen Grabe mit großen Ehren beigesetzt wurde.

Der Rabbiner von Zfas hielt auf seinem Grabe einen feurigen Nachruf und druckte ihn, den Nachruf, in seinem Werke »Kostbare Perlen« ab; und wer in dieses Werk hineinsieht, leckt sich die Finger ab.

Da ich jetzt schon einmal den Anfang habe, werde ich mit der eigentlichen Geschichte beginnen.

III

Die Geschichte selbst. Schlecht getroffen. Jammer. Broche-Leë wird von ihrem Mann verlassen

Mildtätigkeit ist eine große Sache. Doch nur für den, der sie übt. Und ich beneide nicht den, der Almosen empfängt und vom Vorstand des Wohltätigkeitsvereins abhängt …

Aber ich beneide meinen Bruder, er ruhe in Frieden, daß er zur rechten Zeit verschied und den späteren Jammer nicht mehr sah!

Denn die Hausväter, welche Broche-Leë die Mitgift gaben, hatten bloß das eine vergessen, daß sie die Tochter eines Gelehrten und eine fromme und reine Seele war. Bei der Wahl des Bräutigams berücksichtigten sie weder das, noch viel weniger die Verdienste ihres Vaters. Sie trachteten nur danach, ihr einen Ernährer zum Mann zu geben. Sie handelten ganz ohne Vorbedacht, nur um die Sache irgendwie zu erledigen. Man gabelte einen jungen Mann auf, der in einer Rechtsanwaltskanzlei halb angestellt war und ab und zu etwas verdiente. Und da er keine zu großen Ansprüche machte und ein Weib ernähren konnte, griff man zu. Man nähte die Aussteuer, hinterlegte die Mitgift, nahm Spielleute auf und feierte Hochzeit. Ich gratuliere!

Die Wahrheit zu sagen, gefiel mir der junge Mann gar nicht. Auch mein Weib Feige, sie soll gesund sein, meinte, daß man keine besonders kostbare Anschaffung gemacht hatte. Da aber mein Bruder, er ruhe in Frieden, dazu gar nichts sagte, so schwiegen wir selbstverständlich auch.

Doch dieses Schweigen war nicht klug!

Kaum war mein Bruder, gesegneten Angedenkens, abgereist, als die Geschichte losging, und es sich zeigte, daß in dieser Ehe etwas nicht in Ordnung war. Ich hörte bald, daß der häusliche Friede beim jungen Paare etwas hinkte! Man zankte sich, man schrie, und die Nachbarn klopften an die Wände. Ich hörte auch, daß der junge Mann Mojsche-Ißroel nicht ausnehmend fromm war, was Broche-Leë sehr mißfiel. Und er schreckte sie damit, daß er den Kaftan ablegen und den kurzen deutschen Rock anziehen werde, daß er sogar selbst Rechtsanwalt werden wollte. Mojsche-Ißroel hielt ihr vor, daß die Hausväter ihn betrogen hätten: sie hätten ihm vor der Trauung eine andre, schönere Braut gezeigt; sie hätte er gewiß nicht genommen! Er bemängelte auch ihre Aussteuer: Alte Lumpen, sagte er. Auch hätte man ihm die übliche Beköstigung in den ersten Ehejahren versprochen und ihm hinterdrein die Zunge gezeigt. Noch sagte er, er hätte erwartet, daß die Wohltäter sich für ihn verwenden, ihn, wie er sagte, »protegieren« würden; sie hätten sich aber auf der Armenhochzeit nur angegessen und angetanzt und ihn später nicht über ihre Schwelle gelassen.

Selbstverständlich wollte ich mich gleich in der ersten Stunde nicht einmischen … Die Hausväter und meine Frau Feige, leben soll sie, wollten es nicht zulassen. Und schließlich ist es ja auch nichts Neues! Es kommt oft genug vor, daß es in der ersten Zeit nach der Hochzeit, ehe man sich aneinander gewöhnt hat, zwischen Mann und Weib Streitigkeiten gibt. Und später – Gewohnheit ist die zweite Natur – lebt man doch zusammen!

