Mehr als zwanzig Albatrosse zu gleicher Zeit waren wohl nie in Sicht, und an manchen Tagen waren sie ganz verschwunden. Zuweilen flogen sie so nahe hinter dem Achterdeck vorbei, dass man glaubte sie greifen zu können, für einen Moment in der Verkürzungslinie der Flügel ein höchst komisches plumpes Profil zeigend und immer gierig spähenden Blicks. Zuweilen blieben sie weit zurück und verfolgten uns Tage lang nur von Ferne. Warf man ihnen ein Stück Fleisch oder Speck über Bord, so setzte sich gleich der Nächste aufs Wasser nieder und paddelte eifrig darauf zu.
Wenn sie sich setzen wollten, stemmten sie, um die Schnelligkeit ihres Fluges zu hemmen, ihre beiden Schwimmfüsse ausgebreitet dem Wasser entgegen, und oft liessen sie schon lange vorher die sonst knapp an den Schwanz gelegten Füsse herabbaumeln und verriethen so ihre Absicht. Sassen sie endlich, so wurden die langen Flügel langsam und bedächtig zusammengefaltet, wobei sie dieselben seltsam ungeschlacht krümmten. Nicht so ganz leicht schien es ihnen, wieder aufzufliegen. Sie paddelten erst mit Flügeln und Beinen spritzend eine halbe Schiffslänge über die Wasserfläche, ehe sie sich in die Luft erhoben. Und auch sonst paddelten sie zuweilen darüber hin ohne sich zu setzen, wenn sie vielleicht etwas sahen, von dem sie noch nicht recht wussten ob es sich der Mühe verlohnte.
Setzte sich einer, so kamen auch die anderen und setzten sich neugierig zu ihm nieder und leisteten ihm Gesellschaft, wahrscheinlich weniger aus gegenseitiger Zuneigung als vielmehr aus dem höchst egoistischen Instinkt, dass es beim Kameraden etwas zu fressen gebe. Dann stritten sie sich erst eine Zeit lang herum, klapperten ärgerlich und neidisch mit den langen Schnäbeln wie Störche und packten sich auch wohl damit an den Hals, um nach zehn Minuten die von den Wellen geschaukelte Versammlung aufzuheben und auseinander zu fliegen.
Unsere ewig nachschleppende Angel mit einem wallnussgrossen Stück Speck und entsprechendem Haken erregte häufig entschieden ihr lebhaftes Interesse. Aber nur bei einer Fahrt nicht schneller als vier Seemeilen die Stunde war für sie die Möglichkeit anzubeissen gegeben. Wir liessen dann die über zwei Schiffslängen messende Leine in dem Grade ablaufen als das Schiff sich von dem Köder entfernte.
Wie oft jagten uns ein paar Albatrosse in die grösste Aufregung indem sie herangeschwommen kamen und nach ihm schnappten. Aber entweder schnappten sie zu vorsichtig, oder sie pickten uns den Speck von der Angel, so dass wir den leeren Haken einzogen, oder sie waren gefasst, rissen sich aber gleich wieder los. Oder es kam vielleicht gerade im kritischen Augenblick der höchsten Erwartung ein stärkerer Windstoss, wir rauschten schneller durchs Wasser, und der Albatross konnte mit der besten Absicht der Angel nicht mehr nachrudern. Einmal postirte sich einer dummdreist schon ziemlich weit vor ihr hin und wartete auf sie, bis sie herangeschleppt kam, mehrmals wüthend nach der gespannten Leine beissend, aber er war nicht flink genug und die Angel entging ihm.
Endlich, endlich bissen sie aber doch, und zwar auf einmal wie verrückt. Wir hatten das schönste Haifischwetter, das man sich denken kann, kaum so viel Wind, um noch zu steuern, einen blauen wolkenlosen Himmel, glatte langsam dünende See und einen aussergewöhnlich hohen Barometerstand, der den Kapitän in Verzweiflung brachte.
Die Albatrosse strichen träge über die Dünung und setzten sich heute häufiger aufs Wasser. Eine ganze Flottille von Albatrossen schwamm schliesslich hinter uns her. Die Angel wurde wieder ausgeworfen und war sofort der allgemeine Zankapfel. Einer der grössten schnappte zu, und die Angel sass. Frohlockend, aber behutsam zogen wir ihn ein, während seine Gefährten verwundert ihm nachguckten. Vergebens stemmte sich der unglückliche Vogel mit Flügeln und Beinen gegen das Wasser. Es half ihm nichts, er musste heran, und wir hoben ihn an der Leine zu uns herauf.
Kaum hatten wir den Haken abermals ausgeworfen als auch der zweite eingezogen wurde. Die dummen Thiere geberdeten sich heute ganz wahnsinnig, sie stritten sich förmlich um den Vorrang des Geangeltwerdens, klapperten mit den Schnäbeln und kreischten ärgerlich, so oft wieder einer von ihnen entführt wurde. In der kürzesten Zeit hockte ein Dutzend friedlich nebeneinander auf dem Kajütsdach. Zweien gelang es, sich von dem Haken los zu machen, da wir nicht stetig genug einholten. Der Widerstand, den sie trotz allen Schlegelns und Stemmens mit Flügeln und Füssen leisteten, war erstaunlich gering. Das Merkwürdigste aber war mir, dass kein einziger, auch später nicht, gefangen wurde, indem er die Angel verschluckte, wie die Fische, und wie ich nach den gehörten Erzählungen erwartet hatte. Sie hingen alle einfach nur mit der hakenförmig gekrümmten Schnabelspitze an dem Angelhaken.
Anfänglich sassen sie verdutzt in einer Reihe auf dem Dach der Kajüte, machten nicht den geringsten Versuch zu entfliehen und staunten die Volksmenge an, die sich um die Wunderthiere versammelt hatte. Hie und da kam dann einem plötzlich ein dunkler Bewegungsimpuls, er erhob sich auf die Beine, ein paar andere folgten seinem Beispiel, aber gleich darauf klappten sie wieder zusammen, als ob sie zum Stehen zu schwach wären. Die meisten, nicht alle, spieen sich und entleerten ihren flüssigen Mageninhalt auf den Boden.
Ich wählte den grössten und schönsten zum Abbalgen aus und vergiftete ihn mit Zyankalium. Er liess sich ruhig den Schnabel öffnen und die tödtliche Gabe mit einer Pinzette in den Rachen schieben. Nach einer Minute neigte er sanft sein Haupt und starb. Zwei andere, die jüngsten, erschlugen wir, um von ihrem Fleisch uns herrliche Beefsteaks zu bereiten. Nicht die Spur eines thranigen Beigeschmacks. Nach den drei Monaten Salzfleisch und Büchsenfleisch gehörten jene Albatrossbeefsteaks zu den höchsten kulinarischen Genüssen meines Lebens. Sämmtliche drei Albatrossmagen, die ich untersuchte, enthielten die nämliche Nahrung, Pyrosomen und Sepien. Diese Sepien scheinen also auf der Meeresoberfläche ziemlich häufig zu sein. Auch in den zwei Haifischmagen die ich erhielt, fand ich nur Reste von solchen.
Die übrigen Albatrosse liessen wir laufen, das heisst, wir warfen sie über Bord, worauf sie fröhlich von dannen flogen. Seeleute behaupten, Albatrosse könnten von festem Boden nicht auffliegen. Dies ist nur in so fern wahr, als das Deck eines Schiffs niemals Raum genug bietet um den nöthigen Anlauf zu gestatten. Ich fing später einen Albatross, der ganz abweichend von den Gewohnheiten seiner Art nicht blöde sitzen blieb, sondern mehrmals aufzufliegen versuchte. Er stiess sich aber immer wieder am Geländer oder am Kompasshäuschen oder an einem Bündel Tau oder an einem Poller. Ohne solche Hindernisse auf einem freien Platz würde er leicht in die Höhe gekommen sein. Alle die Albatrosse, die wir fingen, waren voll von Läusen. Also auch auf den azurenen Wogen des Ozeans diese Plage, nicht blos im Zwischendeck bei den Polaken.
Es giebt eine Menge von Albatross-Arten und Varietäten, die vielleicht noch gar nicht vollständig gesichtet sind. Die grosse und auffälligste Art, die wir angelten, zeigte allein schon zahllose Abstufungen in der Farbe des Gefieders vom jungen fast vollständig dunkelbraunen bis zum alten fast vollständig weissen Individuum. Die Bleichung schien bei allen am Rücken zwischen den Flügeln in Form eines nach hinten verlängerten Trapezoids zu beginnen und von dort sich zuerst nach dem Bauch und dem Kopf zu verbreiten.
Ausser dieser grossen verfolgten uns oft noch zwei andere kleinere Arten, eine weisse mit schwarzen Flügeln und schön orangefarbenem Schnabel und eine ganz schwarze mit weissgerändertem Schnabel. Von den letzteren schoss ich einmal zwei Exemplare aufs Deck herab. An Kaptauben sahen wir niemals eine beträchtlichere Anzahl. Häufiger waren die niedlichen Sturmvögel, die uns namentlich bei unruhiger See schaarenweise begleiteten.
Um dieselbe Zeit ungefähr fing ich zum ersten mal Pyrosomen oder Feuerwalzen mit dem Schleppnetz. Es sind dies sackförmige Thierkolonien aus der Klasse der Tunikaten, von etwa 20 Zentimeter Länge und 5 Zentimeter Durchmesser. Bei Tage sieht man sie kaum, bei Nacht aber leuchten sie, so dass man das Netz auf sie dirigiren kann. Brachte ich die wurstartigen Gebilde in einen Eimer und liess sie ruhig stehen, so erloschen sie bald und waren unsichtbar, stiess man aber an den Eimer, so erglühten sie und leuchteten mit grünlichem Schein, hell genug, um bei dem Licht von drei oder vier Stück ohne sonderliche Anstrengung lesen zu können. Deshalb sind sie auch fast nur im strudelnden und schäumenden Kielwasser zu bemerken.
