WeRead Powered by ReaderPub
Jüdische Geschichten cover

Jüdische Geschichten

Chapter 14: Der kranke Knabe
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The collection presents linked short narratives set in devout communities, where elders and teachers exchange anecdotes that probe faith, ritual practice, and everyday morality. Framed dialogues and nested tales contrast literal and spiritual readings of law, examine the balance between bodily needs and piety, and expose tensions between tradition and change. Tone alternates between gentle satire and solemn reflection, using compact, dialogic scenes, parables, and homely incidents to illuminate communal memory, ethical dilemmas, and the human struggle to reconcile devotion with ordinary life.

Der das Leben gibt, gibt auch wovon zu leben

Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was ich in diesen Augenblicken empfand!

Ich fiel meiner ganzen Länge nach nieder, und die Quellen meiner Augen taten sich auf, und die Tränen flossen und flossen …

Und es war mir, als ob ich nicht Tränen weinte, sondern Steine: als ob mir aus dem Herzen Steine heraufkämen und durch die Augen herausrollten. Denn je mehr Tränen ich vergoß, desto weniger Steine blieben mir auf dem Herzen, desto leichter und freier wurde es mir in der Brust!

Und die Geschichte geht schon zu Ende.

Ich gehe nach Hause.

Die Tür, sehe ich, steht offen!

Ich trete in die Stube und sehe im schwachen, bleichen Morgenlichte, daß Diebe dagewesen sind! Der ganze Hausrat ist weg!

»Macht nichts!« sage ich mir.

Die Kinder husten im Schlafe trocken und heiser.

Ich höre es und denke mir: »Schadet nichts, macht nichts!«

Bald kommt meine Frau Feige heim und sagt: »Gratuliere!« Und ich antworte:

»Ein Söhnchen, ein Krüppel!«

Sie schaut mich an.

»Bist du ein Prophet oder was?« Sie hört gar nicht, daß die Kinder husten, und sieht nicht, daß die Wohnung ausgeräumt ist.

»Woher weißt du das?«

Und ich sage ihr:

»Noch mehr weiß ich, Feige, meine Frau! Ich weiß, daß des reichen Reb Simches Tochter weggekommen ist (das Wort ›verschieden‹ konnte ich nicht über die Lippen bringen) und daß das Kind, auch ein Söhnchen, lebt! Und daß Broche-Leë seine Amme sein wird!«

»Wer hat dir das alles erzählt?«

»Denn«, sage ich ihr, »der das Leben gibt, gibt auch wovon zu leben.«

Und ich erzählte ihr alles.

Der kranke Knabe

Mameschi, ich will dir ein Geheimnis erzählen; doch der Vater soll davon nichts erfahren!

Du fragst mich: warum? Weil der Vater mich weniger lieb hat …

Nein, Mameschi, ich sündige mit den Lippen: er hat mich nicht weniger lieb, er hat mich nur anders lieb!

Er ist ja der Vater und muß streng sein …

Vater hat einen langen Bart; Vaters Gesicht fühlt sich beim Streicheln nicht so an wie Mutters atlasglattes Gesicht … Er hat auch ganz andre Augen und einen ganz andern Blick. Wenn du mich anschaust, hast du so lachende und dabei so feuchte, so gütige und dabei so traurige Augen … Du bist Mutter und zugleich Kamerad … Vor dir kann ich keine Geheimnisse haben … Mit deinen Augen ziehst du mir jedes Geheimnis aus dem Herzen heraus …

Vater schaut ganz anders: immer ernst, beinahe kalt …

Nein, Mameschi, es sind ganz andre, wirklich ganz andre Augen!

Als ich noch klein war, hatte ich vor dem Vater weniger Angst. Ich weiß noch, wie ich ihm auf die Knie zu springen pflegte, wie ich ihm das Haar zerzauste, den Bart zerteilte und zu Zöpfen flocht, die Lippen übereinanderbog; und wenn er mich böse anschauen wollte, drückte ich ihm die Lider hinunter und schloß ihm einfach die Augen … Heute kann ichs nicht mehr …

Einmal – hörst du, Mameschi? – einmal, als ich krank war, erwachte ich und sah euch beide an meinem Bette stehen … Du hast so still, so herzensstill geweint; und der Vater … Mameschi!… Vater hatte damals ein so schreckliches Gesicht, und ich sah, daß er Gott böse war! Vor Schreck schloß ich wieder die Augen …

Und seit damals kann ich dem Vater nicht mehr nahe kommen wie früher … Etwas hält mich zurück! Oft will mir das Herz aus der Brust springen und ihm zufliegen, und doch kann ich es nicht!

Glaubst du, daß ich den Vater weniger lieb habe? Gott behüte! Ich habe Vater sehr lieb und gewinne ihn mit jedem Tag, mit jeder Minute noch lieber … Wenn er auf mich zugeht, hüpft mir das Herz vor Freude, und es bebt in mir die Seele vor Hoffnung: gleich wird er mich bei der Hand fassen und an sein Herz drücken …

Vor dir zittere ich nicht: du hast mich immer und gleich lieb … Du hast für mich immer Zeit, und du umarmst und küßt mich jeden Augenblick … Du bist immer, immer mein … Vater hat so viel Geschäfte!

Ich weiß: er will, daß ich einmal reich sein soll!


Jetzt willst du wohl, Mameschi, mein Geheimnis hören?

Ich schäme mich!

Vor der Mutter, sagst du, soll man sich nicht schämen? Es ist wahr … Und doch … Weißt du was, Mameschi? Setz dich hier auf diesen Stuhl vor dem Fenster … Gut so!

Ach, wie schön die Sonne untergeht! Wie schön fallen ihre rötlichen Strahlen auf dein edles, blasses Gesicht!…

Ach, Mameschi, wie schön, wie schön und edel bist du!

Warte … Nun will ich mich dir zu Füßen setzen … Und du sollst mir, wenn ich erzähle, nicht ins Gesicht schauen … Ich will mich auf den Fußschemel setzen und beim Erzählen zum Fenster hinausschauen …

Nein!… So ists nicht gut! Ich werde mich vor der Sonne schämen … Siehst du: am Tage strahlt sie, doch am Abend nimmt sie von uns so traurig Abschied, daß ich mich schäme, von mir zu sprechen …

Ich will meinen Kopf an deinen Schoß lehnen … Ich will meine Augen schließen, und du … du leg mir noch deine Hand auf die Stirn … Ist es dir nicht zu schwer, Mameschi, wenn ich meinen Kopf so an dich lehne? Nein?