Die Wahrheit zu sagen, gab es auch zwischen mir und meiner Frau Feige – sie soll gesund sein! – im ersten Jahre nach der Hochzeit Zusammenstöße. Doch später, als die Kinder kamen und wir um unseren Lebensunterhalt selbst sorgen mußten, hörten diese Dummheiten auf. Ich suchte mir irgendein Geschäft; es glückte mir nicht, und so wurde ich Melamed. Und es ist wirklich nicht so schlimm – man lebt – möge es bis hundertundzwanzig Jahr' so weiter gehen!

Also kurz und gut – ich schwieg. Besonders, als mir meine Frau Feige, sie soll leben, über Broche-Leë eine vielsagende Andeutung machte. Und mir braucht man nicht erst einen Finger in den Mund zu legen. Also ein gutes Zeichen, daß es nur gut abläuft! Leider lief es aber nicht nach Wunsch ab.

Er besserte sich nämlich gar nicht, er wurde sogar noch schlimmer. Dieser Prachtmensch hatte unsers Vaters Abrahams Eigenschaft: er sprach wenig und tat viel. Es genügte nicht, daß er sich deutsch kleidete, er begann auch ganze Nächte hindurch Karten zu spielen.

Jeden Abend brachte er seine Kumpane mit ins Haus und zwang Broche-Leë, ihnen Tee zu kochen und sie mit Branntwein und Hering zu bewirten; und den Hering natürlich mit Essig und Öl – anders paßt es ihm nicht. Und dazu weiße Semmeln; Schwarzbrot ist ihnen zu gering! Und wenn etwas von den sieben Sachen fehlte, machte er einen Krach. Obendrein verhöhnte er sie und machte sie zum Spott für die Leute. Und das nicht genug – er beschimpfte sie noch mit den gemeinsten Ausdrücken!

Nun sah ich ein, daß die Sache nicht gut steht und daß man weiter nicht schweigen darf. Ich faßte mir ein Herz und ging zum Ehepaar hin.

Ich komme herein und fange, natürlich zunächst mit guten Worten an, mit feinen Reden, sogar mit einem Scherzwort, wie schon so meine Natur ist. Ich versuche die Sache zuerst freundschaftlich und gutmütig anzufassen und sage ihm, daß, obwohl er ein Verbrecher vor dem Herrn ist, die Sache noch nicht hoffnungslos sei; und ich schildere ihm das große Ansehen, das der Bußfertige im Himmel hat, und sage ihm, daß ihm auch die Verdienste von Broche-Leës gottseligen Ahnen im Himmel beistehen würden. Er müsse nur mit der Buße beginnen, nur einmal ernsthaft an Buße denken.

Ich verspreche ihm noch, ihm menschlich näher zu treten, ihn in meinen Betzirkel einzuführen und sogar, falls ich einmal, so Gott will, zum Rebben fahren werde, ihn mitzunehmen; und noch ähnliche freundschaftliche Worte sage ich ihm.

Da bricht er in ein Gelächter aus! Er lacht über mich, über meinen Betzirkel und über den Rebben! Er möchte, sagt er, auf alle diese schönen Sachen verzichten, wenn ich ihm nur Broche-Leë abnehme! Und dabei gebraucht er Ausdrücke, die man überhaupt nicht in den Mund nehmen kann!

Notgedrungen mußte ich nun einen strengeren Ton anschlagen. Ich sagte ihm, daß er, obwohl er sich deutsch kleide, doch nur ein Ignorant und ein Taugenichts sei. Und dann sagte ich ihm noch ganz furchtlos: wenn er Buße tut, ists gut, und wenn nicht, so wird er manches schwarze und finstere Jahr in der Hölle zu kosten kriegen!

Fängt er schon wieder zu lachen an: »Wer Hölle? Was Hölle?« Als ob er schon einmal dort gewesen wäre und gesehen hätte, daß es, Gott behüte, gar keine Hölle gibt! Und dann weist mir noch der freche Kerl die Tür!

Was sollte ich tun? Broche-Leë ist, sehe ich, grün und gelb, die Tränen fließen ihr wie Bäche aus den Augen. Ich gehe also fort und lasse den Frechling vor das Rabbinergericht laden.

Er kommt nicht hin, und ich lasse wieder eine Zeit verstreichen.

