Makua-Masewe in der Boma von Newala.

Fünfzehntes Kapitel.
„Und will sich nimmer erschöpfen und leeren.“

Newala, Anfang Oktober 1906.

Ein paar Tage lang hat es geschienen, als wolle unser deutscher Altweibersommer vom fernen Uleia aus uns hier oben einen Besuch abstatten, so frisch-kühl schien die Sonne auf Weiße und Schwarze hernieder, und so windstill war es um unsere Barasa. Jetzt aber umbraust wieder der altgewohnte eisige Novemberost die Boma von Newala, und geregnet hat es gerade am Michaelistage auch schon. Das muß wohl ein hierzulande allgemein verstandenes Signal für jung und alt gewesen sein, denn weder die unvermeidlichen Knaben belagern mich, noch kehren auch meine Gelehrten wieder. Erfreulicherweise habe ich die alten Herren im Laufe der letzten Wochen so auspressen können, daß ich schon jetzt, im unanfechtbaren Besitz einer Unsumme von Aufzeichnungen und Notizen, vollauf befriedigt von dannen pilgern könnte, hielten mich nicht die Sprachaufnahmen, in die ich mich nun einmal verbissen habe, noch für eine kurze Spanne zurück. Ganz unmöglich ist es, an dieser Stelle auch nur die knappste Skizze von dem zu geben, was ich, der nunmehr wissend Gewordene, von allen diesen mehr oder minder seltsamen Sitten und Gebräuchen in mein vor Glückseligkeit jauchzendes Gemüt aufgenommen habe. In amtlichen und nichtamtlichen Schriften, zu denen ich sicherlich die Muße manchen Semesters werde opfern müssen, ist der Platz für alle Einzelheiten; was ich hier bringen kann, darf und will, ist lediglich ein Hervorheben gerade dessen, was vermöge seiner Eigenart jeden Kulturmenschen fesseln kann und wohl auch wird.

Ein unbegrenztes Forschungsfeld sind die hiesigen Personennamen. Wo der Islam bereits Fuß gefaßt hat, herrscht auch die arabische Benennungsweise; da marschiert neben dem Makonde-Askari Saidi bin Mussa sein Kamerad vom Nyassasee Ali bin Pinga, und hinter dem Yaoträger Hamisi zieht Hassani aus Mkhutu seines Weges fürbaß. Bei den Binnenstämmen waltet als soziales Prinzip die Sippeneinteilung vor; daher tritt selbst noch zu dem Vornamen der zum Christentum Bekehrten der Name des Clans. Daudi (David) Machina nennt sich der schwarze Pastor von Chingulungulu, und Claudio Matola heißt der präsumtive Nachfolger Matolas I. und Matolas II. Über diese Namen des Innern gleich mehr.

Ebenso fesselnd wie die Namen selbst ist oftmals ihre Bedeutung; schon meine braven Träger haben mir in dieser Richtung manch fröhliche Minute verursacht; sie führen zum großen Teil auch gar zu drollige Bezeichnungen. Pesa mbili, Herr Zweipfennig in deutscher Währung, ist uns ebensowenig ein Fremder mehr wie seine Freunde Kofia tule, der lange Mann mit dem flachen Käppchen, Herr Kasi uleia, der Mann, der beim Europäer Arbeit nimmt, und Herr Mambo sasa, die „Sitte von heute“. Mambo sasa ist und bleibt für mich die lebendige Illustration zu meiner mitgenommenen Phonographenwalze aus der „Fledermaus“, die ihr „Das ist nun mal so Sitte“ wohl aus dieser Ideenassoziation heraus jetzt häufiger ertönen lassen muß als früher. Außer diesen Getreuen laufen unter meinen zwei Dutzend schwarzen Kameraden noch folgende Gentlemen herum: Herr Decke (Kinyamwesi: Bulingeti, verderbt aus dem englischen blanket); Herr Cigaretti (bedarf keines Kommentars); Herr Kamba uleia (keck, aber sehr frei übersetzt: du deutscher Strick); Herr Berg oder Hügel (Kilima), und die Herren Kompania und Kapella. Ins Seemännische fallen die Namen Maschua (Boot) und Meli (vom englischen mail, das Dampfboot); ins Arithmetische Herr Sechs (Sitta). Den würdigen Beschluß macht Mpenda kula, Herr Freßsack.

Den Namen der Binnenstämme fehlt der merkbare europäische Einschlag dieser Trägernamen, doch spaßig will uns auch hier mancher erscheinen. Ich bemerke dabei, daß diese Namen durchweg nicht die ersten sind, die ihren Träger zieren; wie sooft bei Naturvölkern, auch heute noch bei den Japanern, haben wir auch hier die Erscheinung, daß jeder einzelne im Anschluß an die erlangte und festlich begangene Mannbarkeit einen neuen Namen bekommt. Den hiesigen Eingeborenen ist die ursprüngliche Bedeutung dieses Wechsels nicht oder nicht mehr bekannt, doch geht man wohl nicht fehl in der Annahme, daß die neue Benennung auch einen neuen Menschen bedeutet; jede Erinnerung an den alten Adam ist damit ausgelöscht, der neue Mensch aber steht in ganz anderem verwandtschaftlichen Verhältnis zu seinen Angehörigen und Stammesgenossen als der frühere. Offiziell ist jeder erwachsene Yao, Makua, Makonde oder Matambwe berechtigt, sich als Pate anzubieten, doch erweckt mir die Mehrzahl der Namen den Eindruck, als seien sie in Wirklichkeit Spitznamen, die ihrem Träger gelegentlich aus dem Bekanntenkreis anfliegen; der Neger hat bekanntlich ein sehr feines Gefühl für die Schwächen und Blößen des anderen.

Chelikŏ́sue, Herr Ratte, ist uns von seinen Heldenliedern von Chingulungnlu her schon bekannt; zu ihm gehört der Namenklasse nach Chipembēre, Herr Nashorn. Dieser neigt zum Jähzorn wie jener Dickhäuter, daher sein Name. An die ursprüngliche Stammeszugehörigkeit, nämlich zu den Wandonde, erinnert der Name des alten Biervertilgers Akundonde. Der Sieger im Gefecht ist Chekamĕ́nya; Freude herrschte über die Geburt des Machīna; Makwenja rafft alles an sich; Chemduulăgá macht hingegen wenig aus sich, er ist die verkörperte Bescheidenheit. Ebenso ist Mkotima ein ruhiger Mann; Siliwindi ist nach dem gleichnamigen guten Sänger unter den Vögeln des Landes genannt; Mkokora endlich trägt den Schmutz mit den Händen weg.