Jetzt da unsere Reise sich ihrem Ende näherte, beschäftigte mich noch ein anderer Gegenstand, der sich auf die Ventilation von Schiffen bezog. Schon oft hatte ich von Seeleuten gehört, dass im Innern eines segelnden Schiffes stets ein Luftstrom in der dem Winde entgegengesetzten Richtung wehe. Um diese sehr paradox klingende Behauptung, welche sich auf Erfahrungen über den Weg, den Gerüche aus dem Laderaum nehmen, stützte, zu untersuchen, benutzte ich, da ich leider kein Anemometer besass, und ein solches bei den vielen sich kreuzenden lokaleren Luftströmchen auch vielleicht kein deutliches Bild der Bewegung im Allgemeinen gegeben hätte, die Temperatur der Luft an verschiedenen Stellen des Zwischendecks, von der wohl nicht zu bestreitenden Annahme ausgehend, dass sie da wo sie kälter sei, ein-, und da wo sie wärmer sei, ausströmen müsse.
Einen der Missionäre hatte ich schon bei Madera beauftragt, täglich dreimal die Stände der vier Thermometer, von welchen einer oben in der Kajüte und drei im Zwischendeck vertheilt waren, sowie die jeweilige Richtung des Windes zum Schiff zu notiren. Wenn ich auch hiebei die Entdeckung machen musste, dass dieser protestantisch orthodoxe Apostel des Glaubens gleich seinen drei Kollegen weniger ein Mann von Intelligenz und Bildung als ein zum Predigen und Vorbeten und zum Fanatismus abgerichteter Bauernkerl war, so gelang es mir doch nach einigen mühseligen Anleitungen, ihm das Geheimniss des Thermometerablesens beizubringen.
Ich stellte nun die Aufzeichnungen zusammen und fand zu meiner Genugthuung jene interessante Eigenthümlichkeit theilweise bestätigt. So oft wir mit vierkant gestellten Raaen vor vollem Winde segelten, war hinten im Schiff die Luft wärmer als vorne, das heisst, hier kam sie an, nachdem sie bereits das ganze Zwischendeck durchzogen hatte. Namentlich in den Weststürmen des südlichen Indischen Ozeans zeigten sich die konstantesten Unterschiede bis zu zwei Zentigraden. Erklären liess sich dies vielleicht dadurch, dass beim Segeln vor dem Winde von den Untersegeln meist nur das vorderste, die Fock, ausgespannt ist, während die beiden anderen aufgegeit oder festgemacht sind, und dass in Folge dessen der Luftstrom, der über das Schiff fegt, von der schräge nach vorne geneigten Ebene der Fock nach unten und in die vorderste Zwischendeckslucke zurückgeworfen wird. Nicht ganz so deutlich waren die Resultate, wenn wir beim Winde segelten, und ich werde mir diesen Theil der Angelegenheit künftighin nochmal vornehmen müssen.
Am 5. März erreichten wir die Länge von Tasmanien unter 49 Grad südlicher Breite. Gegen Abend bekamen wir wieder flauen Wind, und ich warf mein Netz über Bord, zum ersten mal ohne etwas Makroskopisches zu fangen. Als ich Wasser in einem Eimer heraufholte und mit der Hand bewegte, glitzerte es darin von hundert leuchtenden Punkten wie gewöhnlich.
Es galt die Frage zu entscheiden, sollen wir den näheren aber weniger sicheren Weg durch die Cooksstrasse nach Wellington einschlagen, oder auf dem weiteren aber glatteren um die Südspitze der Südinsel Neuseelands herumgehen. Der Kapitän wählte das Letztere, und wir behielten unseren Kurs Ost zu Nord bei.
V.
ANKUNFT IN NEUSEELAND UND QUARANTÄNE.
Zum ersten mal Grund. Neuseeland erscheint. Die ersten Zeitungen. Ankunft des Lootsen. Der Anker fällt. Pulverunglück. Die Hafenbehörde. Sturm und Landungsschwierigkeiten. Bewegtes Dasein. Aufruhr der Elemente und der Menschen. Mitternächtige Todtenbestattung. Ruhigere Zeit. Die idyllische Insel. Ueberall »Billig und schlecht«. Zoologisches. Endlich frei.
Das Geklirr der Ankerketten verkündete uns die freudige Botschaft, dass das Ziel nahe sei. Sie waren seit Europa vorne im Zwischendeck begraben gewesen. Nun wurden sie wieder auf Deck geholt und klar gemacht.
Nach dem Besteck waren wir auf der Höhe von Neuseeland. Ob wir es auch in Wirklichkeit waren, musste sich jetzt herausstellen. Meine Zweifel in dieser Hinsicht entbehrten nicht der Begründung. Denn das Chronometer konnte seinen Gang verändert haben, und eine Kontrole durch Monddistanzen hatte es niemals erfahren.[3]
[3]: In den nautischen Almanachen sind für das ganze Jahr von je drei zu drei Stunden Greenwichzeit die Distanzen des Mondes von der Sonne und anderen gerade brauchbaren grösseren Sternen angegeben. Indem man nun mit dem Sextanten solche Distanzen misst, lässt sich das Schiffschronometer, welches Greenwichzeit zeigen soll, darauf prüfen.
Der Horizont war bewölkt, von Land keine Spur zu sehen. Es wurde gelothet, und mit grosser Spannung erwartete ich das Resultat. Wir bekamen wirklich und wahrhaftig Grund. Die Leine zeigte 50 Faden Tiefe, an dem Talg in der unteren Aushöhlung des Lothes klebten Fragmente von kleinen Muscheln und Korallen. Mit grosser Andacht beguckten wir alle dieses vorläufige Stückchen Neuseeland. Niemand aber war froher als der Kapitän, dem sein Chronometer eine seltene Treue bewährt hatte.
Erst vier Tage später, am 17. März, erblickten wir das Land der Antipoden selbst. Noch vier Tage mussten wir bei kaltem unfreundlichem Wetter unter der Küste desselben aufkreuzen ohne es in Sicht zu bekommen, als an jenem Morgen endlich das Gewölk zerriss und, rings gegen den Horizont hinabsinkend, dicht vor uns schöne hohe Berge mit glitzernden Schneegipfeln, wunderbar duftig im warmen Sonnenschein enthüllte. Das Ziel einer viermonatlichen ermüdenden Seereise hätte uns nicht reizender und überraschender vor Augen treten können. Aber wäre der erste Anblick des lang und heiss ersehnten Landes auch weit weniger vortheilhaft gewesen, als das Wahrzeichen der Erlösung von den Widerwärtigkeiten des Schiffslebens, wäre er gewiss mit ebenso grossem Entzücken begrüsst worden.
Es waren die kahlen Felsenmassen der Banks Peninsula, jenes mächtigen Gebirgspfeilers an der Ostseite der Südinsel, welche aller Augen gefesselt hielten, bis sie hinter uns verschwanden. Ein frischer Süd sprang auf und führte uns rasch nordwärts, Wellington, dem Bestimmungshafen, entgegen.
Doch die ungewohnte Schnelligkeit der Fahrt dauerte nur kurze Zeit. Mittags schlief der Wind wieder ein, die Segel fingen wieder an, an den Masten herumzuklappern, und bald lag die See wieder ebenso spiegelglatt und todesstille unter einer stechenden Sonne da, wie wir sie so oft zu sehen Gelegenheit gehabt hatten. Albatrosse setzten sich faul aufs Wasser, paddelten neugierig an das ruhigliegende Schiff heran und stritten sich schnatternd um die über Bord geworfenen Abfälle oder auch um die Angel, mit der wir einen dieser dummen Vögel nach dem anderen einzogen.
Etwa fünf Seemeilen entfernt trieb ein kleiner Schuner, wahrscheinlich ein Küstenfahrer, und unser Kapitän fuhr in der Jolle hinüber, um Erkundigungen einzuziehen. Nach drei Stunden kam er zurück und brachte mir ausser einem Albatross, den er mit der Hand gefangen, und einer vollen Ladung aufgefischten Seetanges, welcher von Mollusken und Krustern wimmelte, als werthvollste Gabe Zeitungen mit, die, wenn auch bereits vierzehn Tage alt, für uns nach vier Monaten die ersten Nachrichten aus der Mitwelt enthielten. »Greymouth Argus« nannte sich das Blatt, welches sich übrigens zur allgemeinen Enttäuschung wenig um das alte Europa kümmerte. Nichts von dem theuren Vaterlande, nichts von dem schönen Frankreich war zu finden, woraus wir schlossen, dass wenigstens kein ernstlicherer Krieg mittlerweile ausgebrochen sei. Nur die Erklärung des Don Carlos, im Fall eines Konfliktes zwischen Spanien und Amerika neutral bleiben zu wollen, gab die einzige Kunde aus der Politik Europas. Dagegen schienen Kricket und Football in Greymouth eine grosse Rolle zu spielen. Denn die meisten Kabeltelegramme von Neuseeland und Australien beschäftigten sich mit Resultaten solcher nationalen Wettkämpfe.
Die Jolle war gerade zur rechten Zeit heimgekehrt. Der Himmel überzog sich mit dicken Wolken, und einzelne Windstösse aus Osten deuteten auf das Herannahen eines Sturmes. Als es dunkel geworden, wehte es so heftig, dass die meisten Segel festgemacht werden mussten, aber die stürmische Brise war günstig und schob das Schiff ungestüm durch die aufgeregten Wogen, welche hellleuchtend in der Schwärze der Nacht, zu beiden Seiten des Kieles hoch emporschäumten.
Der nächste Morgen fand uns an der südöstlichen Ausweitung der Cooksstrasse. Vor uns lag die Palliser-Bay mit der Lootsenstation und links davon auf einem hohen Felsen stand der einsame Leuchtthurm von Penkarrow-Head. Mittags kam der Lootse an Bord, immer näher rückten die schroffen Ufer, an denen allenthalben die Brandung donnerte, und eine Lücke öffnete sich, der Eingang zu Port Nicholson, dem geräumigen Hafen von Wellington.
Von der Stadt war noch nichts zu sehen. Sie lag zur Linken versteckt hinter einer etwa 200 Meter hohen Felsenkulisse, und nicht früher als wir diese passirt hatten, kamen die äussersten Häuser ihres linken Flügels zum Vorschein.
