WeRead Powered by ReaderPub
Kleine Lebensgemälde in Erzählungen cover

Kleine Lebensgemälde in Erzählungen

Chapter 7: Hinweise zur Transkription
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A series of short life portraits presents scenes of provincial society and moral types, often organized around visits and recollections that reveal how twenty years reshape fortunes, reputations, and relationships. A narrator recalls his middle-sized hometown upbringing, contrasting his lively temperament with an older brother's methodical seriousness, parents' social ambition and hospitable extravagance, and how expectations about careers and status misalign with later outcomes. Episodes emphasize social manners, family tensions, and the unpredictable effects of time on personal character and financial standing, blending anecdote and reflection to show contrasts between youthful hopes and mature realities.

 Es war einmal ein Königssohn,
Ein Wüthrich, den die Menschen flohn.
Nicht bänger fliehn die Kinder,
Wenn Ruprecht kömmt, und nicht geschwinder.
Der Vater weinte bitterlich,
Und sprach vergebens: bessre Dich!
Die Lehrer zwang sein Fluchen,
Die Thore vom Pallast zu suchen.
 Einst führet sein Geschick ihn hin,
Wo eine junge Schäferin,
Von Hitz' und Lauf ermattet,
Die Nacht des grünen Walds beschattet.
Sie ruht im Schlaf, ihr Antlitz lacht
Gleich einer heitern Sommernacht,
Und frei und immer freier
Spielt Zephyr mit des Busens Schleier.
 Wie ward dem Wilden, der sie sah!
Wie eine Säule steht er da
Wohl eine ganze Stunde,
Mit starrem Blick und offnem Munde.
Doch sie erwacht, und eilt zu fliehn,
Die Ehrfurcht lehrt ihn niederknien;
Der Stolze ruft mit Thränen:
Verzeuch, o lieblichste der Schönen!
 Umsonst, sie flieht mit trübem Blick,
und mit Gefühl kehrt er zurück,
Das nimmer sich gereget,
Seit ihm ein Herz im Busen schläget.
Des Herzens Drang, des Wissens Lust,
Entflammen plötzlich seine Brust;
Der Alte will vor Freuden
Im Arm des neuen Sohns verscheiden.
 Er fragt: Wer hat Dich so bekehrt?
Der Jüngling sagts; der Alte schwört:
Ich rufe sie noch heute
Im Hochzeitschmuck an Deine Seite.
Sie reichen sich die frohe Hand.
Noch jetzt hört man im ganzen Land,
Vom Prinzen und der Schönen,
Ein Lob von allen Lippen tönen.

Diese Verse setzten unsern Lisuart in Erstaunen, und gaben ihm noch Deutungen, Aufschlüsse über sein Innres. Ja, so konnte des Herzens Drang erwachen und des Wissens Lust; o, wäre der Alte da gewesen! Doch sah der junge Mensch wohl ein, daß davon bei einem Tertianer die Rede noch nicht seyn könne; aber, dachte er, einst, einst!

Wußte er doch nun ganz klar, daß er Luisen liebte, und seine Liebe sollte eine ganze Ewigkeit dauern, keine Minute weniger.

Verdoppelter Fleiß in der Schule und zu Hause, stets mit wachsendem Vergnügen begleitet, war die Folge seiner erwachten Gefühle. Auch der Conrektor und Subrektor lobten ihn nun; denn von einem Kornrektor und Suppenrektor ließ er nichts mehr hören, sondern zeichnete sich nur durch Wißbegierde aus, so wie durch leicht erworbene Kenntnisse und einen Scharfsinn, der oft in Verwunderung setzte. Der Subrektor selbst gab ihm das Lob: er habe jetzt zuweilen ächt witzige Einfälle.

Ihm fiel aber auch ein, daß seine Kleidung ziemlich abgetragen, und gar nicht recht nach dem Schnitt gemacht sei, wie andere junge Edelleute in D*** sie trugen. Er bat den Hauptmann, ihm eine andere machen zu lassen. Das thue ich von Herzen gern, bekam er zur Antwort; ist doch noch Geld da, und mein Herr Bruder wird nicht geitzen, wenn er nur sieht, daß aus dem Sohn ein Kerl wird.

