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Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke cover

Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke

Chapter 156: Der Revisor
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About This Book

The play satirizes provincial administration through a sequence of misunderstandings and escalating panic after local dignitaries mistake a passing junior official for a secret inspector. Efforts to conceal inefficiency and secure favor prompt theatrical flattery, bribes, and farcical attempts at impressing the supposed evaluator, while the supposed inspector and his servant exploit the error. Sharp comedic episodes expose vanity, petty corruption, and social pretensions as differing personalities react with fear, opportunism, and hypocrisy across the play's structured scenes.

Die Stimme des Kaufmanns. Es ist — sehen Sie wohl — sozusagen mehr von der moralischen Seite gesehen. Gewiß, es gibt sozusagen sehr verschiedene Menschen. Aber wollen Sie bitte in Betracht ziehen, daß auch ein ehrlicher Mensch, wenn die Gelegenheit sich bietet ... Und von wegen der Moral — so kommt das auch bei den Adligen vor.

Die Stimme eines Mäzens. Wahrscheinlich ist er eine Kanaille, ein Schuft — dieser Dichter: alles hat er ausgekundschaftet, er weiß alles!

Die Stimme eines brummigen, aber offenbar erfahrenen Beamten. Was weiß er denn? Den Teufel weiß er! Und schwindeln tut er, schwindeln: alles, was er da geschrieben hat — alles ist gelogen! Man nimmt auch die Schmiergelder nicht auf diese Weise, wenn es darauf ankommt ...

Die Stimme eines andern Beamten aus der Menge. Ach was sagen Sie: „Lächerlich, ganz lächerlich!“ Wissen Sie auch warum das lächerlich ist? Das sind doch alles bestimmte Personen. Er hat nämlich alle seine Großmütter und Tanten dargestellt. Das ist das Lächerliche daran!

Eine unbekannte Stimme. Halt, man hat ein Tuch gestohlen!

(Zwei Offiziere, die sich erkennen, begrüßen einander über die Menschen hinweg.)

Der erste. Michèl, gehst du hin?

Der zweite. Jawohl.

Der erste. Nun, ich bin auch dort.

Ein Beamter von bedeutendem Äußern. Ich würde alles verbieten. Nichts braucht man zu drucken. Genieße die Errungenschaften der Bildung, lies — aber schreib nicht! Es gibt schon genug Bücher — wir brauchen keine mehr!

Eine Stimme aus dem Volke. Nun wenn er ein Schurke ist — so ist er eben ein Schurke! Sei kein Schurke, und man wird nicht über dich lachen.

Ein hübscher und wohlbeleibter Herr (spricht hitzig zu einem unansehnlichen kleinen Herrn). Die Sittlichkeit leidet darunter, die Sittlichkeit leidet darunter — das ist das Wesentliche.

Ein kleiner, unansehnlicher Herr von boshaftem Charakter. Aber die Sittlichkeit ist doch etwas Relatives.

Der schöne und beleibte Herr. Was verstehen Sie unter dem Wort „relativ“?

Der unansehnliche kleine Herr von boshaftem Charakter. Das, daß jeder die Sittlichkeit mit seinem eigenen Maßstabe mißt. Der eine nennt es sittlich, wenn man den Hut vor ihm auf der Straße lüftet. Der andere nennt das Sittlichkeit, daß man durch die Finger sieht, wenn er stiehlt; der dritte nennt die Dienste sittlich, die man seiner Geliebten erweist. Wie sagt doch jeder von uns gewöhnlich zu seinen Untergebenen? — Er erklärt von oben herab: „Mein Herr, geben Sie sich Mühe, Ihre Pflicht gegen Gott, Kaiser und Vaterland zu erfüllen,“ worauf das aber zu beziehen ist — das kannst du dir selbst zurechtlegen. Allerdings ist das nur noch in der Provinz üblich, in der Residenz passiert so etwas nicht mehr, nicht wahr? Wenn sich hier jemand in drei Jahren zwei Häuser anschafft — wie hängt das zusammen? Doch nur mit der Ehrlichkeit; nicht wahr?

Der hübsche beleibte Herr (beiseite). Der ist bös wie der Teufel und hat eine Zunge wie eine Schlange!

Der unansehnliche Herr von boshaftem Charakter (stößt einen ihm gänzlich unbekannten Herrn am Arm und spricht zu ihm, indem er auf den hübschen Herrn hinweist). Vier Häuser in einer Straße; alle nebeneinander, die sind in sechs Jahren aus der Erde gewachsen! Wie wirkt die Ehrlichkeit auf die Vegetation, was?

Der Unbekannte (entfernt sich eilig). Verzeihen Sie, ich habe nicht ganz verstanden ...

Der unansehnliche Herr von boshaftem Charakter (stößt einen unbekannten Nachbar am Arm). Wie sich heutzutage die Taubheit in der Stadt verbreitet hat, was? Das macht alles das ungesunde und feuchte Klima!

Der unbekannte Nachbar. Ja, und die Grippe. Bei mir waren sämtliche Kinder krank.

Der unansehnliche Herr von boshaftem Charakter. Ja, die Grippe, die Taubheit und der Ziegenpeter im Halse. (Verliert sich in der Menge.)

