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Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II cover

Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II

Chapter 12: I.
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About This Book

A provincial adventurer pursues a peculiar commercial scheme, journeying from estate to estate to acquire legal claims on peasants recorded as dead, and in doing so exposes a parade of eccentric landowners, officials, and local customs. The narrative alternates expansive landscape and manor descriptions with comic, grotesque encounters that satirize vanity, corruption, and bureaucratic inertia. Frequent digressions shift the tone from farce to moral reflection, leaving motives and consequences ambiguously judged. The work blends vivid scene-setting, character sketches, and ironic social commentary to examine disparities between outward respectability and private emptiness.

Als der Bote mit der Nachricht zurückkam, daß der arme kleine Beamte kurz nach der Audienz einem plötzlichen Fieberanfall zum Opfer gefallen war, empfand der General-Direktor starke Gewissensbisse und verbrachte den ganzen Tag in der düstersten Stimmung.

Um sich ein wenig zu zerstreuen und seine peinlichen Eindrücke zu verjagen, begab er sich des Abends zu einem Freunde, bei dem er eine angenehme Gesellschaft antraf, und — was die Hauptsache war — lauter Personen von seinem Rang, so daß er sich nicht zu genieren brauchte.

Und wirklich sah er sich auch bald all seiner melancholischen Gedanken enthoben, er wurde wieder lebhaft, fing Feuer, beteiligte sich in liebenswürdigster Weise an den Gesprächen, wie wenn nichts vorgefallen wäre, und verbrachte so einen sehr schönen Abend.

Zum Souper trank er zwei Glas Champagner, bekanntlich das beste Mittel, um seine Heiterkeit wieder zu gewinnen. Unter dem Einflusse dieses schäumenden Trankes bekam er Lust zu etwas ganz Besonderem: er beschloß daher, nicht unmittelbar nach Hause zu gehen, sondern eine seiner Freundinnen, ich glaube es war eine deutsche Dame, namens Karoline Iwanowna, aufzusuchen, zu der er zärtliche Beziehungen unterhielt.

Ich möchte hierbei betonen, daß die hohe Persönlichkeit keineswegs mehr jung war, ja, daß man sie überall als tadellosen Gatten und guten Familienvater rühmte. Ihre beiden Söhne, deren einer bereits in einem Ministerium angestellt war, und ein sechszehnjähriges Töchterchen mit einer zwar hakenförmigen aber doch ganz reizenden Nase, kamen allmorgentlich in sein Zimmer, um ihm die Hand zu küssen und ihm mit den Worten: Bonjour, papa guten Morgen zu sagen.

Seine Gattin, eine frische und noch immer anziehende Erscheinung, bot ihm zuerst die Hand zum Kusse, ergriff sodann die seine und drehte sie nach innen, um sie ihrerseits an ihre Lippen zu führen. Obgleich sich die hohe Persönlichkeit also in ihrer Häuslichkeit äußerst wohl fühlte und durch die Zärtlichkeiten der Familienmitglieder vollauf befriedigt schien, glaubte sie dennoch auch in einem anderen Viertel den Galanten spielen zu müssen. Die Freundin, mit der seine Gattin seine Zärtlichkeiten teilen mußte, war keineswegs jünger als diese; aber so sind die Rätsel des Lebens, und wir sind ja nicht befugt, sie hier lösen zu wollen.

Die hohe Persönlichkeit ging also die Treppe hinunter, bestieg ihren Schlitten und sagte zu dem Kutscher:

„Zu Karoline Iwanowna!“

Sorgfältig in seinen warmen Mantel eingehüllt, befand er sich in der angenehmsten Stimmung, die sich ein Russe nur wünschen mag, einer Stimmung, wo man selbst an nichts denkt und sich der Geist doch in einem Kreislauf von Gedanken bewegt, von denen die einen immer wohltuender sind als die anderen, und wo man sich garnicht die Mühe zu nehmen braucht, nach ihnen zu suchen oder sie festzuhalten. Er dachte an die glücklichen Stunden, die er soeben in so angenehmer Gesellschaft verbracht hatte, an die geistreichen Bemerkungen, die den kleinen Kreis zu lautem Lachen gereizt und die er halblaut kichernd wiederholte. Hierbei fand er, daß sie noch genau so komisch waren wie damals, als er sie zum ersten Male gehört hatte, und er wunderte sich daher nicht im mindesten darüber, daß er so herzhaft hatte lachen müssen.

Von Zeit zu Zeit störte ihn ein heftiger Windstoß, der ihn plötzlich ganz unmotiviert anwehte und ihm ganze Schneehaufen ins Gesicht schleuderte, in seinen Betrachtungen. Der Nord pfiff durch seinen Mantel, blähte ihn wie ein Segel auf, schlug ihm den Kragen um die Ohren und nötigte ihn, seine ganze Kraft zusammenzunehmen, um sich wieder aus ihm herauszuwinden.

Plötzlich fühlte die hohe Persönlichkeit, wie eine machtvolle Hand sie am Kragen packte. Sie wandte sich um und bemerkte einen kleinen, mit einer alten Uniform bekleideten Mann. Entsetzt erkannte sie Akaki Akakiewitschs Züge, und diese Züge waren bleich wie der Schnee und abgezehrt wie die eines Toten.

Aber wer beschreibt den Schrecken der hohen Persönlichkeit, als sie bemerkte, daß sich der Mund des Toten in krampfhaften Zuckungen verzog, den Direktor mit eisigem Grabeshauche anblies und in folgende Worte ausbrach:

„Endlich habe ich dich ... endlich kann ich dich am Kragen packen. Ich will meinen Mantel. Du hast dich nicht um mich gekümmert, als ich in Nöten war, und mich nur mit Schmähungen überhäuft. — Nun sollst du mir deinen Mantel geben!“

Der arme hohe Beamte war ein Kind des Todes. In seinem Bureau vor seinen Untergebenen fehlte es ihm sicher nicht an Mut und Charakterstärke; er brauchte nur einen Subalternen streng anzusehen, und schon rief jeder, der einen Blick auf seine kräftige Gestalt und sein imponierendes Äußeres warf: „Welch ein Charakter!“

Aber wie bei so vielen anderen hochmütigen Beamten offenbarte sich sein Heldentum nur in seiner äußeren Erscheinung, und in diesem Augenblick war er so erschrocken, daß er sogar um seine Gesundheit fürchten mußte.

Mit zitternder Hand zog er sich selbst seinen Mantel aus und rief seinem Kutscher zu:

„Schnell nach Hause! Schnell!“

Als der Kutscher diese Stimme hörte, die, wie das in solchen Augenblicken wohl vorkommt, einen sehr bestimmten und energischen Klang hatte und meist von noch viel bestimmteren und energischeren Taten begleitet zu sein pflegte, neigte er vorsichtig den Kopf, schwang seine Peitsche und ließ seinen Schlitten pfeilschnell dahinsausen. In weniger als sechs Minuten hielt der Schlitten vor dem Hause der hohen Persönlichkeit. Bleich, erschrocken und ohne Mantel stieg er aus und begab sich sofort nach seinem Zimmer. Statt zu Karoline Iwanowna zu fahren, war er schleunigst zu sich nach Hause geeilt. Er verbrachte eine so schreckliche Nacht, daß seine Tochter am andern Morgen während des Tees entsetzt ausrief:

„Du bist ja heute so bleich, Papa!“

Er sagte nichts, weder von dem, was er gesehen, noch von dem, wo er gewesen war, und was er am Abend vorher hatte tun wollen. Indes machte dieses Ereignis einen tiefen Eindruck auf ihn. Von diesem Tage an fragte er seine Untergebenen nicht mehr in seiner bisherigen schroffen Art:

„Was erlauben Sie sich? Wissen Sie, wer vor Ihnen steht?“

Oder, wenn es ihm doch noch bisweilen widerfuhr, in herrischem Tone mit ihnen zu sprechen, so hörte er doch wenigstens vorher erst ihr Gesuch an.

Und wie seltsam! Von diesem Tage an zeigte sich das Gespenst nicht mehr. Augenscheinlich hatte es überhaupt keine andere Absicht gehabt, als sich den Mantel des General-Direktors anzueignen. Jedenfalls hörte man von nun an nichts mehr davon, daß den Leuten ihre Mäntel geraubt wurden. Allerdings gab es noch einige ängstliche und übereifrige Personen, die sich durchaus nicht beruhigen wollten und behaupteten, daß sich das Phantom noch immer und zwar in andern entlegeneren Stadtvierteln zeige ... Und in der Tat, ein Wachtposten wollte sogar mit eigenen Augen gesehen haben, wie es an einem Hause vorübergeeilt war. Der Posten war jedoch von Natur ein wenig schwächlich — hatte doch sogar ein gewöhnliches ausgewachsenes Ferkel, das aus einem Privathause ausgebrochen war, ihn zur größten Freude und Erheiterung der herumstehenden Droschkenkutscher einmal ganz einfach umgeworfen. Dafür ließ er sich freilich nachher von jedem einen Groschen für Tabak geben, um sie zu strafen, weil sie sich über ihn lustig gemacht hatten. Da er also ein solcher Schwächling war, wagte er es nicht, das Gespenst zu verhaften, sondern begnügte sich damit, ihm in der Dunkelheit nachzuschleichen. Da aber drehte sich das Gespenst plötzlich um und schrie ihn an: „Was willst du?“ wobei es ihm eine so schreckliche Faust zeigte, wie man sie sogar bei einem Lebenden nicht so leicht zu sehen bekommt.

