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Sämmtliche Werke 4: Mirgorod cover

Sämmtliche Werke 4: Mirgorod

Chapter 29: Novellen
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About This Book

A set of independent tales rooted in a Ukrainian provincial setting, blending earthy realism, satirical comedy, folkloric fantasy, and historical adventure. One story portrays the simple routines and slow decline of elderly landowners; another dramatizes the fierce loyalties and brutal conflicts of Cossack life; a comic novella traces a petty but escalating quarrel between neighbors; and a supernatural tale stages eerie encounters with witches and demonic forces. Together the pieces juxtapose domestic detail, grotesque humor, and mythic violence to examine social customs, human folly, and the thin boundary between the ordinary and the uncanny.

Unterdessen aber trat ein für ganz Mirgorod äußerst wichtiges Ereignis ein: der Polizeimeister gab eine Assemblee. Wo nehme ich Pinsel und Farben her, um die ganze Großartigkeit der Auffahrt, den Glanz und die Pracht des Festmahls zu schildern. Nehmen Sie eine Uhr, öffnen Sie sie und sehen Sie sich an, was darin vorgeht. Nicht wahr, das ist ein furchtbares Durcheinander? Und nun stellen Sie sich vor, daß ebenso viele, wenn nicht noch viel mehr Räder auf dem Hofe des Polizeimeisters nebeneinander standen. Was gab es da nicht für Wagen und Kutschen! Die einen hinten ganz breit und vorne schmal, die andern vorn breit und hinten schmal; die eine war eine leichte Kalesche und zugleich ein schwerer Lastwagen, die andere weder Kalesche noch Lastwagen, die eine glich einem gewaltigen Heuschober oder einer dicken Kaufmannsfrau, die andere einem flinken Juden oder einem Skelett, das sich noch nicht ganz aus seiner Haut gelöst hat. Die einen sahen im Profil geradezu aus wie eine Pfeife mit einem Pfeifenrohr, und andere ließen sich wieder überhaupt mit garnichts vergleichen, sondern waren ganz seltsame Gebilde von furchtbarer Häßlichkeit und außerordentlich phantastischen Formen. Über dieses Chaos von Rädern und Kutschböcken erhob sich eine besondere Art von Wagen; er hatte ein riesengroßes Fenster, das von einem dicken Querholz durchkreuzt war. Die Kutscher in Kosakenröcken, grauen Bauernkitteln und -Jacken, mit den verschiedensten Schaffell- und andern Mützen führten, mit der Pfeife im Munde, ihre ausgespannten Pferde im Hofe herum. Nein, was war das für eine herrliche Assemblee, die der Polizeimeister gab! Gestatten Sie, daß ich Ihnen die Namen aller Anwesenden aufzähle: Taraß Tarassowitsch, Jewil Akinfowitsch, Ewtichij Ewtichijewitsch, Iwan Iwanowitsch (nicht der bekannte Iwan Iwanowitsch, sondern ein anderer), Sawa Gawrilowitsch, unser Iwan Iwanowitsch, Eleutherij Eleutheriewitsch, Makar Nazarjewitsch, Thomas Grigorjewitsch ... nein, ich kann nicht weiter, ich habe keine Kraft mehr. Und wieviel Damen da waren! — brünette und weißwangige, lange und kurze, so dicke wie Iwan Nikiforowitsch und so magere, daß man meinte, sie in die Degenscheide des Polizeimeisters stecken zu können. Und wieviel verschiedene Hauben, wie viele Kleider es da gab! rote, gelbe, kaffeebraune, grüne, blaue, neue, gewendete, umgearbeitete — und dann diese Bänder, Tücher, Ridicules! Ade, ihr armen Augen! Nach diesem Schauspiel werdet ihr zu nichts mehr fähig sein. Und welch lange Tafel da gedeckt war! Wie alles durcheinander schwatzte! Welch ein Lärm sich überall erhob! Was ist eine Mühle mit all ihren Mühlsteinen, Rädern und ihrem Stampfwerk dagegen! Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, wovon man sprach, aber man darf annehmen, daß von vielen angenehmen und nützlichen Dingen die Rede war: vom Wetter, von Hunden, von Weizen, Hauben, Hengsten u. s. w. Endlich, sagte Iwan Iwanowitsch — nicht unser Iwan Iwanowitsch, sondern der andere, der mit dem schielenden Auge: „Es wundert mich sehr, daß mein rechtes Auge (der schielende Iwan Iwanowitsch ironisierte sich immer selbst), Iwan Nikiforowitsch, Herrn Dowgotschchun nicht sieht.“

„Er wollte nicht kommen,“ sagte der Polizeimeister.

„Warum denn nicht?“

„Herrgott, es sind schon bald zwei Jahre, daß sich Iwan Iwanowitsch und Iwan Nikiforowitsch entzweit haben, und wo der eine ist, geht der andere auf keinen Fall hin.“

„Was Sie sagen!“ Hierbei erhob der schielende Iwan Iwanowitsch seinen Blick gen Himmel und faltete die Hände: „Was soll nur werden, wenn auch die Leute mit gesunden Augen sich nicht mehr vertragen wollen. Wie soll ich mit meinem schielenden Auge in Frieden leben!“ Bei diesen Worten lachten alle aus vollem Halse. Der schielende Iwan Iwanowitsch war sehr beliebt, weil er immer Witze machte, die dem damaligen Zeitgeschmack angepaßt waren. Sogar der große dürre Herr im Friesrock und mit dem Pflaster auf der Nase, der bisher unbeweglich in der Ecke gesessen und keine Miene verzogen hatte — auch da nicht, als ihm eine Fliege in die Nase flog — sogar dieser Herr stand jetzt auf, und näherte sich dem Kreise, der sich um den schielenden Iwan Iwanowitsch gebildet hatte. „Hören Sie,“ sagte der schielende Iwan Iwanowitsch, als er sah, daß der Kreis um ihn herum genügend groß war, „hören Sie, statt daß Sie sich jetzt an meinem schielenden Auge ergötzen, wollen wir doch lieber unsere beiden Freunde versöhnen! Iwan Iwanowitsch unterhält sich gerade mit den Frauensleuten ... wollen wir doch heimlich nach Iwan Nikiforowitsch schicken und die beiden zusammenführen?“

Der Vorschlag Iwan Iwanowitschs wurde einstimmig angenommen; man beschloß, sofort nach Iwan Nikiforowitsch zu schicken und ihn zum Polizeimeister zu Tisch zu bitten, es koste, was es wolle. Aber vorher gab es noch eine wichtige Frage zu lösen: wen sollte man mit diesem verantwortungsvollen Auftrag betrauen? Das brachte alle in Verlegenheit. Lange wurde hin und her gestritten, wer wohl für derartige diplomatische Missionen am geeignetsten sei: endlich aber wurde einstimmig beschlossen, Anton Prokofjewitsch Golopuß zu diesem Zwecke zu entsenden.

Doch ich muß den Leser zuvor mit dieser außerordentlichen Persönlichkeit bekannt machen. Anton Prokofjewitsch war ein vollkommen tugendhafter Mensch in des Wortes höchster Bedeutung. Schenkte ihm einer der Mirgoroder Honoratioren ein Halstuch oder ein Paar Unterhosen, so bedankte er sich; gab ihm jemand einen Nasenstüber, so bedankte er sich gleichfalls. Fragte man ihn: „Anton Prokofjewitsch, warum haben Sie einen braunen Rock mit hellblauen Ärmeln an?“ so antwortete er gewöhnlich: „Sie haben ja nicht einmal einen solchen! Warten Sie, wenn er etwas abgetragen ist, wird sich schon alles ausgleichen.“ Und tatsächlich: mit der Zeit begann das hellblaue Tuch unter dem Einfluß der Sonne braun zu werden, und jetzt paßt es schon ganz gut zu der Farbe des Rocks. Was aber am bemerkenswertesten war, war dies, daß Anton Prokofjewitsch die Angewohnheit hatte, im Sommer Tuch- und im Winter Nankinganzüge zu tragen. Anton Prokofjewitsch besitzt kein eigenes Haus. Einst besaß er eins am Ende der Stadt, aber er verkaufte es, erstand sich für den Erlös drei braune Pferde und einen kleinen Wagen, und fuhr von einem Gutsbesitzer zum andern zu Besuch. Aber da die Pferde ihm doch viel Umstände machten, und er in einem fort Geld für Hafer brauchte, so tauschte Anton Prokofjewitsch sie gegen eine Geige, ein Dienstmädchen und fünfundzwanzig Rubel ein. Die Geige verkaufte er später wieder, und das Mädchen tauschte er gegen einen Saffiantabaksbeutel ein — aber dafür hat er jetzt auch einen Tabaksbeutel wie kein zweiter. Allerdings mußte er diesen Genuß teuer erkaufen: er kann nun nicht mehr von einem Dorf ins andere fahren, er muß in der Stadt bleiben und in den verschiedensten Häusern, gewöhnlich bei Edelleuten, übernachten, denen es Spaß macht, ihm Nasenstüber zu geben. Anton Prokofjewitsch liebt es, gut zu essen, und spielt recht gut Schafskopf oder auch Mühle. Es war immer seine Art, sich unterzuordnen, und darum ergriff er auch jetzt Stock und Mütze, und machte sich ohne weiteres auf den Weg.

Unterwegs überlegte er sichs, wie er Iwan Nikiforowitsch bewegen könnte, die Assemblee zu besuchen. Die schroffe Art des sonst gewiß würdigen Mannes, machte sein Unternehmen fast zu einer Unmöglichkeit. Wie sollte sich auch Iwan Nikiforowitsch dazu entschließen, da ihm doch schon das bloße Aufstehen soviel Mühe machte? Aber angenommen selbst, daß er aufstünde, wie sollte er dahin gehen wollen, wo — und das wußte er zweifellos — wo sein unversöhnlicher Feind sich befand? Je länger Anton Prokofjewitsch darüber nachdachte, um so mehr Hindernisse türmten sich auf. Es war ein schwüler Tag, die Sonne brannte vom Himmel herab, Anton Prokofjewitsch war wie in Schweiß gebadet. Obschon er oft Nasenstüber bekam, war er in mancherlei Hinsicht ein gewiegter Mensch (nur beim Tauschen hatte er manchmal Unglück). Er wußte sehr gut, wann man den Narren spielen mußte, und fand sich mitunter in Situationen und Verhältnissen zurecht, in denen selbst ein Kluger sich keinen Rat gewußt hätte.