Das sind Wayao-Männernamen. Von den Frauennamen dieses Stammes will ich nur folgende hervorheben: Frau Chemā́laga; sie ist ganz allein zurückgeblieben, alle ihre Angehörigen sind gestorben; Frau Chechelajēro, die es immer schwer hat; Frau Chetulāye, die schlecht lebt, und schließlich Chewaŏ́pe, sie ist dein.

Die Personennamen der übrigen Völker sind im großen ganzen desselben Charakters: Kunanyupu, Herr Gnu, ist ein alter Makua, der nach seiner eigenen Aussage in seiner Jugend viele Gnus erlegt hat; Nantiaka ist der Don Juan, der von einer zur andern flattert. Geistesverwandt ist Ntindinganya, der Spaßvogel, der anderen in die Schuhe schiebt, was er selber ausgeführt hat; Linyongonyo ist der Schwächling ohne Kraft, Nyopa aber der Ehrgeizige, der danach strebt, daß andere ihn fürchten; Madriga ist der Betrübte, der Hypochonder; Dambuala der Faule.

Unter den Frauen ist Aluenenge die Selbstbewußte; ihr Herr und Gebieter hat sich zwar noch ein zweites Weib genommen, aber bei der wird er, das weiß Aluenenge ganz bestimmt, nicht bleiben, sondern reuevoll zu ihr zurückkehren. Weit weniger glücklich ist Nantupuli dran; sie läuft in der Welt herum, bekommt aber nichts, weder einen Mann, noch sonst etwas. Wieder zur Kategorie der Unglücklichen gehören dann Atupimiri und Achinaga; jene besitzt einen Mann, der wenig seßhaft ist; immer ist er auswärts, nur von Zeit zu Zeit kommt er, um seine Frau zu „messen“, d. h. zu sehen, ob sie sich gut oder schlecht beträgt. Achinagas Mann aber ist stets krank und kann nicht arbeiten; so muß sie alles allein machen. Eine Pesa mbili gibt es auch unter den Makondefrauen; „früher stand ich hoch,“ so besagt der Name, „in der Wertschätzung der Männer, jetzt aber bin ich nur noch zwei Pesa wert; ich bin alt geworden.“ Schönheit steht eben auch beim Neger im Preise.

Ein sehr dankbares, aber auch recht schwierig zu beackerndes Forschungsfeld ist für mich allerorten die Feststellung der Gebräuche, die den einzelnen in seinem Dasein von der Wiege bis zum Grabe begleiten.

In der mütterlichen Hütte ist das kleine Negerkind, das noch gar nicht schwarz, sondern ebenso rosig aussieht wie unsere Neugeborenen, zur Welt gekommen; der Herr Vater ist weit vom Schuß; ihn haben die weisen Frauen beizeiten gehen heißen. Säuberlich wird das Baby gewaschen und in ein Stück neuen Rindenstoffes gewickelt. Dabei salbt man seine Ohren mit Öl, damit es hören soll; das Bändchen unter der Zunge aber löst man mit dem landesüblichen Rasiermesser, damit es sprechen lerne. Knaben werden wie überall gern gesehen; in bezug auf Mädchen verhalten sich die Stämme und, genau wie bei uns, auch die einzelnen Familien verschieden. In der Völkerkunde ist oft zu lesen, daß die Naturvölker die Geburt von Mädchen aus rein mammonistischen Gründen freudig begrüßten, brächten doch die erwachsenen Mädchen dem Elternpaar bei der Heirat den Kaufpreis ein. Bis zu einem gewissen Grade mögen derartige Momente auch hierzulande mitspielen, im allgemeinen aber sind Mädchen schon deswegen gern gesehen, weil sie der Mutter bei den mannigfachen Arbeiten in Haus und Feld frühzeitig an die Hand gehen können. Nach ihrer Verheiratung wird der Herr Schwiegersohn zudem zum treuesten, unentgeltlichen Diener des mütterlichen Hauses. Hier, im Lande der Exogamie, der Außenehe, siedelt nämlich die junge Frau nicht mit in das Heim des Ehemannes über, sie tritt auch nicht in seine Verwandtschaft hinein, sondern gerade umgekehrt: der Mann verläßt Vater und Mutter und zieht entweder direkt ins schwiegermütterliche Haus oder baut sich doch unmittelbar daneben an; in jedem Fall aber sorgt er, bis seine eigenen Familienumstände es anders bedingen, mit voller Kraft jahrelang für die Erhaltung des schwiegermütterlichen Anwesens; er besorgt die Aussaat und die Ernte, macht neue Felder urbar, kurz, er sieht der Schwiegermama jeden Wunsch an den Augen ab. Er trägt sie auf Händen.

Makuafrauen.

O, wie habe ich mich geschämt, sooft das Gespräch sich mit diesem und so manchem anderen Punkt des hiesigen Volkstums befaßte. Sind das nun Wilde, oder sind wir es? Blitzschnell genieße ich rückschauend 20, 30 Jahrgänge der „Fliegenden“ und noch einiger anderer Witzblätter; unsere Bilanz wird immer schlechter, immer passiver. Ich mit meinem flüchtigen Durchstreifen des Landes kann es ja nicht wissen, aber Knudsen, dieser vollkommen Eingelebte, mit der Denk- und Handlungsweise der Leute vollkommen Vertraute, bestätigt mir, sooft ich will, daß nicht nur das Verhältnis vom Schwiegersohn zur Schwiegermutter als geradezu ideal zu bezeichnen ist, sondern daß auch sonst das Benehmen der Jugend dem Alter gegenüber das Prädikat „musterhaft“ bekommen muß. Wir Angehörigen der höchsten Kulturschicht, oder, nach bei uns allgemein geteilter Ansicht, der Kulturschicht schlechthin, verbringen unser halbes Leben in den Erziehungsanstalten der verschiedensten Arten und Grade: das Endergebnis legt uns dann die Statistik dar: 0,x% Analphabeten in diesem Staat, 0,y% in dem benachbarten Reich, z% weiter im Osten, gegen Halbasien zu. Wir stehen natürlich obenan, denn wir haben ja den geringsten Prozentsatz. Du lieber Gott, wer Augen hat zu sehen und Ohren hat zu hören, der höre und schaue, aus wie wenig ethischem Empfinden und wieviel Rüpelei sich die Lebensbetätigung gerade unserer Kulturnationen zusammensetzt. Ich werde mich hüten, gegen unseren Unterricht und gegen unsere Schule etwas zu sagen, ich bin ja selber eine Art Schulmeister, aber bedenklich muß es doch stimmen, sehen zu müssen, wie wurmstichig so viele unserer Früchte trotz aller auf sie verwandten Sorgfalt sind, und wie ethisch gesund dagegen das Volkstum dieser Barbaren uns entgegentritt. Und das alles lediglich auf Grund eines Unterrichts von ganzen drei oder vier Monaten, eines Unterrichts zudem durch Lehrer, die weder eine Schule durchlaufen, noch sonst studiert haben!