„Nichts,“ antwortete der Wachtposten und nahm eiligst Reißaus.

Dieser Schatten war jedoch schon bedeutend größer als der des Titular-Rats und trug einen enormen Schnauzbart. Er schien mit mächtigen Schritten der Obuhoffbrücke zuzueilen und verschwand gleich darauf in der dunklen Nacht.

Die Nase

I.

Am 25. März trug sich in St. Petersburg ein außerordentliches Ereignis zu.

Auf dem Wosnessenski-Prospekt wohnte der Barbier Iwan Jakowlewitsch, dessen Familienname von dem Schilde, auf dem man nur noch die Abbildung eines an Wangen und Kinn eingeseiften Herrn nebst der Inschrift: „Hier wird auch zur Ader gelassen!“ erkennen konnte, geschwunden war. Dieser Barbier Iwan Jakowlewitsch wachte also ziemlich frühzeitig auf und atmete den Duft von warmem Brote ein. Er richtete sich im Bette etwas empor und sah, wie seine Frau, eine äußerst respektable Dame und leidenschaftliche Liebhaberin des Kaffees, einige frischgebackene Brote aus dem Ofen hervorholte.

„Heute, meine liebe Praskowia Ossipowna, werde ich keinen Kaffee trinken,“ sagte Iwan Jakowlewitsch; „ich habe mehr Appetit auf Brot mit Zwiebeln.“

Um die Wahrheit zu sagen: Iwan Jakowlewitsch hätte gar zu gern von beidem gekostet; doch war er von vornherein von der Unmöglichkeit einer derartigen Schwelgerei völlig durchdrungen, denn Praskowia Ossipowna ließ solche Launen nicht zu.

„Iß meinetwegen Brot, Schafskopf,“ dachte die Frau bei sich; „für mich wird dann um so mehr Kaffee übrig bleiben ...“ und sie warf ein Brot auf den Tisch.

Iwan Jakowlewitsch zog aus Schicklichkeitsgründen einen Leibrock über sein Hemd, nahm — nachdem er am Tische Platz genommen hatte — etwas Salz, stutzte zwei Zwiebeln, ergriff ein Messer und schickte sich an, das Brot höchst bedächtig zu zerteilen. Er schnitt es in zwei Hälften, schaute sich die eine Fläche an und bemerkte zu seiner größten Verwunderung etwas Weißliches. Iwan Jakowlewitsch kratzte vorsichtig mit dem Messer daran herum und befühlte es mit dem Daumen. „Das Ding ist ja ganz hart!“ sagte er zu sich; „was mag denn das nur sein?“

Er schälte es mit den Fingern heraus und fand — eine Nase! Iwan Jakowlewitsch ließ seine Arme sinken; dann begann er sich seine Augen zu reiben und befühlte es noch einmal mit dem Finger. In der Tat, es war eine Nase, eine wirkliche Nase, und dazu noch eine Nase, deren Bildung er wiederzuerkennen glaubte.

Entsetzen malte sich auf Iwan Jakowlewitschs Zügen: aber dieses Entsetzen war harmlos im Vergleich mit der Empörung, die sich seiner Gattin bemächtigte.

„Wo hast du nur diese Nase abgeschnitten, du Vieh?“ fing sie wutentbrannt zu schreien an. „Du Dieb, du Trunkenbold! Ich werde dich selbst der Polizei denunzieren! Was für ein Lumpenkerl! Schon drei Herren haben mir gesagt, du zerrst beim Rasieren derartig an den Nasen, daß du sie beinahe abreißt!“

Allein Iwan Jakowlewitsch war weder tot noch lebend, hatte er doch soeben festgestellt, daß diese Nase keine andere war als die des Kollegien-Assessors Kowalew, den er Mittwochs und Sonntags zu rasieren pflegte.

„Schweig doch, Praskowia Ossipowna,“ sagte er, „ich werde sie in ein Stück Leinewand einschlagen und sie in irgend eine Ecke verstecken, wo sie einige Tage liegen bleiben mag. Dann werde ich sie forttragen.“

„Damit bin ich ganz und gar nicht einverstanden. Ich soll zugeben, daß du eine abgeschnittene Nase im Zimmer versteckst? Du gerösteter Zwieback du! Er kann nur sein Rasiermesser abziehen und ist nicht fähig, sein Geschäft schnell und solid auszuführen! Herumstreicher, Strauchdieb! Glaubst du etwa, ich werde mir deinetwegen Scherereien mit der Polizei zuziehen? Ach, du bist ein Taugenichts, ein dummer Klotz bist du! Weg damit! Fort! Da, trag sie weg, wohin du willst. Ich will nichts davon wissen!“

Iwan Jakowlewitsch war völlig zerschmettert. Er überlegte und überlegte ... und wußte im Grunde garnicht was.

„Der Teufel soll wissen, wie das nur möglich ist!“ sagte er endlich, indem er sich mit der Hand über die Ohren fuhr. „Bin ich gestern betrunken nach Hause gekommen oder nicht? Allerdings kann ich das nicht mit Gewißheit sagen. Aber allem Anschein nach handelt es sich hier um einen ganz außergewöhnlichen Vorgang; denn das Brot — das Brot wird doch gebacken, während eine Nase ... Weiß Gott, ich verstehe das nie und nimmer!“

Iwan Jakowlewitsch verstummte. Der Gedanke, ein Polizist könnte diese Nase bei ihm entdecken und ihn zur Rechenschaft ziehen, versetzte ihn in eine vollkommene Niedergeschlagenheit. Es war ihm bereits, als sähe er einen roten, reich mit Silber besetzten Kragen, und einen Degen vor sich ... und er zitterte am ganzen Körper. Endlich zog er seine Beinkleider und Stiefel an, wickelte die Nase schnell unter den peinlichsten Ermahnungen seiner Frau in ein Stück Leinewand und verließ seine Wohnung.

Er hatte die Absicht, die Nase irgendwo an einem Brunnen, unter einer Schwelle niederzulegen oder sie wie absichtslos fallen zu lassen, und dann in eine andere Straße einzubiegen.

Aber unglücklicherweise lief er einem Bekannten in die Arme, der ihn sofort zu fragen anfing:

„Wo gehst du denn hin?“ oder: „Wen willst du denn schon so frühzeitig rasieren?“ sodaß Iwan Jakowlewitsch durchaus keinen günstigen Moment für sein Vorhaben erwischen konnte. In der Folge glückte es ihm zwar einmal, die Nase fallen zu lassen; aber ein Schutzmann machte ihm schon von weitem mit der Hellebarde ein Zeichen und rief ihm zu: „Heb’s doch auf! Du hast da etwas fallen lassen!“ Und Iwan Jakowlewitsch ward so genötigt, die Nase aufzuheben und in seine Tasche zu stecken. Verzweiflung überfiel ihn, und zwar um so heftiger, je mehr sich die Straße bevölkerte und je mehr Läden und Wirtshäuser geöffnet wurden.

Er entschloß sich, auf die Isaaksbrücke zu gehen. Vielleicht würde er dort ein Mittel finden, die Nase unbemerkt in die Newa zu werfen! ...

Aber ich habe einen Fehler begangen, daß ich dem Leser bis jetzt noch nichts über Iwan Jakowlewitsch, eine in mancher Hinsicht bemerkenswerte Persönlichkeit, berichtet habe.

Iwan Jakowlewitsch war wie jeder russischer Handwerker, der etwas auf sich hält, ein furchtbarer Trunkenbold, und obgleich er täglich die Bärte anderer Leute rasierte, rasierte er doch niemals seinen eigenen. Sein Frack — denn Iwan Jakowlewitsch trug nie einen Überrock — war bunt oder vielmehr schwarz und mit gelblich-zimtfarbenen und grauen Flecken übersät; der Kragen glänzte schon ein wenig, und anstelle von drei Knöpfen sah man nichts mehr als ein Paar abgerissene Zwirnsfäden.

Iwan Jakowlewitsch war in jeder Beziehung ein Zyniker; wenn der Kollegien-Assessor Kowalew nach seiner Gewohnheit, während er rasiert wurde, zu ihm sagte:

„Deine Hände stinken immer, Iwan Jakowlewitsch!“ so antwortete er gelassen:

„Warum sollen sie denn stinken?“

„Ich weiß nicht, Brüderchen, aber sie stinken!“ versetzte hierauf der Kollegien-Assessor Kowalew; und Iwan Jakowlewitsch nahm dann erst eine Prise und seifte hierauf Kowalews Wangen, seine Oberlippe, die Partie hinter den Ohren und unter dem Kinne ein — mit einem Worte, er seifte ihn ein, wo es ihm Vergnügen machte.