Mitten im Hafen von Wellington liegt Somes Island, die kleine brandungumtoste Quarantäne-Insel aus einigen 60 bis 80 Meter hohen Hügeln bestehend, deren einer auf seiner Spitze vier stattliche kasernartige Gebäude trägt. Dorthin führte uns der Lootse, um auf den Besuch der Hafenbeamten zu warten. Mit unserer Typhusepidemie durften wir nicht an die Stadt gehen.
Leider trübte ein schwerer Unglücksfall den frohen Moment der Ankunft. Jan Maat begnügte sich nicht mit dem kräftigen Hurrah der Passagiere, welches das Niederrasseln des Ankers begleitete, es musste auch geschossen werden. Ohne Schiessen kein Vergnügen.
Ein alter verrosteter Böller erfreute sich schon seit mehreren Stunden der eifrigsten Reinigungsbestrebungen unseres Bootsmanns. Ich war beschäftigt, meine nicht sehr salonfähigen Reisekleider gegen eine etwas gewähltere Toilette zu vertauschen, als der erste Salutschuss ertönte und gleich darauf ein zweiter folgte. Meine Verwunderung wie es möglich sei, aus einem einzigen Geschütz innerhalb so kurzer Zeit zweimal zu feuern, war noch nicht zu Ende, als die Passagiere hereinstürzten und mich zu Hilfe riefen. Auf Deck herrschte grosse Aufregung, und Alles drängte nach einem Punkte, von welchem ich lautes Jammergeschrei vernahm. Ein pulvergeschwärztes gräulich entstelltes Gesicht, über welches Blut aus Augen, Mund und Nase rieselte, und welches ich nur dadurch als das eines hübschgewesenen jungen Mannes erkannte, dass seine Mutter verzweiflungsvoll ihn umarmt hielt, erklärte mir was geschehen war.
Ich hatte mich eben überzeugt, dass die Verletzung lange nicht so schlimm sei, und dass namentlich die Augen nur oberflächlich gelitten hatten, als ich von dem Steuermann stürmisch nach der Kajüte zurückgerufen wurde, wohin man mittlerweile den eigentlichen Verunglückten, den Bootsmann getragen hatte. Brüllend lag er auf dem Boden und krümmte sich in seinen Schmerzen, ringsum die verstörten Gesichter des Kapitäns und einiger Passagiere. Dieser Fall war bedeutender als der andere.
Ich musste einen Theil der zerschmetterten Hand amputiren, und noch im letzten Augenblick der Reise meine Instrumente hervorholen, nachdem ich sie glücklich fast unbenutzt bis ans Ziel gebracht hatte. Beide Verletzungen waren dadurch entstanden, dass der Bootsmann die zweite Kartusche, ohne auszuwischen, in das Geschütz schob, während dieses noch glimmende Reste der ersten Kartusche enthielt.
Eine kleine Dampfbarkasse bog alsbald um die nächsten Felsen und legte sich an unsere Seite. Sie enthielt den Immigration-Officer, den Regierungsarzt und den Hafenmeister sowie einen Maschinisten und einen Steurer, welcher letztere mir als der erste Maori, den ich sah, am interessantesten erschien. Doch zu ethnologischen Studien war jetzt keine Zeit. Ich stieg an der Jakobsleiter in die Barkasse hinab und stellte mich und unsere Gesundheitsverhältnisse vor. Trotz Allem, was der Lootse mir von der Strenge der bezüglichen Hafengesetze mitgetheilt hatte, hoffte ich noch, dass die Beamten uns gnädig sein und von einer längeren Quarantäne absehen möchten, da ja der Abdominaltyphus eine Krankheit ist, die in keiner grösseren Stadt fehlt, und die nicht erst durch uns in Neuseeland importirt zu werden brauchte.
Unser Schicksal wurde kurz entschieden. Die Kommission verhängte Quarantäne über uns, befahl dem Kapitän, sofort die Böte auszusetzen, um alle Passagiere, gesunde und kranke, an der Insel zu landen, und fuhr gleich wieder nach der Stadt zurück, ohne an Bord gewesen zu sein. Ich selbst wurde beauftragt, die Leitung der Quarantäne zu übernehmen.
Dies war nun ein sehr kühler Empfang, wie wir ihn nicht erwartet hatten. Und unsere Immigranten paradirten doch alle in ihrem schönsten Sonntagsstaat, und der Kapitän, der gänzlich ignorirt wurde, hatte doch alle Räume aufs Sorgfältigste rein machen lassen, viel reiner als sie jemals während der ganzen Reise gewesen. Alles vergebene Mühe. Und jetzt sollten auch noch die frischgestrichenen Böte ausgesetzt werden, an denen die Farbe noch kaum fest haftete, und an denen der Kapitän selbst mit Liebe herumgekleckst hatte. Dies war keine geringe Aufgabe bei dem eben herrschenden Unwetter. Wir hatten deren fünf an Bord, aber nur die kleine Jolle hing an Davids, die vier grossen lagen innen auf den beiden Deckhäusern.
Unter solchen Umständen konnte es nicht überraschen, dass sehr bittere Gefühle den Lenker der Euphrosyne durchzuckten, und schliesslich in einem Wuthausbruch ihre Aeusserung fanden, der hauptsächlich gegen mich als supponirten Veranlasser der Quarantäne sich richtete, der aber als etwas schon öfter Dagewesenes keinen besonderen Eindruck mehr zu machen vermochte und mich nicht abhielt, wiederholt den grimmigen Tiger an seine Pflicht zu erinnern und um Beschleunigung der lässig betriebenen Arbeit zu bitten.
Mehr als zwei Stunden verstrichen, bis die Böte zu Wasser waren, und ich hatte nun Musse, vom Achterdeck aus die neue Umgebung zu betrachten. Dunkle graue Wolken flogen eilig über den Himmel. Eine Schaar fremdartiger Möven mit fremdartigem Geschrei kämpfte gegen den Sturm und spähte gierig nach den vom Ebbestrom weggetriebenen Abfällen des Schiffes. In der nächsten Nähe vor mir lag die kleine baumlose Insel, welche auf unbestimmte Zeit meine Domäne werden sollte, mit der Immigrantenkaserne oben und steilen Felsen unten am Ufer, über die eine hölzerne Treppe vom Landungspier hinaufführte. Sie schien unbewohnt zu sein, kein Mensch war auf ihr zu erblicken. Ein immer heftiger werdender Wind peitschte die hüpfenden Wellen, pfiff durch die Takelage und warf sich zuweilen in orkanartigen Stössen auf das an den Ankerketten rüttelnde Schiff, über welchem nun die verdächtige gelbe Flagge wehte. In düsteren Umrissen begrenzten hohe Bergketten, welche bewaldet zu sein schienen, die Gegend, nach Süden ein schmales Stück Ozean offen lassend.
Die Böte leckten in allen Fugen und füllten sich, kaum zu Wasser gebracht, bis zum Rande. Die halbe Mannschaft war krank und die gesunde Hälfte missmuthig, dass sich die Ankunft in Wellington verzögerte und dass nun auch noch die Mühe des Hin- und Herruderns winkte. Der Kapitän tobte und fluchte.
Als ich endlich an die Insel fahren konnte und zum ersten mal nach vier Monaten wieder festen Boden unter den Füssen fühlte, war mir zu Muthe wie einem von schwerer Krankheit Genesenen, der seinen ersten Ausgang feiert. Es that mir leid, dass ich nochmals aufs Schiff zurück musste. Ich lernte Mister Koral, den Verwalter der Quarantänestation kennen. Der alte Herr war höchst bestürzt, so viel fremde Völker einquartiert zu bekommen, mit denen er sich nicht verständigen konnte.
Alle Passagiere an demselben Nachmittage zu landen, erwies sich bei dem herrschenden Sturm als unmöglich und wir durften froh sein, wenigstens die ledigen Männer mit Sack und Pack auf die Insel zu bringen. Die Familien und die einzelnen Frauenzimmer sowie sämmtliche Kranke hatten noch eine Nacht an Bord zu schlafen. So war unser kleiner Staat in zwei Theile getrennt. Wir hatten nur einen Koch, der natürlich auch an Bord bleiben und an Bord kochen musste. Die Passagiere auf der Insel erhielten ihr Essen deshalb nicht zur gewohnten Zeit und rächten sich dafür an dem frischen Proviant, der aus der Stadt kam und von den Lieferanten in der irrigen Meinung, dass wir bereits alle gelandet seien, statt aufs Schiff auf die Insel dirigirt worden war, so dass nun die Passagiere an Bord sich um ihr frisches Fleisch, ihr frisches Gemüse und ihr frisches Brot betrogen sahen, auf das sie sich so sehr gefreut hatten. Eine endlose Reihe von Missverständnissen entwickelte sich aus diesem Zustand der Zersplitterung bei der durch das Unwetter erschwerten Kommunikation mit der Insel. Wir waren ganz allein auf uns selbst und auf unsere lecken Böte angewiesen. Kein Mensch kam uns zu Hilfe, und wären nicht oben auf Somes Island die Baracken gewesen, wir hätten uns in einem ganz neuentdeckten, wilden Lande glauben können. Von da, wo wir lagen, sah man nicht einmal Schiffe.
Die Kommissioners paddelten zwar gegen Abend nochmal aus Wellington herbei, aber nur, um ihre unzufriedene Verwunderung auszudrücken, dass noch nicht alle Immigranten gelandet seien, und den Kapitän aufzufordern, eines der Böte einem Haufen Bettstroh nachzuschicken, welches über Bord gefallen war und vom Winde in der Richtung nach dem Hauptlande entführt, Infektionsstoff dorthin verschleppen konnte.
Das Wetter des folgenden Tages war wenn möglich noch schlimmer. Es stürmte ohne Unterlass. Zum Ueberfluss hatten sich während der Nacht neue Schwierigkeiten hinzugesellt. Das Schiff war mitsammt seinen beiden Ankern von den Böen und der See um mehr als eine Meile zurückgetrieben und dadurch die Distanz vom Landungspier um fast ebenso viel vermehrt worden. Eines der am Hintertheil befestigten Böte hatte sich losgerissen und war spurlos verschwunden, und in einem anderen hatten die zwei Matrosen der Morgenwache, des langweiligen Bordlebens müde, das Weite gesucht.
Doppelt intensives Fluchen und Toben des Kapitäns war die unausbleibliche Folge. Er unterlag dem Uebermass der auf ihn einstürmenden Zorngefühle und betrank sich. Er lallte schliesslich nur mehr spanisch zu mir, wenn ich ihn um etwas bat. In der Vorkajüte brüllte ohne Unterlass der Bootsmann mit seinem zerschossenen Vorderarm, im Hospital winselten die delirirenden Typhuskranken und draussen auf Deck schimpften sich die Passagiere um ihre Bündel.
Wäre nicht die Dampfbarkasse der Kommissioners wieder erschienen, und hätten nicht diese auf meine dringenden Vorstellungen hin sich unser erbarmt und uns ins Tau genommen, wir hätten Somes Island niemals erreicht. Die wenigen Matrosen, welche dienstfähig waren, konnten die schweren Böte kaum gegen Wind und Wellen halten, viel weniger vorwärtsrudern.
Wir kamen merkwürdiger Weise alle glücklich und ohne erheblichen Unfall auf die Insel, trotz des Wirrwarrs und des Geschreis der Frauen und Kinder, die sich fürchteten, in die auf und nieder fliegenden Fahrzeuge zu steigen, und trotz der Brandung an den Felsen des Ufers, in die gerade das Boot mit den Kranken gerieth, so dass wir Gesunde hinausspringen mussten, um es mit den Händen zu dirigiren und das Umschlagen zu verhindern. Wenn ich jetzt zurückdenke an jene Szenen der Landung auf Somes Island, an die lecken Böte, in denen zwei Mann fortwährend mit Eimern auszuschöpfen hatten, nur damit das Wasser auf einem gewissen Niveau blieb, an das Angstgeschrei der dicht zusammengedrängt zwischen Bettzeug und Kisten verpackten Kinder, Weiber und Männer, die alle mit dem Heulen des Sturmes wetteiferten, die Worte der Kommandirenden unverständlich zu machen, an die unruhig hüpfende See, welche zu beiden Seiten hineinschlug und die Menschenknäuel rastlos auf und nieder warf, hier die Böte an der Falltreppe, dort am Pier oder an den Felsen zu zerschellen drohte, so kommt es mir ganz wunderbar und kaum glaublich vor, dass wir alle mit heiler Haut der Todesgefahr entrannen.
Der Sturm hielt noch über eine Woche an und störte wesentlich den wiedererlangten Genuss des Lebens auf fester Erde und in geräumigeren Wohnungen. Wir sollten alle Tage Proviant aus Wellington erhalten, aber einigemale kam keiner, wahrscheinlich weil es dem Lieferanten zu stark wehte, und wir mussten zu Salz- und Büchsenfleisch zurückgreifen, mit der unerfreulichen Aussicht auf eine Hungersnoth, falls die vorhandenen Vorräthe zu Ende gingen, ehe ruhigeres Wetter eintrat.
Die Euphrosyne wurde nach etlichen Tagen durch die Kommissioners von der Quarantäne freigesprochen und ging an die Stadt, nachdem die Bettverschläge und sonstigen Einrichtungen für die Immigranten herausgerissen und auf Somes Island gebracht und das Zwischendeck und die Hospitäler mit Chlor und Schwefel geräuchert und frisch gekalkt worden waren. Wir sahen uns dann ganz allein auf der kleinen Insel, die man bequem in einer halben Stunde hätte umgehen können, wenn die Ufer nicht aus steilen Felsen bestunden. Ringsum die tosende See, die uns von der übrigen Welt trennte, uns die Verbannten, Gemiedenen, mit der gelben Flagge Gebrandmarkten. Die Ankunft des Proviantbootes, welches zuweilen auch Briefe brachte, bildete das einzige Ereigniss des täglichen Lebens, und man fühlte sich beunruhigt, wenn es nicht zur gewohnten Stunde kam.
Ich hatte in den ersten zwei Wochen wahrlich keine Zeit, mich zu langweilen. Sie gehören zu den bewegtesten Perioden meines Lebens. Ueberall gab es zu organisiren, Unfällen, Missverständnissen, Streitigkeiten und Klagen abzuhelfen. Mister Koral der Verwalter gerieth oft in Verzweiflung beim Proviantaustheilen und rannte dann regelmässig zu mir um mich zu Hilfe zu rufen.
Und während der ganzen Zeit wehte der widerwärtigste Sturm. Gleich am zweiten Tag deckte er uns das Küchengebäude ab und zertrümmerte den Schornstein des Heerdes und diesen selbst. Wir mussten nun im Freien kochen, und zwar unten auf den Geröllblöcken des Ufers, da oben das dürre Gras hätte Feuer fangen können. Ein anderes mal rüttelten in der Nacht die Windstösse so eindringlich an den Baracken, dass eine förmliche Panik die Bewohner der oberen Stockwerke ergriff. Sie flüchteten in die Erdgeschosse. Die Bewohner dieser, dadurch in ihrer Ruhe gestört, remonstrirten dagegen. Eine Keilerei entwickelte sich, und die ganze unwillkommene und unangekleidete Gesellschaft verfügte sich in meine Wohnung und holte mich aus dem Bett, den Streit zu schlichten. Seit jener Nacht gab es in jedem der vier grossen Gebäude zwei feindliche Etagen – eine neue Gruppirung von Gegensätzen, deren wir bereits genug besassen. Denn nicht nur die Nationalitäten und die Familien hassten einander, man hasste sich ausserdem noch häuserweise, parteienweise, individuenweise, kurz nach allen Dimensionen des Raumes, nach dem Alter, nach dem Geschlecht, die Kranken hassten die Gesunden, die Gesunden die Kranken.
Nur in der Opposition gegen mich und meine Organe waren sie Ein Herz und Eine Seele. Ein Hauptstein des Anstosses war ein Paragraph in den Vorschriften der Quarantäne, dass die männlichen Immigranten täglich vier Stunden arbeiten sollten. Nach einem Plane, den ich von der Regierung erhielt, sollten Wege und Baumalleen auf der Insel angelegt werden, und dass die Regierung die vielen Arbeitskräfte, die sie ernährte, in höchst bescheidenem Umfang hiezu in Anspruch nahm, war gewiss eine billige und weise Massregel, abgesehen von der psychischen Nothwendigkeit einer Beschäftigung. Aber meine Leute waren durch die lange Seereise so sehr ans Faullenzen gewöhnt und demoralisirt, dass sie sich hartnäckig dagegen auflehnten. Sie behaupteten, ungerechter Weise auf der Insel zurückgehalten zu sein, man schrie Verrath. Die ganze Wuth richtete sich gegen mich, und eine Rebellion entstund, die mir für einen Tag keine geringe Verlegenheit bereitete. Ich hielt Reden an das versammelte Volk, ich versuchte es mit Güte, ich drohte. Zum Glück war man thöricht genug, meinen Versicherungen, dass ich telegraphisch Militär von Wellington requiriren würde, dessen Unterhalt den Immigranten zur Last fiele, Glauben zu schenken. Das Militär allein ohne den Geldpunkt würde sicher keinen Eindruck gemacht haben. Vor den Unkosten aber fürchteten sich alle. Die Widerspenstigen gehorchten und fingen an wenigstens zum Schein zu arbeiten. Diese Leichtgläubigkeit war meine Rettung. Denn die Drohung mit dem Telegraphen war eitel Wind gewesen. Ich besass zwar Flaggen zum Signalisiren, aber bei dem herrschenden trüben Wetter würden meine Signale von keinem Punkt des Festlandes aus bemerkt worden sein.
Ueberall war der Tabak ausgegangen, und unsere Leute verfielen nun auf ein gräuliches Surrogat. Sie rauchten Theeblätter, indem sie dieselben trockneten, nachdem bereits Thee daraus gewonnen worden war. So sehr ich auch vom wirthschaftlichen Standpunkt aus dieser intensiveren Verwerthung eines Stoffes meinen Beifall zollen musste, so konnte ich doch nicht gestatten, dass die Wohnräume in solcher Weise verpestet wurden. Ich verbot das Rauchen im Innern der Häuser und hatte damit leider eine neue Quelle von Uebertretungen und Unannehmlichkeiten eröffnet. Auf der Euphrosyne war es viel leichter gewesen die Leute vom Rauchen im Zwischendeck abzuhalten durch das Schreckgespenst eines Schiffsbrandes. Jetzt fürchteten sie sich nicht mehr so sehr vor einer Feuersbrunst.
Der Typhus forderte noch zwei Opfer, und diese mussten den Quarantäne-Vorschriften gemäss so bald als möglich beerdigt werden. Es war schwer, unter meinen Passagieren die nöthigen Arbeiter zur Herstellung der Gräber zu gewinnen, und wurde es dunkel, so war keiner beherzt genug, auf dem Friedhofe zu bleiben, wenn ich nicht selbst blieb und beständig zur Arbeit anhielt. Beide male traf es sich so, dass die Bestattung erst spät in der Nacht vorgenommen werden konnte.
Die Unglücklichen, welche jene heimtückische Seuche in der Blüthe der Jahre hinwegraffte, ein junger Mann und ein junges Mädchen, hatten wohl nicht geahnt, ein wie frühes Grab und unter welch eigenthümlichen Umständen sie im Land ihrer Hoffnungen finden sollten, als sie die ferne Heimath verliessen. Nur wenige Gefährten vermochten die Schauerlichkeit der mitternächtigen Stunde zu überwinden und folgten als Leidtragende nach dem Friedhof, auf welchem bereits eine lange Reihe von Immigrantenschiffen ihre Spuren in Form schmuckloser Grabhügel hinterlassen hatte. Ringsum die schwärzeste Finsterniss, deren Wirkung das schwächliche Licht unserer Laternen nur erhöhte. Der Wind fegte über die Insel und peitschte den Regen uns ins Gesicht und an die klappernden Laternen. Tief unten brauste und dröhnte die See. So verrichteten wir schweigend das traurige Geschäft. Ein kurzes Gebet, vom Schulmeister gesprochen, dann griff Alles zu den Schaufeln und bedeckte schnell den rohen Brettersarg mit Erde.
Auch auf dem Hauptland richtete der Sturm Verwüstungen an. Waldbrände verbreiteten sich ringsum an den umgebenden Hügelketten trotz der häufigen und heftigen Regengüsse, und in einer Nacht schienen an zwei von einander unabhängigen Stellen ganze Berge in Gluth zu stehen, ein schönes ergreifend grossartiges Schauspiel.
Fünfundfünfzig Tage dauerte für mich die Verbannung auf Somes Island. Glücklicher Weise waren jedoch nur die zwei ersten Wochen so reich an Mühen und Aufregungen, und allmälig trat nicht nur ruhigeres Wetter, sondern auch Ordnung und Regelmässigkeit in meinem kleinen Staate ein. Die Gesunden lebten streng von den Kranken gesondert, hatten zu baden, ihre Kleider zu waschen und zu räuchern und wurden in einzelnen Abtheilungen nach Wellington abgeholt, sobald ich sie für rein und frei von Krankheit erklärt hatte. So schmolz die Einwohnerzahl von Somes Island zu meiner grössten Freude immer mehr zusammen und schliesslich hatte ich nur mehr ein paar Dutzend Kranker und Rekonvaleszenten mit ihren Angehörigen in den Baracken. Ich konnte jetzt meine Blicke freier um mich wenden und wieder Neigungen ausserhalb der Berufssphäre nachgehen.
Meine bisherigen Erfahrungen über Neuseeland hatten sich nur auf die überraschenden meteorologischen Eigenthümlichkeiten und auf die Liberalität, mit welcher die Kolonialregierung für ihre Einwanderer sorgt, bezogen.
Diese letztere verdient in der That die höchste Bewunderung. Es ist kaum glaublich, welche verhältnissmässig enormen Geldmittel die noch lange nicht eine halbe Million Köpfe zählende Kolonie aufwendet, um einen stetigen Zufluss von Einwanderern zu erhalten. Nicht genug, dass Neuseeland den meisten derselben die Passage bezahlt hatte, wurden diese auch nach ihrer Landung in Wellington noch so lange verpflegt bis sie Arbeit erhielten. Es liegt nahe zu glauben, dass die Regierung später hiefür vielleicht eine Art Abzahlung oder wenigstens das Verbleiben im Lande als Gegenleistung verlangte. Solches ist aber durchaus nicht der Fall. Jeder in Wellington angekommene Immigrant ist sofort frei, zu gehen wohin ihm beliebt – eine Freiheit, die nicht gar selten dazu benutzt wird, mit der ersten Gelegenheit nach Australien überzusiedeln. Um derartige vereinzelte Fälle kümmert sich die Regierung nicht. Sie rechnet nach echt englischer Weise nur mit grossen Zahlen, ohne kleinlich zu kontroliren. Kostet ja die Kontrole oft mehr als die Nichtkontrole. Dass trotz dieser vorzüglichen Einrichtungen viel Gejammer von Auswanderern in den Zeitungen zu hören ist, kann nicht befremden, wenn man bedenkt, dass erstens auch in Neuseeland die schlechten Zeiten nicht ausgeblieben sind, und dass Auswanderer in der Regel einer Bevölkerungsklasse angehören, unter welcher viel arbeitsscheues Gesindel sich findet. Auswanderung ist überhaupt eine Sache, bei der es selbst unter den besten menschenmöglichen Bedingungen nie ohne Härten abgeht.
Das Bewusstsein, die grosse wenig erfreuliche Gesellschaft los zu sein und nicht mehr Tag für Tag alle die dummen und unzufriedenen Gesichter sehen zu müssen, an deren jedes sich irgend eine unerquickliche Erinnerung knüpfte, gehörte entschieden zu den grössten Annehmlichkeiten, die ich jemals empfunden habe. Ruhe war mein erstes Bedürfniss. Sie wurde mir jetzt zu Theil, und nur wenn der Wind wieder um unsere exponirten Gebäude zu heulen und an ihnen zu rütteln begann, wurde sie einigermassen gestört.
Ich hatte eine reizende Dienstwohnung ganz nach meinem Geschmack. Zwei sehr geräumige Zimmer, spartanisch einfach und englisch solide möblirt, jedes mit grossen Fenstern auf zwei Seiten, erlaubten mir, mich mit allen meinen Sachen gehörig auszubreiten, ein unschätzbares Vergnügen nach den mühseligen Einschränkungen des Schiffslebens. Alles in der Einrichtung war zweckmässig und nichts überflüssig. Die weissgetünchten Bretterwände waren zwar ziemlich undicht, so dass ich an einigen Stellen kaum mit einem brennenden Lichte vorübergehen konnte, ohne dass es ausgeblasen wurde, und jeder etwas stärkere Wind drang durch den dünnen frei auf einigen Balken über der Erde ruhenden Boden und hob den Teppich stossweise in die Höhe, dass er wogte wie ein stürmisches Theatermeer, und regnete es, so bildete sich bald vor jedem Fenster ein kleiner See mit einem Stromsystem bis zum Fusse der gegenüberliegenden Wände.
Die Aussicht aber war ganz unvergleichlich schön. Kurz vor den Fenstern stürzte der Berg zu der grünen Wasserfläche hinab, auf welcher winzig kleine Fischerböte mit rothen Segeln schaukelnd ihre Kreise abritten. Möven flogen in gleicher Höhe auf Schussweite vorüber, erschrocken abbiegend, sowie sie mich hinter den Glasscheiben erblickten. Die dunklen Bergketten, welche die Bucht umgrenzten, gewährten noch einige male in der Nacht das Schauspiel ausgedehnter Waldbrände, und an hellen, sonnigen Tagen konnte ich zuweilen mich damit unterhalten, mit dem Fernrohr die Strassen von Wellington zu durchwandern.
Manchmal kreuzten grössere Segelschiffe unten vorbei, entweder vom Ozean draussen herein in den Hafen oder wieder hinaus. Port Nicholson ist bequem und geräumig genug, dass man der Schleppdampfer hiezu entbehren kann. Auch die Euphrosyne sah ich eines Tages wieder in See stechen. Sie ging nach Peru, um Guano zu nehmen. Ich bemitleidete meine alten Gefährten, die auf ihr hinwegfuhren, alle, am meisten aber unseren Hannes, an dem sich jetzt der ganze Grimm des Kapitäns und der Offiziere ungestört entladen mochte.
Grössere Bäume gab es nicht auf der Insel. Man hatte zwar angefangen, australische Eukalypten und englische Fichten anzupflanzen, aber die Pflänzchen waren noch klein und schwach. Ein hohes schilfartiges Gras, die Arundo conspicua beherrschte den Charakter der Vegetation, und überall auf den Hügeln stunden in mächtigen Büscheln ihre schlanken Halme und wiegten graziös seidenglänzende fiederige Rispen im Winde. Somes Island ist berühmt wegen dieses schönen Grases. Häufig kommen, wenn die Quarantäne leer steht, Lustpartieen hieher und holen sich davon zum Schmuck der Wohnungen. Ich habe auch nie mehr später auf Neuseeland die Arundo conspicua so reich und herrlich entwickelt gefunden. Auf den Felsenkanten der schattigen Südseite wuchs Phormium tenax, der Neuseeländische Flachs, und in einer Schlucht entdeckte ich einmal zwei kümmerliche Kohlpalmen, die so charakteristische Cordyline australis, den Cabbage Tree der Engländer, den ich später noch so oft und so viel grösser zu sehen bekommen sollte. Damals war er mir neu und merkwürdig.
Es war Spätherbst, und die Sommersonne hatte Alles gelb und welk gebrannt. Nur in den Felsenklüften der Südseite, wohin die Sonne nicht dringen konnte, grünte es noch lebhaft von Farnen, welche einige Höhlen zu feenhaften Gemächern austapezierten. Eine scharfe Ecke springt zwischen Süd- und Westseite vor, und eben so scharf wie diese Ecke, war damals die Grenze zwischen Kahlheit und Dürre und üppigstem Grün.
An ungezähmten Säugethieren gab es nur einige verwilderte Katzen und eine Menge Ratten, welche jenen zur Nahrung dienten. Beide stammten von europäischen Schiffen her. Mister Koral hielt sich ein paar Ziegen. Schafe durften nicht gehalten werden, weil ihre losgerissene Wolle Krankheitsstoffe nach Wellington führen konnte.
Weite Ausflüge waren auf der kleinen Insel allerdings nicht möglich. Doch boten Spaziergänge den steinigen Strand entlang oder Kletterpartieen über die Felsblöcke des Ufers stets grossen Genuss und zur Zeit der Ebbe reiche zoologische Beute.
Das am meisten zerklüftete Südufer wimmelte dann von natürlichen Aquarien jeder Grösse, welche die weichende Fluth in den Löchern und Tümpeln zurückgelassen hatte. Aktinien blühten da in allen Farben zwischen Meerlattich und Tang. Fische aller Art und steifbeinige Garneelen schossen in ihnen herum und suchten sich vergebens hinter Steine zu retten. Alles sass voll von Aszidien, Schnecken und Muscheln, in jeder Rille klebte ein schöner Chiton. Manch werthvolles Mollusk habe ich dort gesammelt. In den Höhlen und Klüften, die oft senkrecht zum dunklen Grunde hinabstürzten, überzogen hellviolette Kalkalgen das ganze Gestein, soweit es im Bereich der Fluth lag, und von oben hingen Farnornamente herunter und spiegelten sich in den Wellen. Unzählige Seesterne und Seeigel, seltener auch Holothurien, klammerten sich an die Wände des Grundes, und hie und da glitt ein mächtiger schwarzer Fisch durch die Tiefe.
Da wo an den äussersten vorgeschobenen Klippen die Wogen sich brachen, lebten dickschalige Bewohner der Brandung, derbe, faustgrosse Trochen und Turbonen und eine riesige Haliotis. Letztere saugten sich gewöhnlich so fest, dass sie nur mit dem Messer loszumachen waren, ebenso wie die Chitonen. Hie und da gelang es mir, schnell ehe sie sich duckten, die Fingerspitzen zwischen den Rand ihrer Schale und die sammtenen Fortsätze des Mantels zu schieben, und dann riss ich stets die blosse Schale vom Thier ab, während dieses selbst hartnäckig sitzen blieb.
Doch auch zu kulturgeschichtlichen Studien bot ein Spaziergang unten am Strande Gelegenheit. Von verschiedenen Schiffen, die vor uns auf der Insel in Quarantäne gewesen waren, lagen hier die Ueberreste ihrer Einrichtungen, ganze Berge von Kojenbrettern, um allmälig als Feuerungsmaterial aufgebraucht zu werden, und dazwischen zerstreut Deckhäuschen und Luckenkappen, Ventilationsröhren und Klosettbestandtheile. Es berührte mich unangenehm, einen auffallenden Unterschied zwischen den englischen und deutschen Artikeln dieser Art konstatiren zu müssen. Von den englischen Schiffen war Alles so solid und selbst elegant gearbeitet, dass ich mich schämte, unseren lotterigen deutschen Trödel daneben liegen zu sehen. Wie oft hatte ich von Engländern Anspielungen und Klagen über die schlechte Ausrüstung unserer Schiffe zu hören und ruhig hinzunehmen, ohne im Stand zu sein, sie als unbegründet zurückzuweisen.
Auf der Südkante, dem Eingang von Port Nicholson und dem Ozean zugewendet, stand oben der Leuchtthurm. Zwei Wächter bewohnten ihn, von denen der jüngere eine Frau besass. Mit ihnen sowie mit Mister Koral und dessen Tochter, die von Wellington herübergekommen war, die Verbannung ihres alten Vaters zu erleichtern, habe ich manchen angenehmen Abend zugebracht. Waren auch die beiden Leuchtthurmwärter der Einsamkeit ihres Lebens entsprechend einsilbig genug, und kann ich mich auch nicht erinnern, von dem älteren derselben mehr als ein stereotypes tägliches »Good Morning Sir, nice Morning Sir« mit einer Betonung als ob ich das Gegentheil behauptet, gehört zu haben, so waren sie doch die liebenswürdigsten Menschen, die mir jeden Gefallen thaten. Wir fuhren zusammen zum Fischen oder machten Segelpartieen um unser Eiland.
An Gelegenheit zur Wasserjagd fehlte es niemals. Auf den Klippen ringsherum wimmelte es von Möven verschiedener Arten. Kormorane trieben sich dazwischen herum, waren aber nur schwer zum Schuss zu bekommen. Um auszuruhen, wählten sie immer die entferntesten Felsenspitzen, die eine weite Umschau gestatteten, und seltsam zeichnete sich oft ihre Silhouette vom Himmel ab, wenn sie regungslos auf einer Kante sassen, ihre nassen Flügel zum Trocknen ausgebreitet und schlaff herabhängend, nicht unähnlich einem zerzausten Preussischen Adler. Versuchte man sich ihnen zu nähern, flugs waren sie weg und verschwunden.
Das interessanteste Wild auf der Insel aber waren die zahlreichen Pinguine der kleinen blauen Art, die hier eine Hauptstation zu haben schienen.
Einmal in einer schönen Mondnacht schrieen sie so laut vom Strande herauf, dass ich sie durch die geschlossenen Fenster bis in mein Zimmer hörte. Es mussten mehrere Dutzend sein. Ich nahm meine Büchse, kletterte die mir wohlbekannten beschwerlichen Pfade hinab und setzte mich in den Schatten eines Felsblocks um zu lauern. Aber nichts liess sich blicken, obwohl ich fast zwei Stunden blieb.
Die Poesie der Umgebung entschädigte mich reichlich für jegliche Beute. Nur das Anschlagen der glitzernden Wellen gegen die Felsenthore und Klüfte des Ufers, deren groteske Formen im ungewissen bleichen Lichte des Mondes schwammen, unterbrach die feierliche Stille der Nacht. Oben strahlte das südliche Kreuz und weiter nördlich der Skorpion, der zwölf Stunden später auch auf die ferne Heimath herabsah. Geheimnissvolle Stimmen regten sich zuweilen draussen über dem Wasser. Schaaren von Möven schliefen dort auf einsamen Klippen, und häufig stritten sich ein paar von ihnen um die Plätze. Und plötzlich liessen sich dann auch die Pinguine hören, so nahe, dass ich sie sehen zu müssen glaubte. Zuerst begann einer allein sein hässliches Jauchzen und Gurren, andere antworteten ihm, und dann fiel der ganze Chor ein und gurrte und jauchzte so schauerlich und unnatürlich, als ob eine Schaar dämonischer Geschöpfe aus der Apokalypse hinter den nächsten Felsen versteckt war. Dann trat auf einmal wieder Stille ein und nur die Wellen plätscherten leise.
Erst nach langem Suchen gelang es mir, in einer der vielen Höhlen am Strande, in welchen sie sich während des Tages aufzuhalten schienen, drei Pinguine zu fangen. Sie verriethen ihre Anwesenheit durch dieselben gurrenden Töne, die ich schon öfter in der Nacht gehört, und die sie wahrscheinlich erschreckt durch das Geräusch, welches ich beim Herumklettern machte, ausstiessen.
Ich zündete eine Kerze an und kroch auf dem Bauch in die immer enger und niedriger werdende Höhle bis ich nicht mehr weiter konnte. Da sassen denn meine Vögel in einem nur fussbreiten Loch, kein Meter von mir entfernt aber unerreichbar für die Hand, und gurrten und fauchten so giftig, dass ich fürchtete, sie möchten mir ins Gesicht springen, was in meiner eingeklemmten Lage sehr unangenehm werden konnte. Ich blieb ruhig liegen und bohrte mein Licht in den Boden. Das Licht schien die Neugierde der Pinguine lebhaft zu reizen. Sie beruhigten sich und hörten auf zu gurren, da sie nur mehr das Licht beguckten.
Langsam kam jetzt einer heraus aus dem Loch, das seltsame Phänomen genauer zu untersuchen. Auf mich schienen sie ganz vergessen zu haben, da ich mich nicht regte und kaum zu athmen wagte. Immer näher und näher kam er der tückisch auf ihn lauernden Hand. Ein rascher Griff und ich hatte ihn beim Kragen. Er sträubte sich wüthend und biss heftig um sich, seine Kameraden fauchten und gurrten, ich rutschte zurück und steckte ihn draussen in einen mitgenommenen Sack. Ganz auf dieselbe Weise fing ich auch die zwei anderen. Nach zehn Minuten ruhigen Liegens hatten sie mich vergessen und schlichen hervor, das Licht zu begucken.
Den letzten liess ich frei und ins Wasser laufen, um seine Schwimmkunst zu beobachten. Eilig hüpfte er gleichbeinig über die Blöcke des Ufers, bis er das rettende Element erreichte. Dann tauchte er unter und blitzschnell, seine Vogelgestalt in die eines Fisches verwandelnd, war er verschwunden. Nach einer Minute tauchte er einen Büchsenschuss weit entfernt wieder auf, um zu athmen. Ich machte eine Bewegung und abermals war er weg.
Meine zwei Gefangenen brachte ich nach meiner Wohnung, wo ich ihnen eine helle, luftige Kammer einräumte. Trotz aller Bemühungen, ihnen ihren Aufenthalt so komfortabel als möglich zu machen, gelang es mir nicht sie zum Fressen zu bewegen. Ich liess für sie ein grosses Salzwasserbassin und einen kleinen Garten mit Ufergewächsen anlegen, ich gab ihnen lebende Fische und Würmer, ich versuchte sie gewaltsam zu füttern – sie bestanden hartnäckig auf dem Fasten.
In der Nacht fingen sie einmal, als der Mond zu ihnen hereinschien, zu fauchen und zu gurren an und versetzten meine Krankenwärterin, welche neben ihnen schlief, in die grösste Angst und Bestürzung. Das abergläubische Weib glaubte, es seien böse Geister, die ihren Spuk trieben. Da ich mittlerweile einsehen musste, dass alle meine Mühe mit ihnen vergeblich war, so tödtete ich die armen Thiere, um sie nicht länger leiden zu lassen, nachdem sie zwölf Tage gefastet hatten.
An den schönen warmen und windstillen Tagen, die auf die erste Periode der Stürme folgten, ruhte über unserer Insel eine idyllische Sabathruhe, welche, so wohlthuend sie im Anfang war, auf die Dauer langweilig wurde, und ich begann schliesslich mit dem Köter des Leuchtthurmwächters zu sympathisiren, dem unser Mangel an Ereignissen gleichfalls nicht zu behagen schien. Er war ein gutmüthiger struppiger Kerl, der keinem Menschen was zu Leide that. Aber er litt beständig an der schrecklichsten Beschäftigungslosigkeit und rannte oft Tage lang vom Leuchtthurm nach den Baracken und von diesen zum Leuchtthurm hin und her, um zu sehen, ob es nichts für ihn zu thun gäbe. Selbst mitten in der Nacht liess es ihm manchmal keine Rast, er konnte nicht schlafen und trabte dann regelmässig zu mir herauf, um vor meinem Fenster so lange zu heulen, bis ich aus dem Bett sprang und ihn mit einem Prügel den Berg hinabjagte, was indess unserer Freundschaft während des Tages keinen Abbruch that.
Bald trat eine zweite Periode der Stürme ein, und es herrschte wieder ein Wetter, wie es für den neuseeländischen Herbst charakteristisch sein soll. Dunkle Wolken flohen heftig über den Himmel, durch deren Lücken die Sonne feine Lichtblicke herabsandte. Ueber Wasser und Land, über Berg und Thal glitten diese als hellstrahlende Inseln dahin, verfolgt von düsteren schwarzen Regenschauern, ein nie aufhörender Wechsel in der Beleuchtung. Dann rüttelte wieder der Wind heulend an unseren leichtgebauten zitternden Häusern, und man war ins Zimmer gebannt.
Ich sah bereits mit Schmerzen meiner Erlösung entgegen, als mir eines Morgens gemeldet wurde, es sei ein Schiff mit der gelben Flagge im Grosstop hereingekommen und liege unten an der Insel vor Anker. Dies war mir keine sehr angenehme Ueberraschung. Denn ein Zuwachs von Kranken wäre gleichbedeutend mit einer Verlängerung meines Amtes gewesen. Uebrigens ging das Schiff am Nachmittag an die Stadt und mir fiel ein Stein vom Herzen.
Am 12. Mai schlug für mich endlich die ersehnte Stunde. Meine bis auf fünf Köpfe zusammengeschmolzenen Kranken waren so weit genesen, dass sie keiner täglichen ärztlichen Beaufsichtigung mehr bedurften. Ich wurde von der Barkasse der Kommissioners abgeholt und siedelte nach Wellington über. Ich war frei.