Während sein erfinderischer Geist nach Mitteln und Wegen suchte, Iwan Nikiforowitsch zu überreden, gelangte Anton Prokofjewitsch allmählich bis ans Haus und wollte schon mutig der Entscheidung entgegengehen, als ihn ein ganz unvorhergesehener Umstand ein wenig in Verlegenheit brachte. Hier ist es übrigens am Platz, dem Leser die Mitteilung zu machen, daß Anton Prokofjewitsch unter anderm auch ein Paar recht merkwürdige Hosen besaß; sobald er dieses Paar trug, bissen ihn die Hunde immer in die Waden. Unglücklicherweise mußte er gerade heute diese Hosen anhaben. Er war noch ganz in Gedanken vertieft, als ihn plötzlich ein fürchterliches Hundegebell aufschreckte, das von allen Seiten an sein Ohr schlug. Anton Prokofjewitsch begann so zu schreien, (lauter als er kann man überhaupt garnicht schreien), daß nicht nur das bekannte alte Weib und der Besitzer des unförmlichen Rocks ihm entgegenliefen, sondern auch die Jungens aus Iwan Iwanowitschs Hause hinzugerannt kamen. Und obgleich die Hunde nur Zeit gehabt hatten, nach einem seiner Beine zu schnappen, setzte doch dies Anton Prokofjewitschs Mut beträchtlich herab, und so trat er denn mit einer gewissen Befangenheit in den Flur.

Siebentes und letztes Kapitel.

Ah guten Tag, warum necken Sie denn meine Hunde?“ rief Iwan Nikiforowitsch, als er Anton Prokofjewitsch erblickte, denn man sprach allgemein nicht anders, als in scherzendem Tone mit ihm.

„Mögen sie alle verrecken! Wer denkt daran, sie zu necken!“ versetzte Anton Prokofjewitsch.

„Sie schwindeln!“

„Bei Gott nicht! Peter Fedorowitsch läßt Sie zu Tisch bitten.“

„Hm.“

„Bei Gott, er bittet Sie so dringend darum; ich kann es wirklich gar nicht ausdrücken. ‚Was soll das heißen‘, sagt er, ‚Iwan Nikiforowitsch geht mir ja aus dem Wege, wie einem Feinde. Er kommt nicht mehr zu mir; man sitzt nie mehr zusammen, und plaudert nicht mehr miteinander‘.“

Iwan Nikiforowitsch strich sich über das Kinn.

„‚Wenn Iwan Nikiforowitsch heute wieder nicht kommt, dann weiß ich wirklich nicht, was ich davon halten soll. Sicher führt er etwas gegen mich im Schilde. Anton Prokofjewitsch, tun Sie mir doch den Gefallen, sehen Sie zu, ob Sie ihn nicht überreden können.‘ Nun, was meinen Sie Iwan Nikiforowitsch? Kommen Sie mit? Sie finden dort eine reizende Gesellschaft beisammen!“

Aber Iwan Nikiforowitsch lag ruhig da und betrachtete einen Hahn, der auf einem Fuße stand und aus voller Kehle krähte.

„Wenn Sie wüßten Iwan Nikiforowitsch,“ fuhr der eifrige Abgeordnete fort, „was Peter Fedorowitsch für einen herrlichen Stör und für einen frischen Kaviar bekommen hat!“

Hier wandte ihm Iwan Nikiforowitsch das Gesicht zu und begann aufmerksamer zuzuhören.

Dies ermutigte den Abgesandten. „Kommen Sie schnell. Thomas Grigorjewitsch ist auch da. Was ist denn nur?“ fügte er hinzu, als er sah, daß Iwan Nikiforowitsch noch immer in der gleichen Stellung liegen blieb, „gehen wir — oder gehen wir nicht?“

„Ich mag nicht.“

Anton Prokofjewitsch war durch dieses „Ich mag nicht“ ganz verblüfft. Er hatte geglaubt, daß seine überzeugenden Vorstellungen den so würdigen Mann schon völlig gewonnen hatten: und nun mußte er ein glattes Nein vernehmen.

„Warum wollen Sie denn nicht,“ fragte er fast verdrießlich, obgleich ihm so etwas nur ganz selten passierte, (nicht einmal dann, wenn man ihn, wie das der Richter und der Polizeimeister zu ihrem Vergnügen zu tun pflegten, ein Stück brennendes Papier auf den Kopf legte).

Iwan Nikiforowitsch nahm eine Prise.

„Nun denn, machen Sie was Sie wollen, Iwan Nikiforowitsch, obgleich ich nicht verstehe, was Sie zurückhält.“

„Wozu soll ich hingehen,“ sagte endlich Iwan Nikiforowitsch, „der Räuber ist ja doch da.“ So nannte er gewöhnlich Iwan Iwanowitsch. Gerechter Gott! und wie lange war es her ...

„Bei Gott, er ist nicht da! So gewiß ein gerechter Gott im Himmel lebt, er ist nicht da! Mich soll auf der Stelle der Blitz treffen!“ antwortete Anton Prokofjewitsch, der gewöhnt war, Gott in jeder Stunde zehnmal anzurufen. „Kommen Sie schnell, Iwan Nikiforowitsch.“

„Sie schwindeln ja, Anton Prokofjewitsch, er ist sicher da!“

„Bei Gott nein, so wahr mir Gott helfe, nein! Ich will nie von dieser Stelle weichen, wenn er da ist! Urteilen Sie selbst, warum sollte ich lügen? Hände und Füße sollen mir verdorren ... Wie, Sie glauben mir noch immer nicht? Ich will hier vor Ihren Augen verrecken! Mein Vater, und meine Mutter und ich selbst, wir mögen alle um unsere Seligkeit kommen, wenn es nicht wahr ist! Glauben Sie mir noch immer nicht?“

Diese Beteuerungen beruhigten Iwan Nikiforowitsch vollkommen. Er befahl seinem Kammerdiener in dem endlosen Frack, ihm seine Hosen und seinen Nankingrock zu bringen.

Ich halte es für ganz überflüssig zu beschreiben, wie Iwan Nikiforowitsch seine Hosen anzog, wie man ihm die Halsbinde umwickelte und wie man ihm endlich in den Rock hineinhalf, der hierbei unter dem linken Ärmel platzte. Es genügt, wenn ich sage, daß er während dieser ganzen Zeit eine würdige Ruhe bewahrte und mit keinem Wort auf die Vorschläge Anton Prokofjewitschs einging, der ihm durchaus seinen türkischen Tabaksbeutel gegen etwas andres eintauschen wollte.

Unterdessen wartete die ganze Gesellschaft mit Ungeduld auf den entscheidenden Moment, wo Iwan Nikiforowitsch erscheinen, und wo endlich der allgemeine Wunsch in Erfüllung gehen würde, die beiden Ehrenmänner zu versöhnen. Viele waren nahezu überzeugt, daß Iwan Nikiforowitsch garnicht kommen würde. Der Polizeimeister wollte sogar mit dem schielenden Iwan Iwanowitsch eine Wette eingehen, daß er nicht kommen würde. Die Wette kam jedoch nicht zustande, weil der schielende Iwan Iwanowitsch vorschlug, der Polizeimeister solle sein angeschossenes Bein gegen sein schielendes Auge einsetzen; — der Polizeimeister fühlte sich ernstlich verletzt, aber die ganze Gesellschaft lachte im geheimen über diesen Scherz. Niemand wollte sich zu Tisch setzen, obwohl es schon längst zwei Uhr war, eine Zeit, zu der man in Mirgorod auch bei den feinsten Diners längst zu Mittag speist. Sowie Anton Prokofjewitsch in der Tür erschien, umringte ihn die ganze Gesellschaft augenblicklich, aber Anton Prokofjewitsch hatte auf die zahlreichen Fragen nur ein entschiedenes und lautes: „Er kommt nicht!“ Kaum war das Wort gefallen, als ein Hagelwetter von Scheltworten, Vorwürfen und vielleicht sogar Püffen seinen Kopf für die verfehlte Mission bedrohte, doch da tat sich die Türe auf, und Iwan Nikiforowitsch trat herein.

Wenn in diesem Augenblick Satan in höchsteigener Person, oder irgend ein Verstorbener eingetreten wäre — sie hätten bei den Anwesenden kein solches Erstaunen erregt, wie das unerwartete Erscheinen Iwan Nikiforowitschs. Anton Prokofjewitsch aber hielt sich die Seiten vor Lachen und freute sich unbändig, daß er die ganze Gesellschaft so zum Narren gehalten hatte.

Wie dem auch sei, alle hielten es für völlig unwahrscheinlich, daß Iwan Nikiforowitsch sich in so kurzer Zeit hatte ankleiden können, wie es sich für einen Edelmann ziemt. Iwan Iwanowitsch war in diesem Moment gerade nicht im Zimmer, er war aus irgend einem Grunde eben hinausgegangen. Als man sich vom ersten Erstaunen erholt hatte, äußerte die ganze Gesellschaft ihren lebhaften Anteil an dem Wohlbefinden Iwan Nikiforowitschs, und alle sprachen ihre Freude über die Zunahme seiner Körperfülle aus. Iwan Nikiforowitsch küßte alle Anwesenden und sagte: „Sehr verbunden“.

Unterdessen aber drang der Duft der Rübensuppe in das Zimmer und kitzelte in angenehmster Weise die Nasen der hungrigen Gäste. Alle gingen ins Eßzimmer. Eine lange Reihe von stillen und gesprächigen, dicken und dünnen Damen zog voran, und die lange Tafel erstrahlte in allen Farben. Ich werde nicht alle Speisen beschreiben, die aufgetragen wurden, werde nichts über die Knödel in saurer Sahne und das Gekröse, das es zur Rübensuppe gab, sagen, auch nicht von dem Truthahn mit der Pflaumen- und Rosinenfüllung, noch von der Speise, die einem in Kwas[4] eingeweichten Paar Stiefeln gleicht, noch von der Sauce, dem Schwanenliede des alten Kochs, noch vom Pudding, der brennend serviert wurde, was die Damen immer sehr ängstigt und zugleich unterhält. Ich werde nicht von diesen Speisen sprechen, denn ich muß gestehn, daß ich sie viel lieber verzehre als mich des weiteren über sie auslasse.

Iwan Iwanowitsch hatte besonders einem mit Meerrettich zubereiteten Fisch Geschmack abgewonnen. Er beschäftigte sich eifrig mit dieser nützlichen und nahrhaften Veranstaltung, löste die allerkleinsten Gräten heraus und legte sie auf den Rand des Tellers. Dabei blickte er zufällig auf sein Visavis. Himmlischer Vater, war das merkwürdig! Ihm gegenüber saß Iwan Nikiforowitsch.

