WeRead Powered by ReaderPub
Quer durch Amerika cover

Quer durch Amerika

Chapter 8: Boston.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A travel diary chronicling a year of journeys across North America, beginning with the transatlantic voyage and urban arrival on the Atlantic coast and proceeding westward by rail and sea. Detailed vignettes portray major cities, university life, industrial districts, religious communities, and immigrant neighborhoods; excursions cover waterfalls, prairies, mountain passes, deserts, canyons, and Pacific beaches. Practical travel notes and cultural reflection alternate, with attention to campus rituals and sporting events, urban entertainments, and social contrasts, plus firsthand encounters with Indigenous and Mormon communities and descriptions of technological and natural landscapes encountered en route.

Boston.

Am nächsten Morgen schon führte mich vom „Grand-Zentral-Depot“ der Expreß nach Nordosten. Aber vorher gab es erst noch einen kleinen Anstand, denn das Reisen, erst recht in fremden Ländern, hat nun einmal seine Tücken. Obwohl 14 Tage seit meiner Landung in Hoboken vergangen waren, hatte die Transfer-Company, der ich vertrauensvoll meinen Gepäckschein übergeben hatte, mir noch immer nicht meinen großen grünen Koffer, der doch mit soviel gelehrten Büchern vollgeladen war und in den Gepäckhallen der Hapag in Hamburg mich so kameradschaftlich getröstet hatte, von Hoboken herübergebracht. So blieb mir nichts anderes übrig, als das schwer fortbewegliche und vollgefüllte und immer mit Zerfall und schnellem Abgang drohende Ungetüm selbst zu holen. Vielleicht wartete es auf diesen Freundschaftsdienst. Was das nach Gewicht und bei entsprechender Sommerhitze aber für mich bedeutete, mag sich der Leser selbst etwas ausmalen. Aber „selbst ist der Mann!“ ist ja gerade echt amerikanischer Grundsatz. Danach handelte ich entschlossen ...

Um acht Uhr früh ging mein Zug. In äußerst praktischer Weise bevorzugen nämlich die amerikanischen Bahnen fast stets glatte, runde Abgangszeiten, also 8, 8³⁰, 9, 9¹⁵ Uhr usw. Krumme und ungerade Minutenzahlen trifft man selten. Auf der Bahn machte ich wieder allerlei neue Beobachtungen. Die Bahnhöfe sind praktisch, aber nicht immer groß. Eigentliche große Warteräume mit Restaurationsbetrieb existieren fast gar nicht, sondern nur offene Wartehallen mit einem besonders abgeschlossenen „ladies-“ und „smoking-room“, der recht primitiv sein kann. Die Bahnsteige sind schmal, die Fahrkarten oft winzig, meist ohne Angabe des Fahrpreises! Der Einfachheit halber steckt man die Karte in das Hutband an den Hut, von wo sie der den Zug kontrollierende Schaffner abnimmt und während der Fahrt mehrfach kupiert. Bahnsteigsperre gibt es nicht. Der Bahnkilometer ist drüben wie vieles teurer als bei uns, er kostet etwa 7½ Pfennig! Fast nach jedem größeren Haltepunkte geht der Schaffner aufs neue durch die D-Wagen und knipst sämtliche Fahrkarten, so daß sie zuletzt mehr Löcher als Papier haben!

Demokratisch wie die Straßenbahn ist auch die Eisenbahn; sie kennt nur eine (gepolsterte) Klasse in D-Zugform, aber ohne Abteileinteilung. Der Ausstattung nach ist sie etwa wie bei uns II. Klasse, aber oft ebenso schmutzig wie es die Bahn noch bis vor kurzem in Italien war. Papier, Obstschalen, Zeitungen wird alles einfach wie aus der Hochbahn an den Boden geworfen! Die Bahnen sind sämtlich Privatbesitz und machen sich gegenseitig tüchtig Konkurrenz. Oft fahren zwei Linien, die von verschiedenen Gesellschaften gebaut sind und betrieben werden, dicht nebeneinander vom selben Ort zum selben Ziel! Sie suchen sich gegenseitig durch größere oder mindere Schnelligkeit und Zugsicherheit (aber ohne kostspielige Bahnwärter und Schranken!), Ausstattung der Wagen u. ä. den Rang abzulaufen. Der sich entwickelnde Ruß und die umherfliegende Asche der Lokomotiven ist höchst unangenehm. Die Wagenfenster sind daher kaum zu öffnen. An Wegkreuzungen ertönen Signale der Maschine. Die Landstraße hat nur ein Warnungsschild: „Look out for the engine![12] Jeder hat also auf sich selbst aufzupassen, daß er nicht überfahren wird; niemand wird sein Leben garantiert. Die Schnelligkeit ist im allgemeinen gut, die Wagen sind sehr fest aus Eisen gebaut und auf Zusammenstöße eingerichtet, aber der Unglücksfälle sind es wegen mangelnder Aufsicht und beschränktem Personal auch dreimal soviele als bei uns! Was macht das? Leben gilt nichts. Ohne Umstand fährt der Zug ein und aus nach dem Rufe: „All aboard!“ Jeder hat selbst dafür zu sorgen, daß er richtig in den Zug hineinkommt und das Abfahren nicht verpaßt, sintemal das Trittbrett sehr hoch ist. Schilder ihrer Bestimmung tragen die Wagen nicht. Glücklicherweise saß ich nicht in einem Wagen, der unterwegs abgehängt wurde ...!

Also fuhr ich zum ersten Male in einem amerikanischen Eisenbahnzug.

Lange noch ging es durch die Häuserblocks Neuyorks. Noch einmal hielten wir an der 125. Straße, dann erschienen rechts die Wälder des Bronxparkes über dem Harlem River. Reizende Blicke öffneten sich rechts nach dem Long-Island-Sund mit seinen blauen Linien des Ozeans am Horizont. Das Land war rings übersät von zierlichen, luftigen Holzvillen der amerikanischen Bauart, dazwischen gab es aber auch wüste, unangebaute Strecken, kleine schlechte Fahrwege, viel Unordnung. Das Land erscheint, wie Lamprecht bemerkt hat, immer noch reichlich unfertig. Alles erweckt den Eindruck schneller und planloser Bebauung ohne Überblick und Zusammenhang. Hier baute sich eben jeder an, wo es ihm gerade beliebte, und rodete soviel als er vermochte. Das andere blieb, wie es war. Wie würde es erst im Westen aussehen, wenn schon der kultivierte Osten so ungeordnet und wild aussah?

Am Long-Island-Sund liegen große Industrieorte, wie Bridgeport und Newhaven. Im letzteren ist der Sitz der altberühmten „Yale-Universität“, der alten gefeierten Konkurrentin Harvards. Golden strahlte aus der Stadt die Kuppel des Stadtkapitols, da alle an Größe und Stil gern mit dem großen „Kapitol“ in Washington eifern möchten.