Dieser ehrenwerte Bürger war nun endlich auf der Isaaksbrücke angekommen. Zunächst warf er einen spähenden Blick auf die Umgebung, beugte sich über das Geländer, wie wenn er die vielen Fische im Wasser beobachten wollte, und warf dann das Päckchen mit der Nase ganz behutsam hinab.

Es war ihm zumute, als fielen ihm mit einem Male zehn Pud[10] vom Herzen. Ja, er lächelte sogar.

Anstatt sich nun auf den Weg zu machen, um schnell seine Beamten zu rasieren, trat er in ein Lokal ein, das ein Schild mit der Inschrift „Tee und Lebensmittel“ trug, und bestellte dort ein Glas Punsch. Plötzlich bemerkte er jedoch ganz in der Nähe am Ende der Brücke, den Bezirkskommissar, einen Mann von vornehmem Äußeren, mit breitem Backenbart, Dreispitz und Degen. Iwan Jakowlewitsch wurde vor Entsetzen starr wie ein Eisklumpen. Der Kommissar winkte ihm mit der Hand und sagte zu ihm:

„Komm doch mal näher, mein Lieber!“

Iwan Jakowlewitsch zog, da er die gebräuchlichen Höflichkeitsformen sehr wohl kannte, schon von weitem die Mütze, sprang herbei und sagte:

„Ich wünsche Ew. Wohlgeboren einen schönen guten Morgen!“

„Nein, nein, Brüderchen, laß nur das ‚Ew. Wohlgeboren‘ aus dem Spiel! — Sag mir lieber, was hattest du da auf der Brücke zu tun?“

„Wahrhaftig, Herr, ich war gerade auf dem Wege zu meinen Kunden, die ich rasieren soll, und schaute hinab, ob die Strömung sehr stark ist!“

„Du lügst! Du schwindelst! So kommst du mit nicht davon! Willst du mir jetzt wohl Rede stehen?“

„Ich bin bereit, Ew. Gnaden zwei-, ja sogar dreimal wöchentlich ohne jede Bezahlung zu rasieren!“ versetzte Iwan Jakowlewitsch.

„Nein, lieber Freund! Das sind Dummheiten! Mich rasieren bereits drei Barbiere und rechnen sich diese Funktion zur Ehre an. Aber ich bitte dich, mir zu sagen, was du dort gemacht hast!“

Iwan Jakowlewitsch erblaßte ...

Aber hier hüllt plötzlich ein undurchdringliches Dunkel unsere Geschichte ein, und über die folgenden Geschehnisse weiß man absolut nichts zu berichten.

II.

Der Kollegien-Assessor[11] Kowalew erwachte eines Morgens besonders früh und bewegte seine Lippen, um ein lautes Brr ... brr ... auszustoßen, wie es so seine Art war, wenn er munter wurde, ohne daß er hierfür einen Grund hätte angeben können. Er reckte sich erst tüchtig und suchte dann nach einem kleinen Spiegel, der auf dem Tische stand. Er wollte sich ein Pickelchen anschauen, das am Abend vorher auf seiner Nase aufgesprungen war. Aber zu seinem größten Erstaunen befand sich anstelle seiner Nase in seinem Gesicht eine durchaus ebene und glatte Fläche! Voller Schrecken ließ Kowalew sich Wasser bringen und wusch sich die Augen mit dem Handtuch aus: wahrhaftig, er hatte keine Nase mehr! Er befühlte die Stelle mit der Hand und kniff sich ins Fleisch, um festzustellen, ob er vielleicht noch schliefe; aber nein, er schien tatsächlich nicht zu schlafen. Der Kollegien-Assessor Kowalew sprang aus seinem Bett, schüttelte und rüttelte sich, — doch die Nase war und blieb verschwunden! Er ließ sich sofort seine Kleider bringen und stürzte schleunigst zu dem Polizeivorstand.

Aber inzwischen ist es Zeit geworden, einige Worte über Kowalew zu sagen, damit der Leser ermessen kann, um welche Art von Kollegien-Assessor es sich bei unserem Freunde Kowalew handelt.

Man darf nicht etwa die Kollegien-Assessoren, die diesen Rang ihren Diplomen verdanken, mit denen verwechseln, die ihn während ihrer Dienstzeit im Kaukasus erhalten haben. Die Kollegien-Assessoren mit wissenschaftlicher Bildung ... aber ich will doch lieber aufhören, denn Rußland ist ein so seltsames Land, daß all seine Kollegien-Assessoren von Riga bis Kamtschatka sich getroffen fühlen, wenn auch nur von einem dieser Gattung die Rede ist. Und das gilt auch für alle Ämter und alle Grade.

Kowalew war ein kaukasischer Kollegien-Assessor. Seit zwei Jahren erst bekleidete er diesen Rang, und es gab kaum einen Moment, in dem er sich nicht an seine Stellung erinnerte; um sich noch mehr Ansehen und Gewicht zu verleihen, stellte er sich niemals als simplen Kollegien-Assessor vor, sondern stets als Major. „Hör doch, mein Täubchen,“ sagte er gewöhnlich, so oft er auf der Straße eine alte Frau traf, die Leinewand feilbot, „geh doch zu mir in meine Wohnung; ich wohne in der Sadovaja[12] und frage nur: ‚Wohnt hier der Major Kowalew?‘ Jedermann wird dir gern Auskunft erteilen.“ Oder begegnete er einer artigen Schönen, so flüsterte er ihr ganz leise zu: „Du brauchst nur nach der Wohnung des Majors Kowalew zu fragen, liebes Kind!“ Aus diesem Grunde wollen auch wir ihn von nun an stets den „Major“ nennen.

Der Major Kowalew pflegte jeden Tag einen Spaziergang auf dem Newski-Prospekt zu machen. Sein Hemdkragen war stets peinlich sauber und frisch gestärkt. Sein Backenbart war von jener Art, wie man ihn noch bei Gouvernements- und Kreislandmessern, Architekten und Militär-Ärzten, d. h. fast bei allen Leuten trifft, die runde Backen und rote Wangen haben und gut „Boston“ spielen. Dieser Backenbart zieht sich von der Mitte der Wangen bis dicht unter die Nase hin. Major Kowalew trug an der Uhrkette eine ganze Sammlung von kleinen Korallenberlocken, die mit einem Wappen oder auch mit der Inschrift „Mittwoch“, „Donnerstag“, „Montag“ usw. versehen waren. Der Zwang der Verhältnisse hatte ihn dazu veranlaßt, nach Petersburg zu ziehen, hauptsächlich aus dem Grunde, weil er eine seinem Range angemessene Stellung bekleiden wollte, und zwar wenn er Glück hatte, die eines Vize-Gouverneurs, oder doch wenigstens die eines schlichten Exekutors in irgend einem angesehenen Departement. Der Major Kowalew war einer Ehe durchaus nicht abgeneigt, doch mußte seine Auserkorene über eine Mitgift von mindestens zweihunderttausend Rubeln verfügen. Und nun mag sich der Leser in die Empfindungen dieses Majors versetzen, als er anstelle seiner recht hübschen und wohlgebildeten Nase nur eine alberne, glatte und flache Ebene erblickte.

Unglücklicherweise zeigte sich auch nicht ein einziger Kutscher auf der Straße; so war er also genötigt, zu Fuß zu gehen — in seinen Mantel eingehüllt und das Gesicht hinter einem Taschentuch verbergend, wie wenn er gerade Nasenbluten hätte.

„Aber vielleicht ist es doch nur eine Einbildung von mir; es ist doch unmöglich, daß mir meine Nase so ohne weiteres aus dem Gesicht geschwunden ist,“ dachte er.

Und er kehrte in einer Konditorei ein, um dort einen Blick in den Spiegel zu werfen. Zum Glück für ihn befand sich weiter niemand im Lokal, außer einigen Burschen, die gerade auskehrten und die Stühle zurecht rückten. Einige von ihnen trugen noch ganz schlaftrunken heiße Kuchen in Körben hinaus; auf den Tischen und Stühlen lagen kaffeebefleckte Zeitungen vom gestrigen Tage.

„Also Mut! Gott sei Dank ist sonst niemand hier,“ sagte er; „nun kann ich meine Untersuchung beginnen!“

Er näherte sich dem Spiegel und blickte hinein.

„Der Teufel mag wissen, wie das nur gekommen ist,“ schrie er, indem er empört ausspie; „wenn sich wenigstens anstelle meiner Nase noch etwas anderes befände! Aber nichts, absolut gar nichts!“

Nachdem er die Zähne vor Wut aufeinander gebissen hatte, verließ er das Lokal und beschloß, wider seine Gewohnheit unterwegs niemand anzusehen und keinem auch nur das geringste Lächeln zu spenden.

