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Rund um Süd-Amerika: Reisebriefe cover

Rund um Süd-Amerika: Reisebriefe

Chapter 13: Tafel 2
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About This Book

A series of travel letters recounts a loosely planned journey across South America, blending ocean crossings, island visits, Andean crossings, and inland explorations. The narrator records port cities, coastal islands, Brazilian carnival life, Argentine pampas and wine districts, and the Cordillera's mountain vistas. Detailed episodes describe Chilean towns and Mapuche communities, the nitrate industry, Bolivian highland centers and tropical lowland routes linking La Paz, Sorata, Mapiri and Guanay. Peruvian rail travel, the Titicaca basin, Panama, Caribbean stops and a return via North American cities provide contrasts of urban life and colonial architecture. Observations combine ethnographic sketches, practical travel notes, natural descriptions and photographic impressions in an informal, impressionistic tone.

7. BRIEF.
DIE KORDILLEREN.

Als ich vor Jahren die Dolomiten zu Fuß durchwanderte, kam mir oft der Gedanke: so ungefähr müssen die Kordilleren aussehen. Woher diese Überzeugung stammte, weiß ich nicht. Wahrscheinlich war es die abenteuerliche rosa-rote Färbung des Gesteins und die stellenweise exotische Vegetation, die die Vorstellung von außereuropäischen, tropisch angehauchten Gebirgsgegenden wachrief. Es kam mir damals nicht in den Kopf, daß es mir jemals vergönnt sein würde, die Dolomiten und die Kordilleren tatsächlich miteinander zu vergleichen. Soll ich es als Merkmal einer mir bisher nicht bewußten Divinationsgabe auffassen, daß, als mir die ersten Gebirgszüge der Kordilleren zu Gesichte kamen, mir nichts anderes übrig blieb, als auszurufen: Genau so sehen ja die Dolomiten aus!

Da ich in der Geologie nicht bewandert bin, will ich es unterlassen, zu untersuchen, warum sich die Dolomiten und die Kordilleren so ähnlich sehen. Es genügt mir, diese nicht zu bestreitende Tatsache festzustellen, übrigens sei der Genauigkeit halber angemerkt, daß es in diesem Falle eigentlich unzulässig ist, in Bausch und Bogen von den Kordilleren zu reden. »La Cordillera« nennt man hier nur den mittelsten und höchsten Bergrücken des Gebirges, das nicht nur Südamerika, sondern auch Mittel- und Nordamerika durchzieht. Der Teil der Cordillera, den ich meine, sind die Anden, das Gebirge, welches Chile von Argentinien trennt.

Um weiteren Mißverständnissen vorzubeugen, muß ich noch hinzufügen, daß Ähnlichkeit ein sehr dehnbarer Begriff ist. Und wenn man von der Ähnlichkeit der Kordilleren und der Dolomiten redet, so ist das dieselbe Ähnlichkeit, die etwa ein Tiger und eine Katze miteinander haben.

Die ersten Ausläufer der Kordilleren erblickt man, wenn man in dem Ferro Carril Transandino, jener schon erwähnten putzigen Witzblatt-Bahn, das gelobte Land Mendoza verläßt. Der Zug muß sich gewaltig anstrengen, um die Berge hinaufzuklettern. Eine Lokomotive zerrt von vorne, eine andere schnauft von hinten, und die ganze Mühe gilt vier kleinen Waggons, die spickevoll besetzt sind mit in Staubmänteln vermummten Passagieren. Die Geschwindigkeit, die dabei entwickelt wird, ist kaum größer als fünf bis zehn Kilometer die Stunde. Doch hat man keine Ursache, dieses Schneckentempo zu bedauern. Was langsam kommt, kommt gut, und hier von Minute zu Minute immer besser und herrlicher.

Es ist ein undankbares Geschäft, wenn man versuchen will, die unerhörte Pracht dieser grandiosen Gebirgswelt zu beschreiben. Selbst der Pinsel des genialsten Malers müßte hier versagen. Die Lokomotiven keuchen und stöhnen. Immer höher geht es hinan. Die einzigen Reste organischen Lebens sind einige wenige grüngelbe Grasbüschel, die sich im Geröll der Abhänge verbergen. 2800 Meter Höhe sind erreicht. Hier machen wir Halt. Mögen andere, die Eile haben, weiterfahren. Das scheinen, außer meinem Reisekameraden und mir, sämtliche Passagiere des Zuges zu sein. Hier gibt es – gelobt sei die abschreckende Wirkung einer zwanzigtägigen Seefahrt – noch keine »Touristen« aus Europa. Man schämt sich fast, die einzigen Vertreter dieser im allgemeinen verabscheuungswürdigen Menschenspezies zu sein. Aber alle Unbequemlichkeiten, die daraus erwachsen, daß Südamerika dem Touristenverkehr noch nicht erschlossen ist – z. B. das vollständige Fehlen irgendwelcher Reisehandbücher à la Bädeker – erträgt man nur zu gerne.

Der Ort, in dem wir den Zug verlassen, heißt Puente del Inca (Brücke des Inka), auf Geographiekarten wird man ihn vergeblich suchen. Außer dem Stationsgebäude und einem kleinen Hotel sind nur einige Zelte, die Nachtquartiere von Eisenbahnarbeitern, zu erblicken. Ringsumher kein Baum, kein Strauch. Ein reißender Gebirgsstrom hat sich seinen Weg in schäumender Lust quer durch einen Felsenhügel gebahnt. Der dadurch entstandenen natürlichen Felsbrücke verdankt der Ort seinen Namen.

2800 Meter sind in Europa schon eine ganz respektable Höhe, für die Höhenverhältnisse der Kordilleren sind sie eine Bagatelle, die kaum der Rede wert ist. Dennoch merkt ein Flachländer schon ganz bedeutend die Wirkung der verdünnten Atmosphäre. Aber trotzdem ergreift einen sofort noch eine andere Gebirgskrankheit, die sich in dem einen Wunsch äußert: Höher, höher! Und eine Stunde, nachdem wir den Zug verlassen hatten, saßen wir schon auf Maultieren, um einen nahen Berggipfel, den »11. Febrero«, zu erklimmen. Dieser und einige andere kleinere Ausflüge waren das notwendige Training, um uns für ein anderes größeres Unternehmen vorzubereiten. Die Eisenbahn ist, wie gesagt, für Leute da, die Eile haben. Will man dagegen die Schönheit der Gebirgswelt genießen, so greift man zu anderen Verkehrsmitteln. Wir beschlossen, den Übergang über den Andenpaß auf Maultieren zu machen. Statt einigen Stunden, dauert das freilich einige Tage, doch nimmt man dafür Eindrücke mit, die man nicht vergißt, auch wenn man das Alter Methusalems erreicht.

Frühmorgens machten wir uns auf den Weg. Voran der Führer, ein ernsthafter, vertrauenerweckender Argentinier, der sich in seinem Torreador-Hütchen und wehenden Poncho gar malerisch ausnahm. Mit mächtigen, mittelalterlichen Rittersporen, wie man sie sonst nur auf der Bühne an den Beinen irgend eines Don Quichote sieht, trieb er sein Maultier zu schneller und energischer Gangart an. Uns mit unseren unbewaffneten Stiefelabsätzen gelang das erheblich schlechter. Unser erstes Ziel, das freilich einen Umweg bedeutete, waren die Kupferminen von Navarro. Unermüdlich greifen die braven Maultiere aus. Der Weg wird steiler und steiler. Die letzten Spuren jeglicher Vegetation verschwinden. Über Steingeröll und Felsplatten immer höher und höher. Links und rechts öffnen sich gähnende Abgründe. Immer beschwerlicher wird das Klettern. Immer beschwerlicher wird auch das Atmen. Der Puls hämmert wie ein Schmiedewerk. Im Kopf spürt man einen leichten Druck. Und mit einem Male stellt sich auch der Schrecken aller ungeübten Bergsteiger ein – das Gefühl des Schwindels. Man schaut schon lieber nicht mehr zur Seite, sondern krampfhaft auf den Sattelknauf. Kein Laut ist ringsumher zu vernehmen. Nur das Knirschen der Hufe im lockeren Geröll und das leise Schnauben der Maultiere. Man segnet und verflucht zugleich diese vierbeinigen Gefährten. Zu Fuß wäre der Anstieg sicherlich noch ungemütlicher, aber dieses quälend langsame Tempo der Reittiere macht einen auch nicht wenig nervös. Es scheint eine halbe Stunde zu dauern, bis das Tier mit dem Hufe eine Stelle aussucht, die ihm sicher genug dünkt, um den Fuß draufzusetzen. Und vor einem starrt drohend, scheinbar unerreichbar der Gipfel, den es zu übersteigen gilt. Gestattet es das Gelände, wird Rast gemacht. Und nun ist mit einem Schlage alle Mühsal vergessen! Sprachlos blickt man in die sich immer herrlicher entfaltende Pracht dieser unerhört großartigen Gebirgswelt hinein. Die kühnste Phantasie kann sich derartige Bilder nicht ausmalen. Das Merkwürdigste an den Bergspitzen und Abhängen der Anden ist ihre Färbung. Tiefschwarz, blutigrot, grünlichgrau, violett, leuchtend rosa, in sattem Orange schillert das Gestein dieser phantastischen Bergriesen. Es ist ein zauberisches Bild, wie man es weder in der Schweiz, noch in den Alpen jemals erblicken kann. Mächtige Gletscher unterbrechen hier und dort das farbenfreudige Bild, über alles hinweg grüßt im leuchtend blauen Himmel der schneeweiße, strahlende Gipfel des Aconcagua, des Goliath unter den amerikanischen und europäischen Bergen.