Sechzehn Jahre ist dein Kind alt und hat ein so leichtes, ein so kleines Köpfchen … Und ich selbst …

Seufze nicht, Mameschi! Gott hat mich nicht zu karg bedacht: er gab mir zwar wenig Fleisch, dafür aber viele andre gute Gaben: dich, den Vater … Tage und Nächte mit wunderlichen Träumen … Und nun – das Geheimnis …

Nun sehe ich nichts … Mit geschlossenen Augen werde ich es vielleicht doch erzählen können … Ich wills versuchen …

Es fällt mir so schwer!…

Wenn ich es mir so überlege – so ist es nichts: ein Netz aus einigen wunderlichen Strahlen, – und doch lastet es mir auf dem Herzen wie ein Stein … Es ist kein Kieselstein, kein Stein von der Gasse oder vom Felde …

Es ist ein kostbarer Stein; er strahlt und leuchtet …

Er liegt mir tief in der Brust und erfüllt mein ganzes Wesen, alle meine Glieder mit seinen Strahlen, mit seinem heimlichen, warmen, lebendigen Licht …

Das Licht soll nicht verlöschen, Mameschi!

Es verlischt so vieles!…


Hörst du, Mameschi!

Nein, warte, so einfach und geradeaus beginnen kann ich doch nicht …

Hör aber! Weißt du noch, Mameschi, daß du mir gestern etwas Kleingeld gabst? Weißt du es noch?

Ich habe davon noch nichts ausgegeben, und doch fehlt mir schon etwas …

Es fehlt mir ein Zehnerl!

Ob ich es verloren habe? Nein … Du gibst mir doch das Geld, damit ich davon armen Leuten, armen Kindern, denen ich bei meinen Spaziergängen begegne, Almosen gebe … Armengeld werde ich doch nicht verlieren!

Ob ich es weggegeben habe? Gewiß. Ob einem Armen? Ich weiß es nicht … Vielleicht ja, und vielleicht auch nicht … Hör nur zu, vielleicht wirst du es selbst verstehen!

Gestern ging die Sonne ebenso schön unter … Vielleicht noch schöner …

Du hast mich schauen gelehrt, und ich schaue und sehe, was andre meinesgleichen nicht sehen … Darum gehe ich am liebsten ganz allein spazieren … Gestern ging ich hinter die Stadt, du weißt, zu der Stelle am Flusse, von wo aus man sie ganz überblickt. Die Häuser türmen sich übereinander, immer höher und höher; und die Häuser, die weiter stehen, wollen über die andern hinüberschauen und auch etwas von Gottes Welt sehen; darum ragen sie, je weiter sie stehen, um so höher hinauf. Und die Sonne sieht im Untergehen auf sie herab und übergießt sie mit ihrem Lichte … nimmt Abschied von ihnen … küßt sie …

Und ich sehe, wie die Schatten diesen letzten Strahlen nachjagen, wie sie sich immer mehr und mehr verdichten und wie sie fließen und überall eindringen, wo sie nur können. Sie erfüllen alle Zwischenräume zwischen den Häusern, alle freien Plätze zwischen den Mauern, und sie heben und jagen das letzte rötliche Sonnenlicht hinauf, in den Himmel, aus dem es kommt … »Geht zur Ruhe, ihr Strahlen, jetzt ist unsre Zeit!… Gute Nacht!…«

Und es wird allmählich dunkler und dunkler und der Himmel immer tiefer und tiefer … Bald werden, einer nach dem andern, die Sterne aufleuchten … Und wie ich das alles sehe, komme ich zur Schreinergasse, zu der letzten Gasse der Stadt, die so steil hinuntergeht … Und so kam ich zum Fluß, wo die alte Schul steht …

Und ich kam ganz nahe an die alte Schul heran.

Am Tage sieht sie schrecklich aus: armselig, baufällig, ganz schwarz vor Alter … Die Spinnen wollen aus Mitleid die eingeschlagenen Fensterscheiben überweben … Und auf dem Hügel gegenüber, am andern Ende der Gasse, steht die schlanke, spitze Christenkirche und lacht …

Doch am Abend sah die alte Schul ganz anders aus … Zum ersten Male sah ich sie gestern so … Ein leichter, lieblicher, dunkelblauer Nebel umhüllte sie … Die Fenster ohne Scheiben waren gar nicht blind … Sie blickten ernst und tief in die Welt hinaus … Und die Gesimse oben lebten und rührten sich beinahe. Die gemalten Löwen wollten sich von der Mauer losreißen … Gleich werden sie zu brüllen anfangen!

Glaubst du, daß das mein Geheimnis ist? Nein, Mameschi! Das alles sehe ich erst jetzt, wie ich es dir erzähle; mit den gestrigen Augen sehe ich es.

Ach, Mameschi, wenn ich reich wäre!

Was ich dann täte?

Ich würde die alte Schul wieder aufrichten!

Ich will, daß auch sie hoch ist und in den Himmel hinaufragt! Und sie muß höher sein, weil sie tiefer steht! Und ein goldenes Dach soll sie haben und kristallene Fensterscheiben!

Hörst du, Mameschi, so denke ich es mir: man kann ja auch ohne Schul auskommen; denn Gott ist überall … Wo nur eine Träne fällt, die merkt er! Wo jemand die Augen zu ihm hebt, den sieht er! Wo nur ein bekümmertes Herz seufzt, das hört er!… Wenn man aber schon eine Schul hat, so soll sie hoch, schön, strahlend und würdig sein.

So dachte ich es mir auch gestern. Und plötzlich hörte ich ein Weinen! Ein leises und trauriges Weinen, süß und traurig und so seltsam ergreifend …

Wenn du spielst, kommen manchmal aus dem Klavier solche weinende Töne …

Und ich glaubte – Mameschi, die Wahrheit zu sagen, wollte ich es glauben, und ich wandte mich absichtlich nicht um, um es möglichst lange glauben zu können – ich glaubte, daß das Weinen und Schluchzen aus der alten Schul kommt … daß dort drinnen, in dunkelblauen Nebel gehüllt, die Seele der alten Schul sitzt und weint …

Und sie beklagt sich, daß die Sonne ihr unrecht tut …, daß sie ganze Garben ihres goldenen Lichtes auf das Kirchendach ausschüttet und ihr kaum einen Strahl gönnt … Sie wirft ihr am hellsten Mittag nur einen blassen Strahl wie ein Almosen zu … Und dieser Strahl gleitet über sie weg und stiehlt sich fort, wie verschämt!…

Aber es war nicht die Schul …


Es war ein kleines Mädchen … Es lag im Sande, suchte etwas und weinte …

Als ich mich umwandte, sah ich erst nur ihr abgetragenes Kleidchen wie einen dunkelgrauen Fleck auf dem gelben Sande und ein Paar ausgetretene Schuhe!

Und noch etwas sah ich …

Mameschi, ich schäme mich … es wird mir so warm … Stelle dir vor: eine Flut rote, ganz feuerrote Haare … Funken stoben aus ihnen …

»Was weinst du, Mädchen, und was suchst du im Sand?«

Ihre Mutter hatte sie etwas kaufen geschickt und ihr ein Zehnerl mitgegeben. Jemand stieß sie im Vorbeigehen an, und das Zehnerl fiel in den Sand … Darum weint sie …

Ich – wenn ich Gott weiß was verloren hätte, ich täte nicht weinen!