Plötzlich blieb er wie versteinert vor der Tür eines Hauses stehen. Seine Augen wurden von einer unerklärlichen Erscheinung angezogen: ein Wagen hielt dicht neben dem Trottoir, der Schlag wurde geöffnet und ihm entstieg ein uniformierter Herr, der eiligst die Treppe hinaufeilte. Wie groß war Kowalews Entsetzen, wie groß war sein Erstaunen, als er in ihm seine eigene Nase wiedererkannte. Angesichts dieses außergewöhnlichen Schauspieles war ihm zu Mute, als ob sich alles um ihn herumdrehe, und nur mit Mühe vermochte er sich aufrecht zu halten. Aber trotzdem beschloß er, obwohl er am ganzen Körper zitterte wie ein Fieberkranker, zu warten, bis dieser Herr wieder zurückkehren würde, um in seinen Wagen zu steigen.

Nach Ablauf zweier Minuten erschien die „Nase“ tatsächlich. Sie trug eine goldgestickte Uniform mit hohem steifen Kragen, Beinkleider aus Semischleder, und an der Seite einen Degen. An den Federn ihres Hutes konnte man erkennen, daß es sich um einen Staatsrat handelte. Der Anzug des Herrn wies darauf hin, daß er gerade Besuche abstattete. Er schaute sich nach links und nach rechts um, rief dem Kutscher ein „Vorwärts!“ zu und rollte davon.

Der unglückliche Kowalew fühlte sich dem Wahnsinn nahe. Er wußte nicht, was er von einem so überraschenden Ereignis halten sollte. Wie war es denn auch nur möglich, daß eine Nase, die sich noch gestern abend in seinem Gesicht befand und die weder gehen noch fahren konnte, jetzt eine Uniform trug! Er stürzte hinter dem Wagen her, der glücklicherweise nicht sehr weit fuhr und vor dem Gostini Dwor[13] halt machte.

Er rannte wie ein Besessener und schlüpfte zwischen einer Reihe alter Bettlerinnen mit verbundenen Gesichtern und zwei großen Öffnungen statt der Augen hindurch, über die er sich früher so oft lustig gemacht hatte. Sonst trieben sich hier nur wenig Menschen umher. Kowalew befand sich in einer solchen geistigen Verwirrung, daß er keinen Entschluß fassen konnte und lediglich in allen Winkeln und Ecken nach dem Herrn Ausschau hielt; endlich sah er ihn vor einem Laden stehen. Die Nase verbarg ihr Gesicht völlig in ihrem hohen Kragen und betrachtete mit gespannter Aufmerksamkeit die ausliegenden Waren.

„Soll ich ihn anreden?“ dachte Kowalew. „Aus seiner ganzen Persönlichkeit, aus seiner Uniform und seinem Dreispitz geht klar und deutlich hervor, daß es ein Staatsrat ist. Wenn ich nur wüßte, wie ich es anstellen soll! ...“

Schließlich begann er ganz in der Nähe des Staatsrates zu husten; aber die Nase verließ auch nicht für eine Minute ihren Standpunkt.

„Mein Herr!“ sagte Kowalew, der sich innerlich Mut zuzusprechen versuchte, „mein Herr! ...“

„Was wünschen Sie?“ fragte die Nase, indem sie sich umwandte.

„Ich finde es erstaunlich, mein Herr ... mir scheint, daß ... Sie sollten doch wissen, wohin Sie gehören. Und plötzlich finde ich Sie, und noch dazu ... hier? ... Sie müssen doch zugeben ...“

„Verzeihung; ich kann absolut nicht begreifen, wovon Sie sprechen. Erklären Sie sich deutlicher!“

„Wie soll ich mich ihm noch verständlich machen?“ dachte Kowalew. Und sich ein Herz fassend begann er:

„Sicherlich ... übrigens bin ich Major. Ich habe zurzeit keine Nase. Sie müssen zugeben, das schickt sich doch nicht. Einer Hökerin, die auf der Woskressenski-Brücke geschälte Orangen feilbietet, mag es ja im Grunde nichts ausmachen, ohne Nase herum zu laufen. Jedoch was mich anbetrifft, der ich die Ehre habe, Beamter zu sein und der ich außerdem Beziehungen zu vielen Häusern unterhalte, zu Damen der Gesellschaft, wie zum Beispiel zu Frau Tschechtarewa, die die Frau eines Staatsrates ist, und noch zu vielen andern, ... urteilen Sie selbst ... Ich weiß nicht, mein Herr“ — und hierbei zuckte der Major Kowalew mit den Achseln — „entschuldigen Sie tausendmal ... aber wenn man die Sache vom Standpunkt der Ehre und der Pflicht betrachtet ... Sie können selbst begreifen ...“

„Ich begreife absolut nichts,“ erwiderte die Nase. „Erklären Sie sich deutlicher.“

„Mein Herr,“ versetzte Kowalew mit Würde, „ich weiß nicht, wie ich Ihre Worte auffassen soll. Hier handelt es sich doch, wie mich dünkt, um einen durchaus klaren Vorgang. Oder wollen Sie ... denn kurz und gut, Sie sind doch meine eigene Nase!“

Die Nase blickte den Major an, und runzelte die Stirne.

„Sie täuschen sich, mein Herr; ich bin durchaus selbständig. Außerdem können zwischen uns nicht die geringsten Beziehungen existieren. Nach den Knöpfen Ihrer Uniform zu urteilen, müssen Sie in einem andern Ressort dienen.“

Und nach diesen Worten drehte ihm die Nase den Rücken.

Kowalew war nun völlig verwirrt und wußte nicht, was er tun, ja nicht einmal was er sich denken sollte. In diesem Augenblick ertönte das angenehme Rascheln eines seidenen Gewandes. Eine alte, über und über mit Spitzen behängte Dame ging an ihm vorbei, begleitet von einem jungen Mädchen, deren weißes Kleid ihre harmonische Figur aufs vorteilhafteste zur Geltung brachte; sie trug einen gelben federleichten Hut. Beide Damen wurden von einem baumlangen Heiducken mit mächtigem Bart und einem ganzen Dutzend von Mantelaufschlägen begleitet. Er blieb hinter den Damen stehen und öffnete seine Tabaksdose.

Kowalew trat nahe an sie heran, rückte den Kragen seines Batisthemdes zurecht, brachte sein an einer goldenen Kette hängendes Petschaft in Ordnung und wandte seine ganze Aufmerksamkeit der jungen Dame zu, die sich leicht wie eine Frühlingsblume bewegte und eine kleine weiße Hand mit fast durchsichtigen Fingern an ihre Lippen führte. Das Lächeln auf Kowalews Gesicht wurde noch intensiver, als er unter dem Hut ein rundes Kinn von blendender Weiße und einen Teil der Wange bemerkte, die in ihrem Teint einer zarten Frühlingsblume glich.

Aber nur zu bald prallte er wie von einer Tarantel gestochen zurück.

Er hatte sich soeben daran erinnert, daß er keine Nase mehr hatte; und heiße Tränen entströmten seinen Augen.

Er wandte sich um, um dem uniformierten Herrn laut und deutlich zu sagen, daß er nur die Larve eines Staatsrates trüge, daß er ein Lump, ein Spitzbube wäre und daß er nichts weiter sei als seine eigne Nase ... Aber die Nase war verschwunden; sie hatte den günstigen Augenblick benutzt und sich entfernt, höchstwahrscheinlich, um noch einen Besuch abzustatten.

Dieser Umstand stürzte Kowalew vollends in Verzweiflung. Er blieb noch eine Minute unter dem Säulengang stehen und schaute sich gespannt nach allen Seiten um, ob er nicht etwas von der Nase bemerken könne. Er erinnerte sich deutlich, daß ihr Hut mit Federn geschmückt und die Uniform mit Gold gestickt war; aber er hatte nicht auf den Mantel geachtet, auch nicht auf die Farbe des Wagens noch auf die der Pferde; er wußte nicht einmal, ob hinten ein Lakai gestanden hatte und was für eine Livree er trug. Überdies waren eine solche Anzahl von Fahrzeugen aller Art im Trab durch die Straßen gefahren, daß es schwer war, sie voneinander zu unterscheiden. Und hätte er auch das gesuchte herausgefunden, wie hätte er ihm Halt gebieten sollen?

Der Tag war sehr schön und sonnig. Auf dem Newski-Prospekt wimmelte es von Menschen. Ein üppiger Damenflor überschwemmte das ganze Trottoir von der Polizei-Brücke bis zur Anitschkin-Brücke. Hier ging ein Hofrat, ein Bekannter von Kowalew, den er meist, besonders aber vor fremden Leuten, „Oberstleutnant“ zu titulieren pflegte. Dort sah er seinen Busenfreund Jaryschkin, der sich beim Bostonspiel oft genug hineinlegen ließ, und dort einen andern Major, der gleich ihm seinen Grad im Kaukasus erlangt hatte, und der ihm nun mit der Hand ein Zeichen gab, er möge doch zu ihm herüberkommen.