(Eine Unterhaltung in einer abseits stehenden Gruppe.)

Der erste. Man behauptet, daß mit dem Autor selbst eine ähnliche Geschichte passiert ist; er soll schuldenhalber in einem Städtchen im Gefängnis gesessen haben.

Ein Herr auf der anderen Seite der Gruppe (fällt ihm ins Wort). Nein, nicht im Gefängnis, sondern auf einem Turm. Vorüberfahrende haben es gesehen. Man sagt, es sei etwas Außerordentliches gewesen. Denken Sie sich, ein Dichter auf einem fabelhaft hohen Turm, ringsherum Berge, in einer entzückenden Lage und von dort herab rezitiert er seine Gedichte. Nicht wahr, darin offenbart sich doch ein ganz besonderer Zug des Dichters?

Ein positiv gesinnter Herr. Der Autor muß ein gescheiter Mensch sein.

Ein negativ gesinnter Herr. Aber nicht im geringsten. Ich weiß, er hat gedient, und man hat ihn fortgejagt: er war nicht einmal imstande, ein Gesuch abzufassen.

Ein ganz gewöhnlicher Lügner. Ein kecker, ein schlauer Kopf! Man wollte ihm lange keine Anstellung geben — und was glauben Sie? Er schrieb ganz einfach einen Brief an den Minister. Und wie der geschrieben war! — In Quintilianischem Stil. Schon allein der Anfang: „Sehr geehrter Herr!“ Und so ging es weiter, weiter und weiter ... so an die acht Seiten heruntergehauen! Als der Minister das las, sagte er: „nun, ich danke, ich danke! Ich sehe, du hast viel Feinde. Du sollst Chef der Abteilung werden.“ Und so hat er sich gleich von einem gewöhnlichen Schreiber zum Abteilungschef aufgeschwungen.

Ein Herr mit gutmütigem Charakter (wendet sich zu einem anderen kaltblütigen Herrn). Der Teufel weiß, wem man da glauben soll! Im Gefängnis hat er gesessen und auf den Turm ist er geklettert! Aus dem Dienst hat man ihn gejagt und eine Anstellung hat er bekommen.

Ein kaltblütiger Herr. Das sind ja alles Improvisationen.

Der gutmütige Herr. Wieso — Improvisationen?

Der kaltblütige Herr. Ganz einfach ... Zwei Minuten vorher wissen sie ja selbst nicht, was sie von sich hören werden. Ein Zungenschlag — und plötzlich platzen sie, ohne daß sie selbst etwas davon wissen, mit einer Neuigkeit heraus, sind zufrieden, — und kehren nach Haus zurück, als ob sie sich satt gegessen hätten. Am andern Tag aber ist alles vergessen, was sie selbst sich ausgedacht hatten. Es scheint ihnen, als ob sie es von andern Leuten gehört hätten, und dann gehen sie los und erzählen es in der ganzen Stadt herum.

Der gutmütige Herr. Aber das ist gewissenlos: lügen und es selbst nicht fühlen.

Der kaltblütige Herr. Oh, es gibt auch empfindliche Leute. Es gibt solche, die fühlen, daß sie lügen, aber sie halten es in der Unterhaltung für etwas Notwendiges: Wie das Korn auf dem Felde das Auge entzückt, so eine Lüge die Rede erst schmückt.

Eine gutsituierte Dame. Aber was für ein boshafter Spötter dieser Autor sein muß! Ich gestehe, daß ich ihm um keinen Preis unter die Augen kommen möchte: er würde sofort etwas Komisches an mir entdecken.

Ein Mann von Gewicht. Ich weiß nicht, was für ein Mann das ist. Das ist ... das ist ... das ist ... Für diesen Menschen gibt es nichts Heiliges: heut sagt er: der Rat Soundso ist kein guter Beamter, und morgen wird er erklären, daß es keinen Gott gibt. Bis dahin ist nur ein Schritt.

Ein zweiter Herr. Verspotten! Aber mit dem Lachen darf man nicht spaßen! Das heißt doch jede Achtung zerstören — ja das heißt es!! Danach kann ja jeder kommen und mir auf der Straße einen Schlag versetzen und sagen: „Man lacht doch über euch; du bekleidest doch dasselbe Amt, da hast du eine Ohrfeige!“ Jawohl, das bedeutet es.

Ein dritter Herr. Natürlich! Das ist eine ernste Sache. Man sagt: „so eine Kleinigkeit, so eine Bagatelle: eine Theatervorstellung!“ Nein, das ist gar keine solche Kleinigkeit. Darauf muß man ernstlich achtgeben! Für solche Sachen kommt man nach Sibirien. Wenn ich die Macht hätte — würde der Autor nicht zu mucksen wagen! Ich würde ihn an einen solchen Ort bringen lassen, wo kein Lichtstrahl hineinfällt.

(Es erscheint eine Gruppe von Menschen, von Gott weiß welcher Art, übrigens aber von vornehmem Äußeren und gutgekleidet.)