Und trotz dieses bunten, lichttrunkenen Bildes wird man keinen Augenblick das Gefühl der grauenvollen Öde, die hier herrscht, los. In herrlicher Majestät, aber auch in drohender, ungebeugter Kraft blicken die Berge auf das armselige Menschengesindel herab. In Europa hat sich der Mensch die Berge untertan gemacht. Hier sind sie die Herrscher, und wehe dem, der ihnen zu nahe kommt. Ihre mächtigste Waffe sind die Steinlawinen. Auch wir hörten eine mit dumpfem Grollen niedergehen. Glücklicherweise kreuzte sie nicht unseren Weg. Gar finster starrte der Krater eines Vulkans herüber. Mächtige Steinhaufen in unordentlichem Gewirr und weither verstreute Lawablöcke kennzeichneten seine Tätigkeit.

Die Kupferminen von Navarro sind nicht durch ihre Ergiebigkeit bemerkenswert. Wohl aber dadurch, daß sie in der unfaßlichen Höhe von zirka 4200 Metern ausgebeutet werden. Wie die Menschen es dort monatelang aushalten, ist unbegreiflich. Vielleicht gewöhnt sich der Körper mit der Zeit an den verminderten Luftdruck. Beständig weht ein eisiger Wind, und selbst jetzt im Hochsommer bei Mittagssonne fror einem trotz sweater und Lederjacke. Im Winter liegen die Minen von aller Welt hoffnungslos abgeschnitten in tiefster Vergessenheit da. Einen schauerlichen Eindruck machte die einfache Erzählung von drei Arbeitern, die die sechs Wintermonate als Hüter der Maschinen oben blieben. In den Schneemassen vergraben, gleich lebendigen Toten erwarteten sie von Tag zu Tag das Nahen des Frühlings. Wer kennt die grausige Novelle »L'Auberge« von Maupassant? Mir fiel sie ein, als ich diesen drei wetterharten Gestalten in die Augen blickte.

Am dritten Tage, nachdem wir unsere Ansprüche in bezug auf Nachtlager und Nahrung auf das Niveau bescheidener Haustiere herabgedrückt hatten, erreichten wir die Chilenische Grenze. Auf dem Gipfel des Passes, dem sogenannten »Cumbre« ist vor einigen Jahren eine Kolossalstatue, eine Christusfigur ans Kreuz gelehnt, errichtet worden. Sie dient als Wahrzeichen des Friedens zwischen Chile und Argentinien, den beiden feindlichen Nachbarländern, die jahrzehntelang ununterbrochen Zwist und Hader miteinander hatten. Auf beide Seiten hin, nach Chile und Argentinien öffnet sich ein wundervolles Gebirgspanorama. Einen abstoßenden Eindruck machen gerade auf dieser Stelle die überall umherliegenden Kadaver von Maultieren, die dem atmosphärischen Druck während des Überganges nicht standgehalten haben.

Einen letzten Blick warfen wir auf den Aconcagua, der uns in diesen Tagen ein lieber und vertrauter Freund geworden war und den wir schwerlich wiedersehen werden. Der Abstieg in die chilenischen Täler wurde zu Fuß unternommen. Von den unbequemen, breiten mexikanischen Sätteln, die hier in allgemeinem Gebrauche sind, hat man nach vier Tagen gerade genug. In Juncal erreichten wir den Zug, der uns in schneller Fahrt über kühne Viadukte, durch zahllose Tunnels, entlang dem schäumenden Rio Branco immer weiter talabwärts führte.

Im idyllischen chilenischen Städtchen Los Andes, wegen seines idealen Klimas – es regnet dort nie – ein gesuchter Luftkurort, gönnten wir uns zwei Ruhetage, zu wenig noch, um die einzigartigen, großartigen Eindrücke dieses Andenüberganges zu verarbeiten. Sollten sich im weiteren Verlaufe der Reise die Eindrücke in ähnlicher Weise häufen, so könnte, fürchte ich, bei aller Elastizität, die Aufnahmefähigkeit endlich versagen.

Tafel 1


Kordilleren-Landschaft

Puente del Inka (Anden)

Tafel 2


Das Christusdenkmal auf der Grenze Argentinien-Chile

Nebenan ein Maultier-Skelett

Hotel in Juncal

Tafel 3


Bergsee in den Kordilleren

Blick auf den Acongagua

8. BRIEF.
CHILE. – ALLGEMEINE EINDRÜCKE.

Wenn man von der Ostküste des Kontinents in Chile einfährt, so hat man das Gefühl, als käme man von Amerika nach Europa zurück. Das gilt nicht nur von der Landschaft, sondern auch von dem ersten Eindruck, den das Land mit seinen Sitten, Gebräuchen, Lebensgewohnheiten macht, und von den ersten, oberflächlichen Äußerungen des Volkscharakters, denen man begegnet.

Brasilien ist das Land ungesunder, mörderischer, klimatischer Bedingungen, das Land der dunklen Ehrenmänner, das Land, in dem ein faules, faulendes Leben gelebt wird. In Argentinien herrscht das Geldfieber in so erschreckendem Maße, daß alle übrigen Lebensinteressen zurückgedrängt erscheinen. Geld ist der einzige Lebensnerv dieses Volkes. Für Geld kann man so ziemlich alles haben, und nur was Geld kostet hat Wert, je mehr es kostet, desto größer ist der Wert. Die Rechnung ist ganz einfach und klar. Geld ist der einzige Maßstab, den man an die Erscheinungen des Lebens anlegt. Dinge, die man für Geld nicht haben kann – nach altmodischen Begriffen die einzig wertvollen – hat der Argentinier aus seinem Lebensbudget ein für alle Male ausgeschieden.

Chile ist in dieser und auch in mancher anderen Beziehung weit hinter dem modern-fortschrittlichen Nachbarstaate zurückgeblieben. Vielleicht macht es deswegen solch einen anheimelnden Eindruck auf einen nicht nach spezifisch amerikanischen Begriffen erzogenen Europäer. Das Volk ist hier ein ganz anderes. Das spürt man in der ersten Stunde auf chilenischem Boden. Man begegnet wieder freundlichen Blicken und freundlichen Worten, die der Europäer natürlich um so höher einschätzt, weil er nicht so und so viele Pesos dafür zu zahlen braucht. Die Menschen messen sich aneinander, und die Dicke des Portemonnaies ist nicht die ausschlaggebende unbekannte Größe, die den Chilenen bei dieser Rechnung unsicher macht.

Im indigenen Chilenen überwiegt, im Gegensatz zum Argentinier, das spanische über dem italienischen Blute. Aber die chilenische Rassenmischung ist – rein menschlich betrachtet – augenscheinlich die bessere. Das Volk ist gutmütig, gefällig, ein bißchen faul, aber durchaus nicht arbeitsscheu, heiter, aber im Genusse nicht maßlos, wie der Argentinier. Ich lebe seit vierzehn Tagen in Chile und habe in dieser Zeit in Stadt und Land noch keinen Betrunkenen gesehen.

Trotz des Friedensdenkmals, das auf dem Cumbre der Anden zwischen Chile und Argentinien aufgestellt ist, herrscht keine große Freundschaft zwischen beiden Ländern. Man bekriegt sich nicht, aber man liebt sich auch nicht. In Argentinien spricht man in höchst wegwerfendem Tone von Chile, man verachtet das Land, weil es in kultureller Beziehung angeblich um hundert Jahre zurückgeblieben ist. Nach außen hin ist dieser Vorwurf nicht unberechtigt, nur vergißt man, daß es neben der äußeren auch noch eine innere Kultur gibt, und an Stelle der Argentinier würde ich lieber nicht untersuchen, welches Volk hierin dem anderen überlegen ist.

Aber, wie gesagt, nach außen hin haben die Argentinier einiges Recht, die Nase über ihre rückständigen Nachbarn zu rümpfen. Schon das Straßenbild der größeren chilenischen Städte unterscheidet sich sehr wesentlich von dem, was man von Argentinien her gewohnt war. Die üppigen Paläste der argentinischen Parvenüs, die wolkenkratzerartigen Geschäftshäuser fehlen. Das hat nun freilich, auch außer den nicht vorhandenen Millionen einen anderen guten Grund. Oder vielmehr einen schlechten Grund und Boden, der in Chile durchweg vulkanisch ist. Die Bevölkerung lebt in beständiger Furcht vor Bodenschwankungen. Noch ist das große Erdbeben, das vor fünf Jahren ganz Valparaiso zerstörte und 25 000 Menschen das Leben kostete, frisch in aller Gedächtnis. Man hört grauenvolle Erzählungen von jenen schauerlichen drei Minuten, in denen Glück und Wohlstand unzähliger Familien vernichtet wurde. Angesichts dieser Gefahr baut man in Chile selten höher als zweistöckig. Dadurch erhalten natürlich die größeren Städte, z. B. Santiago, die Hauptstadt des Landes, eine enorme Ausdehnung. Gleichzeitig erhält aber auch das architektonische Bild einen sehr ausgeprägten Charakter. Man kann sogar von einem spezifisch chilenischen Baustil reden. Und in diesen niedrigen, langgestreckten, oft von schlanken Säulen getragenen Fassaden steckt mehr künstlerischer Geschmack, als in den überladenen Prachtbauten von Buenos Aires.