„Der Teufel soll ihn holen!“ sagte Kowalew. „Kutscher! bring mich doch auf dem nächsten Wege zum Polizei-Präfekten.“

Kowalew bestieg eine Droschke und schrie dem Kutscher jeden Augenblick zu: „Fahr zu, so schnell du kannst!“

„Ist der Polizei-Präfekt zu sprechen?“ fragte er sofort beim Eintritt in das Vestibül.

„Nein,“ antwortete der Portier; „er ist soeben weggegangen.“

„Das ist ja wundervoll!“

„Gewiß,“ fügte der Portier hinzu, „erst vor ganz kurzer Zeit ist er fortgegangen. Wären Sie nur eine Minute früher gekommen, Sie hätten ihn sicher noch getroffen.“

Ohne das Taschentuch vom Gesicht zu nehmen, stürzte Kowalew wieder in den Wagen zurück und rief dem Kutscher mit verzweifelter Stimme zu:

„Fahr weiter!“

„Wohin?“ fragte der Kutscher.

„Geradeaus!“

„Wie? Geradeaus? Wir befinden uns doch an einer Straßenecke: also rechts oder links?“

Diese Frage verwirrte Kowalew und zwang ihn von neuem zum Nachdenken. In seiner Lage wäre es vor allem angebracht gewesen, aufs Polizeipräsidium zu gehen, nicht weil seine Angelegenheit direkt in das Polizeiressort gehörte, sondern weil er hier auf eine schnellere Erledigung als sonst wo rechnen konnte. Sich an das Ressort zu wenden, in dem die Nase angestellt war, wäre sicher unklug gewesen, ging doch bereits aus den eigenen Äußerungen der Nase zur Evidenz hervor, daß es für diesen Mann nichts Heiliges gab. Weshalb sollte er sich denn nicht mittels einer Lüge aus einer solchen Lage befreien, er hatte doch ganz frech gelogen, als er behauptete, daß er nie etwas mit ihm zu tun hatte. Kowalew wollte dem Kutscher gerade den Befehl geben, er solle ihn zum Polizei-Präsidium fahren, als ihm der Gedanke kam, daß dieser miserable Kerl, der sich bei ihrer ersten Begegnung so perfid benommen hatte, den günstigen Augenblick benutzen und die Stadt verlassen könnte; — und dann wären alle Nachforschungen überflüssig gewesen, oder sie konnten sich, was Gott verhüten mochte, wohl gar einen ganzen Monat hinziehen. Endlich gab ihm, wie er glaubte, der Himmel selbst einen Wink. Er beschloß, direkt nach der Expedition der Amtszeitung zu fahren und dort sofort eine Annonce mit der genauen Angabe seines Signalements einrücken zu lassen, damit die, die der Nase begegneten, sie ihm zuführen oder ihm doch wenigstens die Wohnung dieses Räubers mitteilen konnten.

Nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte, befahl er dem Kutscher, nach der betreffenden Expedition zu fahren, bearbeitete während der ganzen Fahrt unaufhörlich den Rücken des Automedon mit seinen Fäusten und schrie:

„Schneller, du Spitzbube! Schneller, Kanaille!“

„Aber, Herr!“ antwortete nur immer kopfschüttelnd der Kutscher und schlug mit dem Zügel über den Rücken des Pferdes, das so behaart war wie ein Bologneserhund.

Endlich hielt die Droschke, und Kowalew trat ganz atemlos in ein kleines Empfangszimmer, wo ein alter Beamter in einem schäbigen Frack und mit einer Brille hinter einem Tische saß, einen Federkiel zwischen den Zähnen hielt und Kupfergeld zählte.

„Wer nimmt hier Annoncen an?“ schrie Kowalew; „doch ich bitte um Verzeihung, guten Morgen vor allen Dingen!“

„Guten Morgen!“ sagte der alte Beamte und blickte einen Moment empor, um seine Aufmerksamkeit sofort wieder seinen Geldhaufen zuzuwenden.

„Ich möchte ein Inserat aufgeben ...“

„Einen Augenblick nur bitte ich Sie, sich gedulden zu wollen,“ fuhr der Beamte fort, indem er mit der Hand eine Zahl auf das Papier schrieb und mit einem Finger der Linken an der Rechenmaschine zwei Kugeln verschob.

Ein galonnierter Diener von äußerst korrektem Aussehen, dem man seine lange Dienstzeit in aristokratischen Häusern anmerkte, stand mit einem Zettel vor dem Tisch und hielt es für angebracht, auf seine gesellschaftliche Bildung hinzuweisen.

„Seien Sie überzeugt, mein Herr, daß dieser kleine Hund keine acht Groschen wert ist; ich für meine Person würde nicht acht Pfennig für ihn geben. Aber die Frau Gräfin betet ihn an, bei Gott! sie betet ihn in der Tat an, — deshalb verspricht sie seinem Ueberbringer hundert Rubel. In aller Höflichkeit sei’s gesagt, aber unter uns: die Geschmacksrichtungen der Leute sind doch ganz unberechenbar. Wenn man schon einmal Hundeliebhaber ist, so halte man sich meinetwegen einen Windhund oder einen Pudel; dafür kann man ruhig fünfhundert, ja auch tausend Rubel anwenden, aber dann hat man auch einen wirklich wertvollen Hund.“

Der ehrenwerte Beamte hörte sich diese Ausführungen mit einer sehr bezeichnenden Miene an und zählte unterdessen ruhig die Buchstaben des Zettels, den der Diener mitgebracht hatte. Links von ihm hatte sich eine Menge alter Weiber, Handlungsgehilfen und Portiers gleichfalls mit Zetteln in der Hand angesammelt.

Aus einem dieser Zettel ging hervor, daß ein Kutscher, der sich sehr gut geführt hatte, von seinem Besitzer aus dem Dienst entlassen worden war, aus einem andern, daß man eine noch wenig benutzte, um 1814 aus Paris bezogene Kutsche zum Verkauf feilbot. Hier suchte ein neunzehnjähriges Dienstmädchen, das waschen und gleichzeitig noch andere Arbeiten verrichten konnte, eine Stellung. Dort wollte jemand eine Droschke ohne Federn verkaufen, oder einen jungen, feurigen, siebzehn Jahre alten Apfelschimmel, oder erst kürzlich aus London eingetroffenen Rüben- und Rettichsamen, oder ein Landhaus mit allem Zubehör (zwei Pferdeställen, nebst einem Platz, wo man einen prachtvollen Birken- oder Tannenwald anpflanzen konnte usw.). Wieder andere annoncieren, daß sie alte Sohlen zu verkaufen hätten, und luden täglich von 8 bis 3 Uhr zu deren Besichtigung ein.

Das Zimmer, in dem sich der ganze Schwarm aufhielt, war klein, und infolgedessen war die Luft in ihm äußerst dumpf; allein der Kollegien-Assessor Kowalew merkte nichts davon, denn sein Gesicht war mit einem Taschentuch verhüllt und seine Nase befand sich Gott weiß wo —

„Mein Herr, darf ich Sie bitten ... Ich habe es sehr eilig ...“ sagte er endlich ungeduldig.

„Gleich, gleich! ... Zwei Rubel dreiundvierzig Kopeken! ... Nur noch eine Minute! ... Ein Rubel vierundsechzig Kopeken!“ sagte der alte Herr, indem er den alten Frauen und den Portiers die Zettel ins Gesicht warf.

„Was wünschen Sie?“ sagte er endlich, indem er sich an Kowalew wandte.

„Ich bitte Sie,“ sagte Kowalew ... „es handelt sich um eine schier unglaubliche Spitzbüberei; bis zu diesem Augenblick weiß ich noch nicht, wie sie bloß passieren konnte. Ich bitte Sie jetzt nur, annoncieren zu wollen, daß derjenige, der mir diesen Halunken herbeischafft, eine gute Belohnung erhalten soll.“

„Wollen Sie mir bitte Ihren Namen angeben?“

„Nein! weshalb meinen Namen? es ist mir ganz unmöglich, ihn zu nennen. Ich habe aber gute Beziehungen, zum Beispiel zu Frau Tschechtarewa, der Gattin eines Staatsrates, oder zu Frau Pelagia Grigoriewna Podtotschina, die einen höheren Offizier zum Mann hat. Wenn sie es erführen ... Gott behüte! Sie können ganz einfach schreiben: ‚Ein Kollegien-Assessor‘ oder noch besser: ‚Ein Major‘.“

„Und der Ausgerückte war Ihr Leibeigner?“

„Was für ein Leibeigner? Das wäre noch keine so große Gemeinheit! Nein, mir ist ... die Nase ausgerückt! ...“

„Hm! was für ein merkwürdiger Familienname! Und um welche Summe hat Sie Herr Nase bestohlen?“

