WeRead Powered by ReaderPub
Quer durch Amerika cover

Quer durch Amerika

Chapter 9: An der Harvard-Universität.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A travel diary chronicling a year of journeys across North America, beginning with the transatlantic voyage and urban arrival on the Atlantic coast and proceeding westward by rail and sea. Detailed vignettes portray major cities, university life, industrial districts, religious communities, and immigrant neighborhoods; excursions cover waterfalls, prairies, mountain passes, deserts, canyons, and Pacific beaches. Practical travel notes and cultural reflection alternate, with attention to campus rituals and sporting events, urban entertainments, and social contrasts, plus firsthand encounters with Indigenous and Mormon communities and descriptions of technological and natural landscapes encountered en route.

An der Harvard-Universität.

Eine meiner Hauptabsichten meiner Reise war, nicht einen verschollenen Onkel wieder zu entdecken, sondern u. a. auch das amerikanische Universitätsleben näher kennenzulernen und den damals noch lebenden Professor William James zu einer deutschen Doktordissertation zu „verarbeiten“.

So war ich also bald nach meiner Ankunft in Boston mit der „Cambridge-car“ die prächtige Harvardbrücke über den breiten Charles River hinüber nach der beinahe 100 000 Einwohner zählenden Universitätsvorstadt Cambridge gefahren, die in ihrem Mittelpunkt das in der ganzen Union hoch angesehene, schon aus dem 17. Jahrhundert, der Puritanerzeit, stammende Harvard College mit seinen Hochschulen birgt.

Cambridge[15] selbst machte zuerst keinen allzu erhebenden Eindruck. Erstlich regnete es fürchterlich bei meiner Ankunft, und überall starrte mir Schmutz entgegen. Aber auch an trockenen Tagen pflegten wahre Wolken von Staub die Hauptverkehrsstraßen entlang zu fegen. Auch schien die Stadt mir unansehnlich und recht unregelmäßig gebaut. Boston selbst wirkte dreimal vornehmer. Aber je weiter man nach Cambridge hinein kam, desto anziehender wurde es. Und als ich durch die „Quincy Street“ in den prachtvollen Ulmenpark des Universitätshofs eintrat, fand ich es geradezu reizend und anheimelnd. Eine angenehme Stille lag über den vielen und zum Teil recht zerstreut liegenden Universitätsgebäuden mit ihren Vorlesungshäusern, Instituten, Seminaren, Speisehallen, Wohngebäuden der Studenten, die alle in den sog. „dormitories“, einer Art freien Studentenpensionaten (aber ohne Verpflegung) zusammenwohnen und auch in großen z. T. vornehm ausgestatteten Speisehallen zusammenessen, ausgebreitet. In einer sehr stillen Allee in einer der kleineren, älteren, aber äußerst traulichen, efeuumsponnenen halls, in der schon Emerson gelehrt hat, fand ich meinen Wohnsitz. Der Hausmann (janitor) empfing mich auch als „German“ sehr freundlich und geleitete mich zu meinem „furnished room“ (möbl. Zimmer). Auch ein älterer hilfsbereiter Student, der mir später ein lieber Freund wurde, Mr. Arthur E. W., instruierte mich über alles zunächst für mich Notwendige. Gottlob aber, daß ich Englisch verstand und sprach!

In meinem „furnished room“ fand ich alles zum Leben Notwendige beisammen, einen großen behaglichen Kamin, den ich aber selbst zu heizen hatte! In Amerika gilt ja überall: „Selbst ist der Mann! Da tritt kein andrer für ihn ein, auf sich selber steht er da ganz allein!“ Ich habe das Heizen des offenen Kamins auch redlich oft drei- bis viermal versucht, die aufgeschichteten Holz- und Kohlenstöße kunstgerecht zu entfachen und dann hübsch in Brand zu halten, aber der ungewohnte amerikanische Kamin hatte seine Tücken und wollte sich wahrscheinlich auch von so einem „damned German“ nicht ohne weiteres anheizen lassen. Aber auch in der deutschen Universitätsstadt Tübingen ging es zu meiner Zeit einem sehr gescheiten Stiftler ebenso, so daß er schließlich dem dortigen Hausmann verzweifelt sein Leid klagte. Der kam und sagte lakonisch: „Wenn i das Fujer’ wär’, i ging au aus!“ So kam auch hier schließlich ein rettender Engel und half dem unpraktischen Deutschen aus der kalten Hölle. Aber noch öfters saß ich ungeheizt, natürlich gerade dann, wenn etwa einer der Herren Professoren mir seinen liebenswürdigen Gegenbesuch machte, so daß mir noch heute der alte weißhaarige, in Samaria eifrig ausgrabende Professor Lyon leid tut, der so fröstelnd in meinem hohen strohgepolsterten Lehnstuhl saß und sicher mit wissenschaftlicher Schärfe im Stillen die Ursache der Kälte in der sonst warmen Hall zu ergründen suchte. Bei mir lagen eben die mächtigen Holzklötze, die sonst in den offenen Kaminen schwelen, meist nur angekohlt und fröhlich rauchend, aber ohne zu wärmen hinter ihrem Gitter, obwohl ich nachher so ziemlich die höchste Rechnung für Heizmaterial am Ende des Semesters zu begleichen hatte!! Wenn nicht in dem Januarblizzard, der einen meterhohen Schneefall brachte und -20° R ein anderer weit herumgekommener amerikanischer Freund, Mr. Moore, der besonders für Konstantinopel, die Türken und die Griechen schwärmte, sich meiner erbarmt oder mein japanischer Freund Mr. Ashida, heute in Kyoto Dekan der Doshisha-Hochschule, mich in sein wohlgewärmtes trauliches japanisches Zimmer mit hinübergenommen hätte, wäre ich wohl eines Tages eines seligen Kältetodes gestorben ...

Weiter enthielt mein „furnished room“ einen sehr schönen Schreibtisch mit jenem obenerwähnten strohgepolsterten Lehnstuhl, einem Schaukelstuhl, zugleich Ehrensitz für hohen Besuch, zwei Bücherregale, ein paar einfache Stühle und einen kleinen Alkoven, in dem das Bett stand, und von dem aus ich den schönsten Blick in die malerischen und träumerischen Universitätsanlagen hatte. Hier sah ich das letzte goldene Herbstlaub des „indian summer“ zu Boden wirbeln, hier sah ich den feuchten Novembernebel um die Bäume rieseln, hier sah ich den Schnee in wilden Massen niederwirbeln und auf leisen Sohlen den amerikanischen Frühling sich nahen ...