Inbezug auf Reisebequemlichkeiten muß man seine Ansprüche in Chile allerdings stark zurückschrauben. Die besten Hotels sind immer noch nicht so gut, wie etwa die mittelmäßigen in einer altmodischen deutschen Stadt. Von irgend einem Komfort und den Errungenschaften moderner Einrichtungstechnik, z. B. warmem fließenden Wasser, Telephon u. dergl. ist keine Rede. Die Verkehrsmittel entsprechen auch nicht einigermaßen verwöhnten Ansprüchen. In ganz Santiago, einer Stadt von zirka 400 000 Einwohnern, war kein Automobil aufzutreiben. Den Straßenverkehr vermitteln ausschließlich Droschken, die in Santiago noch ganz propper aussehen und mit guten Pferden bespannt sind. In den kleineren Städten dagegen, Conception oder Temuco, verkehren vorsintflutliche Vehikel von fabelhaften Dimensionen. Drei bis vier elende Klepper ziehen diese Riesenkarossen mühsam über das holperige Straßenpflaster, das noch nicht einmal überall die guten alten Knüppeldämme – die heutzutage eine Erfindung des Teufels scheinen – ersetzt hat. Auf den Eisenbahnen in Chile herrschen Zustände, die geradezu phantastisch genannt werden müssen. Hat man das Unglück, ein größeres Gepäckstück zu besitzen, so wird es einem auf dem Bahnhofe entrissen und ohne Quittung oder sonstige Sicherheit in den Gepäckwagen verstaut. Auf der Endstation muß man es selbst wieder heraussuchen. Doch kann man ebensogut jeden anderen Koffer als den seinigen bezeichnen. Jedes Gepäckstück, auf welches man mit dem Finger hinweist, wird einem anstandslos ausgeliefert.

Und trotzdem bestehe ich darauf, daß Chile europäischer ist als Argentinien. Man hat das Gefühl, einer Kultur gegenüberzustehen, die sich zwar langsam, dafür aber von innen heraus entwickelt. Infolgedessen halten viele Chile für den eigentlichen Zukunftsstaat von Südamerika. Hier ist alles vielleicht ein wenig ungeschickt, aber fest gefügt. Man baut in Chile keine Kartenhäuser, und der amerikanische Begriff des »bluff« ist hier unbekannt.

Von außeramerikanischen Einflüssen ist in Chile bei weitem am stärksten der deutsche vertreten. Vielleicht trägt dieser sehr merkliche Umstand dazu bei, einem das Land so vertraut und sympathisch zu machen. Manchen Institutionen des öffentlichen Lebens ist der Stempel »made in Germany« sogar ein wenig zu deutlich aufgedrückt. Vor allem dem Militär. Dafür ist es allerdings anerkanntermaßen das weitaus beste in ganz Südamerika. Die chilenische Armee wird seit Jahrzehnten von deutschen Instruktionsoffizieren gedrillt. Es ist eine Freude die strammen Soldaten anzusehen. Die Uniformen sind bis auf alle Einzelheiten, den Schnitt der Mäntel und Mützen, die Form der Epaulettes und Kokarden, deutschen Mustern nachgebildet. Anfangs glaubte ich, es wimmele in Chile von deutschen Militärattachés, denn alle chilenischen Leutnants hielt ich für Deutsche.

Sehr stark vertreten ist das deutsche Element in der industriellen und geschäftlichen Welt Chiles. Ein höchst wichtiger spiritus rector des Geldverkehrs in Chile ist die Deutsche Transatlantische Bank, die ihre Filialen in allen kleinen Städten des Landes hat und mit ihrer vorzüglichen Organisation einen kleinen Staat für sich bildet. Seit wir in Chile sind, reisen wir sozusagen als Postpakete der Deutschen Bank. Die Liebenswürdigkeit dieser Herren hat keine Grenzen. Überall werden uns von ihnen die manchmal allerdings recht rauhen Wege geebnet. Wer Südamerika bereist und sich der Deutschen Bank anvertraut, ist in Abrahams Schoße aufgehoben.

Von den indigenen Bevölkerungselementen sind am interessantesten natürlich die Indianerstämme der araukanischen Rasse, von denen in einem besonderen Artikel die Rede sein wird.

Soll ich nun den chilenischen Frauen ein Loblied singen? Auf den ersten Blick erscheinen sie stolz und unnahbar. Ob sie es in Wirklichkeit sind, kann erst eine längere Erfahrung lehren. Ihre auffallendste Charaktereigentümlichkeit ist für den sich im Anfangsstadium des Beobachtens befindlichen Durchreisenden – ihre ostentativ zur Schau getragene Frömmigkeit. Wenn man in Chile morgens auf die Straße geht, glaubt man alle Frauen seien Nonnen oder gehörten einer geheimen Sekte an. Sämtliche Personen weiblichen Geschlechts tragen hier nämlich bis zum Mittag eine Art Uniform, einen schwarzen, seidenen Schleier, der das Haupt und die ganze Gestalt verhüllt, und, kunstvoll geschlungen, nur das Gesicht frei läßt. Das ist das Kirchgangkostüm der Chileninnen, die demnach alle täglich morgens die Kirche zu besuchen scheinen. Wenigstens tun sie so als ob, und man kann es ihnen nicht übel nehmen, denn zu dem matten, elfenbeinfarbenen Teint ihrer oft auffallend hübschen Gesichter gibt der schwarze Schleier einen außerordentlich kleidsamen Rahmen ab. Abends tragen diesen schwarzen Schleier, den sogenannten Manton, nur kleine Bürgersfrauen und – Demimondainen. Dieser Umstand hat auch eingeborene Chilenen schon manchem verhängnisvollen Mißverständnis zugeführt.

Was Chile vor allen übrigen Staaten Südamerikas auszeichnet, ist die außerordentliche landschaftliche Schönheit des Landes. Der Norden erinnert etwa an die malerischen Partien von Oberbayern. Mittelchile, das Gebiet der interessanten Araukanerstämme, ist verhältnismäßig flach. In den Süden, die eigentliche Schweiz des Landes, deren romantische Schönheit über alles gerühmt wird, komme ich erst nach einigen Wochen. Santiago liegt in einem tiefen Talkessel, umgeben von schneegekrönten Höhenzügen. In der Mitte der Stadt erhebt sich ein, in einen prächtigen Park verwandelter Bergkegel, S. Lucia, von dem aus man einen herrlichen Rundblick ins Land hinein genießt. Wenn man Glück hat, kann man dort bei Sonnenuntergang das herrlichste – Kordillerenglühen erleben.

Eine berühmte Sehenswürdigkeit des nördlichen Chile ist der sogenannte Lota-Park. Er liegt unweit des Städtchens Conception am malerisch zerklüfteten Ufer des Stillen Ozeans. Auf dem Wege dorthin passiert man, nebenbei gesagt, die zweitlängste Eisenbahnbrücke der Welt, die, mehr als 2 Kilometer lang, über den jetzt im Sommer total versandeten Strom Bio-Bio führt. Der Lota-Park befindet sich in Privatbesitz, und es ist nicht leicht, die Erlaubnis zu seiner Besichtigung zu erhalten, da seine Besitzerin, die einer der vornehmsten und reichsten Familien des Landes angehört, in diesem Punkte von der hier üblichen, nach unseren Begriffen fast lächerlichen Exklusivität ist. Der Deutschen Bank verdankten wir, wie vieles andere noch, den Schlüssel zu diesem Sesam. Die vegetative Pracht des Parkes ist vielleicht einzigartig in der Welt, schon ob ihrer Mannigfaltigkeit, denn von den herrlichsten Palmen und Magnolienbäumen bis zu unserer bescheidenen Kiefer und Edeltanne, die sich in der exotischen Umgebung ganz besonders malerisch ausnehmen, ist dort jede Baumart vertreten, die im tropischen und gemäßigten Klima gedeiht. Die Erhaltung des Parkes muß einen enormen Aufwand von Kosten und Mühe beanspruchen. Nur eins sucht man dort vergeblich – unverfälschte Natur! Das Ganze nimmt sich wie ein künstlich hergerichteter botanischer Garten aus, was es im Grunde genommen ja auch ist. Die sauber geharkten Kieswege, die tausende von Statuen – vom Apollo von Belvedere bis zur plastischen Darstellung der Lieblingshunde der Besitzerin –, allerhand künstliche Grotten, aus Wurzeln und Schlingpflanzen hergerichtete Pavillons und Laubengänge verjagen den letzten Rest von Naturstimmung. Von all diesen Dingen bis zu Störchen und Zwergen aus Porzellan ist nur ein Schritt. Und das am Ufer des Stillen Ozeans, zu dem der Zugang durch einen kostbaren Zaun verbarrikadiert ist! Nein, das ist nicht das Richtige. Beim Durchwandern des Lota-Parkes schwand der Respekt vor dem Natursinn und dem künstlerischen Geschmacke der Besitzerin und ihrer Berater langsam aber sicher.

Wir verließen den Lota-Park in einem Extrazuge, den uns der Direktor der Bahnlinie in einem unverständlichen Anfalle von Liebenswürdigkeit zur Verfügung gestellt hatte. Um den einzigen Waggon des Zuges führte eine Galerie. Wir schoben uns Feldstühle hinaus und atmeten ordentlich auf, als wir, von den Strahlen der untergehenden Sonne begleitet, in die naturechten Wiesen und Wälder der chilenischen Landschaft hineinfuhren. Mein Reisekamerad nahm den Hut ab und grüßte jede Butterblume am Wege. Es gehört sicher mehr dazu, als Millionen und Vornehmheit, um nicht zu verderben, was die Natur mit ihrem eigenen Kunstsinn erschafft.