„Nase! Aber Sie sind nicht bei Sinnen! Meine Nase, meine eigene Nase ist es, die verschwunden ist, ich weiß nicht, wohin. Der Teufel hat mir einen Streich spielen wollen!“

„Aber auf welche Weise ist sie verschwunden? Ich verstehe absolut nichts von alledem!“

„Ich kann Ihnen nicht sagen, auf welche Weise. Aber das wichtigste bei dieser Angelegenheit ist die Tatsache, daß sie jetzt in der Stadt herumspaziert und sich Staatsrat tituliert. Und aus diesem Grunde bitte ich Sie, zu annoncieren, daß derjenige, der sie fassen sollte, sie ohne Verzug zu mir bringen möge. Sagen Sie übrigens selbst: wie soll ich ohne diesen Körperteil, der doch unbedingt zu meiner Person gehört, existieren? Es handelt sich hier doch nicht etwa um eine Zehe ... wenn man einen Schuh trägt, so würde man ihr Fehlen ja garnicht bemerken. Aber ich gehe doch jeden Donnerstag zu Frau Staatsrat Tschechtarewa; Frau Pelagia Grigoriewna Podtotschina, die Gattin eines höheren Offiziers und Mutter eines reizenden Töchterchens, ist eine gute Bekannte von mir. Außerdem habe ich noch zu andern vornehmen Familien Beziehungen, und nun mögen Sie selbst urteilen, ob ich so herumlaufen kann ... Es ist mir doch augenblicklich ganz unmöglich, mich irgendwo zu zeigen.“

Der Beamte überlegte, indem er fortwährend die Lippen zusammenkniff.

„Nein, ein solches Inserat kann ich nicht aufnehmen!“ sagte er endlich nach längerem Stillschweigen.

„Wie? — Weshalb nicht?“

„Weil die Zeitung dadurch ihren guten Ruf verlieren könnte. Wenn jemand schreibt, daß ihm seine Nase abhanden gekommen ist, dann ... Auch ohne dies wird schon genug davon gesprochen, daß alle möglichen Torheiten und Lügen gedruckt werden!“

„Und weshalb ist das töricht? Mein Fall ist doch, wie mir scheint, ganz klar und ....“

„Das ist Ihre Meinung! Aber hören Sie, was uns vorige Woche passiert ist. Es erscheint ein Beamter, ganz wie Sie heute, und bringt uns ein Inserat, das ihn zwei Rubel dreiundsiebzig Kopeken kostet. In diesem Inserat wird das Entlaufen eines schwarzen Pudels angekündigt. Sie werden einwenden: ‚Ich kann keine Ähnlichkeit mit meinem Fall entdecken!‘ Aber es stellte sich bald heraus, daß das lediglich eine Mystifikation gewesen war; mit dem Pudel war der Kassierer eines Geschäftes gemeint.“

„Aber ich suche doch garnicht nach einem Pudel, sondern nach meiner eigenen Nase; hören Sie: das ist doch fast so, als ob ich nach mir selbst suchte!“

„Nein, ich kann ein solches Inserat nicht aufnehmen!“

„Aber wenn doch meine Nase in der Tat verschwunden ist?“

„Wenn sie verschwunden ist, so geht das nur den Arzt etwas an; ich habe gehört, daß einige von ihnen eine große Geschicklichkeit in der Herstellung künstlicher Nasen entwickeln! Übrigens bin ich der Meinung, daß Sie ein Spaßvogel sind und sich in guter Gesellschaft gern einen Scherz erlauben!“

„Ich beschwöre Sie bei allem, was mir heilig ist! Gestatten Sie, wenn es nicht anders geht, daß ich es Ihnen demonstriere!“

„Warum diese Aufregung?“ fuhr der Beamte fort, indem er eine Prise nahm. „Aber schließlich ..., wenn es Sie weiter nicht inkommodiert,“ fügte er neugierig hinzu, „ich würde mir die Sache mit Vergnügen ansehen!“

Der Kollegien-Assessor zog das Taschentuch von seinem Gesichte fort.

„In der Tat, das ist äußerst sonderbar!“ sagte der Beamte. „Die Stelle ist ja ganz eben wie ein frischgebackener Eierkuchen. Ja, sie ist glatt, — es ist schier unglaublich!“

„Nun, wollen Sie jetzt noch streiten? Jetzt sehen Sie wohl selbst, daß Sie mein Inserat unmöglich nicht aufnehmen können. Ich wäre Ihnen dafür zu ganz besonderem Dank verpflichtet, und ich bin sehr froh darüber, daß diese Gelegenheit mir das Vergnügen verschafft hat, Ihre Bekanntschaft zu machen.“

Der Major ließ sich, wie man sieht, sogar zu einer Schmeichelei herab.

„Die Sache mit der Annonce hätte an und für sich keine Schwierigkeit,“ sagte der Beamte; „nur sehe ich darin keinen Vorteil für Sie. Sie sollten sich an irgend einen geschickten Journalisten wenden, der Ihren Fall als Naturphänomen behandeln und darüber einen Artikel in der „Biene des Nordens“ — hierbei nahm er eine Prise — „zur Belehrung der Jugend“ — hierbei schneuzte er sich — „oder noch besser zur allgemeinen Unterhaltung veröffentlichen könnte.“

Der Kollegien-Assessor war der Verzweiflung nahe. Er warf einen Blick auf das Feuilleton des Zeitungsblattes und auf die Theaternotizen; ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er den Namen einer hübschen Schauspielerin las, und er steckte schon die Hand in die Tasche, um einen blauen Zettel hervorzuholen — denn nach seiner Meinung mußten die höheren Offiziere mindestens im Parkett sitzen —; aber der Gedanke an seine Nase verdarb ihm jedes Vergnügen.

Der Beamte hatte das lebhafteste Mitgefühl mit Kowalew, der sich in einer höchst peinlichen Situation befand. Von dem Wunsche beseelt, seinen Kummer ein wenig zu mildern, hielt er es für gut, ihm mit einigen Worten seine Teilnahme auszusprechen:

„Wahrhaftig, ich bin sehr betrübt, daß Ihnen ein solches Mißgeschick widerfahren ist. Nehmen Sie vielleicht eine Prise Tabak? Das vertreibt die Kopfschmerzen und den Hang zur Melancholie! Außerdem ist es ein unfehlbares Heilmittel gegen Hämorrhoiden!“

Mit diesen Worten reichte der Beamte ihm seine Tabaksdose, indem er den Deckel, der mit dem Porträt einer Dame im Hut geschmückt war, in sehr geschickter Weise wegschob.

Dieser unüberlegte Höflichkeitsakt brachte Kowalew um den Rest seiner Geduld.

„Ich verstehe nicht, wie Sie solche Scherze machen können!“ sagte er zornig. „Sehen Sie denn nicht, daß mir augenblicklich gerade der Körperteil fehlt, der zum Nehmen einer Prise unbedingt erforderlich ist? Der Teufel soll Ihren Tabak holen! Ich kann ihn jetzt garnicht mehr sehen, selbst dann nicht, wenn es kein stinkender Beresinski, sondern echter Rapé wäre.“

Nach diesen Worten verließ er tiefgekränkt das Zeitungsbureau und begab sich aufs Polizei-Kommissariat.

Als Kowalew ins Bureau trat, traf er dort einen Beamten an, der gerade gähnte, sich streckte und laut zu sich selbst sprach: „Ich würde jetzt mit großem Vergnügen noch ein paar Stündchen schlafen.“

Man sieht hieraus, daß ihm die Ankunft des Kollegien-Assessors nichts weniger als gelegen kam.

Der Polizei-Kommissar war ein großer Liebhaber von allen möglichen Kunstgegenständen; doch zog er einen mit dem kaiserlichen Wappen geschmückten Schein allen andern Dingen vor.

„Das ist ein Stück,“ sagte er oft, „wie es nirgends ein besseres gibt: es braucht keine Nahrung, nimmt wenig Platz ein, läßt sich bequem in die Tasche stecken und zerbricht nicht, wenn es einmal zu Boden fällt.“

Er empfing Kowalew sehr kühl und ließ die Bemerkung fallen, daß die Stunde nach dem Mittagessen nicht der geeignete Moment zur Erledigung amtlicher Nachforschungen wäre, und daß die Natur uns selbst darauf hinwiese, daß es gut sei, einen Augenblick der Ruhe zu pflegen, wenn man gegessen habe — woraus der Kollegien-Assessor ersehen konnte, daß die Gepflogenheiten der Philosophen des Altertums dem Kommissar nicht ganz unbekannt waren —, und daß ein ordentlicher Mann seine Nase nicht verliere.

Diese Worte verwundeten unseren Helden aufs tiefste.