VI.
WELLINGTON.
Erste Eindrücke. Lage der Stadt. Sehenswürdigkeiten. Das Museum, der botanische Garten, das Athenäum, der Gerichtshof. Allgemeines über Neuseeland. Der Königin Geburtstag. Die Maoris. Mortalität auf Auswanderersegelschiffen.
Was mir an Wellington, der Metropole Neuseelands, zuerst auffiel, war, dass es durchaus nicht amerikanisch aussah, wie ich von einer so jungen Stadt erwartet hatte. Es fehlte vor Allem jenes Charakteristikum amerikanischer Städte, welches in der Lotterigkeit und Unreinlichkeit der Strassen, in einem gewissen Bombast der Architektur und in der bunten Farbenmenge der Aufschriften besteht. Die Häuser von Wellington sind klein, bescheiden und anmuthig, die Strassen sauber und zu beiden Seiten mit wohleingefassten Trottoiren versehen. Das Ganze trägt den Charakter Old Englands.
Eine Hügelkette tritt nahe ans Ufer vor und zwingt einen Theil der Stadt, sich sowohl terrassenförmig an ihr aufzubauen als auch den seichteren Partieen des Hafens Land abzugewinnen, womit Geröll herbeischleppende Eisenbahnzüge auf der nur wenige Kilometer am westlichen Rande der Bai hin nach einem Dorf namens Hutt River führenden Strecke fortwährend beschäftigt sind. Mag dieses auch viel Geld kosten, und wird auch deshalb viel wegen verfehlter Anlage geschimpft – und wo in der Welt wird nicht geschimpft – die Ansicht von Wellington ist durch solche Terrainschwierigkeiten nur um so hübscher. Der Tourist kümmert sich bekanntlich egoistischer Weise nicht um die Kosten, die eine schwierige Landschaft macht, wenn sie nur das Auge befriedigt.
Ein langes und mächtig breites Pier führt hinaus zum tieferen Wasser, wo die grossen Schiffe liegen. Ihm gegenüber steht das Zollgebäude und die Post. In Folge eines Erdbebens, welches vor etwa zwölf Jahren die Bevölkerung in einen noch jetzt nicht ganz verklungenen Schrecken gesetzt hat, sind alle Häuser von Holz bis auf zwei von Backstein, die deshalb als Merkwürdigkeiten gezeigt werden. Das Holz als Baumaterial thut übrigens dem Styl der Bauwerke keinen Eintrag. Das neue Regierungsgebäude ist ein stattlicher Palast in der gediegensten Renaissance, und die Hauptkirche täuscht dem Fremdling von ferne eine stolze gothische Kathedrale aus weissem Marmor vor, bis er näher tritt, und der Marmor in eitel Tünche sich auflöst. Ueberall sind Gärten zerstreut, in denen der zwar höchst dankbare und nützliche aber unschöne aus Australien importirte Eukalyptusbaum vorherrscht.
Die ersten Tage in Wellington vergingen mir wie die meisten ersten Tage in überseeischen Städten. Man wird von dem deutschen Bruder und Landsmann in Beschlag genommen und als neueste Merkwürdigkeit überall herumgezeigt, man lässt sich treaten und treatet zur Abwechselung selbst, und legt sich am Abend mit schwerem Kopf und mit dem Gedanken, dass es eigentlich sehr viel langweilige Menschen giebt, zu Bett. Das in allen jungen Ländern aufrechterhaltene schöne Prinzip der Ständegleichheit und der in Abstrakto gewiss unanfechtbaren Hochhaltung der Arbeit scheint im grossen Ganzen auf den deutschen Gevatter Schneider und Handschuhmacher nicht sehr vortheilhaft einzuwirken. Er wird leicht unverhältnissmässig selbstbewusst.
Man trägt in Wellington fast niemals Handschuhe und befleissigt sich einer löblichen Enthaltung von Luxus und Kleiderpracht. Rothbackige Kinder tummeln sich auf den freien Plätzen. Reiter mit Marktkörben sprengen vom Lande herein um Vorräthe zu kaufen. Zeitungsjungen schreien mit denselben gellenden Stimmen wie in England oder Amerika ihre Blätter aus.
Ganz besonders unangenehm sind hier die meteorologischen Eigenthümlichkeiten des stürmereichen neuseeländischen Herbstes wegen der Fülle von Staub, die der sandige Boden liefert. Die Windstösse kommen so plötzlich und heftig, dass man oft mehrere Schritte zurückgedrängt wird, und einmal sah ich den grossen Jagdhund meines Hotelwirths von einem solchen dermassen überrascht, dass er schleunig sich umwandte und entsetzt mit eingekniffenem Schwanze davon lief. Es werden schauerliche Geschichten von der Gewalt des Windes erzählt. Manchmal soll es nicht möglich sein das Landungspier zu betreten ohne Gefahr ins Wasser geweht zu werden.
Unter den Sehenswürdigkeiten der Metropole nimmt das Museum die erste Stelle ein. Wie alle derartigen Institute ausserhalb Europas ist dasselbe ziemlich universeller Art. Naturalien und Kunstgegenstände, lebende Thiere und ein Münzkabinett, Waffen und getrocknete Pflanzen, alles Mögliche findet sich neben einander aufgestellt. Von hervorragender Schönheit ist das Innere eines Maoriversammlungsgebäudes, aus stylvollen Holzschnitzereien zusammengesetzt. Unter den Münzen sah ich einen bairischen Sechser neben chinesischen und brasilianischen Geldstücken paradiren. Ein grosser botanischer Garten war erst im Entstehen begriffen. Vorläufig erinnerte in der Wildniss hinter der Stadt, welche diesen Namen trug, nichts als das Verbot Pflanzen abzureissen und Hunde mitzubringen an ihre Bestimmung.
Ich besuchte das Hospital, das Irrenhaus und die Kaserne für die Immigranten, in welcher diese von der Regierung verpflegt werden, bis sie Arbeit gefunden haben, und fand Alles sehr gut und zweckmässig eingerichtet. Meinem Hotel gegenüber lag der Gerichtshof, ein griechischer Säulentempel. Die Richter schwitzen hier unter denselben altmodischen Perrücken wie zu Hause in England. Es wurde eben ein Ehescheidungsprozess verhandelt. Ein Chinese, der erste und letzte, den ich in Neuseeland sah, liess sich von seiner abwesenden weissen Gemahlin, die mit einem Anderen durchgegangen war, trennen. Das zahlreiche Publikum benahm sich ernst und würdig, obwohl das sonderbare Pidschin English des Mongolen die Lachlust erregte, so oft er den Mund aufthat. Neben dem Gerichtshof ist das Athenäum, ein Lesesaal, in welchem alle möglichen Zeitschriften aufliegen. Jede noch so kleine Stadt Neuseelands hat ihr Athenäum, in welchem der gebildete Fremde als Gast stets willkommen ist. Auch einen feinen Klub besitzt Wellington, unser Konsul hatte die Güte mich dort einzuführen. Im grossen hölzernen Theater wurde nicht gespielt, weil keine Schauspieler vorhanden waren. Man erwartete eben aus Melbourne eine für den Winter engagirte amerikanische Mimengesellschaft mit etlichen »Stars«.
Neuseeland macht unter allen Ländern, die ich kenne, den solidesten Eindruck. Man sieht keine Bettler. Es scheint ein mehr allgemeiner Wohlstand zu herrschen ohne die Extreme von Reichthum und Armuth. Die servilen noch immer mit dem Stempel ihrer einstigen Leibeigenschaft gebrandmarkten Bauerngestalten fehlen gleichwie in Amerika. Jedermann ist sich bewusst, im grossen Ganzen eben so viel werth zu sein wie ein Anderer.
Die Hotels sind gut und billig, billiger als bei uns und unvergleichlich besser. Ich habe selten mehr als acht Mark pro Tag bezahlt. »Two Shillings for the Bed and for every Meal« ist der beinahe allgemein übliche in ganz Australien geltende mittlere Satz, wofür bis auf die Spirituosen Alles gewährt wird, was die täglichen Bedürfnisse eines anständigen Menschen verlangen. Dass zu diesen auch ein Badezimmer, bei uns leider noch als Luxusartikel betrachtet, gehört, versteht sich in jedem Lande englischer Zunge von selbst. Keinem Menschen fällt es ein, Trinkgelder zu geben, die einer höheren Kulturstufe überhaupt unwürdig sind. Das Aufwartepersonal wird vom Wirth so gehalten, dass es nicht zu betteln braucht. Die Rubriken für »Bougies« und »Service« und ähnliche schmähliche Prellereien sind unbekannte Dinge. Eine Prostitution weisser Rasse giebt es kaum, oder sie ist auf das menschenmöglichste Minimum reduzirt. Bei der stark überwiegenden Zahl der männlichen Bevölkerung hat jedes neuankommende Mädchen die beste Aussicht, zu heirathen. Weibliche Dienstboten sind deshalb ein äusserst gesuchter Artikel, und die Löhne und Anforderungen derselben dürften nach den Begriffen deutscher Hausfrauen haarsträubend zu nennen sein.
Der Königin Geburtstag (24. Mai), der in die Zeit meiner Anwesenheit fiel, gab mir Gelegenheit, einem militärischen Schauspiel beizuwohnen. Die gesammte Miliz Wellingtons, Infanterie und Artillerie, rückte zur Parade aus. Sie ist ganz eben so gekleidet und equipirt wie die englische. Dass sie im letzten Maorikrieg wenig Erfolge gewann, konnte nicht wundern, wenn man sie sah. Eine grössere Strammheit zeigte die sehr geschmackvoll uniformirte, dunkelgrüne Konstabulary Force, die stehende Söldlingsschaar der Kolonie. Sie rekrutirt sich hauptsächlich aus Mauvais Sujets – jene Menschensorte, die in Bezug auf ritterliche Erscheinung dem Spiessbürger allenthalben überlegen ist.