Und da wurde es plötzlich still. Vom Ehepaar hörte ich gar nichts mehr. Das kam aber nur daher, weil der Verbrecher seiner Broche-Leë verboten hatte, über meine Schwelle zu kommen; sonst würde er sie windelweich schlagen! Broche-Leë ist aber ein gesittetes Weib und tut, was der Mann verlangt. Sie sitzt also zu Hause und vergießt heimliche Tränen.

Und höre ich nichts, so weiß ich nichts!

Inzwischen habe ich auch meine eigene Tracht Sorgen: meine Frau Feige wird mir krank; der Arzt sagt, es sei Fieber; die Nachbarn sagen etwas anderes, und ich meine, es kommt von einem bösen Blick. Das Haus ist ohne Hausfrau, die Kinder ohne Mutter und auch – ohne Vater: es ist gerade Semesterwechsel, und ich muß herumlaufen, um mir noch zwei oder drei Schüler zu verschaffen. Und das ist nicht genug: ich bin auch selbst nicht ganz beisammen.

Die Warschauer steilen Treppen nehmen mir alle Lebenskraft! Und dazu hetzt man mich noch von allen Seiten: der Hausherr mahnt das Wohnungsgeld, und ich bin ihm schon zwei Quartale schuldig geblieben! Und der Bezirksinspektor verlangt von mir, daß ich noch ein Zimmer hinzumiete, damit es die Schüler geräumiger haben, damit es in der Lehrstube mehr Luft gibt!

Gott möge es mir verzeihen – ich habe an Broche-Leë nicht mehr gedacht! Und sooft ich mich an sie erinnerte, sagte ich mir: da es so still ist, wird sich der Bösewicht wohl doch bekehrt haben, und sie tun jetzt nichts, als sich herzen und küssen! Und weil es ihr so gut geht, hat sie die armen Verwandten ganz vergessen.

Aber einmal – ich komme halb ohnmächtig und, nicht auf euch gesagt, mit geschwollenen Füßen nach Hause, will mir die Hände waschen, irgend etwas herunterschlingen, schnell das Tischgebet sprechen und die Knochen im Bette ausstrecken – da verkündet mir meine Frau Feige eine frohe Botschaft: Broche-Leë war dagewesen, hatte bittere Tränen vergossen und uns Mörder gescholten, weil uns ihr Unglück nichts anginge; sie sei eine verlassene Waise, elend und einsam wie ein Stein.

Sie erzählte noch, daß ihr Mann Mojsche-Ißroel sie martere und ihr Todfeind sei. Er schlage und prügele sie, so daß sie schon viele Male aus Nase und Ohren geblutet habe.

Und ich frage meine Frau Feige: »Wie kann das sein? Daß ein Jude seine Frau schlägt, und dazu noch eine Frau in gesegneten Umständen?!…«

Sie antwortet, daß es wohl von seiner wahnsinnigen Bosheit kommt; Mojsche-Ißroel hat den rechten Weg schon längst verlassen. Er hat jedes Gottvertrauen verloren; darum schreit er, er habe nicht mehr, wovon zu leben … Und er verlangt – sein Name und sein Andenken mögen ausgelöscht werden! – daß Broche-Leë sich etwas antue … Die ganze Welt macht es, sagt er, so; selbst die feinsten Damen … Und da sie es nicht tun will, schlägt er sie und beschimpft sie und ihren Vater mit den schrecklichsten Flüchen!

Wie ich höre, daß er meinem Bruder, gesegneten Angedenkens, flucht, werde ich voller Zorn! Ich vergesse alles andre, nehme meinen Stecken – mein Tod oder sein Tod! Abschlachten werde ich den Hund! – und laufe ohne Atem und Besinnung aus dem Hause …

Und ich komme und sehe …

Einen Jammer sehe ich!

Die Tür steht offen, in der Stube ists stockfinster. Der Kerl ist fort, durchgebrannt! Fort ist der ganze Hausrat, selbst die Bettwäsche hat er abgezogen … Und wo ist sie?

Sie liegt auf dem Boden und windet sich in Krämpfen …

IV

Ein Wunder. Meine Frau Feige und ihre Taten. Man wirft mich hinaus, und wohin ich gehe

Es geschah ein Wunder, daß meine Frau Feige, unberufen, ihren gesunden Menschenverstand behielt.