In demselben Augenblick sah auch Iwan Nikiforowitsch auf .... Nein — ich kann nicht weiter! Man reiche mir eine andere Feder, nein — die meine ist viel zu matt und tot. Für dieses Bild bedürfte sie eines weit feineren Kieles! Der Ausdruck großer Verwunderung, die sich in ihren Gesichtern spiegelte, gab ihren Zügen etwas Steinernes. Jeder von ihnen erblickte das längst vertraute Gesicht, jeder von ihnen war dem Anschein nach unwillkürlich bereit, zum Freunde, der so unerwartet vor ihm saß, hinzutreten und ihm die Tabaksdose mit den Worten hinzuhalten: „Bitte, bedienen Sie sich“ oder „Darf ich Sie bitten, sich zu bedienen!“ Zugleich aber hatten die Gesichter etwas Furchtbares und Unheilverkündendes. Iwan Iwanowitsch und Iwan Nikiforowitsch waren wie in Schweiß gebadet.

Alle Anwesenden, soviel ihrer bei Tische waren, verstummten vor Spannung und konnten die Augen nicht von den einstigen Freunden wegwenden. Die Damen, die bis dahin in ein sehr interessantes Gespräch über die Entstehung der Kapaunen vertieft waren, brachen plötzlich ab. Alles schwieg. Es war ein Bild, würdig des Pinsels eines großen Künstlers.

Endlich zog Iwan Iwanowitsch sein Taschentuch hervor und begann sich zu schneuzen. Iwan Nikiforowitsch aber sah sich um und suchte mit den Augen nach dem Ausgang.

Aber der Polizeimeister hatte schon bemerkt, was mit ihnen vorging, und ließ die Türe noch fester verschließen. Die beiden Freunde wandten sich daher wieder ihren Speisen zu und würdigten einander keines Blickes mehr.

Sowie jedoch das Diner zu Ende war, sprangen die beiden alten Freunde von ihren Sitzen auf und sahen sich nach ihren Mützen um, um sich schleunigst davonzumachen. Da jedoch winkte der Polizeimeister, und Iwan Iwanowitsch (nicht unser Iwan Iwanowitsch, sondern der andere, mit dem schielenden Auge) stellte sich hinter Iwan Nikiforowitsch, während der Polizeimeister hinter Iwan Iwanowitsch trat. Beide begannen, sie von hinten zu stoßen, um sie gegeneinander zu drängen und nicht eher loszulassen, als bis sie sich die Hände gereicht hätten. Iwan Iwanowitsch (mit dem schielenden Auge) schob Iwan Nikiforowitsch, wenn auch ein wenig schief, doch immerhin ganz geschickt nach der Stelle, wo Iwan Iwanowitsch stand; der Polizeimeister dagegen nahm die Richtung etwas zu sehr nach der Seite, da er mit seinen störrischen Gehwerkzeugen, die ihrem Kommandanten diesmal garnicht parierten, durchaus nicht zurechtkommen konnte. Wie zum Trotz schwenkte er das Bein gar zu weit zurück und nach der entgegengesetzten Richtung (das kam möglicherweise daher, weil bei Tisch sehr viel verschiedene Getränke gereicht worden waren) — jedenfalls fiel Iwan Iwanowitsch auf eine Dame in einem roten Kleide, die sich aus Neugierde bis in die Mitte gedrängt hatte. Dieses Omen ließ nichts Gutes vermuten. Um die Sache wieder einzurenken, trat der Richter an die Stelle des Polizeimeisters, sog mit der Nase allen Tabak von der Oberlippe auf und drängte Iwan Iwanowitsch nach der andern Seite. Das ist die in Mirgorod übliche Art der Versöhnung, sie erinnert entfernt an das Ballspiel. Kaum aber hatte der Richter Iwan Iwanowitsch einen Stoß gegeben, als auch Iwan Iwanowitsch mit dem schielenden Auge sich aus allen Kräften gegen Iwan Nikiforowitsch stemmte und ihn vorwärts stieß. Der Schweiß floß Iwan Iwanowitsch von der Stirne herab wie das Regenwasser von einem Dach. Aber trotzdem beide Freunde sich heftig sträubten, wurden sie doch aneinandergedrängt, da beide Parteien von den Gästen tüchtig unterstützt wurden.

Man umringte sie von allen Seiten und ließ sie nicht früher auseinander, als bis sie sich die Hände gereicht hatten.

„Gott mit Ihnen Iwan Nikiforowitsch, und Iwan Iwanowitsch, sagen Sie doch ehrlich: warum haben Sie sich entzweit! Es war doch nur ein Unsinn! Schämen Sie sich doch vor Gott und vor den Menschen!“

„Ich weiß nicht,“ sagte Iwan Nikiforowitsch, der vor Müdigkeit laut schnaufte, (kein Zweifel, er war durchaus nicht abgeneigt, sich zu versöhnen) „ich weiß nicht, was ich Iwan Iwanowitsch getan habe. Aber warum hat er meinen Stall zerstört? Warum wollte er mich zugrunde richten?“

„Ich bin mir keiner bösen Absicht bewußt,“ sagte Iwan Iwanowitsch, ohne Iwan Nikiforowitsch anzusehen, „ich schwöre vor Gott und vor Ihnen allen, verehrte Freunde und Edelleute, ich habe meinem Feinde nichts getan! Warum verleumdet er mich, warum beschimpft er immer wieder meinen Rang und meinen Namen?“

„Was habe ich Ihnen denn für einen Schaden zugefügt, Iwan Iwanowitsch?“ sagte Iwan Nikiforowitsch. Noch einen Augenblick der Aussprache — und die lange Feindschaft war dicht daran, ganz zu verlöschen. Schon griff Iwan Nikiforowitsch in die Tasche, um seine Tabaksdose hervorzuholen und zu sagen: „Bitte bedienen Sie sich.“

„Ist das vielleicht kein Schaden,“ antwortete Iwan Iwanowitsch, ohne die Augen zu erheben, „wenn Sie, geehrter Herr, mich, meinen Rang und meine Familie durch ein Wort beschimpft haben, das hier zu wiederholen, nicht anständig wäre!“

„Iwan Iwanowitsch, erlauben Sie mir, Ihnen in aller Freundschaft zu sagen:“ (hierbei packte Iwan Nikiforowitsch Iwan Iwanowitsch beim Knopf, ein Zeichen seiner innigsten Sympathie) „der Teufel weiß, weswegen Sie sich beleidigt gefühlt haben: weil ich Sie einen „Gänserich“ genannt habe!“

Iwan Nikiforowitsch sah sofort ein, was für eine Unvorsichtigkeit er begangen hatte, als er dies Wort aussprach — aber es war schon zu spät, das Wort war heraus. Jetzt ging alles zum Teufel! War doch Iwan Iwanowitsch schon damals, unter vier Augen und ohne Zeugen, bei Nennung dieses Wortes ganz außer sich und in eine Wut geraten, die ich, weiß Gott, keinem Menschen wünschen möchte; urteilen Sie also selbst, meine verehrten Leser, was sollte nun geschehen, jetzt, wo das tödliche Wort in Gesellschaft, in Gegenwart vieler Damen gefallen war — denn da liebte es Iwan Iwanowitsch besonders, seine noble Lebensart zu zeigen. Wäre Iwan Nikiforowitsch etwas anderes eingefallen, hätte er Vogel statt Gänserich gesagt, die Sache hätte sich noch einrenken lassen, aber so .... war natürlich alles vorüber!

Iwan Iwanowitsch warf Iwan Nikiforowitsch einen Blick zu — einen Blick! Hätte dieser Blick ausübende Gewalt gehabt, Iwan Nikiforowitsch wäre zu Staub und Asche verbrannt worden. Die Gäste verstanden diesen Blick und bemühten sich, sie zu trennen. Und dieser Mann, das Muster aller Freundlichkeit, der keinen Bettler vorübergehen lassen konnte, ohne ihn anzusprechen und auszufragen, dieser Mann lief in maßloser Wut davon. So mächtig sind die Stürme der Leidenschaft!

Einen ganzen Monat hörte man nichts von Iwan Iwanowitsch. Er schloß sich in seinem Hause ein. Der vorsintflutliche Kasten wurde geöffnet, und es wurden alle möglichen Dinge aus ihm hervorgeholt — ja was denn? Silberrubel, alte vom Großvater ererbte Silberrubel. Und diese Silberrubel wanderten in die schmutzigen Hände von Tintenklexern hinüber. Die Sache ging an den Appellationshof weiter, und erst als Iwan Iwanowitsch die freudige Nachricht erhielt, daß seine Sache morgen entschieden sein würde, erst da entschloß er sich endlich, wieder einen Blick in die Welt zu tun und etwas auszugehen. Oh, weh! Seit jenem Tage benachrichtigt ihn das Appellationsgericht täglich im Laufe von zehn Jahren, daß die Entscheidung morgen fallen werde.


Vor fünf Jahren kam ich einmal durch Mirgorod. Ich hatte mir eine ungünstige Zeit zum Reisen ausgesucht. Es war Herbst, das Wetter war feucht und trübe, überall lag Schmutz und Nebel. Ein unnatürliches Grün — die Folge des trübseligen, ununterbrochenen Regens — bedeckte wie ein dünnes Netz die Felder und Wiesen, und das stand ihnen so an, wie einem Greise Torheiten, oder einer alten Frau Rosen anstehen. Meine Stimmung war damals sehr vom Wetter abhängig: ich wurde stets traurig, sowie das Wetter schlecht war. Nichtsdestoweniger fühlte ich mein Herz heftiger schlagen, als ich mich Mirgorod näherte. Herrgott, wieviel Erinnerungen drängten sich mir auf! Ich hatte Mirgorod zwölf Jahre lang nicht gesehen. Damals lebten hier zwei einzigartige Freunde in rührender Liebe vereinigt. Und wie viele berühmte Männer waren seitdem gestorben! Der Richter Demian Demianowitsch war schon tot, auch Iwan Iwanowitsch mit dem schielenden Auge hatte das Zeitliche gesegnet. Ich fuhr durch die Hauptstraße. Überall ragten Stangen mit aufgehefteten Strohbündeln empor; offenbar fand gerade eine neue Planierung statt. Einige von den Hütten waren abgetragen, und die Reste von Zäunen und Flechtwerk standen ganz melancholisch da.