9. BRIEF.
TEMUCO. – EIN AUFZUG DER ARAUKANER-INDIANER.

Mitten im Herzen Chiles, wo die westlichen Ausläufer der Anden-Kordilleren sich nach dem Stillen Ozean hinziehen, an einer Stelle, die vor dreißig Jahren von dichtem Urwald bestanden war, liegt heute die rasch emporgeblühte, obzwar noch kleine Stadt Temuco. Auf den meisten Karten Chiles, außer den allerneuesten, steht sie noch nicht einmal verzeichnet. Dennoch bietet gerade dieses Städtchen dem reisenden Europäer besonderes Interesse. Nicht wegen seiner landschaftlichen oder sonstigen Schönheit. Temuco an sich ist immer noch ein recht elendes kleines Nest, mit langweilig geraden, schlecht oder gar nicht gepflasterten Straßen und den für Chile charakteristischen einstöckigen Erdbeben-Häusern aus Holz oder Lehm. Von der Sonne gelb gebrannte Wiesen umgeben die Stadt, auf einigen Hügeln stehen noch Reste des niedergebrannten Urwaldes, halbverkohlte Baumstämme mit phantastisch gekrümmten Astarmen, niedriges gelbgrünes Buschwerk. Diese ungemütlich-monotone, trostlos arme Landschaft verleiht dem Ort keinen Reiz. Was Temuco interessant macht, ist die unmittelbare Nähe der immer noch halbwilden Araukanerstämme, eines Indianervolkes, das seit urvordenklichen Zeiten die Chilenische Ebene, in einem Umkreis von einigen hundert Kilometern um Temuco herum, bevölkert.

Als wir in Temuco anlangten, wurde dort gerade ein wissenschaftlicher Kongreß von chilenischen Gelehrten abgehalten. Anfangs konnten wir nicht umhin, diesen Congreso scientifico und alle seine Teilnehmer zu verwünschen, denn das einzige Hotel Temucos, das für Europäer in Betracht kommt, war derart überfüllt, daß wir mit einem höchst primitiven Nachtlager vorlieb nehmen mußten, nachdem wir uns geweigert hatten, ein kleines Zimmer mit drei keineswegs vertrauenerweckenden Chilenen zu teilen. Am nächsten Tage jedoch schon hatten wir Ursache, den Congreso reumütig zu segnen, statt ihn zu verfluchen.

Gegen Mittag begann eine uns anfangs unerklärliche Aufregung und Bewegung in der Stadt zu herrschen. Als wir auf die Straße hinaustraten, sah man von allen Richtungen her endlose Züge von Reitern nach dem Mittelpunkte der Stadt, der sogenannten »Plaza des armes«, die in keiner südamerikanischen Stadt fehlt, hinziehen. Es stellte sich heraus, daß es sich um einen Aufzug der Araukaner oder Mapuches, wie man sie hier auch nennt, handelte, der zu Ehren der Kongreßmitglieder in Szene gesetzt wurde. Immer bunter, immer bewegter, immer interessanter wurde das Bild, das sich nach und nach auf dem Platze entwickelte. Größere und kleinere Trupps von Reitern nahten im Galopp, im Trab oder im Schritt. Endlich mögen weit über Tausend versammelt gewesen sein. Im blendenden Sonnenscheine flimmerte der aufgewirbelte Staub, blitzte der Silberbeschlag des Zaumzeugs und der Steigbügel, die Reiter sitzen wie angewachsen auf den dicht aneinandergedrängten, ungeduldig stampfenden Pferden. Alle tragen sie den bunten oder einfarbigen, gestreiften, gewürfelten, oder mit anderen, oft schönen Mustern bedeckten Poncho, das für Reiter höchst bequeme, hier unentbehrliche Kleidungsstück, eine Art Plaid, durch den durch einen Schlitz in der Mitte der Kopf durchgesteckt wird, während der Stoff von allen Seiten frei am Körper herabhängt. Breitrandige Hüte aus Stroh oder farbigem Filz bedecken die Köpfe. Unter den Hüten schaut manches interessante Gesicht hervor. Blitzende, braune Augen, gerade Nasen, starke Backenknochen; der Bart im Gesicht, wenn er überhaupt wächst, wird ausgezupft, bis auf einen schmalen Haarstreif am äußersten Rande der Oberlippe. Weit malerischer noch und eigenartiger, als die Männer, sind die Frauen gekleidet. Auch sie sind fast alle zu Pferde, hier und dort sieht man zwei auf einem braven Tier sitzen – natürlich rittlings, ohne Steigbügel, denn die Araukanerfrauen tragen nie einen Stiefel. In der Kleidung bevorzugen sie zwei Farben, schwarz und dunkellila, was zu ihrer gelbbraunen Gesichtsfarbe und dem tiefschwarzen Haar schön aussieht. Reicher Silberschmuck bedeckt die Brust, ein großes Tuch, das die Schultern verhüllt, wird von einer silbernen Nadel, in Form eines Pfeiles, zusammengehalten, das Haar ist von silbernen Schnüren durchflochten, hin und wieder sieht man das Haar, im Nacken geteilt, in zwei aus Silber geschmiedeten Röhren stecken. Je reicher die Mapuchesfrau ist, desto mehr Silberschmuck trägt sie, Ohrgehänge, Ringe, Gürtel zu allem übrigen.

Ununterbrochene Rufe: »Viva la raça araucana« gellten von allen Seiten. Dazu kamen bald andere ohrenzerreißende Töne, die die Aufmerksamkeit auf sich lenkten. Man verleugnet nie seinen Beruf. Mein Instinkt sagte mir, daß diese Töne Musik vorstellen sollten. Ich ging ihnen nach, was nicht leicht war, da es galt, sich durch eine lebendige Mauer von Köpfen und Hinterteilen der Mapuchespferde durchzudrängen. Richtig – an der gegenüberliegenden Seite des Platzes hatte ein araukanisches »Orchester« Aufstellung genommen. Heilige Cäcilie! da mögen Dir die Ohren weh getan haben! Das einzige musikalische Element dieser Musik war der Rhythmus, der vermittelst einer Trommel – ein ausgehöhlter Baumstumpf mit Schafhaut bespannt und schön bemalt – aufrecht erhalten wurde. Von Melodie, oder gar Harmonie keine Spur, nicht einmal von musikalisch fixierbaren Intervallen. Ich hatte schon Notizbuch und Bleistift in Bereitschaft, um die araukanische Nationalmusik nachzuschreiben, mußte dieses Vorhaben jedoch als absolut undurchführbar aufgeben. Auf endlosen Schilfrohren, an deren Ende ein Kuhhorn angebracht war, und auf kleinen Pfeifen, deren Ton einem angeblasenen Hausschlüssel ähnelt, blies jeder was er wollte, oder was das Instrument gerade hergab. Die Musiker, zum größten Teil blinde Greise, machten dazu mit dem Körper Bewegungen im Rhythmus der Trommel, der der einzige Ruhepunkt im unentwirrbaren Chaos der Töne war. Musik und Tanz gehören zusammen. Bei halbkultivierten Rassen ist der Tanz überhaupt der einzige Daseinszweck der Musik. Es dauerte auch gar nicht lange, da fanden sich zwei alte Mapuchesfrauen ein, die der Versuchung nicht widerstehen konnten und anfingen, sich nach dem monotonen, unbeirrbar gleichbleibenden Takt der Trommel zu drehen. Die jüngeren Frauen hielt augenblicklich ihr Schamgefühl vom Mittun ab. Der Tanz der beiden Alten sah gar putzig aus. In halb hockender Stellung, mit extatisch verdrehten Augen, wirbelten sie ziemlich schnell jede um die eigene Axe, von Zeit zu Zeit unterbrachen sie die Bewegung, um aufeinander loszuspringen und sich mit langen Zweigen, die sie in der Hand hielten, an Kopf oder Schulter zu berühren. Den Sinn des Tanzes konnte mir niemand erklären. Man sah ihn in Temuco zum ersten Male, und er erregte große Sensation. Alle Bäume der Plaza um die beiden Alten herum waren bis in die Kronen mit Schaulustigen besetzt.

Das Defilée der Mapuches dauerte fast drei Stunden. Natürlich mußte der »Kodak« respektive der »Tenax« ununterbrochen arbeiten. Mein Reisekamerad und ich fanden uns bald auf dem Dache einer der vorsintflutlichen temucaner Droschken, bald in halsbrecherischer Stellung an ein Fenstergesims geklammert, mit gezückten Apparaten, wieder.

Dem Europäer stechen natürlich die zum Teil sehr kunstvoll und originell gearbeiteten Schmucksachen der Araukanerfrauen mächtig in die Augen. Doch ist es nicht leicht, dieser Gegenstände habhaft zu werden. Ab und zu findet man sie in den Versatzämtern von Temuco. Denn diesen Segen der Kultur kennt der Indianer schon, wenngleich er sich nur höchst ungern und nur im alleräußersten Notfalle von seinem Hab und Gut trennt. Fast unmöglich ist es, araukanische Ringe in seinen Besitz zu bringen. Sie müssen für die Träger irgend einen besonderen, vielleicht symbolischen Wert haben. Mit einem jungen Araukaner, den ich zufällig in einem Versatzamt von Temuco traf, war ich schon handelseinig geworden, obgleich er einen Phantasiepreis für seinen Ring verlangte. Er hatte ihn schon vom Finger gezogen, um ihn gegen die entsprechenden Pesos einzutauschen, da drehte er sich plötzlich, ohne ein Wort weiter zu verlieren, um, steckte den Ring an seine Hand, sprang aufs Pferd und war verschwunden, ehe ich mir über den Vorgang klargeworden war. Fast ebenso schwierig ist die Beschaffung von Musikinstrumenten. Einem Europäer werden sie für nichts in der Welt abgegeben. Der Araukaner ist, wie gesagt, außerordentlich mißtrauisch, und da er es nicht versteht, was für einen Wert diese an sich wertlosen Dinge für unsereinen haben können, wittert er irgendeine boshafte Absicht, wenn man ihm sein Instrument abnehmen will. Man bedarf dazu der Vermittlung irgend eines von der temucaner Kultur schon erfolgreich beleckten Stammesgenossen. Solch ein Araukanerjüngling unternahm in unserem Auftrage einen zweitägigen Ritt in die Kordillere, brachte dann allerdings einige wunderschöne Instrumente mit, eine Trommel mit roter Farbe – wahrscheinlich Schafsblut – prächtig verziert, eine Pfeife und das Staatsstück – eine mehr als vier Meter lange Trompete, ein so gut gearbeitetes und erhaltenes Exemplar, wie man sie selten sieht. Die Freude war natürlich groß. Nach eifrigem Üben gelang es mir sogar, dieser musikalischen Riesenschlange einzelne Töne zu entlocken, die die Mitte hielten zwischen dem Timbre eines Kontrafagotts und dem Brüllen einer Kuh. Viel Kopfzerbrechen machte nachher allerdings uns und der chilenischen Eisenbahnbehörde die Verpackung und Versendung dieses Trompetenmonstrums.

Nach den interessanten Eindrücken, die der Aufzug der Mapuches in Temuco hinterließ, erwachte natürlich der Wunsch, den Indianer chez soi zu sehen. Der Wunsch wurde Wirklichkeit.

10. BRIEF.
DER MAPUCHE (ARAUKANER) CHEZ SOI.

Dank der Liebenswürdigkeit eines deutschen Mitgliedes des Congreso scientifico in Temuco, des Meteorologen Dr. K., wurde es uns ermöglicht, einen Einblick in das Leben und Treiben der Mapuches-Indianer bei sich zu Hause zu gewinnen. Dr. K. hatte eine Tour ins Araukanergebiet vor, unter Führung eines anderen Kongreßmitgliedes, des noch sehr jungen chilenischen Professors M., der insofern der geeignete Mann zu diesem Unternehmen war, als er selbst einer Araukanerfamilie entstammt und die Sprache der Indianer vollkommen beherrscht. Solch ein Führer ist notwendig, denn die Indianer sind überaus mißtrauisch, lassen Fremde nur ungern in die Nähe ihrer Behausungen und haben besonders vor dem Photographiertwerden eine Heidenangst. Dr. K. hatte in dieser Hinsicht einst schlimme Erfahrungen machen müssen. Bei einem selbständig unternommenen Ausfluge hatte ihn ein alter Mapucheshäuptling in seiner Hütte eingesperrt, und nur mit großer List und viel Überredungskunst war es ihm gelungen, sich aus dieser heiklen Situation zu befreien.

Wir schlossen uns den beiden Herren an. Eines schönen Morgens um fünf brachen wir auf, voran die beiden Gelehrten in einem zweirädrigen Karren, der auch den Proviant beherbergte, hinterdrein wir zwei zu Pferde. Zuerst ritten wir nach einem alten indianischen Friedhof. Die Araukaner bestatten ihre Toten ohne Särge und setzen ihnen hölzerne Denkmäler, hohe Pfähle, in die oben eine Figur hineingeschnitzt ist, die ein stilisiertes Menschengesicht vorstellen soll, was jedoch kein Nichtaraukaner erraten kann, wenn es ihm nicht gesagt wird. Obwohl den Indianern jetzt befohlen ist, ihre Toten auf den allgemeinen Friedhöfen zu bestatten, so denken sie doch nicht daran, es zu tun, wie sie denn die Gesetze überhaupt nur respektieren, soweit es ihnen bequem ist. Neben alten, halbzerwühlten Gräbern mit altersgrauen, zerfaulenden Denkmälern, sahen wir auch einige frisch aufgeworfene. Nach zweistündigem Ritt erreichten wir den ersten indianischen Rancho. Prof. M. machte uns auf einen treppenartigen Aufbau aufmerksam, der vor dem Hause stand. Das ist das Zeichen, daß in dem Hause ein »Medizinmann« wohnt, respektive eine »Medizinfrau«, denn bei den Araukanern wird das ärztliche Gewerbe vorzugsweise von alternden Weibern betrieben. Auf dem Dache des Hauses erhebt sich auf hoher Stange ein gebleichter Tierschädel – um die Hexen abzuschrecken, die Menschen und Tieren sonst viel Unheil zufügen können. Beim Besuche dieses und anderer Indianerranchos ging stets Prof. M. als Pionier voran. Erst nach längeren Unterredungen, die auf araukanisch geführt wurden, durften wir vorsichtig nachdringen, den »Kodak« sorglich verborgen. Doch wurden wir dann meist recht freundlich begrüßt, mit Händedruck und Willkommengruß: »Maremare«. Ein indianischer Rancho ist ein höchst primitiver Bretterbau mit Stroh gedeckt. Drei Wände umgeben einen Raum, dessen Größe je nach dem Reichtum der Familie variiert. An der vierten Seite ist das Haus offen, wodurch sonstige Türen und Fenster überflüssig gemacht werden. Dieser eine Raum dient dem Araukaner nicht nur als Wohnhaus, sondern auch als Schweine- und Hühnerstall, vorausgesetzt, daß er über solche Reichtümer verfügt. Außerdem enthält er in malerischer Unordnung alles für den Araukaner zum Leben notwendige. In der Mitte ist der Feuerplatz, umgeben von allerhand merkwürdig geformten Kochgeschirren. An Stangen und Schnüren, die den ganzen Raum nach allen Richtungen durchziehen, hängen getrocknete Maiskolben, Tierhäute, Felle, kunstvoll arrangierte Gedärme, daneben stehen die mit bunten Decken bezogenen Betten der meist recht zahlreichen Familienmitglieder, Säcke mit Mehl und Getreide dienen als Sitzgelegenheiten, von der Decke herab hängen die kunstreich gezimmerten »Behälter« für Brustkinder, die die Araukanerfrauen auf dem Rücken tragen, wenn sie das Haus verlassen. In einer Ecke steht der Webestuhl, eine sehr primitive Maschine, auf der die Araukanerfrauen alle Stoffe für den Hausgebrauch selbst anfertigen. Manche von diesen Stoffen, die zu Ponchos und Decken verwandt werden, sind wunderschön in Farbe und Musterung. Bei einem alten Araukanerhäuptlinge sahen wir über dem Feuerplatze zwei – Skalpe hängen, ein schwarzes und ein blondes, augenscheinlich von einem »Milchgesicht« stammendes – ein alter Familienbesitz, der jedoch in Ehren gehalten wird, obwohl diese Indianer jetzt friedlicher sind und, besonders keinerlei Gelüste nach den Kopfhäuten ihrer Mitmenschen mehr hegen.

In einem der Ranchos, die wir besuchten, trafen wir eine indianische »Medizinfrau«. Sorgenvoll behandelte sie einen Araukaner, dem von einem Gegner im Streite ein Bein zerbissen war. Sie hatte den Mann ans Feuer gesetzt und das kranke Bein so nahe zur Flamme geschoben, daß es den Eindruck erweckte, die kunstreiche Ärztin wolle es braten. Übrigens wurde die kluge Frau, wie sie unserem Führer gestand, von schweren Sorgen geplagt: in ihrer Praxis waren ihr bis jetzt nur Hundebisse begegnet und sie wußte nicht, ob die dagegen angewandte Therapie auch bei Menschenbissen heilkräftig sei. In einem schwarzen Kessel auf dem offenen Herde brodelte ein köstlicher Kräuterbrei, der von Zeit zu Zeit »bemurmelt« wurde. Hoffentlich hilft er dem wunden Krieger, damit er sich bald an seinem bissigen Gegner rächen kann.

Die beste Aufnahme wurde uns bei einem alten Araukanerhäuptlinge zuteil. Der Mann – auf araukanisch nennt man ihn »Cazike« – schien überhaupt kultivierter zu sein, als die übrigen. Er baute sich gerade aus schönem Rotholz ein neues Haus. Dies war die einzige Araukanerfamilie, die ich ohne Gefahr, eingesperrt zu werden, photographieren konnte. Bei den anderen wurden die unglaublichsten Listen angewandt, damit ich meinen Kodak ein oder das andere Mal heimlich funktionieren lassen konnte. Meist wurden es dann – Rückenaufnahmen. Aber dieser alte Häuptling stellte uns nicht nur seinen beiden Frauen und seinen zehn Töchtern vor, sondern ließ sich gerne als stolzer Hahn im Korbe, inmitten der zwölf Frauenspersonen seiner Familie photographieren. Die Mädchen zogen dazu ihre schönsten Gewänder an und behängten sich mit reichem Silberschmuck. Auch ließ es sich der brave Mann nicht nehmen, die »Nomelofcien« – so heißt auf araukanisch jeder Nichtindianer, gleichviel ob er aus Temuco oder Moskau stammt – mit frischen Eiern zu bewirten. Weitere Gänge des araukanischen Diners wiesen wir, angesichts der mehr als primitiven Methoden ihrer Zubereitung, höflich aber bestimmt zurück. Dafür trank der Alte, ebenso wie seine zehn Töchter, gerne und viel von dem mitgebrachten Rotweine.

Die Araukaner sind, trotz eifrigen Bemühens der englischen Missionen, fast alle noch Heiden, das heißt bis zu einem gewissen Grade. Einige höchst unchristliche Sitten, z. B. die Vielweiberei, die jedoch mit den sozialen Verhältnissen des indianischen Lebens eng verknüpft sind, wird es wohl noch lange nicht gelingen, aus der Welt zu schaffen. Und wenn die Missionen darauf hinarbeiten, so begreifen sie nicht, daß sie damit gleichzeitig die Moral dieses Indianervolkes untergraben. Denn die Moral der Araukaner ist absolut einwandfrei, trotz der Vielweiberei höher stehend als in manchem Kulturlande. Dem Vater liegt daran, seinen jungen Sohn als Arbeiter ans Haus zu fesseln. Dazu gibt es nur ein Mittel: er muß ihm eine Frau – kaufen. Denn hier werden die Frauen noch »gekauft«, für 25-80 Schafe, je nach dem Alter, kann man eine haben. Also der Vater kauft seinem 15jährigen Sohne eine Frau, die billig sein muß, also wenigstens 35 Jahre alt ist. Der Junge lebt mit seiner Frau glücklich bis zu seinem 25. Jahre. Dann ist seine Frau schon alt und verwelkt, er selbst hat sich aber schon etwas erspart und kann sich eine Frau kaufen, die ungefähr ebenso alt ist wie er. Mit der lebt er weitere 20 Jahre, dann ist er reich geworden und kann sich ein junges Weib von 15 Jahren leisten. Wenn er als 65jähriger Greis stirbt – länger lebt der Indianer fast nie – ist seine dritte Frau 35 und taugt gerade dazu für einen Burschen von 15 Jahren gekauft zu werden. So schließt sich der logische Ring des merkwürdigen araukanischen Eheinstituts ganz von selbst. Eifersucht kennt die Araukanerfrau nicht, sie geht in der Sorge um die meist sehr zahlreichen Kinder auf. Ein Araukaner mit drei Frauen lebt in den glücklichsten und ruhigsten Familienverhältnissen. Solch ein durch jahrhundertelange Tradition geheiligter, aus den sozialen Verhältnissen eines Volkes sich ganz von selbst ergebender Gebrauch läßt sich natürlich nicht durch einen Federstrich der Regierung aus der Welt schaffen, worauf die englischen Missionen mit Gewalt hinarbeiten. Dazu sind Jahrzehnte und Jahrzehnte sorglicher, verständiger und verständnisvoller Kulturarbeit notwendig.

Diese und manche anderen interessanten Aufschlüsse über Sitten und Gebräuche, Psychologie und Lebensbedingungen der araukanischen Indianer verdanke ich einer Persönlichkeit, die originell genug ist, um sie meinen verehrten Lesern vorzustellen. Es ist ein Franziskanermönch, Padre Hieronymo, einer der merkwürdigsten Menschen, die mir je in meinem Leben begegnet sind. Auf den ersten Blick scheint der Padre Hieronymo nur aus seiner braunen Kutte und einem mächtigen roten Bart, der bis an die Gürtelschnur herabreicht, zu bestehen. Sieht man näher hin, so entdeckt man hinter Brillengläsern ein Paar leuchtend blaue, intelligente, freundlich und doch ein wenig listig blickende Augen. Der Padre ist Bayer. Hier lebt er seit zehn Jahren, hat eigenhändig, fast ohne fremde Hilfe unweit Temucos eine Schule für Indianerbuben aufgebaut. Dort haust er, umgeben von 80-100 Araukanerknaben, die er zu vernünftigen, denkenden Menschen erzieht, ohne sie gewaltsam den eigenen Sitten und der eigenen Kultur zu entfremden. Einige Monate im Jahr durchstreift er zu Pferde das ganze Araukanergebiet, ist überall gerne gesehen, da er fließend araukanisch spricht, und holt sich die Jungen von 8-14 Jahren, die ihm jetzt überall mit Freuden anvertraut werden. Mit einer umfassenden, festgegründeten Bildung verbindet Padre Hieronymo eine überaus feine Menschenkenntnis, eine Weitherzigkeit und Vorurteilslosigkeit, die bei einem bayrischen Franziskanermönch geradezu verblüffend ist. Über alle Fragen der Politik, Literatur und Wissenschaft ist er orientiert. Unser erstes Gespräch drehte sich um russische politische Verhältnisse und die Bücher von Gorki und Tolstoi. Man denke – ein deutscher Mönch in den chilenischen Urwäldern! Manche höchst anregende und interessante Stunde verdanke ich dem Padre Hieronymo. Gerne würde ich seine feinsinnigen Beobachtungen über das Leben der Araukaner mitteilen, doch würde mich das viel zu weit führen.

Die Araukaner-Indianer sind ein Thema, das sich auf diese Weise doch nicht erschöpfend behandeln läßt. Der Zweck dieser Zeilen konnte nur eine flüchtige Umrißzeichnung sein. Man sieht auch daraus, daß der Gegenstand einer anderen Behandlung wert wäre.

Tafel 4


Interieur einer »Ruca«

Araukanierin zu Pferde

Araukanische »Ruca« (Chile)

Araukanischer Friedhof

11. BRIEF.
SÜD-CHILE – EIN ZWEITES DEUTSCHLAND.

Wenn man in Europa an Chile denkt – wer tut das überhaupt und wann? – so macht man sich von der Ausdehnung des Landes schwerlich einen ganz richtigen Begriff. Auf die Karte von Europa projiziert, würde Chile von Norden nach Süden eine Strecke einnehmen, die etwa von Kopenhagen bis Zentral-Afrika reicht. Dieser Umstand bedingt natürlich eine Variabilität der wirtschaftlichen Verhältnisse, wie sie außerdem vielleicht nur noch in Rußland vorkommt. Die Grenzgebiete sind hier im hochgelegenen steinigen Norden, wo kein Baum und kein Strauch mehr gedeiht, die ungeheure Salpeterindustrie, – im Süden, der in die gemäßigte Zone hineinreicht, die ausgedehnten Schafzüchtereien. Dazwischen liegen die üppigen Ebenen von Santiago und Liai-Liai, wo der herrliche chilenische Wein wächst – überhaupt ein Fruchtland par excellence, das dem »gelobten« der Bibel in nichts nachzustehen scheint – und weiter südlich am Valdivia und Ossorno herum das märchenhafte Weizengebiet, dessen Fruchtbarkeit jeden europäischen Landwirt gelb vor Neid machen muß. Die klimatischen Unterschiede in den einzelnen Landstrichen Chiles sind natürlich außerordentlich fühlbare. Das merkt man als Reisender, und noch dazu als eilig Reisender, ganz besonders – leider, denn wenn man den Norden bei herrlichstem Sommerwetter und nie aussetzendem Sonnenschein verläßt, kommt man im Süden in den grauen, trüben und kühlen Herbst hinein, ehe man sichs versieht. Eine Redensart behauptet vom südlichen Chile, daß es ein Land sei, in dem es dreizehn Monate im Jahr regnet. Dagegen kann nur der Kalendermann aus Pedanterie protestieren. Dennoch wird man als Reisender von Ort zu Ort immer südlicher geschickt. Denn die Chilenen sind mächtig stolz auf den Süden ihres Landes, auf die malerischen Schönheiten, die das Seengebiet der südchilenischen Kordillere bietet. Aber was nutzen einem die herrlichsten Berge, die Schneekoppen phantastischer Vulkane, wenn sie von schweren, grauen Wolken bedeckt sind, oder die herrlichsten Seen, wenn ein dichter undurchsichtiger Regenschleier sie verhüllt! Man läßt die Einwohner von den zauberischen Schönheiten ihres Landes erzählen und muß ihnen aufs Wort glauben. Oder man muß den vierzehnten Monat des Jahres für seine Reise abwarten. Dann präsentiert sich vielleicht die ganze Gebirgsszenerie in ihrer vollen Pracht.

Beim Durchfahren der Bahnstrecke Valdivia–Ossorno–Puerto Montt wird es einem, ebenso wie beim Aufenthalte in den genannten Städten, zuweilen schwer zu glauben, daß man sich irgendwo in Chile befindet und nicht in Deutschland, freilich in einem Deutschland vor fünfzig oder fünfundsiebzig Jahren (wie man sich das so vorstellt). Selbst der Piccolo auf den Stationen fehlt nicht: »Glas Bier gefällig?« Nur heißt das hier »una cerveza«. Es ist kein Zweifel: in ganz Süd-Chile sind die Deutschen das absolut dominierende Bevölkerungselement. Wenn auch nicht der Zahl, so jedenfalls der wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung nach, die sie hierzulande erlangt haben. Allein drei Viertel des gesamten Grundbesitzes befinden sich in deutschen Händen, zuweilen sind es Latifundien, deren Ausdehnung sogar in Rußland Respekt erregen würde. Güter von 40-50 000 Hektar sind keine Seltenheiten. »Es gibt in Chile keinen armen Mann«, behauptet eine Redewendung, die ich oft gehört habe. Glückliches Land, wenn das stimmt. Und das scheint zu stimmen. Wohlstand und Genügen, wohin man blickt, wenigstens unter den Deutschen, die im Konkurrenzkampf mit dem trägen unentschlossenen Chilenen leichtes Spiel haben. Der Hauptgrund dieses auffallenden Wohlstandes ist natürlich der beispiellos fruchtbare Boden des Landes. In Chile wächst alles, was man in die Erde steckt. Und wie wächst es! Ich habe siebenjährige Fruchtbäume gesehen, die doppeltmannhoch unter der Last der Früchte buchstäblich zusammenbrachen. Die Äste der Pflaumen- und Birnbäume sehen aus wie Riesentrauben und Riesenbeeren, Frucht an Frucht gedrängt, kein Blättchen hat dazwischen Raum. Und daneben wächst Tabak, Mais, oder Sonnenblumen von fabelhafter Größe, dann wieder Pfirsiche, Erdbeeren und friedlich nebeneinander stehen Kokospalmen und Edeltannen. Aber das eigentliche Gold des Landes ist der Weizen. Der Landwirt baut ihn fast ausschließlich. Er läßt seine Felder lieber drei bis sechs Jahre ganz ruhen, um sie dann wieder unter Weizen zu bringen. Den Begriff der Düngung kennt man hier nicht. Und was für Ernten gibt es hier! Eine Ernte, die das fünfundzwanzigste bis dreißigste Korn abwirft, gilt als mittelmäßig. In Ossorno lernte ich einen deutschen Landwirt kennen, der soeben eine Weizenernte eingebracht hatte, die ihm das fünfzigste Korn ausgab. Damit war er freilich selbst zufrieden. Trotzdem der ganze Weizenexport in den Händen von nur zwei großen Firmen liegt, die merkwürdigerweise englisch sind und die Preise auf ein Minimum herabdrücken, ist das Weizengeschäft so lohnend für die Landbesitzer, daß nichts anderes daneben bestehen kann.

Die einzige Mühe, die der Landwirt hier hat, ist die – das Land urbar zu machen. Ist das einmal geschehen, so braucht er sich um nichts mehr zu kümmern. Das übrige besorgen der Boden und das Klima ganz von selbst. Aber diese Urbarmachung zwingt einen, gehörige Schwierigkeiten zu überwinden, und die Energie, die dazu verbraucht wird, verdient die allerhöchste Bewunderung. Enorme Strecken des Landes sind von undurchdringlichem Urwald bedeckt. Den gilt es auszuroden. Hier hat sich nun eine ganz merkwürdige Technik ausgebildet, die – nebenbei gesagt – tausende von Kilometern weit auch den landschaftlichen Charakter des Landes bestimmt. Sie besteht in folgendem. Es werden künstlich Waldbrände in Szene gesetzt. Vorerst um das Unterholz zu vernichten, denn sonst ist ein Eindringen in den Wald überhaupt unmöglich. Der erste Brand vernichtet jedoch den Wald noch nicht, er trocknet ihn nur aus. Nun wartet man ein Jahr oder zwei, dann zündet man den Wald wieder an. Und so weiter, bis endlich nur noch verkohlte Stämme in dichten Reihen gen Himmel starren und das zu Asche gewordene Unterholz in schwärzlich-brauner Schicht den Boden bedeckt. Dieses landschaftliche Bild verfolgt einen durch ganz Chile. Es sieht trostlos aus, am wenigsten darnach, daß hier der Mensch bei einer Kulturarbeit ist. Nun gilt es noch, die Bäume zu fällen und die Wurzeln zu heben, dann kann man ruhig und unbesorgt um das Resultat seinen Weizen säen. Doch hin und wieder widersetzt sich der Wald. Es gibt Stämme und Baumstrünke, denen weder mit der Hand noch mit Maschinen beizukommen ist. Der Landweg zwischen Puerto Varras und Puerto Montt ist mit niedergebranntem Wald eingesäumt, der seit fünfzig Jahren brach liegt. Sieht man die Stümpfe der Riesenbäume, von denen manche drei bis vier Meter im Durchmesser aufweisen, so begreift man, daß hier alle Arbeit umsonst wäre.

Ein Feind des Landwirts ist hier auch – die Brombeere. Die Deutschen haben sie vor einigen Jahrzehnten erst selbst eingeführt. Jetzt werden sie die Geister, die sie riefen, nicht mehr los. Die Brombeere wuchert überall in solchen Massen, in solch üppigem Gewirr, daß sie droht, das ganze Land mit einer undurchdringlichen Hecke zu überziehen. Ein wahrer Vernichtungskampf gegen sie hat begonnen, der viel Mühe kostet und doch nur wenig nutzt.

War es vor fünfzig Jahren fast ausschließlich die Landwirtschaft, die die Deutschen hier stark machte, so dringt ihr Einfluß jetzt in alle Gebiete des wirtschaftlichen, sozialen, ja sogar politischen Lebens hinein. Übrigens sind die Chilenen weit entfernt davon, unzufrieden zu sein. Kürzlich fiel mir eine spanische Zeitung in die Hand, aus der ich, zur Orientierung, folgendes wörtlich übersetzte Zitat mitteilen möchte: »Deutsch sind unsere Unterrichtssysteme und deren Leiter, deutsch sind unsere Elektrizitätswerke, deutsch ist unser Militärwesen, deutsch beinahe die ganze Salpeterzone von Tolo und Taltal, deutsch die meisten und wichtigsten unserer Banken, in deutschen Banken sind unsere Goldreserven deponiert, auf deutschen Schiffen fahren unsere Staatsangehörigen, wenn sie ihr Land auf einige Zeit verlassen, auf deutschen Schiffen kommen die für unseren Gebrauch nötigen Waren an, mit deutschem Spielzeug spielen unsere Kinder, deutsche Artikel beherrschen unseren Markt und sogar unsere Zeitungen sind auf deutschem Papier gedruckt, oder wenigstens auf Papier, das durch deutsche Kaufleute in den Handel gebracht wird. Ich habe deshalb gesagt, daß, wenn eines Tags eine andere Nation an unseren Türen pocht, man ihr antworten wird: besetzt!« So weit der chilenische Publizist. Dazu kann man noch hinzufügen: deutsch, ausschließlich deutsch ist hier, wie übrigens auch anderswo das Dreigestirn Doktor, Apotheker, Wurstmacher und deutsch sind alle, wenigstens alle guten Hotels. Letzteren Umstand kann der Reisende, zumal der deutsche, nicht hoch genug preisen.

Und allen diesen Deutschen geht es, wie gesagt, gut. Verkrachte Existenzen kommen kaum vor. Ein Graf R., der sich hier so durchhochstapelt und ein Fürst v. F., der in einer Valdivianer Brauerei Flaschen wäscht, werden als Sehenswürdigkeiten gezeigt.

Nun entsteht die Frage: fühlen sich die Deutschen hier als Deutsche, oder sind sie zu Chilenen geworden, wollen sie es werden. Es ist dasselbe Dilemma, vor das die Deutschen auch – anderswo gestellt werden. Ich fragte einen hiesigen Einwohner darnach, einen prächtigen bayrischen Wurstfabrikanten in Temuco, dessen Söhne sich schon etwas chilenisch ausnahmen. Ich fragte ihn: »Tut es Ihnen nicht leid, wenn Ihre Kinder das deutsche Heimatsgefühl verlieren?« Er zuckte die Achseln, und ein ganz leichter Schatten legte sich auf sein Gesicht. »Das Einzige, was ich von meinen Kindern verlange, ist, daß sie anständige und ehrliche Menschen sind.«

12. BRIEF.
CHILENISCHES GESELLSCHAFTS-, BADE- UND SPORTLEBEN.

Der Nachahmungstrieb, wenn er nicht auf innerem Verständnis und wirklichem Bedürfnis beruht, sondern auf Eitelkeit und Parvenü-Ehrgeiz, ist eine gefährliche, ja verhängnisvolle Eigenschaft. Er führt zu geistigen Fälschungen, zieht in der Regel Zwang und Unfreiheit nach sich und bedingt das betrübliche Schauspiel, wie Sinn in Unsinn verkehrt wird.

Einen Beleg für diese Behauptung bietet das Leben der chilenischen beau monde, wie es sich dem europäischen Beobachter darstellt.

Sobald der Südamerikaner – hier ist speziell vom eingeborenen Chilenen die Rede – zu Gelde kommt, packt ihn die Eitelkeit, es in allen Dingen den hochmütigen Europäern nicht nur gleich-, sondern womöglich zuvorzutun. Da ihm die eigenen Ideen fehlen – wo sollte er sie auch herhaben – muß er sich aufs Nachahmen verlegen. Und da entsteht jenes ergötzliche Bild, das die Kritik herausfordert, auch wenn man kein Mephistopheles ist: »wie er sich räuspert, wie er spuckt ...«

Schon auf den südamerikanischen Ozeandampfern, in den großen Hotels der argentinischen und chilenischen Hauptstädte, fällt die stahlgepanzerte Reserve auf, die von Vollblut-Chilenen Europäern gegenüber zur Schau getragen wird. Sie entspringt jedoch keineswegs dem Überlegenheitsgefühl und dem sprichwörtlichen Rassenhochmut der stolzen Spanier, sondern hat vielmehr in dem Gefühl der inneren Unfreiheit und gesellschaftlichen Unsicherheit ihren Grund. Weil der Chilene nicht genau weiß, wie er sich in jeder gegebenen Situation »europäisch« zu betragen hat, beträgt er sich lieber gar nicht, d. h. bleibt stocksteif, stumm und unbeweglich. Die Angst, irgend eine gesellschaftliche Dummheit zu begehen, benimmt ihm die Bewegungsfreiheit.

Amüsanter noch als dies ist, daß sich dieselben Gesichtspunkte hier auf das gesellschaftliche Leben übertragen, auch wenn die Chilenen unter sich sind. Weiß man doch von seinem gesellschaftlichen Partner nicht ganz genau, was für »europäische« Begriffe er sich angeeignet hat. Von Leuten, die in den hiesigen Verhältnissen gut versiert sind, hört man einstimmig behaupten, daß in der chilenischen Gesellschaft eine arge Korruption herrscht. Es fällt schwer, das zu glauben, denn nach außen hin ist nicht das allergeringste davon zu merken. Im Gegenteil, ein sittenstrengeres Gebaren, als es die Chilenen allenthalben zur Schau tragen, läßt sich kaum denken. Hier herrscht zwischen Innen und Außen augenscheinlich dasselbe Verhältnis, wie etwa in der Kleidung der bolivianischen Indianerfrauen. Nach außen hin sehen sie sauber und appetitlich aus, und nur der Eingeweihte weiß, daß unter dem schönen neuen Kleiderrock unzählige alte, schmierige und zerfetzte stecken.

Je strenger ein Dogma eingehalten wird, desto mangelhafter ist es meistens um sein Verständnis bestellt. Das hat hier nicht nur auf die Dogmen der katholischen Kirche Anwendung, die mit einer unerbittlichen Strenge und peinlichster Genauigkeit befolgt werden, sondern auch auf die von Anno dazumal übernommenen Dogmen des europäischen gesellschaftlichen Lebens. Wichtig ist hier wie dort nur, wie die Sache nach außen hin aussieht, doch darf man ihr beileibe nicht einen Millimeter breit auf den Grund gehen.

Da ist z. B. das Straßenleben abends in Valparaiso. Man tritt auf die Avenida del Independencia hinaus. Die Straße ist schwarz von Menschen. Im ersten Augenblick glaubt man, daß sich ein Schadenfeuer oder sonst irgend ein aufregendes Ereignis abspielt. Erst wenn man näher kommt, erkennt man, daß sich hier nichts anderes vollzieht, als die regelmäßige Abendpromenade der sogenannten »guten« Gesellschaft der Stadt. Und zwar ist es wirklich die gute Gesellschaft, und nicht wie etwa in Berlin auf der Friedrichstraße oder auf dem Newski in Petersburg die jeunesse (und vieillesse) dorée nebst der dazugehörigen Demimonde. Auch das wird einem anfangs schwer zu glauben. Der einzige Unterschied zwischen der halben und der ganzen Welt hier ist der, daß die erstere im Aussehen ehrbarer und im Benehmen distinguierter ist, denn sie stammt meistens wirklich aus Paris. Diese Abendpromenade der chilenischen Gesellschaft ist, wenn man die Sache beim rechten Namen nennt, eigentlich nichts anderes, als ein ordinärer Heiratsmarkt. Nur gibt sich jedermann den Anschein, als merke er nichts davon. Mütter stellen ihre unmündigen Töchter und mündige Jungfrauen und Frauen stellen sich selbst zur Schau. Zu diesem Zwecke staffiert man sich nicht nur mit unerhörten Toilettenkünsten heraus, sondern läßt auch alle Mittel – und nicht einmal nur die geheimen – der Kosmetik springen. Jedes weibliche Wesen in Chile, das sich zur Abendpromenade begibt, schminkt sich oder wird geschminkt – ganz egal ob es zwölf oder vierzig Jahre zählt. Auch das ist ein Beispiel für das Mißverstehen europäischer »Kulturerrungenschaften«. Nach unseren Begriffen sehen diese bemalten Kindergesichter, die all ihren natürlichen Liebreiz verlieren, abschreckend, ja ekelerregend aus. Der Chilenin erleichtert diese Sitte die Konkurrenz, denn auf diese Weise haben sie alle mehr oder weniger das gleiche Aussehen. Und dann resultiert daraus ein wundervolles taktisches Prinzip: die Chilenin macht einfach so, als ob sie schön wäre und benimmt sich so. Darin liegt vielleicht das Geheimnis ihrer Reize für den geschmacksunsicheren chilenischen Jüngling. Die Toiletten und Hüte, die bei dieser abendlichen Promenade zur Schau getragen werden, sind von exquisitem Luxus. Man sieht ihnen die Pariser Herkunft unschwer an. Leider fehlt den chilenischen Frauen nur das, was man »portée« nennt. Sie erwecken oft den Eindruck wandelnder Kleiderstöcke. Einer anderen, als der Augensprache dürfen sich die Angehörigen verschiedenen Geschlechts nicht bedienen. Von der allerdings wird ausgiebiger Gebrauch gemacht. Sonst verbietet der sittenstrenge gesellschaftliche Kodex jeden Verkehr. Männlein und Weiblein wandeln in säuberlich getrennten Gruppen, und wehe dem, der einen Annäherungsversuch macht. Unwillkürlich denkt man an die Sonntagspromenaden der Mädchen und Burschen in den russischen Dörfern. Es muß ein geheimnisvoller Zusammenhang zwischen dem allgemeinen Kulturniveau und der Freiheit des gesellschaftlichen Verkehrs zwischen beiden Geschlechtern bestehen.

Der europäische Begriff der Geselligkeit scheint hier überhaupt in seinen gewöhnlichsten Formen unbekannt zu sein. Man vergleiche z. B. das muntere ungezwungene Leben, das in einem beliebigen europäischen Badeorte herrscht, mit dem, was man in dem fashionablen chilenischen Seebade Vina del Mar sieht. Dieser Badeort zeichnet sich schon dadurch vor allen übrigen aus, daß kein Mensch dort badet. Außer einigen Kindern, meistens Straßenjungen, geht niemand ins Wasser. Das Meer wird höchstens als Schauspiel genossen, und auch das mit Maß. In Vina del Mar wohnt während der Sommermonate die gesamte vornehme Welt Chiles und jeder, der gern dazu gehören möchte. Das Badeleben beschränkt sich darauf, daß man zweimal täglich in seiner blankgeputzten Equipage spazierenfährt, das heißt was man so spazierenfahren nennt. In langen Reihen bewegen sich die eleganten Wagen die staubigen Straßen des Städtchens entlang. Oft bleiben sie stehen, doch nicht um den Insassen Gelegenheit zu einem Spaziergange zu geben. Das wäre der kostbaren Toiletten und fabelhaften Hüte wegen schon nicht zu empfehlen. Die Herrschaften bleiben in den Wagenpolstern ruhen, und die Equipage hält nur, damit die Insassen bequemer lorgnettieren und sich lorgnettieren lassen können. Und der wundervolle Strand mit seinem schneeweißen Dünensande, der endlos sich dehnenden glänzenden Fläche des stillen Ozeans und den verführerisch schäumenden Flutwellen bleibt um jede Tageszeit gleich leer – ein Tummelplatz für die lustige Straßenjugend, die es nicht nötig hat, auf alle Fälle »fein« zu sein. Dieses Feinseinwollen à tout prix ist das Unglück der Chilenen, es unterbindet jedes Vergnügen und ist auch der alleinige Grund ihres absurden, tödlich langweiligen Badelebens. Niemand wagt es, an den Strand zu gehen, denn man muß täglich und womöglich stündlich zeigen, daß man eine Equipage besitzt und sich einen Kutscher in Livree mit weißen Lackstiefeln leisten kann. Da der Strand von niemandem besucht wird, braucht man ihn natürlich auch nicht zu pflegen. Badeeinrichtungen sind nur in so primitiver Form vorhanden, daß in dieser Hinsicht das letzte Fischerdorf der Ostsee ein Ausbund von Luxus dagegen ist. Vor fünf Monaten ist am Strande von Vina del Mar ein großer chilenischer Passagierdampfer gescheitert. Die Trümmer liegen noch überall herum. Als ich eines Tages daran vorüberwanderte, erfolgte plötzlich ein fürchterlicher Knall, und das Wrack spie einen Regen von Holz- und Eisensplittern aus, die mir um die Ohren flogen. Der Schiffsrumpf wurde mit Dynamit auseinandergesprengt, wie sich herausstellte. Da jedoch nie ein Mensch sich am Strande zeigt, hielt man es nicht einmal für nötig, irgend welche Vorsichtsmaßregeln, etwa in Gestalt von Warnungstafeln, anzubringen. Fünfhundert Schritte weiter hat man die städtischen Abfallgruben, die einen bestialischen Gestank verbreiten. Räudige Hunde suchen dort ihre spärliche Nahrung unter halbverfaulten Maisstrünken und Melonenschalen, alte zerlumpte Bettelweiber sammeln zerbeulte Sardinenbüchsen auf, die von der Flut angespült werden.

Und dies alles geht an einer Stelle vor sich, die wie geschaffen dazu wäre, damit sich dort das herrlichste ungebundenste Strandleben mit all seinen Reizen und Freuden entwickeln könnte! O ob der Kurzsichtigkeit des Nachahmungstriebes!

Fehlt Vina del Mar somit der eigentliche Sinn des Badelebens, so ist der Unsinn, in seinen »chicken« Formen natürlich reichlich vertreten. Dazu rechne ich, außer dem erwähnten Toilettenluxus, das krampfhaft gesteigerte Interesse für Rennsport mit all seinen Ausgeburten. Der Turf frißt hier nicht weniger Existenzen auf als anderswo. Sportlich stehen die Rennen, mit geringen Ausnahmen, auf keiner sehr hohen Stufe, um so glänzender blüht dagegen das Totalisator-Geschäft. Betritt man den Paddok und schaut sich die chilenische Rennwelt an, so erlebt man manche Überraschung. Vor allem die, daß die Jockeys in ihren bunten Jacken meist Knaben von 12-18 Jahren sind. Zu einem Rennen sah ich einen Knirps von höchstens 10 Jahren hinausreiten, seine winzigen Händchen umspannten kaum die Zügel. Vom »Sport« kann unter solchen Umständen wohl kaum die Rede sein. Die jugendliche Jockey-Gesellschaft muß die Pferde von vornherein durchgehen lassen, und jeder sorgt nur dafür, daß er im Sattel bleibt, sonst wird weiter keine Reitkunst angewandt. Nur zu den hochdotierten Rennen (z. B. im Preise von Vina del Mar, 25.000 Pesos) erscheinen etwas ernsthaftere Leute am Start, und man sieht sportlich hervorragendere Leistungen. Gerade das erwähnte Rennen wurde vorzüglich geritten, oder vielleicht schien es nur so nach der naiven Karriere-Wurstelei der Jockey-Säuglinge. Amüsant ist es, wenn ein edles Vollblut auf eigenes Risiko vor dem Startzeichen das Rennen beginnt und die Bahn durchrast, ohne daß der Reiter die Möglichkeit hat, es vor Ende der Strecke zum Stehen zu bringen. Die übrigen Pferde warten, bis der Durchgänger zum zweiten Mal – meist unter frenetischem Applaus des Publikums – die Startlinie passiert und nehmen dann das Rennen auf. Wie lustig dabei die Kombinationen am Totalisator sind, läßt sich denken, beinahe so lustig, wie das Bild des Rennens. – Freilich nicht für Jedermann.