Der erste. Bleiben wir lieber hier stehen, bis die Menge sich verlaufen hat. Nein, was soll das wirklich! Lärm machen, in die Hände klatschen, als ob das Gott weiß was wäre! So eine Kleinigkeit, irgendein bedeutungsloses Theaterstück — und so einen Alarm zu schlagen! Schreien, den Autor hervorrufen — was soll das wirklich!

Der zweite. Immerhin war das Stück amüsant und unterhaltend.

Der erste. Nun ja, amüsant, so wie uns gewöhnlich jede Bagatelle amüsiert. Aber warum dieser Lärm, diese Diskussionen? Man streitet darüber wie über eine wichtige Sache, man applaudiert ... was soll das bedeuten! Schön, ich verstehe, wenn es sich noch um eine Sängerin oder Tänzerin handelte — das verstände ich noch: da bewundert man doch wenigstens die Kunst, die Geschmeidigkeit, die Geschicklichkeit, das natürliche Talent. Aber hier? Man schreit: „ein Literat, ein Literat, ein Schriftsteller“! Ja, was ist denn ein Schriftsteller? Weil ihm manchmal ein witziges Wort einfällt, oder weil er die Natur abschreibt ... Ist denn das so schwer? Was ist denn das für eine Kunst? Das sind doch alles Fabeln und weiter nichts!

Der zweite. Aber natürlich — eine höchst mittelmäßige Sache.

Der erste. Denken Sie selbst: Ein Tänzer zum Beispiel: Das ist doch immerhin Kunst, was er leistet, das kann ihm doch keiner nachmachen. Wenn ich es zum Beispiel wollte: ja bei mir würden sich einfach die Füße nicht von der Stelle bewegen. Ich sollte mal versuchen, einen Entrechat zu machen: ich würde keinen einzigen fertig bringen. Aber schreiben kann man, auch ohne es gelernt zu haben. Ich weiß nicht, wer der Autor ist, aber man hat mir erzählt, daß er ein absolut ungebildeter Mensch ist, der nichts weiß — den man irgendwo hinausgeworfen hat.

Der zweite. Aber erlauben Sie mal, etwas muß er doch wissen: ohne dies kann man doch nicht schreiben.

Der erste. Aber ich bitte Sie, was kann er denn wissen? Sie wissen ja selbst, was ein Literat ist. Der leerste Mensch! Das ist doch weltbekannt — zu nichts zu gebrauchen. Man hat schon versucht, sie irgendwie zu verwenden — aber man hat es aufgegeben. Nun sagen Sie selbst: was schreiben sie denn? Das sind doch alles Torheiten und Fabeln. Wenn ich wollte, könnte ich sofort so etwas schreiben, und ebenso Sie und er, jeder kann so etwas schreiben.

Der zweite. Nun ja ... gewiß — warum sollte man so etwas nicht schreiben können. Wenn man nur ein Funken Verstand im Kopf hat, so kann man es schon.

Der erste. Man braucht auch keinen Verstand dazu. Wozu denn Verstand? Das sind doch alles Fabeln. Ja, wenn es noch zum Beispiel eine schwierige Wissenschaft wäre, irgendeine Sache die man nicht kennt — aber was ist denn das? Das weiß doch jeder Bauer. Das kann man jeden Tag auf der Straße sehen. Man braucht sich nur ans Fenster zu setzen und sich alles zu notieren, was passiert — das ist das ganze Kunststück.

Der dritte. Das ist wahr. Wahrhaftig, wenn man nur bedenkt, mit was für Unsinn man seine Zeit vergeudet!

Der erste. Sehr richtig, das ist Zeitverschwendung und sonst nichts. Lauter Fabeln und Torheiten! Man müßte es einfach verbieten, ihnen Tinte und Feder in die Hand zu geben. Aber das Volk strömt heraus — wollen wir gehen! Lärm machen, schreien, Beifall klatschen! Und die Sache ist doch ganz wertlos! Fabeln! (Sie entfernen sich. Die Menge lichtet sich, einige Zurückgebliebene laufen vorüber.)

Der gutmütige Beamte. Nun immerhin, er hätte doch wirklich wenigstens einen anständigen Menschen auftreten lassen können. Aber nichts als Schurken und Gauner!

Ein Mann aus dem Volke. Hörst du, erwarte mich an der Straßenkreuzung! Ich laufe nur hinein und hole meine Handschuhe.

Ein vornehmer Herr (sieht auf die Uhr). Es ist bald ein Uhr. Noch nie bin ich so spät aus dem Theater gekommen. (Er entfernt sich.)

Ein Beamter der sich verspätet hat. Nichts als unnütz verlorene Zeit! Nein, ich gehe nie mehr ins Theater! (Er entfernt sich, das Vestibül leert sich.)