Als ich den Stecken nahm und schrie, daß ich den Hund umbringen werde, nahm es sich meine Frau Feige gar nicht zu Herzen … Sie weiß ganz gut, daß ich, Gott behüte, kein Mörder bin und nicht eine Fliege an der Wand töten kann; sie weiß, daß ich, wenn ich schon in Zorn gerate, vor allen Dingen zu weinen anfange. Ich habe schon einmal so eine Natur: vor Zorn fließen mir die Tränen wie Wasser.

Meine Frau Feige weiß auch, daß ich selbst meine Schüler nicht so schlage, wie es sich gehört, und daß mir sogar die Väter deswegen Vorwürfe machen; auch ich selbst fürchte zuweilen, daß ich in dieser Hinsicht vor Gott und den Menschen sündige: denn oft ist so ein Hieb notwendig! Besonders seitdem einer meiner Schüler in schlechte Gesellschaft geriet, ist es meine feste Meinung, daß man zuweilen schlagen muß!

Wir wollen aber nicht abschweifen!

Also meine Frau Feige wußte ganz gut, daß ich ihm nichts tun würde, und blieb darum ruhig auf dem Bette sitzen. Doch später, als eine Stunde, zwei Stunden vergingen und ich noch immer nicht zurück war, bekam sie doch Angst und sagte sich, daß ich den Hund gewiß wie einen Fisch in Stücke geschnitten habe und dafür ins Loch gesperrt worden sei!

Da gab es was! Sie vergaß alle ihre Schmerzen, die Kinder in den Betten und das bißchen Hausrat, das wir hatten, sprang aus dem Bette, warf sich etwas um und lief mir nach; vergaß sogar die Tür hinter sich zu schließen.

Ich schau mich um, – sie ist da. Und kaum ist sie da, als sie gleich auf den ersten Blick erkennt, was vorgeht. Vor allen Dingen, als sie mich wie ein Stück Holz dastehen sieht, schreit sie mich an: »Nichtstuer!« Und im gleichen Augenblick reißt sie die Tür auf und ruft: »Hilfe!« Sofort kommen einige Nachbarinnen. Meine Frau Feige übernimmt das Kommando, und die Nachbarinnen folgen ihren Befehlen. Und eines der Weiber wirft mich auf Feiges Befehl tatsächlich zur Tür hinaus.

Wo geht man nun hin? Auf der Straße ist nasser Schnee, der Wind peitscht mir das Gesicht und stiehlt sich durch die Löcher in meine Kleider hinein …

Also gehe ich ins Bethaus. Dort sitzen noch einige Leute, die nach dem Beten ein wenig in den Talmud hineinschauen. Ich nehme mir auch einen Talmudband. Und fertig, mehr brauche ich nicht! Kaum öffne ich den Talmud, ist Broche-Leë vergessen! Vergessen ist ihr Mann, der Bösewicht! Und auch die ganze Welt. Wer ist von ihrem Mann verlassen? Wer ist durchgebrannt? Wer liegt in Kindsnöten? Das gibt es alles nicht!…

V

Meine Schüler. Wer ist mein Lehrer? Die Thora und ihr Lohn. Das Gleichnis vom Vogel. Schlimme Gedanken und Zweifel

Wenn ich manchmal selbst mit großer Freude studiere, können es meine Schüler aus den reichen Häusern nicht begreifen. Sie fragen mich, ob ich auch noch lernen muß? Und wer mein Rebbe ist?

Die Dummköpfe! Sie wissen nicht, daß die Welt ein guter Rebbe ist, und die Sorge ums Brot – ein gar vortrefflicher Rebbe! Leiden und Unglück sind gute Melameds .. Die Mücke, die ewig das Gehirn sticht mit der Frage: »Und was werden wir essen?«, ist ein gar feuriger Rebbe! Und dann sind auch meine Schüler selbst mitsamt ihren Vätern – meinen Brotgebern – sehr feine Lehrer, ausgezeichnete Lehrer!

Alles treibt zum Lernen. Aber wie die Thora, so auch ihr Lohn. Schlage ich den Talmud auf, so werde ich ein andrer Mensch. Ich fühle, daß sich mir der Himmel auftut! Daß der Herr der Welt mir in seiner großen Gnade Flügel, große und breite Flügel verliehen hat! Und ich fliege auf diesen Flügeln empor – ich bin ein Adler, und ich fliege in weite Fernen fort; nicht übers Meer fliege ich, sondern aus der Welt ganz hinaus! Aus der Welt voller Lüge, Verstellung und bösen Leiden …

Und ich schwinge mich in eine ganz andre Welt hinauf, in eine neue Welt, in eine Welt, wo es nur Gutes gibt. In eine Welt, wo weder dickbäuchige Hausbesitzer noch unwissende vornehme Herren etwas gelten; wo es weder Geld noch Nahrungssorgen gibt, weder schwere Kindsnöte, noch hungernde Kinder, noch schreiende Weiber!

Und dort bin ich, ich, der arme, kranke, unterdrückte, hungernde Melamed, ich ärmster Bettler, der ich hier stumm wie ein Fisch bin und von allen wie ein Wurm getreten werde, – dort bin ich der Mensch, der Vornehme, dessen Meinung gilt! Und ich bin frei, und mein Wille ist frei, und ich habe zu befehlen! Welten baue ich auf und Welten zertrümmere ich und baue mir neue an ihrer Stelle! Neue, schönere und bessere Welten! Und ich lebe in diesen Welten und schwebe in ihnen herum! Ich bin im Paradiese, im wirklichen Paradiese!

Und ich weiß, daß ich mehr weiß, als ich meinen Schülern mitteilen will und kann, mehr als ich mir selbst eingestehe. Ich ahne Dinge, die man mit den Lippen gar nicht aussprechen kann, die kein Auge sieht und kein Ohr hört, die nur im Herzen blühen, nur im Herzen leben und pochen!

Die »zwei, die zugleich nach einem Gebetmantel greifen«, deren Streit der Talmud untersucht, sind für mich nicht zwei beliebige Menschen von der Straße, nicht ein Schimen und ein Ruben, wie ich es meinen Schülern erkläre; und auch der Gebetmantel, um welchen der Streit geht, ist kein gewöhnlicher Gebetmantel, wie man ihn im Laden von Jossel Pesches kaufen kann … Ich fasse es tiefer an!

Ich fange alle die Funken auf, die zwischen den Zeilen, zwischen den Worten, zwischen den Buchstaben leuchten; meine Seele saugt sie ein wie ein Schwamm! Ich fühle, wie mich das Licht, das der Frommen im Jenseits wartet, ganz durchtränkt und erfüllt!

Ach, nur sitzen und studieren! Nur studieren!


Und das muß ich euch auch sagen: wenn ich in reiche Häuser komme und sehe, wie die Leute ganze Nächte hindurch Karten spielen, oder die Zeit mit Weibern oder andern Eitelkeiten verbringen; oder wenn ich durch die Straße gehe und durch die offene Tür einer Schenke einen Handwerker sehe, wie er in einer Wolke von Tabakrauch sitzt und trinkt und dummes Zeug spricht; wenn ich das alles sehe, sage ich euch, werde ich gar nicht böse … ich mache den Leuten gar keine Vorwürfe; im Gegenteil: mir tut das Herz weh vor Mitleid mit ihnen!

Denn wenn wir es so betrachten, was sollen sie ohne Thora tun?

Wie ich bereits erwähnte, gab ich einmal auch in einem Dorfe Unterricht. Mein Schüler zeigte mir, wie am Ende des Sommers alle Vöglein zusammenflogen, um unser Land noch vor Wintersanfang zu verlassen … Ich sah, wie sie sich zu ganzen Heeren versammelten und davonflogen in weite Fernen …

Die kleinen Vöglein können und wollen hier nicht bei Schnee und Frost bleiben … In dieser Zeit hat hier so ein armes Vöglein keinerlei Lebensmöglichkeit … Und die Vöglein wissen es, sie fühlen es, daß der Winter naht, daß ihr Todesengel kommt …

Doch einmal sah ich, wie ein armes verkrüppeltes Vöglein mit einem gebrochenen Flügel auf der nassen, kalten Erde herumhüpfte; es piepste und konnte sich nicht vom Boden erheben, um den großen Vögeln nachzufliegen. Es war wirklich ein Jammer, zu sehen, wie das arme Vöglein keinen Platz finden konnte, wie es immer hüpfte und hüpfte, und den andern freien Vögeln, die schon davonflogen, nachsah …

Damals sagte ich mir: diesem kranken Vögelchen gleicht die Seele des Unwissenden!…

Fliegen können sie nicht, denn sie haben keine Flügel – keine Thora! Gib ihnen Thora, gib ihnen Flügel, so werden auch sie fliegen in die fernen Welten!

Man hat ihnen aber die Flügel zerbrochen, und darum hüpfen sie immer im kalten Straßenschmutz herum … Darum müssen sie schamlose Reden führen oder Karten spielen: der Reiche im Salon, der Arme in der Schenke …

Doch wollen wir zur Sache zurückkehren!

Also ich sitze und studiere. Die paar Leute, die noch im Bethause waren, sind einer nach dem andern heimgegangen. Der Schuldiener ging als letzter fort.

Was geht es mich an? Ich sehe es ja gar nicht!

Bei Licht, im warmen Bethause, den offenen Talmudband vor mir, fürchte ich allein nichts! Ich bin vertieft, ganz wie es sich gehört.

Die Thora gleicht doch, wie ihr wißt, dem Meere. Die Wellen schlagen und wollen mich verschlingen … Doch ich kann schwimmen! Ich tauche unter und bin schon wieder oben! Zuweilen wird das Meer still; schön, rein und klar wie der Himmel liegt es da, und meine Seele badet im frischen, belebenden Wasser; sie gleitet wie über einen Spiegel dahin in Wonne und Schönheit … Und das Wasser wäscht sie, reinigt sie von allen Flecken, von den schwarzen irdischen Stäubchen …

Und rein und heilig wird meine Seele …

Doch plötzlich fühle ich einen brennenden Schmerz in den Fingern, und ich sitze im Finstern …

Der Lichtstummel, den ich in den Fingern hielt, ist ausgegangen!

Alleinsein im Finstern fürchte ich. Und es überfällt mich eine große Angst!

Wenn es um mich herum hell ist, bei Tage oder auch bei Nacht, fürchte ich nichts. Mir ist gut! Ich sehe die Welt, und ich spüre den Hausherrn über der Welt! Ich sehe die Welt, und die Welt sieht mich. Und ich weiß, daß ich ein Teil der Welt bin, und daß ihr Hausherr auch mein Hausherr ist; daß ohne seinen Willen mir kein Haar gekrümmt werden kann. Er wird es nicht dulden, und auch die Welt selbst wird es nicht dulden. Warum sollten sie es auch zulassen?

Aber wenn ich allein im Finstern bin und die Welt nicht sehe, dann – ach, dann höre ich überhaupt auf, Mensch zu sein! Mich befallen böse Gedanken, und es scheint mir – Gott möge mich dafür nicht strafen –, daß ich gar keinen Zusammenhang mit der Welt mehr habe, daß man mich von ihr losgetrennt und aus ihr weggeführt hat … Ich habe mit ihr nichts zu tun; weder ich, noch mein Weib, noch meine Kinder … Nichts haben wir mit ihr zu schaffen! Gleich wird man mich oder einen von uns ganz still wegtun, und niemand wird es sehen, niemand wird es wissen und gewiß niemand fühlen.

Kaum war das Licht ausgegangen, als mich gleich meine Festtagsseele, die nur während des Lernens in meinem Leibe ist, verließ und ich bei meiner zitternden, erschrockenen Werktagsseele blieb, bei der Seele des bettelarmen Melameds … Ich bin wieder ein Nichts, ein Wurm, ein verlorenes Ding …

Und meine Lippen zittern: Gott soll helfen! Gott soll helfen!

Und das Herz nagt und bangt: Broche-Leë wird gebären … gewiß wird sie gebären. Sie wird sogar Zwillinge haben. Denn ihre Mutter war wegen ihrer Zwillingsgeburten berühmt!

Du hast wohl zu wenig an eigen Weib und Kind? Also fällt dir noch Broche-Leë mit einem Kind zu, Broche-Leë mit zwei, mit drei Kindern … Seinwel-Jechïel ruht im Grabe; er sitzt jetzt im Paradiese und lernt Thora. Und du arbeite und ernähre seine Tochter!

Und böse Gedanken sagen mir: Wenn Gott sich erbarmen will, so hat er keinen andern Ausweg, als den Todesengel zu schicken … zu mir … zu der Gebärenden …

Barmherziger Gott! Barmherziger Gott!

Und ich weiß, daß ich vor Gott sündige, daß ich in Gotteslästerung verfalle. Ich weiß das, doch ich habe nicht die Macht, den bösen Gedanken aus dem Herzen zu vertreiben … Denn allein bin ich schwach und im Finstern noch schwächer!

Ich weiß, daß das einzige Mittel dagegen die Thora ist, und ich will sie auswendig studieren; ich will mich auf eines der Probleme besinnen, doch ich kann nicht: ich habe alles vergessen, habe die ganze Thora vergessen!

Und ich rief mit allen meinen Kräften aus:

»Herr der Welt! Hilf mir! Hilf mir!«

Und es geschah mir ein Wunder!

VI

Das Wunder. Das verborgene Licht. Erlösung einer Seele. Der Todesengel, welcher kommt, weil man ihn rief

Als ich diese Geschichte später einem »Aufgeklärten«, einem meiner früheren Schüler erzählte, lachte er, und noch wie! Es war, sagte er, gar kein Wunder, sondern nur ein Zufall oder eine Einbildung, oder vielleicht gar ein Traum oder dergleichen.

Was macht das?

Jitro, Moses' Schwiegervater, hatte bekanntlich sieben Namen, und doch gab es nur einen Jitro!

Nenne es, wie du willst: Zufall, Einbildung, Wunder, – Geschichte bleibt Geschichte!

Ich weiß nur, daß gerade in dem Augenblick, als ich, Gott behüte, in die tiefste Hölle hinabzustürzen glaubte, sich das ganze Bethaus mit Licht füllte! Es war eine so blaue Helle wie in den Lichtsäulen, die manchmal im Sommer von der Sonne durch ein Fenster schräg in die Stube fallen …

Man sieht ganz deutlich, daß eine solche Säule aus kleinen Lichttropfen besteht und daß jedes Tröpfchen in ihr strahlend herumwirbelt.

Und eine solche Säule erfüllte damals das ganze Bethaus.

Plötzlich werde ich ruhig … und alles Denken hört auf!…

Das Bethaus ist von einer süßen Helle erfüllt. Und ich – von einem süßen, lichten Gottvertrauen! Und alles in mir ist so rein, so klar, so kristallen!

Und wie ich nach der Ostwand blicke, von der die Lichtsäule kommt, sehe ich jemanden!

Wen, glaubt ihr, sehe ich?

Meinen Bruder, gesegneten Angedenkens, sehe ich! Und gerade auf dem Platze, wo er bei Lebzeiten immer zu sitzen und zu studieren pflegte.

Er hat vor sich ein Buch … Sein Gesicht kann ich nicht sehen, weil er den Kopf in die Hand stützt. Doch das Herz sagt mir, daß er es ist, mein Bruder Seinwel-Jechïel …

Und ich erschrak gar nicht!

Denn die Regel ist: wer vor Lebendigen keine Angst hat, der zittert vor Toten. Doch ich armer Wurm, der ich vor allem, was da lebt, zittere, was soll ich vor einem Toten Angst haben? Und vor wem? Vor meinem Bruder Seinwel-Jechïel, der auch bei Lebzeiten wie Seide war? Und ich frage ihn ganz einfach:

»Bist du es, Seinwel-Jechïel?«

»Ja, ich bin es!« antwortet er und nimmt die Hand von den Augen.

Ich erblicke sein Gesicht. Es strahlt in seltsamer Lieblichkeit, und in seinen Augen liegt eine eigentümliche Süße …

Und ich frage weiter:

»Was tust du da, Bruder?«

Und er antwortet:

»Was ich tue? Sehr viel tue ich! Als ich bei Lebzeiten hier saß und lernte, verwirrte mich oft der Satan; Nahrungssorgen mischten sich ein, und ich übersprang viele Stellen und lernte andre wiederum ohne große Andacht. Nun tue ich das, was man oben über mich verhängte, damit meine Seele endgültig erlöst werde: Ich wiederhole!«

»Und alles mit Andacht?«

Er nickt bejahend, und ich sage:

»Seinwel-Jechïel, du lernst mit Andacht, weil du nicht weißt, daß …«

Er unterbricht mich mit seiner süßen Stimme:

»Narr,« sagt er, »im Gegenteil: eben weil ich weiß, lerne ich jetzt mit solcher Andacht. Bei Lebzeiten wußte ich wenig und zweifelte viel, und darum übersprang ich viele Stellen ohne Andacht. Denn nur das, was man nicht weiß und woran man zweifelt, verwirrt … Doch jetzt, da ich weiß und keine Zweifel mehr habe, studiere ich immer mit Andacht.«

»Du weißt auch, daß Mojsche-Ißroel …?«

»Nach Amerika entlaufen ist? Ich weiß es! Ich weiß sogar, mit welchem Schiff er durchgebrannt ist … Verbotene Speisen ißt er auf dem Schiff. Ich weiß es!«

»Weißt du, daß Broche-Leë …«

»In schweren Kindsnöten liegt? Gewiß weiß ich es! Ich weiß sogar, daß sie einen Sohn haben wird …«

»Keine Zwillinge?«

»Nein, keine Zwillinge. Sie ist aber sehr zu bedauern! Das Kind wird ein Krüppel sein … Der Bösewicht hat sie gestoßen und dem Kinde Schaden zugefügt …«

Und ich frage weiter:

»Vielleicht weißt du auch, wovon sie leben werden?«

»Auch das weiß ich!« sagt er mild. Er kommt auf mich zu, legt mir seine Hand auf die Achsel und sagt:

»Schau durchs Fenster hinaus!«

Ich tue es.

»Nun, was siehst du?«

»Ich sehe jemanden vorbeigehen … Er ist weiß gekleidet, und sein Antlitz leuchtet, als ob Gottes Herrlichkeit darauf ruhte … Ganz unglaublich strahlt sein Antlitz … Er geht langsam … Mir ists, als ob ich eine süße, herzige Weise hörte, die ein Spielmann im Gehen spielte … Da ist er schon vorbeigegangen, der Mensch …«

»Es war kein Mensch – ein Engel wars!«

»Ein Engel?«

»Ein guter, sehr guter Engel … Der Todesengel!«

»Der Todesengel?« rufe ich erschrocken aus.

»Warum zitterst du so? Willst du ihm entfliehen?«

»Und wohin ging der Engel?«

»Wohin er ging? Zum reichen Reb Simche. Auch seine Tochter liegt in Kindsnöten …«

»Ich weiß es: ich habe ja heute früh mit noch andern Leuten für sie und das Kind Psalmen gelesen …«

»Das Gebet hilft nur zur Hälfte. Das Kind wird leben.«

»Und sie?«

»Hast doch eben gesehen …«

»Also zu ihr ging der Engel! Und so ohne Lust ging er, mit langsamen Schritten … Wohl aus Mitleid?«

»Vielleicht. Er hat keine Eile, weil er nicht Gottes Sendbote ist!«

»Was sagst du?« rufe ich erschrocken. »Wer hat denn noch zu bestimmen?«

»Auch der Mensch hat seinen Willen … Sie selbst hat ihn gerufen …«

»Sie selbst?!«

»Sie wollte kein Kind haben, keine Mutter sein! Hat dem Kinde Schaden zufügen wollen …«

»Herr der Welt!« rufe ich mit großem Schmerz aus. »Sie wird für ihre Sünde sterben … Aber was hat das Kind verbrochen? Das Kind wird doch ohne Mutter bleiben … Herr der Welt!«

»Schrei nicht!« sagt Seinwel-Jechïel und nimmt mich bei der Hand. »Schrei nicht! Broche-Leë wird des Kindes Amme sein. Und von heute an wisse: Der das Leben gibt, gibt auch wovon zu leben!«

Und im selben Augenblick zerrann er mir in der Luft, und die helle Lichtsäule verschwand. Durch das Fenster sah schon der bleiche Wintermorgen herein.

VII