Es war ein Feiertag, ich ließ meinen mit Matten gedeckten Wagen vor der Kirche halten und trat so leise ein, daß niemand sich umsah. Freilich, es war ja auch niemand da, der sich hätte umsehen können. Die Kirche war fast leer, es war kaum ein Mensch darin: augenscheinlich fürchteten sich auch die Allerfrömmsten vor dem Straßenschmutz. Die Kerzen machten bei dem trüben oder besser kränklichen Tageslicht einen fast beängstigenden Eindruck; die Hallen waren düster, und die runden Scheiben der länglichen Kirchenfenster waren feucht von Regentränen. Ich trat in die Vorhalle und wandte mich an einen ehrwürdigen Mann mit grauen Haaren. „Gestatten Sie mir die Frage, lebt Iwan Nikiforowitsch noch?“ In diesem Augenblick flackerte das Lämpchen vor dem Gottesbild heller auf, und das Licht fiel gerade auf das Gesicht meines Nachbars. Wie sehr erstaunte ich, als ich bei näherem Hinsehen bekannte Züge entdeckte. Das war Iwan Nikiforowitsch in eigener Person, aber wie hatte er sich verändert!

„Sind Sie gesund Iwan Nikiforowitsch? Wie alt Sie geworden sind!“

„Ja, ich bin alt geworden,“ antwortete Iwan Nikiforowitsch. „Ich bin heute aus Poltawa gekommen.“

„Was Sie sagen! Bei dem schlechten Wetter sind Sie nach Poltawa gefahren?“

„Was soll man machen — der Prozeß!“

Unwillkürlich seufzte ich.

Iwan Nikiforowitsch hatte meinen Seufzer gehört und sagte: „Beunruhigen Sie sich nicht; ich habe die bestimmte Nachricht erhalten, daß die Sache in der nächsten Woche entschieden sein wird, und zwar zu meinen Gunsten.“

Ich zuckte die Achseln und ging, um mich nach Iwan Iwanowitsch zu erkundigen.

„Iwan Iwanowitsch ist hier, er ist oben auf dem Chor,“ sagte mir jemand. Ich erblickte eine magere Gestalt. War das wirklich Iwan Iwanowitsch? Sein Gesicht war mit Runzeln bedeckt, die Haare waren schneeweiß, und nur die Pekesche hatte sich nicht verändert. Nach der ersten Begrüßung wandte sich Iwan Iwanowitsch mit dem heiteren Lächeln, das seinem trichterförmigen Gesicht so gut stand, zu mir hin und sagte: „Soll ich Ihnen eine frohe Neuigkeit mitteilen?“

„Eine Neuigkeit?“ fragte ich.

„Morgen wird meine Sache entschieden; das Appellationsgericht hat es mir bestimmt versprochen!“

Ich seufzte noch tiefer und beeilte mich mit dem Abschied, da ich in einer sehr wichtigen Angelegenheit reiste. Ich bestieg meinen Wagen. Die elenden Gäule, die in Mirgorod unter dem Namen Kurierpferde bekannt sind, zogen an und verursachten mit ihren, in der grauen Schmutzmasse einsinkenden Hufen ein unangenehmes Geräusch. Der Regen floß in Strömen auf den auf dem Bock sitzenden Juden herab, der sich durch eine Matte zu schützen suchte. Die Feuchtigkeit drang mir durch Mark und Bein. Der wehmütige Schlagbaum mit dem Wärterhäuschen, in dem der Invalide seine graue Uniform flickte, zog langsam an mir vorüber. Und wieder breitete sich das stellenweise aufgewühlte schwarze, hie und da grünlich schimmernde Feld vor mir aus: nasse Krähen und Raben, der monotone Regen und ein tränenfeuchter, trostlos grauer Himmel!

Es ist eine traurige Welt, meine Herren!

Novellen

übersetzt von
S. Bugow und Mario Spiro

Die Equipage

Das Städtchen B. sah viel fröhlicher aus, seitdem das ***er Kavallerieregiment in ihm Quartier genommen hatte, bis dahin war es dort entsetzlich langweilig gewesen. Wenn man einmal durch die Stadt fuhr und einen Blick auf die niedrigen, getünchten Häuschen warf, die mit einem ganz unglaublich sauren Gesicht dreinschauen, so ... nein es ist unmöglich auszudrücken, wie es einem da ums Herze wurde, — so trübselig, als ob man sein ganzes Geld verspielt, oder bei einer unpassenden Gelegenheit eine große Dummheit gemacht hätte, — mit einem Worte: es war einem gar nicht gut zumute. Der Lehm hatte sich infolge des Regens von den Häusern gelöst, und die Wände hatten ihre ursprüngliche Weiße verloren und waren ganz scheckig geworden; die Dächer sind meistens mit Rohr gedeckt, wie es in unseren südlichen Städten Brauch ist. Die kleinen Gärtchen, die die Häuser umgaben, waren längst verschwunden, da der Stadthauptmann die Bäume des besseren Aussehens wegen hatte fällen lassen. Auf den Straßen begegnete man keiner Seele, es sei denn, daß ein Hahn quer über den Fahrdamm ging, der infolge des hohen Staubes so weich wie ein Kissen war. Dieser Staub verwandelt sich beim geringsten Regen in Dreck, und dann fanden sich in den Straßen des Städtchens B. jene fetten Tiere ein, die von dem zuständigen Stadthauptmann „Franzosen“ genannt wurden, streckten die ernsten Schnauzen aus ihren Badewannen und stimmten ein solches Grunzen an, daß dem Vorüberfahrenden nichts übrig blieb, als die Pferde zu schnellerem Laufe anzutreiben. Allerdings war es schwer, im Städtchen B. einem solchen zu begegnen. Nur selten, ganz selten, rasselte ein mit einem Nankingrock bekleideter Gutsbesitzer, der elf Bauernseelen sein eigen nannte, auf einem kleinen Wagen oder Wägelchen hindurch, indem er hinter den aufgestapelten Mehlsäcken hervorlugte und mit der Peitsche auf die braune Stute einhieb, der stets ein Füllen folgte. Der Marktplatz selbst hatte ein etwas trauriges Aussehen: das Haus des Schneiders ging törichterweise nicht mit der Fassade, sondern mit einer Ecke auf den Platz hinaus; ihm gegenüber wurde bald an die fünfzehn Jahre lang an einem steinernen Hause mit zwei Fenstern gebaut, und ferner sah man dort einen ganz für sich stehenden modernen Bretterzaun, der grau angestrichen war, damit er nicht so von dem Schmutze abstach. Diesen hatte der Stadthauptmann einmal in seiner Jugend, als er noch nicht die Gewohnheit hatte, gleich nach dem Mittagessen zu schlafen und zur Nacht ein gewisses, aus getrockneten Stachelbeeren bereitetes Gebräu zu trinken, zum Muster für die anderen Bauten errichten lassen. Sonst begegnete man überall nur geflochtenen Zäunen. Mitten auf dem Platze standen mehrere winzige Buden, in denen man immer einen Bund Bretzeln, ein Weib in einem roten Kopftuch, ein Pud Seife, ein paar Pud bittere Mandeln, Schrot zum Schießen, starkes baumwollenes Zeug und zwei Ladenburschen finden konnte, die zu jeder Tageszeit vor den Türen standen und Swajka[5] spielten. Sowie jedoch das Kavallerieregiment im Kreisstädtchen B. Quartier genommen hatte, änderte sich alles ganz plötzlich. Das Straßenbild wurde bunter, belebte sich — und nahm, mit einem Wort, ein ganz anderes Aussehen an; die niedrigen Häuschen sahen des öfteren einen gewandten, schlanken Offizier mit einem Federbusch auf dem Kopfe vorübergehen, der zu einem Kameraden ging, um sich mit ihm über die Avancementverhältnisse und den vorzüglichen Tabak zu unterhalten, oder ein Spielchen zu machen, bei dem eine Droschke den Einsatz bildete: ein Gefährt, das man wohl mit Recht die Regimentsdroschke nennen konnte, da sie, ohne das Regiment zu verlassen, bei allen die Runde machte: — heute fuhr der Major in ihr, morgen erschien sie in der Remise eines Leutnants, und eine Woche darauf war sie wieder beim Major, dessen Bursche sie gründlich mit Öl einschmierte. Die geflochtenen Zäune zwischen den Häusern waren überall mit Soldatenmützen geziert, die in der Sonne hingen; stets flatterte ein grauer Mantel vom Tore herab, und in den Gäßchen stieß man immer auf Soldaten, deren Schnurrbärte so borstig waren, wie eine Stiefelbürste. Diese Schnurrbärte fehlten nirgends: wenn sich die Kleinbürgerinnen einmal mit ihren Krügen auf dem Marktplatze versammelten — so guckten hinter ihren Schultern ganz sicher ein paar solche Schnurrbärte hervor. Die Offiziere brachten etwas Leben in die Gesellschaft, die bis dahin nur aus dem Richter, der zusammen mit einer Diakonuswitwe ein Haus bewohnte, und dem Stadthauptmann bestand: einem ruhigen und bedächtigen Menschen, der aber den ganzen Tag über — vom Mittagessen bis zum Abend, und vom Abend bis zum nächsten Mittagessen — zu schlafen geruhte. Die Gesellschaft wurde noch zahlreicher und interessanter, nachdem das Quartier des Brigadegenerals hierher verlegt wurde. Die Gutsbesitzer aus der Umgebung, von deren Existenz bis dahin niemand etwas geahnt hatte, fingen jetzt an, des öfteren in dem Kreisstädtchen zu erscheinen, um mit den Herren Offizieren zusammenzutreffen, oder manchmal eine Partie Whist mit ihnen zu spielen, ein Spiel, von dem ihr durch die vielen Gedanken an die Aussaaten, die Aufträge der Ehefrau und an die Hasenjagden abgeplagtes Gehirn nur noch eine ganz dunkle Ahnung hatte.