Zwillingen gegenüber verhalten sich die hiesigen Völkerschaften verschieden; bei den Yao werden sie mit ungeteilter Freude begrüßt, bei den Makonde hingegen sieht man in ihrer Geburt etwas Schreckliches, das man für die Zukunft mit Hilfe von allerlei Medizinen abzuwenden sucht. Doch auch hier sind die Eltern nicht grausam genug, die einmal Geborenen umzubringen; man läßt sie am Leben und behandelt sie genau wie bei den Yao, d. h. man kleidet sie stets ganz gleich. Würde man von diesem Grundsatz abweichen, so würde unfehlbar eins der beiden Kinder sterben, so sagen die Leute.

Kindertragart bei den Negermüttern. Nach einer Zeichnung des Pesa mbili (s. S. 450).

Das erste Lebensjahr verfließt dem kleinen Negerkind in innigster Gemeinschaft mit der Mutter. Sie und ihr Neugeborenes zeigen sich schon nach einem Wochenbett von nur wenigen Tagen auf einem ersten Ausgang dem Volke, das, nicht anders als bei uns, den neuen kleinen Weltbürger gebührend bewundert. Wie ein Klümpchen Unglück hockt es in einem großen, bunten Tuch, das den Oberkörper der Mutter fast ganz umschließt. Meist hängt der Sack für die Aufnahme des Kindes auf dem Rücken, fast ebenso häufig aber schwenkt die Mutter Sack und Baby auf eine der Hüften herüber. Naht sodann die Zeit der Nahrungsaufnahme für das Kind, so werden beide nach vorn befördert. Nichts macht auf mich so sehr den Eindruck des Armen und Primitiven als gerade diese Art der Kinderwartung: kein Wechsel der Wäsche bei Mutter und Kind, denn es ist kein Ersatz vorhanden; kein Trockenlegen, kein Einpudern, keine Windel, kein regelmäßiges Baden von den Tagen des Wochenbettes ab, keine Hygiene des Mundes. Dafür wundgefressene Körperstellen bei fast jedem Kinde, besonders in den Gelenkbeugen und der Analfalte; verheilende Schorfe, wo trotz der Vernachlässigung des Körpers die Natur den Sieg davonträgt; ziemlich allgemein tränende, trübe Augen infolge der ewigen Fliegenattacken; vereinzelt schließlich Schwämme und Pilze in so furchtbarem Maße, daß sie den Unglückswürmern direkt aus Nase und Mund herausquellen!

Ich bin vor einer halben Stunde ins Negerdorf gekommen; die Männer und Knaben sind nach zwei Minuten bereits zur Stelle gewesen, die Frauen kommen langsamer; die kleineren Mädchen bleiben merkwürdigerweise ganz aus. Ganz wie bei uns hat sich die Frauenwelt schleunigst zu einem dichten Klumpen zusammengeballt. Zunächst herrscht noch scheue Stille; kaum aber hat man sich an den Anblick des Weißen gewöhnt, da plappert es auch schon, selbst den riesigsten Lippenscheiben zum Trotz, in allen Tonarten. Mindestens die Hälfte aller Weiber ist babybehaftet, doch wie weit ist hier dieser Begriff zu dehnen! Wahre Riesen, von zwei, ja von vielleicht drei Jahren gar, räkeln sich auf den schmächtigen Hüften der immerhin zarten Mama herum, oder unternehmen einen mit furchtbarem Ungestüm durchgeführten Angriff auf den mütterlichen Born. Es scheint, als wenn gerade meine photographischen Apparate zu diesen Angriffen reizten: wie auf Verabredung schnellt die ganze kleine, schwarze Schar genau in dem Augenblick um die mütterlichen Hüfte herum, wo ich auf den Ball drücke. So weit ist dies alles ganz lustig und gibt zu vielen Heiterkeitsausbrüchen Anlaß; zu unbändiger Heiterkeit jedoch steigert sich diese Lust bei uns beiden schlechten Europäern, wenn bald hie, bald da die Mütter ganz plötzlich mit der Hand energisch am Oberschenkel entlang fahren und rasche Schleuderbewegungen vollführen. Das ist die Folge der Windellosigkeit, die sich hier geltend macht; auch ein kleines Negerkind ist von Hause aus nicht stubenrein! Wir Europäer haben gut lachen; verständiger, menschenfreundlicher und edler würde es sein, wenn Regierung und Mission sich verbünden würden, um, weniger durch ärztliche Tätigkeit, die immer nur lokal beschränkt sein kann, als durch eine im großen Maßstabe durchgeführte Erziehung der Mütter zu den einfachsten Grundregeln der Hygiene und Reinlichkeit diesen schauderhaften Zuständen ein Ende zu bereiten. Es gilt in erster Linie jener schrecklichen Kindersterblichkeit vorzubeugen, die nach allem, was ich sehe und höre, die Hauptursache für die geringe Volksvermehrung ist.

Die weitere Negerkindheit verläuft nicht viel anders als unsere eigene verlaufen ist; die kleinen Jungen rotten sich zu Trupps zusammen, die in Dorf und Pori ihre Spiele treiben; das kleine Mädchen aber fängt sehr bald an, die Mutter durch kleine Hilfeleistungen in Haus und Feld zu unterstützen.

Anwendung des Wurfstocks.