Von Newhaven ging es nordwärts nach dem rauchigen Hartford. Obwohl wir hier durch dichtbesiedelte Gegenden fuhren, reicht die Bevölkerungsdichte auch nicht entfernt an die unserer europäischen Industriebezirke an der Ruhr, in Belgien, um Chemnitz oder Manchester heran. Nach den beiden letzten Städten nennt sich die Eisenbahnlinie, mit der ich fuhr: „New York, New Haven and Hartford Railroad.“

Hinter Hartford lenkten wir östlich in die prächtige hügelige und romantische Landschaft Connecticuts: Wälder, Berge, Sümpfe, kleine Teiche, pfadloses Gestrüpp, wohin man sah. Hier wäre ich gern einmal ausgestiegen und planlos gewandert. Aber der Zug fuhr unentwegt weiter und hatte für solche unnützen Landbummler keine Haltestelle. Das Wandern durch die Natur und das Steigen auf die Berge ist überhaupt in Amerika noch wenig üblich. Dazu sind die Entfernungen auch meist zu groß, der Wege zu wenig, die Sonntage zu heilig und ein Rucksack drüben — zu lächerlich! Die Farmen Connecticuts, an denen wir vorbeisausten, waren eingebettet in den prächtigsten Herbstschmuck. Hin und wieder sah ich äußerst anheimelnde Landhäuser und gemütvoll weidende Rinderherden. Sonst nur weglose und ungepflegte Wälder. Üppig und ungehemmt schießt und sprießt es überall aus dem noch nie gepflügten oder gerodeten Boden. Wie kahl und arm sind dagegen oft unsere allzu wohlgeordneten Waldungen.

Einige Male hielten wir auf kleineren Stationen (Willimantic, Pomfret, Putnam) in fast unbewohnter Gegend. Seit Hartford hatte sich überdies unser Zug recht geleert. So saß man gemütlich auf den Polstern, und es ermüdete mich nicht im geringsten, stundenlang unverwandt das Land des neuen Erdteiles in mich aufzunehmen. Und hätte man Langweile gehabt, so hätte sie einem der boy vertrieben, der ständig in jedem Zug alle möglichen und die unmöglichsten Dinge anzubieten pflegt: Glacéhandschuhe, Bilder, Karten, Schokolade, Reiseführer, Zeitungen, Bücher u. dgl.

Gegen zwei Uhr nachmittags nach fast sechsstündiger Schnellzugsfahrt (man vergleiche aber die kurze Entfernung auf einer Karte der ganzen Union!) näherten wir uns Boston, dem altenglischen Kulturzentrum, der Stadt, in der die geistig feinsten und aristokratischsten Leute Amerikas wohnen, wie man allgemein in Amerika zugesteht. Boston ist der Sitz der feinen Bildung und Sitte. Sogar die Aussprache ist dort nicht ganz so dumpf wie sonst, sondern sucht sich der helltönenderen der Engländer anzupassen.

Seit Blackstone rasten wir ungehemmt durch die Ebene. Dann ging es durch die Vorstädte Bostons. „Black Bay Station“ — und nach wenigen Minuten waren wir in der breiten rußigen „South Union Station“. Trotz ihrer 16 Einfahrtsgleise hatte sie nichts Imponierendes.

Es regnete! — — —

Boston erscheint trotz seiner über eine halbe Million zählenden Einwohner klein, wenn man aus Neuyork kommt. Ende des 18. Jahrhunderts, zur Zeit der Unabhängigkeitskämpfe, war Boston die volkreichste und auch die politisch führende Stadt der Union. Schon 1630 hatten sich hier die ersten englischen Kolonisten im benachbarten kleinen Salem angesiedelt, während Neuyork noch „Neu-Amsterdam“ hieß und kaum 100 Holländer beherbergte (s. S. 51)! 1770 begannen hier die Freiheitskämpfe mit dem sog. „Bostoner Blutbad“, in dem einige Bostoner von britischen Soldaten, die sie herausgefordert hatten, getötet wurden. Das war bei dem noch heute stehenden „Old State House“ mit dem noch heute dort befindlichen britischen Löwen und Einhorn auf dem Dach. 1773 warfen Bostoner, als Indianer verkleidet, eine englische Teeladung, die trotz der „Nichteinfuhrakte“ importiert werden sollte, kurzerhand ins Meer, nachdem man sich in der Old South Church, die ebenfalls noch steht, versammelt hatte! Die Stelle dieser berühmten „Tea-party“ ist am Kai bezeichnet. Britische Truppen besetzten nun nach dieser Auflehnung die Stadt, aber General Washington überschritt bald den Charles River, der an Boston breit wie ein Meeresarm vorbeifließt, und befreite die Stadt 1776 aus den englischen Händen. Diese ganze Gründungsgeschichte der Union hat sich hier in Boston abgespielt! So ist es der historischste Boden des ganzen Landes und so erinnert es mit seinen alten efeuumsponnenen Kirchen in der City und der ehrwürdigen „Faneuil Hall“ und seinen krummen, engen Straßen in der inneren Stadt noch am ehesten an Europa.

Boston ist aber auch das amerikanische „Athen“. Nicht weit von Boston, in Concord und Cambridge, lebten und wirkten ein Hawthorne, Emerson, Longfellow, Lowell und Agassiz. Auch ein Benjamin Franklin, der Erfinder des Blitzableiters, ist in Boston geboren und begraben. Und dicht vor Bostons Toren, in Cambridge, liegt noch heute die älteste und tüchtigste Universität Amerikas, das Harvard College. Bostons Mittelpunkt ist der „Common“, ein zentral gelegener, sympathisch wirkender, nicht allzu großer Stadtpark, der stattlich zum Hügel des State House (Kapitol) mit seiner weithin leuchtenden vergoldeten Kuppel emporsteigt. Das State House (Regierungsgebäude) enthält prächtige Innenräume, vornehme Hallen, die in großen Wandgemälden die geschichtlich wichtigen Augenblicke aus dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts festhalten.

Der unstreitig prächtigste Platz der Stadt aber ist der dem Charles River nahegelegene sog. „Copley Square“, den nicht weniger als vier ansehnliche und bedeutsame Gebäude zieren: zwei der schönsten und stilvollsten Kirchen des Landes, die romanische „Trinity Church“ der englischen Hochkirche und die in stilvoller italienischer Frührenaissance erbaute „New Old South Church“ der Kongregationalisten. Weiter säumt den Platz das Museum of fine arts, in der Hauptsache eine Gemäldegalerie. In ihr fand eine eigenartige Ausstellung statt, die dartun sollte, was für Kultur- und Sozialprojekte in 5 Jahren in der Welt und in Amerika im besonderen verwirklicht sein würden! Nur vergaß die damalige rührige und prophetische Ausstellungsleitung zu weissagen, daß die Welt vor allem das Kulturprojekt des Krieges aller gegen alle verwirklichte und gerade das kulturfortschrittliche Amerika zuletzt in diesem kulturfördernden Reigen sogar den Ausschlag geben würde! Endlich steht dort am Copley Square, wie sie sich rühmt, die größte Volksbibliothek der Welt, „the public library“, in weißem Marmor mit unübertrefflich prächtigen Lesesälen — auch einer besonders für Kinder! — und überraschenden Einrichtungen für schnellste Herbeischaffung jedes gewünschten Buches binnen wenigen Minuten! Ich habe dort allerdings den Eindruck gewonnen, daß der einfache Amerikaner bildungs- und lesehungriger ist als der gleichgestellte Deutsche. So ist auch die Zahl der trefflichen „magazines“, d. h. der guten illustrierten Wochen- und Monatszeitschriften, die vielmehr als die auf den Augenblick berechneten Tageszeitungen den Leser wissenschaftlich über alle wichtigen Dinge verständlich auf dem laufenden halten, unübersehbar groß und reich.

