Kaum waren die Wilden am Strand, als sie ihre Waffen ergriffen, einen Feuerbrand unter einem Pechkessel herausrissen und damit während ihrer Flucht das trockene Gras in Brand setzten. Ehe wir uns ihres Treibens und der uns drohenden Gefahr bewußt wurden, stand das dürre, fünf bis sechs Fuß hohe Gras in Flammen, die mit ungeheurer Schnelligkeit um sich griffen und Banks' Zelt sowie die Schmiede bedrohten. Es gelang uns noch, das Zelt zu retten; die Schmiede jedoch wurde ein Raub der Flammen. Auch versuchten die Wilden, unsre zum Trocknen aufgespannte Wäsche und das große Netz zu verbrennen, indem sie auch hier das Gras in Flammen setzten. Wir konnten jedoch die Gefahr abwehren und sandten den Brandstiftern einen Schrotschuß nach, der einen von ihnen verwundete. Unterdessen griff das Feuer den Wald an, in den sich die Wilden geflüchtet hatten. Ich feuerte ihnen eine Kugel nach, worauf sie sich zurückzogen. Kurze Zeit darauf vernahmen wir wieder Stimmen im Walde. Ich ging daher mit Banks und einigen Seesoldaten dem Schalle nach. Als wir die Wilden erblickten, hielten wir; sie sandten uns einen Greis entgegen, der uns durch eine Rede beschwichtigen wollte. Wir verstanden leider nicht, was er sagte. Nach dem Speech ging er zu seinen Leuten, mit denen er sich dann zurückzog. Wir folgten ihnen jedoch und bemächtigten uns bei dieser Gelegenheit einiger Wurfspieße. Auf diese Weise verfolgten wir sie eine Meile, worauf wir uns auf einem Felsen niederließen, von dem wir ihre Bewegungen aufs genaueste beobachten konnten; die Wilden lagerten sich 300 Fuß von uns entfernt. Nach einer Weile kam der Greis mit einer Lanze ohne Spitze wieder auf uns zu. Wir gaben ihm Zeichen, daß wir ihnen nicht zürnten, worauf er sich an seine Stammesgenossen wandte und sie veranlaßte, sich uns ohne Waffen zu nähern. Zum Zeichen der Versöhnung händigten wir ihnen ihre Lanzen wieder aus, worauf sie uns die Leute mit Namen vorstellten, die wir noch nicht kannten. Wir teilten einige Kleinigkeiten, die wir bei uns hatten, als Geschenke unter sie aus, worauf sie uns versöhnt zum Schiffe folgten. Unterwegs gaben sie uns durch Zeichen zu verstehen, daß sie das Gras nicht mehr anzünden wollten. Als sie sich dem Schiffe gegenüber befanden, setzten sie sich nieder und waren unter keinen Umständen zu bewegen, mit an Bord zu kommen. Wir schieden daher von ihnen. Nach Verlauf von zwei Stunden gingen sie zurück. Nicht lange nachher sahen wir den Wald in einer Entfernung von einigen Meilen in Flammen aufgehen. Wir ließen uns den Vorfall, der leicht zu einer Katastrophe für uns hätte werden können — denn nur wenige Stunden zuvor hatten wir unser Schießpulver an Bord zurückgebracht — zur Warnung dienen und nahmen uns vor, unsre Zelte künftig nur in feuersichrer Gegend aufzuschlagen. Am folgenden Tage ruderte ich zur Ebbe aus, um die Untiefen zu sondieren und Ankerwächter aufzustecken. An diesem wie an den folgenden Tagen ließen sich keine Eingeborenen blicken, aber die Gipfel aller Berge rings um den Hafen standen die Nacht in Flammen und gewährten ein Schauspiel voll schauriger Erhabenheit und Schönheit.
Da das stürmische Wetter, das uns bisher an der Abfahrt verhindert hatte, immer noch anhielt, so machten die Herren Banks und Dr. Solander täglich kleinere oder größere botanische Entdeckungsreisen. Bei dieser Gelegenheit fingen sie ein weibliches Opossum nebst zwei Jungen. Durch diese Entdeckung widerlegten sie die Meinung des Herrn von Büffon, der Amerika für die Heimat dieser Tiergattung erklärte. Unsre wilden Freunde ließen sich nicht mehr blicken. Nach ihren Feuern zu urteilen hielten sie sich wenigstens sechs Meilen weiter innen im Lande verborgen; wahrscheinlich fanden sie den Streich, den sie uns gespielt hatten, für so unverzeihlich, daß sie dem Landfrieden nicht mehr trauten.
Am 1. August fand der Zimmermann, daß die Pumpen angefault waren; wir mußten uns daher in der Hauptsache auf die Dichtigkeit des Schiffes verlassen, das in der Tat so gut ausgebessert war, daß es in der Stunde nicht über einen Zoll Wasser einließ. Am 4. August gelang es uns das Schiff herauszuziehen; um 7 Uhr gingen wir unter Segel. Um 12 Uhr ließ ich eines drohenden Unwetters wegen die Anker wieder fallen; wir befanden uns fünf Seemeilen vom Hafen entfernt; wir blieben im Sturme so bis zum 10. August liegen. Um 7 Uhr konnten wir die Anker lichten. Ich hatte mich entschlossen, längs der Küste zu segeln und einen Durchgang nach Norden zu suchen. Nach vielen Mühen und unter den größten Gefahren gelang uns die Durchfahrt durch den engen, krummen Kanal, an dessen Ende wir in 7½ Klaftern auf einem sichern Grunde vor Anker gingen. Hier breitete sich der Kanal ziemlich aus; die Inseln, die zu beiden Seiten lagen, waren eine Meile von uns entfernt. Wir hofften endlich den Weg in das Indische Meer gefunden zu haben. Um mich darüber vergewissern zu können, beschloß ich, auf einer der Inseln zu landen. Als ich in Begleitung Banks' und Dr. Solanders vom Schiff abstieß, erblickten wir ein Dutzend Eingeborene auf dem Berge. Einer von ihnen war mit Bogen und Pfeil, die andern waren mit Lanzen bewaffnet; auch bemerkten wir solche, die eine Halskette von Perlmuttergegenständen um den Hals trugen. Drei der Wilden kamen zum Strande herab, entfernten sich aber, als wir landeten. Wir kletterten sogleich auf den Berg hinan, von dessen Gipfel ich mich davon überzeugen konnte, daß ich hier den Kanal gefunden hatte, der nach dem Indischen Meere führte.
Da ich der erste Europäer war, der an der östlichen Küste von Neuholland vom 38. Breitegrad an bis hierher gekommen war, so ließ ich die englische Flagge entfalten, taufte das Land mit allen Häfen und Inseln Neusüdwales und nahm es im Namen Georgs III., meines Königs, in Besitz. Wir feuerten drei Salven ab, die vom Schiff aus erwidert wurden. Daraufhin kehrten wir zum Schiffe zurück und blieben die ganze Nacht hindurch vor Anker liegen. Am Morgen sahen wir einige Eingeborene am Strande Muscheln suchen; mit Hilfe der Ferngläser erkannten wir in ihnen Weiber, die ganz nackt gingen. Um 10 Uhr lichteten wir die Anker und steuerten südwestwärts und nach Westnordwest. Verschiedene Anzeichen bestärkten mich in dem Gedanken, daß wir bereits den Carpentariagolf im Norden Neuhollands durchquert hatten und die Indische See vor uns liegen haben mußten. Die Frage, ob Neuholland und Neuguinea zwei verschiedene Inseln wären, war gelöst. Die Straße, die beide trennt, habe ich nach meinem Schiffe die Endeavourstraße[7] genannt.
Im Verhältnis zur Größe von Neusüdwales scheint die Zahl seiner Einwohner sehr gering zu sein; die größte Anzahl, die wir je beisammen gesehen haben, beträgt nicht mehr als dreißig Personen. Dies war in der Botanybai, als sich Männer, Weiber und Kinder auf einem Felsen versammelten, um das Schiff im Vorbeisegeln zu betrachten. Selbst in den Fällen, wo sie uns angreifen wollten und also Leute nötig hatten, brachten sie nie mehr als 14 bis 15 streitbare Männer auf die Beine. Auch sahen wir nie mehr als ein paar Hütten beieinander. Es ist wahr, wir haben von dem ungeheuern Lande nicht mehr als die Küste gesehen, allein es ist doch mehr als unwahrscheinlich, daß das öde Innere des Landes reicher bevölkert ist als die der Ernährung günstigere Küste. Ohne Ackerbau würden sich die Bewohner des Festlandes schwerlich halten können; es ist aber nicht gut möglich, daß die Küstenbewohner von diesem Ackerbau nichts wissen sollten. Wir haben an der Küste nicht einen Fußbreit angebauten Landes gefunden; es läßt sich daher mit großer Sicherheit die Behauptung aufstellen, daß das Innere des Landes nur sehr spärlich bewohnt sein kann. Wir haben allerdings nur mit einem Stamme der wilden Völkerschaften, die Neuholland bewohnen, näheren Verkehr unterhalten. Das war in dem Hafen, wo wir unser Schiff ausbesserten. Es waren alles zusammengenommen nur 21 Personen: 12 Männer, 7 Weiber, 1 Knabe und 1 Mädchen. Die Frauen haben wir nie in der Nähe zu sehen bekommen, denn wenn die Männer über das Revier kamen, ließen sie die Weiber und Kinder zurück. Die Männer waren von mittlerer Größe, schön gebaut, gradgliederig, dabei stark, lebhaft und gelenkig; ihrer Gesichtsbildung fehlte es nicht an Ausdruck, und ihre Stimme war sanft, beinahe weiblich fein. Am ganzen Leibe waren sie jedoch mit Schmutz so überzogen, daß ihre natürliche Hautfarbe nicht mehr zu erkennen war. Wir tauchten den Finger in Wasser und rieben und kratzten die Haut an einzelnen Stellen ab, aber es war unmöglich, die Schmutzkruste, die sie so schwarz wie Neger machte, zu lösen; und alles, was wir ermitteln konnten, war, daß ihre Haut ursprünglich schokoladebraun gewesen sein mußte. Die Gesichtsbildung dieser Wilden war nicht unangenehm; sie hatten weder platte, eingedrückte Nasen noch dick aufgeworfene Lippen. Die Zähne waren blendend weiß und klein, ihr Haar, das sie kurz trugen, war schwarz und straff, verschiedentlich war es leicht kraus, es war sehr klebrig, aber merkwürdigerweise frei von Ungeziefer. Die Bärte, die sie ebenfalls kurz geschnitten trugen, waren buschig und stark und pechschwarz wie die Haare. Wir sahen eines Tags einen Mann bei uns, der einen längeren Bart als seine Genossen trug; als er sich am nächsten Tage wieder einstellte, bemerkten wir, daß er seinen Bart gekürzt hatte. Bei näherer Untersuchung fand sich, daß die Spitzen des Barthaares abgesengt waren. Aus diesem Umstande, und weil wir niemals ein Messer bei ihnen sahen, schlossen wir, daß sie ihre Haare zu der von ihnen gewollten Kürze abzusengen pflegen.
Beide Geschlechter gehen ganz nackt, was ihnen sowenig unanständig vorkommt, wie uns die Entblößung des Gesichtes und der Hände. Ihr Hauptschmuck besteht in einem Vogelknochen, den sie durch den zu diesem Zweck durchbohrten Nasenknorpel stecken. Wie diese unbequeme, unschöne, schmerzhafte Mode unter ihnen entstehen konnte, konnten wir nicht ergründen. Diese Mode, die ihnen ein schreckliches Aussehen verleihen sollte, war ihnen selbst so lästig, daß sie den Knochen nur bei besonderen Gelegenheiten in der Nase trugen, denn er ist 5 bis 6 Zoll lang, reicht über das ganze Gesicht, verstopft beide Nasenlöcher, zwingt sie ständig den Mund offen zu halten und behindert sie sogar derart im Sprechen, daß sie sich selbst kaum verstehen können. Der Matrosenwitz taufte diesen Schmuckknochen »die blinde Rahe«, und wir hatten Mühe ernst zu bleiben, wenn sich die Herren Wilden mit der blinden Rahe in der Nase einstellten.
Als weitere Schmuckstücke tragen unsre Wilden noch Muschelhalsbänder, Armbänder aus Schnüren am Oberarm, sowie eine aus Menschenhaar geflochtene Schnur um den Leib. Die Gecken unter ihnen besitzen noch Muschelbrustbänder, die von den Schultern über die Brust getragen werden. Außerdem bemalen sie die Schmutzkruste ihres Körpers mit weißer und roter Farbe; mit der roten schmieren sie sich große Flecken auf die Schultern und die Brust; mit der weißen Farbe tragen sie schmale Streifen, die über Arme und Beine laufen, und breite Bruststreifen auf, die ziemlich genau gezeichnet sind. Auch legen sie sich weiße Schönheitspflästerchen auf und malen sich weiße Ringe um die Augen, was grotesk genug aussieht. Die rote Farbe war Bergrot, die körnigen Bestandteile der weißen Farbe konnten wir zu unserm Bedauern nicht analysieren.
So erpicht unsre Wilden auch auf ihren Schmuck waren, sowenig machten sie sich aus unsern bunten Bändern, unsern Glaskorallen und anderm europäischem Tand. Von Tausch und Handel hatten sie ebenfalls keine Ahnung. Was wir ihnen gaben, nahmen sie, aber sie konnten nicht begreifen, daß wir gegen unsre Geschenke auch etwas von ihnen im Tausch haben wollten. Übrigens hielten sie ihren Schmuck in so hohem Werte, daß sie ihn uns um alle Güter der Welt nicht überlassen hätten; wir konnten tatsächlich für unsre Sammlung nicht das geringste von ihnen erwerben. Die Gleichgültigkeit gegen unsre Schätze war auch die Ursache, daß sie nichts stahlen. Hätte sie danach gelüstet, so würden sie uns bestohlen haben, so aber warfen sie unsre Geschenke achtlos in den Wald, wo sie Herr Banks wieder auffand. Die tiefen Narben, die unsre Wilden, die sich einer kernigen Gesundheit erfreuten, an ihrem Körper trugen, waren, wie sie uns durch Zeichen verständlich machten, sogenannte Trauernarben, die sie sich aus Trauer über den Tod ihrer Lieben selbst beibrachten.
Ihrem Charakter als Nomaden entsprechend bauen sich unsre Wilden so erbärmlich primitive, unzulängliche Hütten, daß die der Feuerländer wahre Paläste dagegen sind. Ihre Hütten sind kaum so hoch, daß ein Mann aufrecht darin sitzen kann, und so ungenügend lang, daß sich keiner darin lagern kann. In diesen elenden Löchern fanden wir sie oft zu vieren, in gekrümmter Lage, die Knie am Kopf; vor der offenen Seite ihrer Hütte, deren Wand stets gegen den Wind gerichtet war, brannte zum Schutz gegen die Moskitos ein qualmiges Feuer; sie blieben immer nur so lange an einem Orte, bis sie der Hunger vertrieb. In den wärmeren Gegenden und auf den Inseln bauten sie ihre Hütten mit der Öffnung gegen den Wind. Interessant ist, daß sie, obschon sie keinerlei Kochgeschirre haben, doch das von ihnen erjagte Fleisch nie roh verschlangen, und daß sie es mit frappanter Sicherheit verstanden, sich Feuer zum Rösten ihres Wildes und ihrer Fische zu verschaffen. Um Feuer zu erhalten, nehmen sie einen acht Zoll langen dürren Stock, den sie spitzen. Mit dieser Spitze quirlen sie ein flaches Stück Holz so emsig, daß das Holz in weniger als zwei Minuten glimmt. Den Funken wickeln sie in eine Handvoll dürren Grases, und damit rennen sie gegen den Wind. Dann geben sie das glimmende Büschel in die Streu; einige Sekunden darauf brennt sie lichterloh. Auf diese Weise sahen wir sie oft an verschiedenen Stellen Feuer anmachen; sie nennen das den Feuerlauf, der ihnen gleichzeitig zur Unterhaltung dient. Wir beobachteten einen solchen Feuerläufer und sahen, daß an jeder Stelle, wo er sich bückte, um den Funken niederzulegen, bald eine Flamme loderte. Es schien uns, daß die Wilden durch den Feuerlauf die Känguruhs, die sich vor dem Feuer außerordentlich fürchten, durch dieses einkreisen, um sie desto leichter zu erjagen; eine andre Erklärung des wegen der Dürre der Grasflächen so gefährlichen Sportes fanden wir nicht.
Die Waffen unsrer Wilden bestehen aus Lanzen von verschiedener Größe und Art. Wir sahen Lanzen mit vier Spitzen oder Zinken, die mit Widerhaken versehen waren. Die einzelnen Spitzen waren mit einem harten und glatten Harz überzogen, wodurch sie tiefer in den Gegenstand eindringen, den sie treffen. In den nördlichen Gegenden der Küste hat die Lanze, deren Schaft aus einem geraden Rohr besteht, nur eine Spitze. Der Schaft ist aus mehreren Stücken in der Gesamtlänge von 8–14 Fuß zusammengesetzt, die Spitzen bestehen entweder aus Fischgräten oder aus hartem Eisenholz. Wir sahen verschiedene Lanzen, die den Stachel des Stechrochens als Spitze hatten; die Widerhaken waren sehr sinnreich an den Stacheln befestigt. Die Widerhaken der Holzspitzen bestanden aus scharfen Muschelstücken, die in das Holz hineingebohrt und mit Harz befestigt waren. Erklärlicherweise ist diese Waffe außerordentlich gefährlich, denn entweder bleiben die Widerhaken im Fleische stecken oder die Wunde wird beim Herausnehmen des Geschosses furchtbar zerfetzt. Mit der Hand werfen die Wilden 30 bis 60 Fuß weit, mit ihrem Wurfstock dagegen bis auf 150 Fuß; sie treffen damit ihr Ziel ebenso sicher wie wir mit unsern Gewehren. Außer diesen Lanzen besitzen sie keine Offensivwaffen; wir sahen nur einmal in weiter Entfernung einen Mann, der mit Pfeil und Bogen bewaffnet schien, allein wir können uns auch geirrt haben; jedenfalls sind Pfeil und Bogen nicht allgemein im Gebrauch. Als Schutzwaffe dient ein Schild aus starker Baumrinde; wir fanden oft Bäume, an denen die Rinde genau in der Größe eines Schildes herausgeschält war.
Die Kähne dieses Volkes sind ebenso primitiv wie ihre Hütten. An der Botanybai bestehen sie aus Baumrinde, im Norden dagegen aus ausgehöhlten Baumstämmen. Hier waren sie 14 Fuß lang, sehr schmal und mit einem Seitenrahmen versehen, der das Umkippen verhinderte.
Auf welche Weise die Wilden, die keinerlei Werkzeuge besitzen, ihre Bäume fällen, konnten wir nicht in Erfahrung bringen; daß ihnen das primitive, schlecht gearbeitete Steinbeil, in dessen Besitz wir sie fanden, dazu diente, schien uns unglaublich. Zum Glätten ihrer Ruder, Lanzen und Wurfstöcke bedienen sie sich der scharfen und rauhen Blätter einer Feigenart, mit denen sie das Holz ebenso scharf angreifen wie unsre Schreiner mit dem Schachtelrohr. Mit solchen Werkzeugen einen Kahn zu bauen ist eine Leistung, die wir nicht genug bewundern konnten; unser Schiffszimmermann hielt die Sache geradezu für unmöglich.
Durch welchen Umstand die Zahl der Eingeborenen, vorzüglich aber der Weiber, in diesem Lande so zurückgegangen ist, daß man beinahe von einem Aussterben sprechen kann, ist uns ein Rätsel geblieben. Ob sie Kannibalen sind wie die Neuseeländer, ob sie durch Seuchen oder durch Kriege so dezimiert wurden, wie sie es sind, konnten wir ebenfalls nicht erfahren. Mit Ausnahme der zwei tapfern Wilden, die uns in der Botanybai an der Landung verhindern wollten, betrugen sich uns gegenüber fast alle Eingeborenen so scheu und feige, daß wir sie mit dem besten Willen nicht für kriegerisch halten können. Auch fanden wir unter ihnen niemand, an dessen Körper wir die Zeichen seiner kriegerischen Tapferkeit entdeckt hätten. Jedenfalls schien uns der Krieg nicht die Ursache des auffallenden Mangels an Menschen in diesem Lande zu sein.
[7] Die heutige Torresstraße.
Zwölftes Kapitel.
Fahrt durch die Endeavourstraße. — Abenteuer während der Fahrt. — Kranke an Bord. — Savu. — Kleinliche Schikanen. — Sitten und Gebräuche.
Ich hatte anfänglich die Absicht, so lange nach Nordwest zu steuern, bis ich die südliche Küste von Neuguinea erreichte, wo ich einlaufen wollte. Da ich aber auf diesem Wege gefährliche Klippen und Bänke antraf, so änderte ich meinen Kurs, um tieferes Wasser zu finden, und dies gelang mir auch nach Wunsch. Schon am Mittag segelten wir in einer Tiefe von 17 Klaftern. Land war nirgends zu sehen; wir setzten unsern Kurs bis Sonnenuntergang fort und fanden eine Tiefe von 23–27 Klaftern. Als es Nacht wurde, kürzten wir die Segel und lavierten acht Stunden gegen den Wind. Bei Anbruch des Tages setzten wir alle Segel auf und steuerten erst gegen Westnordwest, dann gegen Nordwest, und zwar den ganzen Tag über. Bei Sonnenuntergang kürzten wir die Segel wieder und steuerten hart am Winde gegen Norden. Um 8 Uhr des Morgens wendeten wir und steuerten gegen Süden; um 12 Uhr richteten wir unsern Kurs wieder nach Norden; je weiter wir kamen, desto seichter wurde die See. Sobald es Tag wurde, setzten wir alle Segel auf und steuerten auf die Küste von Neuguinea hin. Die Wassertiefe war bis auf 12 Klafter gefallen. Am Abend flatterte ein kleiner Vogel um das Schiff; als es dunkel wurde, setzte er sich auf die Wand, wo wir ihn erhaschen konnten.
Wir setzten unsern Lauf gegen Norden bis zum 3. September fort, und zwar hielten wir uns der Untiefen wegen der Küste von Neuguinea so fern, daß wir sie vom Schiffe aus nur undeutlich sehen konnten. Unsre wiederholten Landungsversuche schlugen fehl. Wir verloren so sechs Tage, und da wir den südöstlichen Passatwind, der uns nach Batavia führen sollte, nicht länger unbenützt lassen wollten, so beschlossen wir, in der Pinasse ans Land zu rudern. Der Wind, der vom Lande wehte, führte uns den Duft der Blumen und Baumblüten zu, so daß wir begierig waren, die Vegetation des Landes zu untersuchen. Um 9 Uhr legten wir in einer Entfernung von 3–4 Meilen von der Küste bei. Ich ließ sofort die Pinasse aussetzen, ging mit Banks und Dr. Solander an Bord und ruderte dann mit noch zwölf bewaffneten Leuten ans Land. Allein das Wasser wurde so seicht, daß wir ungefähr 600 Fuß von der Küste stecken blieben; wir ließen also das Boot unter der Obhut von zwei Matrosen zurück und wateten ans Land. Wir hatten vorher noch keine Anzeichen davon gefunden, daß das Land in dieser Gegend bewohnt wäre. Jetzt entdeckten wir im Sande hart am Ufer Fußspuren, die noch frisch waren. Da die Bewohner von Neuguinea von verschiedenen Reisenden als kriegerisch, grausam und hinterlistig geschildert waren und der Urwald ihnen die gefährlichsten Verstecke bot, so erforderte es die Klugheit, vorsichtig zu sein, um nicht in einen Hinterhalt zu fallen und vom Boote abgeschnitten zu werden. Wir drangen daher nicht in den dichten Wald ein, sondern gingen dem Waldsaum entlang bis zu einem Haine von Kokosbäumen, die voller Früchte hingen. Unterhalb des Haines befand sich, in der Nähe eines Baches mit salzigem Wasser, eine verlassene Hütte; sosehr uns auch die Früchte locken mochten, sowenig schien es uns ratsam, sie zu brechen. Nicht weit davon fanden wir einige Bataten- und Brotfruchtbäume. Wir waren jetzt etwa eine englische Meile vom Boote entfernt. Plötzlich, ehe wir uns dessen versahen, kamen drei Indianer mit Kriegsgeheul aus dem Walde heraus auf uns zu. Der vorderste schleuderte etwas nach uns, das wie Schießpulver brannte, aber keinen Knall von sich gab; die beiden andern schleuderten ihre Lanzen. Wir feuerten sofort mit Schrot auf sie, trafen aber anscheinend niemand, denn wenn sie auch erschreckt stehenblieben, so warfen sie doch wieder ihre Lanzen nach uns. Wir luden unsre Gewehre mit Kugeln und feuerten zum zweitenmal. Wir mußten getroffen haben, denn sie ergriffen jetzt in aller Schnelligkeit die Flucht, worauf wir uns langsam nach dem Boote hin zurückzogen. Während wir der Küste entlang schritten, machten uns die Leute im Boote darauf aufmerksam, daß etwa 1500 Schritte von uns entfernt auf einer Landspitze die Indianer sich in großer Anzahl versammelten. Wir wateten sofort nach dem Boote, während sie untätig auf der Landspitze blieben, ohne uns zu belästigen. Als wir im Boote waren, ruderten wir auf sie zu; ihre Anzahl war etwa auf hundert angewachsen. Mit Muße beobachteten wir sie und fanden, daß sie viel Ähnlichkeit mit den Neuholländern hatten; sie waren von derselben Größe, trugen die Haare wie jene und gingen vollständig nackt. Die Hautfarbe schien etwas heller, ein Kaffeebraun zu sein. Wahrscheinlich waren sie reinlicher als die Wilden der Botanybai. Während wir vor ihnen hielten, forderten sie uns unter beständigem Geheul heraus, wobei sie ihr Feuer abbrannten. Was das für ein Feuer war, welchem Zweck es diente und wie es abgebrannt wurde, konnten wir nicht sehen. Wir sahen nur, daß sie ein kurzes Rohr in der Hand hielten und es ein paarmal im Kreise herumschwenkten, worauf aus dem Rohre Feuer und Rauch hervorkamen. Obwohl kein Knall zu vernehmen war, machte die Sache vom Schiff aus den Eindruck, als feuerten sie richtige Gewehre ab; unsre Leute glaubten in der Tat, die Wilden hätten Feuerwaffen. Nachdem wir sie in Muße betrachtet hatten, ohne uns durch ihr Blitzen und ihr Geheul stören zu lassen, schossen wir unsre Gewehre über ihre Köpfe ab. Als sie die Kugeln in den Bäumen rasseln hörten, zogen sie sich langsam zurück. Wir ruderten dann nach dem Schiffe. Die Lanzen, die sie nach uns geworfen hatten, bestanden aus Bambusrohr mit einer Spitze aus Eisenholz, die mit Widerhaken versehen war. Die Wilden schleuderten ihre Lanzen mit ungeheurer Kraft, denn obwohl sie fast 200 Fuß von uns entfernt waren, so flogen die Geschosse doch weit hinter uns. Wir nahmen daher an, daß sie Wurfstöcke verwenden.
Als wir an Bord des Schiffes waren, ließ ich sofort westwärts steuern, denn ich hatte keine Lust, meine kostbare Zeit noch länger an dieser Küste zu verlieren. Das Schiffsvolk jubelte über diesen Befehl. Zu meinem Leidwesen rieten mir meine Offiziere, eine Abteilung Matrosen ans Land zu schicken und die Kokosbäume fällen zu lassen. Das wäre nicht ohne Blutvergießen abgegangen; und wegen einiger Nüsse setze ich kein Menschenleben aufs Spiel. Dergleichen blutige Auftritte sind mir zuwider, und selbst wenn ich Mangel an allem gelitten hätte, so wäre es mein letztes gewesen, Gewalt anzuwenden und Menschen zu töten, um sie ihres Eigentums zu berauben. Auch fehlte es mir an der Zeit, denn das Schiff war so leck, daß es noch fraglich war, ob wir es nicht in Batavia gründlich ausbessern lassen müßten. Und dies war der Hauptgrund, weshalb wir Eile nötig hatten. Außerdem hatten wir in einer Meeresgegend, wo es nichts mehr zu entdecken gab, keine Zeit zu verlieren.
Am 17. September erblickten wir morgens um 6 Uhr eine Insel in Westsüdwest. Anfangs glaubte ich eine neue Entdeckung gemacht zu haben; als wir aber um 10 Uhr an der Nordseite waren, sahen wir Häuser und Schafherden auf der Insel, die von den Eingeborenen Savu genannt wird und zu den Kleinen Sundainseln zählt — für Leute in unsern Umständen Grund genug einzulaufen. Und so beschloß ich denn, der Kranken wegen, die mir nicht verzeihen konnten, daß ich vor Timor nicht beilegen wollte, hier vor Anker zu gehen und mit den Bewohnern dieser Insel, die mit allem, was wir so dringend nötig hatten, reichlich versehen waren, in Verbindung zu treten. Die Pinasse wurde also ausgehoben, und der zweite Schiffsoffizier Gore wurde abgeschickt, um einen Ankerplatz für das Schiff ausfindig zu machen. Kaum war er fort, so erblickten wir zwei Reiter, die das Schiff mit großem Interesse betrachteten. Aus diesem Umstand schlossen wir, daß sich auf der Insel Europäer befänden, wodurch wir uns aller Weitläufigkeiten enthoben wähnten. Unterdessen landete Gore in einer kleinen, sandigen Bucht, an der etliche Häuser standen. Wir beobachteten, daß ihm ein Dutzend Eingeborener entgegenging. An Gestalt und Kleidung waren sie den Malaien ähnlich. Auch trugen sie wie diese ein Messer im Gürtel. Einer von ihnen führte einen Esel bei sich. Wir sahen, daß sie Herrn Gore freundlich einluden ans Land zu kommen, und daß sie sich mit Zeichen verständlich zu machen suchten. Kurz darauf kam er an Bord und teilte uns mit, daß es in dieser Gegend keinen Ankerplatz für das Schiff gebe. Ich sandte ihn wieder ans Land und gab ihm Geld und Waren mit, um einige Erfrischungen für die Kranken einzukaufen. Dr. Solander ging zur Begleitung mit. Inzwischen lavierte ich mit dem Schiffe hin und her; ich mochte ungefähr eine Meile vom Land entfernt sein. Das Boot war noch nicht am Lande, da erblickten wir zwei Reiter, von denen der eine ganz nach europäischer Art gekleidet war; sie schienen ihre ganze Aufmerksamkeit dem Schiffe zu schenken. Sobald Herr Gore und Dr. Solander aus dem Boote stiegen, versammelten sich um sie einige Leute zu Pferd und eine große Menge Fußgänger. Wir sahen, daß man ihnen einige Kokosnüsse ins Boot trug, ein Anblick, der uns das Beste hoffen ließ.
Nach 1½ Stunden signalisierte uns Herr Gore, daß sich leewärts eine Bai befinde, in der wir ankern könnten. Wir steuerten sofort dahin; das Boot folgte uns, und die beiden Herren kamen an Bord. Gore berichtete, daß er einige der Vornehmen des Landes gesprochen, und daß man ihm die Kokosnüsse als Geschenk überreicht habe. Auch erzählte er, auf welch umständliche Weise er von dem Hafen Nachricht erhalten hätte.
Um 7 Uhr des Abends erreichten wir die Bai und gingen daselbst eine Meile weit vom Land in 38 Klaftern Wasser auf reinem Sandboden vor Anker. Als wir um die nördliche Landspitze segelten, erblickten wir eine Stadt, weshalb wir eine Flagge aufzogen. Es dauerte nicht lange, so wurden in der Stadt gleichfalls Flaggen aufgezogen, und zwar zu unsrer Verwunderung holländische; zur gleichen Zeit wurden drei Kanonenschüsse abgefeuert. Bei Anbruch des folgenden Tages bemerkte ich auf dem Strande uns gegenüber einige aufgezogene holländische Flaggen. Da ich nun annehmen mußte, daß die Holländer hier eine Kolonie hätten, so schickte ich Herrn Gore in großer Uniform ans Land, um dem Statthalter oder dem Residenten unsre Aufwartung zu machen und ihm zu melden, wer wir wären und was uns gezwungen hätte, diese Küste anzulaufen.
An der Stelle, wo Herr Gore landete, fand er eine Wache von dreißig Eingeborenen, die mit Musketen bewaffnet waren; der Befehlshaber der Wache meldete sich und geleitete ihn mit wehender Fahne nach der Stadt, wo er dem Rajah, d. i. dem Könige der Insel, vorgestellt wurde. Gore stattete mit Hilfe seines portugiesischen Dolmetschers seine Meldung ab: daß der Endeavour ein dem Könige von Großbritannien gehöriges Kriegsschiff sei, viele Kranke an Bord habe und für diese Kranken Erfrischungen aller Art einzukaufen wünsche. Der Rajah erwiderte höflich, daß er persönlich gerne bereit wäre, uns mit allem, was wir verlangten, zu versorgen; weil er aber mit der Holländisch-Indischen Kompanie ein Bündnis abgeschlossen hätte, so müsse er, ehe er mit uns in Handelsverbindung trete, dem Residenten der Kompanie, der der einzige weiße Mann auf der Insel sei, Kenntnis von unserm Anliegen geben. Er schickte sogleich einen Brief an den Residenten, der in der Nähe der Stadt wohnte, während Herr Gore einen Boten an mich abfertigte, um mir von dem Verlauf der Verhandlungen Kenntnis zu geben. Nach einigen Stunden beantwortete der Resident den Brief in Person, und wir erfuhren bei dieser Gelegenheit, daß er ein geborener Sachse war und Johann Christoph Lange hieß. Er war der Reiter in europäischer Tracht, den wir vom Schiff aus beobachtet hatten. Der Resident kam Herrn Gore außerordentlich liebenswürdig entgegen und versicherte ihm, daß er seinerseits unsern Einkäufen in jeder Weise förderlich sein werde. Auch äußerte er den Wunsch, das Schiff zu besichtigen. Als der Rajah denselben Wunsch äußerte, erbot sich Herr Gore sofort, die Herrschaften an Bord zu geleiten. Um 2 Uhr erschien Gore mit seinen Gästen an Bord. Da unser Mittagsmahl gerade zubereitet war, so luden wir sie ein daran teilzunehmen. Der Rajah schien verlegen und meinte, er könne es nicht glauben, daß wir ihm erlauben wollten, sich neben uns zu setzen, da wir doch weiße Männer wären und er ein farbiger sei. Wir beruhigten ihn, und nun setzten wir uns heiter und fröhlich zu Tisch. Um Dolmetscher waren wir nicht verlegen. Dr. Solander verstand so viel Holländisch, sich mit dem Residenten unterhalten zu können; einige unsrer Matrosen konnten sich mit dem Rajah verständigen, der portugiesisch sprach. Unsre Mahlzeit bestand aus Hammelfleisch, was den Rajah veranlaßte, sich ein englisches Schaf auszubitten. Obwohl wir nur noch ein einziges Exemplar an Bord hatten, wurde ihm die Bitte bewilligt; auch seine Bitte um einen englischen Hund konnte erfüllt werden, indem ihm Herr Banks sein Windspiel verehrte. Der Resident erhielt auf seinen Wunsch ein Fernglas zum Andenken. Hierauf erzählten uns unsre Gäste von dem großen Reichtum der Insel an Ochsen, Schafen, Schweinen und Federvieh, von dem wir so viel erhalten könnten als wir gebrauchten. Der Becher kreiste öfter als der Rajah und der Resident vertragen konnten; doch hatten sie so viel Gewalt über sich, daß sie sich noch rechtzeitig entfernten. Unsre Seesoldaten machten die Honneurs. Der Rajah wollte einige militärische Übungen sehen. Man willfahrte ihm und ließ drei Salven abfeuern. Das erste Mal, als er die Präzision bemerkte, womit die Soldaten den Hahn spannten, anschlugen und feuerten, schrie er vor Bewunderung laut auf. Als die Gäste vom Schiff abfuhren, wobei ihnen Herr Banks und Dr. Solander das Geleite gaben, feuerten wir zu ihren Ehren neun Kanonenschüsse ab.
In der Stadt wurden die Herren Banks und Dr. Solander von dem Rajah mit süßem Palmwein bewirtet. Dieses Getränke ist nichts anders als der Saft, der aus der angebohrten Palmknospe träufelt; er schmeckt süß, aber nicht unangenehm. Dr. Solander verordnete ihn sofort unsern Skorbutkranken, nachdem er zu diesem Zweck einige Krüge davon gekauft hatte. Am nächsten Morgen stattete ich mit den Herren Banks und Dr. Solander sowie den ersten Offizieren dem Rajah einen Gegenbesuch ab, um gleichzeitig einige Ochsen, Schafe und Federvieh von ihm einzuhandeln. Darauf besuchten wir die von der Holländisch-Indischen Kompanie erbauten Gebäude. In dem größten trafen wir Herrn Lange und den Rajah, der Ae Mädocho Lomi Dära hieß und diesmal mit seinem ganzen Hofstaat erschienen war. Als wir dem Residenten vorschlugen, einen Tauschhandel zu etablieren, wies er uns an die Eingeborenen und empfahl sich unter irgendeinem Vorwand. Der Rajah lud uns zu Tisch ein, was wir annahmen. Den Wein stellten wir. Das Essen bestand aus Reis und Schweinefleisch, das auf verschiedene Weise zubereitet worden war und in 36 Schüsseln aufgetragen wurde. Nach der Landessitte nahm der Rajah nicht daran teil; ihn vertrat sein Premierminister. Auch der Resident erschien wieder und wohnte der Festlichkeit bei. Die verschiedenen Gerichte mundeten ausgezeichnet; auch die verschiedenen Suppen, die dazu gereicht wurden, waren vorzüglich. Die aus Blättern verfertigten Löffel, deren wir uns bedienen mußten, waren zu klein, so daß nur wenige die Geduld besaßen, sich ihrer zu bedienen. Nach Tisch begaben wir uns, um uns den Freuden des Weines zu ergeben, in einen andern Raum, während die Matrosen unsre Plätze einnahmen, um die Reste unsres Menüs zu verzehren, was ihnen unmöglich war, so reichlich wurde aufgetischt. Die Frauen und Mädchen, die die Speisen auftrugen, nötigten unsre Leute, das, was sie nicht verzehrten, mitzunehmen.
Wir aber saßen fröhlich beim Wein! Und da der Wein die Zunge löst und das Herz fröhlich macht, so brachten wir das Gespräch wieder auf unsre Angelegenheiten, den Einkauf von Ochsen usw. Unser sächsischer Holländer setzte jetzt eine Amtsmiene auf und erklärte, von seinen Vorgesetzten den Befehl erhalten zu haben, uns nur mit dem Nötigsten zu versehen und einen längeren Aufenthalt nicht zu gestatten. Wir hielten diesen Befehl für eine Fabel, ersonnen, uns zu brandschatzen, und beschlossen dem vorzubeugen. In der Tat war das für uns bestimmte Vieh vom Markte abgetrieben worden. Wir beschwerten uns sehr energisch bei dem verräterischen Residenten, der uns scheinheilig vertröstete. Der Rajah machte uns Hoffnung für den nächsten Tag, an dem wir wieder auf dem Markt erschienen, wo ein kleiner Ochse angetrieben war, für den fünf Guineen, zweimal soviel als das Tier wert war, verlangt wurden. Wir boten drei und erhielten den Zuschlag unter der Bedingung, daß der Rajah den Kauf gestatte. Dr. Solander war inzwischen zu dem Residenten gegangen, um dort vorstellig zu werden; er kam in Begleitung von etwa 100 Bewaffneten zurück und meldete mir, daß uns der Rajah den Kauf verbiete, weil wir seine Leute übervorteilten. Wir bezweifelten nicht, daß dieser Befehl auf den Residenten zurückzuführen war, der sich auf erpresserische Weise an uns bereichern wollte, was er am besten dadurch zu erreichen hoffte, daß er die Eingeborenen vom Markt vertreiben ließ. In diesem Augenblick erkannte ich den alten Premierminister des Rajahs und sah ihm an, daß er das Verfahren des Vertreters des Residenten mißbilligte. Ich begrüßte ihn und schenkte ihm einen Soldatendegen; er nahm den Degen mit Entzücken, schwenkte ihn über dem Kopf des Portugiesen und befahl ihm und dem Offizier der Wache, sich hinter ihn zu setzen und ruhig zu sein. Ein Zeichen des alten Herrn, und der Markt war mit einem Male wieder belebt. Wir konnten einkaufen und eintauschen, was wir wollten; wir erhielten sogar im Tausch die größten Ochsen gegen alte Flinten.
Savu ist von Osten nach Westen ungefähr acht Seemeilen lang und überaus fruchtbar. Die Einwohner sind im großen und ganzen eher klein als groß; besonders aber sind die Frauen klein und in einem gewissen Alter untersetzt. Die Vornehmen sind von lichter, hellbrauner Farbe; die Haut der gewöhnlichen Leute, die viel in der Sonne arbeiten, ist fast so dunkel wie die der Eingeborenen von Neuholland. Die Männer sind körperlich schön gebaut; ihre Gesichtsbildung ist verschieden. Die Frauen dagegen sehen einander so ziemlich ähnlich; sie binden ihr Haar nach hinten in einen dichten Busch zusammen, eine Mode, die sie nicht verschönt. Die Männer tragen ihr langes Haar mit einem Kamm auf dem Kopfwirbel zusammengesteckt; beide Geschlechter epilieren ihr Haar unter der Achsel, die Männer sogar den Bart. Zu diesem Zwecke tragen die Vornehmen eine kleine silberne Zange bei sich, die an einer Zierschnur um den Hals hängt. Die Stutzer tragen einen winzigen Schnurrbart, der die Hälfte der Oberlippe von der Nasenwurzel aus bedeckt. Männer wie Frauen kleiden sich in blauen, wolkenmäßig schattierten Kattun, den sie selbst weben. Zwei Stücke Kattun in Länge von 6 und Breite von 5½ Fuß reichen zur vollständigen Kleidung; das eine dient als Ober-, das andre als Unterkleid. Arme, Beine und Füße bleiben unbekleidet. Die Frauen tragen ihr Haar frei, während die Männer eine Art von Turban um den Kopf wickeln. Auffallend ist ihre Vorliebe für Schmuck, echten und unechten. Die Vornehmen tragen goldene oder vergoldete Ketten um den Hals, Ringe an den Fingern, Korallenschmuck, Armbänder und Ohrgehänge von überladenem, oft protzenhaftem Umfang. Die Söhne des Rajahs trugen als Zeichen ihrer Würde Schlangenarmbänder um den Oberarm. Außerdem schmückten sich Männer und Frauen mit Tätowierungen an den Armen; bei den Frauen waren es meist Quadrate, bei den Männern Namenszüge. Die unverkennbare Ähnlichkeit dieser Zeichen mit denen, die sich die Südseeinsulaner einzutätowieren pflegen, war überraschend; über den Ursprung dieser gemeinsamen Unsitte vermochten wir natürlich Bestimmtes nicht zu erfahren; sie ist traditionell wie die Erbsünde.
Die Häuser auf dieser Insel sind nach einem System und je nach dem Range und dem Vermögen ihrer Besitzer kleiner oder größer erbaut; sie sind auf Pfeilern und Pfosten ungefähr 4 Fuß hoch über dem Erdboden errichtet. Das schräge, mit Palmblättern gedeckte Dach reicht bis auf 2 Fuß gegen den Fußboden hinunter. In jedem Hause befindet sich ein von den übrigen Räumen abgesondertes Frauengemach. Der Haustrunk auf Savu und auf den übrigen Sundainseln ist der auf sinnreiche Weise von der Fächerpalme gezogene Palmwein, der Toddy. Um ihn zu gewinnen, schneiden die Eingeborenen die Knospen der geschlossenen Blüten auf, unter die man kleine, aus Blättern so dicht geflochtene Körbchen hängt, daß nichts hindurchtropfen und der aus den Knospen laufende Saft gesammelt werden kann. Zur Einsammlung dieses Saftes sind gewisse Leute bestellt, die morgens und abends auf die Bäume klettern und die Sammelkörbchen in einen großen Behälter leeren. So groß auch die Quantitäten dieses Weines sein mögen, die die Insel selbst verbraucht, so ist doch die Ernte immer noch größer, weshalb der überschüssige Saft zu Syrup, der Gula, eingekocht wird, deren heilende Wirkung wir an unsern Kranken beobachten konnten. Mit Reis gemischt dient die Gula zur Mästung der Schweine und des Geflügels. Die Blätter der Fächerpalme dienen zur Herstellung von Körben, Bechern, Sonnenschirmen und — Tabakspfeifen; auch deckt man die Dächer damit.
Männer wie Frauen sind dem häßlichen und schädlichen Laster ergeben, fortwährend Betel und Areka zu kauen, woran sie von Jugend auf gewöhnt werden. Auch mischen sie Betel und Areka mit Muschelkalk und Tabak. Der Tabak verpestet den Atem, und der Betel mit der Kalkmischung greift die Zähne so an, daß sie bald einer ausgebrannten Kohle gleichen. Ich habe junge Männer gesehen, die fast keine Zähne, sondern nur noch ekle, schwarze Zahnstumpen im Munde hatten. Meines Wissens sind viele Schriftsteller der Ansicht, daß es die zähe, faserige Hülse der Arekanuß sei, was die Zähne so verdirbt, allein ich bin andrer Meinung. Ich glaube entschieden, daß der Kalk die Schuld an diesem Übel trägt, denn die Zähne sind nicht abgebrochen oder ausgebissen, wie es sein müßte, wenn das beständige Kauen harter Gegenstände allein in Betracht käme, sondern nach und nach abgefressen wie Metalle, die der Wirkung starker Säuren ausgesetzt sind; ich kann nur der zerfressenden Wirkung des ätzenden Muschelkalks die Schuld geben. Männer wie Frauen sind auch leidenschaftliche Raucher; sie rollen den Tabak und stecken ihn in ein 6 Zoll langes, aus einem Palmblatt verfertigtes Röhrchen. Da sich in ein solches Röhrchen nur sehr wenig Tabak einfüllen läßt, so schlucken sie, um seine Wirkung zu verstärken, den Rauch in die Lunge. Mit Vorliebe tun das wieder die Frauen.
Der Resident versicherte uns, daß das Volk sehr tapfer und kriegerisch sei, und daß die Rajahs der fünf miteinander verbündeten Fürstentümer der Insel 2300 Mann mit Musketen, Spießen, Lanzen, Kriegsbeilen und Schilden bewaffneter Krieger auf die Beine stellen könnten. Die Lanzen sollen sie, wie er uns erzählte, so geschickt zu schleudern wissen, daß sie auf 60 Fuß Entfernung das Herz des Feindes treffen. Inwieweit dieses Zeugnis berechtigt ist, lasse ich dahingestellt. Wir haben nie Leute mit Lanzen gesehen, und die Musketen waren in schlechtem Zustand, außen zwar rein, aber innen vom Rost zerfressen. Von Kriegszucht war bei den sogenannten Truppen keine Spur zu entdecken. Auf dem Marsche liefen sie wie ein Haufen zusammengerottetes Volk einher; der eine trug ein Huhn, der zweite Tabak, der dritte Waren, um sie zu Markt zu bringen; in den Patrontaschen fehlten die Patronen. Die große Kanone vor dem Pseudozeughaus lag auf einem Steinhaufen mit dem Zündloch nach unten. Kriegerisch sah das alles nicht aus.
Die Sklaven gehören hier zum Grundbesitz und werden gut gehalten; ohne Vorwissen des Rajahs, d. h. ohne Urteil, darf kein Sklave gezüchtigt werden. Manche Grundherren haben 500 Sklaven. Wenn ein vornehmer Herr ausgeht, so trägt ihm ein Sklave sein Schwert nach, dessen Griff meist von Silber ist; ein zweiter trägt den Betel- und Tabaksbeutel. Der gewöhnliche Preis für einen Sklaven besteht in einem gemästeten Schwein. Die Religion dieser Leute ist, wie uns der Resident sagte, eine ungereimte Art Heidentums. Jeder wählt sich seinen eigenen Gott. Es gibt beinahe so viel Götter und Götzen als es Eingeborene auf der Insel gibt. Doch ist ihre Sittenlehre rein und verfeinert. Niemand darf mehr als eine Frau nehmen; der uneheliche Verkehr beider Geschlechter ist verpönt. Der Diebstahl ist verachtet. Beleidigungen werden ausschließlich von dem Rajah gesühnt, dessen Urteil allein entscheidend ist.
Dreizehntes Kapitel.
In Batavia. — Todesfälle. — Ungesundes Klima. — Tupia stirbt. — Die Javaner und ihre Lebensgewohnheiten. — Nationallaster. — Sklaverei. — Abreise.
Am 21. September 1770 gingen wir am frühen Morgen unter Segel und steuerten längs der Küste von Savu westwärts. Am 26. um 7 Uhr abends befanden wir uns in der Breite, in der das Vorgebirge von Java liegt. Trotzdem sah ich kein Land; ich richtete daher meinen Lauf nach Ostnordost. In der Nacht zum 1. Oktober bekamen wir ein Gewitter mit heftigem Donner und Blitz. Mitternacht, als ein fürchterlicher Blitzstrahl Himmel und Meer erhellte, sahen wir Land im Osten. Um 6 Uhr morgens lag das westliche Ende von Java nur noch fünf Seemeilen im Südosten. Am 2. Oktober früh 4 Uhr liefen wir hart an die Küste von Java hinein, sodann steuerten wir längs des Landes hin. Am Morgen schickte ich ein Boot ab, um einige Früchte für den schwer erkrankten Tupia und Heu für das Vieh einzuhandeln. Nach zwei Stunden kam es mit dem Verlangten zurück. Die Küste war so mit Bäumen bewachsen, daß es wie ein einziger Wald aussah und einen herrlichen, zauberhaft schönen Anblick gewährte. Um 11 Uhr sahen wir zwei holländische Schiffe auf der Höhe der Angerspitze liegen. Ich schickte meinen ersten Offizier Hicks aus, um Neuigkeiten aus unserm Vaterland einzuholen, von dem wir so lange nichts gehört hatten. Es war nicht viel, was er zu hören bekam.
Endlich kamen wir nach einigen Kreuzfahrten glücklich auf der Reede von Batavia vor Anker. Hier fanden wir den englischen Ostindienfahrer »Harcourt« und zwei englische Kauffahrteischiffe, dreizehn große und viele kleinere holländische Schiffe vor Anker liegen. Kaum waren wir angelangt, so wurde von einem Schiffe her, das einen Kommandowimpel führte, ein Boot an uns abgefertigt. Der Offizier, der es befehligte, befragte uns, wer wir seien und woher wir kämen, und kehrte dann mit der Antwort sofort an Bord seines Schiffes zurück; er und seine Leute sahen so blaß aus wie Gespenster: eine traurige Vorbedeutung von den Leiden, die wir in einem so ungesunden Lande ausstehen sollten! Kurz darauf sandte ich einen Leutnant an den Statthalter ab, um ihm unsre Ankunft mit dem Ausdruck des Bedauerns zu melden, daß wir ihn nicht wie üblich mit neun Kanonenschüssen begrüßt hätten. Hierauf überreichte mir der Schiffszimmermann den offiziellen Bericht über die Havarien des Schiffes, den ich einem Gesuch an den Statthalter beilegte, das Schiff in der Reede kielholen und reparieren zu dürfen; sodann gingen wir alle ans Land.
Wir begaben uns sofort zu Herrn Leith, einem angesehenen Engländer, um ihn um Rat zu fragen. Herr Leith empfing uns sehr höflich und behielt uns zu Tisch bei sich. Wir fragten ihn, wo wir am besten in der Stadt wohnen könnten. Er teilte uns mit, daß es einen Gasthof in Batavia gebe, in dem alle fremden Kaufleute wohnen müßten; da wir jedoch einem königlichen Schiffe angehörten, so bezweifle er nicht, daß uns der Statthalter erlauben würde nach freier Wahl zu wohnen. Herr Leith meinte, wir könnten uns besser und billiger einrichten, wenn wir in der Stadt ein Haus mieteten und uns zur Bedienung einige Leute vom Schiff aussuchten. Da wir aber niemand an Bord hatten, der sich mit den Eingeborenen wegen des Einkaufs von Lebensmitteln hätte verständigen können, so zogen es unsre Freunde vor, im Hotel zu wohnen. Um 5 Uhr des Nachmittags wurde ich dem Statthalter vorgestellt und mit Auszeichnung empfangen. Er sagte mir, daß ich alles erhalten würde, dessen ich bedürfte; die Petition aber werde er dem Staatsrat unterbreiten, dem er mich vorstellen würde. Um 9 Uhr des Abends brach ein fürchterliches Gewitter mit Sturm, Donner und Blitz über uns herein. Der Blitz spaltete den großen Mast eines holländischen Schiffes, das in unsrer Nähe lag, und schleuderte ihn über Verdeck. Wir würden das nämliche Schicksal erlitten haben, wenn wir nicht kurz vorher eine elektrische Kette aufgehängt hätten, in die der Strahl schlug. Der Blitz fuhr jedoch die Kette entlang ins Wasser, ohne das Schiff zu beschädigen. Wir empfanden nur einen gewaltigen Stoß. Die Kette sprühte Funken, und einer Schildwache, die in diesem Augenblick ihr Gewehr lud, wurde dieses aus der Hand geschleudert und der Ladestock zerschmettert. Von dem Staatsrat erhielt ich am nächsten Morgen persönlich die Zusicherung, daß ich alles, was ich nötig hätte, erhalten sollte.
Da es Herrn Banks im Gasthof zu unruhig war, so mietete er nebenan für sich und seine Freunde ein Privathaus; sobald er sich darin eingerichtet hatte, ließ er den kranken Tupia von Bord holen, dem er nebst Tayeto hier ein Zimmer anwies. Als Tupia die Stadt sah, lebte er wieder auf; er promenierte gern und viel in den Straßen und sah sich alles mit dem größten Interesse an. Als er wahrnahm, daß hier jedermann in seiner Landestracht erscheint, so ging er nur noch in der seinigen aus und wurde deshalb vielfach für Otourou gehalten, den Insulaner, den Herr von Bougainville seinerzeit aus Otahiti mit sich nach Frankreich nahm.
Die Kosten, die die Ausbesserung und die Ausrüstung des Schiffes erforderten, nötigten mich Gelder aufzunehmen. Der Generalstatthalter streckte mir die Summe, die ich brauchte, aus der Kasse der Kompanie vor, worauf ich das Schiff auf die Werft brachte. Unterdessen machte sich das mörderische Klima über uns her. Der erste, der schwer erkrankte, war Tupia; Tayeto bekam eine Lungenentzündung; zwei Bediente des Herrn Banks wurden bettlägerig, und bei den Herren Banks und Dr. Solander stellten sich schwere Fiebererscheinungen ein. Nach wenigen Tagen war fast jedermann von uns krank. Dies rührte ohne Zweifel von der niedrigen, sumpfigen Lage des Ortes und von den unzähligen, unreinen Kanälen her, die die Stadt nach allen Richtungen hin durchziehen. Tupia war der erste, der sich wieder nach der reineren Seeluft sehnte. Herr Banks ging mit ihm nach dem Kuyporeiland und errichtete ihm bei der Schiffswerft ein Zelt. Auch pflegte er ihn so lange, bis er selbst so schwach wurde, daß er kaum mehr gehen konnte. Dr. Solander brach ebenfalls zusammen, und unser Schiffsarzt Monkhouse konnte das Bett nicht mehr verlassen. Am 5. November, an dem Tage, wo das Schiff umgelegt wurde, starb der arme Monkhouse, ein einsichtsvoller Arzt und uns allen ein treuer Freund. Ein furchtbarer Schlag für uns. Herr Banks war so schwach, daß er nicht einmal dem Leichenbegängnis beiwohnen konnte. Der Tod kam uns allen sichtbar näher, und wir konnten ihm nicht entfliehen. Am 9. November starb Tayeto, dessen Tod unsern armen Tupia so furchtbar hart traf, daß wir an seinem Aufkommen zu zweifeln begannen.
Der Boden des Schiffes war unterdessen genau untersucht worden. Der Afterkiel fehlte bis auf eine Kleinigkeit; der Hauptkiel war schwer beschädigt; ein großer Teil der Schiffshaut fehlte, und viele von den inneren Planken waren derart abgescheuert, daß sie kaum mehr einen achtel Zoll dick waren. Auch die Würmer hatten ihr Zerstörungswerk begonnen und die Rippen angefressen. In diesem trostlosen Zustand war das Schiff viele Hunderte von Seemeilen über den Teil des Weltmeers gesegelt, der für die Schiffahrt als der gefährlichste gilt. Welches Glück, daß wir nicht wußten, daß unser Schiffsboden noch dünner als eine Schuhsohle war, daß zwischen uns und dem bodenlosen Abgrund des Korallenmeers nur diese dünne Scheidewand war! Und allen diesen Gefahren waren wir entgangen, um hier am Lande eines elenden Todes zu sterben!
Die Herren Banks und Dr. Solander waren so krank, daß der Arzt ihnen als einziges Rettungsmittel Luftveränderung vorschrieb. Wir mieteten ihnen ein Landhaus zwei Meilen von der Stadt entfernt und kauften ihnen auf ihren Wunsch zwei malaiische Sklavinnen als Pflegerinnen. Kurz nach der Übersiedelung der beiden Herren starb zu unser aller Leidwesen der arme Tupia, der sich von dem Verluste seines jungen Freundes nicht mehr erholen konnte. Zum Glück wirkten die Seeluft und der Landaufenthalt bei unsern andern Kranken; die Herren Banks und Dr. Solander erholten sich zusehends. Während sie genasen, erkrankten andre, so daß von der ganzen Besatzung kaum zehn Mann imstande waren Dienst zu tun. Auch ich konnte mich vor Fieber nicht mehr aufrecht halten. Desungeachtet fuhr ich fort, das Schiff auszurüsten und den nötigen Proviant einzuhandeln. Am 26. November stellte sich nach einem furchtbaren, wolkenbruchartigen Unwetter der Passatwind ein. Der Regen durchströmte unser Landhaus wie ein Sieb; und in den untern Zimmern wütete das Wasser wie ein Bach, der ein Mühlrad hätte treiben können. In der Stadt war es nicht anders. Alles war überschwemmt. Auf diese Weise stellte sich die Regenzeit ein; doch gab es noch schöne und heitere Tage. Die Frösche, die hier zehnmal lauter quaken als die europäischen, waren uns zu gute Wetterpropheten, und die Moskitos, die in der heißen Jahreszeit lästig genug waren, wurden zur Landplage; sie schwärmten aus ihren Pfützen und Tümpeln in solcher Unzahl, daß man sich ihrer kaum erwehren konnte. Aber der Mensch gewöhnt sich an alles.
Am 8. Dezember war das Schiff ausgebessert, die Kranken waren an Bord, und wir liefen die Reede hinauf. Hier ankerten wir bis zum 24. Dezember, um das Schiff vollständig auszurüsten und zu verproviantieren. Wir wären früher fertig geworden, wenn uns nicht Krankheiten und Todesfälle heimgesucht hätten.
Am Nachmittag verabschiedete ich mich von dem Statthalter und den angesehensten Bürgern, die uns während unseres Aufenthalts in Batavia so gastfreundlich begegnet waren. Weihnachten feierten wir am Lande; am Abend des ersten Feiertags gingen wir alle an Bord, und am 26. Dezember früh 6 Uhr lichteten wir die Anker. Der englische Ostindienfahrer Elgin, Kapitän Cook, ein Namensvetter von mir, mit dem wir sehr frohe Stunden verlebt hatten, begrüßte uns mit dreimaligem Hurra und dreizehn Kanonenschüssen; das Fort brachte einen Salut von vierzehn Schüssen. Beide Grüße erwiderten wir mit Hilfe unsrer Drehbassen.
Wir waren aber kaum an den letzten Schiffen vorüber, als der Wind sich drehte und uns zwang, bis zum nächsten Tag vor Anker zu gehen. Zu dieser Zeit belief sich die Anzahl unsrer Kranken an Bord auf vierzig Mann, und der Rest war kaum genesen. Mit Ausnahme des Segelmachers, eines Jünglings von ungefähr 75 Jahren, waren wir alle mehr oder minder krank; der gute Knabe war aber während unseres ganzen Aufenthalts in Batavia niemals so nüchtern gewesen, daß er selbst hätte wissen können, ob er die Malaria hatte oder nicht; jedenfalls hat er sie weggeekelt, während wir im ganzen sieben Genossen ans Grab zu begleiten hatten. Von diesen fielen sechs dem Klima zum Opfer, während der arme Tupia mehr seiner veränderten Lebensweise unterlag.
Batavia, die Hauptstadt der holländischen Kolonien in Java, ist, was die Kanäle betrifft, ein zweites Holland, ein zweites Venedig. In der heißen Jahreszeit aber verpesten diese Kanäle mit ihrem stagnierenden Wasser die Luft; in der Regenzeit überschwemmen sie die niedriger gelegenen Stadtteile mit ihrem Schlamm und ihrem Kot und sind beinahe stets mit Tierleichen gefüllt. Tote Hunde und Pferde bleiben so lange liegen, bis sie von einer zufälligen Überschwemmung abgetrieben werden. Ich sah hier einen toten Ochsen über acht Tage lang im Hauptkanal umhertreiben. Daher auch die ungesunden Verhältnisse von Batavia, die so mörderisch sind, daß, wie man uns sagte, von hundert Soldaten, die aus Europa hier anlangen, kaum fünfzig das erste Jahr überleben und kaum zehn dienstfähig sind. Dieser Bericht kann zwar übertrieben sein, allein die Gespenster, die wir hier mit einem Gewehr herumlaufen sahen, bestätigen die traurige Wahrheit des Gesagten. In ganz Batavia haben wir keinen wirklich gesunden Mann getroffen; auch die Frauen sahen alle blaß und krank aus. Man nimmt hier die Arzneien fast gewohnheitsmäßig ein und spricht vom Sterben wie von einer alltäglichen Sache. Die Eingeborenen verbrennen eine Unmasse von wohlriechendem Holz und Harzen und sind die üppigsten Blumenzüchter, die man sich denken kann; vermutlich sollen ihnen die Wohlgerüche als Gegengift gegen die mephitischen Ausdünstungen ihrer Gruben und Kanäle dienen.
Wir sahen zwar viele weiße Frauen, aber kaum zehn waren geborene Europäerinnen; doch stammten die meisten von Europäern ab. Merkwürdigerweise schadet das Klima den Frauen weniger als den Männern. Diese Kreolinnen ahmen jedoch die Gebräuche der Malaiinnen so sehr nach, kauen Betel wie sie und tragen Kleidung und Haar so sehr nach der Mode der Eingeborenen, daß man sie nur an der Hautfarbe erkennen kann. Die Bevölkerung selbst besteht aus Holländern, Portugiesen, Chinesen, Malaien und Negern. Die Chinesen treiben meist Handelsgeschäfte; sie sind in der Tat die rührigsten Kaufleute, die man sich denken kann, und ohne sie ist hier kein Geschäft möglich. Die Portugiesen, die Java bevölkern, haben sich mit den Javanern so sehr vermischt, daß man sie nur an der Hautfarbe von ihnen unterscheiden kann. Die Malaien sind meist als Sklaven von den benachbarten Inseln importiert und später freigelassen worden. Als Mohammedaner nennen sie sich die Rechtgläubigen, die Isalams, was sie aber nicht hindert, sich durch Opiumhandel zu bereichern, Betel und Areka zu pflanzen und die Laster ihrer alten Heimat getreulich beizubehalten. Die eigentlichen Javaner sind mit den Isalams verschmolzen. Männer wie Frauen verwenden trotz des Betelkauens auf die Pflege ihrer Zähne die größte Sorgfalt, indem sie die Zähne gleichlang abfeilen und eine Rinne in die obere Zahnreihe schneiden, die mit dem Zahnfleisch parallel läuft. Allgemein frönen sie dem Laster des Opiumrauchens so sehr, daß unter ihnen eine besondere Art von Wahnsinn herrscht, den man das Amoklaufen nennt. Wenn jemand Amok läuft, so ist er vogelfrei, man kann ihn niederschlagen wie einen tollen Hund, denn er ist nichts anders als ein Tobsüchtiger, der sich mit Opium zu einem Mord berauscht, rasend auf die Straße läuft und nun unterschiedslos jedermann anfällt, der ihm begegnet. Wir sahen einen wohlhabenden Mann Amok laufen aus Eifersucht auf seinen Bruder, den er in seinem Blutrausch tötete. Diese Mordmanie ist so verbreitet, daß die Gerichtsdiener eigene Fangapparate, große Gabelzangen, mit sich herumtragen, um die Amokläufer, die ihr Leben teuer genug verkaufen, unschädlich zu machen. Die gefangenen Amokläufer werden unmittelbar nach ihrer Verhaftung auf dem Schauplatz ihres ersten Mordes ohne Gnade lebendig gerädert.
Merkwürdig ist, daß die Javaner, obwohl sie meist Mohammedaner sind, den Teufel als den Urheber alles Übels anbeten und ihm in der Not sogenannte Versöhnungsopfer darbringen. Auch glauben sie, daß manche Menschen einen Sandura, d. h. ein Krokodil, als Zwillingsbruder hätten. Die Familie, in der sich eine solche Geburt ereignet haben soll, trägt ihrem Sandura im nahen Fluß so reichlich Nahrungsmittel zu, daß sie selbst oft darunter notleidet; denn eine Vernachlässigung dieser Pflicht wird unnachsichtlich mit einem Krankheits- oder Sterbefall in der Familie geahndet. Eine junge Sklavin, die unter Engländern erzogen worden war, erzählte Herrn Banks, ihr Vater habe ihr auf seinem Totenbett entdeckt, daß er ein Krokodil zu seinem Sandura hätte, und habe ihr aufgetragen, die Bestie zeit ihres Lebens zu füttern. Sie gehe daher jeden Tag an den Fluß, um ihren Oheim zu füttern. Gegen die Macht dieses Aberglaubens helfen keine Vernunftgründe. Die Leute glauben so fest an die Mythe vom Sandura, daß sie an gewissen Festtagen gemeinsam hinausrudern, um ihre gefräßigen Verwandten mit Fleisch, Betel und Tabak zu regalieren.
Nächst den Chinesen, die in einem besondern Quartier wohnen und allen ihren Nationallastern, dem Opiumrauchen und dem Spiele frönen, sind in Batavia die Sklaven am zahlreichsten. Jedermann hält sich zu seiner Bedienung Sklaven, und wo man einen Holländer, einen Portugiesen oder einen Isalam sieht, er sei vornehmen oder geringen Standes, reich oder arm, so sieht man ihn in Begleitung seiner Sklaven. Man führt sie aus Sumatra und den östlichen Provinzen ein. Die Javaner selbst sind durch die Gesetze und schwere Strafen vor der Leibeigenschaft und dem Lose geschützt, als Sklaven in dem Lande zu leben, dessen Herren sie einst waren; eine gesetzgeberische Maßnahme, die ihrem trägen Sinne wenig zusagt, zumal da die Sklaven hier ein Leben wie in Arkadien führen und die faulste Menschensorte unter Gottes Himmel sind. Für einen Sklaven zahlt man in Batavia zehn bis zwanzig Pfund Sterling, für ein Mädchen, wenn es schön ist, bis zu hundert Pfund. Man hat Sklaven aus allen Völkerschaften. Berüchtigt sind die Negersklaven aus Afrika, die man hier Papuas nennt; sie sind Diebe und unverbesserliche Faulenzer. Nicht viel besser sind die Sklaven von der Insel Celebes, die sich nicht nur durch ihre Faulheit, sondern auch durch ihren rachsüchtigen Charakter auszeichnen. Die zuverlässigsten Sklaven kommen aus Bali, die schönsten Sklavinnen aus Bias, einer kleinen Insel bei Sumatra. Leider sind diese Mädchen körperlich so zart, daß sie dem mörderischen Klima von Batavia leicht erliegen. Die Sklaven stehen unter der Strafgewalt ihrer Herren; wer jedoch seinen Sklaven so mißhandelt, daß er daran stirbt, verfällt der Todesstrafe. Daher züchtigen die Sklavenhalter ihre Leute nicht selbst, sondern sie überlassen das dem Marineu, einer Gerichtsperson, der es obliegt, den Straßenfrieden zu wahren, die Amokläufer einzufangen und straffällige Sklaven zu züchtigen. Dies besorgt jedoch der Marineu nicht selbst, sondern er läßt es von seinen Sklaven ausführen. Die Sklaven werden öffentlich vor der Haustüre ihres Herrn, die Sklavinnen innerhalb des Hauses gezüchtigt. Als Strafinstrument dienen dünne Bambusrohre, die aber so kräftig wirken, daß auf jeden Hieb Blut fließt. Für jede gewöhnliche Exekution erhält der Marineu einen Taler, für eine besonders harte einen Dukaten.
Vierzehntes Kapitel.
Die Prinzeninsel. — Besuch beim König. — Die Eingeborenen. — Das schwimmende Hospital. — Wir begraben dreiundzwanzig Mann. — Am Kap der Guten Hoffnung. — Die Hottentotten und ihre Sitten.
Donnerstag, den 27. Dezember, liefen wir in See; am 29. kamen wir an Pulo Pare vorüber; am 1. Januar 1771 segelten wir wiederum der Küste von Java zu. Am 5. Januar befanden wir uns an der Prinzeninsel. Da sich der Zustand der Kranken seit unsrer Abreise von Batavia verschlimmert hatte, so beschloß ich hier beizulegen und ging um 3 Uhr des Nachmittags an der südöstlichen Seite der Insel in 18 Klaftern Wasser vor Anker, um Erfrischungen für die Kranken einzukaufen und unsre Vorräte an Holz und Wasser zu ergänzen.
Als das Schiff gehörig gesichert war, ging ich mit den Herren Banks und Dr. Solander ans Land. Am Strande begegneten uns einige Eingeborene, die sich erboten, uns zu ihrem Könige zu geleiten, ein Vorschlag, den wir sofort annahmen. Seine Majestät empfing uns mit großer Auszeichnung. Was aber den Einkauf von Lebensmitteln, Schildkröten und andern Erfrischungen betraf, so wurden wir über den Preis nicht einig. Seine Majestät war ein großer Halsabschneider und forderte haarsträubende Preise. Dies machte uns weiter keine Sorge, denn wir wußten im voraus, daß er am andern Tage seine Leute auf unsre Preise stimmen würde. In dieser Erwartung empfahlen wir uns von dem König und der Versammlung von Indianern, die er zu unsern Ehren zusammengetrommelt hatte, und nahmen unsern Rückweg längs der Küste, um eine Wasserstelle ausfindig zu machen, was uns auch gelang. Wir fanden nämlich in der für unsre Zwecke günstigsten Lage Wasser. Als wir uns einschiffen wollten, boten uns einige Indianer drei Schildkröten zum Kauf an. Wir wurden handelseinig, mußten aber an Eides Statt versichern, Seiner Majestät diesen Kauf zu verschweigen.
Am andern Morgen kommandierte ich einen Teil der Mannschaft ab, um Wasser einzuholen. Wir gingen des Proviantes wegen ans Land, fanden jedoch, daß die Eingeborenen auf Allerhöchsten Befehl auf ihren hohen Preisen bestanden. Allein als sie sahen, daß auch wir unsre Preise hatten und nicht zu bewegen waren, mehr zu geben, als wir von Anfang an geboten hatten, so bequemten sie sich nach ein paar Stunden des Feilschens zu unsern Preisen. Wir hatten bald sämtliche Schildkröten und ausgestellten Früchte an Bord. Die vorher gekauften Schildkröten teilte ich der Mannschaft zu, die seit vier Monaten nur von frischen Lebensmitteln lebte, sich also in bezug auf die Verpflegung über eine Vernachlässigung von meiner Seite nicht beklagen konnte. Vier Monate auf hoher See und nicht ein einziges Mal Pökelfleisch! — unser Schiffskoch hielt das für ein Wunder. Am Abend stattete Herr Banks dem König, der gerade sein Abendessen kochte, in dem Königlichen Palais, das aus einer Hütte im Reisfeld bestand, seinen Besuch ab und wurde ungemein gnädig empfangen. Am folgenden Tag war der Markt mit Fischen, Geflügel, jungen Rehen, Früchten und kleinen Affen überfüllt. Schildkröten gab es nicht; wir hatten sie aufgekauft. Aber die Tage darauf entsprach das Angebot an Schildkröten wieder der Nachfrage; doch bekamen wir nie soviel wie am ersten Tag.
Herr Banks erinnerte sich, daß ihm sein malaiischer Bedienter in Batavia von einer Stadt auf der Prinzeninsel erzählt hatte, die im Westen liege. In der Absicht sie aufzusuchen reiste er, weil er gehört hatte, daß die Eingeborenen Fremde nur höchst ungern in diese Stadt geleiteten, unter dem Vorwand ab, daß er Pflanzen suchen wollte. Nachdem er mit seinen Begleitern zwei Stunden lang unterwegs gewesen war, begegneten sie einem alten Manne, bei dem sie sich nach der kleinen Stadt erkundigten. Der Alte gab ihnen zuerst eine falsche Auskunft und suchte sie in die Irre zu führen; als er aber sah, daß ihm das nicht gelang, führte er sie auf dem nächsten Wege nach Samadang, wie die Hauptstadt der Insel heißt.
Samadang ist eine Stadt von vierhundert Häusern und wird von einem Flusse durchzogen; die beiden Stadtteile werden durch eine Fähre verbunden. Banks erkannte unter den Einwohnern, die sich bei seinem Erscheinen neugierig ansammelten, mehrere, mit denen wir an der Küste gehandelt hatten. Er bat sie, ihn und seine Begleiter nach der Neustadt zu führen, was die Angesprochenen gegen eine kleine Vergütung denn auch taten. Das Volk empfing sie hier sehr freundlich und zeigte ihnen die Häuser des Königs und der vornehmsten Häuptlinge. Leider befanden sich die Herrschaften in ihren Hütten in den Reisfeldern, wo sie sich damit beschäftigten, die Vögel und die Affen, die die Ernte bedrohten, zu verscheuchen. Von einer Besichtigung des Innern der sehr ansehnlichen Häuser mußte daher abgesehen werden. Zur Rückkehr nach der Küste mietete Herr Banks ein Segelboot, wofür er dessen Besitzer vier Schilling zahlte.
Wir kauften außer Geflügel und Früchten täglich drei Zentner Schildkröten. Am 13. abends war unser Proviant ergänzt, und wir dachten an die Abreise. Herr Banks ging noch einmal ans Land, um sich von dem Könige zu verabschieden, bei welcher Gelegenheit er ihm zwei Buch Papier zum Geschenk machte. Am 14. waren wir segelfertig; am 15. früh stachen wir bei leichtem Nordostwind in See.
Wir hatten an der Küste der Prinzeninsel, die von den Eingeborenen Pulo Paneitan genannt wird, zehn Tage verweilt. Die Einwohner sind Javaner; ihr Rajah, der König, steht unter der Oberhoheit des Sultans von Bantam. Die Javaner der Prinzeninsel ähneln in ihrer Tracht, ihren Sitten und Gewohnheiten denen von Batavia. Nur scheinen sie in bezug auf ihre Frauen, die sie vor uns versteckten, eifersüchtiger als die Bataver zu sein. Wir sahen während unseres Aufenthalts zufällig im Walde eine einzige Frau; als sie uns erblickte, lief sie schreiend davon und verbarg sich. Die Paneitanjavaner sind strenggläubige Mohammedaner, die ihren Ramadan so streng hielten und fasteten, daß sie an diesem hohen Festtage nicht einmal dem heißgeliebten Betel huldigten.
Die Häuser in der Stadt, die Herr Banks besichtigte, sind auf Pfählen erbaut, die 4 bis 5 Fuß hoch sind und auf denen der aus Bambusrohr verfertigte Fußboden ruht. Auch die Seitenwände sind aus Bambusrohr, das die Fachwerke dicht ausfüllt. Die schrägen, steilen Dächer sind mit Palmenblättern so dicht gedeckt, daß weder Sonne noch Regen hindurchdringt. Das Haus des Königs und das des reichsten Mannes auf der Insel hatten Bretterwände. Die Häuser in den Reisfeldern sind als Landhäuser bedeutend kleiner gebaut, nur sind die Pfosten, worauf sie ruhen, etwa 10 Fuß hoch. Die Vorfahren der Paneitanjavaner wohnten ursprünglich an der neuen Bai von Java; sie wanderten der vielen Tiger wegen, die dort die Dschungeln und Wälder unsicher machen, aus und ließen sich auf der in dieser Hinsicht mehr geschützten, außerordentlich fruchtbaren Prinzeninsel nieder.
Wir beschleunigten unsre Reise nach dem Kap der Guten Hoffnung, denn wir waren in einer fürchterlichen Lage. Das schlechte Wasser von der Prinzeninsel hatte unsern Kranken sehr geschadet. Zu der Malaria, dem Skorbut und dem Wechselfieber war noch eine gefährliche Dysenterie gekommen, die uns zwang, das ganze Schiff mit Essig zu desinfizieren, um die bösartige Wirkung der ansteckenden Ausdünstungen unsrer Kranken zu bekämpfen. Herr Banks erlitt einen so bedenklichen Rückfall, daß wir eine Zeitlang an seinem Aufkommen zweifelten. Das Schiff selbst war ein schwimmendes Hospital, worin es den Kranken an der nötigsten Pflege fehlte, so daß wir jeden Morgen eine neue Leiche hatten. Nicht ganz in sechs Wochen mußten wir auf dieser Todesfahrt der See dreiundzwanzig Tote übergeben, darunter den Astronomen Green, Parkinson den Maler, den Reisenden Sporing, den freiwilligen Unteroffizier Monkhouse, den Oberbootsmann, den Schiffszimmermann, den alten Segelmacher und seinen Gehilfen, den Schiffskoch, den Korporal der Seesoldaten, einen zweiten Unteroffizier, die beiden Zimmermannsgehilfen und neun Matrosen. Im ganzen hatten wir seit unsrer Ankunft in Batavia dreißig Tote zu beklagen. Eine furchtbare Meerfahrt war es, die wir im Totenschiff zurücklegten; wir atmeten erst auf, als wir die Höhe des Vorgebirges der Guten Hoffnung erblickten, wo wir am 15. März in 7 Klaftern auf schlammigem Boden vor Anker gingen.
Ich begab mich sogleich ans Land, um dem Statthalter meine Aufwartung zu machen und ihn um Hilfe für meine armen Kranken zu bitten, die mir auch zugesagt und in jeder Weise zuteil wurde. Ich mietete für sie in herrlicher, gesunder Lage ein Haus, wo man sie, den Mann täglich für zwei Schilling, mit Kost und Pflege versah. Auf der ganzen traurigen Fahrt hierher fiel sonst nichts Besonderes vor, was den Seefahrer interessieren könnte. In der Windstille war die Luft schwül und ungesund. Wenigstens konstatierte ich, daß an solchen Tagen die Dysenterie sich so verschlimmerte, daß sich jeder für verloren gab, umsomehr als die gereichte Medizin nicht im geringsten anschlug. Kaum hatten wir aber den Passatwind erreicht, als wir sofort an uns und unsern Kranken dessen heilsame Wirkung verspürten. Wir verloren allerdings noch zwei der Kranken, allein diese waren schon in Batavia hoffnungslos erkrankt. Wir glaubten zuerst, daß die Schildkröten, die wir auf der Prinzeninsel gekauft hatten, die fürchterlichen, verheerenden Wirkungen der Dysenterie verursacht hätten, allein wir hörten in Kapstadt, daß alle die Schiffe, die mit uns von Batavia abgesegelt waren, ebensosehr von Krankheit mitgenommen worden waren wie wir; auch hier war der Keim zu der todbringenden Dysenterie in Batavia gelegt worden, denn keines dieser Schiffe, die fast ebensoviel Tote hatten wie wir, hatte an der Prinzeninsel geankert. Als wir am Vorgebirge der Guten Hoffnung vor Anker lagen, segelte der Ostindienfahrer »Hougthon« nach England ab. Der »Hougthon« hatte während seines Aufenthalts in Ostindien 30–40 Mann durch Krankheiten eingebüßt, und als er das Kap verließ, lagen noch viele von seinen Leuten so sehr am Skorbut danieder, daß man stündlich ihr Ableben erwartete. Andre Schiffe, die nicht viel über ein Jahr von England fern waren, hatten nicht weniger gelitten. Wenn wir bedachten, daß wir dreimal so lange Zeit von Hause fort waren wie sie, so konnten wir mit unserm Schicksal nicht so sehr grollen; im Verhältnis waren wir weniger heimgesucht worden als unsre Leidensgefährten.
Teils um die Genesung der Kranken abzuwarten, teils um Proviant einzunehmen und Schiff wie Takelwerk auszubessern, blieb ich bis zum 13. April hier vor Anker. An diesem Tage nahm ich die Kranken, von denen sich noch verschiedene in sehr gefährlichem Zustand befanden, wieder an Bord, verabschiedete mich von dem Gouverneur und lichtete am 14. die Anker, um mit dem ersten Wind auszulaufen.
Das Vorgebirge der Guten Hoffnung ist so oft beschrieben worden, daß ich nur weniges berichtigend zu sagen habe. Sehr berichtigungsbedürftig sind in erster Linie die übertriebenen Schilderungen von der Schönheit und Fruchtbarkeit dieses Landes, die mit der Wahrheit wenig übereinstimmen, denn auf unsrer ganzen Reise haben wir kein Land gefunden, das so sehr einer unfruchtbaren Wüste geglichen hätte. Die Halbinsel, die von der Tafelbai und von der falschen Bai umgeben ist, besteht aus hohen, kahlen und trostlosen Bergen. Hinter diesen liegt nach Osten hin eine Landenge, die aus Sandboden besteht, worauf nichts als Heidekraut gedeiht. Die wenigen fruchtbaren Stellen, die mit Wein, Obst und Gemüse angepflanzt sind, verhalten sich zu den unfruchtbaren wie eins zu tausend. Auch im Innern des Landes ist es nicht viel anders. Die Holländer sagten uns, daß viele von ihren Landsleuten sich etwa 900 englische Meilen entfernt im Innern des Landes niedergelassen hätten und aus dieser großen Entfernung den Ertrag ihrer Felder per Achse zu Markt ans Kap brächten. Während unsres Aufenthaltes kam ein Bur fünfzehn Tagereisen weit aus dem Landesinnern und brachte seine jungen Kinder mit. Wir verwunderten uns und meinten, ob es nicht bequemer gewesen wäre, die Kleinen bei dem Nachbar unterzubringen. »Nachbar!« lachte der Mann, »mein nächster Nachbar wohnt fünf Tagereisen von mir entfernt!« Muß das Land nicht schrecklich öde sein, wenn die Bauern, die vom Ackerbau und von der Viehzucht leben, der Unfruchtbarkeit des Landes wegen so weit voneinander wohnen müssen?