Mein großer grüner Koffer war zuerst noch nicht da. So legte ich mich die ersten Nächte im Mantel zu Bett. Meine Photographien von den Lieben und Freunden daheim stellte ich auf das Kamingesims mit der merkwürdigen Empfindung, an 4000 Meilen von ihnen entfernt zu sein. Einige deutsche Kunstwartbilder hing ich mir als Schmuck an die Wand. Drüben und neben mir zogen in ähnlicher Weise meine studentischen Nachbarn ein. Es entwickelte sich bald zwischen uns ein recht freundschaftlicher Verkehr. So war ich wieder einmal Student. An Semestern war ich wahrscheinlich der älteste im Hause, wenn auch nicht an Jahren. Denn die amerikanischen Studenten haben oft schon merkwürdige Lebensläufe hinter sich, ehe sie zu studieren anfangen.

Nach meiner Ankunft in Cambridge machte ich sogleich meinen schuldigen Antrittsbesuch beim Herrn Dekan der Fakultät („School“), einem äußerst liebenswürdigen älteren Herrn mit weißem englischen Schnurrbärtchen, der mein zum Teil noch sehr fehlerhaftes Englisch „marvellous“ nannte und bedankte mich für die gütige Einladung nach Harvard. Überall fand ich eine sehr große Liebenswürdigkeit, Höflichkeit, Gastfreundschaft und ein unbeschränktes Entgegenkommen, obwohl ich selbst mit Kritik und recht freimütiger Beurteilung amerikanischer Verhältnisse gar nicht zurückhielt, aber überall stieß ich auch auf einen höchst ausgeprägten Nationalstolz. Davon könnten wir mehr haben! Man war stets in allen Dingen moralisch, technisch, politisch, wirtschaftlich wie selbstverständlich überzeugt, das Beste und Größte „in der Welt“ zu besitzen. An Quantität aller Verhältnisse überragt ja auch in der Tat die Union alle Länder der Welt. Vor Deutschlands Wissenschaft neigte sich drüben alles in Ehrfurcht!

Am anderen Tag begab ich mich zu den Mahlzeiten zum ersten Male nach einer der gemeinsamen Universitätsspeisehallen. Studenten als Kellner weiß gekleidet — in Amerika gar nichts Ungewöhnliches! — bedienten selbst, nahmen die „down-stairs-orders[16] entgegen, die man auf kleine Kärtchen schrieb, und brachten binnen wenigen Minuten von unten herauf alles Gewünschte. Längst vor dem Krieg war in Amerika der „Werkstudent“ schon fast die Regel. Auch für den wohlhabenden Studenten galt es schon immer drüben als unvornehm, sein Studiengeld vom Vater zu fordern statt selbst zu beschaffen! So arbeitete in der Universitätsdruckerei nachts als Setzer ein Millionärssohn! Die meisten „arbeiteten“ in den langen akademischen Sommerferien, die drüben etwa ein volles Vierteljahr umspannen, als Kellner in den großen Sommerhotels auf dem Lande, oder als Sprachlehrer, Bankangestellter, Straßenbahner, Organist, Hotelportier u. dgl. Ich kannte einen Studenten, der tagsüber Vorlesungen hörte und nachts als Nachtpförtner in seinem Bostoner Hotel seine griechische Grammatik lernte! So wurde auch ich öfters gefragt, ob ich nicht einen „job“ (Arbeitsstelle) anzunehmen wünsche. Ich habe mir dann auch neben meiner Universitätsarbeit mit deutschen Stunden u. a. noch etwas Taschengeld verdient, bis einer der „freshmen“ (unterster Jahrgang im „College“), den ich unterrichtete, mir eines Tages erklärte, „mein Deutsch sei nicht richtig; was ich ihn gelehrt, habe ihm der amerikanische Professor als Fehler angestrichen“!! Da habe ich diesem „Frechmän“ beinahe eine ... — erklärt, daß er nicht wiederzukommen brauche! Und verzichtete auf solchen „job“!

Am gemütlichsten und besten aß man in der prächtigen, gotischen „Memorial Hall“, die mit ihrem hohen Glockenturm wie eine große Kirche alle anderen Universitätsgebäude überragte. Dafür hielt ich sie zuerst auch, bis ich über ihre wahre Bedeutung aufgeklärt wurde. Man saß hier an kleinen Klubtischen zu vieren oder sechsen — gegen tausend Studenten aßen hier täglich! — und konnte nach Herzenslust für einen festen Wochenpreis von nur 5 Dollar bestellen und essen, besonders wenn man sich mit dem Neger gut stellte (das war hier unser alter guter Jackson), was und wieviel man begehrte. Und ich stellte mich daher immer besonders gut mit ihm! Da reichte mir seine braungelbe Hand unermüdlich hin, wonach das Herz verlangte. Was für fröhliche Stunden haben wir in Memorial Hall verlebt! Mittags um zwölf Uhr zum „lunch“ und abends fünf oder halb sechs zum „dinner“, der Hauptmahlzeit. Da fand sich an unserem Tisch ein deutscher Student der Philologie aus Heidelberg ein, von dem man rühmte, daß seine englische Aussprache besser sei als die der Eingeborenen! Mit dem Grad eines A. M. (Master of arts) kehrte er in die Heimat zurück. Weiter verkehrte bei uns ein Privatdozent der Chemie aus Prag, der heute ordentlicher Professor in München ist, dazu drei bis vier junge smarte Amerikaner, ein Pflanzerssohn aus dem Südstaat Carolina, dessen Devise war: „Wenn dir einer dumm kommt, box ihn nieder!“; ferner der gereifte Bruder eines angesehenen Baptistenpredigers in Boston und endlich ein dritter Schmächtiger auch aus dem Süden, der ungeheuer viel Pfeffer auf seine Speisen warf und dazu unbändig rauchte und dessen Losung war: „Was sich dir in den Weg stellt, schieß nieder!“ Typisch für die aus den Pflanzer- und Südstaaten! Alle meine Bekehrungsversuche, seine Sitten und Anschauungen zu mildern, scheiterten. Unsere Sprache untereinander war nur englisch. Und das war gut. Nur der Prager Chemiker — ein echter Deutschösterreicher — konnte es nicht lassen, wenn er den Heidelberger und mich einmal allein am Tisch traf, doch mit seinem urgemütlichen wienerischen Dialekt herauszurücken, was dort drüben doppelt heimatlich klang ... Auch fand er, die amerikanischen Girls, auf die er manchmal ein Auge warf, „fräßen einem richtig aus den Händen“ ...

Ich gewöhnte mich schnell an die amerikanisch-akademische Tageseinteilung. Früh acht Uhr besuchte ich gern der Sitte gemäß die „morning prayers“ in Appleton Chapel, der traulichen Universitätskapelle. Hier gab es — echt amerikanisch — „five-minutes-addresses“! (Ob wir Deutsche das auch fertig brächten?) Dann sang ein kleiner melodischer Studentenchor. Von da ging man zum Frühstück, das in Amerika mit Früchten beginnt und mit Koteletts endigt. Von neun bis zwölf hörte man Vorlesungen. Punkt zwölf erschien man wolfshungrig zum „lunch“, daran schloß sich ein kleiner Spaziergang am Ufer des Charles River oder ein Tennisspiel. Von zwei bis fünf Uhr war man wieder entweder im Colleg oder Seminar, übte oder las in der Bibliothek, falls man nicht einen Klubvortrag besuchte. Ehe man zum dinner ging, ging es in die akademische Turnhalle[17], um rasch einige „physical exercises“ in der ganz vorzüglich mit den raffiniertesten Geräten ausgestatteten Universitätsturnhalle vorzunehmen. Danach nahm man allgemein ein sehr ungeniertes Bad, das dem lateinischen Namen der Turnhalle voll entsprach. Nach solchen wohlberechneten Vorbereitungen schmeckte das dinner in Memorial Hall einzigartig prächtig. Um sieben Uhr rief die Hausglocke der hall zum „evening-prayer“ und danach war noch etwa drei bis vier Stunden stille Arbeitszeit, um Bücher zu lesen, Referate anzufertigen u. dgl. Ich bekam vor der Quantität geistiger Arbeit der amerikanischen Studenten allen Respekt!

Gleich zu Anfang des Semesters fanden die großen offiziellen Feierlichkeiten der Einführung des neuen Universitätspräsidenten statt. Die „Registration“ (bei uns „Immatrikulation“) war hingegen sehr einfach und unformell. Man wurde schnell mit seinen Personalien in ein Buch geschrieben. Das war alles. Aber die Inauguration des Präsidenten war höchst feierlich und großartig. Vierzig Jahre lang hatte der ehrwürdige, wohl über achtzigjährige Dr. Eliot das Universitätszepter geführt. (Die Universitätsrektoren amtieren drüben auf Lebenszeit!) Nun galt es seinen Nachfolger auf Lebenszeit einzuführen, Dr. Lowell. Über 200 Professoren aus dem ganzen Land waren dazu zusammengeströmt, Harvard zu Ehren. Vor der Haupthalle der Universität, einem schlichten hellen Gebäude im Universitätspark, war ein Podium aufgeschlagen, auf dem alle die Ehrengäste und der eigene Lehrkörper in ihren feierlichen Doktortalaren unter freiem Himmel Platz nahmen. Über der ganzen Feier lag blendender Sonnenschein, und zu vielen Hunderten füllte die akademische Jugend vom jüngsten „freshman“ bis zu den gereiften „graduates“ den weiten Park. Unter den Gästen wurde besonders der neuangekommene deutsche Austauschprofessor, ein berühmter Berliner Historiker, geradezu überschwänglich begrüßt als „not surpassed by living men[18]. Der neue Präsident hielt eine lange Ansprache über Aufgaben und Ziele der amerikanischen Universitätsbildung und trat ein für freiere Wahl der Vorlesungen und bessere Vorbildung der Studenten nach — deutschem Muster!

Denn der amerikanische Lehrbetrieb ist in vielen Stücken ein sehr anderer als bei uns. Im selben Alter, in dem wir in Deutschland in die Schule eintreten, tritt zwar auch der Amerikaner in die Schule ein, und zwar jeder, so will es die jegliche Klassenunterschiede verabscheuende Demokratie, die auch in der Eisenbahn nur eine Klasse erlaubt, in die Volksschule (public oder grammar school), die gewöhnlich sechs Jahrgänge umfaßt. Freilich erlaubt es das amerikanische System den Begabteren und Fleißigen, Klassen zu überspringen und so in wenigen Jahren das Ziel zu erreichen, das zur nächsthöheren Schulgattung, der Oberschule (high school), die etwa unserer Realschule oder den mittleren Klassen des Gymnasiums entspricht, hinführt. Erst im Alter von dreizehn, vierzehn Jahren beginnt der Amerikaner Sprachen zu lernen. Bereits die High school-Kurse sind „wahlfrei“, und so steht die Wahl zwischen Deutsch, Französisch, Latein oder Griechisch oder mehreren von diesen zusammen offen. Nach vierjährigem High school-Besuch wird der Amerikaner reif, die Aufnahmeprüfung zum „college“ zu bestehen. Das college bildet den Grundstock der Universität und kann eigentlich mit keiner deutschen Einrichtung verglichen werden. Das „college“, englischen Ursprungs, dient keineswegs dazu, auf die sogenannten „akademischen“ Berufe, wie wir sagen, vorzubereiten, sondern den Amerikaner zum „Gebildeten“ und „gentleman“ in wissenschaftlicher und persönlicher Hinsicht heranzubilden. Die Lehrgegenstände des college sind völlig wahlfrei und entsprechen ihrem Gehalt nach ungefähr dem, was wir in den Oberklassen des Gymnasiums und in den ersten Semestern auf der Universität lernen. Nur darf nie vergessen werden, daß nirgends in Amerika genau der gleiche Maßstab, dieselben Anforderungen und die gleiche Güte vorherrscht. Die Teile des Riesenlandes sind so ungeheuer voneinander verschieden, vor allem der Westen und Süden vom Osten, den alten Neuenglandstaaten mit dem geistigen Zentrum Boston und der Harvard-Universität, daß die qualitative Gleichheit der Schulen und colleges ein Ding der Unmöglichkeit wäre. Ein kleines college des Westens lehrt vielleicht nicht mehr, als was bei uns ein Tertianer oder Untersekundaner lernt, während der college-Student in Harvard Zutritt zu Kursen hat, die keiner deutschen Universität Schande machten. Der college-Student, der im gleichen Alter das college bezieht, wie wir etwa die Universität, obwohl er noch nicht dieselbe wissenschaftliche Höhe erreicht hat, kann, weil er völlig freie Hand in der Wahl seiner Vorlesungen hat, schon auf dem college spezialisieren, wenn er später in eine Fachschule (Graduate school), die am ehesten unseren Fakultäten entspricht, einzutreten gedenkt. Die meisten aber halten sich nur im college auf, um eine „liberal education“ zu gewinnen, um ihre Allgemeinbildung zu vollenden, d. h. sie haben kein spezielles wissenschaftliches Interesse, hören Literatur, Geschichte, Philosophie und suchen nach vierjährigem Lehrgang den Grad eines B. A. (Bachelor of arts) zu erhalten, der für eine bestimmte Anzahl (17 oder 18 dreistündiger) tüchtig durchgearbeiteter Vorlesungen verliehen wird. Diejenigen, die den A. B. haben, sind die „Gebildeten“, in welchem Beruf, Geschäft, Technik oder wo sonst sie sich auch später befinden mögen. Diejenigen, die Rechte, Philologie, Theologie und Medizin, Mathematik und Naturwissenschaft eingehend studieren wollen, um Richter, Prediger, Professor u. dgl. zu werden, treten in die „graduate school“ ein, die allein denen, die den degree des B. A. besitzen, offen steht. In der graduate school (Law School, Medical and Divinity School und Faculty of Arts and Sciences), die unseren mittleren und letzten Semestern entspricht, wird etwa drei bis vier Jahre gearbeitet und der Doktorgrad erreicht. Aber das Studentenbild in der graduate school ist von dem unseren auch wieder recht verschieden. Der college-Student ist zwar in dem Alter unserer Studenten, es fehlt ihm aber manchmal an dem eigentlichen „wissenschaftlichen“ Interesse, dafür ist sein ganzes Gehaben vielleicht ein ganz Teil jugendlicher als das unserer Studenten. Der graduate-Student aber in der graduate school übertrifft meistens unser Studentenalter beträchtlich; denn durchaus nicht alle treten sofort nach Vollendung ihres college-Studiums in eine Fakultät ein, sondern viele arbeiten zuerst eine Zeitlang in einem praktischen Berufe und verdienen sich das teure Studiengeld erst selber. So kann das für uns merkwürdige Verhältnis eintreten, daß z. B. einer bereits eine eigene Pfarrstelle auf dem Lande inne hat, die ihm mit der sonntäglichen Predigt den Unterhalt für sein theologisches Studium gibt, das er jetzt erst eigentlich beginnt (!!). Andere sind in einem Geschäft gewesen oder haben an einer Schule bereits einige Zeit gelehrt; andere sind während ihres Studiums noch in allerlei Nebenberufen tätig. Ein „Instruktor“ in Nationalökonomie spielte gar in einem Professorenhause den Hausmeister, versorgte morgens um sechs Uhr im Winter die Dampfheizung des Hauses mit Kohlen; wieder ein anderer war Organist in einer Kirche!

Es existierte nie Klassengeist; der Student bildete nie eine soziale Sonderschicht. „Arbeit“ war drüben immer ein allgemeiner sittlich-demokratischer Begriff, der für den Studenten sich keineswegs auf wissenschaftliche allein beschränkte. Andererseits ist auch die wissenschaftliche Arbeit nicht höher eingeschätzt als andere. Jede Arbeit ist „work“, gleichgültig, was für eine; ausgenommen vielleicht Stiefelputzen, das für den Amerikaner einen antidemokratischen Geruch mit sich führt. Nur der, der arbeitet, ist geachtet. Die Achtung bezieht sich aber fast allein auf die Quantität der geleisteten Arbeit und die mit ihr verbundenen Einnahme, nicht so sehr auf ihre qualitative Eigenart! Die Art des Studiums ist daher von der unseren recht verschieden. Während wir kein höheres Ideal als das der „akademischen Freiheit“ kennen, d. h. der völligen Selbstbestimmung in wissenschaftlicher und persönlicher Hinsicht, ist dieser Begriff der amerikanischen Universität, mit Ausnahme der Wahlfreiheit der einzelnen Fächer, völlig fremd. Das college und die graduate school ist eine höhere und höchste Art „Schule“, nichts anderes. So hat der einzelne Student seinen vorgeschriebenen (!) Platz im Kolleg, er hat seine genau bis auf Stunde und Seite „vorgeschriebene“ Lektüre zu jeder Vorlesung aufzuarbeiten; er hat oft wöchentliche, monatliche oder mindestens halbjährliche Prüfungen zu bestehen, wöchentliche oder monatliche schriftliche Referate und Aufsätze oder größere Arbeiten einzuliefern, die vom Professor korrigiert und zensiert werden! Fernbleiben vom Kolleg ist völlig unbekannt, Bummeln ausgeschlossen. Der Student sucht nicht seinen eigenen Weg in der Wahl seiner Lektüre, in seiner Privatarbeit und in seinen Spezialstudien, die ihn vielleicht dieses Semester dahin und das nächste dorthin führen, sondern mit der Wahl eines Kollegs ist sein Weg Schritt für Schritt genau vorgezeichnet. Eine solche Fülle der Lektüre und Aufsätze überschüttet ihn, daß kaum ein Quentchen Zeit für eigene Wege übrig bleibt. So rechnet man konsequent sehr genau mit der Seitenzahl (!) der Lektüre, die in diesem und jenem Kolleg vorgeschrieben ist; die Aufsätze werden nach der Vielstelligkeit der Zahl ihrer Worte von den Studenten taxiert und mit Mindestforderungen der Zahl der Seiten und Worte abgegrenzt(!); das Interesse richtet sich auf die Anzahl der dreistündigen Vorlesungen, die einer bewältigt, die Zensuren, die er für seine „papers“ davonträgt, und den „degree“ (akademischen Grad), den er zu bestimmter Zeit mit der Aufarbeitung einer Anzahl von Vorlesungen erlangen kann, und last not least — das Einkommen der Stelle, die er mit einem Harvard-degree zu erlangen hofft! Ich will nicht zu schwarz malen. Aber dasselbe quantitative Urteil, das hier von jedem neuen Gebäude oder kostbaren Gemälde vor allen Dingen den Preis zu nennen weiß, das jede neue gute Institution mit dem Titel „the best and highest in the world“ belegt, breitet seine unheilvollen Schwingen auch über die Wissenschaft. Es war für mich ein sehr eigentümlicher Eindruck, als ich zum erstenmal in den Lesesaal der Universitätsbibliothek trat und die langen Reihen Bücher sah, — genau bezeichnet für jeden Kurs, keins weniger und mehr als vorgeschrieben (!) — und eine Fülle lesender Studenten — aber nur in „vorgeschriebener“ Lektüre von Seite soundsoviel bis Seite soundsoviel, kein Wort mehr oder weniger — da ist der Geist freier, ungebundener, eigener kritischer Wissenschaft erstickt im Staub pedantischen Schulgeistes, der rechnet, statt wägt, ißt, aber nicht selbst verdaut, „lernt“, aber nicht „studiert“, eine Menge Bücher kennt und doch kein Forschungsfeld überschaut, der nichts ahnt von der unendlichen Weite und Tiefe wirklich eigener selbständiger, kritischer, wissenschaftlicher Arbeit; der nie recht wissenschaftlich arbeiten lernt trotz mehrjährigen täglichen zehn- oder zwölfstündigen Fleißes! Der ganze amerikanische Universitätsgeist leidet an seiner Schulmäßigkeit: Auch die Dozenten müssen fast soviel Stunden in der Woche wie unsere Schullehrer geben. Der Universitätsprofessor ist mehr Lehrer als Gelehrter. Auch seine Bezahlung steht nicht im Verhältnis zu dem Reichtum des Dollarlandes, und sein Ansehen ist nicht mit dem eines deutschen akademischen Professors zu vergleichen. Alles dies soll keineswegs in Abrede stellen, daß auch Amerika sehr tüchtige Gelehrte und kritisch begabte Studenten hervorbringt, aber mehr trotz als infolge seines Systems. Und doch ist es auffällig, in welcher Überfülle die Übersetzungen deutscher wissenschaftlicher Bücher in Gebrauch sind, und geradezu rührend ist es zu beobachten und zu hören, mit welch aufrichtiger und uneingeschränkter Bewunderung der gebildete Amerikaner immer wieder zu dem Land der Dichter und Denker hinaufschaut.

So hatte also auch ich meine liebe Not, genügend freie Zeit für meine eigenen Studien zu behalten, Land und Leute kennenzulernen u. dgl., wenn auch ich mit einem „degree“ geschmückt Harvard wieder verlassen wollte. Und ohne degree gilt man ja drüben in akademischen Kreisen gar nichts. Und ohne degree zu scheiden, hätte mich in amerikanischen Augen als Faulpelz gekennzeichnet ...

Die Inaugurationsfeier schloß mit dem üblichen Gebet, Musikchören und dem Jubel der „college-men“. Anderntags war noch einmal große Vorstellung aller fremden Gäste in der Repräsentationshalle der Universität, in „Sanders Theatre“, das seinen Namen von seiner theaterähnlichen Rundung hat. Der neue Universitätspräsident, vom Stab seiner Dekane begleitet, begrüßte feierlich jeden fremden Gast, indem er ihn mit allen seinen Titeln und Verdiensten ausführlich der Studentenschaft vorstellte. Jedesmal antwortete wüstes Beifallsgeschrei. Es waren auch zwei weibliche Professoren und die Spitzen von Heer und Marine unter ihnen, die von den Studenten besonders brüllend bejubelt wurden. Alle anderen wurden laut und immer lauter beklatscht beinahe zwei Stunden lang. Langsam defilierten sie auf dem Podium vorüber, zum Teil ehrwürdige Gestalten und noch junge Doktoren aus der Nähe und der Ferne, ja sogar auch aus Kalifornien und Texas, die geistige Elite der Union.

Abends brachten die „fresh-men“ dem neuen Präsidenten einen Fackelzug im „Stadium“ dar. Das Stadium ist ein ungeheurer, etwa 40 000 Personen fassender, elliptischer offen amphitheatralischer römischer Zirkusbau, der den großen Universitätsfußballspielen dient. Heute lag er im Dunkeln. Nach dem Einlaß kletterte alles affenähnlich über die weiten und hohen Betonsitzreihen, die stumm dalagen und sich hell vom klaren Nachthimmel abhoben, bis das schier unermeßliche Rund doch nur zum kleinsten Teil mit Menschen gefüllt war. Dann nahten in langem feierlichen Zug die fresh-men mit ihren Fackeln, d. h. sie trugen auf Stangen kleine Töpfe mit brennendem Öl, an 1200 Mann zu je zweien nebeneinander, ein wirkungsvoller Zug. Im Stadium führten sie allerlei Reigen und Freiübungen aus, die sich mit den Lichtern im Dunkeln außerordentlich eindrucksvoll ausnahmen. Den Schluß machte ein Buntfeuerwerk, das zu allerletzt die Namen des Präsidenten und des college zeigte. Der also gefeierte Präsident hielt eine kurze Dankesansprache, die in dem großen Rund ausgezeichnet zu verstehen war. Mit einem an Indianergeheul erinnernden vieltausendstimmigen „Ra-Ra-Ra-Ra ...“, dem traditionellen studentischen Ruf, endete die Feier. Die Zeitungen waren noch Tage und Spalten lang voll davon ...

Vivat academia, vivant professores“ heißt es in dem alten deutschen Studentenlied. So kommen nun nach der academia die Professoren daran, mit denen ich drüben zusammen sein konnte. Ihr allzeit so sehr gefälliges Entgegenkommen habe ich schon gerühmt und verdient auch hier eigenen Dank. „What can I do for you?“ war die ständige Redensart der höflichen Menschen drüben. Der erste, der mich freundlich empfing, war der auch in Deutschland als erster Austauschprofessor und durch seine Schriften bekanntgewordene Sozialethiker Francis G. Peabody, ein Typus des hochgebildeten und vornehmen Neuengländers. Er hatte ein prachtvolles und nach jeder Seite hin ausgezeichnetes sozialethisches Seminar eingerichtet, wie drüben überhaupt alle Seminare, Bibliotheken, Laboratorien an Reichtum der Mittel dank der großen Stiftungen der Millionäre die unseren oft weit überragen. So findet man drüben in den Bibliotheken nicht bloß die gesamte amerikanische und englische Fachliteratur, sondern auch die deutsche, französische und italienische, so daß ich meinen schweren grünen Koffer mit den vielen Büchern hätte ruhig zu Hause lassen können und mir manche Kosten und Ärger ersparen. Freilich Peabodys Vorlesung enttäuschte mich. Gewiß ließ der Vorlesungsraum nichts zu wünschen übrig. Auf was für vorsintflutlichen Bänken hatte man einst im Tübinger Stift gesessen. Hier feine bequeme Subsellien, aufklappbare Halbtische, so daß man bequem die Beine beim Schreiben noch übereinanderschlagen konnte, wie es der Amerikaner liebt. Nur Gelegenheit, Hüte usw. aufzuhängen, sah ich nicht. Die Studenten steckten ihre Mützen in die Tasche oder brachten gar keine mit. Freilich die Beine auf den Tisch legte im Kollegraum niemand, wie ich das in den Klubzimmern täglich und reichlich zu sehen Gelegenheit hatte. Als der Professor eintrat, erhob sich niemand; niemand trampelte oder gab sonst ein Zeichen studentischer Begrüßung, vielmehr wurde lustig weitergeschwatzt und gelacht! Die erste Stunde bestand fast nur in Ankündigungen des Semesterpensums, Aufgabe der „vorgeschriebenen“ Lektüre, Verteilung von gedruckten Dispositionen, zwar alles klar und praktisch — aber eben auch reichlich schulmäßig. Ich empfand gar nicht, auf einer Universität zu sein.

Mit dem deutschen Austauschprofessor trafen wir im „cosmopolitan club“ zusammen, einer interessanten Vereinigung von etwa hundert Studenten aus aller Herren Länder, Griechen, Siamesen, Chinesen, Japanern, Brasilianern usf., denn Harvard hat Weltruf. Der Professor nahm aber merkwürdigerweise von uns Deutschen recht wenig Notiz! Er sprach fließend englisch, wenn auch mit deutschem Akzent, an jenem Nachmittag ein für amerikanische Ohren wenig glückliches Thema, nämlich über „deutsche — Trinksitten“! Damals schon war Amerika zu zwei Dritteln „trockengelegt“. Heute ist es es ganz. Cambridge war schon immer eine völlig „abstinente“ Universitätsstadt. Der Erfolg der Ansprache war, daß ulkige Studenten dem berühmten Gelehrten beim Abschied zwei leere — Bierflaschen in seine Rocktaschen praktizierten!! Bei Professor William James, dem berühmten Psychologen, einem Sohn eines swedenborgischen Predigers in Neuyork und dem Bruder des bekannten Novellisten Henry James, durfte ich öfters weilen. Bald konnte ich formlos mit ihm über seine neue pragmatistische Philosophie plaudern, über die damals eifrigst diskutiert wurde, bald durfte ich an seinem Tisch den „Thanksgiving-turkey“, d. h. den traditionellen Truthahn an dem nationalen Danksagungstag am 27. November mitverzehren. Er war der Meinung, daß Wahrheit nur in der Praxis des Lebens selbst erlebt, aber nicht im voraus von uns theoretisch festgestellt werden kann. Das, was sich bewährt, das, was „stimmt“, was uns weiterführt, was Erfolg verheißt, ist wahr. M. a. W. die Wahrheit „bewahrheitet“, realisiert sich selbst. James war immer ein Mensch von seltener Liebenswürdigkeit und Herzensgüte, vornehmer Schlichtheit und einem feinen Humor. Nichts war ihm mehr verhaßt als Fertig- und Abgeschlossensein. Er selbst blieb immer ein Lernender. Auch war er für alles interessiert, denn alles war ihm ein Stück Wirklichkeit in diesem großen wunderbaren Universum, zu dem wir selbst, wie er von seinem voluntaristischen und aktivistischen Standpunkt aus meinte, vielleicht den allerwichtigsten Beitrag liefern. Dies Universum ist, meinte er, nicht fertig, sondern es wird noch ständig; es wird vornehmlich zu dem, wozu wir es machen. Und gute geheimnisvolle Mächte stehen uns dabei hilfreich zur Seite. So interessierte er sich auch besonders zeitlebens für den Spiritismus und Okkultismus als psychologisch-metaphysisches Problem und schloß doch zuletzt ehrlich und behutsam mit einem non liquet. Er soll vor seinem Tode seiner Familie versprochen haben, sich, wenn möglich, mit ihr aus der jenseitigen Welt zu verständigen, um ihr von ihr einen Wirklichkeitsbeweis zu geben. Und seine Familie behauptete wohl auch nach seinem Tode, von ihm Botschaften empfangen zu haben (!). Für James war nichts zu bizarr und zu ungewöhnlich, daß er als Psycholog es nicht untersucht hätte. So war er der Psycholog, der auch allem Wunderlichen und Pathologischen nachspürte. Die Haupttypen der religiösen Menschen führte er auf ihre verschiedene Nervenanlage zurück. Nach ihm gibt es zartbesaitete (religiöse) und grobkörnige (unreligiöse) Menschen. Die religiöse Seelenanlage im Menschen entbindet s. E. die wertvollsten sittlichen Mächte im Menschen. Aber wir müssen im Leben abwechseln zwischen der Haltung des sich selbst verleugnenden Frommen, wie es Buddhismus und Christentum fordern, und dem Nietzschetypus des sich selbst behauptenden und sich durchsetzenden Menschen. Diese Jamessche Philosophie ist durch und durch amerikanisch, praktisch, wirklichkeitsnah, systemlos, dem Willen und Handeln entsprechend, tatenfroh und lehnt doch keine übersinnliche Wahrheit, wenn sie sich bewährt, ab. Welches Glück, den bedeutenden Mann noch kennenlernen zu dürfen!

Auch mit dem Universitätspräsidenten selbst traf ich bei einer „reception“, einem Empfangsabend, bei unserem Dekan zusammen. Diese Empfänge hatten freilich etwas sehr Förmliches und Steifes. Zuerst stand man wortlos herum, unterhielt sich krampfhaft mit allen möglichen fremden und unbekannten Gästen, eine Tasse Tee in der einen und einem Gebäck in der anderen Hand (aber Vorsicht war nötig, die Tasse nicht auf die feinen Teppiche oder das Parkett zu verschütten!), bis man vom Mittelpunkt des Abends, dem Präsidenten, auch einmal ins Gespräch gezogen wurde, der uns allen ein paar Minuten die Hand schüttelte. Äußerst geschickt lenkte der Präsident bei mir, dem Deutschen, das Gespräch sofort über auf 1870, die deutschen Gegensätze von 1866 und auf das bismarckische Deutschland — aber stets mit vornehmer Achtung, ja Bewunderung. Lebhaft und sprühend waren dabei im Gespräch seine sonst etwas in der Ferne scheinbar ausdruckslosen Augen. Welche Aufgabe aber für diesen Mann, täglich zu repräsentieren, Ansprache über Ansprache zu halten, auch für den Fremdesten sofort ein Thema zu finden ... An Gewandtheit stand ihm nicht nach Prof. E. C. Moore, der selbst lange in Deutschland studiert hatte und auf dessen Studiertisch ich eine Menge deutscher wissenschaftlicher Zeitschriften sah. Ich war zum Abendessen geladen. Bei uns ist man bei Einladungen größere Portionen gewöhnt als in Amerika. Und das Getränk war — echt amerikanisch — ein Glas frisches Wasser mit einem Stückchen Eis zur Kühlung! Glücklicherweise hatte auch Freund R. mich noch rechtzeitig ermahnt, „full dress“ anzulegen.

Sehr oft waren wir Deutsche auch bei dem deutschen, aber amerikanisierten Professor der Psychologie Münsterberg eingeladen. Mit seinen trefflichen Büchern über „Amerika und die Amerikaner“ hat er den ersten völlig sachgemäßen Vermittlerdienst zwischen Deutschland und Amerika geleistet. Auch dort war „reception“, bei der allerlei bedeutende Leute auftauchten: Eduard Meyer, Präsident Eliots ehrwürdige greise Gestalt ... währenddem reichten Diener in großer Livree Eiskream und Limonade herum. Eine der Töchter des Hausherrn wurde von meinem Heidelberger Freund stark umworben ... Ein andermal war es bloß „offener Nachmittag“ bei Frau Professor M., die sachgemäß hinter einem riesigen Teekessel thronte, aber immer gastlich und fürsorglich. Bei Professor F. stellte sich heraus, daß seine Frau eine nahe Verwandte einer mir sehr bekannten Frankfurter Familie de Neufville war. Wie die Welt rund und klein ist ...!

Nach den Professoren ein Wort über die Studenten und ihr geselliges Leben: Sehr viel Anregung bot mir der schon erwähnte „cosmopolitan Club“. Ich verkenne nicht den Wert und das Erbgut der Nation und habe mich erst recht drüben mit Stolz als Deutscher gefühlt und Deutschlands Wert trotz allem in der Welt erfahren, aber doch habe ich immer auch einen starken Zug in die Welt verspürt, mich auch als „Mensch“ denn nur als Angehöriger einer festumgrenzten Volksindividualität zu fühlen und mich mit Angehörigen auch einer recht fernen Rasse in allem Menschlichen einig empfunden, ob es der Negerstudent Mac Sterling war, der mich auch in sein Logis lud, oder Freund Ashida, mein japanischer Studiengenosse, oder etliche Griechen, Armenier oder Siamesen und was sonst alles in Harvard auftauchte. Mehr Berührung mit einzelnen Angehörigen fremder Völker und die Lust zu neuen furchtbaren Kriegen wird in der Menschheit sich mindern! Im cosmopolitan Club sprachen die interessantesten Redner: Erst der deutsche Historiker, dann war Präsident Eliot angezeigt, danach ein belgischer Konsul über den Kongostaat und seine „rechtmäßige“ Erwerbung, danach ein Spanier von Geburt, Professor Santyana über die zwei Hauptweltströmungen, die klerikal-monarchisch-konservative und sozialistisch-freimaurerisch-revolutionäre. Darauf „talkte“ ein juristischer Harvardprofessor, der damals so etwas wie Justizminister des Königs von Siam war, über seinen gütigen Herrscher, dessen Bild im Klubraum hing, schließlich der bekannte Franzose Professor Boutroux, Präsident des „institute de France“ über den Philosophen Pascal, und zuletzt fand eine Vorlesung eines japanischen Universitätspräsidenten der kaiserlichen Universität in Kyoto statt. Er erschien mit all seinen japanischen Orden. Also wahrhaftig eine respektable Galerie seltener Köpfe! Andere Redner sprachen über die herrliche Hawai-Inselgruppe mit Lichtbildern, ein zweiter über Wanderungen und Bärjagden in Alaska, so daß mein wanderlustiges Herz im Anblick dieser herrlichen, einsamen, fast noch nie betretenen Gegenden fast zersprang. Daß auch ich bald noch recht weit fortreisen mußte, das stand mir seit jenem Abend ganz fest! Gletscher, Schneewanderung, Zeltleben mit Eskimos und Indianern, Fahrten in der einsamen Bai, Bärschießen und -abhäuten, Kahnbau und Pelzfabrizieren — da wäre ich gern einmal dabei gewesen! Freund Moore stellte mir an jenem Abend noch allerlei Griechen vor, und sie nahmen mich mit in ein echt griechisches Restaurant in Boston, ein sogenanntes „Xenodocheion“. Ein andermal war sogenannter „ladies tea“, den Mrs. M. in hohem lila wallenden Federhut präsidierte, danach ein sogenannter „Nationalitätenabend“. Bei dem ersteren wurden uns allerlei graziöse Bostoner Schönheiten vorgestellt, darunter eine Ms. St., Freund R.s ganzer Schwarm, gekleidet, gepflegt und in Haltung wie eine tadellose Schaufensterpuppe in wundervollem Kostüm, dessen Farbe ich über ihren kirschroten Lippen, ihren wohlgepflegten blendendweißen Zähnen und ihren schmalen feinen Händen, die gewiß noch nie Kochtopf oder Scheuerlappen angefaßt hatten, nicht behalten habe. Aber ob ich sie hätte haben mögen? Die Amerikaner lieben es zwar, an Frau und Gattin nur eine Schönheit, ein Spielzeug, eine heitere und lebensgewandte plaudernde Gesellschafterin zu haben, — man sehe sich die entspr. Typen in den magazines an! — die keine Kinder bekommt und ihre Hausfrauenpflichten anderen überläßt, galante „receptions“ hält, das Auto lenkt, öffentlich redet und angestaunt wird. Da war mir aber doch die kleine schlichte Hobokenerin aus Baden bei ihrem Onkel am Küchenherd tausendmal lieber ... An dem anderen, dem „Nationalitätenabend“, war der Klubraum mit den Flaggen aller Völker sinnvoll und malerisch drapiert. Brüderlich hing die unsere neben der Trikolore, dem Union Jack und dem Sternenbanner. Jede Nationalität hatte nun einen Toast in ihrer Landessprache auszubringen und eine nationale Eigenheit ernst oder humorvoll den Anwesenden vorzuführen. Germany wurde zuerst aufgerufen! Es sprach für Deutschland ein ehemaliger deutscher Korpsstudent mit tüchtigen Schmissen auf der Backe — so recht etwas für amerikanische Herzen! — und sang die „Wacht am Rhein“, die viele Amerikaner begeistert mitsangen! Dann kamen Frankreich, Spanien, Brasilien, Griechenland, Indien, China, Japan und Rußland an die Reihe. Welch ein interessantes Ragout gab es da zu hören und zu sehen: Japanische Tänze, chinesische Lieder in einer für unser Ohr merkwürdig unmusikalischen Art, russische Bauerngesänge, ein Hindu-farewell-Lied und ein japanisches Gaukelspiel. Ein spanischer Student führte zuletzt naturgetreu eine Prügelstrafe aus einer spanischen Dorfschule vor zum großen Gelächter der Amerikaner, die körperliche Strafen im Schulleben nicht kennen!

Auch ein „deutscher Abend“ des „Deutschen Vereins“ fand statt. In dem geräumigen Festsaal der Harvard-Union war eine große Hufeisentafel aufgestellt — in Amerika kennt man sonst nur Klubtische oder Einzelsitze — um eine deutsch-studentische „Kneiptafel“ vorzuführen. Rings an den Wänden lagen in großen Glasschränken die siegreichen Fußbälle aufbewahrt, mit Datum versehen, mit denen die Universitätsmannschaften in großen Wettkämpfen im Stadium gesiegt hatten. Wie Totenschädel lagen sie da in Reih und Glied und schauten verwundert auf das, was im Saale nun anhub. Nun wurde — in dem „trockenen“ Cambridge — ein Faß deutsches Bier aufgelegt und angesteckt, Neger servierten dabei, und die deutsche „Kneipe“ begann! Auf diese Weise wurde wieder einmal in den amerikanischen Studenten die Überzeugung befestigt, daß Deutscher und Biertrinker ungefähr dasselbe ist. Wie oft bin ich selbst drüben gefragt worden, ob ich denn nicht „mein Bier“ vermißte, während mir die in Memorialhall zu Lunch und Dinner allgemein viel getrunkene Milch viel besser bekam und mundete.

Aber auch mancher einzelne Student ist mir in der liebenswürdigsten Weise nahegetreten. Wie oft hat mich mein Freund Arthur E. W. zum schönen „fresh-pond“ begleitet, einem äußerst idyllisch gelegenen Teich mit reizendem Ausblick auf die Landstädtchen Arlington und Waverly. Wie manchmal saßen wir dort unter den dunkelen Bäumen, während ein leichter Wind die Wellen des kleinen Sees kräuselte, freundschaftlich auf einer Bank zusammen. Er lehrte mich Miltons „paradise lost[19] verstehen, ich dolmetschte ihm Goethes Faust, so gut es ging. Wie schwer war es, dieses urdeutsche Ideenwerk englisch verständlich zu machen! Wie mütterlich nahm sich meiner das Studentenehepaar M. an. Er und sie studierten, und zwar beide auf den philosophischen Doktor hin. Aber sie war noch klüger als er! Er kam schon aus praktischer Arbeit und wollte sich nur auf der Universität noch weiterbilden. Echt amerikanisch, da man eine Weile arbeitet und verdient und dann wieder studiert. Ebenso echt amerikanisch, daß die Frau mit dem Mann studierte! Daneben aber versorgte Frau M. noch ausgezeichnet ihre kleine Küche in dem kleinen sauberen Logis, das sie bewohnten, und wußte dann und wann noch mit einem freundlichen Mahl mir aufzuwarten. Manchmal dachte ich es mir freilich ein bißchen peinlich für den Mann, wenn die Frau bessere Abschlußzensuren heimbringt als er selbst! Aber der Amerikaner ist an die Superiorität der Frau gewöhnt. Wie gastfreundlich wurde ich in jenem kleinen und reizend gelegenen Landstädtchen Littleton in Massachusetts aufgenommen, da mich einer der Mitbewohner unserer Hall, Mr. Joseph H., einführte auf den Landsitz seiner Mutter und seiner Brüder! Wie vornehm und weitläufig war dort alles! Park, Tennisplätze, Veranden — und dazu die köstliche Landluft! Welch eine Stille hier nach dem immer noch recht belebten Boston und Cambridge. Freund H. war damals gerade der Vater, Inhaber einer größeren Gestühlfabrik, gestorben. Sofort brach der Sohn pietätvoll sein Studium ab und erfüllte den letzten Wunsch des Heimgegangenen, das väterliche Geschäft zu übernehmen. Bei dem ebenfalls verheirateten Mr. C. und seiner liebenswürdigen Gattin sah ich mich zum ersten Male genötigt, mit einem sechsjährigen Kinde englisch zu reden, das sich nicht denken konnte, daß es Leute gebe, die nicht von Geburt an englisch redeten! Ob ich immer die Worte für das wußte, wofür es sich gerade interessierte, das kümmerte es nicht. Es fühlte sich auf meinem Schoße trotzdem wohl. Ein sonst delikates Huhn reichte hier nach amerikanischer Einteilung für — sieben Personen! Zur Erledigung dieser Portionen war ich, da es eine Abendmahlzeit war, ahnungslos im Frack erschienen. Aber wieder einmal falsch, denn es sollte ein ganz informelles studentisches Essen sein; und ich hatte die Gastgeberin ehren wollen, und saß nun als einziger den ganzen Abend in steifster Toilette! Was mag die Hausfrau — übrigens auch Studentin — für einen Schrecken bekommen haben, als sie mich in meinem dinner-dress erblickte!

Ja überhaupt dieser „full dress“ — bis man das richtig heraus hatte, wo er angebracht war und wo nicht! Ich hatte schon einmal vor, eine Humoreske zu verfassen, betitelt „Die Geschichte meines Fracks“. Lieber Leser, höre, ich habe es fast immer falsch gemacht! Nur vor den allergrößten Dummheiten in puncto „Frack“ haben mich wohlmeinende Freunde glücklich bewahrt. Bei Professor L. war ich z. B. Sonntags mittags eingeladen gewesen — und kam natürlich abends sechs Uhr, weil ich annahm, jedes dinner sei abends sechs Uhr; aber Sonntags ißt man es gerade mittags! Dazu erschien ich natürlich abends im Frack, während man Sonntags gerade im Gehrock kommt, da man annimmt, daß man am Vormittag den Gottesdienst besucht hat. Schwarzer Rock ist aber der Kirchenrock, dazu gehört graugestreifte Hose und hoher Hut mit etwa braunen Glacés. So hatte ich es einmal bei Professor James Sonntags mittags gefunden und gedacht: Sieh, wie unformell benimmt sich der wahrhaft große Mann! Da sieht man es, dachte ich, wie sich der Philosoph über Sitte und Mode hinwegsetzt; und dabei hatte er sie gerade peinlichst eingehalten! Und ich war es, der es wieder falsch gemacht! Also merke, lieber Leser: Wochentags vor 6 Uhr macht man Besuche im „Prince-Albert“, nach sechs Uhr nur in „full dress“ oder, wenn inoffiziell, im „smoking“. Sonntags aber ist es ganz anders. Da ist das dinner um 2 Uhr und der Anzug Gehrock. Bei dem Dekan machte ich am ersten Tage gar Besuch im Kollegröcklein, wie mir mein Freund W. geraten — und sicher war das als offizieller Antrittsbesuch auch wieder falsch gewesen. Auch fiel mir auf, daß ich bei den amerikanischen Damen wenig Eroberungen zu machen schien — nur die Ende 60er stehende Gattin des trefflichen Predigers Rev. G. bemühte sich sehr um mich! Mein in solchen Dingen äußerst bewanderter Freund R., der Philologe und Anwärter des A. M., hat es mir erklärt: Herren mit Schnurr- oder gar einem Vollbart seien bei Amerikanerinnen von vornherein unmöglich! Zu spät sah ich tiefbetrübt ein, was ich mir hatte entgehen lassen! Gar manches Brieflein von ehemaligen amerikanischen Studienfreunden erreichte mich später noch, doch nie ein rosa Billetchen von zarter Hand! Nur die Sekretärin der Fakultät, der ich durch meinen erworbenen Universitätsgrad angehörte, sendet mir unentwegt alle Prospekte und Einladungen zu Harvard-Banketts und Vorträgen — meist, wenn sie schon vorüber sind. Aber so will es ihre amtliche Pflicht!

Unter den vielen Einladenden war eines Tages auch der brave Hausmann unserer Hall, Mr. M. Ich stieg an dem betreffenden Abend freundlich zu ihm in seine Souterrainwohnung hinab. Denn ich war immer sozial gesinnt. Amerikanische Arbeiter verdienen im allgemeinen mehr und leben besser als die deutschen. Schon vor dem Krieg unterschied sich der Arbeiter drüben in Kleidung und äußerem Gebaren fast in nichts von dem bessergestellten Bürger. Und siehe, bei Mr. M. war es auch recht gemütlich. Hübsche Möbel, dazu ein Schrank voller Bücher! Das gehörte notwendig zum Inventar eines Universitätshausmanns. Seine Frau war übrigens eine geborene Schwedin aus Stockholm! Auch bei ihm gab es Früchte, Cakes und Tee und ice-cream wie bei einer offiziellen „Rezeption“, wenn auch ohne Diener und weiße Handschuhe. — — —

In wie schöner Erinnerung stehen mir die Ausflüge mit den amerikanischen Freunden an so manchem sonnigverträumten Tag des „indian summer“. Es war immer aufs neue reizend, an den ländlichen Seen zu sitzen. Die Möwen wiegten sich auf dem blauen See. Im Sonnendunst grüßten die Arlington Heights herüber ...