Mit außerordentlicher Beharrlichkeit bin ich, wo immer ich hier meine Sammeltätigkeit betrieben habe, auf die Zusammentragung aller im Lande vorkommenden Spiele und Spielsachen versessen gewesen. Mit dem Kinderspiel hat es eine eigene Bewandtnis; das Kind ist vom ersten Tage seines Daseins an überall dabei, wo etwas los ist; wiegt sich die Mutter im Reigentanz, das Baby im Tragsack macht jede Bewegung mit; sozusagen instinktiv lernt es auf diese Weise tanzen. Denn wenn es sich später auf die eigenen kleinen Füße stellt, macht es mit derselben Sicherheit mit, wie ein eben aus dem Ei geschlüpftes Rebhuhn seiner Nahrung nachgeht. Ob das Negerkind über diese Tanzvergnügungen hinaus eigentliche Gesellschaftsspiele besitzt, kann ich nicht sagen; gesehen habe ich bis jetzt nichts davon, man müßte sonst die Virtuosität im Händeklatschen dazu rechnen, das mit seinem ansprechenden Rhythmus und, fast möchte man sagen, seinem Melodienreichtum auch hier zu Hause ist. Sonst scheint jedes Kind auf sich selbst angewiesen zu sein, wenigstens was sein Spielzeug anbelangt. Für den Knaben ist zunächst Bogen und Pfeil unerläßlich; hätte ich alle diejenigen Kinderbogen aufkaufen wollen, die mir angeboten worden sind, es wäre eine kleine Schiffslast geworden. Den Charakter des Überbleibsels verleugnet die Waffe gleichwohl auch hier in Afrika nicht, ihre Beschränkung auf das Kind läßt sich vielmehr vollkommen in Parallele mit unserem Flitzbogen bringen; auch sie ist heute kein ernsthaftes Kriegsgerät mehr, sondern vorwaltend Spielzeug und höchstens Jagdgerät. Dem entspricht es vollständig, wenn die Kunst des Bogenschießens bei den Erwachsenen ebenso schlecht ist wie bei den Kleinen, und umgekehrt. Wo das Gewehr einmal seinen Einzug gehalten hat, erfreuen sich primitivere Waffen keiner Wertschätzung mehr.

Anwendung der Wurfschlinge.

Das Zusammenbringen einer ethnographischen Sammlung ist hierzulande nicht leicht; die Leute bequemen sich erst mehr infolge meiner sehr entschiedenen Haltung als im Hinblick auf meine Hellersäcke zur Einlieferung von allerlei Krimskrams; um wertvollere Besitzkategorien zu erhalten, wie die größeren Stücke des Hausrats, Masken und andere Kunstwerke, muß ich sogar häufig zu dem kleinen Gewaltmittel greifen, den betreffenden Dorf-Jumben für die Ablieferung der Stücke moralisch verantwortlich zu machen. Und dabei bekommen die Leute jedes Stück gut bezahlt. Wie außerordentlich schwierig aber erst das Zusammentragen gerade der Spielsachen ist, davon macht man sich zu Hause gar keinen Begriff. Ich habe folgende Erklärung dafür. Käme z. B. ein japanischer Ethnograph im Herbst nach Deutschland, so würde es ihm ein Leichtes sein, eine ungeheuere Sammlung von Kinderdrachen anzulegen; den Kreisel aber, um irgendein anderes unserer typischen Kinderspielzeuge herauszugreifen, würde er zweifellos erst auf seine bestimmte Nachfrage hin bekommen und registrieren können. Ganz so ist es auch hier; jedes Ding hat seine Zeit, und vor allem jedes Spielding. Ich habe nach dieser Erkenntnis überall kurzen Prozeß gemacht und einfach vor versammeltem Volk ein ganzes Kolleg über alle Spielsachen der Menschheit gehalten: „Habt ihr dies und habt ihr das, so bringt’s mal schleunigst her.“ In vielen Fällen reicht weder die Sprache noch der Dolmetscher aus, dann muß die Geste das fehlende Wort ersetzen. Mit welch verblüffendem Erfolg habe ich eines Tags in Chingulungulu erlebt, wo auf meine kühne Schleuderbewegung hin Salim Matola, der Vielgewandte, nach kurzer Zeit mit zwei merkwürdigen Dingen erschien, die sich auf Grund des von ihm sofort vorgeführten Gebrauchs als ein veritabler Wurfstock und als eine Wurfschlinge, als ein Amentum, herausstellten. Ich habe nur selten so das Gefühl eines vollen Erfolges gehabt, wie in diesem Augenblick; Wurfstock und Wurfschlinge im ethnographisch so öden Osten von Ostafrika, wer hätte das je ahnen können! Jener ist ein Gerät, das keinen anderen Zweck verfolgt, als den Unterarm beim Speer- oder Steinwurf zu verlängern, er stellt sich also, physikalisch gesprochen, als die Verlängerung eines Hebelarms dar. Seinen Hauptverbreitungsbezirk hat der Wurfstock in Australien, in einigen Teilen der westlichen Südsee, bei den Hyperboräern und hie und da in Amerika; der Neger hatte nach unserer bisherigen Kenntnis diese Erfindung nicht gemacht. Die Wurfschlinge verfolgt genau denselben Zweck der Verlängerung des Hebels, nur daß Speer oder Stein bei ihr nicht mit dem Einsatzhaken des Stockes oder Brettes fortgeschleudert werden, sondern mittels einer Schnur, die auf der Zeigefingerwurzel befestigt wird, während sich das freie Ende um das Wurfobjekt schlingt. Wirft der Krieger den Arm nach vorn, so entfernt sich die Waffe vermöge der Fliehkraft von der Hand, rollt dabei aus der Schnurumwicklung heraus und saust mit großer Anfangsgeschwindigkeit davon.

Beim Naturaspiel.
Natura.