Lisuart trieb, daß die neue Kleidung zum nächsten Ball fertig werden sollte. Als er darin vor den Spiegel trat, hatte er selbst einen kleinen Anfall von närrischer Eitelkeit; denn er fand, was er bis jetzt nie gefunden hatte, nehmlich, daß er doch ein ganz hübscher Mensch sei.

Luise mußte das auch wohl finden; denn sie wurde, als sie ihn zuerst erblickte, röther, und war hernach freundlicher, als zuvor. Sie schien ihm aber auch heute bei Weitem reitzender; vielleicht, weil er, bei erhöhtem Selbstgefühl, besonnenern Muth gewonnen hatte, sie mehr als flüchtig anzusehn. Heute forderte Lisuart das Fräulein so oft zum Tanz auf, daß die Mutter besorgte, es könnte Aufsehn erregen, und daß sie Luisen befahl, die Aufforderungen nun abzulehnen. Sie vermied auch seine Nähe bei Tische, worüber denn Lisuart sich recht sehr betrübte.

Doch in recht eigentliche Schwermuth sank er, als am nächsten Balltag Luise nicht mehr zu sehen war; auch späterhin nicht mehr kam. Endlich gewann er es, mit großer Mühe, über sich, den Hauptmann, als sie im Dunkeln nach Hause gingen, zu fragen: wo die fremde Dame geblieben seyn möchte – von der Tochter sagte er doch nichts –, neben welcher er, der Hauptmann, neulich gesessen hätte.

Ich weiß nicht, bekam er zur Antwort; vermuthlich ist sie abgereis't.

Noch schwerer ging Lisuart an die Erkundigung: wie sie heißen, und wo sie wohnen möchte?

Der Hauptmann betheuerte, von dem Allen kein Wort zu wissen, und fügte hinzu: Aha, junger Patron! Ich will des Teufels seyn, wenn Sie nicht in die Tochter verliebt sind. Nun, recht gut das. Wenn sich ein junger Mensch verliebt, fängt er auch an, etwas auf sich zu halten. Ich wette, nun werden die Fuchtel nicht mehr nöthig seyn.

Behüte! rief Lisuart; wie kommen Sie darauf! Die Fuchtel anlangend – nun, die werde ich mir künftig verbitten, Ihnen aber auch keine Gelegenheit dazu geben, Herr Hauptmann!

Bravo, erwiederte dieser; das soll mir recht lieb seyn.

Er schrieb dem Herrn Bruder nun auch: der Sohn fange recht ernstlich an, sich zu bessern; und schickte Zeugnisse von den Lehrern mit, die ungemein vortheilhaft klangen.

Lisuart machte jetzt in der That Fortschritte, die man ihm nicht zugetraut hätte, und er selbst hatte mit jedem Tage eine höhere Freude daran. Auf der anderen Seite war es ihm aber so schmerzlich, Luisen nicht mehr zu sehn, und ihren Aufenthalt nicht zu wissen, daß eine merkliche Blässe im Gesicht seinen Gram offenbarte.

So kam der Frühling heran, und nun erst fand er die schönen Umgebungen der Stadt sehr anziehend. Er schweifte oft darin umher, mit irgend einem Dichter in der Tasche, um ihn da oder dort, auf einem Felsen sitzend, zu lesen. Darüber entzündete sich in seiner eignen Brust poetisches Feuer. Er staunte, als er die ersten Versuche niedergeschrieben hatte, daß es ihm auch gelänge, Verse zu machen. Zum Theil enthielten sie Erinnerungen an jenes Beisammenseyn mit der geliebten Luise; zum Theil Sehnsucht nach Wiedersehn; doch einige enthielten nur Lob der schönen Natur. Die letzteren wies er dem Quintus vor, der sie verbesserte, und ihm aufmunternde Lehren, und Rath gab, was er zur ferneren Ausbildung seines Geschmacks lesen müsse; und mit den Worten endete: Sagt' ich es doch voraus, daß hier Genie wäre.

Natürlicher Weise freute sich der Jüngling hierüber. Als er dann Shakespear, Schiller und Göthe las, verzweifelte er bald, Genie zu haben, bald glaubte er wieder, daß es ihm nicht ganz daran fehle. Genie des Gefühls, meinte er doch, könne man ihm nicht absprechen.