Meine grösste Aufmerksamkeit zogen natürlich die Maoris auf sich. Man begegnet ihnen in Wellington ziemlich häufig auf der Strasse, und in einem Wirthshaus Namens »Crown und Anchor Hotel«, das sie mit Vorliebe besuchen, um dem Schnapstrinken zu fröhnen, kann man jederzeit sicher sein, eingeborene Zecher zu finden, meist alte Häuptlinge, die hier ohne Beschäftigung von dem Ertrag ihrer Landverkäufe leben. Das Frappanteste bei ihrem ersten Anblick sind die kunstvollen Tätowirungen, in die Haut einziselirte Arabesken von hohem Kunstwerth, welche über und über ihr Gesicht bedecken, so dass es von ferne ganz blau zu sein scheint, und welche ihren harten und grossen Zügen einen starken Ausdruck von Wildheit verleihen. Einige hatten etwas Stolzes und Gebieterisches in ihrer Haltung und trugen den Stempel einer ursprünglich edlen und hochbegabten, jetzt aber immer mehr verkommenden Rasse. Ihre Kleidung ist im Ganzen die der weissen Kolonisten und variirt in allen Graden der Verluderung. Es soll auch Gentlemen unter ihnen geben, und drei davon sitzen im Parlament und sehen nach Photographien zu urtheilen ganz respektabel aus, trotz ihrer Tätowirung, die überhaupt keinem Maoriaristokraten älteren Datums fehlt.
Bei ihren Weibern sieht man zuweilen schöne wohlgebildete Gestalten, aber naturgemäss giebt sich bei diesen die Verkommenheit noch viel deutlicher kund als bei den Männern. Struppig hängen ihnen die ungekämmten Haare in die Stirn herein, ihr meist grellfarbiger Anzug ist unordentlich, und die europäischen Röcke stehen ihnen eben so abscheulich wie allen Wildinen. Häufig hocken sie betrunken auf der Strasse herum. Die Weiber höherer Abkunft sind kenntlich an eintätowirten blauen Ornamenten, die sich auf das Kinn und die Lippen beschränken. Die Sprache der Maoris klang mir äusserst wohllautend. Wenn sie sich unterhalten, so begleiten sie ihre Reden gewöhnlich mit einem sehr lebhaften Mienen- und Geberdenspiel, wie alle leicht erregbaren Menschen. Ihr Jähzorn ist bei den Kolonisten sprichwörtlich geworden, sie sagen von einem jähzornigen Menschen, er habe ein »Maori Temper«.
Man erzählte mir, dass sie noch immer die alte Begrüssungsform des Nasenreibens übten. Ich lauerte aber in Wellington vergebens darauf. Erst später in Tauranga war ich so glücklich, diese eigenthümliche Sitte zu beobachten.
Die Maoris von Wellington wohnen zerstreut in den äusseren ländlichen Theilen der Stadt ungefähr ebenso wie ihre europäischen Nachbarn. Nur im »Te Aro« Viertel sind noch die Ueberreste einer ehemals grösseren Maori-Ortschaft gleichen Namens sichtbar, etwa sechs oder acht erbärmliche schmutzige Holzhütten. Dorthin begleitete ich einst einen mir befreundeten Arzt um einen alten Häuptling, der an Lähmung litt, zu elektrisiren. Ein Dutzend brauner Kerls mit blauen Gesichtern liefen zusammen, Zeugen unserer Zauberei zu sein. Schliesslich formirten wir eine Kette und elektrisirten die ganze Gesellschaft. Es war höchst komisch wie furchtsam sie gegen die geheimnissvoll brummende Maschine sich benahmen, und wie sie überrascht und entsetzt zusammenfuhren, als sie ihre Wirkung fühlten. Obwohl der Strom so schwach war, dass wir beide ihn durchpassiren liessen, ohne einen nennenswerthen Schmerz zu empfinden, schnitten die braunen Kerls Grimassen und stöhnten als ob sie gefoltert würden.
Der anständigste und zivilisirteste Maori meiner Bekanntschaft blieb immer mein erster, jener Steuermann der Barkasse, welche bei unserer Ankunft die Hafenkommission an die Euphrosyne gebracht hatte und während meiner Quarantäne fast täglich nach Somes Island gekommen war. Als Staatsangestellter lebt er nüchtern und in geordneten Verhältnissen und pflegt an schönen Sonntagen nebst seiner braunen Gattin und zwei hübschen Kindern festlich geputzt spazieren zu gehen.
Da es mich interessirte, für die Mortalitätsziffer unserer Typhusepidemie an Bord der Euphrosyne einen Massstab zu haben, opferte ich etliche Tage, um in den Akten des Immigrationsamtes nach den entsprechenden Ziffern anderer vor uns angekommener Schiffe zu suchen. Leider war das durch diese gelieferte zweifellos sehr werthvolle statistische Material nicht des Aufhebens werth erachtet worden. Kein Mensch hatte sich darum gekümmert, es war verloren. Nicht einmal die Journale der Schiffsärzte waren vorhanden. Nur durch die Geldabrechnungen der Kassabeamten, die man mit der grössten Liebenswürdigkeit und Liberalität und ohne Bedenken mir durchzumustern gestattete, und nur durch den Umstand, dass kontraktmässig für die auf der Reise Gestorbenen kein Passagegeld gezahlt wird, weshalb jeder Todesfall auch in den Quittungen eine Rolle spielt, erfuhr ich einigermassen was ich wünschte.
Seit dem Beginn des gegenwärtigen Immigrationssystems im Juli 1871 waren im Ganzen 262 Segelschiffe (248 englische, 12 deutsche, 2 norwegische) mit 71 693 Einwanderern von Europa nach Neuseeland abgegangen und bereits verrechnet. Die mittlere Passagierzahl für das einzelne Schiff war 300, die geringste 6, die höchste 651 gewesen. Von diesen 262 Schiffen war eines, der Kospatrick, im November 1874 beim Kap der Guten Hoffnung mit sämmtlichen 429 Passagieren und der ganzen Mannschaft durch Feuer zu Grunde gegangen. Von den übrigen 261 Schiffen hatten einige in Folge von Havarie in Zwischenhäfen einlaufen müssen, wobei fast jedesmal etliche Passagiere desertirten, was dann immer eine Menge Schwierigkeiten, Requisitionen und Auseinandersetzungen für das Immigrationsamt herbeiführte. Nur 38 Schiffe hatten auf der ganzen Reise von 90 Tagen mittlerer Dauer keinen Todesfall zu verzeichnen gehabt. So glücklich waren aber fast nur solche mit weniger als 200 Passagieren und ein einziges mit mehr als 300 gewesen. Im Ganzen zählten die 261 Schiffe (ohne den Kospatrick) 1404 Todesfälle, worunter 588 Säuglinge, 648 Kinder von 1 bis 12 Jahren, 168 Personen über 12 Jahre, »Statute Adults« genannt. Ueber 10 Todte hatten 37, und über 20 Todte 9 Schiffe gehabt. Diese letzteren 9 Schiffe repräsentirten ein Sterblichkeitsverhältniss von 4 bis 10 Prozent. Doch mochten auch unter den übrigen noch genug ebenso schlimme relative Zahlen zu finden sein. Die zugleich relativ und absolut höchste Todtenziffer war 34 von 340 Passagieren, = 10 Prozent. Da unter den 588 gestorbenen Säuglingen viele gewesen sein mögen, die während der Reise geboren waren und deshalb nur als Abgänge nicht aber als Zugänge auf den Listen standen, so fehlt für diese jeder Anhaltspunkt, ihre Mortalität für sich zu beurtheilen. Und auch für die beiden anderen Alterskategorien lässt sich kein spezielles Verhältniss angeben, weil nirgends die gesammte Passagierzahl, sondern blos die Todesfälle nach solchen unterschieden waren.
Da wo eine auffallende Sterblichkeit unter den Kindern herrschte, mögen wohl Scharlach und Masernepidemieen, und wo die Erwachsenen sich überwiegend an der Sterblichkeit betheiligten, vielleicht Typhusepidemieen die Ursache derselben gewesen sein. Im Allgemeinen schien mir hervorzugehen, dass die Sterblichkeit unter gewöhnlichen Verhältnissen ziemlich wenig, durchschnittlich etwa 0,5 Prozent betrug, und dass da wo diese Ziffer erheblich übertroffen wurde, Epidemieen zu Grunde gelegen haben müssen. Immerhin konnte ich mit meiner Euphrosyne-Typhusmortalität von 1,7 Prozent (6 Erwachsene, 1 dreijähriges Kind, aus 397 Personen) den mindestens 9 Schiffen von 4 bis zu 10 Prozent gegenüber ganz beruhigt und zufrieden sein.
Mit dem Hospital sollte ich noch eine intimere Bekanntschaft machen als mir lieb war. Schon während ich die Akten des Immigrationsamtes für meine Mortalitätsstatistik durchmusterte, litt ich so sehr an Kopfweh, dass ich krank zu werden fürchtete, und als ich einige Tage darauf den 200 Meter hohen Mount Viktoria bestiegen hatte, auf welchem die Signalstation für die von draussen hereinkommenden Schiffe eine wundervolle Aussicht auf die Südinsel und den Ozean beherrscht, überfiel mich ein starker Schüttelfrost und eine Mattigkeit, dass ich kaum mehr nach Hause kam. Ich mass meine Temperatur und fand 40 Zentigrade. Dies bewog mich am nächsten Morgen aus dem Hotel ins Hospital überzusiedeln. Ich glaubte nun selbst den Typhus zu haben. Eine Woche später aber war ich wieder gesund und voll frischer Reiselust.
Es litt mich nicht länger mehr in Wellington. Meine anfängliche Absicht, einige der blühenden Städte auf der Südinsel zu besuchen, gab ich auf, da ich diese durch tagelange Dampferfahrten hätte erkaufen müssen. Von der See hatte ich vorläufig genug, und ich beschloss deshalb, durch das Innere der Nordinsel mit seinen berühmten Geysern und seiner zahlreichen Maoribevölkerung nach Auckland zu gehen.
Das Reisen in diesen Gegenden hat heutzutage keine Schwierigkeiten mehr. Poststrassen durchziehen die Wildniss, und fast überall findet man an den Nachtstationen gute Hotels. Eine Menge Touristen aus sämmtlichen Theilen Australiens treibt sich zu Fuss, zu Ross und zu Wagen dort herum.