Wo solche Altertümer vorkommen, so habe ich damals gedacht, da wird auch manches andere noch zu finden sein. Diese Erwartung hat sich tatsächlich auch erfüllt, indessen habe ich doch vorher noch einen wahren Kampf mit dem Überfluß an einem anderen Spielzeug durchfechten müssen. Eines Tages fiel in dem erwähnten Kolleg die Geste des Peitschens über die Erde hin; diesmal war sie richtig verstanden worden, denn von da an hat mich die Negerjugend mit Kreiseln förmlich überschüttet. Nicht weniger als vier Arten sind hier im Gange: eine genau unserem europäischen Kegelkreisel entsprechende, die auch, wie unser Kreisel, mit der Peitsche angetrieben wird; eine andere, wo auf einen kurzen, derben Holzstift als Rotationsachse ein rundes oder quadratisches Stück Flaschenkürbis geschoben ist; eine dritte, wo unter diese fünfmarkstückgroße Scheibe noch eine kleinere geschoben ist, um den Schwerpunkt zu erhöhen; schließlich eine sehr komplizierte Maschine, die in der Wirkung vollständig unserem Singkreisel entspricht. Nr. 2 und 3 bedürfen keiner Peitsche, werden vielmehr mit Daumen und Mittelfinger angetrieben, Nr. 4 hingegen benötigt eines Abzugsrahmens in Gestalt eines der Länge nach durchbohrten Stückes von einem ausgesogenen Maiskolben, durch den die Abzugsschnur schnell zurückgezogen wird. Wie so vieles andere, wird dem jungen Neger im übrigen auch dieses Kreiseln nicht ganz leicht gemacht, da der weiche, sandige Boden das Spiel in hohem Maße erschwert; gleichwohl sind die kleinen Kerle wahre Künstler auf dem Gebiet.

Kreiselspiel.

Ganz unselbständig ist die Jugend auf dem Gebiete der Musik; ob sie auf der „Sese“, dem geigenartigen Monochord, fiedelt, oder die „Ulimba“, die afrikanische Universalklimper, mißhandelt, jenes kastenartige Gerät, auf dessen Oberfläche sieben hölzerne oder eiserne Tasten angebracht sind, die mit den Fingerspitzen geschlagen werden; ob sie das Mgoromondo, jenes vorsintflutliche Xylophon, bei dem die Tasten auf einem Strohlager ruhen, mit flinken Stäbchen hämmert, oder das „Lugombo“, jenes weit über Ost- und Südafrika verbreitete Bogeninstrument, bei dem die Sehne den durch einen Flaschenkürbis als Resonanz verstärkten Ton gibt, stets sind diese Instrumente mehr oder minder plumpe Nachahmungen des Instrumentariums der Großen. Selbständig ist nur die „Natura“, ein Waldteufel. Dieser besteht aus einem der Quere nach halbierten Flaschenkürbis oder einer halben Baobabfrucht, die mit feiner Tierhaut trommelartig überspannt ist. Von der Mitte der Membran geht ein Grashalm durch das Gefäß, aus dem er weiterhin noch weit nach unten hängt. Ohne Unterlaß fahren die kleinen Schlingel mit angefeuchtetem Daumen und Zeigefinger an dem Halm hernieder; vor den furchtbaren Tönen aber ergreifen selbst meine sonst nicht nervösen Träger die Flucht!

Die Jugend hat nicht nur die Fähigkeit, alte Kulturreste Jahrtausende hindurch zu bewahren, sondern auch den Vorzug, für Fremdes, Neues empfänglicher zu sein als das Alter.

In ihrer Hütte sitzt Akalingēne, die Makuafrau. Ihr Name besagt, daß sie den anderen Frauen des Stammes nicht gleich ist; sie ist viel kräftiger und runder, mit einem Wort viel schöner als die anderen. Das heißt, so war es einmal, damals, als sie noch die runden, braunen Glieder in jugendlicher Lust zur Ngoma wiegte und als sich die Blicke ihrer hübschen, braunen Augen über dem von Monat zu Monat wachsenden Pelele hinweg immer häufiger mit denen des jungen Mitaba trafen. Das ist nun lange her; ihre Formen sind nicht mehr rund und schwellend, die Brust hängt welk herab, eine Folge der vielen Sprößlinge und unausgesetzter Arbeit; auch das Pelele steht nicht mehr keck und stolz in die Weite, sondern legt sich über den Mund wie ein Vorhängeschloß. Akalingēne ist nicht allein; ihr gegenüber am lustig flackernden Herdfeuer kauert ein junges Ding, ihre Tochter; von allen den vielen Mädchen, die sie Mitaba geboren, ist es die einzig Überlebende; die anderen sind schon in früher Jugend dahingerafft worden; die Söhne aber haben längst die mütterliche Hütte verlassen, haben sich ein Weib genommen und sind zu diesem in ferne Gegenden gezogen. Auch Mitaba weilt nicht mehr unter den Lebenden. Sein Name bedeutete nicht umsonst „der Seßhafte“; er war gesetzt und ruhig und baute seinen Mais und seine Hirse an. Nur einmal hat ihn das den Makua eigene Jagdfieber gepackt; da ist er mitgezogen mit den anderen und nicht wieder gekommen; das angeschossene, wütend gewordene Rüsseltier, der Elefant, hat ihn, den Ungeschickten, Ungelenken, angenommen, den vor Schreck Erstarrten in die Höhe geworfen und dann zertrampelt. Nun ist Chimlipa die Freude ihrer Augen und der Trost ihres Alters, ihr junger Schwiegersohn nämlich, der die Tochter erst vor kurzem gefreit. Beide Eheleute zählen noch nicht viele Lenze, und beide sind erst vor wenig Jahren in die Zahl der Erwachsenen aufgenommen worden.

Chimlipa ist ein braver Bursche; noch zuvorkommender als die Schwiegersöhne ihrer Freundinnen sieht er Akalingene alle Wünsche von den Augen ab; nur etwas wild und unternehmungslustig ist er, und das beunruhigt sie heute mehr als je; mit einem Dutzend gleichgesinnter Altersgenossen — wer miteinander das Unyago durchlaufen hat, bleibt untereinander befreundet sein Leben lang — ist er gestern früh noch vor Tagesanbruch auf die Elefantenjagd gezogen, und noch ist keine Kunde von dem Ausgang des gefährlichen Unternehmens eingegangen. Das Abendgericht, ein heute besonders schmackhaft zubereiteter Ugali, ist längst übergar und nur noch schwer zu halten. Immer unruhiger, doch in beharrlichem Schweigen, schauen die beiden Frauen nach der hermetisch verschlossenen Tür; gut verschlossen muß sie sein, so will es der Brauch der Makua, sonst widerfährt dem Jäger ein Unglück, auch sprechen dürfen die Frauen aus dem gleichen Grunde nur das Allernotwendigste. Rrrrrrrrrr bum, ein kurzer, rascher Wirbel von der Hüttenwand her, wo ein Gerät von merkwürdiger Form mit den üblichen Bastschnüren an den rohen Pfählen befestigt ist. Wie elektrisiert sind beide emporgesprungen, schon hat Akalingene ihr scheibenverziertes Ohr in unmittelbare Nähe jenes rätselhaften Gegenstandes gebracht, ein freudiges Grinsen verlängert ihren welken Mund bis fast an beide Ohren, selbst das sonst so konsequent herniederhängende Pelele fällt in seine Jugendgewohnheit zurück und richtet sich so freudig zitternd nach oben, daß der verbogene Oberkiefer und der Zaun der einst so schönen, weißen Zähne in seiner heutigen ganzen Ruinenhaftigkeit der aufgeregt danebenstehenden Tochter im flackernden Dämmerlicht des engen Hüttenraumes entgegenstarrt. Doch schon ändert sich die Szene; Akalingene hat den glatt rasierten, langen, schmalen Kopf gedreht und spricht mit einem Eifer und einer Zungenfertigkeit, die bei der Größe ihres Oberlippeneinsatzes selbst die Tochter erstaunen macht, nun ihrerseits in den Apparat hinein. Endlich aber versiegt auch dieser Redestrom, ein kurzes „bass, Schluß“ — hoch aufatmend wendet sich die Mutter der Tochter zu.