Er kam nach Secunda, und ein halbes Jahr später nach Prima. Nun hatte er die meisten von seinen Mitschülern, die ihm vorangeeilt waren, wieder eingeholt. Freude hierüber, die zufriednen Briefe seines Vaters, und die süße Zerstreuung, welche ihm die Poesie gewährte, scheuchten nach und nach aus seinem Herzen den Gram der Liebe, doch keineswegs die Liebe selbst, welche sich vielmehr in seiner Brust immer stärker befestigte. Er machte allerlei Entwürfe, Luisen auszumitteln, und sich zu bestreben, daß er bald, wie sein Vater es wünschte, ein Amt erlangen möchte, um Luisen dann seine Hand anbieten zu können.

Im Herbst erklärte man ihn fähig, die Hochschule zu beziehn, und Jena wurde für ihn ausgewählt.

Ein neuer Lebenskreis, Freiheit, und Gelegenheit sich jugendlichem Frohsinn zu überlassen, wie zuvor nie! Lisuart hatte jedoch keine Neigung, wilden Ergötzlichkeiten nachzugehn, und suchte Freunde von ähnlichem Sinn. Außer den Rechtswissenschaften, trieb er philologische mit beinahe übermäßigem Eifer, und zeichnete sich sogar unter den fleißigern und musterhaften jungen Musensöhnen noch aus.

Durch die mannichfachen, von ihm eingesammelten, Kenntnisse lernte er auch sich selbst mehr kennen. Jetzt sah er wohl ein, daß, wenn er Luisen nicht gesehn hätte, nie diese Neigung zu den Wissenschaften in ihm erwacht seyn, und daß er vielmehr leicht dahin gekommen seyn würde, auf eine ihm höchst nachtheilige Weise die akademische Freiheit zu mißbrauchen. Zu seiner Liebe gesellte sich noch Dankbarkeit für sein Erwachen zu einem edleren Leben, wodurch die Liebe noch mehr Nahrung bekam, und ihm in einem schönern Lichte erschien.

In den nächsten Sommerferien machte er eine Fußreise; wie er vorgab, die schöneren Gegenden von Sachsen zu sehn, eigentlich aber, Luisens Wohnort zu entdecken. Sie hatte einmal in ihrer Unterhaltung mit ihm gesagt: In D*** bin ich noch nicht gewesen, wohl aber schon einige Mal in Leipzig, weil dies nicht so weit von uns ist. Hieraus schloß nun Lisuart, ihr väterliches Gut müsse in der Gegend von Leipzig liegen, und nahm sich vor, eine solche Runde zu machen, daß er es nicht verfehlte.

Die Mühe war indeß vergeblich. Wie sorgfältig er auch jedes Dorf besuchte, das einen Herrenhof hatte, wie genau er auch die Gestalten der Mutter und Tochter beschreiben mochte: es glückte ihm nicht, das Gewünschte zu erfahren, und er mußte endlich unverrichteter Sache nach Jena zurückkehren, was ihn denn tief betrübte.

Als er neunzehn Jahre alt war, dachte er: nun ist Luise im sechzehnten; als er das zwanzigste antrat: nun wird sie in das siebzehnte treten – O, Gott, wenn mir Jemand zuvorkäme!

Er entschloß sich, an den Hauptmann zu schreiben, und ihm sein Geheimniß halb und halb zu entdecken. Es müsse sich ja, schrieb er weiter, in D*** wohl erforschen lassen, wer jene Dame gewesen sei; der Vorsteher der Ballgesellschaft werde sie ohne Zweifel kennen. Er ließ die angelegentlichste Bitte folgen, daß sich der Hauptmann nach ihr erkundigen möchte.

In der Antwort auf diesen Brief hieß es: Der Vorsteher aus jener Zeit sei gestorben, und alles anderweitige Nachfragen habe wenig gefruchtet.

Lisuart besuchte im nächsten Jahr seinen Vater, der ihn mit großer Freude und Herzlichkeit empfing. Der Sohn ließ auch hier etwas von seinem innern Zustand merken; da sagte aber sein Vater: Oho! jetzt schon an eine Heirath zu denken, ist zu früh! Und ich habe übrigens halb und halb ... ein sehr wohlhabender alter Freund, der eine einzige Tochter hat, die auch recht schön und gebildet seyn soll ...