Ich frage sie: »Wars ein großer Zehner oder ein weißes Zehnerl?«

»Ein weißes!« sagt sie und wendet sich nach mir gar nicht um.

»Ich will dir suchen helfen,« sage ich.

Ich bücke mich, tue so, als ob ich suchte, und finde ihr ein weißes Zehnerl.

»Hier hast du es!«

Sie sprang vor Freude auf und warf sich mit einem Ruck des Kopfes die rote Haarflut in den Nacken … Und unter den Haaren kam wie unter einer Wolke ein kleines alabasterweißes Gesichtchen zum Vorschein … Und Augen waren darin, Mameschi, Augen …

Nein, Mameschi, die Augen kann ich nicht beschreiben!…

So viel Freude leuchtete in ihnen …

Die ganze Nacht träumte ich von diesen Augen, die ganze Nacht …


Das ist mein ganzes Geheimnis, Mameschi!

Du lächelst?

Lache nicht, Mameschi! Die Augen vergesse ich niemals …


Mameschi …

Darf ich wieder einmal in die Schreinergasse gehen, mir wieder … die alte Schul anschauen?…

Bonze Schweig

Hier auf dieser Welt machte Bonze Schweigs Tod gar keinen Eindruck! Man kann lange fragen, wer Bonze Schweig war, wie er lebte, woran er starb: ob ihm das Herz barst, ob ihm die Kräfte ausgingen, ob ihm unter einer schweren Last das Rückgrat brach … Wer weiß? Vielleicht starb er gar vor Hunger …

Wenn ein Trambahnpferd stürzt, macht das schon viel mehr Eindruck: die Zeitungen berichten darüber, Hunderte von Menschen rennen aus allen Gassen herbei, um das gefallene Pferd oder nur die Stelle, wo sich der Unfall ereignete, zu sehen … Doch auch dem Trambahnpferde wäre diese Ehre nicht zuteil, wenn es ebenso viele Millionen Trambahnpferde gäbe wie Menschen.

Bonze hat still gelebt und ist still gestorben. Wie ein Schatten glitt er durch unsre Welt.

Bei Bonzes Beschneidungsfeier trank man keinen Wein, klirrten keine Becher. Bei seiner Bar-Mizwa(15) hielt er keine wohlgesetzte Rede … Er lebte wie ein farbloses Sandkörnchen am Meeresufer unter Millionen seinesgleichen. Und als der Wind das Sandkörnchen aufhob und auf das andre Ufer des Meeres hinübertrug, merkte es niemand.

Solange er lebte, behielt der Straßenschmutz keine einzige Spur seiner Füße. Und als er begraben war, warf der Wind die kleine Holztafel auf seinem Grabe um. Die Frau des Totengräbers fand später das Brettchen weit vom Grabe liegen, machte Feuer damit und kochte darauf ihre Kartoffeln … Drei Tage nach Bonzes Tode wußte der Totengräber nicht mehr, wo er ihn beerdigt hatte!

Hätte Bonze ein richtiges Grabmal gehabt, so wäre es möglich, daß hundert Jahre nach seinem Tode Altertumsforscher den Grabstein gefunden hätten; dann wäre Bonze Schweigs Namen noch einmal in unsrer Luft erklungen.

Ein Schatten! In keinem Menschenherzen, in keinem Menschenhirn blieb Bonze Schweigs Bild zurück. Nichts erinnert an ihn. Elend gelebt, elend gestorben!

Wenn nicht der ewige Straßenlärm, so hätte vielleicht jemand gehört, wie Bonze Schweigs Rückgrat unter den schweren Lasten knackte; hätte die Welt mehr Zeit gehabt, so hätte vielleicht jemand bemerkt, daß Bonze Schweig erloschene Augen und furchtbar eingefallene Wangen hatte, daß er, selbst wenn er keine Last auf dem Rücken schleppte, immer den Kopf gesenkt hielt, als ob er sich schon bei Lebzeiten ein Grab suchte. Und wenn es nur ebensoviel Menschen gäbe wie Trambahnpferde, so hätte vielleicht doch jemand gefragt: was ist aus Bonze Schweig geworden?!

Als man Bonze Schweig ins Spital brachte, blieb seine Schlafstelle im Keller nicht leer: zehn seinesgleichen warteten schon auf seinen Winkel, den sie untereinander versteigerten. Als man ihn aus dem Spitalbette hob und in die Leichenkammer brachte, warteten auf sein Bett schon zwanzig andre arme Kranke … Und als man ihn aus der Leichenkammer hinaustrug, brachte man zwanzig Leichen herein, die man unter einem eingestürzten Hause herausgeholt hatte … Wer weiß, wie lange er in seinem Grabe bleiben darf, wer weiß, wieviel Tote auf das kleine Fleckchen Erde warten …

Still geboren, still gelebt, still gestorben und noch stiller begraben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


Ganz anders war es aber auf jener Welt! Dort machte Bonze Schweigs Tod einen gewaltigen Eindruck.

Die große Posaune, die dereinst auf Erden bei Messias' Ankunft erklingen wird, verkündete in allen sieben Himmeln: Bonze Schweig ist im Herrn entschlafen! Die vornehmsten Engel mit den breitesten Flügeln flogen durch den Himmel und riefen einander zu: Bonze Schweig ist zu den himmlischen Scharen einberufen worden! Und im Paradiese war eitel Freude, ein Singen und Rauschen: Bonze Schweig! Das ist doch wirklich kein Spaß!

Junge Engel mit diamantenen Augen, goldenen, filigran gearbeiteten Flügeln und silbernen Pantöffelchen flogen und liefen ihm freudejauchzend entgegen! Das Rauschen der Flügel, das Klappern der Pantöffelchen, das fröhliche Lachen der jungen, frischen, rosigen Engel klang durch alle Himmel und drang bis vor den Thron der Göttlichen Majestät. Und Gott selbst wußte schon auch, daß Bonze Schweig kommt!

Vater Abraham stellte sich vor der Himmelstür auf, die rechte Hand zu einem gar freundlichen Willkommengruß ausgestreckt, ein süßes Lächeln auf seinem strahlenden Greisenantlitz.

Was rollt da durch den Himmel?

Zwei Engel rollen einen goldenen Großvaterstuhl ins Paradies. Er ist für Bonze Schweig.

Was hat eben so hell aufgeblitzt?

Eine goldene Krone, mit den teuersten Edelsteinen besetzt, wurde soeben vorbeigetragen: alles für Bonze!

»Noch vor dem Urteilsspruche des Himmlischen Gerichtshofes?« fragen die Gerechten etwas verwundert und nicht ohne Neid.

»Ach!« antworten die Engel, »die Verhandlung wird nur eine leere Formalität sein! Selbst der Ankläger wird nicht wissen, was gegen Bonze Schweig vorzubringen wäre. Der ganze Prozeß wird höchstens fünf Minuten dauern!«

»Ihr wagt es, über Bonze Schweig die Nase zu rümpfen?«


Als die jungen Engel Bonze in der Luft abfingen und ihm eine Hymne sangen; als Vater Abraham ihm wie ein alter Kamerad die Hand drückte; als man ihm sagte, daß für ihn im Paradies bereits ein Sessel stehe, daß man für ihn eine Krone vorbereitet habe, daß am Himmlischen Gerichtshofe über ihn fast kein Wort fallen würde, – da tat Bonze Schweig dasselbe, was er bei Lebzeiten tat: er schwieg vor Schreck. Das Herz stand ihm still. Er war überzeugt, daß das Ganze ein Traum sei oder eine Verwechslung.

Er war an beides gewöhnt: mehr als einmal träumte er auf jener Welt, daß er vom Boden Geld aufliest, ganze Berge Geld; und wenn er erwachte, war er womöglich noch ärmer als zuvor. Mehr als einmal lächelte man ihm aus Versehen zu, und als man merkte, daß es eine Verwechslung war, wandte man sich weg und spie aus …

»Ich habe schon einmal so ein Glück!« denkt er sich.

Er fürchtet die Augen aufzuheben, damit der Traum nicht verschwinde: er wird noch in irgendeinem Loche unter Schlangen und Skorpionen erwachen. Er fürchtet, auch nur ein Wort zu sagen, auch nur ein Glied zu rühren, daß man ihn nicht erkenne und zum Teufel jage …

Er zittert und hört nicht die Komplimente der Engel; er sieht nicht, wie sie ihren Reigen um ihn tanzen; er antwortet nicht auf Vater Abrahams Willkommengruß, und als man ihn vor den Himmlischen Gerichtshof bringt, sagt er nicht Guten Tag.

Er ist vor Schreck ganz außer sich!

Und sein Schreck wird noch größer, als sein Blick unwillkürlich auf den Fußboden des Verhandlungssaales fällt: nichts als Alabaster und Diamanten! »Auf solchem Fußboden stehen meine Füße!« sagt er sich ganz bestürzt. »Wer weiß, mit welchem vornehmen Herrn, mit welchem Rabbi, mit welchem göttlichen Manne sie mich verwechseln! Und wenn der Betreffende kommt, dann ist es aus mit mir!«

Vor Schreck hört er nicht einmal, wie der Gerichtspräsident verkündet: »Der Fall Bonze Schweig!« und sich dann an den Fürsprech wendet, indem er ihm die Akten übergibt: »Lies, doch mach es kurz!«

Der ganze Saal dreht sich um Bonze im Kreise herum; es rauscht ihm in den Ohren, und durch das Rauschen hindurch unterscheidet er allmählich die Stimme des himmlischen Fürsprechs, süß wie eine Geige:

»Sein Name paßte ihm, wie ein von einem genialen Schneider gefertigtes Kleid auf einen schlanken Menschenleib …«

»Was redet er da?« fragt sich Bonze, und er hört, wie eine ungeduldige Stimme den Fürsprech unterbricht:

»Bitte, ohne Gleichnisse!«

»Er klagte niemals,« fährt der Fürsprech fort, »weder über Gott noch über die Menschen. In seinen Augen leuchtete niemals ein Funken des Hasses, und er hob sie kein einziges Mal mit einem Vorwurf gen Himmel …«

Bonze versteht wieder kein Wort, doch er hört, wie die harte Stimme von vorhin den Fürsprech wieder unterbricht:

»Ohne Rhetorik!«

»Hiob hielt es nicht aus, doch er war unglücklicher als Hiob …«

»Bitte, Tatsachen, nackte Tatsachen!« unterbricht der Präsident noch ungeduldiger.

»Mit acht Tagen wurde er beschnitten …«

»Bitte, ohne realistische Details!«

»Der Operateur war ein Pfuscher, konnte das Blut nicht stillen …«

»Weiter!«

»Doch er schwieg immer,« fährt der Fürsprech fort. »Er schwieg auch, als er mit dreizehn Jahren seine Mutter verlor und eine Stiefmutter bekam, eine Stiefmutter, böse wie eine Schlange …«

»Meint er vielleicht doch mich?« denkt sich Bonze.

»Bitte, keine Verdächtigungen gegen dritte Personen!« grollt der Präsident.

»Sie kargte ihm jeden Bissen ab; sie gab ihm verschimmeltes Brot von vorgestern … Sehnen statt Fleisch … Und sie selbst trank währenddessen Kaffee mit Sahne …«

»Zur Sache!« schreit der Präsident.

»Dafür geizte sie nicht mit Kniffen und Schlägen, und sein blau und braun unterlaufener Körper sah aus allen Löchern seiner schäbigen Kleider hervor … Im Winter, beim größten Frost mußte er barfuß auf dem Hofe Holz spalten, und seine Knabenhände waren zu schwach, die Holzklötze zu schwer und das Beil zu stumpf … Mehr als einmal renkte er sich dabei den Arm aus, mehr als einmal fror er sich die Füße wund, doch er schwieg immer. Selbst vor dem Vater …«

»Vor dem Trunkenbold!« ruft lachend der Ankläger dazwischen, und Bonze überläuft es kalt.

»… klagte er niemals,« beendet der Fürsprech seinen Satz. »Und immer elend, immer allein … keine Freunde, keine Schule, kein einziges ganzes Gewand … keine Minute freie Zeit …«

»Tatsachen!« ermahnt wieder der Präsident.

»Er schwieg auch, als sein betrunkener Vater ihn einmal bei den Haaren packte und mitten in der Nacht, in einer Winternacht, aus dem Hause hinauswarf! Er erhob sich still aus dem Schnee und ging, wohin ihn die Füße trugen …

»Er schwieg auch auf seiner Wanderung, und selbst beim größten Hunger bettelte er nur mit den Augen.

»Erst in einer schwindligen, feuchten Frühlingsnacht erreichte er die Großstadt. Er verschwand in ihr sofort wie ein Wassertropfen im Meere, und doch verbrachte er gleich die erste Nacht im Arrest … Er schwieg und fragte nicht, warum und wofür. Und als er aus dem Arrest herauskam, suchte er sich gleich die schwerste Arbeit. Und schwieg!

»Viel schwerer, als die Arbeit selbst, war es für ihn, Arbeit zu finden. Doch er schwieg!

»In kaltem Schweiß gebadet, unter der schwersten Last zusammenbrechend, von Krämpfen im leeren Magen geplagt, schwieg er!

»Von fremden Rädern mit Kot bespritzt, von fremden Mündern bespien, mit der schwersten Last auf dem Rücken vom Bürgersteige auf die Straße gestoßen, zwischen Droschken, Equipagen und Trambahnen gejagt, jeden Augenblick den Tod vor Augen, – schwieg er!

»Er rechnete niemals nach, wieviel Zentner Last auf den Pfennig seines Lohnes kamen, wie oft er bei einem Gange, für den er einen Dreier bekam, zusammenbrach; wie oft er beinahe die Seele ausspie, wenn er seinen Lohn mahnte. Er rechnete niemals nach, weder den eigenen noch den fremden Verdienst – er schwieg!

»Seinen Lohn mahnte er niemals laut: er stand wie ein Bettler vor der Tür und bettelte wie ein Hund mit den Augen. ›Komm später!‹ – und er verschwand stumm wie ein Schatten, um ›später‹ noch stummer um seinen Lohn zu betteln!

»Er schwieg sogar, wenn man von seinem Lohn etwas abschwindelte oder ihm eine falsche Münze gab! Er schwieg immer!…«

»Man meint also doch mich!« tröstet sich Bonze.

Der Fürsprech nimmt einen Schluck Wasser und fährt fort: »Einmal kam in sein Leben eine neue Wendung. Eine Equipage auf Gummirädern raste durch die Straße: die Pferde waren durchgegangen, und der Kutscher lag schon längst mit zerschmettertem Schädel irgendwo auf dem Pflaster … Aus den Mäulern der erschrockenen Pferde spritzt Schaum, unter ihren Hufen stieben Funken, ihre Augen funkeln wie glühende Kohlen in finsterer Nacht … Und in der Equipage sitzt mehr tot als lebendig ein Mensch …

»Und Bonze hielt die rasenden Pferde auf!

»Der Gerettete war ein Jude, ein bekannter Wohltäter, und er vergaß Bonzes Tat nicht!

»Er übergab ihm die Peitsche des getöteten Kutschers, und Bonze wurde Kutscher. Er tat noch mehr: er verheiratete ihn; und noch mehr: er versorgte ihn sogar gleich mit einem Kinde …

»Und Bonze schwieg immer!«

»Er meint mich!« sagt sich Bonze. Er zweifelt nicht mehr, und doch wagt er noch immer nicht, einen Blick auf den Himmlischen Gerichtshof zu werfen. Und er hört, wie der Fürsprech fortfährt:

»Er schwieg auch, als sein Wohltäter bald darauf seine Zahlungen einstellte und auch ihm, Bonze, den Lohn vorenthielt …

»Er schwieg, als seine Frau von ihm weglief und ihm ein Brustkind zurückließ …

»Er schwieg sogar, als fünfzehn Jahre später dieses selbe Kind, das inzwischen groß und stark geworden war, ihn, seinen Vater, aus dem Hause hinauswarf …«

»Mich meint er, mich!« freut sich Bonze.

»Er schwieg,« fährt der Fürsprech weicher und trauriger fort, »als dieser selbe Wohltäter mit allen Gläubigern Vergleich schloß und nur ihm keinen Pfennig von seinem Lohn bezahlte; und selbst dann, als er, wieder einmal in einer Equipage mit Gummirädern und löwengleichen Pferden dahinrasend, ihn, Bonze Schweig, überfuhr!…

»Er schwieg immer! Auf der Polizei sagte er nicht einmal, wer ihn überfahren hatte …

»Er schwieg auch im Spital, wo man doch schreien darf!

»Er schwieg, als der Doktor sich weigerte, anders als gegen Bezahlung von fünfzig Kopeken zu seinem Bette zu gehen; als der Krankenwärter ohne fünf Kopeken ihm die Wäsche nicht wechseln wollte!

»Er schwieg in der Agonie, er schwieg im Sterben …

»Kein Wort gegen Gott, kein Wort gegen Menschen!

»Dixi!«

Bonze fängt wieder an am ganzen Leibe zu zittern. Er weiß, daß nach dem Fürsprech der Ankläger das Wort hat. Wer weiß, was der sagen wird! Bonze hat von seinem ganzen Leben nichts im Gedächtnisse behalten. Auch auf jener Welt vergaß er jede Minute schon in der nächsten Minute … Der Fürsprech hatte ihm alles in Erinnerung gebracht. Wer weiß, woran ihn der Ankläger erinnern wird!

»Meine Herren!« fängt der Ankläger mit scharfer, stechender, sengender Stimme an.

Er kommt nicht weiter.

»Meine Herren!« beginnt er von neuem, schon viel weicher, und stockt wieder.

Schließlich erklingt aus dem gleichen Munde eine beinahe milde Stimme:

»Meine Herren! Er schwieg, also will auch ich schweigen.«

Es wird still, und es erklingt eine neue, weiche, zitternde Stimme:

»Bonze, mein Kind Bonze!« klingt es wie eine Harfe: »Mein Herzenskind Bonze!«

In Bonze schluchzt das Herz … Er möchte jetzt die Augen aufschlagen, sie sind aber von Tränen geblendet … So süß und traurig zugleich war es ihm noch niemals ums Herz. »Mein Kind!« – seit dem Tode seiner Mutter hat er noch nie eine solche Stimme und solche Worte gehört.

»Mein Kind!« fährt der Allbarmherzige Vater des Gerichts fort. »Du schwiegst immer! Du hast kein einziges Glied, keinen einzigen Knochen in deinem Leibe, der nicht wundgeschlagen wäre; es ist keine noch so verborgene Stelle in deiner Seele, die nicht blutete … Und du schwiegst immer …

»Dort verstand sich niemand darauf; vielleicht wußtest du sogar selbst nicht, daß du schreien kannst und daß vor deinem Schreien die Mauern Jerichos erzittern und einstürzen würden? Du wußtest nichts von der Kraft, die in dir schlummerte …

»Auf jener Welt wurde dein Schweigen nicht belohnt. Doch jene Welt ist die Welt der Lüge. Hier, auf der Welt der Wahrheit, wirst du deinen Lohn bekommen!

»Dich wird der Himmlische Gerichtshof nicht richten, über dich wird er keinen Spruch fällen.

»Dir wird er nichts zuteilen und nichts zumessen: nimm dir, was du willst! Alles ist dein!«

Bonze hebt zum erstenmal die Augen. Das Licht, das von allen Seiten auf ihn eindringt, blendet ihn. Alles blitzt, alles glänzt und funkelt, von allen Seiten schießen Strahlen; von den Wänden, von den Geräten, von den Engeln und von den Richtern.

Und er läßt die müden Augen wieder sinken.

»Ist es wahr?« fragt er ungläubig und verschämt.

»Gewiß!« antwortet sehr bestimmt der Vater des Gerichts. »Ich sage dir ja: alles ist dein! Alles im Himmel gehört dir! Wähle und nimm dir, was du willst: denn du nimmst nur von dem, was dir gehört!«

»Ist es wahr?« fragt Bonze wieder, doch schon etwas sicherer.

»Gewiß! Gewiß! Gewiß!« versichert man ihn von allen Seiten.

»Nun, wenn so,« sagt Bonze lächelnd, »so will ich jeden Morgen eine warme Semmel mit frischer Butter!«

Richter und Engel schlagen verschämt die Augen nieder. Der Ankläger beginnt zu lachen.

