Wie oft pilgerte ich auch allein die Massachussets-Avenue nach Arlington hinaus. Nach über einstündiger Wanderung auf der Landstraße stieg ich links die Höhen hinauf. Pfad- und weglos — Amerika kennt kaum Fußwege — strich ich über die mit hübschen Landhäusern übersäten Hügel. Von oben ergoß sich ein herrlicher Blick über die parkartigen und waldigen Höhen und Talgründe mit ihren vielen kleinen blauen Teichen. In der Ferne lag das rauchende Boston mit seiner weithin leuchtenden vergoldeten Kapitolskuppel. Oder ich stieg rechts empor und war bald — nur eine Stunde weg von der Millionenstadt! — zwischen Steinen, Dornen, zerfallenen Bäumen und verlassenen Feldern in einem wahren Urwalde, wo vor Gestrüpp und Buschwerk fast gar nicht weiterzukommen war, und hatte Mühe, wieder einen Weg durch das prächtige Herbstlaub an den Farmhäusern einfacher Leute vorüber, wo Kühe weideten und Kinder spielten, nach der Landstraße zu finden ...
Fast noch prächtiger aber war es weiter nördlich in den sog. Middlesex fells, einem herrlichen Naturpark mit wundervollem Aussichtsturm jenseits Medford und des Mystic River. Ich hatte wohl noch nie in meinem Leben solch prächtige Herbstfärbungen gesehen. Dazu das tiefe, glühende Rot des Laubes im Unterholz! Welcher Blick bot sich von oben bis nach dem Dichtersitz Concord, nach Cambridge und zum Meer! Und allerwärts eine Fülle der malerischen Landhäuser. Auch Amerikaner haben Natursinn! Nur ist nicht jedem vergönnt, hier draußen zu wohnen. Im ganzen scheint mir drüben der Wohlstand und der Wohnungskomfort höher zu sein als bei uns. Auch der kleine Mann hat hier sein eigen Häuschen und Garten und vor allem seinen „bathroom“[20], denn Waschtische sind in den Schlafräumen unbekannt. Die bathrooms haben nur den Nachteil, daß ein Familienmitglied beim Ankleiden auf das andere oft recht lange warten muß. Bei Damen kann das eine Stunde währen, bis der bathroom wieder frei wird! Und da er zugleich auch noch anderen Zwecken dient, ist die Polonäse vor dem bathroom oft recht ergötzlich bzw. hochpeinlich ...!
Je mehr ich Bostons und Cambridges Umgebung kennenlernte, um so mehr erschien sie mir wie eine ungeheure, wenn auch regellose Villenkolonie. Welch ein Kulturfortschritt! Heil den Glücklichen, die da draußen wohnen dürfen! Wie voll sind aber auch die Abendzüge dort hinaus! Wie stehen, hängen, hocken sie in fröhlicher Seelengeduld, sich stets ins Unvermeidliche schickend, auf Plattformen und Trittbrettern, Zustände, bei denen es dem biederen Deutschen graute oder er nur zu schimpfen wüßte. Auf den vollbesetzten Straßenbahnen sah ich die Fahrgäste manchmal nur noch mit zwei Fingern an einer Längsstange angeklammert, in vollbesetzten Lokalzügen womöglich vorn auf der Lokomotive hängen oder stehen!
Auch längs der Ozeanküste und der weiträumigen Bostonbai dehnten wir unsere Exkursionen aus. So ging es einmal mit der Beachbahn nach dem alten Salem und nach dem romantischen Marblehead hinaus. Salem ist eine der ältesten Ansiedlungen noch aus der Zeit der Puritaner (1630), heute eine kleine stille Stadt mit einigen wenigen ganz alten Häusern an der Massachussets-Bai. Aber nach Lamprechts begeisterter Schilderung erwartete ich viel mehr dort. Marblehead ist Seebad der Bostoner. Es war schön, wieder einmal voll dem rauschenden Ozean ins Angesicht sehen zu können. Dumpf dröhnend spritzte der Gischt am steinigen Strand auf. Auf der einsamen Felseninsel Nahant kletterten wir in den öden, zerrissenen Felsen umher, bis uns der Schaum der in der Flut heranstürzenden Wogen zurücktrieb. Tausende von angeschwemmten Muscheln lagen umher, deren ich mir eine Sammlung mit nach Hause nahm. Lange noch zierten die schönsten Stücke mein Kamingesims. Und welche Abendstimmung erlebte ich hier draußen! Purpurrot tauchte die Sonne die fernen Fabrikschornsteine Bostons wie in Feuerglut, die weißen Villen am Strand erglühten wie Bergspitzen in den Alpen, das Meerwasser ward erst bronzen, dann silbern, bis am Strande die Lichterreihen der Straßen kleiner Städte und Vororte aufblitzten ...
Auch den historischen „Bunker Hill“ habe ich erstiegen in der Vorstadt Charleston, die an sich düster und rauchig ist. Auf Bunker Hill hielt zum erstenmal in den Unabhängigkeitskämpfen die junge amerikanische Miliz den englischen Truppen tapfer stand (am 17. Juni 1775). Im Anfang des 19. Jahrhunderts wurde zur Erinnerung daran ein 62 m hoher sehr aussichtsreicher Obelisk errichtet, der weithin mit seiner weißen Steinspitzsäule die Vorstädte Bostons überragt ...
Ebenso flogen wir gern nach Osten und Süden aus: Die interessanteste, etwas weiter abgelegene Stadt war unstreitig „Concord“, das amerikanische Weimar, der Wohnsitz Emersons, Hawthorns, Thoreaus u. a. Poeten und Dichterphilosophen. Ringsum schönes, stilles hügeliges Farmland mit Wäldern und Viehherden. Concord ist wirklich ein Idyll, dazu vom Hauch großer geistesgeschichtlicher Vergangenheit umweht. Die Geister der Großen gehen hier noch um wie bei uns in Weimar. Wie schlicht und anheimelnd, wie das Goethehäuschen an der Ilm, sind ihre Landsitze! Dazwischen überall Denksteine in Erinnerung an die Unabhängigkeitskämpfe, die um Concord und Lexington begannen. In Concord steht auch das bekannte ansprechende Denkmal des „minute-man“, der „jede Minute“ bereit den ersten Schuß im Unabhängigkeitskrieg gegen die Engländer abfeuerte, „den man in der ganzen Welt hörte“.
In Waltham fuhren wir auf den kleinen Seen des Charles River mit echten canoes umher. Ganz entzückend ziehen sich die Seen unter tiefbelaubten Bäumen hin. Wie leicht und sanft glitt das spitze, schwanke Boot übers Wasser! Zwei amerikanische Freunde ruderten, während ich bequem in den Kissen des Damensitzes liegen durfte und das Steuern besorgen sollte. Ein junger Nationalökonom führte mich eines Nachmittags in das idyllische Waverly, ein äußerst malerisches Ineinander von Hügeln, Parks, Villen und Teichen. Er war sehr beschlagen in Deutschlands politischer Geschichte, so daß ich ihm nicht immer auf alle seine Fragen eine präzise Auskunft geben konnte ...
Dieselben ausgedehnten Parkanlagen fand ich am Südrande Bostons in „Jamaica plain“, und von den Blue Hills, die wir mit eineinhalbstündiger Fahrt auf der Elektrischen erreichten, bot sich von Süden eine ähnlich herrliche Aussicht wie von den Middlesex-fells im Norden. Der Aussichtsturm ließ uns über die Wälder der Blue Hills, den Ozean und die ferne Stadt samt einem gut Teil des Staates Massachusetts schauen! Mächtig kam es mir oben zum Bewußtsein: Es ist ein Stück schönsten amerikanischen Landes, das du hier oben überschauen darfst. Könnte ich jetzt noch einmal dort stehen! So haben wir studiert und innen und außen uns umgeschaut ...