Es tut mir sehr leid, daß ich mich nicht daran erinnern kann, was die Veranlassung war, daß der Brigadegeneral einmal ein großes Diner gab; die Vorbereitungen, die zu diesem Feste getroffen wurden, waren ganz außerordentlich; schon am Stadttor konnte man hören, wie in der Küche des Generals mit den Messern geklappert wurde. Ja, für dieses Diner waren die ganzen Marktvorräte aufgekauft worden, sodaß der Richter mit seiner Diakonuswitwe nichts als Kuchen aus Buchweizenmehl und Kartoffelbrei zu essen bekam. Der kleine Hof, der zu der Wohnung des Generals gehörte, war ganz mit Droschken und Kaleschen gefüllt. Die Gesellschaft bestand ausschließlich aus Herren: aus den Offizieren des Regiments und einigen Gutsbesitzern des Kreises. Von den letzteren war Pythagor Pythagorowitsch Tschertokutski sicher der bemerkenswerteste. Dies war einer der vornehmsten Aristokraten des B.er Kreises, der bei den Wahlen mehr Lärm machte, als alle andern zusammen und stets in einer prächtigen Equipage zu erscheinen pflegte. Er hatte früher bei einem Kavallerieregiment gedient und zu den schneidigsten und angesehensten Offizieren gehört; wenigstens war er auf allen Bällen und Festen und überall dort zu sehen gewesen, wo sein Regiment sich gerade aufhielt; darüber kann man sich übrigens am besten bei den Jungfrauen des Tambower und Ssimbirsker Gouvernements erkundigen, doch ist es nicht unmöglich, daß er auch in den übrigen Gouvernements zu einer gewissen Berühmtheit gelangt wäre, hätte er nicht infolge einer sogenannten unliebsamen Affäre seinen Abschied genommen. Hatte er jemandem eine Ohrfeige verabfolgt, oder hatte er selbst eine solche erhalten, dessen kann ich mich nicht mehr genau entsinnen; die Hauptsache war, daß er ersucht wurde, seinen Abschied zu nehmen. Darum hatte er aber doch nicht das geringste an seiner Würde eingebüßt; er trug einen Frack mit einer langen Taille, der die Form eines Waffenrockes hatte, Sporen an den Stiefeln und einen Schnurrbart unter der Nase, weil sonst wohl gar noch ein Edelmann annehmen konnte, daß er bei den Fußtruppen gedient hätte, die er verächtlich „Fußschleicher“ oder manchmal gar „Trampeltiere“ nannte. Er besuchte sämtliche Jahrmärkte, auf denen es immer sehr lebhaft zuging, und wo sich das ganze Innere Rußlands, das aus Müttern, Kindern, Töchtern und dicken Gutsbesitzern besteht, auf Wagen, Kaleschen, Dormeusen und solchen Karossen, wie sie noch niemand, auch nur im Traume gesehen hatte, zu seiner Kurzweil versammelt. Er erriet stets mit dem ihm angeborenen Spürsinn, wo ein Kavallerieregiment stand, und kam sofort angefahren, um den Herren Offizieren einen Besuch abzustatten; dann sprang er vor ihren Augen höchst gewandt aus seiner Equipage oder Droschke und war sofort mit ihnen bekannt. Bei den letzten Wahlen gab er dem Adel ein prachtvolles Diner, bei welcher Gelegenheit er öffentlich erklärte: falls er zum Adelsmarschall gewählt würde, wolle er aufs beste für die Herren Edelleute sorgen. Überhaupt benahm er sich stets als Grandseigneur, wie man sich in der Provinz auszudrücken pflegte; — er heiratete ein recht hübsches Mädchen, das ihm zweihundert Bauernseelen und einige tausend Rubel als Mitgift in die Ehe brachte. Das Geld wurde sofort in einem Gespann von sechs prächtigen Pferden, vergoldeten Türschlössern, einem zahmen Hausaffen und einem französischen Hofmeister angelegt. Auf die zweihundert Seelen, die zusammen mit den eigenen zweihundert vierhundert ausmachten, wurde zur Förderung gewisser kommerzieller Unternehmungen, eine Hypothek aufgenommen. Mit einem Wort, er war ein Gutsbesitzer comme il faut, d. h. ein höchst achtbarer und ehrenwerter Gutsbesitzer. Außer ihm nahmen noch einige andere Gutsbesitzer, über die aber nichts zu sagen ist, an dem Diner des Generals teil. Alle übrigen Gäste waren Militärs, die demselben Regiment angehörten; zwei von ihnen, ein Oberst und ein ziemlich dicker Major, waren Stabsoffiziere. Der General selbst war sehr kräftig und korpulent, im übrigen aber nach der Ansicht der Offiziere ein vortrefflicher Vorgesetzter, und hatte eine recht volle, gewichtige Baßstimme. Das Diner war ganz ungewöhnlich großartig. Der Stör, der Hausen, der Sterlet, die Trappgänse, der Spargel, die Wachteln, die Rebhühner und die Pilze — legten Zeugnis davon ab, daß der Koch seit einem ganzen Tage nichts Alkoholisches zu sich genommen hatte; außerdem hatten ihm die ganze Nacht hindurch vier Soldaten mit Messern in den Händen bei der Zubereitung von Frikassees und Gelees helfen müssen. Eine Unmenge von langhalsigen Flaschen voll Haute Lafitte, und von kurzhalsigen voll Madeira, der wunderbare Sommertag, die sperrangelweit geöffneten Fenster, die auf dem Tische stehenden Teller mit Eis, die zerknitterten Hemden unter den weiten Fräcken, ein wahres Kreuzfeuer von Gesprächen, das von dem tiefen Baß des Generals übertönt und mit Champagner gelöscht wurde; dies alles paßte ganz vortrefflich zueinander. Nach dem Diner erhoben sich die Gäste mit der angenehmen Empfindung einer gewissen Magenfülle, zündeten sich Pfeifen mit langen und kurzen Röhren an und traten, mit einer Tasse Kaffee in der Hand auf die Terrasse hinaus.


„Ja, jetzt könnte man sie besichtigen,“ sagte der General. „Ach bitte, mein Lieber —“, sprach er zu seinem Adjutanten, einem jungen Herrn von recht sicherem Auftreten und angenehmem Äußeren, „lassen Sie doch die braune Stute herführen! Sie sollen gleich selbst sehen.“ Dabei tat der General einen Zug aus der Pfeife und blies den Rauch weit aus. „Sie hat hier noch nicht die richtige Pflege: dieses verdammte Nest hat keinen einzigen anständigen Stall. Dabei ist es“ — er tat wieder zwei Züge aus der Pfeife — „ein wirklich ganz famoser Gaul!“

„Besitzen Exzellenz ihn schon lange?“ meinte Tschertokutzky, der gleichfalls ein paar Züge tat.

„Paff paff paff pa .. paff, oh, nicht gar so lange; es sind erst zwei Jahre her, daß ich ihn vom Gestüt bezogen habe.“

„Und haben Exzellenz ihn schon zugeritten erhalten“ — paff paff! — „oder ihn erst hier zureiten lassen?“

Paff, paff, pa, pa, pa .. a .. ff. „Erst hier“, und der General verschwand völlig in einer Rauchwolke.

Inzwischen kam ein Soldat aus dem Stall herbeigesprungen, es ertönten Hufschläge, und kurze Zeit darauf erschien ein zweiter in einem weißen Kittel mit einem ungeheuren schwarzen Schnurrbart; er führte ein scheues zitterndes Pferd am Zaume, das plötzlich den Kopf erhob und den auf dem Boden kauernden Soldaten mitsamt seinem Schnurrbart beinahe in die Luft riß.

„Na, na, Agraphena Iwanowna!“ sagte dieser, indem er das Tier unter die Terrasse führte.

Die Stute hieß nämlich Agraphena Iwanowna; kräftig und wild wie eine südländische Schöne, schlug sie mit den Hufen dröhnend gegen die hölzerne Terrasse und blieb plötzlich stehen.

Der General nahm die Pfeife aus dem Munde und besichtigte Agraphena Iwanowna mit zufriedener Miene. Selbst der Oberst kam die Stufen herunter gegangen und faßte Agraphena Iwanowna bei der Schnauze, und auch der Major strich Agraphena Iwanowna über die Beine; die übrigen aber schnalzten nur mit der Zunge.

Tschertokutzky schritt die Treppe hinab und trat gleichfalls an sie heran. Der Soldat stand stramm, hielt den Zaum in der Hand, und sah den Besuchern mit einem solchen Ausdruck in die Augen, als ob er sie auffressen wollte.

„Sehr, sehr gut!“ meinte Tschertokutzky. „Ein echtes Rassepferd! Erlauben Exzellenz mir die Frage, welche Gangart es hat?“

„O, es hat eine recht gute Gangart; nur ... weiß der Teufel ... dieser Schafskopf von einem Feldscher hat ihm solche verteufelte Pillen eingegeben, und nun muß es schon seit zwei Tagen immerwährend niesen.“

„Ein prächtiges Tier, in der Tat! Haben Exzellenz auch die dazu gehörige Equipage?“

„Eine Equipage? Das ist doch aber ein Reitpferd!“

„Das weiß ich; ich habe Sie nur deshalb danach gefragt, Exzellenz, um zu erfahren, ob Sie auch einen Wagen für Ihre andern Pferde besitzen?“

„Hm, allzuviel Wagen habe ich ja nun gerade nicht. Offen gestanden möchte ich eigentlich schon lange eine moderne Equipage haben. Ich habe meinem Bruder, der jetzt in Petersburg lebt, schon darüber geschrieben, weiß aber nicht, ob er mir eine schicken wird oder nicht!“

„Meiner Meinung nach,“ bemerkte der Oberst, „werden die besten Equipagen entschieden in Wien hergestellt, Exzellenz.“

Paff, paff, paff ... „Sie haben vollkommen Recht.“

„Ich besitze eine ganz außerordentlich schöne Equipage, Exzellenz, ein echtes Wiener Fabrikat.“

„Welche? Die, in der Sie hierhergefahren kamen?“

„Nein, das ist nur so ein Reisewagen, den ich bei meinen Reisen benutze, jene dagegen ... ist ganz entzückend leicht; wie eine Pflaumfeder, sage ich Ihnen: wenn Sie hineinsteigen, überkommt Sie ein Gefühl, gerade als ob — mit Eurer Exzellenz Erlaubnis — als ob Sie in der Wiege liegen und von der Amme hin und her geschaukelt werden!“

„Also ist sie wohl sehr bequem?“

„O sehr, sehr bequem; die Kissen und die Sprungfedern, alles sieht aus wie gemalt.“

„Das ist schön.“

„Und wie geräumig sie ist! Das heißt, Exzellenz, ich habe noch nie eine zweite gesehen, die ihr gleich käme. Als ich noch im Dienste stand, da habe ich einmal zehn Flaschen Rum und zwanzig Pfund Tabak im Kutschkasten untergebracht, und dazu hatte ich noch extra sechs Uniformen, sehr viel Wäsche und zwei Pfeifenrohre von beträchtlicher Länge bei mir, Exzellenz; außerdem könnte man in ihren Taschen noch einen ganzen Ochsen verstecken.“

„Das ist schön.“

„Ich habe viertausend Rubel für sie bezahlt, Exzellenz.“

„Nach dem Preise zu urteilen, muß sie sehr schön sein. Und Sie haben sie selbst gekauft?“

„Nein, Exzellenz, ich habe sie ganz zufällig erworben. Ein Kamerad von mir hatte die Equipage gekauft; ein ganz seltener Mensch, ein alter Jungfreund, mit dem Sie sicher auch innige Freundschaft schließen würden, Zwischen uns gab es kein Mein und Dein. Ich habe sie ihm im Kartenspiel abgewonnen. Würden Exzellenz nicht so freundlich sein und mir die Ehre erweisen, morgen bei mir zu Mittag zu speisen? Sie könnten dann auch gleich die Equipage besichtigen.“

„Ich weiß nicht, was ich Ihnen darauf antworten soll ... Ich allein, das wäre ein wenig ... Es sei denn, Sie gestatten, daß ich zusammen mit den Herren Offizieren ...?“

„Natürlich sind mir die Herren Offiziere gleichfalls willkommen. Meine Herren! Ich würde es mir als große Ehre anrechnen, wenn ich das Vergnügen haben dürfte, Sie in meinem Hause zu sehen.“

Der Oberst, der Major und die übrigen Offiziere dankten mit einer höflichen Verbeugung.