Lisuart unterbrach ihn mit Betheurungen: er würde nie einem andern Mädchen seine Hand geben können. –

Possen! sagte der Vater wieder; so reden alle junge Leute, und die Umstände ändern viel. Nichts mehr davon! kömmt Zeit, kömmt Rath.

Lisuart mußte wieder nach Jena. Seine Poesien machten bei Kennern Aufsehn, und sie riethen ihm, eine Auswahl davon drucken zu lassen. Es geschah endlich, doch so, daß er auf dem Titel nur seinen Vornamen nannte. Die an Luise überschriebenen Gedichte athmeten das meiste und stärkste Feuer.

Doch jetzt, im Jahr 1813, loderte auch das Kriegsfeuer in Deutschland auf. Lisuart meinte, die politische Rolle des Königs von Sachsen wäre nur gezwungen; und, obschon dessen Unterthan, beschloß er doch in preussische Dienste zu gehn, um gegen Deutschlands Unterdrücker zu kämpfen. Er bat seinen Vater um Erlaubniß dazu, und dieser sagte: Thue, was Du willst; ich mag nichts davon wissen. Gieb Dir aber lieber einen andern Namen, daß es nicht heißen kann: Du habest gegen Dein sächsisches Vaterland gestritten.

Lisuart ging nach Berlin, gab sich für einen Herrn von Breitenfeld aus, und bekam eine Lieutenantsstelle bei einem neu errichteten Corps von leichter Reiterei.

Nichts von den Kriegsauftritten, denen er beiwohnte, außer, daß er durch seine Tapferkeit bald Rittmeister wurde.

Als nach der Schlacht bei Leipzig Napoleons Flüchtlinge verfolgt wurden, und man sie theils zu ereilen, theils ihnen in die Seite zu kommen suchte, gehörte Lisuarts Corps zu denen, welche am thätigsten waren.

Im Hessischen machte er eines Tages eine Seitenpatrulle, und traf auf eine Anzahl abgeschnittener französischer Husaren, die so eben einen Reisewagen plünderten. Ein Landedelmann der dortigen Gegend wollte darin mit seiner Tochter fliehn, und hatte das Unglück, in die Hände jener Unholden zu fallen, welche übrigens auch die Tochter reitzend fanden, und geneigt schienen, sie für eine gute Beute zu erklären.

Lisuart, obgleich seine Mannschaft nur halb so stark war, stürzte sich in die Feinde, und so entstand ein hartnäckiger Kampf. Die Preußen siegten; ihren Rittmeister traf aber ein Säbelhieb in den Kopf, der ihn um alle Besinnung brachte.

Man gab dem Edelmann das ihm Gehörende zurück, und hoch erfreut, die Ehre seiner Tochter gerettet zu sehn, dachte er durch die beste Verpflegung der Verwundeten seine Dankbarkeit zu beweisen. Man versicherte ihm, daß er nun nicht zu fliehen brauchte, weil die befreundeten Truppen schon nahe wären. So entschloß er sich denn, nach seinem Dorfe zurückzukehren, und nahm den halb todten Rittmeister in seinem Wagen mit sich, dem ein Feldarzt, der sich glücklicher Weise gefunden, sogleich den ersten Verband um den Kopf gelegt hatte.

Lisuart galt sonst für einen schönen Officier; jetzt aber hätte sein Anblick Entsetzen erregen können. Man denke sich zu einem starken, dunkelbraunen Bart die bleiche Todtenfarbe und die bis an die Augen reichenden Binden!

Der gerettete Gutsbesitzer ließ in seinem Hause ihm ein Zimmer zurecht machen, und einen Wundarzt aus der nächsten Stadt rufen, der um ihn bleiben mußte. Erst nach einigen Tagen bekam Lisuart einen Theil seines Bewußtseyns wieder, das indeß öftere Anfälle vom Wundfieber störten. Zusammenhängendes Denken ward ihm ungemein schwer; seine Ideen durchkreuzten sich, wie im Wahnsinn, denn der feindliche Säbel war sehr tief eingedrungen. Auch sah er nicht recht hell, und der Wundarzt verhehlte ihm nicht, daß sein Leben noch immer in Gefahr schwebe.