Hierbei muß bemerkt werden, daß Kowalew eine äußerst empfindliche Natur war. Er konnte alles verzeihen, was man über ihn sagte, doch niemals vergab er einen Verstoß gegen die seiner amtlichen Würde gebührende Achtung. Er dachte daran, daß man in den Theaterstücken alle üblen Bemerkungen über die Subaltern-Offiziere durchgehen ließ, aber niemals ein Wort, das sich gegen die höheren Offiziere richtete. Der Empfang des Kommissars brachte ihn derartig aus der Fassung, daß er kopfschüttelnd und im Bewußtsein seiner Würde die Hände erhob und erklärte:

„Ich muß gestehen, daß ich auf solche beleidigende Äußerungen nichts zu erwidern habe.“

Und damit ging er.

Er suchte seine Wohnung auf; es war ihm, als wären seine Beine abgestorben. Es wurde bereits dunkel, und seine Behausung erschien ihm nach allen diesen fruchtlosen Nachforschungen sehr traurig und sehr schmutzig. Beim Eintritt in das Vorzimmer bemerkte er auf dem alten schmutzigen Ledersopha seinen Diener Iwan, der auf dem Rücken lag, sich damit unterhielt, an die Zimmerdecke zu spucken, und hierbei mit großer Geschicklichkeit stets ein und dieselbe Stelle traf. Eine solche Gleichgültigkeit versetzte ihn vollends in Wut; er schlug ihm mit seinem Hut auf die Stirn und schrie ihn an:

„Du Esel hast doch immer nur Torheiten im Sinn!“

Iwan sprang von seiner Bank herunter und stürzte schleunigst herbei, um ihm seinen Mantel abzunehmen.

Der Major trat müde und traurig in sein Zimmer, warf sich in einen Sessel, seufzte einigemal laut auf und sagte:

„Mein Gott! Mein Gott! Womit habe ich ein solches Unglück verdient? Hätte ich eine Hand oder einen Fuß verloren — das wäre noch nicht so schlimm; aber ein Mensch ohne Nase, das ist doch ... weiß der Teufel was! Ein Vogel, der kein Vogel ist, ein Bürger, der das Bürgerrecht verloren hat, das ist ganz einfach ein Ding, das man nehmen und zum Fenster hinauswerfen möchte. Wäre sie mir wenigstens noch im Kriege oder im Duell abhanden gekommen, oder hätte ich es wenigstens selbst verschuldet! Aber so um nichts und wieder nichts, ohne jede Veranlassung zu verduften! Nein, nein ... das ist ja ganz unmöglich!“ — fügte er nach kurzem Nachdenken hinzu —, „es ist ganz unglaublich, daß eine Nase so ohne weiteres verschwindet. Das ist doch zu unwahrscheinlich. Sicherlich träume ich bloß oder ich bilde es mir nur ein. Vielleicht habe ich aus Versehen statt eines Glases Wasser den Branntwein ausgetrunken, mit dem ich mir nach dem Rasieren mein Gesicht einreibe. Dieser Schafskopf Iwan wird ihn sicher nicht weggenommen haben, und so habe ich ihn gewiß ganz ahnungslos heruntergegossen.“

Und um sich zu beweisen, daß er nüchtern sei, kniff sich der Major so heftig ins Fleisch, daß er einen lauten Schrei ausstieß. Dieser Schmerz überzeugte ihn endgültig davon, daß er am Leben war und vernünftig handelte. Er trat ganz leise vor den Spiegel und blinzelte zuerst mit den Augen, da er sich mit der Hoffnung schmeichelte, die Nase könne doch vielleicht noch an ihrem Platze sein; aber er trat sogleich wieder einen Schritt zurück und murmelte:

„Die reinste Karikatur!“

Die Sache war ihm ganz unverständlich; wäre ihm noch ein Knopf verschwunden, ein silberner Löffel, eine Uhr oder etwas dergleichen! — aber eine Nase ... und noch dazu auf welche Weise? wohl gar aus seinem eigenen Zimmer? Der Major Kowalew ließ alle die verschiedenen Umstände an sich vorüberziehen und kam schließlich zu dem Resultat, daß noch am ehesten Frau Podtotschina, die Gattin eines höheren Offiziers, an seinem Unglücke Schuld sein konnte, da sie ihn heftig zum Schwiegersohne begehrte. Es machte ihm Spaß, ihrer Tochter den Hof zu machen, doch ging er einer deutlichen Erklärung stets aus dem Wege. Als die Dame ihm nun offen mitteilte, daß sie ihm gern ihre Tochter zur Frau geben würde, lehnte er diese Ehre unter vielen Komplimenten mit der Begründung ab, er wäre noch zu jung und müsse noch gegen fünf Jahre dienen, um die runde Zahl von zweiundvierzig Jahren zu erreichen.

Sicherlich hatte die Frau des höheren Offiziers aus diesem Grunde beschlossen, sich zu rächen, ihn zu verderben, und zu diesem Behufe einige alte Hexen gegen ihn ins Feld geführt; denn es war ja unmöglich, daß ihm die Nase auf die eine oder die andere Weise abgeschnitten sein sollte. Niemand war im Zimmer gewesen. Der Barbier Iwan Jakowlewitsch hatte ihn noch am Mittwoch rasiert, und während des ganzen Tages, sowie auch am Donnerstag war seine Nase noch ganz heil und gesund gewesen. Daran erinnerte er sich ganz deutlich. Außerdem hätte er doch irgend einen Schmerz empfinden müssen, die Wunde wäre auch nicht so schnell geheilt und nicht so platt wie ein Fladen geworden.

Er schmiedete in seinem Hirn alle möglichen Pläne, er wollte die Frau Podtotschina beim Gericht verklagen oder sich wenigstens persönlich zu ihr begeben und sie zur Rechenschaft ziehen.

Plötzlich wurde er in seinem Sinnen durch einen Lichtschimmer gestört, der durch die Türritzen drang und ihm ankündigte, daß Iwan im Vorzimmer eine Kerze angezündet hatte.

Gleich darauf erschien Iwan selbst, eine Kerze in der Hand haltend, und bald war das Zimmer hell erleuchtet. Kowalews erste Bewegung war es, sein Taschentuch zu ergreifen und die Stelle zu verdecken, an der sich noch tags zuvor seine Nase befunden hatte, damit der dumme Lakai nicht das Maul aufzureißen brauchte, wenn er seinen Herrn so sonderbar entstellt sah.

Iwan hatte nicht Zeit gehabt, seine Kammer aufzusuchen, denn eine unbekannte Stimme ließ sich im Vorzimmer vernehmen und fragte:

„Wohnt hier der Kollegien-Assessor Kowalew?“

„Treten Sie ein; hier wohnt allerdings der Major Kowalew,“ sagte dieser, indem er eiligst die Tür öffnete.

Der Polizeikommissar, ein Mann von würdigem Aussehen, mit einem nicht all zu hellen, noch all zu dunklen Backenbart und runden Wangen, derselbe, den wir beim Beginn dieser Erzählung am Ende der Isaaks-Brücke getroffen haben, trat ein.

„Sie hatten die Ehre, Ihre Nase zu verlieren?“

„In der Tat!“

„Sie ist soeben gefunden worden.“

„Was sagen Sie da?“ schrie der Major Kowalew. Die Freude machte ihn sprachlos.

Er sah den Polizisten, der vor ihm stand, starr an, wobei seine Lippen und Wangen von dem flackernden Kerzenlicht erhellt wurden.

„Auf welche Weise?“ fragte er endlich.

„Durch einen erstaunlichen Zufall: man hat sie gerade im Moment ihrer Abreise verhaftet. Sie hatte schon einen Platz im Wagen eingenommen, um nach Riga zu fahren. Ihr Paß lautete auf den Namen eines Beamten. Und das Sonderbarste ist, daß ich selbst sie zuerst für einen Herrn gehalten habe; aber ich setzte glücklicherweise meine Brille auf und erkannte sogleich, daß es eine Nase war. Ich muß Ihnen nämlich sagen, daß ich kurzsichtig bin, und wie Sie jetzt vor mir stehen, erkenne ich wohl, daß Sie ein Gesicht haben, aber ich unterscheide weder Nase, noch Bart, noch sonst etwas. Meine Schwiegermutter, die Mutter meiner Frau, sieht auch nicht mehr als ich.“

Kowalew konnte sich nicht mehr beherrschen.

„Wo ist sie? Wo? Ich laufe sofort hin.“

„Regen Sie sich nicht auf. Da ich wußte, daß Sie sie sehr nötig haben, habe ich sie gleich mitgebracht. Das Merkwürdigste ist, daß der Hauptschuldige an dieser ganzen Angelegenheit ein Lump von Barbier aus der Wosnessenski-Straße ist, der zur Zeit bereits im Polizeigewahrsam sitzt. Ich habe ihn schon lange im Verdacht, daß er ein Trunkenbold und Dieb ist; erst vor drei Tagen hat er in einem Laden eine Schachtel mit Knöpfen entwendet. Ihre Nase ist gänzlich unversehrt.“

Mit diesen Worten griff der Agent in seine Tasche und holte die Nase hervor, die in ein Stück Papier eingewickelt war.