„Ich bin selbst der Meinung, Exzellenz, daß, wenn man sich einmal irgend ein Ding anschafft, es auch unbedingt gut sein muß; wenn es nicht gut ist, so sollte man es lieber gar nicht erst kaufen. Bei mir z. B. ... Wenn Sie mir die Ehre erweisen wollen, mich morgen zu besuchen, werde ich Ihnen einige Gegenstände zeigen, die ich zu wirtschaftlichen Zwecken bei mir eingeführt habe ...“

Der General sah vor sich hin und blies eine Rauchwolke aus.

Tschertokutzky war sehr zufrieden, daß er die Herren Offiziere zu sich eingeladen hatte; er bestellte schon im Geiste allerhand Saucen und Pasteten und wußte nicht, ob er sich zum Whist niedersetzen sollte oder nicht.

Aber als die Herren Offiziere ihn mehrere Male dazu aufforderten, schien ihm eine Weigerung unvereinbar mit den Gesetzen des Anstandes zu sein — und so nahm er denn gleich ihnen an einem Tische Platz. Er merkte gar nicht, wie sich ein Glas Punsch neben ihm einfand, das er in seiner Zerstreuung sofort leerte. Nach zwei Runden fand Tschertokutzky wieder ein Glas Punsch vor, und er leerte es abermals in seiner Zerstreuung, nachdem er zuvor erklärt hatte: „Es ist Zeit meine Herren, daß ich nach Hause komme, es ist wirklich Zeit.“

Übrigens setzte er sich gleich wieder, um noch eine weitere Partie zu spielen. Unterdessen hatten die Gespräche in den verschiedenen Zimmerecken ganz private Bahnen eingeschlagen. Die Whistspieler waren ziemlich schweigsam; die dagegen, die nicht mitspielten, sondern abseits auf dem Sofa saßen, unterhielten sich auf das eifrigste.

In einer Ecke erzählte der Stabsrittmeister, auf ein Kissen gelehnt und mit der Pfeife im Munde, ziemlich frei und zwangslos von seinen Liebesabenteuern und hielt die Aufmerksamkeit des Kreises, der sich um ihn gebildet hatte, vollständig gefesselt. Ein außergewöhnlich dicker Gutsbesitzer mit kurzen Armen, die eine gewisse Ähnlichkeit mit zwei ausgewachsenen Kartoffeln hatten, hörte ihm mit zuckersüßer Miene zu und bemühte sich nur, ihm mit seiner kurzen Hand von Zeit zu Zeit hinter den breiten Rücken zu langen, um ihm die Tabaksdose aus der Rocktasche zu ziehen. In einer anderen Ecke entspann sich ein ziemlich heißer Streit über das Exerzieren der Schwadronen, und Tschertokutzky, der schon zweimal einen Buben statt der Dame ausgespielt hatte, mischte sich plötzlich in das fremde Gespräch und schrie von seinem Tisch aus herüber: „In welchem Jahr war das?“ oder „In welchem Regiment?“, ohne selbst zu bemerken, daß seine Frage sehr oft gar nichts mit dem Gegenstand der Unterhaltung zu tun hatte. Einige Minuten vor dem Souper, hörte der Whist endlich auf; er wurde aber noch im Gespräche fortgesetzt, und es schien, als ob alle Köpfe von ihm eingenommen seien. Tschertokutzky erinnerte sich recht gut, daß er sehr viel gewonnen, aber mit den Händen nichts einkassiert hatte, und daß er, als er sich vom Tisch erhob, sehr lange in der Haltung eines Menschen da stand, der kein Taschentuch bei sich hat. Inzwischen war das Souper serviert worden. Es versteht sich von selbst, daß kein Mangel an Weinen war, und daß Tschertokutzky sich manchmal fast gegen seinen eigenen Willen einschenken mußte, weil immer rechts und links von ihm ein paar Weinflaschen standen.

Das Tischgespräch zog sich in die Länge, nahm aber eine etwas eigentümliche Wendung: ein Oberst, der die Kampagne von 1812 mitgemacht hatte, erzählte von einer Schlacht, die niemals stattgefunden hatte, und entfernte darauf, aus einem ganz unbegreiflichen Grunde, den Pfropfen von einer Karaffe und steckte ihn in den Kuchen. Kurz, als alle aufbrachen, war es schon drei Uhr, und die Kutscher mußten einige Personen wie einen Warenballen in die Arme nehmen und forttragen; Tschertokutzky aber verbeugte sich, als er schon im Wagen saß, trotz seiner aristokratischen Formen noch einmal so tief und mit einem solchen Schwunge, daß er, als er daheim anlangte, in seinem Schnurrbart zwei Kletten mit nach Hause brachte.

Hier lag schon alles in tiefem Schlafe. Nur mit Mühe gelang es dem Kutscher, den Kammerdiener aufzufinden, der den Herrn durch den Salon geleitete, und ihn dem Stubenmädchen überantwortete; dieses folgte Tschertokutzky, so gut es ging, bis zum Schlafzimmer, wo er sich neben seinem jungen, hübschen Frauchen, das in seinem schneeweißen Nachthemd höchst anmutig dalag, ins Bett fallen ließ. Die Erschütterung, die dieser Fall ihres Ehegatten verursachte, weckte sie aus dem Schlaf. Sie reckte sich, schlug ihre Augen auf, kniff sie ganz rasch dreimal hintereinander zusammen, und öffnete sie wieder mit einem schmollenden Lächeln; da sie aber sah, daß er ihr diesmal durchaus keine Liebkosung erweisen wollte, drehte sie sich verdrossen auf die andere Seite um und schlief, die frische Wange auf die Hand gestützt, bald wieder ein.

Es war eine Tageszeit, die auf dem Lande keineswegs für besonders früh angesehen wird, als die junge Herrin neben dem schnarchenden Gemahl erwachte. Sie erinnerte sich, daß er gestern erst gegen 4 Uhr nachts nach Hause gekommen war, und es tat ihr leid, ihn zu wecken. So schlüpfte sie denn in ihre Morgenschuhe, die sich ihr Gatte aus Petersburg verschrieben hatte, trat mit einem weißen Negligé bekleidet, das an ihr herabfloß wie ein rieselndes Gewässer, in ihr Ankleidezimmer, wusch sich mit Wasser, das so frisch war wie sie selbst, und ließ sich vor dem Toilettenspiegel nieder. Nachdem sie einige prüfende Blicke hineingeworfen hatte, stellte sie fest, daß sie heute äußerst vorteilhaft aussah. Dieser anscheinend unbedeutende Umstand veranlaßte sie, genau zwei Stunden länger als gewöhnlich vor dem Spiegel zu verbringen; endlich zog sie sich sehr niedlich an und begab sich in den Garten, um sich etwas zu erfrischen. An diesem Morgen war das Wetter so herrlich, wie es nur ein südlicher Sommertag hervorzubringen vermag. Die Sonne, die bereits den Höhepunkt überschritten hatte, sengte einen mit der ganzen Glut ihrer Mittagsstrahlen. Aber unter dem Laub der Alleen konnte man, ohne von ihnen belästigt zu werden, spazieren gehen. Die von der Sonne erwärmten Blumen verdreifachten ihren Duft. Die hübsche Hausfrau hatte ganz vergessen, daß es bereits zwölf Uhr geschlagen hatte, und daß ihr Gatte noch immer nicht erwacht war. Schon drang das nachmittägliche Schnarchen zweier Kutscher und eines Groom, die im Stall hinter dem Garten schliefen, an ihr Ohr, sie aber weilte noch immer in der lauschigen Allee, von der sie einen freien Blick nach der Landstraße hin hatte, und blickte zerstreut in die menschenleere Einsamkeit, als plötzlich eine Staubwolke, die sich in der Ferne erhob, ihre Aufmerksamkeit fesselte. Sie spähte scharf hin und unterschied bald einige Wagen. Voran fuhr eine offene, zweisitzige Equipage, in der der General saß, dessen schwere Epauletten in der Sonne glänzten, und neben ihm saß der Oberst. Dieser folgte eine zweite, viersitzige; sie barg den Major mit dem Adjutanten des Generals und noch zwei Offizieren, die ihnen gegenüber saßen. Dann kam die allgemein bekannte Regimentsdroschke, die diesmal im Besitze des dicken Majors war. Hinter der Droschke fuhr ein viersitziger Bon-Voyage her, in dem vier Leutnants Platz genommen hatten, während ein fünfter in ihren Armen ruhte. Und endlich hinter diesem gewahrte man drei Offiziere auf herrlichen dunklen Apfelschimmeln.

„Kommen sie wirklich zu uns?“ fragte sich die Hausfrau. „Ach, Herrgott! Sie wenden und fahren tatsächlich auf die Brücke zu.“ Sie schrie auf, schlug die Hände zusammen und lief über Beete und Blumen hinweg direkt in das Schlafzimmer ihres Mannes. Dieser lag noch immer da und schlief wie ein Toter.

„Steh auf! Steh schnell auf!“ rief sie und packte ihn am Arm.

„Wie?“ gähnte Tschertokutzky, der sich mächtig reckte, ohne die Augen zu öffnen.

„Steh auf, Männe! Hörst du, die Gäste kommen!“

„Gäste? Was für Gäste?“ Nach diesen Worten grunzte er leise vor sich hin wie ein Kalb, das mit der Schnauze das Euter der Mutter sucht. „Hm, hm!“ brummte er, „reich mir doch dein Hälschen her, mein Herzblatt, ich will dir einen Kuß geben.“

„Beeile dich doch um Gotteswillen mit dem Aufstehen, Schatz! Der General kommt mit seinen Offizieren. Ach, Herrgott, du hast ja eine Klette im Schnurrbart!“

„Der General? Was, er kommt schon? Aber weshalb hat mich denn, hol’s der Teufel, niemand geweckt? Und das Diner? Was ist mit dem Diner? Ist auch alles fertig, wie es sich gehört?“

„Was für ein Diner?“

„Hab ich denn keins bestellt?“

„Du? Du bist ja erst um 4 Uhr nachts nach Hause gekommen? So sehr ich mich auch bemühte, dich auszufragen, du wolltest mir nicht antworten. Ich habe dich nicht geweckt, Männe, weil du mir leid tatest.“ Die letzten Worte sagte sie mit einer äußerst schmachtenden und bittenden Stimme.

Eine Minute lang lag Tschertokutzky mit weit aufgerissenen Augen wie vom Blitz getroffen auf seinem Lager. Endlich sprang er im bloßen Hemde aus dem Bette, wobei er garnicht daran dachte, daß das eigentlich unanständig sei.

„Ach ich dummes Pferd!“ sagte er und schlug sich an die Stirn. „Ich habe sie ja zum Mittagessen eingeladen. Was tun? Sind sie noch weit von hier?“

„Ich weiß nicht. Sie müssen jeden Augenblick eintreffen.“

„Verstecke dich, Schatz. He! Wer da! Du Mädel, komm mal her! Was fürchtest du dich, dumme Gans? Die Offiziere können jeden Augenblick hier sein! Sag ihnen, der Herr sei nicht zu Hause. Sage, daß er heute garnicht mehr zurückkommt, er sei schon ganz früh am Morgen abgereist. Hörst du, und sage es auch allen Knechten und Mägden! Geh schnell!“

Mit diesen Worten packte er eiligst den Schlafrock zusammen und lief spornstreichs in die Remise, um sich dort zu verstecken, da er hier am sichersten zu sein glaubte. Als er es sich aber in einem Winkel bequem machen wollte, sah er, daß er auch hier noch bemerkt werden könne. „Das da wird besser sein,“ schwirrte es ihm durch den Kopf; sofort ließ er das Trittbrett der gerade dastehenden Equipage herunter, sprang in sie hinein, schlug die Türe hinter sich zu, bedeckte sich vorsichtshalber mit dem Vorhang und dem Lederschurz und saß mäuschenstill da, indem er sich in seinen Schlafrock hüllte und niederkauerte.

Unterdessen waren die Wagen bei der Terrasse vorgefahren. Der General stieg heraus und schüttelte sich tüchtig. Nach ihm erschien der Oberst, der den Federbusch auf seiner Mütze zurechtrückte. Dann sprang der dicke Major mit dem Säbel unter dem Arm heraus, sodann entstiegen die schlanken Leutnants mitsamt dem Fähnrich, der auf ihren Armen gesessen hatte, dem Bon-Voyage, und endlich saßen die drei Reiter ab.

„Der Herr ist nicht zu Hause!“ sagte der Lakai, der sich auf die Terrasse hinausbegeben hatte.

„Wieso nicht zu Hause? Er kommt aber doch zum Mittagessen?“

„Nein, der Herr ist für den ganzen Tag verreist. Er wird frühestens morgen um diese Zeit zurückerwartet!“

„Da haben wir’s!“ sagte der General. „Wie kommt denn das?“

„Das muß ich sagen, das ist aber ein schöner Streich,“ sagte der Oberst lachend.

„Nein, wie kann man nur so etwas tun?“ fuhr der General ziemlich ärgerlich fort.

„Ja ... zum Teufel! ... Wenn du einen nicht empfangen kannst, weshalb lädst du uns denn dann ein?“

„Ich verstehe nicht, wie man so etwas tun kann, Exzellenz!“ sagte ein junger Offizier.

„Was?“ fragte der General, der dieses Fragewort stets anzuwenden pflegte, wenn er mit einem Offizier sprach.

„Ich meinte nur, wie kann man bloß so handeln, Exzellenz?“

„Natürlich! Ja, wenn es absolut nicht anders geht usw., so teilt man es einem doch wenigstens vorher mit, oder man ladet einen lieber überhaupt nicht erst ein.“

„Ja, Exzellenz, was können wir tun? Wollen wir nach Hause fahren?“ sagte der Oberst.

„Selbstverständlich! Es bleibt uns ja gar nichts anderes übrig. Aber wir können uns schließlich die Equipage auch ohne ihn ansehen. Er wird sie wohl kaum mitgenommen haben. He, holla, wer ist da? komm mal her, Brüderchen!“

„Zu Befehl!“

„Bist du der Stallknecht?“

„Jawohl, Eure Exzellenz!“

„Zeig uns doch mal die neue Equipage, die dein Herr sich unlängst angeschafft hat!“

„Bitte, kommen Sie mit mir in die Remise!“

Und der General begab sich mitsamt den Offizieren dorthin.

„Gestatten Sie, ich werde sie ein wenig herausziehen. Hier ist es zu dunkel!“

„Genug, genug, es ist schon gut!“

Der General und die Offiziere gingen um die Equipage herum und sahen sich die Räder und Sprungfedern sorgfältig an.

„Hm, das ist doch nichts Besonderes,“ meinte der General. „Eine ganz gewöhnliche Equipage!“

„Ein höchst unansehnliches Ding,“ bestätigte der Oberst. „An der ist wahrhaftig nicht viel Gutes zu entdecken.“

„Mir scheint, Exzellenz, sie ist gar keine 4000 Rubel wert,“ meinte einer der jungen Offiziere.

„Was?“

„Ich sage, daß sie meiner Meinung nach gar keine 4000 Rubel wert ist, Exzellenz!“

„Ach was! 4000! Sie ist keine 2000 wert! An dem Ding ist doch gar nichts dran! Es müßte denn sein, daß es drinnen etwas Besonderes zu sehen gibt. Bitte, mein Lieber, schnalle doch mal den Lederschurz ab.“

Und Tschertokutzky bot sich den Blicken der Offiziere dar; er saß in seinen Schlafrock gehüllt, in einer seltsamen Stellung zusammengekauert am Boden der Kutsche.

„Ach, Sie sind hier?“ sagte ganz verdutzt der General.

Er schlug die Tür zu, bedeckte Tschertokutzky mit dem Schurz und fuhr mit seinen Herren Offizieren von dannen.

Anhang

Mirgorod

Beide Teile dieser Novellensammlung erschienen im April des Jahres 1835. Die Unterschrift des Zensors trägt das Datum „den 29. Dezember 1834“.

Mirgorod (Erster Teil.)

I. Gutsbesitzer aus der alten Zeit. Der erste Entwurf dieser Novelle stammt aus dem Jahre 1833. 1834 arbeitete Gogol sie noch einmal für den Druck um.

II. Taraß Bulba. Die erste Fassung dieser Erzählung stammt aus dem Jahre 1834. In den Jahren 1839-1842 arbeitete Gogol den ursprünglichen Text für den zweiten Band seiner gesammelten Werke noch einmal um. Unser Text geht auf diese letzte Fassung zurück.

Mirgorod (Zweiter Teil.)

III. Wij. Diese Erzählung ist 1833 begonnen und 1834 noch einmal für die erste Ausgabe von „Mirgorod“ umgearbeitet. Die erste Ausgabe enthielt noch eine Fußnote, die am Schluß der Erzählung, unter dem Strich, abgedruckt war, und folgenden Wortlaut hatte: „Ein Versehen. In dieser Erzählung ist aus Unachtsamkeit die Hälfte einer Seite ausgelassen, aus der wir erfahren, wie der Bursche Choma Brut in der Tochter des Hauptmanns die Hexe wiedererkannte, die ihm in Gestalt einer alten Frau begegnet war.“ Vermutlich meint der Verfasser folgende Zeilen des handschriftlichen Textes, die im Drucke weggefallen sind. „‚Er kennt mich, er erinnert sich sicher noch an den Schafs .... Was aber dort im Schafs .... vorgefallen ist, habe ich nicht mehr gehört. Das liebe Kind hatte nur noch Zeit diese Worte zu sagen, — dann legte sie sich hin und starb.‘ Ein übermächtiger Schmerz ließ den Hauptmann einen Augenblick inne halten. ‚Du mußt wissen‘, sagte er, nachdem er sich ein wenig erholt hatte, ‚was das zu bedeuten hat, im Schafs ....‘ — ‚Gott mag wissen, was das heißt, Herr Hauptmann. Ich habe einen Schafspelz. Vielleicht meinte sie den. Vielleicht hat sie mich einmal auf dem Bazar oder sonstwo in ihm gesehen‘.“ Gogol hat dann den Wij für die erste Ausgabe seiner gesammelten Werke noch einmal umgearbeitet. Hierbei hat er, abgesehen von mehreren unwesentlichen Verbesserungen, noch folgenden Stellen eine veränderte Fassung gegeben.

1) Seite 262 von den Worten an: „Sie stöhnte anfangs wütend“ bis zum Ende des Absatzes „Choma zitterte am ganzen Körper“ Seite 263. In der ersten Bearbeitung lautete die Stelle folgendermaßen: „und er begann mit aller Gewalt auf die Alte loszuschlagen. Nach einigen Schlägen merkte er, daß sie immer langsamer und langsamer zu laufen begann, der Philosoph aber schlug immer eifriger auf sie ein. Endlich hielt die Hexe es nicht mehr aus, fing an zu wanken und brach unter seinen Schlägen zusammen. Unterdessen war der Tag angebrochen, die Vögel jubilierten in den stillen, schlaftrunkenen Haselnußsträuchern; vor ihm, wie auf der Handfläche, lag Kiew mit seinen länglichen birnenförmigen Kuppeln. Er sprang auf, warf einen Blick auf die vor ihm liegende und kaum noch atmende Hexe, und er konnte sich sein eigenes Gefühl nicht erklären: sah er doch, wie ihr Gesicht sich verjüngte, und wie ein schneeweißer Glanz in ihm aufleuchtete; jetzt kam sie ihm garnicht mehr alt vor, ein eigentümlicher, halb lieblicher, halb abstoßender Zug umspielte ihre Lippen und drang ihm schneidend bis ins Herz hinein. Er fühlte etwas wie Mitleid in sich aufsteigen, aber er wollte nicht länger bei ihr bleiben, und machte sich schleunigst auf den Weg nach der Stadt, während er unaufhörlich über dies seltsame Abenteuer nachsann.“

2) Die Zeilen: „Plötzlich glaubte er in ihrem Gesicht etwas furchtbar Vertrautes zu erkennen. — Es war dieselbe Hexe, die er getötet hatte.“ (Seite 280) lauteten in der ersten Fassung folgendermaßen: „‚Das ist ja die Hexe, die ich getötet habe,‘ schrie er entsetzt auf, als er sie sich näher ansah. Und in der Tat, ihr Gesicht trug dieselben Züge, die ihn damals in Erstaunen gesetzt hatten, als er statt des alten Weibes eine Jungfrau vor sich liegen sah ‚Ah, das also war der Grund, warum ich für sie beten sollte.‘ Voll inneren Grauens blickte er auf sie: jeder Zug ihres Gesichtes schien ihm jetzt etwas Schreckliches und Drohendes zu haben, und kalter Schweiß rann ihm von der Stirn herab.“