Als die ersten Durchmärsche vorüber waren, herrschte in dem abgelegenen Dorf mehr Ruhe. Dies that ihm wohl, und an Pflege ließ sein dankbarer Wirth es nicht fehlen. Eines Abends hörte er im Nebenzimmer zu einem Pianoforte singen. Die Stimme dünkte ihm vorzüglich schön, die Fertigkeit ausgezeichnet. Es schien, als ob durch die Musik sein Fieber nachlasse, sein Schmerz sich vermindre, und sein Kopf freier würde.

Als der Gutsbesitzer – was oft geschah – ihn besuchte, sagte Lisuart: Ich hörte da eben sehr schön spielen und singen; Musik ist mein größtes Vergnügen. Wenn ich des Vergnügen öfter hätte, so würde es viel zu meiner Genesung beitragen.

Es war meine Tochter, erwiederte der Andere; so oft Sie es wünschen, soll sie singen und spielen. Was kann sie weniger für ihren edelmüthigen Retter thun!

Von nun an spielte und sang das Fräulein oft; und, so wie Davids Harfe Sauls Melancholie vertrieb, so wirkte auch hier die Gewalt schöner Töne auf einen zerrütteten Seelenzustand. Mit jedem Tage besserte sich nun auch die Wunde, und freiwillig, obgleich befremdet, gestand der Arzt: er zweifle, ob, ohne Beihülfe einer so lieblichen Anregung der Lebenskräfte, der Rittmeister zu retten gewesen seyn würde.

Nach einigen Wochen war des Kranken Bewußtseyn vollkommen deutlich, und das Wundfieber hatte sich verloren. Nur die Augen blieben noch schwach, weshalb der Arzt die Fenster dicht verhängen ließ.

Zuweilen brachte der Herr vom Hause seine Tochter mit, welche dann jedes Mal dem Rittmeister für ihre Rettung dankte. Ihre Unterhaltungen schienen nicht minder zu wirken, als ihr Gesang und Spiel; Lisuart meinte: so geistvoll habe er noch keine Dame reden hören. Sie erbot sich auch, ihm bisweilen vorzulesen. Er lehnte das zwar, als zu gütig, ab; aber dennoch blieb sie dabei, ihren Retter auch auf diese Art zu unterhalten. Sie ging dazu in das Nebenzimmer, und ließ die Thür offen, weil sie in dem halb finstern Krankenzimmer nicht hätte sehen können.

Eines Tages brachte sie einen Band Gedichte mit, und sagte ihm, daß diese zu ihrer Lieblingslectüre gehörten. Wie staunte der Rittmeister, als sie ihm nun aus Lisuarts poetischen Versuchen vorlas. Die Empfindung, womit sie es that, erregte bei ihm Rührung, Stolz und – Gewissensvorwürfe. O Gott! dachte er, sollt' ich dies Fräulein nicht lieben? nicht treulos an Luisen geworden seyn, der ich doch in meinem Herzen ewige Liebe geschworen habe?

Doch bald dachte er auch: Luisen habe ich seit vier Jahren nicht gesehen, und vielleicht sehe ich sie nie wieder.

Und späterhin: Diesem Fräulein verdanke ich mein Leben; und das ist doch noch mehr, als ich Luisen einst zu verdanken hatte.

Nach gerade sah er heller, und so viel die herabgelassenen grünen Vorhänge es zuließen, prüfte er des Fräuleins Gestalt. Sie war höher als Luise, und ihr Ausdruck voll Adel und Anmuth. Die Gesichtszüge schienen ihm geistiger, bedeutender, aber nicht so heiter, wie er sich Luisens noch erinnerte; eine gewisse sanfte Schwermuth lag darin verbreitet, die er jedoch äußerst anziehend fand.

Einmal sagte er: Den Dichter, von dem Lisuarts poetische Versuche sind, möchte ich beneiden, weil Sie ihm so viel Nachsicht schenken. Und doch – kann ich ihn nicht beneiden. Wissen Sie ihn?

Sehr eilig rief Jene: Nein! Ist er Ihnen bekannt? Schon lange habe ich nach seinem Namen gefragt.

Dies Mal klang die Stimme dem Rittmeister heitrer, als sonst, und schien ihm ein wenig bekannt. Nun faßte er auch die Gesichtszüge schärfer ins Auge.

Mein Fräulein, hob er wieder an, sind ... sind Sie einmal in D*** gewesen? –

»Vor vier Jahren.«

Auf dem Ball bei ***?

»O Himmel!«

Die Gedichte an Luise wurden – an Sie geschrieben.

»Meine Ahnung! Und Sie – Sie retteten mich!«

Sie retteten mein Leben!

Nun konnte der Rittmeister aber nicht mehr zusammenhangend sprechen. Ein heftiger Rückfall vom Fieber, und nichts als Irrereden. Zu stark war die Erschütterung für seine nur erst schwach befestigte Gesundheit.

Erst nach einigen Wochen kam er wieder so weit, als er schon gewesen war. Nun hatten aber das Fräulein und ihr Vater das Gut verlassen, und es war in andern Händen.

Der neue Eigenthümer sagte: Schon lange wäre der Kaufvertrag abgeschlossen gewesen, und nun der Termin seines Antritts herangekommen; indeß sollte es dem Rittmeister an keiner Pflege fehlen.

Lisuart fragte bestürzt: Wo ist denn der vorige Gutsherr geblieben?

Er bekam zu Antwort: Genau weiß ich es nicht. Wie ich höre, ist er nach dem Brandenburgischen gezogen.

»Und sein Name? Noch immer habe ich nicht danach gefragt.«

Von Rothenfeld.

Lisuart bat, sobald er wieder schreiben konnte, Bekannte in Berlin, sich nach dem Aufenthalt eines Herrn von Rothenfeld zu erkundigen. Welch ein glückliches Wiederfinden, dachte er, und Luise liebt mich! Sie hat mein Herz aus den Gedichten an sie errathen. Freilich reden einige deutlich genug vom ersten Anblick, und den mächtigen Wirkungen der ersten Liebe.

Er genas nach einigen Wochen völlig, und eilte nun dem Heer in Frankreich nach. Aus Berlin bekam er jedoch keine günstige Antwort. Man wußte dort nichts von einem Herrn von Rothenfeld und seiner Tochter.

Das ging so zu. Luise hatte aus D*** eine gewisse Schwermuth gebracht, die bei dem, zwei Jahre nachher erfolgenden, Tode ihrer Mutter sich mehrte. Ihr Vater meinte, eine baldige Heirath würde das beßte Heilmittel seyn. Er unterhandelte darüber mit einem alten Bekannten, einen Herrn von Buchenthal, Vater eines einzigen Sohnes, von dem man viel Gutes sagte. Doch die Kriegsunruhen kamen dazwischen.

Luise gestand ihrem Vater: der Rittmeister von Breitenfeld sei schon lange der Gegenstand ihrer Liebe, und trage, wie sie vermuthet habe, auch sie im Herzen.

Aber, antwortete der Vater, ich habe Dich bereits versprochen, und Du wirst auch zufrieden seyn. Dem Rittmeister müssen wir unsere Dankbarkeit auf andere Art beweisen.

So wenig Luise damit auch zufrieden war, mußte sie doch mit dem Vater nach Sachsen reisen, wo er noch andere Güter hatte. Ein halbes Jahr nachher schrieb sein Freund: Mein Sohn wird nun aus dem Kriege heimkehren. Mögen die jungen Leute einander sehn. Können sie keine gegenseitige Neigung zu einander fassen, so muß ihnen kein Zwang angethan werden.

Nach einem Monate reis'te Luise mit ihrem Vater – auf ergangne Einladung – zu dem Herrn von Buchenthal. Sie bat unterwegs sehr viel, und betheuerte: daß sie nur dem Rittmeister ihre Hand geben könne.

Man langte an. Der Sohn war vor einer Stunde gekommen, und – hatte seinem Vater betheuert: nur Eine könne seine Gattin werden.

Luise trat kalt mit ihrem Vater ein. Neben dem Herrn von Buchenthal stand ein schöner Officier. Sehr kalt verbeugte sie sich er auch. Er – war nicht mehr bleich, Binden und Bart waren verschwunden. Er sah das Fräulein genauer an. Es war Luise!

Sie ward vom Schrecken blaß. »Herr von Breitenfeld –«

Ich heiße Buchenthal!

Wie, rief Einer der beiden Väter, Ihr kennt einander? Und der Andere: Ei, Sie sind ja unser Retter!

Nun gab es kein Sträuben mehr.


Nachricht für Besitzer von Leihbibliotheken und Freunde einer unterhaltenden Lektüre.

Die in der Verlagshandlung dieses Buches erschienene Sammlung von Lafontaineschen Schriften gehörten unstreitig zu denen, die den Verfasser zum Liebling des Publikums machten. Es sind folgende: Haus Bärburg – Barnek und Saldorf – die beiden Bräute – Eduard und Magaretha – Emma – Karl Engelmann – Wenzel Falk – Familienpapiere – Fedor und Maria – Gemäldesammlung – Ida von Liburg – Landprediger – kleine Romane – Theodor. Zusammen 32 Bände, im Ladenpreis 48 Thlr.

Um wiederholten Wünschen zu genügen, lassen wir diese ganze Sammlung bis zu Ostern 1821 für 30 Thlr.

Vorzüglich möchte diese Sammlung auch für Familien auf dem Lande, die entfernt von Städten, eine angenehme Lectüre in den Winterabenden wünschen, sich eignen. Die Verlagshandlung liefert die ganze Sammlung schön gebunden, an solche für 6 Friedrichsd'or.

Sandersche Buchhandlung.


Gedruckt bei L. Wilhelm Krause in Berlin,
Adlerstraße No. 6.


Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen, mit folgenden Ausnahmen,

Seite 5:
"den" geändert in "dem"
(doch wer aus dem Mittag jähling in die Mitternacht träte)

Seite 5:
"den" geändert in "dem"
(oder aus dem Julius in den Februar)

Seite 5:
"habeu" geändert in "haben"
(nicht das Mindeste von ihnen gehört haben)

Seite 18:
"Absiche" geändert in "Absicht"
(lud mein Vater nun, in jener Absicht)

Seite 31:
"Plan" geändert in "Plane"
(künftiger Plane, und er lebte einstweilen)

Seite 60:
"das" geändert in "daß"
(daß es sich kaum anders habe erwarten lassen)

Seite 62:
"in" geändert in "kein"
(Ich trat staunend zurück, und konnte kein Wort sagen.)

Seite 75:
"erfnhr" geändert in "erfuhr"
(Doch späterhin erfuhr ich)

Seite 84:
"«" eingefügt
(»Was ist denn aus dem Commerzienrath Hell geworden?«)

Seite 94:
"»" eingefügt
(gab er zur Antwort: »Unmöglich könne er)

Seite 96:
"«" eingefügt
(Lebt sie noch und in welchen Verhältnissen?«)

Seite 101:
"Entwikelung" geändert in "Entwickelung"
(über ihre Entwickelung vermögen die Außendinge mehr)

Seite 117:
"Firseurs" geändert in "Friseurs"
(schmeichelte der Eitelkeit des Friseurs doch ein wenig)

Seite 119:
"," eingefügt
(wurde indeß bald ansehnlich, als die Börse)

Seite 127:
"Vaten" geändert in "Vater"
(An dem Verlust, den ihr Vater einige Mal gelitten)

Seite 128:
"«" eingefügt
(wo aller Handel und Wandel stockt!«)

Seite 129:
"Comtoir" geändert in "Comptoir"
(Lehrjahre überstanden haben, und im Comptoir sitzen)

Seite 145:
"Kentnisse" geändert in "Kenntnisse"
(bei seinem Buchhalter ungemein große Kenntnisse)

Seite 146:
";" geändert in ":"
(mit der Anfrage: ob er bei ihm die Stelle)

Seite 147:
"." eingefügt
(wenigem Gehalt begnügen.)

Seite 148:
"dara" geändert in "daran"
(daß nichts daran zu tadeln sei)

Seite 171:
"«" eingefügt
(zwingen will, in Ihr Verderben zu gehn!«)

Seite 174:
"Versprrchen" geändert in "Versprechen"
(ich mich bei einem vorläufigen Versprechen nicht beruhigen)

Seite 177:
"dedurfte" geändert in "bedurfte"
(obwohl er selbst Trost bedurfte)

Seite 197:
"Va-Vater" geändert in "Vater"
(In Gottes Namen, erwiederte der Vater)

Seite 200:
"beweiseu" geändert in "beweisen"
(thätig zu beweisen, zog er vom Leder)

Seite 208:
"jehr" geändert in "sehr"
(allein der Schüler hatte bis jetzt sehr wenig begriffen)