Um die Innenstadt Bostons mit ihren belebten und — verglichen mit Neuyork — zum Teil engen Geschäftsstraßen legen sich die feinen Wohnviertel, so die „Commonwealth Avenue“ und „Boylston Street“ und weiter hinaus umfangreiche Vorstädte, die sich zuletzt in reizende Landhauskolonien auflösen. Weite Parkgebiete sind überall dazwischen von der Bebauung freigelassen. In weitem Bogen umsäumen liebliche und aussichtsreiche Hügelreihen die Stadt in der Ferne wie die „Blue hills“, die „Arlington Heights“ u. a.

Am Bostoner Hafen ist’s freilich wie überall in Amerika düster und schmutzig. Reizvolle Städtefronten am Wasser anzulegen, versteht der Amerikaner offenbar noch nicht. Dazu ist der Sinn all die Jahrzehnte hindurch viel zu sehr aufs rein Praktische und Kommerzielle gerichtet gewesen. Wenn das Land auch, wie ich es einmal in einem Vortrag des greisen Harvardpräsidenten Dr. Eliot treffend ausführen hörte, über „politische Sicherheit, materiellen Reichtum und moralischen Fortschritt“ verfügt, so aber nicht über den Sinn für Beschaulichkeit und ästhetische Lebensgestaltung. Hier war noch nicht Kulturgeschichte, hier will sie erst werden. Hier war bis jetzt, die Neuenglandstaaten ausgenommen, im allgemeinen nur Geschichte des Handels und des politischen Aufschwungs. Freilich fiel das Riesenland der einst jungen und kleinen Union, die zuerst über nicht viel mehr als die schmalen Randstaaten des Ostens am Atlantischen Ozean verfügte, ziemlich mühelos in den Schoß, und unerschöpflich sind heute das Land, seine Bodenschätze, seine Hilfsquellen und Entwicklungsmöglichkeiten. —

Da ich mich lange in Boston und dem nahen Cambridge aufgehalten habe, hatte ich Muße genug, mich, soweit möglich, auch um das geistige Leben und die geistigen Fragen zu kümmern. So ging ich nach und nach fast auch zu allen wichtigeren kirchlichen Denominationen und religiösen Gemeinschaften, denn sie spielen in Amerika eine sehr ausschlaggebende Rolle. Es sind ihrer wohl an 200, deren jede frei ihrer Überzeugung lebt und ihr Bestes zu geben sucht. Vollkommene religiöse Toleranz hat zuerst Amerika in der Welt praktisch durchgeführt! Alle Religionsverfolgten Europas, von den englischen Puritanern angefangen, die 1620 mit der „Mayflower“ hinüberkamen, fanden hier eine gastliche Freistatt. Von Anfang an war hier Staat und Kirche getrennt. Die Kirchen verwalteten als freie religiöse Vereine und Genossenschaften sich stets vollkommen selbständig und hatten auch für ihre Existenz und ihre Bedürfnisse allein aufzukommen. So lernte der Amerikaner von Anfang an andere Überzeugungen achten und für die eigenen opfern.

Ein Sonntag in Amerika verläuft anders als bei uns. Am Sonntagmorgen liegt über der großen, werktags so rastlosen Stadt mit ihren Hochbahnen, Straßen- und Untergrundbahnen eine ungewohnte Stille. Nur das nie ruhende Meer wirft seinen weißen Schaum wie immer an die Uferdämme. Die wohlverankerten Boote schaukeln ein wenig hin und her, aber die Kais sind menschenleer. Die Straßenbahnen fahren selten. Nur die Schuhputzer haben wie immer zu tun. Hoch auf den Stiefelthronen sitzt heute auch der einfachste Kunde, und der Italiener oder Grieche fährt mit wohlgeübten Handgriffen mit mehreren Bürsten zugleich über die Schuhe, bis sie blank sind, daß man sich fast darin sehen kann. Alle großen Geschäfte, die menschenwimmelnden Warenhäuser, die Banken, alle Theater und die meisten Restaurants, in denen in der Woche Hunderte ihren Lunch einnehmen, sind geschlossen. Die großen Geschäftsstraßen, in denen gestern Abend noch Tausende im Schimmer der aufblitzenden und wieder erlöschenden Reklameschilder hin und her eilten, sind wie ausgestorben. Es ist der „Sabbat des Herrn“, der Tag absoluter Ruhe, an dem sogar auf manchen Eisenbahnstrecken kein Zug fährt und manche Bahnhöfe einfach verschlossen sind!

Der Vormittag schreitet voran. Etwa um halb elf Uhr ertönen die ersten Glockenschläge, leise, fein und melodisch in rhythmischen Pausen. Kein weithin schallendes, ehern schwingendes Geläute ist es wie bei uns. Die meisten Gottesdienste in den Kirchen beginnen erst um elf Uhr. Da und dort sieht man Menschen den Kirchen zustreben, die meist weit kleiner als bei uns sind, versteckt und efeuumsponnen mit zierlichem Turm sich wenig oder gar nicht über die hohen, Geschäfts-, Wohn- und Logierhäuser hervorheben, ja manchmal wie Old Trinity in Neuyork ganz zwischen ihnen verschwinden. Wir studieren den sehr reichhaltigen und überaus mannigfaltigen Kirchenzettel der großen Zeitungen, reichhaltig durch die Unmenge der Denominationen, mannigfaltig auch durch die seltsamen Anzeigen der Predigtthemen und der im Gottesdienst stattfindenden Musikdarbietungen! Beides soll im besonderen Maße Hörer und Besucher anlocken und etwa andere „Konkurrenz“-Kirchen ausstechen. Liest man die lange Reihe durch: „Baptisten, Kongregationalisten, Christian Science, Episkopalisten, Quäker, bischöfliche Methodisten, Swedenborgianer, Spiritualisten, Presbyterianer, Unitarier, New thought, Theosophen, ‚church of higher life‘, Universalisten, Lutheraner, Heilsarmee,“ so hat man die Wahl. Sie alle sind geschichtlich begründet, manche, wie Christian Science, New thought u. a., sind erst jüngeren und jüngsten Datums. Bald waren es Unterschiede der Verfassung (Bischöfliche oder Episkopalisten, Presbyterianer oder mit Ältestenverfassung, Kongregationalisten oder solche, die auf Souveränität und Selbständigkeit der Einzelgemeinde pochen), bald waren es solche des Glaubens: Der Baptismus verwirft die Kindertaufe, der Methodismus fordert persönliche Bekehrung, die Quäker verwerfen ein berufsmäßiges Predigtamt. Die Lutheraner sind meist Deutsche, Schweden, Dänen oder Finnen. Die episcopal church ist der Rest der einst hier herrschenden englischen Staatskirche, noch heute die Kirche der vornehmen und vornehm sein wollenden Leute. Die „Unitarier“ sind im Anfang des 19. Jahrhunderts als Protest gegen die Dreieinigkeitslehre des Christentums entstanden. Die „Christian Science“ ist auch in Deutschland als Sekte der „Gesundbeter“ bekannt geworden. Die Swedenborgianer sind Anhänger des schwedischen mystisch-religiösen Philosophen Emmanuel Swedenborg. Führend im religiösen Volksleben scheinen im allgemeinen die Methodisten und Baptisten zu sein, in Neu-England mehr die Kongregationalisten, dazu kommt die englische Hochkirche unter den Reichen und unter den Deutschamerikanern die Lutheraner. Aber auch die meisten von ihnen teilen sich wieder in die verschiedensten Teilkirchen; auch die Baptisten und Methodisten sind mehrfach gespalten. Doch geht im ganzen durch das amerikanische Kirchenwesen heute durchaus ein Zug zur Einigung, vor allem auf sozialem und sittlichem Gebiete. So haben die Kirchen erst jüngst den Feldzug gegen den Alkohol gewonnen, wie sie einst ihr gewichtiges Wort gegen die Sklaven erhoben haben. Den praktisch-ethischen Fragen des Volkslebens mißt man drüben ein ganz anderes Gewicht in der Kirche bei als bei uns, während in Deutschland in der Vergangenheit sich alles in Glaubenskämpfen zerfleischte. Neben all diesen protestantischen Denominationen steht und wächst dank der jüngsten romanischen und östlichen Einwanderung immer machtvoller auch die römisch-katholische Kirche. Ein Kardinal ist ein Amerikaner. Die katholische Kirche übertrifft die größten protestantischen Kirchen noch an Bekennerzahl. Und sie ist, wie überall, ganz einheitlich.

Welchen Gottesdienst man aber auch besucht, die äußere Art desselben ist fast überall, abgesehen von den liturgisch reicheren Episkopalen und Lutheranern, sehr ähnlich oder gleich, selbst Swedenborgianer, Christian Science und Spiritualisten haben im allgemeinen denselben gottesdienstlichen Rahmen mit Lied, Gebet, Ansprache usw. übernommen. Außen an der Kirche gibt meist schon ein großes Plakat deutlich Auskunft über Name und Art der Gemeinde, über ihre Veranstaltungen, über Wohnung und Sprechstunden des Predigers u. dgl. In der Vorhalle findet man oft eine kleine Auslage von Büchern und Schriften, von denen die meisten unentgeltlich zur Verfügung stehen. Beim Eingang empfängt uns einer der Ältesten oder ein sog. „usher“, ein jüngerer Herr mit weißer Nelke im Knopfloch, der uns zu einem freien Sitzplatz geleitet. Die Kirchenbänke sind mit Polstern belegt, aus bequemen und wohlgeformten Holzwerk — nicht wie unsere jahrhundertalten steifen, harten Dorfkirchenbänke, von denen man oft mit Rückgrat- und Kreuzschmerzen aufsteht. In der Bank findet man Gesangbuch, Gebetbuch, ein Neues Testament, Schriften, ja wohl gar Fächer für die Damen bereitliegen! Also man liebt auch in der Kirche den Komfort und die Bequemlichkeit. Der Geistliche pflegt in einfachem schwarzen Rock ohne Talar an ein Sprechpult zu treten. Eigentliche Kanzeln haben nur die Katholiken, die Hochkirche und die Lutheraner. Auch ein Altar ist nur dort vorhanden. An dem Pulte wird gelesen, gebetet, gepredigt. Meist leitet guter Chorgesang den Gottesdienst ein. Dann spricht der Geistliche ein freies, längeres Gebet. An das Gebet schließt sich gewöhnlich eine Psalmenlesung, bei der Prediger und Gemeinde abwechselnd laut vorlesen. Ja, es kommt auch vor, daß ein Ältester oder sonst ein Laie die Schriftlesung hält. Danach erst setzt der Gemeindegesang ein, zu dem sich die Singenden von den Sitzen erheben! Frisch und rhythmisch, selten getragen, klingen die Choräle. Das ganze Lied wird abgesungen, nicht nur etwa drei langatmige und langsam gespielte Strophen. Die Liedstrophen sind selbst kurz und knapp und entstammen neueren religiösen Dichtern. Dem Liede folgt eine Solomusik und — nicht zu vergessen — das Kirchenopfer, das auf offenen Tellern eingesammelt und zur Danksagung nach vorn an den Altartisch getragen wird. Ich sah auf den Opfertellern meist nur Silberstücke oder Dollarscheine! Von den Kollekten und Mitgliedsbeiträgen lebt ja die Gemeinde. Man weiß also rechnerisch, was man zu geben hat. Das Auftreten der Solosängerinnen auf offener Predigttribüne im Angesicht der Gemeinde wirkt allerdings theatralisch und reichlich reklamehaft. Die kirchliche Predigt behandelt zeitgemäße Themata. Man liest sie in der Zeitung oft absichtlich eigenartig formuliert angezeigt: „Gott am Totenbett eines Sperlings.“ „Nach dem Tode — was dann?“ „Allein mit der Erinnerung.“ „Wie ein Mensch denkt.“ „Das Leben mit Flügeln.“ „Die Augen des Arztes.“ „Die Bergvision.“ „Christus und der Arbeiter.“ „Darwin und die Religion.“ „Das Göttliche der Selbstüberwindung“ usw. Die Prediger bevorzugen eine lebendige Sprechweise, anschauliche, aus dem Leben geschöpfte Darstellung voller Beispiele und praktischer Anwendung. Der amerikanische Prediger will in der Predigt packen, fesseln, werben und zur Tat veranlassen, weniger belehren, denn der Amerikaner bleibt Realist auch im Gottesdienst und läßt nie das wirkliche Leben aus dem Auge. So nehmen auch die Predigten Stellung zu allen Tagesfragen, den sozialen, politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, ja sportlichen Ereignissen. Kein Thema ist verpönt. Gewandte Prediger genießen auch ein großes Ansehen. Teile ihrer Predigten drucken die Tageszeitungen ab und bringen — echt amerikanisch — ihr Bild dazu! Wenn auch nicht alle Amerikaner zu einer Kirche gehören, so doch alle, die irgendwie etwas gelten wollen und etwas sind. Es scheint mir drüben weniger Indifferenz und Abkehr von der Religion zu sein als in Europa trotz der starken wirtschaftlichen Interessen. Öffentliche Gebäude tragen sehr oft Bibelworte an der Stirnseite; keine öffentliche Feier beginnt ohne Gebet! Von der kirchlichen Regsamkeit mögen folgende Zahlen ein Bild geben: In Neuyork z. B. sind die Baptisten allein mit 51, die Lutheraner mit 45, die Methodisten mit 63, die Presbyterianer mit 57, die Hochkirche mit 93 (!), die katholische mit über 100, die jüdische Religion mit 26 Synagogen vertreten, die kleineren Denominationen ungerechnet. Man zählt in der Union etwa 200 000 Kirchgemeinden mit etwa 150 000 Kirchen und etwa 50 Millionen Sitzen. Es könnte also jeder Amerikaner einmal jeden Sonntag — entweder morgens oder abends — einen Sitz in einer Kirche finden! Deutsche Großstadtgemeinden haben oft 20-30 mal soviel Mitglieder als sie Kirchenplätze haben! Und doch sind die amerikanischen Kirchen eher besser besucht im Durchschnitt als die deutschen. Etwa 160 000 Geistliche — zehnmal mehr als das zwei Drittel so große Deutschland — unterhalten die amerikanischen Gemeinden nebst 200 eigenen theologischen Seminaren. Da die Kirchen keine Verbindung mit dem Staate haben, so gibt es in den Schulen keinen Religionsunterricht. Nach welcher Glaubensart sollte er auch erteilt werden? Nur Andachten mit Gebet und Bibellektion ohne Erklärung durch den Schulleiter sind daselbst gestattet. Den Ersatz des Religionsunterrichts bilden die überaus rührigen amerikanischen Sonntagsschulen, die über elf Millionen Kinder durch über eine Million freiwillige Hilfslehrkräfte unterrichten! Ist der Gottesdienst aus, so sieht man am Ausgang, in der Vorhalle, in den Gemeinderäumen die Gemeindeglieder noch länger verweilen, sich begrüßen und wie eine große Familie zusammenstehen und ihre Gedanken austauschen. An dem allgemeinen „shake-hands“ beteiligt sich auch der Geistliche. Wie oft ist nach einem Gottesdienst, den ich besuchte, der Prediger auch auf mich zugeeilt, weil er in mir den Neuling erkannte und für seine Gemeinde zu gewinnen hoffte! Das kirchliche Gemeindeleben ist allerorts mit seiner Geselligkeit und seinen Vortragsabenden, Vereinen und Veranstaltungen sehr rege und vielseitig entwickelt. Es kommt vor, daß Gemeinden eigene Turnhallen und Speiseräume, Lesezimmer, ja Schwimmbäder für ihre Jugend besitzen!

Der Sonntagnachmittag verläuft ebenso still auch an den schönsten Sommernachmittagen wie der Vormittag. Der ganze deutsche Vergnügungsrummel samt Ausflugsverkehr, Tanzboden und Im-Gasthaus-sitzen ist drüben unbekannt. Auch Fußball, Tennis, base-ball, die sonst so leidenschaftlich gespielt werden, ruhen am Sonntag. Die Theater spielen nicht; es herrscht „Sonntagsheiligung“ wie bei uns kaum an Karfreitag oder Totensonntag. Fußwanderungen unternimmt man auch nicht, höchstens ein auto-car-ride. Man besucht sich, schaukelt im Schaukelstuhl, liest die umfängliche Sonntagszeitung oder in den magazines und geht womöglich des Abends nach dem supper um sieben, halb acht oder acht Uhr noch einmal zum Gottesdienst oder zu einem kirchlichen Vortrag.

Des Nachmittags findet man aber auch die Redner, religiöse und politische, in den großen öffentlichen Parks am Werke. So erinnere ich mich eines Novembernachmittags in Boston. Der Common lag kalt und herbstlich mit seinen entlaubten Bäumen da. Das stolze Freiheitsmonument schaute über den grünen Rasen. Es bildeten sich einige Menschengruppen in dem Parke. Auf einer Bank stand ein Sozialist; dreißig, vierzig Arbeiter um ihn herum. Mit volkstümlich packenden Worten suchte er seine Hörer für die bald fälligen Staatswahlen in Massachusetts zu gewinnen. „Higher conditions, better wages![13] war seine Parole. Hier und da warf ihm einer der Umstehenden eine Frage dazwischen. Der Redner wußte immer witzig und treffend zu antworten. Ich ging zur nächsten Gruppe. Sie war kleiner. Ein Heilsarmeesoldat stand dort in der Mitte, vor Kälte waren ihm Hände und Nase rot. Er sang aus einem zerflederten Liederbuche den Umstehenden vor, einige Gleichgesinnte begleiteten ihn, und zwar eine alte verschrumpelte Negerfrau, drei bleiche Männer in armseliger Kleidung, ein hungriger, an einer sweetpotato (Süßkartoffel) kauender Junge und eine schwarzgekleidete feinere Dame, während ringsumher andere lachten, rauchten und schwatzten. Die frommen Sänger taten mir leid. Nun trat ein weißhaariger Herr auf und erzählte von seiner „Bekehrung“ und seinem erfahrenen seelischen Glück. Man lauschte. Die Heilsarmeeleute bekräftigten seine Worte ständig mit „Amen“ und „Hallelujah“! Nach einem weiteren dünngesungenen Liede trat ein dritter, bleicher, untersetzter Mann auf und hielt die zweite geistliche Ansprache. Das Publikum, das sich angesammelt hatte, wandte sich zum Teil schon wieder zum Gehen. Aber der kleine Bleiche schrie unentwegt aus Leibeskräften: „Das Geld macht nicht selig; die Rockefeller und Vanderbilt fahren alle zur Hölle, wenn sie sich nicht bekehren.“ Seine Augen funkelten dabei, aber man nahm ihn nicht ernst. Als er geendet hatte, knieten die Heilsarmeeleute — ein peinlicher Anblick — vor den Umstehenden nieder und beteten laut für das Seelenheil aller Anwesenden, der Soldat mit dem zerflederten Liederbuch, das alte verschrumpelte Negerweib, der hungrige kauende Junge, die feine schwarze Dame, der weißhaarige geistliche Redner und die drei bleichen arbeitslosen Männer. Unwillig wandten sich die letzten weg; einige junge Burschen aber warfen sogar von hinten ihre ausgerauchten Zigarettenstummel auf die Betenden! Nur zwei Damen traten heran und drückten den vom Gebet Aufstehenden dankbar und anerkennend die Hand und beteiligten sich an dem Schlußgesang. Ich ging fort. So geht es der Religion auf der Straße. Mehr Achtung und Anerkennung verdient schon das soziale Wirken der Heilsarmee.

BOSTON
Washington-Street — Old South Church
BOSTON
Regierungspalast (State house)

Es war schwer, am Sonntag um Mittag eine „dairy“ oder einen geöffneten „lunchroom“ zur Erquickung zu entdecken. In den Familien saß man jetzt am offenen Kaminfeuer beim traulichen Mittagstisch. Und als ich gar am Nachmittag den Versuch machte, in Ermangelung von Fußwegen auf der Landstraße einen Nachmittagsspaziergang aufs Land hinaus zu unternehmen, überschütteten mich die Autos dermaßen mit Straßenstaub, daß ich grau und weiß wie ein Müllerbursche mit meinen guten dunklen Sonntagskleidern wieder heimkam! Einmal, sagte ich mir, und nie wieder! Für was mich wohl die Insassen der Autos gehalten haben mögen? Gewiß für einen „armen dummen Deutschen“!

Boston mit seinen mancherlei geistigen und philosophisch-religiösen Bewegungen ist auch der Ursprung für die in der Welt so viel von sich reden machende Christian Science (christliche Wissenschaft), die am schnellsten von allen Sekten gewachsen ist. So war ich denn gespannt, auch sie in ihrer Heimat und am Orte ihrer Entstehung kennenzulernen. An einem der nächsten Sonntage besuchte ich ihren „Tempel“. Er ist unstreitig eine der schönsten und großartigsten Kirchengebäude in Amerika. Im Unterschied von den meisten anderen Kirchen ist es eine mächtige, imponierende, etwas an den Berliner Dom erinnernde Kuppelkirche im Barockstil, die an 3000-4000 Menschen faßt. Weißer Marmor verleiht dem Innern großartige Feierlichkeit. Dreifache balkonartige Galerien, wie wir sie in unseren Opern gewöhnt sind, laufen an drei Seiten der Rundung um. Die vierte Seite wird von einer gewaltigen Orgel eingenommen, deren Marmorseiten in mächtigen Lettern an der einen die Bibelstelle von dem Geist als dem Tröster und an der anderen ein entsprechendes Wort der Gründerin der Sekte tragen. Christus und die Gründerin der Sekte, Mrs. Mary Baker-Eddy, stehen in gleichem kanonischen Ansehen, so wie aus der Bibel und dem von ihr herausgegebenen „Textbuch“ stets unmittelbar neben- und nacheinander im Gottesdienst vorgelesen wird.

Bereits einige Zeit vor Beginn füllte sich die mächtige Halle. Im ganzen vorherrschend „die oberen Zehntausend“. Zylinderhut und rauschende Seidentoiletten herrschten durchaus vor. Draußen fuhr ununterbrochen ein Auto nach dem anderen und eine Equipage nach der anderen vor, wie vor kaum einer anderen Kirche der Vornehmen. Als schüchterner Fußgänger ging ich zwischen den Parfümduftenden und Glacébehandschuhten auch hinein. In geräumigen Wandelhallen war Gelegenheit, unentgeltlich wie im Konzertsaal oder im Theater die Garderobe abzulegen. Innen führten feingekleidete Herren mit der wie überall obligaten weißen Nelke im Knopfloch die Besucher zu den mit bequemen Polstern belegten Sitzreihen. (Merkwürdig, daß man ausgerechnet in den freien Kirchen des freien Amerika nirgends sich seinen Sitzplatz selbst wählen darf!) Ich kam so links von einem der Mittelgänge halbwegs nach vorn zu sitzen, von wo ich alles sehr gut übersehen und hören konnte. Während die Orgel machtvoll einsetzte, schritten der erste und zweite Vorleser, ein Herr und eine Dame (!) die goldgeschnittenen Bücher (Bibel und „Textbuch“) feierlich unter dem Arm, zu ihren Predigersesseln im Angesicht der Gemeinde auf einer sehr geräumigen erhöhten Marmorbühne unter der Orgel. Auch eine Sängerin in großer Toilette mit prachtvollem Blumenbukett in der Hand nahm dort Platz. Die Feier begann dann mit gemeinsamem Gesang aus dem eigenen Liederbuch der Christian Science, zu dem auch Mrs. Eddy selbst eine Anzahl Gesänge beigesteuert hat. Dem gemeinsamen Gesange folgte, wie überall, gemeinsames Gebet, dem sich das gemeinsam gesprochene Vaterunser in szientistischer Umbildung anschloß. Dieselbe lautet in deutscher Übersetzung folgendermaßen:

„Unser Vater-Mutter Gott, allharmonisch
Und allein anbetungswürdig,
Dein Reich ist gekommen,
Gott ist allgegenwärtig und allmächtig.
Mach uns fähig zu erkennen — wie im Himmel so auf Erden:
Gott ist alles in allem!
Gib uns auch heute deine Gnade,
zu nähren die hungernden Triebe.
Und göttliche Liebe strahlt zurück in Liebe.
Und Liebe läßt uns nicht in Versuchung
sondern befreit uns vom Übel: Sünde, Krankheit und Tod.
Denn Gott ist alle Substanz der Welt, Verstand,
Leben, Wahrheit und Liebe.“

Ich setze dies Gebet hierher, weil aus ihm recht deutlich die Grundanschauungen der Christian Science erkennbar sind. Der Schwerpunkt liegt in dem Schluß: Weil Gottes geistiges und vollkommenes Wesen alles in allem ist, die alleserfüllende Weltsubstanz, so ist Sünde, Krankheit und Tod nur Schein. Wer mit Gottes Liebe verbunden ist, wird von allen Übeln wirklich befreit. So legen die Szientisten auch in der Betrachtung des Lebens Christi weit größeren Nachdruck auf seine Heilungen als auf seine Verkündigung, z. B. Worte wie Matth. 10, 8: „Machet die Kranken gesund, reiniget die Aussätzigen, wecket die Toten auf, treibet die Teufel aus“ sind für sie geradezu ausschlaggebend. Aber merkwürdig halten sie es nicht mit der unmittelbaren Fortsetzung: „Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebet es auch. Ihr sollt nicht Gold noch Silber noch Erz in euren Gürteln haben.“ Wie man hört, lassen sich die Heiler ihre Kunst gut bezahlen, auch das „Textbuch“ ist recht teuer! Von der Allmacht des geistigen Prinzips in der Welt und im Menschen wird alles Heil, vor allem auch die körperliche Heilung von allen Leiden ohne Anwendung medizinischer Mittel erwartet. Darin ähnelt die Christian Science den in jüngster Zeit in Amerika zahlreich erwachsenen Bewegungen der sog. „mind-cure“ (Gemütskur), deren auch in Deutschland bekanntester Prophet Ralph Waldo Trine ist. Nach der wechselweisen Vorlesung aus Bibel und „Textbuch“ erhob sich die Sängerin in großer Toilette und sang mit mächtiger Stimme, von den Tausenden bestaunt, in den weiten Dom hinein. Darauf kam, wie überall, die „Predigt“, die aber nicht aus der freien Rede eines religiösen Redners über ein selbstgewähltes Thema, sondern wiederum nur aus einer etwa halbstündigen, auf den Fremden und Nichtgläubigen eintönig wirkenden Vorlesung aus Bibel und „Textbuch“, Vorlesungen, die für alle szientistischen Gemeinden der Welt autoritativ ausgewählt sind, bestand. Sie sollen der Höhepunkt der Versenkung in das alles Übel heilende geistige Weltprinzip sein. Die Lektionen sind nach Themen geordnet und werden quartalweise im voraus publiziert, z. B. 1. „Nichtwirklichkeit“. 2. „Sind Sünde, Krankheit, Tod wirklich?“ 3. „Die Lehre von der Versöhnung“. 4. „Ewige Verdammnis?“ 5. „Adam und der gefallene Mensch“. 6. „Die Prüfung nach dem Tode“. 7. „Sterbliche und Unsterbliche“. 8. „Seele und Leib“. 9. „Gott, die einzige Ursache und der alleinige Schöpfer“. 10. „Ist das All atomistisch entstanden?“ usw. Alle diese Themen spiegeln eine durchaus optimistische und idealistisch-religiöse Weltanschauung. Nach dieser „Predigt“ wurde auch hier die Kollekte gesammelt. Schweigend wurden die offenen Teller durch die Reihen gereicht, und ganze Bündel von Dollarscheinen sah ich darauf niedergelegt! Dann strebten die Tellerträger mit ihnen zur Marmorbühne, wo sie als „Opfer“ niedergesetzt wurden. Nach den Schlußworten geriet die ganze große vornehme Menge wieder in Bewegung, die Galerien leerten sich, die Treppen und Wandelhallen füllten sich; aus den Sonntagsschulsälen strömten die jungen Leute. Draußen tuteten die Automobile, und feine Equipagen fuhren mit Pferdegetrappel wieder die Asphaltstraßen davon. Und das Sonntag für Sonntag mit erstaunlicher Anziehungskraft!

Neben dieser Sonntagsfeier im Christian-Science-Tempel finden jeden Mittwoch Abend sog. „test-meetings“ (Zeugnisversammlungen) statt, in denen anstatt der Vorlesungen Gelegenheit zu offener Aussprache über erfahrene Heilungen gegeben wird. Schon in Neuyork hatte ich eine solche Zeugnisversammlung besucht. Es war ein strahlend erleuchteter prunkvoller Kirchensaal, der viele Hunderte faßte und bis auf den letzten Platz gefüllt war, wiederum im besten Teil der Stadt gelegen und von vornehmsten Kreisen besucht. Gesang, Gebet und Vorlesung eröffneten auch hier den Abend. Dann folgten die „tests“, auf die ich besonders gespannt war. Zuerst erstaunte mich der Freimut der Damen, mit dem sie hier zumeist — wie überhaupt auch sonst im amerikanischen Leben — das große Wort führten, ohne Zögern aufstanden und einige Minuten fließend und überzeugend vor Hunderten von ihren Erfahrungen sprachen, etwa zehn bis zwanzig Personen. Solche „Zeugnisse“ von erlebten Heilungen ohne Anwendung medizinischer Mittel, nur durch Glaube und Gebet, wie sie hier gegeben wurden, können in jeder Nummer des Christian-Science-Journals nachgelesen werden. Viel eindrucksvoller ist natürlich ihre persönliche Wiedergabe in öffentlicher Versammlung. Der Nachdruck lag, wie ich feststellen konnte, bei den meisten auf geheilten Gemütsstörungen und nervösen Leiden, über die schon unser alter weiser Kant geschrieben hat: „Von der Macht des Gemüts, seiner krankhaften Gefühle Meister zu werden“[14]. Aber immer wird auch von der Besserung und Heilung akuter und organischer Leiden erzählt! Für reine Illusionen tritt gewiß niemand öffentlich auf, mag auch noch soviel Suggestion und Selbsttäuschung manchmal dabei die Hand im Spiele haben. In diesen persönlichen Zeugnissen liegt jedenfalls eine ungewöhnliche Werbekraft. Freilich sind auch Fälle erwiesen — mir ist selbst ein solcher persönlich bekannt —, wo das überspannte Verschmähen der berufsärztlichen Kunst den Tod herbeigeführt oder mindestens beschleunigt hat. Da der Mensch von genug Krankheiten und Übeln geplagt ist, die Gesundheit jedem über alles geht und schon mancher auch umsonst viel Geld zum Doktor und in die Apotheke getragen hat, so wirkt begreiflicherweise diese Verheißung von geistiger Heilung wie ein unübertroffenes Evangelium. Zweifellos sind auch Erfolge da. Besonders bemerkenswert war mir, in wie vielen „tests“ betont wurde, daß die Sprecher erst durch die Christian Science auch ein neues inneres Glück, echte Lebensfreude, ja Kraft, Daseinslust und eine neue inhaltvolle Lebensansicht gewonnen hätten. Das sind gewiß noch die echtesten Zeugnisse früher religiös unbefriedigter oder unangeregter Menschen. Viele suchten hier Heilung des Körpers und fanden Frieden der Seele. Mit solchen Zeugnissen und Erfolgen glaubt die Christian Science ihre spezielle Lehre gleichsam experimentell bewiesen zu haben. Darum ist nach ihrer Ansicht allein ihre religiöse Lehre „Wissenschaft“ (science). Krankheit, Sünde und Tod sind Irrtum und Schein. Aber hat sie schon je vom Tode geheilt? Ist nicht auch die hochbetagte Gründerin Mrs. Eddy schließlich gestorben? Merkwürdigerweise hat die Sekte den Tod der Stifterin leicht überstanden. So zählt sie heute etwa 1200 Gemeinden in Nordamerika, England und Deutschland. Das „Textbuch“ hat seit seinem Erscheinen im Jahre 1875 an die 200 000 Auflagen (!) erlebt. Die Gemeinden sind straff organisiert und zentralisiert. Bis zu ihrem Tode hatte die gewandte und energische Mrs. Eddy alle Zügel allein in der Hand. Sie ist die Verfasserin des nicht allzu geistvollen „Textbuches“; ein amerikanischer Geistlicher namens Quimby hat es entscheidend redigiert. Es ist etwa so umfangreich wie ein Neues Testament. Seine Ausführungen wiederholen sich endlos. Die Kapitelüberschriften (es ist nur in englischer Ausgabe vorhanden!) lauten in Übersetzung: 1. Wissenschaft, Theologie und Medizin; 2. Physiologie; 3. Fußstapfen der Wahrheit; 4. Schöpfung; 5. Wissenschaft des Seins; 6. Christian Science und der Spiritualismus; 7. Ehe; 8. Tierischer Magnetismus; 9. Beantwortung einiger Einwürfe; 10. Gebet; 11. Versöhnung und Abendmahl; 12. Christian-Science-Praxis; 13. Das Lehren der Christian Science; 14. Zusammenfassung. Anhangsweise folgt noch ein „Schlüssel zur hl. Schrift“, d. h. bezeichnenderweise nur zu dem mystisch-mythologisch erklärten ersten und letzten Buch der Bibel!

So ist der Amerikaner zwar äußerlich kirchlich in eine Unzahl von Kirchengemeinschaften und Sekten geschieden, aber praktisch in den Lebenszielen unendlich viel einheitlicher. Mögen sie Baptisten, Methodisten, Hochkirchliche, Heilsarmee, Quäker oder Presbyterianer heißen, sie wollen alle dasselbe sittlich-geistige Ideal in das amerikanische Volk pflanzen. Sie predigen weder Dogmen noch ethische Prinzipien, sondern gründeten lieber Liga auf Liga zur Bekämpfung sozialen Elends oder der Trunksucht, zur Förderung der Sonntagsheiligung, der Ausbildung der Masse, der Ausbreitung der Sonntagsschulen, der Einbürgerung der Fremdlinge aus dem fernsten Osten ins amerikanische Volk, der Ausbreitung der Mission nach Afrika, China und Japan u. ä. Und zwar genügen dem Amerikaner dabei nicht Vereine mit wohlausgedachten Statuten und einem Häuflein Mitglieder, sondern jedesmal muß es ein „movement“ werden, eine Bewegung, die riesenschnell wächst, gleich den Wolkenkratzern ihr Haupt gigantisch in die Höhe reckt und binnen kurzem Millionen Dollars an freiwilligen Spenden flüssig macht. Die Tätigkeit der Gemeinden und Geistlichen ist daher vielfach maßlos. Jeder Tag ist erfüllt mit Geselligkeiten, Vereinigungen, Zusammenkünften und Klubs aller möglichen Altersgruppen. Man ist immer tätig und immer beschäftigt, um des Sonntags auch desto strenger zu feiern und zu ruhen. Über die Möglichkeit der Durchführung solcher Bestrebungen wird auch nicht lange gegrübelt, sondern frisch probiert. Glückt es, so ist die Sache „gut“ und in ihrer Wahrheit „erwiesen“. Das und nichts anderes ist zugleich der Kern der modernen, so echt amerikanischen Philosophie des „Pragmatismus“. Freilich ist die Kehrseite dieser Art eine Verschwendung von Kräften. Jeder kann eine Kirche bauen und eine Gemeinde gründen und einen Pastor berufen. Es kann vorkommen, daß ein Städtchen von 1700 Einwohnern sage und schreibe neun(!) verschiedene Gemeinden beherbergt und ernährt, daß an allen vier Straßenecken je eine Kirche einer anderen Denomination steht, so daß schon 50-100 Familien eine „Gemeinde“ bilden und zu ihrer Erhaltung unendliche Opfer bringen müssen, aber auch bringen. Dafür sind sie aber auch Sonntags womöglich zweimal in „ihrer“ Kirche. Die Konkurrenz blüht, stachelt, treibt vorwärts und zerreibt zugleich. Der Staat ist nicht berechtigt, irgend jemand nach seinem religiösen Bekenntnis zu fragen. Die öffentliche Statistik ist auf die Angaben der Kirchen selber angewiesen, obwohl auch kein Kongreß oder Senat ohne Gebet eröffnet wird. Ein Spötter könnte kein wichtiges öffentliches Amt bekleiden, so wenig wie in England.

So rastlos der Amerikaner arbeitet und Geschäfte treibt, so ernst nimmt er es mit seiner Religion. Die Opferwilligkeit ist erstaunlich groß, die Unzahl der Kirchen, Gemeinden und Pastoren kostet viel Geld, wenn die Kirchen auch meist kleiner und schlichter gebaut sind als die unseren, und der Missionseifer auch unter den Gebildeten ist gleich groß wie auch in England. Nichts wäre unrechter, als einfach von amerikanisch-religiöser „Heuchelei“ zu sprechen, jedenfalls ganz unrecht von bewußter Heuchelei. Die Moral des Geschäfts und der Frömmigkeit gehen in der anglo-amerikanischen Welt nebeneinander her und ineinander über. Der Anglo-Amerikaner empfindet nicht die Schwierigkeiten, die für uns hier verborgen liegen. Er theoretisiert nicht, wie wir es tun. Er ist praktischer Geschäftsmann und ebenso praktisch tätig in seiner Religion.

Hier können wir uns gegenseitig um unserer verschiedenen Wesensart willen schwer verstehen. Ebenso wie uns die allzu rastlose Betriebsamkeit und Überemsigkeit auf kirchlichem Gebiete schließlich auf die Nerven fällt und uns zur Stille und Keuschheit wahrer Frömmigkeit schlecht zu passen scheint, ist das Drängen auf praktisches kirchlich-religiöses Handeln doch auch vorbildlich; und doch mögen wir es nicht etwa für den Preis tiefgründigen deutschen Weltanschauungsdenkens erkaufen. Daß die Kirche auf sozialem Gebiet oft viel lauter als bisher bei uns in der Öffentlichkeit ihre Stimme hätte erheben sollen, könnten wir von drüben lernen.

So ist es nicht ganz leicht, ein Wort über das innerste Wesen amerikanischer und deutscher Frömmigkeit zu sagen. Der Amerikaner ist froher, heller, tatenreicher. Ist er weniger ernst? Der Erweckungsversammlungen und Gebetsallianzen sind viele, Missionsstudium und Bibelkurse blühen. Und doch will es manchmal scheinen, als reiche amerikanisch-englische Frömmigkeit nicht an den tiefer gehaltenen Ernst derjenigen eines Martin Luther heran. Das Wesen der Frömmigkeit ist schwer zu erlauschen. Die amerikanischen kirchlichen Lieder sind frisch und heiter auch in der Melodie. Aber die ernstesten Gedanken werden dadurch leicht auch zu Spiel und religiöser Unterhaltung. Wie ich es einmal fand, daß man die Choräle mit Händeklatschen begleitete! Das Gemisch von religiöser Erbauung und Geselligkeit im Kirchenleben hat seine Gefahren. Religion gedeiht doch besser in alten Domen und ehrwürdigen gotischen Kirchen als bei Limonade, Schwimmbassins, Turnhallen, Empfangsräumen, Salons u. dgl. Die stets freien Gebete wirken leicht unkeusch; der Bekehrungseifer stößt ab, die Predigten sind oft zu sehr effekthaschend, wenn jedes größere Sportfest u. a. auch sofort seine Resonanz in der Predigt findet. — — —

Ende November stand mir in Boston ein weiteres wichtiges geistiges Erlebnis bevor. Der bekannte und große Negerführer Booker T. Washington, der noch lebte, sollte in Boston sprechen. Den mußte ich natürlich sehen und hören. Mit den gedrückten und ausgestoßenen Negern hatte ich gleich bei meiner Ankunft in Hoboken Sympathie empfunden. Diese geheime Freundschaft wollte ich ihnen auch bewahren.

Um acht Uhr abends sollte die Versammlung — bezeichnend! — in New Old South Church beginnen. Als ich um sieben Uhr auf dem Copley Square ankam, war die weite Kirche schon gefüllt. Ganz hinten erwischte ich gerade noch ein Stehplätzchen. Als die Versammlung begann, geleiteten der Rektor der Kirche D. Gordon und Präsident Lowell von der Harvard-Universität den großen Negerführer auf das Podium. Präsident Lowell — eine hohe Auszeichnung für den Negerredner — führte Mr. B. T. Washington, einen breitschulterigen, etwas ergrauten gelblichdunkeln älteren Neger mit einem breiten untersetzten Kopf, der üblichen unschönen Nase und den wulstigen Lippen, mit den Worten ein: „Der große Erzieher, Rasseführer und Bürger!“ Echt amerikanisch! Einst war der bedeutende Mann im Winkel geboren als Sohn eines unbekannten weißen Mannes und einer verführten Negersklavin, Sklave unter Sklaven, nun war er Führer einer ganzen Rasse, Volksbildner, Redner und Schriftsteller, um den das ganze amerikanische Volk sich drängte, wenn er sprach. Ich konnte gerade zwischen zwei riesigen Damenhüten, deren Träger sich mit mir Schulter an Schulter hineingeschoben hatten, noch auf Booker T. Washington hindurchsehen, wenn ich mich auf die Zehen stellte. Rings um mich Kopf an Kopf, meist Weiße, aber auch Schwarze, die nicht in allen Kirchen bei den Weißen gelitten sind. Hinter mir stand noch weiter Mann an Mann bis auf die Straße hinaus.

Atemlose Stille herrschte, als B. T. Washington mit etwas heiserer, aber starker Stimme begann, mit seinem trockenen Humor ein Redner von Gottes Gnaden. Eine volle Stunde verbreitete er sich über die Erfolge des von ihm geleiteten Negerbildungsinstitutes in Tuskegee, seiner eigensten Schöpfung, die 1500 Studenten unter 167 „Instruktoren“ (Lehrern) zählt. Während er, der Neger, zu dem weißen gebildeten Publikum der besterzogenen Stadt der Union redete, sprach seine ganze Lebensgeschichte unbewußt mit, und die Zukunft einer ganzen Rasse schien wie eine Siegeswolke um ihn zu lagern.

Der Sklave.