Zwanzigstes Kapitel.
Rückblick.
An Bord des Reichspostdampfers „König“.
Im Mittelmeer, vor den Nilmündungen,
20. Januar 1907.
Herrn Geheimrat Kirchhoff, Mockau bei Leipzig.
Vor wenigen Stunden haben uns die Palmen von Port Said den letzten Gruß Afrikas herübergewinkt. Jetzt ist der flache, sandige Strand des ägyptischen Deltagestades längst den Augen entschwunden, und graue Wasserwüste liegt vor dem Schiff, das immer mühseliger gegen den rasch aufkommenden Nordwestwind ankämpft. Überhaupt das Mittelmeer zur Winterszeit! Wo ist der ewig klare Himmel unserer Schulweisheit in Wirklichkeit! Kapitän Scharf, der es doch wissen muß, sagt, daß er diese Meeresstrecke um diese Jahreszeit gar nicht anders kennt als immer kalt, immer stürmisch, kurz, als einen unangenehmen Übergang von der herrlichen Temperatur des winterlichen Roten Meeres zu dem nordischen Klima des Atlantischen Ozeans und der Nordsee. Wir werden unmittelbar an Kreta entlang fahren müssen und werden so dicht an Griechenland vorüberkommen, daß die schneeigen Gipfel der Gebirge Spartas zu uns herüber grüßen, so schwer legt sich das Wetter gegen den breiten Bug unseres etwas altmodischen Dampfers, der für ein modernes Beförderungsmittel merkwürdig wenig Fahrt macht. Um so mehr Muße hat der Reisende, im behaglichen Rauchsalon in sich zu gehen und das Fazit zu ziehen aus alledem, was er in den letzten dreiviertel Jahren gesehen, gehört und gelernt hat.
War das ein vergnügter Abend am 2. Dezember an Bord des „Kanzler“ auf der Reede von Lindi! Man begriff kaum, woher mit einem Male die vielen weißgekleideten Europäer kamen. Ein Witzbold meinte, das eisgekühlte Pilsner, das Ewerbeck und ich in froher Abschiedslaune in unbegrenzten Mengen spendeten, sei der Magnet; doch das ist ein schlechter Witz gewesen. Die Anwesenheit eines deutschen Dampfers im Hafen ist in diesen Breiten immer ein Fest, das männiglich feiert wie es fällt. Mit Recht, denn nichts ist tötender als das Einerlei des Werktagslebens in Afrika.
Was den Dämpfling „Rufidyi“ mehr als drei Tage angestrengtester Arbeit gekostet hatte, der schnellfahrende „Kanzler“ hat es in einem Tage gemacht. Schon am 4. Dezember früh stiegen Ewerbeck und ich in Daressalam wohlgemut ans Land, Ewerbeck, um sich für immer vom Schutzgebiet zu verabschieden, ich, um über den verwaltungstechnischen Teil meiner Expedition höheren Orts Rechenschaft abzulegen. Für einen Neuling wie mich ist jener Aufenthaltswechsel belanglos gewesen, den Kaiserlichen Bezirksamtmann hingegen bewegten sichtlich ernsthafte und wehmütige Gedanken; er hatte den besten Teil seines Lebens, mehr als fünfzehn Jahre, an die Entwicklung gerade des Südostens von Deutsch-Ostafrika gesetzt; da geht man nicht gleichgültigen Herzens von dannen.
Daressalam war noch entzückender als im Juni; jetzt gab es „Embe“ in Mengen, in jeder Größe und jeder Beschaffenheit. Embe? Was ist Embe? Nun, für den Nordländer, der auf sein prächtiges Obst stolz sein kann, auf unsern unvergleichlichen Apfel, die saftige Birne, das große Heer unseres herrlichen Beerenobstes und was unser Garten an Köstlichkeiten sonst alles zu bieten gewohnt ist, für den ist Embe ein leerer Schall; wer aber dauernd in der Tropenregion des Indischen Ozeans lebt, für den ist diese Frucht der Inbegriff alles Herrlichen und Schönen. Die Mango ist es, jene indische Frucht, die seit langer Zeit ihre zweite Heimat in Äquatorial-Ostafrika gefunden hat. Der Baum ist gleichsam der Vorläufer jener ungezählten menschlichen Bewohner der großen Halbinsel zwischen dem Arabischen Meer und dem Bengalischen Golf gewesen, die heute alle größeren Orte in Britisch- und Deutsch-Ostafrika, im portugiesischen Gebiet und selbst auf der Südspitze des Erdteils als mehr oder minder unwillkommene Eindringlinge bevölkern. Angenehmer als der Inder niederer Kaste ist der Mangobaum allerdings; er gleicht im Habitus einigermaßen unserer Linde und verleiht jeder Siedelung etwas Anheimelndes und Gemütliches.
Und seine Frucht erst! Wie sie schmeckt, wenn sie vom Baume kommt, kann ich mit dem besten Willen nicht sagen; der weiße Bewohner von Daressalam genießt den großen Vorzug, in einem Kulturzentrum zu leben, wo man gewohnt ist, die fast kindskopfgroße, saftige Frucht nur auf Eis gekühlt serviert zu bekommen. In dieser Aufmachung ist die Embe allerdings ein Genuß, den man dem der Ananas fast an die Seite setzen könnte. „Embe“ ist denn auch das Schlagwort, das man vom Weißen beim Frühstück, beim Mittag- und beim Abendessen zum Boy hinüberrufen hört; ich glaube, die Weißen träumen in dieser Zeit sogar von jener Frucht.
Wie ein Blitz aus heiterm Himmel ist in dieses Schlaraffenleben die Kunde von den Ereignissen des 13. Dezember gefahren. Unmittelbar vor meiner Rückkehr nach Daressalam war dort der „Kaiserhof“ eröffnet worden, ein vortreffliches, erstklassiges Hotel, unter dessen erste Gäste zu gehören ich das große Vergnügen hatte. Man erstickte förmlich in Komfort: elektrisches Licht, vor jedem Zimmer eine breite, schattige Barasa, neben jedem Wohnzimmer die bequemste Badegelegenheit, eine mehr als üppige Verpflegung — nach den mageren Monaten in Busch und Pori war das des Guten eigentlich zuviel. Erfreulicherweise gewöhnt sich der Mensch jedoch an alles, selbst an ein gutes Leben.
In diese Ruhe und Behaglichkeit, die über der ganzen großen, beneidenswert behäbigen Beamtenstadt lagerte, schlug die Kunde von der jähen Auflösung des Reichstags wie eine Bombe ein. Selten habe ich so viele lange Gesichter gesehen wie in jenen Tagen; es war, als ob jeder einzelne Europäer bis zum letzten kleinen Unterbeamten hinunter persönlich von dem Geschehnis betroffen worden sei; in allen Messen und an allen Stammtischen ertönten die Unkenrufe über die schwarze Zukunft oder richtiger über den Mangel jeder Zukunft der Kolonie, deren ruhmloses Ende jetzt auch schon deshalb über jeden Zweifel erhaben schien, weil jeder von uns bei den Neuwahlen im Januar mindestens hundert „Sozi“ in den Reichstag einziehen sah. „Und mit dem Bahnbau ist es natürlich ein für allemal zu Ende“, das war der stereotype Refrain aller dieser Klagelieder, die man in gerechter Betrübnis in einem Meer von Whisky-Soda ertränkte. Ich persönlich bin der Überzeugung, daß es ganz so schlimm gar nicht werden wird, sondern daß auch der nächste Reichstag zum mindesten das gleiche koloniale Verständnis entwickeln wird wie sein Vorgänger; hoffentlich noch mehr. Am 25. Januar soll unser guter „König“ in Genua ankommen; das ist der Termin der Reichstagswahlen; am nächsten Tage wird man im großen und ganzen schon ersehen können, wie diese Wahlen zu einem Teil ausgefallen sind, zum anderen ausfallen werden, und wie sich das Schicksal unserer Kolonien für die nächste Zukunft gestalten wird.
Daressalam habe ich am 20. Dezember an Bord des „Admiral“ verlassen. Es ist ein herrliches, fast ganz neues Schiff, das noch weit ruhiger fährt als der „Prinzregent“. Auch sein Komfort ist noch größer; kein Wunder, wenn die Kabinen vollzählig besetzt waren. Es war jetzt noch mehr Old England an Bord als im Frühjahr, viel Kapstadt und noch mehr Witwatersrand; demgemäß herrschte auch ein erheblicher Toilettenluxus. Diesmal habe ich auch Tanga genießen können und sogar ein Stück Usambarabahn. Der umsichtige Kapitän Doherr hatte, wohl noch in Erinnerung an seine Managerdienste, die er erst vor wenigen Monaten den acht Reichstagsabgeordneten hatte widmen dürfen, einen Extrazug für die Schiffsgesellschaft oder doch für jeden, der sich beteiligen wollte, bereitstellen lassen, und mit dem „Zügle“ sind wir ins Innere bis Muhesa gefahren, bis riesige Schüsseln mit Sandwiches und große Servierbretter mit viel Whisky und Soda der Expedition ein rasches Halt geboten. Es geschieht wirklich etwas hier im Nordosten der Kolonie, das sieht man auch von den Abteilfenstern aus; zwar steht noch nicht alles Land unter Kultur, doch ist bereits jedes Stückchen in festen Händen, sogar weit über den Endpunkt des „Bähnle“ hinaus.
Hoch ging es am Abend in Tanga her. Die Stadt hat eine ganze Reihe von Vorzügen. Zunächst liegt sie von allen Küstenorten Deutsch-Ostafrikas dem Mutterland am nächsten; sie bleibt also auch schon dadurch gewissermaßen das Einfallstor in die Kolonie. Sodann ist der Hafen nicht schlecht; die weite Bucht ist freilich nicht ganz so abgeschlossen wie die von Daressalam, doch gewährt auch sie ausreichendes Fahrwasser bis dicht unter Land. Das Wichtigste ist jedoch die Nähe Usambaras, dieser Perle an Klima und Fruchtbarkeit. Usambara hat nur einen Fehler: es ist nicht groß genug, um alle die aufzunehmen, die sich dort niederlassen möchten. Jetzt soll bereits aller verfügbarer Boden aufgeteilt sein, so daß für Nachzügler kein Land mehr vorhanden ist. Diese sitzen unten in Tanga oder gehen weiter nach Süden, um andere Plätze für ihre Betätigung zu suchen; auch der „Boom“ von Lindi war zum großen Teil auf diese Überfüllung des Nordens zurückzuführen. Wirtschaftlich liegt also der Schwerpunkt unseres ganzen Kolonialbetriebes einstweilen noch in diesem Nordosten. Das tritt übrigens schon im ganzen Habitus des Europäerlebens in Tanga zutage; viele Monate lang hat der würdige Pflanzer dort oben in den Bergen Usambaras gesessen, ohne rechte Gelegenheit, den Nachbar zu begrüßen; jetzt hat’s ihn gepackt: er muß einmal unter Menschen. — Wenig später sitzt er im Klub von Tanga.
Wo der Deutsche ist, gibt’s auch Musik. Daressalam genießt den Vorzug zweier Kapellen, der Matrosenkapelle von den beiden Kreuzern und der schwarzen Askarikapelle. Beide erfreuen sich einer offiziellen Förderung; gleichwohl konnte ich mich den schwarzen Musikanten gegenüber des Eindrucks nicht erwehren: „sie kunnten’s nit gar schön“; in jedem Fall war die Musik sehr oft mit viel Geräusch verbunden. In Tanga ist man nicht nur in wirtschaftlicher Beziehung gewohnt, sich auf eigene Füße zu stellen; auch die Knabenkapelle ist ein privates Unternehmen. Tanga ist Schulstadt par excellence; Hunderte von Eingeborenenkindern werden hier in die Anfänge europäischer Wissenschaft eingeführt und in die Geheimnisse des Deutschen eingeweiht. Sie radebrechen’s denn auch alle, die kleinen schwarzen Kobolde; die Intelligenzen unter ihnen, bei denen die weißen Lehrer musikalische Talente entdeckt zu haben glauben, werden in die berühmte Knabenkapelle gesteckt. Dieser geht es augenblicklich ausgezeichnet. Als wir Admiral-Reisenden uns am Abend auf dem Platz vor dem Klub einstellten, empfing uns eine Musik, die mich sogleich an eine deutsche Jägerkapelle erinnerte. Ich hatte recht, von irgendwelcher Seite waren der Kapelle Waldhörner gestiftet worden; diese gaben den ganzen Darbietungen jenen unverkennbaren Charakter. Gespielt wurde von den kleinen Kerlen gut, das läßt sich nicht leugnen; so gut, daß allen Ernstes die Anregung fiel, man solle die Kapelle nach Uleia überführen, damit doch wenigstens einmal etwas Ordentliches aus den Kolonien importiert würde. Afrika reizt zu schlechten Witzen.
Es mag an zuviel Old England gelegen haben, daß Weihnachten nicht so stimmungsvoll verlief, wie wir Deutsche das wohl männiglich erwartet hatten. Der Tannenbaum, der im Speisesaal in hundert elektrischen Lichtern erstrahlte, wurde von den Ladies und Gentlemen stumm, aber ohne großes Erstaunen genossen, etwa mit derselben Gemütsruhe wie das illuminierte Eis, das von jedem hohen Festtag an Bord unzertrennlich ist, und ohne das man von dem Dasein des Festtages gar nichts merken würde. Neujahr „liegt“ wieder uns Deutschen nicht; am Silvesterabend sind wir zwar gewohnt, uns mehr oder minder tief unter Alkohol zu setzen, eine tiefere Bedeutung sehen wir jedoch in dem bloßen Wechsel der Jahreszahl nicht. Auch das neue Jahr wird uns genug Sorge bringen, dessen können wir sicher sein! Getanzt haben freilich beide Nationen mit gleicher Begeisterung und Ausdauer. Draußen brüllt der Sturm, von Nordnordwest direkt dem Schiff entgegen, das am nächsten Morgen vor Suez Anker werfen soll; hoch oben aber schaut mein alter Freund von Mahuta, der Vollmond, vom Firmament hernieder. Über den weißen Mann wundert er sich schon längst nicht mehr; der hat das gräßliche Kelēle, das Geschrei der Schwarzen, für schön befunden; jetzt springt er sogar höchstselbst wie ein wilder Neger vom Makondehochland dort auf dem großen Schiff herum, von dem so etwas wie Musik ertönt. Sie kommt zwar diesmal von weißen Leuten, gleichwohl ist sie nicht viel schöner als der Ngomenschall vom Rovuma. Es ist nur gut, daß sie so rasch vom Sturme verweht wird. Schier verärgert deckt der alte Herr jetzt sein Antlitz zu; weißgraue Wolken gleiten in rasender Eile vor ihm dahin; vor ihm und gleichzeitig auch vor den zackigen, steilen Bergen der Arabischen Wüste zur Linken, unter denen wir in fast unheimlicher Nähe der Küste entlang nach Norden dampfen. Um Mitternacht die übliche Versammlung im Speisesaal, ein Gratulieren von Tisch zu Tisch, von Bekannten zu Bekannten, ein Anstoßen und Zutrinken mit dem perlenden Naß der Champagne — man ist drin im neuen Jahr und segelt in seine dunkeln Tiefen mit ebenderselben Eleganz hinein wie das gute Schiff in den Golf von Suez.
Am 1. Januar gegen Mittag habe ich in Suez den Boden Ägyptens betreten, um ihn erst vor wenigen Stunden wieder zu verlassen. Mich hat es getrieben, die Stätten der altägyptischen Kultur und diese Kultur selbst an Ort und Stelle zu studieren; deshalb hat es mich bald von Kairo und seiner Umgebung hinweggezogen nach Oberägypten hinauf, nach Luxor, Karnak und Dehr el Bahri. Auch klimatisch war Kairo für den Übergang aus den Tropen zum winterlich kalten Nordeuropa nur wenig geeignet; von den Ägyptenreisenden des „Admiral“ wurde einer nach dem andern unpäßlich, so daß die einen sich kurzerhand nach Deutschland einschifften, indem sie sich sagten: „Den Schnupfen hast du dort billiger“, wohingegen die anderen in Luxuszug und Schlafwagen nilaufwärts steuerten, um im herrlichen Wüstenklima von Assuan sich langsam und vorsichtiger wieder an das subarktische Klima von Uleia zu gewöhnen.
Der Staudamm von Assuan ist kulturgeschichtlich eine Barbarei, technisch eine anerkennenswerte Leistung, volkswirtschaftlich eine Großtat. In scharfen Kurven schlängelt sich die Schmalspurbahn zwischen Luxor und Assuan nilaufwärts. Der Nil fließt bald unmittelbar am Bahndamm, bald legt sich eine schmale Alluvialebene zwischen den alten, heiligen Strom und das neue, unheilige Beförderungsmittel. Dabei hat man immerfort das Gefühl: „Herrgott, ist das Ländchen schmal; wenn’s nur der Wind nicht einmal überweht und zudeckt.“ Plötzlich treten die kahlen Hügel zur Linken zurück; eine weite Fläche tut sich auf, erst ganz weit hinten von den scharfen Konturen der arabischen Wüstenberge begrenzt. Wüste ist auch diese Ebene selbst, doch wie lange noch! Wende dein Antlitz zur Rechten, o Fremdling; dort erblickt dein Auge einen großen Gebäudekomplex. Er ist gar nicht ägyptisch und gar nicht arabisch; nichts vom Schmutz fellachischer Unkultur haftet ihm an, er verkörpert vielmehr den reinsten europäisch-amerikanischen Fabrikstil. Ihn zeigt auch der himmelhohe Schornstein, der das Ganze krönt. Der schaut so fremd auf das Silberband des Stromes zu seinen Füßen, auf den schmalen, grünen Streifen zu beiden Seiten dieses Stromes, und auf das unendliche Sandmeer der Wüste im Osten und Westen hernieder, als müßte er sich fragen: „wie komme gerade ich mit meiner überschlanken Röhrenform in dieses Land, wo alles so wuchtig, schwer und massig ist, die Häuser, die Tempel, die Gräber und die Pyramiden?“ Eine dichte Rauchwolke entquillt dem Schlot. Wende deine Augen nach vorn; siehst du dort das Silberband strömenden Gewässers, das sich in schnurgeradem Kanal in der Ebene verliert? Siehst du fernerhin die Gräben und Rinnsale, in die sich von jenem Kanal aus das Wasser des heiligen Stromes verteilt, vollkommen gesetzmäßig und gehorsam dem Willen des menschlichen Geistes? Des Rätsels Lösung ist einfach; der Gebäudekomplex ist eine Pumpstation, angelegt, jene zur Wüste gewordene Ebene von neuem zu bewässern. Jetzt ist die Ebene noch vollkommen kahl; in wenig Monaten wird sie ein unabsehbares Ährenfeld sein, dessen Halme hundertfältige Frucht tragen.
Die wirtschaftliche Erschließung der öden Sandflächen des oberägyptischen Niltals ist die gegebene Parallele für unseren eigenen Kolonialbetrieb. Ohne einen festen Willen, ohne Kapital und ohne eine genaue Kenntnis des Landes und seiner Eigenschaften würde auch jene englische oder amerikanische Gesellschaft im Niltal nichts erreichen. Alle drei Faktoren tun auch uns not, sofern wir weiterkommen wollen in Ostafrika, in Südwest, in Kamerun und Togo. Nur ein kleiner Unterschied ist dabei; der im Laufe vieler Jahrzehntausende angehäufte Alluvialboden des Niltales bedarf lediglich der Berieselung mit dem belebenden Wasser desselben Stromes, dem er seine eigene Entstehung verdankt, um sofort wieder ein Kulturboden allerersten Ranges zu sein. Der in seiner Wasserführung weise geregelte Nilstrom ist der Zauberstab, der die Verwandlung unfruchtbarsten Ödlandes in den besten Acker in einem kurzen Augenblick vollzieht. Für das Pori und die Steppen Deutsch-Ostafrikas fehlt uns dieser Zauberstab. Freilich hat das Land Flüsse und Bäche in großer Anzahl, doch sind diese Flußläufe in ihrer Wasserführung einstweilen noch nicht reguliert; keiner von ihnen ist auch in jenem großartigen Maßstabe schiffbar wie die Lebensader des Pharaonenlandes. Im Laufe der Zeit wird auch bei ihnen das alles kommen; man wird den Pangani zu einer Verkehrsader gestalten und auch den Rufidyi, vielleicht sogar den Grenzfluß Rovuma; doch das ist Zukunftsmusik, die die lebende Generation nicht mehr zu hören bekommen wird. Auch der Boden Deutsch-Ostafrikas hält den Vergleich mit dem des Niltals nicht aus; er ist kein abgesetzter, humusreicher Alluvialboden, sondern ein im allgemeinen ziemlich mageres Verwitterungsprodukt anstehender Gesteine; der Zauberstab des netzenden Wassertropfens allein tut’s also bei ihm nicht. Gleichwohl ist die Wasserfrage, soweit ich es beurteilen kann, die Kardinalfrage unserer ganzen kolonialen Agrikultur. Bei Saadani sind sie gleich in die Vollen gegangen: mit Dampfpflügen bearbeitet man dort gewaltige Flächen; Baumwollkultur im großen soll dem amerikanischen Monopol ein Ende bereiten. Das ist alles gut und schön gedacht; die Temperaturverhältnisse sind günstig, auch der Boden ist für jene Kultur vollauf geeignet; nur ein Faktor ist unsicher: Deutsch-Ostafrika kann ebensowenig wie Indien mit voller Gewißheit auf normale Niederschlagsmengen rechnen; wenn aber einmal der Regen ganz ausbleibt, was dann?
Man hat den dunkeln Weltteil oft und gern mit einem umgekehrten Teller verglichen; sanft und sacht steigt das Land ringsum vom Ozean aus an; allmählich wird der Neigungswinkel größer; schließlich artet die Küstenebene in ein vollkommenes Randgebirge von bedeutenden Abmessungen aus. Doch den Gebirgscharakter haben diese Berge nur von der Küstenregion her; ist man über sie hinweggeschritten, so ergeht es dem Wanderer wie auf den Höhen des Harzes oder des Rheinischen Schiefergebirges: die vordem so stattlichen Berge sind verschwunden, unbehindert kann er den gesamten Horizont überschauen, denn auch jenseits des Schollenrandes ist er auf nahezu gleicher Höhe geblieben. Um bei dem Bilde des Tellers zu bleiben: er hat den schmalen Aufsatzrand überschritten und spaziert nun auf der wagerechten Fläche des Bodeninnern bequem dahin.