Ikoma-Tanz beim Mädchen-Unyago in Akuchikomu.
Am Xylophon Mgoromondo (s. S. 351).

Erst jetzt, im Zwiegespräch der beiden, wird uns Lauschern an der Wand des Rätsels Lösung: Chimlipa hat über Verlauf und glücklichen Ausgang des beschwerlichen Jagdzuges auf dem neuesten Wege Bericht erstattet; er hat dazu den „Sim“ benutzt, wie es die Küstenleute nennen, eine feine Schnur, die in jener kleinen Trommel an der Wand anfängt und weithin durch das schweigende Pori sein Haus mit vielen Dörfern im ganzen weiten Rovumalande verbindet. Es ist aber auch zu drollig: hält man, wenn jenes kurze Trommelzeichen ertönt ist, das Ohr an die feine Haut, die Chimlipa einem Litotwe, jenem kaninchengroßen Nagetier mit dem unglaublich langen Rüssel, entnommen und über die kleine Trommel gespannt hat, dann kann man ganz klar und vernehmlich die Stimme des braven Schwiegersohnes vernehmen und sogar seine Worte verstehen! Diese waren heute so fröhlich und so stolz, hatte der junge Jäger doch seinen ersten großen Elefanten mit mächtigen Stoßzähnen erlegt, daß Akalingene nicht anders konnte: sie mußte ihm eine lange Glückwunschrede halten. Auch er hat sie verstanden, wie seine letzten Worte bezeugten. Die großen Zähne werden aber auch viel Geld einbringen beim Bwana kubwa unten in Lindi, und dann wird Chimlipa ihnen beiden, der Schwiegermutter und der jungen hübschen Frau, der das Pelele so reizend steht, viel schönes, buntes Zeug mitbringen; und schöne, schwere, dicke, massive Messingringe wird er beim Fundi kaufen, und ihre Haare wird er mit schönen, bunten Strohkämmen schmücken. Wird das ein Leben werden!

Hätte ich die Gestaltungsgabe eines Jules Verne und die Phantasie eines Dichters, so möchte mich dieses kleine Stimmungsbild leicht zu weiteren Ausblicken und Träumen verleiten können; so bin ich aber ein nüchtern und real denkender Museumsmann und ein ernsthafter Professor noch dazu, und dem wird die Rückkehr in die rauhe Wirklichkeit nicht schwer. Die Telephonszene könnte sich, wie die Dinge liegen, sehr wohl einmal auf Afrikas Boden abspielen, denn im wesentlichen, wenn auch nur embryonenhaft, sind die Vorbedingungen erfüllt: die Neger hier haben das Telephon, und ich besitze sogar zwei wundernette Exemplare in meiner Sammlung. Der Kampf um eine der Grundfragen der ganzen Völkerkunde überhaupt, ob die auffälligen Übereinstimmungen im Kulturbesitz der Menschheit an räumlich ganz unabhängigen Erdstellen auf einer gleichen psychischen und intellektuellen Veranlagung beruhen, oder ob sie auf Entlehnung von einem Verbreitungsbezirk zum andern zurückzuführen sind, ist bezüglich unseres technisch so hochstehenden Fernsprechers wohl gegenstandslos; kein Mensch wird annehmen, daß der Makua- oder Yaojunge die Sprechmaschine unabhängig von Philipp Reis und Alexander Graham Bell, oder wohl gar noch vor ihnen beiden erfunden hätte, hier liegt ganz unzweideutig Entlehnung vor. Doch auch wie die Negerjugend sich mit dieser Entlehnung abgefunden hat, ist nicht ohne kulturhistorisches Interesse.

Denken Sie sich zwei Miniaturtrommeln, wie ihre großen Vorbilder natürlich schön geschnitzt; beide mit sehr seiner Tierhaut überspannt; in deren Mitte ein feines Loch, in dem Loch eine ebenso feine Schnur, durch einen Knoten auf der Innenseite am Durchgleiten durch die Membran gehindert. Zweifelnd habe ich mir das Ding angeschaut; es ernsthaft zu nehmen, ist mir zunächst gar nicht in den Sinn gekommen. Da endlich einmal eine freie Viertelstunde; ich drücke Knudsen das eine Trommelchen in die Hand und jage ihn davon, bis die wohl 100 Meter lange Schnur straff gespannt ist; ich halte die Membran ans Ohr: „Guten Tag, Herr Professor, hören Sie was?“ höre ich es auch schon klar und vernehmlich aus der kleinen Wundertrommel herausklingen. Also das Ding geht wirklich, fehlt also nur, daß wir die Geschichte ausbauen und uns keck und kühn mit der Küste und dem Kulturzentrum Lindi selbst verbinden! —

Ein für das Negerleben so wichtiger Zeitabschnitt, wie ihn das Unyago mit allen seinen Leiden und Freuden, seinem Spiel und Tanz darstellt, kann ganz naturgemäß nicht ohne Einwirkung auf die Gewohnheiten der Jugend schon vor diesem Lebensabschnitt bleiben. So bin ich denn auch in den Besitz von Ipiviflöten gekommen, die sich in den Händen noch sehr kleiner Knirpse befanden. Aber was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten, und wer nachher in der Daggara schöne Melodien flöten will, der übt sich schon die Jahre vorher. Auch die Kakalle, jene langen, in Ringeln schwarz und weiß gefärbten Stäbe mit ihrer kleinen Trophäe von aufgesteckter Hohlfrucht und wallendem Federbusch an der Spitze, sind mir mehr als einmal von Knaben überbracht worden, die offenkundig noch nicht das Unyago passiert hatten; beide Attribute der fast und der ganz vollendeten Mannbarkeit sind demnach also auch Spielzeuge. Für die Knaben ist dies nicht weiter verwunderlich, denn vor ihnen hat der Neger keine Geheimnisse; bei den Festen sowohl in Akuchikomu wie in Niuchi und Mangupa trieb sich stets eine ganze Schar kleiner, mit Schmutz und Asche überzogener Wichte herum. Seltsamerweise jedoch befanden sich keine halbwüchsigen Mädchen dabei; vor diesen scheint man alles, was auf die Mannbarkeitsfeste und ihre Geheimnisse Bezug hat, ängstlich zu verbergen; erst hier in meinem langen Newalaaufenthalt mit seinen offenen, freien Beziehungen zwischen allen Stämmen und mir und allen Altersklassen untereinander ist es mir möglich geworden, solche junge Dinger zu Gesicht und auf die Platte zu bekommen. Die Erziehung scheint sich viel mehr innerhalb der Wände des Hauses und des Gehöftraumes zu vollziehen, als wir anzunehmen geneigt sind. Auch bei den Hunderten von Besuchen, die ich Eingeborenengehöften gemacht habe, ist es mir nur selten vergönnt gewesen, die kleineren Haustöchter von Angesicht zu Angesicht zu sehen; in der Regel konnte ich gerade nur noch wahrnehmen, wie die schmale Figur sich mit großer Behendigkeit durch die Hintertür entfernte.

Wie das kleine Negermädchen in Wirklichkeit aufwächst und ob es die unsagbar glückliche Jugend unserer kleinen Lieblinge auch nur in abgeschwächtem Maße zu kosten bekommt, kann ich unter diesen Umständen nicht sagen; es spricht nicht viel dafür. Fraglos liebt der Neger sein Kind aus jenem angeborenen Triebe heraus, der allen Eltern eigen ist; er nährt es und schützt es, wo immer es schutzbedürftig ist; er freut sich über sein Gedeihen und ist traurig über sein Siechtum und seinen Tod. Noch immer sehe ich Matola, wie er, dem an sich schon ein etwas melancholischer Gesichtsausdruck eigen ist, eines Tages mit tieftrauriger und doch sichtbar ängstlicher Miene höchst eigenhändig ein kleines Mädchen von 5 bis 6 Jahren herantrug. Es war nicht einmal sein eigen Kind, sondern nur eine Verwandte, doch bat er mich so eindringlich, wie es ihm nur möglich war, der Kleinen meine Hilfe angedeihen zu lassen. Das konnte ich zu meinem aufrichtigen Bedauern in diesem Falle nicht; der Unglücklichen hatte eine bösartige Gangräne die ganze Vorderhälfte des einen Unterschenkels weggefressen, so daß die Bänder bloßlagen und selbst die Knochen sich schon bogen. Ich habe Matola damals eine sehr eindringliche Rede gehalten, ob er denn ein ebensolcher Schensi sei wie seine Leute; diese gingen an ihrem eigenen Stumpfsinn zugrunde, er aber sei doch der Akide und ein kluger Mann dazu, und er wisse doch ganz genau, daß in Lindi deutsche Medizinmänner nicht nur vorhanden seien, sondern daß sie auch selbst solche Wunden heilten, wenn ihnen die Kranken gebracht würden; flugs solle er also das kleine Fräulein hinunterschicken; täte er es nicht, so würde das Kind unfehlbar sterben wie alle seine älteren Geschwister auch.

Zwischen Zweifel und Hoffnung schwankend, hat Matola mich an jenem Nachmittag erst lange angeschaut; dann hat er nach meinen Worten gehandelt. Und er hat recht daran getan, denn wie ich höre, ist die Kleine auf dem besten Wege zur Besserung. Aber erstaunlich und befremdlich ist und bleibt es, wie weit selbst ein so einsichtiger Mann wie der Herrscher von Chingulungulu den Krankheitsprozeß erst hat fortschreiten lassen, bevor er sich ernsthaft nach Hilfe umsah. Und nun gar erst ein Hinterwäldler, der mich hier oben jüngst konsultiert hat. Der Bursche erschien unmittelbar nach meinem Einzuge; sein Kind sei krank, er wolle Daua haben.

„Was hat dein Kind?“

„Eine Wunde am Fuß.“

„Aber Mensch,“ sage ich darauf, „ich kann dir doch keine Daua mitgeben, die verstehst du doch gar nicht aufzulegen, bring dein Kind her; wo wohnst du?“

Mbali, weit, Herr“, tönt es mit merklicher Dehnung zurück.

„Wie weit?“

„Nun, zwei Stunden etwa.“

„So, du Schensi, das nennst du weit; wenn es zum Pombetrinken ginge, dann würden dir selbst 20 Stunden noch karibu sana sein. Marsch, scher dich weg, und morgen früh um 8 Uhr bist du hier!“ Wer nicht gekommen ist, weder um 8 Uhr noch auch später, das ist dieser edle Kindervater aus dem Makondebusch gewesen. Erst am fünfzehnten Tage nach jener Vorkonsultation erscheint ganz unvermutet eine von einem 5- bis 6jährigen Mädchen begleitete Männergestalt; ich denke gar nicht mehr an den kecken Burschen von dazumal, erinnere mich jedoch sofort der Begegnung, als das Kind, aller angeborenen Scheu zum Trotz, mir seinen Fuß entgegenhält.

Makondekinder.

Himmel, was muß ich sehen! Der ganze Fuß eine einzige, von Makondedreck und -sand blutig verklebte Masse. Ohne Verzug gehen Stamburi, mein bewährter Lazarettgehilfe, und ich an die Reinigung des Gliedes; als es endlich bloßliegt, zeigt sich, daß der ganze Ballen bis auf die Knochen weggefressen ist; ob durch Sandflohwirkungen allein oder durch eine Summe anderer Umstände, kann ich als Laie nicht entscheiden. Endlich werfe ich einen Blick auf den Papa; wie hypnotisiert starrt der auf eine Antilopenkeule, die Nils Knudsen für die morgige Hauptmahlzeit gerade über meinen Arbeitstisch gehängt hat. Ich rufe den Edlen in die Wirklichkeit zurück, lasse ihm durch Moritz den weichsten Teil einer Wildschweinshaut überreichen und befehle ihm, einen Schuh oder doch eine Sandale, wie sie im Lande durchaus nicht unbekannt sind, daraus zu machen; denn das müsse er doch wohl selber sehen, daß das Kind mit dem neuen Verbande nicht in den schmutzigen Sand patschen könne; sein Messer habe er bei sich, er solle gleich an die Arbeit gehen! Wir beiden Medizinmänner versenken uns von neuem in die Behandlung der wirklich furchtbaren Verletzung; nach einiger Zeit ist der Verband so kunstgerecht, wie es uns möglich ist, angelegt; ein suchender Blick nach dem Vater: dieser hat sich jetzt förmlich in die Keule hineingefressen, so stier glotzt er auf das blutige Stück Fleisch. Es ist doch wirklich gut, wenn die Nilpferdpeitsche in solchen Fällen nicht allzuweit entfernt ist. Noch eine Viertelstunde später, und der dicht umwickelte Fuß des Kindes steckte wohlgeborgen in einem ganz zweckentsprechenden Schweinslederpantoffel. Aber gehört und gesehen habe ich von dem Gentleman niemals wieder etwas; auch gedankt hat er mir nicht, weder für die Behandlung — noch für die Prügel.

Negertelephon (s. S. 356). Unasikia? Hörst du auch?
Ndio. Jawohl!
Negertelephon (s. S. 356).

Knabe und Mädchen sind 8 oder 9, oder auch 10 Jahre alt geworden, ohne daß etwas Bemerkenswertes von außen in ihr Leben eingegriffen hätte. Da beschließt der Konvent der Männer, der nach der Beendigung der Ernte die große Pfeilerhalle der Barasa tagtäglich füllt, daß das Unyago in diesem Jahre hier im Dorfe gefeiert werden soll. Nachdem alle anderen Distrikte in den letzten Jahren die Lasten des Festes auf sich genommen haben, ist es Ehrenpflicht, jetzt hierher einzuladen. Dem Beschluß folgt sehr bald die Ausführung; der Mond ist stark im Abnehmen, und vor dem Neumond noch muß das Fest im Gange sein. Dieses Unyago besitzt in seinem ersten Teil bei allen Völkern des Gebietes ganz gleiche Züge: die Männer errichten auf einem in der Nähe des Festdorfes gelegenen, möglichst freien Platz einen mehr oder minder ausgedehnten Ring von einfachen Strohhütten. Auf diesem Platze spielt sich das Eingangs- wie auch das Schlußfest ab; die Hütten sind die gegebenen Wohn- und Schlafräume für die Mannbarkeitskandidaten. Ein ganz ausgezeichnet erhaltener Festplatz mit allem Zubehör war jener Kreis von 50 Meter Durchmesser, den ich bei meinem Besuch des Echiputu von Akuchikomu aufnehmen konnte; die halbverkohlten Reste einer ebensolchen Lisakassa, wie das Hüttensystem im Kiyao heißt, waren als Erinnerung an ein früheres, frohes Fest diesseits Akundonde am Wege zu sehen.

Drei Vegetarier vom Makuastamm (s. S. 187).

Es liegt in der Natur der ganzen Veranstaltung, daß beim Unyago Knabe wie Mädchen sich vorwiegend passiv verhalten. Sie sitzen tatenlos, stumm und ohne sich zu rühren jedes in seiner Hütte, während sich in der ersten Nacht des Festes die Erwachsenen zu Schmaus und Trunk in wildem Masewetanz bewegen. Die Knaben werden am nächsten Tage, jeder von seinem Mentor geleitet, unter der Aufsicht eines Oberleiters in den Wald geführt. Dort schlafen sie eine Nacht ohne jeden Schutz; nur am nächsten Tage dürfen sie sich eine kurze Spanne Zeit einmal selbst betätigen; dann gilt es nämlich, im Verein mit ihren Anamungwi, den Lehrern, die Daggara zu bauen. Aber kaum ist die luftige Hütte im tiefsten Pori vollendet, so ist auch schon die alte Sachlage wieder hergestellt; einer nach dem anderen wird in jenem Häuschen auf ein sehr primitives Ruhebett von Hirsehalmen gelegt; mit scharfem Schnitt vollführt der Wamidjira die Operation; wochenlang liegen darauf die kleinen Patienten in langer Reihe da, ohne in den langwierigen Heilungsprozeß irgendwie eingreifen zu können. Erst wenn die Wunde verheilt ist und der Unterricht in den Sexualien und der Moral mit allen Kräften eingesetzt hat, gewinnen auch die Wari, wie die Knaben jetzt heißen, mehr und mehr das Recht, am öffentlichen Leben teilzunehmen; die kleinen Kerle werden übermütig und vollführen manchen tollen Streich. Wehe der Frau oder dem Mädchen, das sich, der Lage der Daggara unbewußt, in diese Waldregion verirrt: wie eine Schar übermütiger Kobolde stürzt sich die Schar der Knaben auf die Unglückliche, neckt sie, fesselt sie und mißhandelt sie wohl gar. Nach Volksgesetz haben die Wari das Recht dazu, denn ihr Aufenthaltsort im Walde soll jeder weiblichen Person gänzlich unbekannt bleiben. Mit dem Hinausziehen in das Pori ist der junge Sohn für die Mutter gestorben; wenn er wiederkehrt, wird er ein neuer Mensch sein mit neuem Namen: an das ehemalige Verwandtschaftsverhältnis erinnert nichts mehr.

In welchen Bahnen sich der Unterricht hier in der Daggara bewegt, habe ich bereits früher zu schildern versucht; der bierehrliche Akundonde und sein trinkfester Minister sind unstreitig die zuverlässigsten Gewährsmänner in bezug auf alle diese Weistümer. Es bleibt ewig schade, daß der überraschend schnell erzielte „Anschluß“ der beiden mich um den Schluß der Rede an die Wari gebracht hat; doch zur Kennzeichnung der hier herrschenden Unterrichtsprinzipien genügt ja auch jenes mitgeteilte Bruchstück.