3) Auch die folgende Stelle hat eine Umarbeitung erfahren. (Seite 293: „Wieder erhob sich der Leichnam, der jetzt ganz blau und grün aussah. Die Lippen der Toten bewegten sich und schienen etwas sagen zu wollen. Sie stampfte mit ihrem zarten, fast knochenlosen Fuß dumpf auf den Boden, und die ganze Kirche erzitterte. Er glaubte zu hören, wie sich etwas auf sie legte, und an den Fenstern erschienen allerhand schreckliche Gestalten von furchtbarer Häßlichkeit. Aber in diesem Augenblick ertönte ein ferner Hahnenschrei, und die Leiche sank in den Sarg zurück.“

4) Ferner ist folgende Stelle stark gekürzt und umgearbeitet worden. Seite 304: „Er ließ den Kopf sinken und fuhr in seinen Beschwörungen fort, da hörte er plötzlich, wie die Tote mit den Zähnen knirschte und die Hände hin und her zu bewegen begann, als wolle sie ihn fassen. Er blickte vorsichtig nach ihr hin, und sah, daß die Leiche gar nicht dahin griff, wo er stand, und daß sie ihn gar nicht sehen konnte. Dieser Mißerfolg schien die Tote rasend zu machen, sie knirschte wieder mit den Zähnen, trat in die Mitte der Kirche und stampfte abermals mit dem Fuße, aber es gab nur einen kurzen dumpfen Ton, ihre Lippen verzerrten sich und schienen etwas vor sich hin zu murmeln; allein man hörte nicht, was es war. Der Philosoph vernahm, wie die Wände der Kirche zu stöhnen begannen, ein seltsames Murren und ein schneidendes Gewimmer drang unter dem dumpfen Gewölbe hervor, von den Fenstern her erscholl ein widerwärtiges Kratzen und plötzlich drang aus Türen und Fenstern mit furchtbarem Lärm und Getöse eine Unzahl von Gnomen von schrecklichem und abstoßendem Äußern herein, wie sie noch nie jemand — nicht einmal im Traume gesehen hat. Der Philosoph sah plötzlich eine ungeheure Menge widerwärtiger Flügel, Füße und Gliedmaßen vor sich, die er in seiner Angst gar nicht einzeln zu unterscheiden vermochte. Hoch über alle hinaus ragte ein seltsames Wesen, das die Form einer Pyramide hatte und ganz mit Schleim bedeckt war. Statt der Füße besaß es zwei Knochen, die die Gestalt eines halben menschlichen Kinnbackens hatten; oben von der Spitze dieser Pyramide hing eine lange Zunge herab, die das Ungeheuer beständig ausstreckte und nach allen Seiten hin und her bewegte. Auf dem gegenüberliegenden Chor saß etwas Großes, Weißes mit zwei langen weißen Säcken, die es statt der Beine herabhängen ließ; an Stelle der Arme, Augen und Ohren hatte es gleichfalls Säcke, die tief herunterhingen. Ein wenig weiter reckte sich etwas Schwarzes empor, das ganz mit Schuppen bedeckt war, es hatte eine Unzahl von feinen dünnen Händen, die es über der Brust gekreuzt hielt, und statt des Kopfes eine blau schimmernde Menschenhand. Ein riesenhafter Schwabenkäfer fast von der Größe eines Elefanten, war an der Tür stehen geblieben und streckte seine Fühler durch die Türöffnung herein, von der Spitze der Kuppel fiel etwas Schwarzes lärmend in die Mitte der Kirche herab: es bestand aus lauter Beinen, die sich auf dem Boden hin und her bewegten und sich unaufhörlich zusammenkrümmten, wie wenn das Ungeheuer sich erheben wollte. Ein rötlich-blaues Wesen ohne Hände und ohne Beine streckte zwei lange Rüssel in die Luft hinaus und schien nach jemand zu suchen, und eine gewaltige Menge anderer Geschöpfe, die das erschrockene Auge schon nicht mehr zu unterscheiden vermochte, ging, flog und kroch in allen Richtungen durcheinander; eins bestand einzig und allein aus einem Kopf, ein anderes aus einem abscheulichen Rachen, ein drittes aus einem Flügel, welcher mit unerträglichem Zischen durch die Luft flog. Choma schloß die Augen und hatte nicht mehr den Mut, hinzublicken. Er hörte nur, daß diese ganze Gesellschaft nach ihm suchte, er bemühte sich krampfhaft, sich aller Beschwörungen, die er kannte, zu erinnern, und sprach sie mit hastiger, stockender Stimme vor sich her.

Die Angst und das Entsetzen trieben ihm den Schweiß auf die Stirn. Es schien ihm, als müsse er vor lauter Schrecken sterben, wenn das Bein eines dieser Ungeheuer von so abstoßendem Äußern ihn berühren würde. Schon sah er, wie eine dieser Mißgeburten seine langen Rüssel ausstreckte, und wie einer von diesen über den Strich hinaus langte ... O Gott! Aber da ertönte ein Hahnenschrei, die ganze Schar erhob sich mit einem Male und flog zu den Türen und Fenstern hinaus.

5) Vollkommen verändert ist auch der Schluß der Erzählung, der in der ersten Fassung folgenden Wortlaut hatte: „Plötzlich vernahm er inmitten der Stille aufs neue das widerwärtige Kratzen, Pfeifen, Klirren und Lärmen an den Scheiben. Ängstlich schloß er die Augen und hörte einen Augenblick auf, zu lesen. Ohne die Augen zu öffnen, vernahm er plötzlich, wie ein ganzer Haufen von Ungeheuern mit Getöse auf den Boden fiel, das von einem schrecklichen dumpfen oder hellen Gepolter, zarten Geräuschen, wie wenn etwas Weiches herabfiele, oder widerlichem Gewinsel begleitet war. Er öffnete seine Augen ein wenig, schloß sie aber schnell wieder. Entsetzen umfing ihn; es waren dieselben Gnomen von gestern, nur mit dem Unterschiede, daß er noch eine ganze Menge neuer unter ihnen erblickte. Nahezu ihm gegenüber stand etwas Kohlschwarzes, dessen dunkles Skelett deutlich hervortrat, und zwischen dessen dunklen Rippen der gelbe Leib deutlich durchschimmerte. Etwas abseits stand ein langes, mageres Wesen, das einem Stocke glich und aus lauter Augen mit langen Wimpern zusammengesetzt zu sein schien. Etwas weiter sah er ein riesenhaftes Ungeheuer, das beinahe die ganze Wand einnahm und in einen dichten Wald von durcheinander gewirrten Haaren eingehüllt war. Aus diesem Haarnetz blickten zwei entsetzliche Augen hervor. Voller Angst schaute er empor: über ihm in der Luft schwebte etwas wie eine gewaltige Blase, die aus ihrer Mitte tausend Krebsscheren und Skorpionenstacheln hervorstreckte, an denen mächtige Klumpen schwarzer Erde hingen. Entsetzt richtete er seine Augen wieder auf sein Buch. Die Gnomen machten einen fürchterlichen Lärm mit ihren Schuppenschwänzen, ihren mit Krallen versehenen Füßen und ihren rauschenden Flügeln, und er hörte, wie sie ihn allesamt in allen Ecken suchten. Das alles machte, daß der letzte Rest seines Rausches verschwand, der noch im Kopfe des Philosophen rumorte, und voller Eifer las er seine Gebete herunter. Er hörte, wie jene vor Wut rasten, weil sie ihn nicht zu finden vermochten. ‚Wie wenn sich nun plötzlich die ganze Schar auf mich stürzte?‘ dachte er und schrak bei diesem Gedanken zusammen. ‚Wij! laßt uns den Wij holen‘ schrie eine Menge seltsamer Stimmen durcheinander, und es schien ihm, wie wenn ein Teil der Gnomen sich entfernte. Dennoch aber stand er mit geschlossenen Augen da, und wagte es nicht aufzublicken. ‚Wij, Wij,‘ schrien alle mit lauter Stimme, und aus der Ferne ertönte Wolfsgeheul und dumpfes Hundegebell. Die Tür sprang krachend auf, und Choma hörte, wie eine ganze Schar von Geistern hereinstürzte, dann wurde es plötzlich still, wie in einem Grabe. Er wollte die Augen öffnen, aber eine innere Stimme flüsterte ihm zu: ‚sieh nicht hin‘. Er nahm alle Kraft zusammen .. doch eine unbegreifliche, vielleicht aus der Angst stammende Neugierde machte, daß sein Auge sich wie von selbst öffnete. Vor ihm stand ein riesengroßes Geschöpf von menschlicher Gestalt, dessen Augenlider bis zur Erde herabhingen. Voller Grauen bemerkte der Philosoph, daß das Antlitz dieses Wesens von Eisen war, und er richtete seine glühenden Augen wieder auf sein Buch. ‚Hebt mir die Lider empor,‘ sagte Wij mit unterirdischer Stimme, und die ganze Dämonenschar stürzte auf ihn zu, um ihm die Lider emporzuheben. ‚Sieh nicht hin,‘ flüsterte eine innere Stimme dem Philosophen zu. Aber er hielt es nicht aus und blickte hin. Zwei schwarze Kanonenkugeln starrten ihm gerade in die Augen, und eine eiserne Hand erhob sich und wies mit dem Finger auf ihn. ‚Da ist er,‘ schrie Wij, und alle Dämonen, die in der Kirche waren, all die scheußlichen Ungeheuer fielen zusammen über ihn her, und leblos stürzte er zu Boden. Der Hahn krähte schon zum zweitenmal, den ersten Schrei hatten die Geister überhört. Jetzt erhoben sich die Dämonenscharen und wollten davonfliegen, aber es war schon zu spät, sie kamen nicht vom Flecke und blieben regungslos zwischen Türen und Fenstern, an der Kuppel und in den Ecken und Winkeln hängen ... Da öffnete sich die Tür, und ein Geistlicher, der aus einem fernen Dorfe gekommen war, um die Totenmesse abzuhalten und die Tote zu begraben, betrat die Kirche. Entsetzt wich er zurück, als er diese Schändung des Allerheiligsten erblickte, und er wagte es nicht, das göttliche Wort in diesen Räumen erklingen zu lassen. So blieb denn seit jener Zeit in dieser Kirche alles, wie es war. Auch heute noch sind die Ungeheuer dort in den Fenstern festgebannt. Die Kirche ist mit Moos bewachsen, und von Bäumen und Sträuchern überwuchert, die ihre Wurzeln bis in die Wände und Mauern hineinsenken: nie wird sie von einem menschlichen Fuße betreten, und keine Seele weiß, wo und in welcher Gegend sie sich befindet.“