Mit dieser ganz eigenartigen Oberflächengliederung muß auch unsere Kolonialwirtschaft stark rechnen. Zunächst ist die geringe oder ganz fehlende Schiffbarkeit der Flüsse durch sie bedingt; des weitern bringt es der Charakter unseres Luftmeeres mit sich, daß der Hauptteil der Niederschläge an jenem Schollenrande niedergeht, hinter dem dann die Zone einer Art von Regenschatten anhebt, die manchen Landstrich, wie z. B. Ugogo und die Nachbargebiete, zu nicht übermäßig üppigen Gefilden stempelt. Immerhin ist der größte Teil dieses Innern von einer Bodenbeschaffenheit, die das Fortkommen und Gedeihen aller für das äquatoriale Afrika überhaupt in Betracht kommenden Nutzpflanzen sehr wohl gewährleistet. Der Pflanzer ist dort in der glücklichen Lage, mit dem belebenden Einfluß der ständig scheinenden Tropensonne zu rechnen; diese zaubert selbst aus dem Sande wohlbestockte Fruchtfelder hervor. Dort unten im Süden habe ich mich tagaus tagein davon überzeugen können.
Überhaupt jener Süden. Er ist bisher das Aschenbrödel unter allen Bezirken unserer Kolonie gewesen, und ich fürchte, er wird es auch fernerhin bleiben; auf ihm lastet das Vorurteil, er sei unfruchtbar, und das schreckt die amtlichen und auch die privaten Kreise von seiner Erschließung ab. Es ist richtig: fett ist weder der Boden des Makondehochlandes noch des Mueraplateaus, noch der weiten Ebenen, die sich hinter beiden Bergländern zwischen dem Rovuma im Süden und dem Mbemkuru oder dem Rufidyi im Norden erstrecken; Sand und Lehm und Lehm und Sand hier, und Quarzgerölle dort, das ist die Signatur des Ganzen. Dennoch haben wir durchaus keinen Anlaß, an diesem Süden zu verzweifeln; denn wenn der Neger in ihm sein gutes Fortkommen findet, ohne Düngung sogar und ohne jede andere Errungenschaft unserer hochentwickelten intensiven Feldwirtschaft, wenn dieser selbe Neger außerdem in der Lage ist, erhebliche Bruchteile seiner Ernten an Sesam, Erdnüssen, Kautschuk, Wachs, Körner- und Hülsenfrüchten auszuführen, so wäre es verwunderlich, wenn der Weiße aus jenem Gebiet nicht noch mehr herausholen sollte.
Eins dürfen wir allerdings nicht vergessen: ein Schlaraffenland ist weder der Süden, noch Afrika überhaupt; niemand fliegen die gebratenen Tauben in den offenen Mund; Arbeit und immer wieder Arbeit ist vielmehr hier die Devise genau wie in minder glücklichen Klimaten auch. Gerade bei den Makonde, den Yao und den Makua haben wir genugsam Gelegenheit gehabt, diesen unausgesetzten Fleiß kennen und würdigen zu lernen. Des können wir jedenfalls sicher sein: viel bequemer wird es auch der europäische Pflanzer nicht haben, weder im Süden, noch im Norden, weder an der Küste, noch im Innern. Das schadet aber auch gar nicht; aus Müßiggängern sind noch niemals starke, lebensfähige Völker erstanden, auch in Kolonien nicht; im Gegenteil, je stärker die Anspannung und der Kampf um das Dasein gewesen ist, um so kraftvoller ist die Entwicklung auch aller Tochtervölker im Laufe der ganzen menschlichen Kolonialgeschichte gewesen. Die heutigen Vereinigten Staaten sind der klassische Beleg für diese Behauptung; die in der besten Entwicklung befindlichen Kolonien Südafrikas reden eine nicht minder deutliche Sprache. Andere Belege würde man mit Leichtigkeit zusammenstellen können.
Draußen gehen die Wogen immer höher; der „König“ ist mehr breit als hoch; er geht ganz ruhig, doch muß er es sich gefallen lassen, die Wasser des Mittelmeeres mehr, als ihm lieb ist, über sein Deck fegen zu sehen. Habe ich bei dem grandiosen Schauspiel wirklich die Pflicht, mich in unfruchtbare koloniale Ausblicke zu vertiefen? Der Ausspruch meines Freundes Hiram Rhodes von den „politischen Kindern“ war freilich mehr als hart, doch ein klein wenig Berechtigung hat er gleichwohl, auch über den Sansibarvertrag hinaus. Wir Deutschen sind 300 Jahre nach den anderen Völkern auf die koloniale Schaubühne getreten; trotzdem eifern Hinz und Kunz bei uns darüber, daß unsere vor ganzen 20 Jahren erworbenen Kolonien noch keine Überschüsse abwerfen; am liebsten möchten die braven Banausen, daß ihnen „Südwest“ womöglich ihre sämtlichen Steuern aufbrächte. Man könnte sich das Haupthaar raufen ob solcher Torheit und solchem Mangel an geschichtlichem Gefühl. In Deutschland werden die meisten Bücher gedruckt, keine gekauft und nur wenige gelesen. Unter diesen letzteren können kolonialgeschichtliche Werke kaum vertreten sein, sonst wäre es nicht möglich, daß selbst koloniale Fachkreise so wenig über jene tausend Kämpfe, Widerwärtigkeiten und Rückschläge unterrichtet sind, auf welche die Engländer in Indien, in der Südsee, in Afrika und Amerika mit wehmütigen Gefühlen zurückzuschauen Veranlassung haben, und welche den Niederländern, den Spaniern und den Portugiesen ihren ausgedehnten Kolonialbesitz sooft bis zum Überdruß hätten verleiden können. Uns schwebt unbewußt immer der Reichtum Englands und die Wohlhabenheit Hollands vor, die ja allerdings beide zum großen Teil auf dem Kolonialbesitz beruhen; dabei vergessen wir stets, daß drei Jahrhunderte ein fünfzehnmal längerer Zeitraum sind als unsere koloniale Ära, und daß bei beiden Völkern nicht weniger als zehn Generationen in harter, mühseliger, unausgesetzter Arbeit haben erringen und erkämpfen müssen, was uns Emporkömmlingen von gestern nach unserer Meinung mühelos in den Schoß fallen soll. Das ist ein Mangel an historischem Gefühl, auf den man gar nicht kräftig genug hinweisen kann; ich bin der festen Überzeugung, daß eine objektive Würdigung unseres schönen, großen Kolonialbesitzes auch erst dann Platz greifen kann, wenn wir diesem Mangel, der bei dem Volke der Denker doppelt unangenehm auffällt, durch einen besseren Unterricht abgeholfen haben werden.
Ein unfehlbares Mittel zur Gewinnung jenes historischen Sinnes ist das Hineinstecken von zwei Arten von Kapital in die Kolonien; das eine Kapital besteht in dem Menschenblut, das für ihre Erhaltung und Entwicklung vergossen wird, das andere in dem baren Gelde, das man für ihre Erschließung und Nutzbarmachung in ihnen selbst anlegt. Um die Größe des englischen Kolonialreiches und seine Verteilung über die ganze Oikumene zu veranschaulichen, wird häufig darauf hingewiesen, daß das Mutterland zu keinem Zeitpunkt ohne irgendeinen mehr oder weniger belangreichen Kolonialkrieg sei. Das stimmt für die Gegenwart; es hat jedoch auch seine Richtigkeit für die Vergangenheit; England hat in der Tat jederzeit um seinen auswärtigen Besitz zu ringen gehabt. Unzweifelhaft ist dieser dreihundertjährige Kampf um Haben und Nichthaben, der, auf spezifisch englische Verhältnisse übertragen, oft auch ein Kampf um Sein und Nichtsein gewesen ist, der Hauptgrund für das innige Zusammenleben der ganzen großen Familie von Mutterland und Tochterstaaten. Es hat wohl ein jeder einen Lieben da draußen in indischer oder in afrikanischer Erde liegen; das schafft zunächst eine schmerzliche Anteilnahme an jenem Lande; aus dieser aber entsprießen sehr bald auch anders geartete Interessen.
Die Richtigkeit dieser Lehre hat uns der blutige Krieg in Deutsch-Südwestafrika in ach so schmerzlicher Weise nur zu deutlich bewiesen. Der großen Masse bei uns war jenes Land, sofern sie überhaupt nur von ihm wußte, bestenfalls des neuen Deutschen Reiches Streusandbüchse; heute schlafen in seinem harten Boden ein paar tausend Söhne — und nicht die schlechtesten — den ewigen Schlaf; von ihnen ist der eine aus dem Palast, der andere aus der Hütte hinausgezogen an den Waterberg und in die Omaheke. Ist es da verwunderlich, daß jenes Land dem Volk seitdem ans Herz gewachsen ist? Wir möchten’s nicht missen, schon weil unsere Söhne und Brüder dort ausruhen von dem harten, schweren Kampf, der in der Reihe unserer größeren Kolonialkriege der erste gewesen ist, der aber vermutlich nicht der letzte sein dürfte. Das hat die Geschichte aller bisherigen Kolonialunternehmungen gelehrt.
Von dem anderen Kapital, den materiellen Werten, kann man bei unseren Kolonien nicht sprechen, ohne gleichzeitig die Bahnfrage zu berühren. Was ist geklagt worden über die unbesiegbare Zurückhaltung unseres deutschen Großkapitals den Kolonien gegenüber! Ich gehöre leider nicht zu der beneidenswerten Klasse glücksgütergesegneter Sterblicher; doch selbst wenn ich eine Million zu verlieren hätte, so würde ich mich doch noch sehr besinnen, sie in ein Land zu stecken, das durch keinerlei Verkehrswege erschlossen ist, durch natürliche überhaupt nicht, durch künstliche einstweilen nur mangelhaft. In der Heimat blickt man jetzt mit großen Erwartungen auf den neuen Lenker unseres kolonialen Karrens; Herr Dernburg ist ja Finanzmann; vielleicht erreicht er, was anderen vor ihm stets noch fehlgeschlagen ist: den Ausbau des längst geplanten großen Bahnsystems und den Zufluß der nicht minder nötigen großen Geldmittel.
Nicht ohne Bedeutung für die Zukunft Deutsch-Ostafrikas ist schließlich der Eingeborene; über ihn kann ich als Ethnograph auch wesentlich sicherer urteilen als über die anderen Fragen, zu denen unsereiner doch nur auf Grund seines gesunden Menschenverstandes Stellung zu nehmen befugt ist. Ein „unerzogenes Kind“ lautet das Urteil über den schwarzen Mann auf der einen Seite; ein „ausgefeimter Galgenstrick und unverbesserlicher Faulpelz“ auf der andern. Es gibt noch eine dritte Partei, die dem Ostafrikaner wenigstens eine oder ein paar ganz kleine Tugenden belassen will, doch diese wird niedergeschrien. „Kasi“ heißt im Suaheli die Arbeit; in der „Lustigen Ecke“ der „Deutsch-Ostafrikanischen Zeitung“ fand ich das Wort neulich anders übersetzt, da verdeutschte es der Suaheli mit dem Begriff „Gemeinheit“. Diese Auffassung vom schwarzen Mann ist an der Küste tatsächlich herrschend; nicht ganz mit Unrecht, wie man billig zugeben muß; der Stadtbevölkerung dort ist ernsthafte Arbeit wirklich ein Greuel und eine Gemeinheit.
Von dem ganzen großen übrigen Teil der Bevölkerung Deutsch-Ostafrikas glaube ich besser denken zu dürfen. Die zahlreichste Völkerschaft der ganzen Kolonie sind die Wanyamwesi; mit schätzungsweise vier Millionen Seelen füllen sie den ganzen zentralen Teil östlich des großen zentralafrikanischen Grabens. An ihrem Fleiß und an ihrer Kulturfähigkeit zu zweifeln hat bisher noch niemand gewagt; sie sind ausgezeichnete Feldbauer, gleichzeitig haben sie ein Jahrhundert hindurch den gesamten Karawanenhandel von der Ostküste bis zum Herzen des Erdteils aufrecht erhalten. In absehbarer Zeit wird dieser Trägerverkehr unwiederbringlich zu Ende gehen; wird jenes Volk damit überflüssig werden? Wirf, o Deutscher, einen Blick auf die Abschlußberichte der Ugandabahn und begreife sodann, welch wirtschaftsfrohes Element gerade du mit jenem starken Volke zu besitzen das Glück hast; sei allerdings dann auch klug und weise genug, die andere Folgerung zu ziehen, diese wirtschaftliche Tüchtigkeit für das eigene Volkstum zu fördern, weiter zu entwickeln und vor allem für dich selbst auszunutzen. Wir haben wahrlich keine Veranlassung, den Säckel eines Volkes zu füllen, das mit uns im schärfsten ökonomischen Wettkampf liegt.
Was den Wanyamwesi recht ist, ist der Mehrzahl der anderen Völkerschaften billig; auch jetzt noch, auf schwankem Schiff im Sturmestoben, komme ich nicht über den hohen Stand der Feldkultur hinweg, den ich bei meinen Freunden da unten am Rovuma als Norm vorgefunden habe. Völker, die bei aller Beweglichkeit so an der Scholle kleben, müssen unbedingt einen tüchtigen Kern in sich haben; all unsere Lehren der Völkerpsychologie und der Völkergeschichte würden sonst zuschanden werden. Erklären läßt sich diese unerwartet hohe Kulturstufe lediglich durch eine unmeßbar lange Dauer ihrer Entwicklung. Gegen das hohe Alter des Ackerbaues beim Neger spricht nichts; er ist konservativ, wie auch sein Erdteil konservativ ist; die paar fremden Elemente, die wir heute noch mit der Wirtschaftsform des Sammlers und Jägers behaftet finden, den Buschmann in den unfruchtbarsten Teilen des Südens, und den Pygmäen in den unzugänglichsten Teilen des zentral- und westafrikanischen Urwaldes, werden vermutlich schon vor sehr, sehr langer Zeit durch die ackerbauenden Bantu abgedrängt worden sein.
Die Feldbauform unseres Negers ist der Hackbau; dieser führt seinen Namen mit Recht nach der quergestellten schweren Hacke, mit der der schwarze Landmann den Boden seines Feldes kultiviert, lockert und reinigt, mit der er die Aussaat besorgt und zum großen Teil auch die Ernte, die, mit einem Wort, sein Universalinstrument ist. Wir sind nur zu sehr geneigt, in dieser Wirtschaftsform etwas Minderwertiges, Urwüchsiges zu erblicken. Insofern als der Hackbau keines Haustieres bedarf, weder zum Ziehen des Pfluges, der Egge, der Walze und des Erntewagens, noch zum Zweck der Dunglieferung, ist er wirklich rückständig; andererseits ist zu bedenken, daß große Teile unserer Kolonien Herde der Tsetsefliege sind, sodann, daß die mit dem Hackbau verbundene Beetkultur in Wirklichkeit eine sehr hohe Wirtschaftsstufe bezeichnet. Der beste Beleg dafür ist die Beibehaltung des schmalen Beetes auch in unserem Hausgarten, den wir im Range unmöglich hinter unseren Feldbau stellen können. Bezeichnenderweise nimmt der Feldbau, wo immer er zu der intensivsten Stufe unserer Agrikultur, zur Blumenzucht wie bei Erfurt, Quedlinburg, Haarlem usw., oder zur Gemüsekultur wie bei Braunschweig, Mainz, Hannover, ferner bei allen Großstädten, übergeht, sofort die Form des Beetes an. Zudem wüßte ich nicht, wie anders der Neger z. B. bei unserer breiten, unzugänglichen Feldform der Hauptgefahr seiner Pflanzung, dem Unkraut, beikommen wollte; sein schmales Beet gestattet ihm den Zugang von allen Seiten.
An die Form des negroiden Feldbaues wollen wir also nicht rühren; sie ist alterprobt und gut. Eine andere Frage ist es: wie machen wir unseren schwarzen Landsmann auf dieser Basis für uns nutzbar? Meines Erachtens gibt es da zwei Wege, die beide gleichviel für sich wie gegen sich haben; beide sind bereits seit längerer Zeit beschritten, so daß sich die Möglichkeit ergibt, die schließliche Entwicklung der ganzen Kolonie sehr wohl vorauszusehen. Der eine Weg führt direkt zur Plantagenkolonie. Dies geschieht in der Weise, daß man den Schwarzen in Haus und Hof nicht weiter fördert, sondern ihn zum Arbeiter auf den Pflanzungen der weißen Herren erzieht, die sich überall dort anbauen, wo geeigneter Boden und erträgliches Klima eine gute Kapitalsanlage versprechen. Die andere Methode hat den Neger und seine Entwicklung selbst im Auge; sie will seine eigene wirtschaftliche Produktionsfähigkeit nach Mannigfaltigkeit und Güte der Erzeugnisse vergrößern, ihm selbst dabei gleichzeitig größere Bedürfnisse anerziehen und ihn dergestalt auch kaufkräftiger machen. Für seinen Export soll er den unsrigen eintauschen.
Ob sich das deutsche Volk nur für einen dieser beiden Wege entscheiden, oder ob es, wie bisher, beide auch weiterhin beibehalten wird, muß die Zukunft lehren. Für das Mutterland sind beide Methoden gleich viel oder gleich wenig wert, je nach der Intensität unserer gesamten kolonialen Betätigung; dem Neger würde allerdings die zweite mehr bringen. Als Plantagenarbeiter ist und bleibt er „Schensi“; als freier Besitzer seiner Scholle ist er entwicklungsfähig. Freilich muß man den Punkt dabei im Auge behalten, daß wir Kolonien gegründet haben in der Erwartung, für unseren rasch wachsenden Bevölkerungsüberfluß Auswanderungsgebiete zu bekommen; beansprucht der Neger die fruchtbarsten Teile seiner Heimat selbst, so ist es mit jenem ver sacrum nichts.
Von der durch uns einzuschlagenden Gesamtrichtung hängt es ebenfalls ab, ob wir an der physischen Verbesserung des Negers und seinem numerischen Anwachsen ein Interesse haben oder nicht. Unter dem Hauch der Zivilisation konnte das eine oder andere Naturvolk ganz oder nahezu dahinschwinden; die Tasmanier gehören der Geschichte an; die Maori von Neuseeland und die Kanaken von Hawaii nehmen an Zahl rasch ab; man spricht von den letzten Wedda auf Ceylon. Zu diesen Todeskandidaten gehört die Negerrasse nicht; im Gegenteil, wo immer sie mit den Weißen in Berührung getreten ist, erstarkt sie in jeder Beziehung; ihr Aussterben brauchen wir also nicht zu befürchten. Doch sollen wir ihren Vermehrungskoeffizienten durch künstliche Zuchtwahl noch zielbewußt heraufsetzen? Freilich sollen wir das, denn eine zahlreiche eingesessene Bevölkerung ist uns unter allen Umständen nutzbringend und dienlich; den Pflanzer befreit sie von der ewigen Arbeiternot, für den europäischen Fabrikanten aber und den Kaufmann ist eine große Kundschaft zweifellos angenehmer als eine kleine. Wie diese Verbesserung in die Wege zu leiten sein wird, darüber habe ich mich bereits früher (Seite 346 ff.), angesichts der vielfachen Krankheiten und Plagen des Erdteils, erschöpfend ausgesprochen; ich habe nichts weiter hinzuzufügen.
In Europa gibt es dumme, mäßig begabte und ganz kluge Menschen; in Afrika ist es nicht anders. Wohl konnte gerade die ungeheure Lippenzier der Frauen da unten zuweilen den Eindruck hervorrufen, als hätte man es mit dem vielgesuchten Bindeglied zwischen Affe und Mensch, dem missing link der Deszendenzler, zu tun; auch manches Negerbübchen konnte zu deszendenz-theoretischen Vergleichen anreizen. Damit war indessen auch die Veranlassung, hochnäsig von oben herab zu schauen, zu Ende. In meinem während einer ganzen Reihe von Monaten durchgeführten Zusammenleben mit den Völkern des Rovumagebietes habe ich den Eindruck der Albernheit, den wir mit dem Neger gar zu gern verbinden möchten, niemals entdeckt; im Gegenteil, man konnte das Benehmen, mit dem nicht nur die würdigen Alten, sondern auch die feurigen Jungen mit uns beiden Europäern verkehrten, mit Fug und Recht als wohltuende Gesetztheit bezeichnen. Europäische Volkskreise von gleicher sozialer Stellung hätten sich ein Beispiel daran nehmen können. Auf Grund dieser guten persönlichen Erfahrungen glaube ich auch nicht an das Dogma des Mangels jeder Entwicklungsfähigkeit beim Neger; eine geistige Entwicklung ist ihm nicht einmal in Nordamerika abzusprechen, trotzdem die Hindernisse dort sicherlich größer sind als die Entwicklungsmöglichkeiten; warum sollte er also nicht auf die aufsteigende Bahn gelangen, sobald wir ihm die Gelegenheit dazu in richtiger Weise bieten? Nur nicht von heute zu morgen sollen wir das verlangen, das geht wider alle biologischen Entwicklungsgesetze; ganz ebenso wie die Erwartung einer wirtschaftlichen Blüte von heute zu morgen gegen jede geschichtliche Gesetzmäßigkeit verstößt. —
Es ist längst Nacht geworden; der „König“ muß den Kurs gewechselt haben, denn der Sturm faßt uns nicht mehr von vorn, sondern stark backbords; sicherlich geht es jetzt auf Kreta zu; morgen oder übermorgen werden wir an Griechenland vorüberfahren. Ich freue mich, offen gestanden, auf den Anblick des Landes, dessen antike Bevölkerung ich nicht so maß- und kritiklos verhimmele wie so viele Männer bei uns daheim, denen der alte Grieche die Verkörperung aller geschichtlichen und kulturellen Tugenden ist. Nur eins wird den alten Hellenen auch der Neid lassen müssen: kolonialen Unternehmungsmut haben sie in einem Ausmaß besessen, daß sie uns in dieser Beziehung für unsere ganze Zukunft als Vorbild dienen können.
Über dieser Zukunft liegt ein dichter Schleier. Wird uns Deutsch-Ostafrika ein zweites Indien werden? Nicht einen Augenblick bezweifele ich das; mein Auge sieht das weite Land durchzogen von Schienensträngen. Der eine folgt der alten, großen Karawanenstraße von der Küste bis zum Tanganyika. Den alten Trägerverkehr hat das schnaubende Dampfroß lahmgelegt; dafür beherbergt der ratternde Zug jetzt die früheren Träger selbst, außerdem Massengüter, denen bei der alten Art des Karawanenhandels der Weltmarkt verschlossen war. Zum Victoria-Nyansa läuft ein Schienenstrang und auch zum entlegenen Nyassa; wir gewinnen Anschluß an das britische Netz Südafrikas, an die Fahrstraßen des Kongostaates, an das Niltal. Vor dreißig Jahren noch war Stanleys Marsch zum Seengebiet und die Fahrt den Kongo hinab eine entdeckerische Großtat: wir Leute von heute fahren vielleicht noch mit dem Luxuszuge vom Kap bis Kairo, von Daressalam bis Kamerun.