Neïlo in der Hölle(16)

An einem ganz gewöhnlichen Tage, es war weder Jahrmarkt noch Wochenmarkt, hörten die Marktleute plötzlich Pferdegetrabe und sahen in der Ferne den Straßenkot aufspritzen. Bald zeigte sich auch eine Kutsche mit einem Pferde. Wer kann da gefahren kommen? Doch als die Kutsche auf dem Marktplatze anlangte, wandten sich alle Leute voller Abscheu, Angst und Zorn weg: in der Kutsche saß der Angeber aus der Nachbarstadt, der wohl direkt in die Hölle fuhr. Wer weiß, wen er diesmal bei den Behörden angeben wird!

Plötzlich wird es still, die Leute schauen unwillkürlich hin: die Kutsche ist stehengeblieben, das Pferd hat den Kopf gesenkt und säuft aus einer Pfütze, und der Angeber ist von seinem Sitz heruntergefallen und liegt unbeweglich da.

Es ist ja immerhin eine Menschenseele! Die Leute laufen hinzu: der Mann ist tot. Der Feldscher bestätigt: »Der ist erledigt!« Angestellte der Beerdigungsbrüderschaft nehmen sich der Leiche an. Pferd und Wagen werden verkauft, und mit dem Erlös werden die Beerdigungskosten bestritten.

Kaum ist er beerdigt, als die Teufel seine Seele packen, sie nach der Hölle schleppen und dort dem Torbeamten übergeben. Der Angeber wird für eine Weile beim Höllentor aufgehalten, und der Beamte, der die Bücher und Eingänge und Ausgänge führt, nimmt gelangweilt und gähnend seine Personalien auf und trägt alles mit träger Hand in sein Buch ein.

Und der Angeber, dessen ganzer Einfluß in der Hölle nichts mehr wert ist, gibt Antwort: Da und da geboren, da und da geheiratet, soundso lange sich vom Schwiegervater aushalten lassen, dann von Frau und Kindern entlaufen, in die und die Stadt verzogen und den Beruf eines Angebers ergriffen, von dem er auch so lange lebte, bis sein Maß voll wurde. Er starb plötzlich auf der Durchreise, auf dem Marktplatze der Stadt Lahadam.

Da wird der Höllenbeamte, der die Bücher führt, plötzlich interessiert. Er hält mitten im Gähnen an und fragt:

»Wie heißt die Stadt? La – ha – –«

»Lahadam!« wiederholt der Angeber.

Der Matrikelführer wird plötzlich rot, und seine Augen drücken höchstes Erstaunen aus.

»Habt ihr mal von einer solchen Stadt gehört?« wendet er sich an seine Gehilfen.

Die Gehilfen zucken die Achseln, schütteln die Köpfe und strecken die Zungen aus:

»Nein, noch nie!«

»Gibts überhaupt eine solche Stadt?«

Jede Gemeinde hat in der Hölle ihr eigenes Buch. Die Bücher sind alphabetisch geordnet, und jeder Buchstabe hat einen eigenen Schrank. Man nimmt also alle Bücher mit L durch: Lublin, Lemberg, Leipzig; alle Städte sind da, doch keine Stadt Lahadam!

»Und doch gibt es eine solche Stadt!« sagt der Angeber. »Eine Stadt in Polen.«

»Ist sie vielleicht ganz neu gegründet?«

»Nein, sie steht schon an die zwanzig Jahre da. Der Gutsbesitzer hat sie erbaut und zwei Jahrmärkte eingesetzt. Es gibt da eine Schule, ein Bethaus, ein Bad …, zwei heimliche Branntweinschenken …«

»Ist hier schon einmal wer aus Lahadam gewesen?« fragt der Matrikelführer noch einmal seine Gehilfen.

»Nein, niemand!« antworten sie.

»Sterben denn dort die Leute gar nicht?« fragt man den Angeber.

»Warum sollen sie nicht sterben?« antwortet er nach Judenart mit einer Frage. »Die Leute wohnen in kleinen, dumpfen Zimmern, das Bad ist so gebaut, daß man darin nicht atmen kann, das ganze Städtchen steht auf einem Sumpf!« Der Angeber fällt allmählich in seinen gewohnten Angeberton.

»Auch einen Friedhof gibt es dort. Die Beerdigungsbrüderschaft schindet furchtbar hohe Gebühren. Erst vor kurzem gab es da eine Seuche …«

Man schickt den Angeber in die entsprechende Abteilung der Hölle und fragt wegen des Städtchens Lahadam an höherer Stelle an; da muß etwas nicht in Ordnung sein: die Stadt steht seit zwanzig Jahren da; es hat dort sogar schon eine Seuche gegeben, und doch – kein einziger Toter von dort!

Die höhere Stelle schickt Boten hinauf, um der Sache nachzugehen: es stimmt! Und es verhält sich so: Es ist ein Städtchen wie jedes andere, mit wenig gottgefälligen Werken und sehr viel Sünden. Der böse Trieb arbeitet dort sogar recht energisch. Also, wo ist der Haken? Nun, sie haben eben in ihrer Gemeinde einen ganz ungewöhnlichen Vorbeter! Das heißt, der Vorbeter ist als Mensch durchaus gewöhnlich und unbedeutend, doch er hat eine Stimme, eine so süße, so himmlische Stimme, daß, wenn er singt, selbst die verstocktesten eisernen Herzen weich wie Wachs werden. Kaum steht er am Vorbeterpult, als die ganze Gemeinde ihre Sünden bereut und so aufrichtig Buße tut, daß oben alle Sünden vergeben und aus den Registern gestrichen werden. Und die Tore des Paradieses stehen allen Einwohnern von Lahadam weit offen. Wenn einer kommt und sagt: »Ich bin aus Lahadam«, so wird er gar nicht mehr weiter gefragt.

Die ganze Geschichte paßt der Hölle selbstverständlich gar nicht, und Satan selbst nimmt die Sache in die Hand. Er wird mit dem Vorbeter schon fertig werden! Was tut er? Er schickt auf die Erde hinauf und läßt sich einen lebenden kalikutischen Hahn mit rotem Kamm holen. Man bringt ihm bald den Hahn und stellt ihn vor ihn auf den Tisch. Der Hahn ist so erschrocken, daß er sich gar nicht rührt, und der Satan – verflucht sei sein Name! – setzt sich vor ihn hin, fängt ihn zu krauen an und starrt so lange und unverwandt auf seinen roten Kamm, bis dieser weiß wie Kalk wird. Wie der Satan fühlt, daß der Allmächtige oben in höchsten Zorn geraten ist, ruft er aus:

»Soll er seine süße Stimme verlieren bis zu seiner Sterbestunde!«

Wen er bei dieser Beschwörung meinte, wißt ihr selbst; und ehe noch der Kamm des kalikutischen Hahns wieder rot geworden war, hatte schon der Vorbeter von Lahadam seine Stimme verloren. Seine Kehle ist wie geschlagen; er kann kaum noch sprechen. Wer am Unglück die Schuld hat, weiß man schon; das heißt, einige Wunderrabbis wissen es. Wer hat aber den Mut, dem Vorbeter so etwas zu sagen? Es ist doch sowieso nichts mehr zu machen! Wenn der Vorbeter als Mensch noch irgendwie hervorragend wäre, so könnte man vielleicht durch Fürbitte im Himmel etwas erreichen. Aber er war eben ein durchaus unbedeutender Mensch, eine Null …

Der Vorbeter reist von einem Wunderrabbi zum andern, doch keiner kann ihm etwas sagen. Nun kommt er zum Rabbi von Opatow und gibt ihm keine Ruhe: er wird nicht fortgehen, bis er die Wahrheit erfahren hat. Es ist ein Jammer mit dem Menschen! Und der Rabbi versucht ihn zu trösten:

»Wisse, daß deine Heiserkeit nur bis zu deiner Sterbestunde anhalten wird. Dein Sterbegebet wirst du aber schon mit einer so klaren Stimme sprechen können, daß man es in allen Himmeln hören wird!«

»Und bis dahin?«

»Bis dahin ist die Sache hoffnungslos!«

Der Vorbeter bestürmt noch einmal den Rabbi:

»Wie ist das geschehen? Warum ist mir das geschehen?«

Und er plagt den Rabbi so lange, bis dieser ihm alles erzählt.

»Wenn so,« schreit der Vorbeter mit heiserer Stimme auf, »so werde ich mich schon rächen!« Und mit diesen Worten läuft er hinaus.

»Wie willst du dich rächen? Und an wem?« ruft ihm der Rabbi nach. Doch der Mann ist schon fort.

Das geschah an einem Dienstag; andre sagen – an einem Mittwoch. Und als am Donnerstag abend die Fischer von Opatow Fische zum Sabbat fangen wollten und ihr Netz herauszogen, so war das Netz auffallend schwer; und wie man es herauszog, lag darin der Vorbeter von Lahadam.

Er hatte sich von der Brücke ins Wasser gestürzt. Und wie er das Sterbegebet sprechen sollte, hatte er seine schöne Stimme, wie es ihm der Rabbi ganz richtig vorausgesagt hatte, wiederbekommen; denn der Satan hatte ausdrücklich bestimmt: »Bis zur Sterbestunde!« Doch als er ins Wasser sprang und sich ertränkte, hat er das Sterbegebet gar nicht gesprochen, sondern seine Stimme für später aufgehoben. Und das war seine Rache, wie ihr es gleich sehen werdet.

Wie es einem Selbstmörder geziemt, wird der Vorbeter sofort von den Teufeln gepackt und in die Hölle geschleppt. Beim Tore wird er wie üblich ausgefragt, aber er gibt keine Antwort. Man versucht, ihn mit einer glühenden Gabel zum Sprechen zu bringen, doch er schweigt.

»Nehmt ihn so!«

Man weiß doch auch so, wer er ist: man hatte ihn ja erwartet! Und man nimmt ihn »so« und führt ihn zu einem Kessel, der für ihn gerade heiß gemacht wird: sobald das Pech zu sieden anfängt, wird man ihn hineinwerfen. Doch der Vorbeter setzt sich plötzlich den Daumen an die Gurgel und beginnt den Kaddisch aus der Neïlo …

Er singt, und seine Stimme klingt immer mächtiger und noch süßer, noch herzergreifender als je … Und in den Kesseln, aus denen bisher ein Winseln und Jammern drang, wird es plötzlich still. Dann fallen Stimmen ins Gebet ein, verbrühte Köpfe heben die Deckel von den Kesseln, und versengte Lippen singen mit …

Die Teufel, die bei den Kesseln stehen, beten nicht mit: sie sind vor Schreck wie gelähmt. Sie stehen – der eine mit einer Tracht Brennholz zum Nachlegen, der andre mit einem Schürhaken, der dritte mit einer eisernen Gabel in der Hand, mit aufgerissenen Mäulern, ausgestreckten Zungen, runden Augen und verzerrten Gesichtern und rühren sich nicht; andre sind vor Schreck umgefallen … Während der Vorbeter in der Neïlo fortfährt, geht das Feuer unter den Kesseln allmählich aus, und die Toten kommen einer nach dem andern heraus.

Er singt, und die ganze Gemeinde betet voller Inbrunst mit; und während sie beten, verheilen die Brandwunden und überziehen sich mit neuer Haut, verbrannte Glieder wachsen nach, und alle Leiber sind wie geläutert …

Und wie der Vorbeter zur Stelle kommt: »Gesegnet seiest du, Herr, der du die Toten lebendig machst!« – werden alle Toten wirklich lebendig, nehmen die Gestalt an, die sie vorher hatten, und rufen wie ein Mensch »Amen!« Und bei der Stelle: »Sein großer Name werde gepriesen in alle Ewigkeit!…« klingt es so laut, daß alle Himmel sich auftun und das Bußgebet der Sünder bis in den siebenten Himmel hinaufsteigt, bis zum Throne der Göttlichen Majestät. Und es ist gerade eine Stunde der Gnade, und alle Sünder, die nicht mehr Sünder sind, bekommen plötzlich Flügel und fliegen empor und finden die Tore des Paradieses weit geöffnet.

In der Hölle zurückgeblieben sind nur die vor Schreck erstarrten Teufel und der Vorbeter selbst. Wie bei Lebzeiten hatte er durch seine Stimme alle Herzen erweicht und zur Buße bekehrt, doch selbst nicht ordentlich Buße getan. Zudem war er ja auch ein Selbstmörder!

Mit der Zeit hat sich die Hölle wieder gefüllt … Ich hörte sogar, daß man dort jetzt einen Erweiterungsbau aufführt …

Reb Jojchenen Gabaj

Müde und abgespannt von seiner Arbeit in der Gemeinde kam Reb Jojchenen der Gabaj(17) nach Hause. Schon in der Küche empfing ihn der Geruch von Speisen, von Fleisch und gekochten Äpfeln. Er trat schnell ins nächste Zimmer, wo ihm aber seine Frau Ssosche einen wenig freundlichen Empfang bereitete.

»Müßiggänger!« schrie sie ihm mit böser Stimme entgegen, als er sich auf der Schwelle zeigte.

»Warum schimpfst du?« fragte Reb Jojchenen, indem er sich auf eine Bank setzte, um auszuruhen.

»Er fragt noch, warum ich schimpfe! Immer bist du mit deinen Gemeindesachen beschäftigt; wann wirst du aber, du Müßiggänger, auch etwas für dich selbst tun?«

»Für mich?« fragte der Gabaj verwundert. »Was soll ich denn für mich tun? Unsere Kinder sind ja schon, Gott sei Dank, selbständig, und uns beiden fehlt gar nichts … Was soll ich also tun?…« Er sieht sich in der Stube um und fügt hinzu: »Das Bett ist auch ohne mich gebettet, das Geschirr ist auch ohne meine Hilfe gewaschen; ich habe die Wände nicht einmal angerührt, und doch sehe ich an ihnen keine Spur von Spinnweben. Auch der Tisch ist schon gedeckt, das Tischtuch ist schneeweiß, die Bestecke funkeln wie aus Gold. Ich seh auch die Rettichspeise auf dem Tisch, geriebenen Meerrettich, ein Fläschchen Branntwein …«

»Hör schon auf mit deinen Sprüchen und geh dich waschen!«(18)

»Nein, Ssosche, ich werde mich nicht eher waschen, als du selbst zugeben wirst, daß ich recht habe. Hier zu Hause habe ich nichts zu versorgen, dafür aber im Bethause um so mehr; denn wer wird sich um alle die Sachen kümmern, wenn nicht ich? Vielleicht Joßke der Krämer, der nicht einmal zum Essen Zeit hat? Oder Jechijel der Dorfhausierer, der schon am Sabbatabend, gleich nach dem Hawdolo-Gebet das Haus verläßt und erst am Freitag gegen Abend heimkommt? Oder gar Ruben der Geldverleiher, der den ganzen Tag herumrennt, um bei den armen Leuten einige Groschen Zinsen einzusammeln? Oder gar einer von den armen Handwerkern, die schwer arbeiten müssen, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen?«

»Laß gut sein, ich bin nicht mehr böse …«

»Macht nichts. Ich weiß, daß du mir nicht mehr böse bist. Ich will dir aber noch beweisen, daß ich auch für mich selbst sorge. Schau mich an, Ssosche, sieh meinen weißen Bart und meine weißen Schläfenlocken. Ich bin nicht mehr jung … Also muß ich mich auf eine weite Reise vorbereiten …«

»Auf eine Reise? Auf was für eine Reise?« fragt Ssosche verwundert. Sie begreift aber sofort selbst, was er damit meint, und ruft erschrocken aus: »Um Gottes willen, sprich nicht davon! Gott behüte!…«

»Brauchst keine Angst zu haben, Ssosche. Du bist ja auch älter als zwanzig Jahre … Und was werden wir beide antworten, wenn man uns dort oben fragt, was wir auf dieser Welt getan haben? Daß wir hier aßen und tranken? Und was wird der liebe Gott dazu sagen? Du wirst noch wenigstens vorbringen können, daß du dich am Verein für die Ausstattung armer Bräute betätigt hast …«

»Sprich nicht davon!« bittet Ssosche. Sie fürchtet, daß dadurch ihr Lohn im Jenseits beeinträchtigt werden könne.

»Darum will ja auch ich etwas Gutes tun …«

»Sehr gut. Sehr gut. Tu, was du willst. Geh dich aber endlich waschen!«

»Nur noch eines,« fährt der Gabaj fort: »Erinnerst du dich noch an dein seidenes Brautkleid mit den silbernen Streifen?«

»Ob ich mich daran erinnere!«

»Würdest du es nicht dem Bethause stiften, damit man daraus einen Vorhang für den Thoraschrein macht?«

»Sehr gerne! Ich will es sofort heraussuchen …«

»Wart, Ssosche, ich hab es schon selbst genommen, und es hängt bereits vor dem Thoraschrein!«

»Du Dieb!« sagt Ssosche lächelnd.

Nun wäscht sich Reb Jojchenen endlich die Hände und setzt sich an den Tisch. Er ißt mit großem Appetit, spricht das Tischgebet und legt sich schlafen.


Reb Jojchenen der Gabaj schlief bald ein, und seine Seele flog in den Himmel hinauf und verzeichnete dort im Buche seiner Verdienste:

»Ich, Jojchenen, Sohn der Sarah, war heute den ganzen Tag mit heiliger Arbeit beschäftigt. Ich sagte mir: Ich und mein Weib Ssosche wohnen in einem schönen Hause, während das Gotteshaus baufällig ist und ausgebessert werden muß. Darum mietete ich Handwerker und ließ das Bethaus ausbessern. Heute brachte man zwei neue Bänke und einen neuen Tisch ins Gotteshaus. Ich ließ auch den Fußboden reinigen, die Wände und alle Möbel und Geräte putzen. Vor dem Vorbeterpult an der Ostwand habe ich einen neuen Leuchter angebracht. In der Kasse des Bethauses waren im ganzen fünfundvierzig Rubel. Um alles zu bezahlen, mußte ich aus meiner eigenen Tasche sechs Rubel und vierundachtzig Kopeken dazulegen. Für Rechnung meiner Frau Ssosche stiftete ich einen seidenen Vorhang für den Thoraschrein; sie ist außerdem auch im Verein für die Ausstattung armer Bräute tätig. Der liebe Gott möge es ihr für ihr Seelenheil anrechnen! Mit der Ausbesserung des Bethauses ist man heute fertig geworden. Und ich habe dem Schuldiener strengstens verboten, jemanden ins Bethaus zum Übernachten einzulassen. Das Gotteshaus soll nicht mehr die Schlafstube für fremde Bettler sein. Der Schuldiener muß von nun an das Haus jeden Abend absperren …«

Reb Jojchenens Seele schrieb noch weiter, als in den Himmel eine andre Seele geflogen kam und in ihr Buch folgendes eintrug:

»Ich, Berl, Sohn der Judith, bin schon siebzig Jahre alt. Solange ich noch die Kraft dazu hatte, verdiente ich mein Brot durch meiner Hände Arbeit. Jetzt, da ich alt und schwach bin und nicht mehr arbeiten kann, muß ich bei fremden Leuten betteln. Anfangs ging es mir nicht schlecht. Die Leute kannten mich, und ich hatte immer zu essen. Doch mit der Zeit wurden sie meiner überdrüssig und gaben mir immer seltener Almosen. Oft schenkte man mir ein so trockenes Stück Brot, daß ich es mit meinen alten Zähnen gar nicht zerbeißen konnte. Ich sah ein, daß ich, wenn ich in meiner Stadt bleibe, Hungers sterben müsse. Darum verließ ich die Stadt und kam her. Es ist heute sehr kalt, und ich wollte ins Bethaus gehen, um da zu übernachten, wie es in allen jüdischen Städten Sitte ist. Doch der Schuldiener versperrte die Tür und ließ mich nicht hinein. Der Gabaj hätte ihm gesagt, er solle niemanden zur Nacht ins Bethaus einlassen; denn das Gotteshaus sei keine Herberge … Jetzt schlafe ich unter freiem Himmel, und die Kälte frißt das Mark meiner alten Knochen. Ich bin hungrig und friere … Nun frage ich dich, du Herr der Welt: Wer braucht das Bethaus nötiger: du oder ich


Und es erklang eine Stimme vom Himmel: »Beide sollen sofort vor dem höchsten Gerichtshofe erscheinen!«

Und am nächsten Morgen fand man tot: Reb Jojchenen den Gabaj in seinem Bette und einen alten Bettler erfroren auf der Straße neben dem Bethause …

Druck der Piererschen Hofbuchdruckerei, Altenburg.