„Ja, das ist sie!“ schrie Kowalew. „Das ist sie und keine andere! Trinken Sie vielleicht eine Tasse Tee mit mir?“

„Ich danke Ihnen für Ihre außerordentliche Liebenswürdigkeit, aber das ist mir leider unmöglich. Ich muß mich von hier aus sofort in ein Konfektionshaus begeben ... In den letzten Tagen sind die Lebensmittel entsetzlich teuer geworden ... Meine Schwiegermutter, die Mutter meiner Frau, und meine Kinder warten zu Hause auf mich ... Mein Ältester berechtigt zu den schönsten Hoffnungen; das ist wirklich ein recht intelligenter Bursche; aber mir fehlen die Mittel, ihm eine geeignete Erziehung zu geben ...“


Nachdem der Kommissar den Kollegien-Assessor verlassen hatte, befand sich dieser einige Minuten in einer unbeschreiblichen Geistesverfassung; einen Moment lang konnte er seine Lage kaum überblicken. Die plötzliche Freude hatte ihn ganz matt gemacht. Endlich nahm er die wieder gefundene Nase vorsichtig zwischen seine beiden Hände und schaute sie noch einmal mit großer Aufmerksamkeit an.

„Ja, das ist sie! Das ist sie in der Tat!“ sagte er. „Hier auf der linken Seite ist auch das Pickelchen von gestern ...“

Der Major hätte vor Freude laut aufjubeln mögen.

Aber auf dieser Welt ist nichts von langer Dauer; bald läßt die Freude nach und, während Sekunde auf Sekunde vergeht, weicht auch sie schnell einer peinigenden Abspannung, um unmerklich wieder zum gewohnten Gleichmaß zurückzukehren, so wie der Kreis, den das Fallen eines Steines im Wasser erzeugt, allmählich in der glatten Oberfläche zerrinnt.

Kowalew begann, das Vorgefallene zu überdenken, und begriff, daß sein Abenteuer noch nicht zu Ende war. Die Nase war wohl gefunden, aber jetzt mußte man sie vor allen Dingen wieder an ihren alten Platz bringen und befestigen.

„Wenn sie nun nicht halten wird?“

Bei diesem Gedanken erbleichte der Major.

Von einer unerklärlichen Furcht gepackt stürzte er an den Tisch und ergriff den Spiegel, um sich die Nase nur nicht schief anzusetzen. Seine Hände zitterten. Mit großer Vorsicht und Behutsamkeit drückte er sie wieder an ihren alten Platz. Doch welch ein Schrecken! die Nase hielt nicht! ... Er führte sie an seinen Mund, erwärmte sie mit seinem Atem und brachte sie von neuem an die glatte Fläche, die sich zwischen seinen beiden Wangen befand. Die Nase wollte absolut nicht halten!

„So sitz doch, du Rindvieh!“ sagte Kowalew zu ihr.

Aber die Nase schien wie aus Holz zu sein und fiel mit einem recht sonderbaren Ton gleich einem Stück Kork auf den Tisch. Kowalews ganzes Gesicht zuckte konvulsivisch zusammen.

„Ist es denn möglich, daß sie in der Tat nicht haften bleiben sollte?“ sagte er voller Schrecken.

Er drückte sie noch einmal auf die Stelle, an die sie gehörte, — aber auch dieses Mal ohne Erfolg.

Kowalew rief Iwan und trug ihm auf, zum Arzte zu gehen, der eine der schönsten Wohnungen im ersten Stock des Hauses inne hatte. Dieser Arzt war ein Mann von feiner Lebensart, außerdem verfügte er über ein Paar herrliche pechschwarze Favoris und eine prachtvolle urgesunde Frau. Schon am frühen Morgen pflegte er frische Äpfel zu essen. Als besondere Eigentümlichkeit wäre dann noch die außerordentliche Pflege zu erwähnen, die er seinem Munde angedeihen ließ, denn er spülte ihn nach dem Aufstehen fast dreiviertel Stunden lang und putzte sich stets die Zähne mit fünf verschiedenen Bürstchen.

Der Arzt ließ nicht lange auf sich warten.

Nachdem er sich danach erkundigt hatte, wieviel Zeit verstrichen war, seit Kowalew den Verlust bemerkt hatte, faßte er den Major am Kinn und gab ihm mit dem Zeigefinger an der Stelle, wo sich früher die Nase befunden hatte, einen so tüchtigen Nasenstüber, daß der Major mit dem Kopfe zurückzuckte und mit ihm ziemlich heftig an die Mauer schlug. Der Arzt meinte, das mache weiter nichts, und befahl ihm, mit dem Kopf von der Wand abzurücken und ihn ein wenig nach links zu neigen, befühlte ihn und ließ dann ein gedehntes „Hm“ vernehmen. Zum Schluß gab er ihm noch einen Nasenstüber, sodaß Kowalew mit dem Kopf zurückfuhr wie ein Pferd, dessen Zähne man untersucht.

Nach dieser Einleitung schüttelte der Arzt den Kopf und sagte:

„Nein, es ist unmöglich! Es ist besser, Sie lassen die Geschichte auf sich beruhen, sonst könnte es noch schlimmer werden. Gewiß kann man die Nase wieder befestigen; ich könnte es sogar auf der Stelle tun, das unterliegt keinem Zweifel. Aber ich gebe Ihnen die Versicherung, daß es dann noch schlimmer werden kann.“

„Das ist ja großartig! Aber wie kann ich denn ohne Nase existieren?“ sagte Kowalew. „Schlimmer als jetzt kann es ja garnicht werden. Da soll doch das heilige Donnerwetter dreinschlagen! Wo kann ich mich denn mit einem solchen grotesken Kopf blicken lassen? Ich muß doch meine guten Beziehungen pflegen, heute abend muß ich sogar noch zwei Besuche abstatten. Ich bin mit vielen einflußreichen Personen bekannt, so z. B. mit Frau Staatsrat Tschechtarewa, und mit Frau Podtotschina, die die Gattin eines höheren Offiziers ist, wenngleich ich mit dieser Dame nach dem Vorgefallenen nur noch durch die Polizei verkehren werde. Tun Sie mir den Gefallen,“ fügte Kowalew mit bittender Stimme hinzu, „setzen Sie sie mir wieder an, mir ist jedes Mittel recht. Wenn es auch nicht gut aussieht, die Hauptsache ist, daß sie hält; in gefährlichen Situationen könnte ich sie ja etwas mit der Hand stützen. Im übrigen tanze ich auch garnicht, sodaß ich nicht etwa zu befürchten brauche, daß sie sich durch eine unvorsichtige Bewegung ablösen könnte. Und was das Honorar für Ihren Besuch anbetrifft, so können Sie überzeugt sein, daß, soweit es mir meine Mittel gestatten ...“

„Glauben Sie mir,“ sagte der Arzt nicht allzu laut, aber auch nicht allzu leise, auf jeden Fall aber in überzeugendem und eindringlichem Tone, „daß ich meine Kunst niemals um des schnöden Mammons willen ausübe. Das wäre gegen meine Grundsätze und gegen meinen Beruf. Ich nehme gern eine Vergütung für meinen Besuch an, aber einzig und allein, um Sie nicht durch meine Weigerung zu verletzen. Gewiß kann ich Ihre Nase wieder anheften. Aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, wenn Sie es mir so nicht glauben wollen, daß es sehr häßlich aussehen wird. Lassen Sie doch lieber die Natur walten! Waschen Sie die betreffende Stelle recht häufig mit kaltem Wasser, und ich versichere Sie, daß Sie sich ohne Nase ebenso gut befinden werden als mit ihr. Und dann gebe ich Ihnen noch den Rat, die Nase in einem Gefäß mit Spiritus aufzubewahren oder noch besser zwei Suppenlöffel Branntwein und heißen Essig in den Rezipienten zu tun, — auf diese Weise könnten Sie viel Geld für sie erhalten. Ich selbst würde sie Ihnen gern abnehmen, wenn Sie nicht zu teuer sind!“

„Nein, nein, um keinen Preis in der Welt würde ich sie verkaufen!“ rief der Major Kowalew verzweifelt aus; „lieber will ich sie vernichten!“

„Entschuldigen Sie,“ sagte der Arzt und erhob sich; „ich wollte Ihnen nur nützlich sein ... Was ist da zu tun? Auf jeden Fall haben Sie sich von meinem guten Willen überzeugt.“

Mit diesen Worten und mit einer vornehmen Handbewegung verließ der Arzt das Zimmer. Kowalew hatte nicht einmal sein Gesicht deutlich gesehen und in seiner tiefen Betäubung nur die Manschetten seines schneeweißen Hemdes bemerkt, das aus den Ärmeln des schwarzen Frackes hervorleuchtete.

Am folgenden Tage beschloß er, noch bevor er die Klage gegen Frau Podtotschina einreichte, an sie zu schreiben und sie zu fragen, ob sie seiner Forderung nicht vielleicht gutwillig Folge leisten wollte.

Dieser Brief lautete folgendermaßen: