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Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig: Eine Novelle cover

Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig: Eine Novelle

Chapter 5: Epilog
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About This Book

A narrator recalls a harsh military childhood dominated by an overbearing, cigarette-smoking father and an austere domestic life, where Sundays bring humiliation rather than relief. The memoir-like opening details uniforms, discipline, and intimate shame; it then shifts into clandestine political activity as the narrator takes leave from service and undertakes propaganda among soldiers in social venues. The novella examines how rigid authority, familial humiliation, and secret political engagement distort conscience, identity, and responsibility, probing moral ambiguity and the inversion of blame.

Doch dies ist einer von den Neusten,
Er wird sich grenzenlos erdreusten.

Ja, dieses Geschlecht hat wohl die Zerstörungswut eines Karl Moor, aber nicht die hohe, heldische Einsicht, die ihm unser Dichterheros in den Mund legt, daß nämlich zwei Kerle wie er imstande wären, den ganzen sittlichen Bau der Welt zu zertrümmern.

In Anbetracht dieser jungen, zügellosen Menschen wandelt oft auch den liberalen Mann die Sehnsucht an, ein eiserner Besen möchte all das Faule und Morsche unerbittlich hinwegfegen.

Ja, eine Generation von Kinoläufern, Kaffeehaushockern, Barhelden drängt nach vorwärts; ihr Ideal ist der Hochstapler großen Stils, der sexuelle Psychopath, mit einem Wort, der Verbrecher.

Dieses Ideal, wie jedes, fordert seine Opfer.

In den höheren Klassen der Gesellschaft verfallen die Söhne dem Spiel, dem Nichtstun, der Verschwendung, den sinnlichen Lastern und schließlich den venerischen Krankheiten. In den Niederungen aber ist der Sprung zum Mörder ein Katzensprung.

Und in der Tat!

Einer dieser hoffnungsvollen Jünglinge, die Phantasie von Detektivromanen zerfetzt, geht hin und mordet seinen Vater.

Wer kennt nicht weit und breit den alten Kalender? Er war das, was man eine stadtbekannte Figur nennt.

Seine Bude auf der Hetzinsel ist bei alt und jung beliebt. Wer von unseren Mitbürgern hat nicht schon einmal mit den festen Bällen einer der grotesken Figuren den Hut vom Kopf zu schleudern versucht? Diesen Charakterpuppen, denen ein gewisser künstlerischer Wert keineswegs abgesprochen werden kann, galt die Liebe Julius Kalenders. Er war fast ein Puppenspieler im alten Sinne und demjenigen, der Verständnis für markig deutsche Art hat, wird die kostbare Erzählung Theodor Storms von Pole Poppenspäler einfallen.

Julius Kalender war ein jovialer Mann von nahezu sechzig Jahren, trug immer eine Soldatenmütze, die den früheren Wachtmeister erkennen ließ, und war, wenn er behaglich vor seiner Bude stand, für seine lustigen Scherze, seine schlagfertigen Bemerkungen berühmt, denen auch die politische Würze nicht fehlte.

Den reinen Gegensatz zu diesem prächtigen Mann stellt der eigene Sohn dar: August Kalender. War jener heiter, so ist dieser meist mürrisch und verdrossen, besaß der Vater Gutmütigkeit, eine polternd rechtliche Lebensart, der Sohn ist tückisch, verschlagen und weiß nicht im geringsten Gut und Böse zu unterscheiden. War Julius darauf bedacht, nicht nur sein Auskommen zu finden, sondern auch etwas in den Strumpf zu tun, um dereinst seinem Einzigen eine Erbschaft hinterlassen zu können, August vereitelte diese Absicht so gut er konnte, indem er immer wieder die schwer erworbenen Groschen dem Vater herauslockte, der in selten gutartiger Weise jedesmal für die Schulden des Sohnes aufkam.

Der einzige Vorwurf, den wir diesem armen Vater machen könnten, wäre:

„Warum hast du deinen Jungen nichts Ordentliches lernen lassen? Ist eine Umgebung von Jahrmarktsbuden, Kasperltheatern, Panoptiken, Gauklerunternehmungen der richtige Ort für einen heranwachsenden Buben?“ Aber diesen Vorwurf hätte der lustige Julius gewiß nicht verstanden, dazu war er selbst zuviel Zigeuner, trotz seiner Seßhaftigkeit und des Bürgerrechts zuviel Kind des grünen Wagens.

Augusts Kindheit und Jugend muß gewiß so glücklich und frei gewesen sein, wie sie sich der phantastischste Neid eines „Stadtkindes“ gar nicht vorstellen kann.

Volks- und Bürgerschule machten ihm kein Kopfzerbrechen, denn sein Vater war leider nicht der Mann, über ein schlechtes Zeugnis oder über eine minder entsprechende Sittennote zu murren. Wenn andere Knaben ganze Nachmittage lang und manche Nachtstunde dazu über ihre Aufgaben gebeugt saßen, August durfte dem Vater in der Bude, wo’s immer lustig zuging, mithelfen, genoß das Glück, ein Kind der Hetzinsel zu sein, durfte ein Dasein führen, das für andere Jungen die höchste Romantik einschloß.

Es ist erwiesen, die unglückselige Mutter hat es selbst beteuert, daß der Alte seinem Sohn niemals Vorwürfe machte, sondern, wenn auch seufzend, alles hergab, was August von ihm verlangte. So liebte er diesen Sohn, der kein Kind mehr war, sondern ein erwachsener Mann von fünfundzwanzig Jahren.

Aber nicht nur die Mutter, auch andere haben sich gefunden, die für die abgöttische Liebe des Vaters zu seinem Sohn Zeugnis legen.

Und dennoch! Vor vierundzwanzig Stunden, um fünf Uhr morgens, lockt August, der Sohn, Vater Julius Kalender unter irgend einem Vorwand aus der Bude, verwickelt ihn in ein Gespräch und erschlägt ihn angesichts der grotesken Puppen mit dem Beil!!

Der Grund? Er ist vorläufig ein Rätsel, und es steht dahin, ob die menschliche Justiz fähig sein wird, dieses Rätsel zu lösen.

Denn so oft auch der Sohn im Laufe der Jahre den Vater beraubt und bestohlen hatte, diesmal nahm er nichts, unberührt blieb die wohlgefüllte Brieftasche des Budenbesitzers.

Es ist ganz gewiß, ein auch nur beabsichtigter Raubmord liegt nicht vor.

August K. ist ein so abgefeimter Schurke, daß er nach vollbrachter Tat sicherlich nicht aus Gram und Reue davon abgestanden wäre, das Geld des Vaters in den wenigen Stunden, die ihm blieben zu verjuxen.

Zur Zeit des Mordes war kein Mensch im ganzen Vergnügungspark wach. Der Mörder schleppte kaltblütig sein Opfer zu einem nahen, längst verlassenen Bauplatz, wo viele Lagen von morschen Brettern und altem Baumaterial aufgeschichtet sind. Der Sohn warf den ermordeten Vater nach guter Berechnung in eine alte Kalkgrube, häufte Reisig, einen Sack, Fetzen über ihn, trug einen Stapel langer Bretter herbei und legte sie breit und hoch über die Kalkgrube, daß es den Anschein hatte, sie wären hier seit je so gelegen.

Diese Arbeit spricht von der Riesenkraft und von der robusten Verbrechernatur dieses Unmenschen. Es ist der reine Zufall, daß ein Lumpensammler nach zehn Stunden Blutspuren auf den Brettern entdeckte und die Polizei aufmerksam machte.

August hat damit gerechnet, daß das Verbrechen verborgen bleiben würde, das zeigt seine ganze Handlungsweise. Und doch! Die unberührte Brieftasche steckte in der Brusttasche des Toten.

Ein Raubmord?

Nein!

Ein Affektmord?

Nein! Die Mutter schwört, es hätte zwischen Vater und Sohn keinen Streit gegeben, der Vater wäre so wie so immer nachgiebig gewesen, ja, er habe vor August immer eine gewisse Angst gehabt.

Und was sagt der Mörder selbst aus?

Nichts! Er schweigt! Er zuckt die Achseln.

Wir stehen hier vor der Sphinx der menschlichen Psyche, vor dem unergründlichen Geheimnis

— — — — — — — — — — — — — —
— — — — — — — — — — — — — —

Ich konnte nicht weiter lesen. Mit vielen Spalten füllte dieser Artikel die Seiten der Zeitung. Mir schwamm es vor den Augen.

Hier — ich stand vor einem Ausgang des Vergnügungsparks. Ah! Rechter Hand ein Häuflein Menschen in heftigem Gespräch! Ich ging auf die Bude zu und — — — — — — — — — —

— — — — — — — — — — — — — —

Ich glaube, es ist bei allen Menschen so! Bei mir wenigstens setzen sich alle Erkenntnisse, Intuitionen, Einfälle, Aufhellungen, kurz alle geistigen Erlebnisse sofort in Körperzustände der heftigsten Art um. Witz, Kalauer, Lustigmachen zieht mir wie jede andere häßliche Empfindung das Innere abwärts vom Zwerchfell wie durch scharfe Säure zusammen, Religion, Musik, Erkenntnis, alles Gute durchschüttert Herz und Lungenpartie, erzeugt Weinkrämpfe...

Aber es ist noch etwas da.

Die Ärzte behaupten, der menschliche Körper schließe zwei Nervensysteme ein, das vagische und das sympathetische, ich aber behaupte, mögen mich die Mediziner auch auslachen, es gibt noch ein drittes Nervensystem in uns (ich wenigstens erlebe seinen Bestand täglich), ja, ein drittes unerforschtes Nervensystem, das ich in aller Bescheidenheit den nervus magicus nennen will.

Wir alle haben in unserer Jugend mit Vorliebe Geistergeschichten verschlungen, und wenn sich in der Erzählung das Gespenst oder irgend eine grausige Erscheinung zeigte, und es vom Helden hieß, daß „kalte Schauer ihm über den Rücken liefen“, haben wir diese Schauer mitempfunden.

„Kalte Schauer“, das ist eine gar nicht so schlechte Bezeichnung für das Vibrieren des dritten Nervensystems. Allerdings „Rücken“ ist ungenau. Die Klaviatur, auf denen diese Schauer spielen, der nervus magicus, liegt außerhalb unserer materiellen Natur und hat in jener unerforscht feinen Substanz seinen Ort, die uns umgibt, von uns und zu uns zurückstrahlt, in jener Substanz, die einige den Perisprit, andere Aura, Od nennen, und die tatsächlich ihre höchste Dichtigkeit im Rücken unserer Person besitzt.

Schwingt dieses dritte Nervensystem, von der Hand der abgründigen Mächte angerührt, so erwachen Erkenntnisse, Zustände, Kräfte in uns, die, treten sie ins Dunkel zurück, keine Spuren hinterlassen, der Sprache sich entziehen und des Gedächtnisses spotten.

Man wird mich verstehen.

Ich stand vor der Bude des Ermordeten! Vor jener Bude, wo auch ich vor vielen, vielen Jahren das Blut meines Vaters vergossen hatte.

Damals, ehe ich in das schwere Nervenfieber verfiel, das meine Knabenjahre so sehr zerrüttete, damals hatte sich ein gelbes, hohläugiges Bubengesicht über mich gebeugt.

Wie aufmerksam, wie seltsam interessiert war dieses starrende Gesicht gewesen, jenes letzte Bild, ehe mich der krankhafte Schlaf anfiel! — Und dieser Gleichaltrige!? Er schweigt vor dem Richter. Er weiß den Grund nicht. Aber, hat er nicht das vollbracht, was er an jenem fernen Tage von mir sehen mußte?! — Ach, — mir war vielleicht nur aus angstzitternder Hand zu früh der Ball gefahren. Aber dennoch! Ich hatte dem Knaben gelehrt, daß es andere Ziele gibt als die Hüte ohnmächtiger Puppen.

Und Julius Kalender?

Deutlich stand er vor mir. Freundlich flatterte der rötlich ärarische Backenbart à la Franz Josef. Die dicke Uhrkette zeigte den Mann, der das Leben von der bekömmlichen Seite nahm.

Das war kein Kanzleifuchs, kein Kaserntyrann, das war ein behaglicher Stammtischgast, einer, der mit den Augen zwinkert, beim dritten Bier schon der auflauschenden Runde seine Zötchen und Anekdötchen zum besten gibt. Und doch, dieser gute, offensichtlich gutartige Mensch, weil er Vater war, hat er daran glauben müssen.

Die Menschen vor der Bude (man konnte gar nicht hineinsehen) standen vor Klugheit und Gespanntheit alle wie auf einem Bein.

Sie sprachen über den Mord, erregt, glücklich, daß endlich einmal was vorgefallen war, daß es etwas gab, was wie ein heißer Grog auf Neugier und Selbstbewußtsein wirkt.

Sie schrien und stießen Verwünschungen gegen August, den Mörder des Vaters Julius, aus.

Hinter dem Ladentisch, wo sich noch immer in großen Körben und Schalen die Pyramiden der Bälle bauten, stand eine ältere Frau mit Umhängekragen, Kapotthütchen und schwarzen, gestrickten Halbhandschuhen.

In unverkennbar sächsischem Dialekt forderte sie die schwätzenden Menschen auf:

„Nur immer ’ran die Herren! Einmal das Glück versuchen. Zehn Würfe fünf Sechser.“

Aber was war das? Neben ihr tauchte plötzlich ein Bub auf, ein gelblich schwacher Junge, mit ungeheuer tiefliegenden, umschatteten Augen, der noch nicht dreizehn Jahre alt sein mochte.

August Kalender? Ich? Wer?

Der Knabe verschwand nach hinten.

Auch er wird lernen. Er, der immer Wiedergeborene, der ewig Dreizehnjährige.

In diesem Augenblick, als hätten sie sich so lange verborgen gehalten, um meinen Gedanken nicht zu stören, — erblickte ich, — erfaßte mich der Irrsinnsrhythmus der Charakterpuppen.

O fürchterlicher Akkord auf dem nervus magicus!

Auf- und niederschwebend, grinsend, grüßend waren sie alle da:

Der Mandarin, der Neger, die Teerjacke, der Henker, der Phantasieoffizier, höhnisch fuhren sie aus den Schulbänken ihres mystischen Nachsitzens auf, versteckten sich wieder wie Leute, die sich nicht greifen, verhaften lassen, gar nicht daran denken, ihre Beute herzugeben, ihrer Unverletzlichkeit so gewiß sind, daß sie durch freches Auf und Nieder der Häscher noch spotten.

Auf ihrer Drehscheibe aber wandelten schlotternd in zunderndem Bratenrock und Trauerzylinder die Opiumraucher elegisch an der imaginären Türe vorbei.

Wer seid ihr? Wer seid ihr alle in eurer ungerührten Bewegung? Seid ihr unsere Neben-, Vor- und Nachmenschen, die Milliarden Unbekannten, die uns auf der Straße und in den Sälen des Lebens begegnen? Seid ihr die zerbrochenen Toten, die nach unbegreiflichem Gesetz den einmaligen Gedanken ihrer Form weiter durch unsere Reihen bis in alle Ewigkeit tragen müssen? Seid ihr die noch Ungeborenen all, Schatten, die eine künftige Existenz in die Gegenwart vorauswirft?

Seid ihr die Mächte und Gewalten der Tiefe und Höhe, die Unsumme gestaltloser Wesen, wesenloser Gestalten, doch wirkender Schicksale, die sich zwischen die beiden einzig realen Pole der Welt drängen, zwischen das Ich und das Du?

Seid ihr die Erzeuger der Bewegungen von Ursprung an, die Zeuger, Zeiger und Zeugen aller Morde, Kriege, Aufopferungen, Heldentaten, Werke, Verbrechen, Liebschaften, Spaziergänge, Feste, Hochzeiten, Vergnügungsfahrten, Sterbensseufzer, Erdbeben und Gartenwindchen, die großen Ruhe- und Unruhestifter, die geheimnisvollen Spindeln, von denen die unsichtbaren Fäden sich abspulen, die alles Lebendige untereinander verbinden? Wer seid ihr, wer seid ihr?

— — — — — — — — — — — — — —

Nichts unterbrach den Rhythmus jener Mächte. Nur die alte Sächsin forderte mich auf, mein Glück zu versuchen.

Ich aber verließ die Hetzinsel und reiste noch am selben Abend weiter.

Von Hamburg schrieb ich folgenden Brief, — und das waren gleichsam meine letzten Worte an die alte Welt:

An die k. k. Staatsanwaltschaft

zu — — — — —

Mein Herr Staatsanwalt!

Als Unbekannter wende ich mich in einer Sache an Sie, die mir sehr am Herzen liegt.

Müßte ich ein Pseudonym wählen, um meinem recht gewöhnlichen Namen einen Sinn zu geben, — ich würde mich Parricida nennen.

Ihre humanistische Schulbildung wird sogleich wissen, was die Römer unter dieser Vokabel verstanden, und Sie werden sich gewiß auch des weiteren erinnern, daß es Herzog Johannes mit dem Beinamen Parricida war, der seinen Vater, den deutschen Kaiser Albrecht, auf einem Spazierritt vom Leben zum Tode beförderte.

Ich sage das nur, um zu beweisen, daß jene Zeitung Ihrer Hauptstadt (Morgenpost, deutsches Tagblatt, gegr. 1848, vom 4. Juli 1914) unrecht hat, wenn sie in ihrem Feuilleton behauptet, der Vatermord wäre ein Privileg der unteren Gesellschaftsschichten.

Er kommt, wie jene allerdings vor grauen Jahren begangene Tat zeigt, in den besten Kreisen vor.

Ich z. B. stamme aus einem alten Offiziersgeschlecht und habe dennoch meinen Vater zweimal getötet, wobei es das erstemal sogar recht blutig zuging.

Ich erwähne, mein verehrter Herr Staatsanwalt, den eigenen Fall nur, um in Ihnen ein tieferes Verständnis für einen anderen Fall zu wecken, den Sie gewiß amtlich zu bearbeiten haben werden, ich meine natürlich den Fall des Vatermörders August Kalender.

„Aber, mein lieber Herr Duschek,“ höre ich Sie sagen, „wie können Sie einem Juristen zumuten, diese beiden Fälle miteinander zu vergleichen, denn erstens, Ihr Herr Vater, seine Exzellenz, der Feldmarschall, lebt ja noch — — —“

Hier, mein werter Herr Doktor, muß ich Sie leider unterbrechen, denn theoretisch kommt es ja gar nicht darauf an, daß mein Vater lebt!

Ich sehe Sie ein wenig spöttisch lächeln und Sie belieben zu bemerken:

„Für einen Philosophen, Theologen oder sonst einen Kathedermenschen mag es vielleicht theoretisch wirklich gleichgültig sein, für den Juristen aber ist nur das reale Faktum gültig und vorhanden. Und dann! Ihr Herr Vater ist wohl dem alten Julius Kalender recht wenig vergleichbar. Wer hat den strammen, strengen, feschen Offizier vor Jahren in unserer Stadt nicht gekannt? Das war der richtige Marssohn, ein rauher Kriegsmann, Soldat von echtem Schrot und Korn, bei dem es keine Weichheiten und Nachgiebigkeiten gab. Der Sohn eines solch schneidigen, geraden Mannes ist gewiß nicht auf Daunen gebettet; er muß etwas leisten, empfängt mehr Scheltworte als Belobungen, und da wir Juristen ja Seelenkenner und erfahrene Psychologen sind, können wir die Meinung gelten lassen, daß durch solche, vielleicht allzu straffe Erziehung in einer jungen Seele Wunden, Brüchigkeiten, Schorfe entstehen, die später zu Haß, Feindschaft und bösen Taten führen mögen.

Daß das Gesagte bei Ihnen gewissermaßen eingetreten ist und auch bestraft wurde, ist hieramts bekannt.

Sie sehen, Herr Parricida, ein Staatsanwalt hat mitunter auch das Zeug zum Verteidiger.

Aber stimmen denn die obengenannten mildernden Umstände für den bestialischen August? War sein Vater nicht ein Bonhomme, eine Art Künstlernatur, ein gutmütiger Witzbold, ein schwächlicher Papa, der niemals Radau machte und die Sauf- und Hurenschulden jenes sauberen Gesellen immer wieder zahlte?“

Erlauben Sie mir, mein Herr Staatsanwalt, hier eine Bemerkung:

Ob der Vater hart oder weichmütig ist, bleibt sich in einem letzten Sinne fast gleichgültig. Er wird gehaßt und geliebt, nicht weil er böse und gut, sondern weil er Vater ist.

Dieses Geheimnis, diese sehr unscheinbare aber recht tiefreichende Erkenntnis habe ich den schwersten Stunden meines Lebens zu verdanken, vor allem einer Stunde, wo viel vom Wesen der Welt sich meinem Gefühl enthüllte.

Sie fragen:

„Wenn der Haß gegen die Väter ein allgemeines Naturgesetz ist, unter dem die Söhne stehen, warum bringen nicht mehr Söhne ihre Väter um, warum ist im Rechtsbewußtsein der Zeiten der Vatermord seit je der scheußlichste der Morde geblieben? Antworten Sie: Warum bringen nicht mehr Söhne ihre Väter um?“

Ich aber sage Ihnen:

Sie bringen sie um!

Auf tausend Arten, in Wünschen, in Träumen und selbst in den Augenblicken, wo sie für das väterliche Leben zu zittern glauben.

Sie, Verehrtester, haben klassische Bildung genossen. Ich leider nicht. Denn mein Vater, so gut er’s eben wußte, hatte mich zum Besuch der Kadettenschule verdammt. Dennoch kenne auch ich jene griechische Tragödie, wo Ödypus unwissend, daß der grauhäuptige Reisende sein Vater ist, den alten Mann erschlägt. Diese Tragödie ist eine wahre Fundgrube der Metapsychik des Menschen und ich scheue mich nicht, mit Sophokles zu glauben:

Jeder Vater ist Laïos, Erzeuger des Ödipus, jeder Vater hat seinen Sohn in ödes Gebirge ausgesetzt, aus Angst, dieser könnte ihn um seine Herrschaft bringen, d. h. etwas anderes werden, einen anderen Beruf ergreifen als den, den er selbst ausübt, seine, des Vaters, Weltanschauung, seine Gesinnungen, Absichten, Ideen nicht fortsetzen, sondern leugnen, stürzen, entthronen und an ihre Stelle die eigene Willkür aufpflanzen.

Jeder Sohn aber tötet mit Ödipus den Laïos, seinen Vater, unwissend und wissend den fremden Greis, der ihm den Weg vertritt. Und — damit wir uns besser verstehen — betrachten Sie doch im großen und ganzen die Generationen, wie sie einander gegenüberstehn!

Sie sind genug Psychologe und Berufsmensch, um die Abneigung und Angst zu kennen, mit denen die älteren Beamten, Militärs, Kaufleute, Künstler den Weg der jüngeren Kollegen verfolgen. Die Alten möchten die Jungen alle abschaffen oder ihnen zeitlebens wenigstens als dankbaren Schülern, gelehrigen Jüngern den Meister zeigen. Die Triebkraft unserer Kultur, Herr Staatsanwalt, heißt Vergewaltigung! Und die Erziehung, die wir so stolz im Munde führen — auch diese Erziehung ist nichts anderes als leidenschaftliche Vergewaltigung, verschärft durch Selbsthaß, Erkenntnis eigener Blutsfehler am Ebenbilde, die jeder Vater statt an sich selbst, an seinem Sohn bestraft.

Die Tragödie — Vater und Sohn — ist wie jede andere über einer Schuld gebaut. Wollen Sie die Schuld dieser allgemeinen menschlichen Tragödie wissen? — Sie heißt: gierig unstillbare Autoritätssucht, sie heißt: Nicht-beizeiten-Resignieren können!

Ach, mein Herr Staatsanwalt, wissen wir, ob die Gutmütigkeit des liebenswürdigen Julius zu seinem verkommenen August nicht auch eine der Millionen Spielarten der Autoritätssucht war? Gestehen wir uns nur ein, wir kennen Vater und Sohn Kalender recht wenig, wissen nichts von dem Wesen ihrer Beziehung, denn Julius kann nicht mehr sprechen und August — will es nicht.

Aber, es steht fest, daß dieser Vatermord kein Raubmord war.

Eines noch!

Der Fall Kalender und der Fall Duschek (es tut mir nichts, daß Sie mich für verrückt halten), dürfen aus folgendem Grunde klassisch genannt werden.

Der Beruf, zu dem mein Vater mich von frühauf zwang, war der Beruf des Tötens! Fechten, Schießen, Taktik, Artillerieunterricht, — all das, was ich in vielen bitteren Stunden, ohne meinen Widerstand überwinden zu können, lernen mußte, all das war die Wissenschaft vom Mord.

Und August Kalender? In welchem Beruf hielt ihn sein Vater fest? Von erster Jugend an sah er tagaus, tagein nichts anderes als jene Bälle, hart wie Steine, die roh, wuchtig, von häßlichen Ausrufen begleitet, menschliche Köpfe bombardierten.

Die Schule, Verehrtester, in die uns beide unsere Väter schickten, war eine Akademie des Menschenmords!

Wer also ist der Schuldige?

Es gibt ein altes albanisches Sprichwort:

Nicht der Mörder, der Ermordete ist der Schuldige!

Ah! Ich will mich nicht freisprechen. Ich, der Mörder, und Er, der Ermordete, wir beide sind schuldig! Aber Er, — Er um ein wenig mehr.

Sollte es aber noch „Mitschuldige“ oder besser gesagt „Hauptschuldige“ geben, Schicksalsbazillenträger guter und böser Art, die uns anstecken, „Geister im Wind, die uns an den Mantelenden vorwärts zupfen?“

Sehen Sie! Am dreißigsten Mai vorigen Jahres, eben demselben Tag, an dem ich zum zweitenmal die Hand wider meinen Vater erhob, war mir ursprünglich keine geringere Absicht suggeriert worden, als ein Attentat gegen den Zaren von Rußland.

Von wem?

Von den reinsten Menschen, den uneigennützigsten Fanatikern! Ja, zum Teufel, das waren sie alle, obgleich ich Augenblicke habe, wo es mir scheint, sie wären Wahngebilde, Traumgespenster gewesen, und ich hätte nie Opium geraucht. — Aber, verzeihen Sie mir, das gehört gewiß nicht hierher.

Hingegen fordere ich Sie, mein Herr, der Sie Richter sind, auf, bevor Sie Ihre Anklageschrift in die Hände des Gerichts legen, eine Nacht in Kalenders Bude, in der Gesellschaft seiner Charakterpuppen zu verbringen.

Gern möchte ich es selber wissen: Ruhen diese Figuren in der Nacht, oder müssen sie im Rhythmus ihrer Verdammnis auch zu öder Stunde auf und nieder schweben?

Schleichen die alten Klavierspieler, Tanzlehrer, Leichenbitter auch im Morgengrauen durchs Zwielicht; sie, die geduldig ihre Köpfe den frechen Bällen preisgeben, sie denken wohl: „Oh, ihr kleinen und großen Idioten, die ihr meint, uns leider Unverwundbare treffen zu können! Wir sind die Fata Morgana nur zwischen eurem Ich und Du. Uns glaubt ihr zu verwunden und tötet einander!“

Ich schwöre es Ihnen, Herr Staatsanwalt, Sie werden angesichts der Kalenderschen Automaten diesen Brief verstehen.

Reinlich und wahrhaftig will ich dieses so amtsungebührlich lange Schreiben schließen.

Ich habe viel von der Feindschaft zwischen Vätern und Söhnen gesprochen.

O, glauben Sie mir, auch ich habe die Liebe des Sohnes zum Vater kennen gelernt. Ja, heute weiß ich es, diese Liebe war der stärkste Trieb meiner Seele, der verzehrendste Besitz meines Lebens gewesen; sie hat alles andere Leben von mir entfernt und mich zu meinem Unglück bis zum Rand erfüllt! Ich kenne diese Liebe. Sie muß die scheueste und geheimnisvollste von der Welt genannt werden, denn sie ist das Mysterium der Einheit und des Blutes selbst.

In der festen Hoffnung, daß Sie, Herr Staatsanwalt, unbedingt eine Nacht in der Kalenderbude verbringen werden, bin ich

Ihr sehr ergebener

Karl Duschek.

Ich habe hier genau die Kopie meines Briefes an den Staatsanwalt jener Hauptstadt wiedergegeben.

Am nächsten Tag ging ich in Cuxhaven an Bord des „Großen Kurfürsten“. Nach einer Reise von zehn Tagen erblickte ich die große Statue auf Liberty Island. Lärm und Musiken kamen fern und dumpf übers Meer.

Es war der erste August des Jahres Neunzehnhundertundvierzehn.

Hier aber die Worte eines Geretteten als

Epilog

Ich habe meine Kindheit und Jugend in einer Welt verbracht, wo, wie ich glaube, kein Mensch auch nur eine Ahnung vom rechten Erlebnis in sich trug. In einer Welt von aktiven und passiven Narren habe ich die unwiederbringlichsten Tage meiner Laufbahn verloren.

Unter falschen Gewichten stöhnend schuf die Seele falsche Gegengewichte.

Wenn ich an alles und an alle zurückdenke, erscheint vor meinem Auge ein Zug grabentlaufener Gestalten, die so phosphoreszieren, daß es mir unmöglich scheint, sie zu beschreiben. Und ich? Ich selbst bin mitten darunter.

Ich habe sie, mich, uns alle geschildert, aber wir waren, heute weiß ich es, alle so wenig wirklich, so wenig wahr, daß notwendig die Beschreibung voll unwahrscheinlicher Dinge sein mußte.

Weg damit!

Denn ich sehne mich, von mir selbst zu sprechen!

Da wäre viel, sehr viel zu sagen! So zum Beispiel, wie ich meine letzte Gefahr überwand, mein schwerstes Opfer brachte! Welche Gefahr wird man fragen. Wenn mich auch nur wenige verstehen werden, habe ich zu antworten:

Die Musik!

— — — — — — — — — — — —

Ich habe eins erkannt:

Alles ist sinnlos, was der Welt nicht neues Blut, neues Leben, neue Wirklichkeit zuführt. Einzig um die neue Wirklichkeit geht es.

Alles andere gehört dem Teufel an. Vor allem aber die Träume, diese entsetzlichen Vampire, denen sich alle Schwächlinge und Memmen hingeben, alle, die niemals aus dem Winkel der Kindheit kriechen wollen. Und das wollen viele nicht, viele tausend Männer, ja Millionen bleiben lieber in den dunklen Dunstecken ihrer Kinderzeit verkrochen. Mir scheint, ihr da drüben, daß eure Welt der Uniformen, Höfe, Orden, Kirchen, Flitterrepubliken, Industrien, Handelsbeflissenheiten, Moden, Kunstausstellungen, Zeitungen und Meinungen, mir scheint, daß diese Welt nichts anderes vorstellt, als einen großen modrigen, verspinnwebten, dekorierten Winkel, in dem sich, mit Wahn und Träumen Unzucht treibend, die große Kind-Angst der Menschheit verkriecht.

Rette sich wer kann!

Was aber führt der Welt Wirklichkeit zu? Wer kann das sagen?

Der Gedanke, der zuerst das Feuer herabgebracht hat ebenso, wie der rauhe Lustschrei eines Wandernden in der Morgenröte! Der Blick, der zum erstenmal den Sternenknäuel entwirrt hat, die Hand, die zum Urschiff die Balken zusammenband ebenso, wie das langsame Auge einer säugenden Mutter, der göttliche Schritt eines schönen Weibes und jegliche Herzenstapferkeit.

Wer kann sagen, was Produktivität ist?

Aber was sie auch sein mag, sie ist nur das, was aus gerader unmittelbarer Seele kommt.

Drum hütet euch vor den Träumen der Krummen, Zertretenen, Verdrehten, Witzigen, Rachsüchtigen, wenn sie diese Träume als Schöpfertaten feilbieten!

Seitdem ich Wirklichkeit erlebt habe, sehne ich mich nach einem Sohn.

Doch nein!

Jetzt darf ich es ja verraten.

Ich habe das erstemal an meinen Sohn gedacht, meinen Sohn in einer deutlichen Vision gesehen, als ich meinen Vater mit erhobener Waffe im Kreis um den Billardtisch jagte.

Und das war die Tiefe des Mysteriums jener Nacht!

Wir haben die Erde verlassen. Sie hat sich gerächt, indem sie uns alle Wirklichkeit nahm, tausend Wahne dafür und schlechte Träume gab.

Ich aber will mein Geschlecht wieder der Erde verschwistern, einer endlosen ungebundenen Erde, damit sie uns entsühne von allen Morden, Eitelkeiten, Sadismen, Verwesungen des dichten Zusammenwohnens.

Vor einigen Monaten habe ich geheiratet. Es geht uns leidlich gut und noch besser.

Aber — daß ich es nicht vergesse, in den nächsten Tagen hoffe ich handelseinig zu werden.

Ich denke dabei an die kleine Farm im Westen, die ich kaufen will.

 

Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe möglichst originalgetreu wiedergegeben, auch wenn dadurch inkonsistente Schreibweisen nebeneinander bestehen.

Einige falsche oder fehlende Satzzeichen wurden stillschweigend geändert bzw. eingefügt. Die folgenden Stellen wurden korrigiert bzw. bedürfen des Kommentars:

  • S. 15: ‚vlatten‘ → ‚platten
  • S. 55: ‚sie‘ → ‚Sie‘; ‚dich‘ → ‚Dich
  • S. 93: ‚eine‘ → ‚ein‘; ‚Sparziergängen‘ → ‚Spaziergängen
  • S. 118: ‚umfaßlicher‘ könnte heißen: ‚unfaßlicher‘, wurde aber so belassen
  • S. 141: ‚ihrem‘ → ‚Ihrem
  • S. 164: ‚Sie‘ → ‚sie
  • S. 175: ‚sie‘ → ‚Sie
  • S. 184: ‚Queu‘ → ‚Queue
  • S. 254: ‚sagen‘ → ‚sage
  • S. 267: ‚herabgegebracht‘ → ‚herabgebracht

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