Der Autor des Stücks (tritt hervor). Ich habe mehr gehört, als ich vermutete. Was für eine bunte Menge von Ansichten. Wie glücklich ist doch der Komödiendichter, der einer Nation entstammt, wo die Gesellschaft noch keine kompakte unbewegliche Masse bildet, wo sie noch nicht von einer Rinde alter Vorurteile umgeben ist, die die Gedanken aller mit derselben Form und demselben Maß umschließt; wo jeder Mensch seine eigene Meinung hat, wo jeder selbst der Schöpfer seines Charakters ist. Welche Mannigfaltigkeit liegt in allen diesen Meinungen, und wie leuchtete doch aus allen der starke, klare, russische Geist hervor!: in dem edlen Streben des Staatsmanns, in der hohen Selbstverleugnung des in die Provinz verschlagenen Beamten, in der zarten Schönheit einer großmütigen Frauenseele, dem ästhetischen Gefühl der Kenner und in dem schlichten sicheren Instinkt des Volkes. Wie war selbst in den unfreundlichen Urteilen noch so vieles enthalten, was der Komödiendichter wissen muß! Ja, ich bin befriedigt. Aber warum wird mir so traurig ums Herz ...? Seltsam: es schmerzt mich, daß keiner die redliche Person bemerkt hat, die in meinem Stück auftritt. Und doch gibt es eine ehrliche, edle Persönlichkeit, die während des ganzen Stückes mitwirkt. Diese edle ehrliche Person war — das Lachen. Es war hochherzig, weil es sich hervorzutreten entschloß, trotz der gemeinen Bedeutung, die die Welt ihm beilegt. Es war hochherzig, weil es sich hervorzutreten entschloß, obschon es dem Komödiendichter einen schlechten Ruf einbrachte — den Ruf eines kalten Egoisten, und sogar die Leute zwang, an das Vorhandensein zarter Seelenregungen bei ihm zu zweifeln. Für dieses Lachen ist keiner eingetreten. Ich aber, der Komödiendichter, ich diente ihm treu und ehrlich, und darum muß ich sein Fürsprecher sein. Nein, das Lachen hat eine größere Bedeutung und ist tiefer, als alle glauben — nicht das Lachen, das ein flüchtiger Reiz, das die Galle oder ein krankhafter Charakter erzeugt; auch nicht das leichte Lachen, das der müßigen Zerstreuung und Unterhaltung dient — sondern jenes Lachen, das ganz aus der lichten Natur des Menschen strömt — das aus ihr hervorströmt, weil sich auf ihrem Grunde sein ewig sprudelnder Quell befindet; ein Lachen das den Gegenstand vertieft, und hell hervortreten läßt, was sonst flüchtig vorübergeglitten wäre, und ohne dessen durchdringende Kraft diese Kleinheit und die Hohlheit des Lebens den Menschen nicht so mit Schrecken erfüllen würde. Das Verächtliche und Nichtige, an dem er täglich gleichgültig vorbeigeht, würde nicht mit dieser furchtbaren, beinahe bizarren Gewalt vor ihm emporwachsen und er würde nicht in den Ruf ausbrechen: „Gibt es denn wirklich solche Menschen?“ während es, wie er selbst weiß, noch viel schlimmere Menschen gibt. Nein, die haben unrecht, die da behaupten, daß das Lachen uns empört. Nur das Finstere empört uns, das Lachen aber ist leuchtend und hell. Vieles würde den Menschen empören, wenn es ihm in seiner ganzen Nacktheit gezeigt würde, aber von der Macht des Lachens erleuchtet, bringt es unserer Seele Frieden und Versöhnung. Und wer an einem boshaften Menschen Rache nehmen will, söhnt sich schon beinahe mit ihm aus, wenn er gewahr wird, wie die gemeinen Regungen seiner Seele verlacht werden. Die sind ungerecht, die da behaupten, das Lachen wirke nicht auf die, gegen die es gerichtet ist, und daß der Spitzbube der erste ist, der über einen andern Spitzbuben lacht. Der Enkel des Schurken wird darüber lachen, aber über seinen schurkischen Zeitgenossen wird kein Spitzbube lachen können. Er merkt, daß sich der Eindruck seines Wesens schon allen unwiderstehlich eingeprägt hat, daß eine einzige gemeine Bewegung von ihm genügt, um ihm diesen Eindruck als ewiges Kennzeichen anzuheften; und vor dem Spott fürchtet sich sogar der, der sich vor nichts auf der Welt mehr fürchtet. Nein, nur dem ist jenes gütige Lachen gegeben, der ein von Grund aus gutes Herz hat. Aber man hört sie nicht, die gewaltsame Macht dieses Lachens; „was lächerlich ist, ist gemein“, sagt die Welt; nur das, was im erhobenem Tone gesagt wird, nur das wird als das Hohe bezeichnet. Aber mein Gott, wie viel Menschen gehen täglich an uns vorüber, für die es überhaupt nichts Hohes in der Welt gibt! Alles, was die Begeisterung erschuf, ist für sie Torheit und Fabelei. Die Werke Shakespeares sind Fabeln für sie, die heiligsten Regungen der Seele sind auch nichts als Fabeln. Nein, nicht verletzte kleinliche Dichtereitelkeit zwingt mich, das zu sagen, nicht weil meine unreifen schwachen Schöpfungen soeben als Fabeln bezeichnet wurden — nein, ich sehe meine Fehler ein, ich sehe ein, daß ich Vorwürfe verdient habe; aber meine Seele konnte es nicht gleichgültig ertragen, daß die vollendetsten Schöpfungen als Torheiten und Fabeln bezeichnet wurden, daß alle Leuchten und Sterne dieser Welt nur für Verfasser von Torheiten und Fabeln gehalten wurden. Das Herz tat mir weh, als ich sah, wieviel stumpfe, tote Menschen es hier, mitten im treibenden Leben gibt, die uns durch die starre Kälte ihrer Seelen erschrecken, durch die unfruchtbare Wüstenei ihrer Herzen; das Herz tat mir weh, als ich sah, wie auf ihren unempfindlichen Gesichtern auch nicht die Spur eines Eindrucks dessen aufblitzte, was einer von tiefer Liebe erfüllten Seele himmlische Tränen entlockt hätte. Und ihre Zunge zögerte keinen Augenblick, ihr ewiges „Fabeln“, „Fabeln“ auszusprechen. Doch sieh, Jahrhunderte sind verflossen, Städte und Völker sind vom Angesicht der Erde getilgt und verschwunden, wie Rauch ist alles verflogen, was einstmals war — aber die Fabeln leben noch und wiederholen sich bis heute, und andächtig lauschen ihnen weise Herrscher, tiefsinnige Fürsten, der herrliche Greis und der von edlem Streben erfüllte Jüngling. Fabeln ...! Es ächzen die Balkone und die Brüstungen des Theaters: von oben bis unten erschauert alles, ist ganz in ein einziges Gefühl, in einen Augenblick verwandelt, alles verschmilzt zu einem einzigen Menschen, alle Menschen treffen wie Brüder in einer seelischen Regung zusammen, und der einstimmige Beifallssturm wird zu einer hehren Dankhymne für den, der schon seit fünfhundert Jahren nicht mehr auf der Welt ist. Vernehmen es seine verwesten Knochen im Grabe? Gibt seine Seele Antwort, die im Leben so herbes Leid erduldet hat? Fabeln ...! Dort, in die Reihen der erschütterten Menge tritt ein vom Unglück und der schier unerträglichen Last des Lebens Gebeugter; schon will er in seiner Verzweiflung Hand an sich legen — da plötzlich entströmen erfrischende Tränen seinen Augen, er geht hinaus, versöhnt mit dem Leben, und bittet den Himmel um neue Leiden und Schmerzen, nur damit er leben und wieder Tränen vergießen kann über solche Fabeln. Fabeln ...! Die Welt würde einschlummern ohne solche Fabeln, das Leben verflachen, Schlamm und Schimmel würden die Seele überziehen. Fabeln ...! Oh! heilig seien die Namen derer, die solchen Fabeln andächtig gelauscht haben, heilig noch ihren Enkeln bis in alle Ewigkeit: der wunderbare Finger der Vorsehung schwebte ewig über dem Haupt ihrer Schöpfer. Selbst in den Zeiten des Unglücks und der Verfolgungen traten die Vornehmsten und Besten im Staate, als die ersten, schützend auf ihre Seite, und ein gekrönter Monarch beschattete sie mit seinem königlichen Schild von der Höhe seines unerreichbaren Thrones.

Wohlan denn, frisch auf den Weg. Nicht möge die Seele der Tadel verwirren, sondern hochherzig nehme sie die Hinweise auf ihre Mängel hin. Selbst das darf sie nicht betrüben, daß man ihr große Regungen und die heilige Liebe zur Menschheit abspricht. Die Welt gleicht einem Strudel: ewig kreisen in ihr Meinungen und Ansichten, aber sie alle zermahlt die Zeit: wie eine Schale fallen die falschen ab, aber gleich harten Körnern bleiben unerschütterlich die ewigen Wahrheiten bestehen. Was einst als hohl und leer angesehen wurde, kann später mit ernster Bedeutung ausgerüstet erscheinen. In der Tiefe eines kalten Gelächters entdeckt man vielleicht plötzlich glühende Funken einer ewigen, machtvollen Liebe. Und wer will es wissen — vielleicht kommt einmal die Zeit, wo alle Menschen anerkennen, daß kraft der gleichen Gesetze, nach denen der Stolze und Starke im Unglück klein und schwach erscheint, während das Elend den Schwachen zu einem Riesen emporwachsen läßt — daß kraft der gleichen Gesetze der, der häufig weint und bittre, von Herzen kommende Tränen vergießt, vielleicht mehr lacht als alle andern auf der Welt ...!

Anhang

Der Revisor

Diese Komödie ist im Jahre 1834 begonnen. Das Bühnenmanuskript wurde am 4. Dezember 1835 vollendet und am 2. März für die Aufführung freigegeben, trotzdem fuhr der Autor fort, auch nach der Freigabe durch die Zensur an diesem Texte weiterzuarbeiten. Am 19. April 1836 fand die erste Aufführung am Alexandertheater zu St. Petersburg, und zwar an einem Sonntage statt — das kleine Theater in Moskau folgte am 25. Mai desselben Jahres. Zugleich mit der Aufführung erfolgte die Drucklegung der Buchausgabe des Revisor, die sich in vieler Hinsicht von der Bühnenausgabe unterschied. Das Buch erschien im April 1836 (die Unterschrift des Zensors trägt das Datum: den 13. März 1836). Von diesem Zeitpunkt ab ist der Revisor mehrmals und zu verschiedenen Zeiten immer wieder umgearbeitet worden, bis er die Fassung erhielt, die im dritten Bande der ersten Ausgabe der „Werke Gogols“ abgedruckt ist. Die endgültige Umarbeitung des Textes fällt in den Zeitabschnitt zwischen dem März 1841 und dem 15. Juli 1842. Eine der letzten Fassungen, die im Druck vorliegen, weist folgende Abweichungen gegenüber den vorhergehenden Ausgaben auf:

1) Ist die stumme Schlußszene, die in den früheren Ausgaben folgendermaßen lautete, weit ausführlicher behandelt: „Alle stoßen einen Schrei der Überraschung aus und bleiben mit offenem Munde und langen Gesichtern stehen. Stumme Szene. Der Vorhang fällt.“

2) In der zweiten Ausgabe von „Gogols Werken“ fehlen folgende Ausführungen über die Gäste, die offenbar vom Verfasser herstammen: „Die Gäste müssen einen möglichst verschiedenartigen Charakter haben. Es müssen große und kleine, dicke und dünne, ungekämmte und gekämmte darunter sein. Auch müssen sie verschieden angezogen sein, die einen müssen Fräcke, die andern ungarische Röcke und andre Röcke von verschiedener Farbe und verschiedenem Schnitt tragen. Auch die Kostüme der Damen müssen dieselbe Mannigfaltigkeit aufweisen, die einen müssen ziemlich anständig angezogen sein, sogar mit einem gewissen Anspruch auf Modernität, doch aber muß es immer an etwas fehlen: entweder sitzt die Haube schief, oder sie haben einen ganz seltsamen Pompadour usw., wieder andre haben Kleider an, die überhaupt keiner Mode entsprechen — sie tragen große Tücher und Hauben in Form eines Zuckerhutes — überhaupt muß man auf das Ganze des Stückes achten. Angst, Entsetzen, Überraschung, Unruhe — das alles muß plötzlich und überall in der ganzen Gruppe der handelnden Personen zum Ausdruck kommen und sich zugleich in jedem Einzelnen in seiner Weise und gemäß seinem besonderen Charakter spiegeln“ (Vergl. Seite 8).

3) Die Stelle im Monolog Chlestakoffs (Seite 35 „Dieser Hauptmann“ usw.) hatte in den beiden ersten Ausgaben folgende Fassung: „Dieser Hauptmann hat mich am meisten ausgebeutelt, übrigens: man kann sagen, was man will, die Bestie konnte glänzend die Volte schlagen. Kaum ein Viertelstündchen gespielt und ratzekahl geschoren! Er spielt wirklich fein! Wenn ich doch noch einmal irgendwo mit ihm zusammentreffen könnte! Übrigens, wie sollten wir noch einmal zusammentreffen? Zu alledem bedarf’s eines glücklichen Zufalls. Wenn ich doch nur schnell nach Hause fahren könnte. Wirklich, ich habe das Reisen satt. Und dazu muß es noch so ein ekelhaftes Nest sein! In andern Städten, da findet man doch noch wenigstens etwas: hier dagegen gibt es auch gar nichts. Im Obstladen, da gibt es zwar noch einen passablen Stör, aber die verdammten Verkäufer geben einem so schrecklich wenig zum Probieren“.

4) Ferner ist folgende Stelle aus den ersten beiden gedruckten Ausgaben des Revisor umgearbeitet: „Chlestakoff (erschrocken). Da haben wir die Bescherung! Daran hätte ich weiß Gott niemals gedacht. Diese Bestie von Wirt! Was nun, wenn er mich wirklich ins Loch steckt! Hm! In ein standesgemäßes Gewahrsam ... das wäre noch nicht so schlimm, da ginge ich vielleicht noch mit. Nein, was sage ich, ich ginge noch mit? Gestern haben mir zwei Kaufmannstöchter nachgesehen, und dann treiben sich da auch immerfort Offiziere herum ... Nein damit bin ich nicht einverstanden. Das kann er nicht machen, oder wenn er es täte, wäre er ein solches Schwein ... Das kann man sich wohl mit irgendeinem Krämer oder mit einem Handwerker erlauben ... Nein, nur nicht nachgeben (Mut fassend). Was kann er mir antun? Ich sags ihm geradezu. Wie können Sie! ... Ich will nichts davon wissen. (Die Türklinke bewegt sich, Chlestakoff erbleicht).“

5) Auch folgende Stelle aus der ersten und zweiten Ausgabe hat leichte Änderungen erfahren: Seite 120. „Schweig still, gar nichts weißt du, und menge dich nicht in anderer Leute Angelegenheiten. Anna Andrejewna, glauben Sie mir, ich bitte nur darum um Ihre Hand oder um die Ihrer Tochter, weil ich mich von herzlicher Liebe ergriffen fühle, und von Bewunderung für Ihre Vorzüge erfüllt bin. In so schmeichelhaften Ausdrücken bewegte er sich, ... und als ich sagen wollte, wir erkühnen uns nie, auf eine solche Ehre zu hoffen, da sagte er kein Wort, fiel plötzlich auf die Knie und rief in derselben vornehmen Art: Anna Andrejewna, machen Sie mich nicht unglücklich! Wenn Sie meine Gefühle nicht erwidern, so macht der Tod meinem Leben ein Ende. Und weiter — Kreisrichter. In der Tat! Ein außerordentliches Ereignis! Schulinspektor. Das gnädige Schicksal hat es so gefügt. — Hospitalverwalter (beiseite). Diesem Schwein fliegen auch immer die gebratenen Tauben ins Maul.“

Alle Korrekturen und Verbesserungen, die in der endgültigen Fassung des Revisors Aufnahme fanden, sind von Gogol in die erste in Druck erschienene Ausgabe eingetragen (1836).

Abriß aus einem Brief, den der Autor bald nach der ersten Aufführung an einen Schriftsteller richtete. Der erste Entwurf stammt aus dem April des Jahres 1836. Die endgültige Ausarbeitung für den Druck fand Anfang März 1841 statt.

Vorbemerkung für diejenigen, die den Revisor sachgemäß aufzuführen beabsichtigen. Ist wahrscheinlich gegen Ende des Jahres 1842 niedergeschrieben.

Zwei Szenen, die schon bei der ersten Ausgabe, als den Gang der Handlung störend, ausgeschieden wurden. Der erste Entwurf stammt aus den Jahren 1834 und 1835. Ende 1835 wurden sie noch einmal umgearbeitet. Die zweite von diesen Szenen erschien zum erstenmal im „Moskwitjanin“ (Der Moskauer) Band 3, 1841, und dann um einige Stellen vermehrt in der zweiten Ausgabe des „Revisor“, 1841 wurden beide Szenen für den Druck umgearbeitet.

Eine vom Autor in die Buchausgabe nicht mit aufgenommene Szene des „Revisor“. Stammt aus dem Jahr 1835.

Vorwort zu einer zum Besten der Armen geplanten Ausgabe des „Revisor“. Ist im Oktober des Jahres 1846 niedergeschrieben.

Die Deutung des „Revisors“. Stammt aus dem Jahre 1846.

Nachtrag zur „Deutung des Revisor“ stammt aus der zweiten Hälfte des Jahres 1847.

Eine Heiratsgeschichte

Der erste Entwurf dieser Komödie stammt aus dem Jahre 1833. 1834 wurde das Werk von Grund aus umgearbeitet, aber erst 1841 oder zu Anfang des Jahres 1842, erhielt das Stück nach wiederholten Umarbeitungen seine endgültige Gestalt. Es erschien zum erstenmal in der ersten Ausgabe von Gogols Werken im Druck.

Die Spieler

Diese Komödie wurde im Anfang Juni 1836 noch vor Gogols Reise ins Ausland begonnen und erschien 1842 zum erstenmal in Druck. Als Gogol das Werk für den Druck fertiggestellt hatte, schrieb er an Prokopowitsch. „Ich habe die Ihnen zugehenden Spieler nur mit Mühe rekonstruiert, das Brouillon ist vor so langer Zeit und so unleserlich geschrieben, daß es mich eine schier unendliche Arbeit kostete, es zu entziffern.“

Der Morgen eines vielbeschäftigten Herrn. Der Prozeß. Das Bedientenzimmer und das Fragment

bilden Teile, oder nach Gogols eigenen Worten, „die Fetzen einer vom Autor vernichteten Komödie: Der Wladimirorden dritter Klasse“, deren erster Entwurf aus dem Jahre 1832 stammt.

Der Morgen eines vielbeschäftigten Herrn. Diese Szenen wurden im Herbst des Jahres 1835 für den Druck bearbeitet, und zwar aus jenen Fetzen der vernichteten Komödie. Diese Szenen gehörten zu den frühesten der Komödie. Später bearbeitete Gogol diese Szenen noch einmal für Puschkins „Ssowremennik“ (der Zeitgenosse). Dies war die letzte Fassung vom März des Jahres 1836. Sie trugen den Titel Der Morgen eines Beamten und erschienen im Ssowremennik unter dem Titel Der Morgen eines vielbeschäftigten Herrn. Petersburger Szenen. Als Gogol diese Szenen für die gesammelten Werke vom Jahre 1842 fertigstellte, änderte er nur folgende Stelle: „Alexander Iwanowitsch: Er stach nicht, weil ich meine Dame noch nicht abgeworfen hatte. Iwan Petrowitsch: Gut, Sie spielen Dame, aber Lukian Fedossejewitsch hat ja noch die Trumpf Sieben. Alexander Iwanowitsch: Ja hatte er denn noch einen Trumpf? Ich kann mich gar nicht erinnern. Iwan Petrowitsch: Aber gewiß. Er hatte noch zwei Trümpfe! die Zehn, mit der er die Trümpfe herauslocken mußte, und die Sieben. Alexander Iwanowitsch: Aber nein, Iwan Petrowitsch, erlauben Sie, er konnte nicht mehr als einen Trumpf haben, denn ... Iwan Petrowitsch: Aber mein Gott, Alexander Iwanowitsch, wem erzählen Sie das? Zwei Trümpfe. Zwei Trümpfe! Ich sehe sie noch jetzt vor mir! die Zehn und die Sieben. Alexander Iwanowitsch: Eine Zehn hatte er, das stimmt, aber keine Sieben. Dann hätte er doch Trumpf gespielt, das müssen Sie doch zugeben, dann hätte er eben Trumpf gespielt. Iwan Petrowitsch: Bei Gott, Alexander Iwanowitsch. Bei Gott.“

Der Prozeß. Wurde im Jahre 1839 oder Anfang 1840 vollendet.

Die Bedientenstube. Wurde gegen Ende des Jahres 1839 neu bearbeitet und in einigen Teilen ergänzt.

Das Fragment — die erste Niederschrift — stammt wahrscheinlich aus dem Jahre 1837. Es wurde 1840 umgearbeitet. Anfang 1841 wurde diese Bearbeitung ins reine geschrieben. Die letzten Korrekturen stammen vom August des Jahres 1842 aus der Zeit der Drucklegung der „Werke“ Gogols. Im gedruckten Text fehlen folgende Seiten aus dem Manuskript „Mischa. Ach Mutter, Mamachen, wie oft habe ich Sie gebeten, dieses Wort nicht zu wiederholen. Sie glauben nicht, wie widerwärtig es mir ist, wie gemein es klingt und was für eine dumme und falsche Bedeutung es bei uns angenommen hat. Seien Sie doch nicht so, wie jene alten Herren, die dieses Wort allen Menschen unter die Nase reiben, ohne sich den Menschen und das Wort erst ordentlich angesehen zu haben, das sie einem ins Gesicht schleudern. Was ist von den fünfzig Hohlköpfen (sic!) übriggeblieben, denen man eine französische Erziehung angedeihen ließ? Sie haben sich an dies sagenhafte Wort geklammert, legen es nun jedermann bei, und beehren jeden damit, der ihnen in den Weg läuft. Wenn sie einen Menschen sehen, dessen Anzug ein wenig anders ist, als der anderer Leute, der eine andre Frisur hat oder bei dem kurz gesagt etwas nicht ganz so ist, wie bei andern Menschen, so schreien sie gleich: Ein Liberaler! Ein Liberaler! Ein Revolutionär! Seht doch seine Frackschöße an, die sind ganz anders wie bei andern Leuten, sein Halstuch ist ganz anders gebunden, er trägt seine Haare anders! Sie glauben nicht, wie sich jedesmal mein Herz empört, wenn ich etwas Derartiges höre. Wie wenig kennen sie das Herz eines Russen und die starken festen Züge seines Charakters! Sie wissen nicht, daß, wenn er sich auch von etwas hinreißen läßt, er dies nur auf Grund von schönen, geistigen Motiven tut und nicht infolge einer zusammenhanglosen Idee, die in dem leichtsinnigen Kopfe eines Franzosen entsprungen ist, (der in der Tiefe seines Herzens soviel tiefe innerliche Überzeugungen birgt, die ihn auf ewig wider alle kleinlichen Verirrungen des Verstandes behüten. Schon diese Liebe für seinen Zaren, dieses ganze ursprüngliche Gefühl, das in seiner Seele lebt, und von dem er sich nicht befreien kann, selbst wenn es ihm einfiele! Für ihn ist er bereit, sein ganzes Hab und Gut hinzugeben, sein Leben zu opfern, alles stumm zu ertragen, und das ohne vorher ein Wort davon zu reden oder sich gar damit zu brüsten. Ist es da nicht bitter, zu sehen, daß man einem solchen russischen Mann in trivialer Weise Gedanken beilegt, die er nie gehabt hat und nicht haben kann, und daß man ihn mit dem abgeschmackten, abgedroschenen Wort zu treffen glaubt, er spiele den Liberalen. Mütterchen! um Gottes willen brauchen Sie dieses widerwärtige Wort nicht. Und vermeiden Sie es, wahllos all das, was Ihnen nicht gefällt, damit zu bezeichnen. Bitte sehen Sie doch zu: Wann und worin war ich Ihnen je ungehorsam?)“ Die zweite eingeklammerte Hälfte des Textes hat Gogol durchgestrichen und auf der dritten Seite folgenden Passus dafür gesetzt: „Und dieser russische Mann, in dessen Busen eine ursprüngliche, mit seiner eigensten Natur erwachsene, unergründliche Liebe für seinen Zaren lebt — ein Gefühl, für das er alles hingeben, sein ganzes Hab und Gut zum Opfer bringen, ja sein Leben aufopfern würde, ohne vorher ein Wort darüber zu reden oder sich später damit zu rühmen und zu brüsten — dieser russische Mann soll durch dieses häßliche Wort getroffen werden, das man ebensogut jedem hergelaufenen Frechling oder Vagabunden beilegt. Nein Mütterchen, brauchen Sie alle Worte, die Sie wollen, nur nicht dies banale und abgedroschene Wort. Denken Sie doch, wann und worin war ich Ihnen je ungehorsam?“ Von diesem ganzen Absatz ist nur die letzte gesperrt gedruckte Zeile in den Text der gedruckten Ausgabe aufgenommen worden.

Nach dem Theater

Epilog zu einer neuen Komödie. Die ersten Entwürfe sind im April des Jahres 1836 in Petersburg niedergeschrieben. Im Oktober 1842 wurde diese Szene vollendet.

Die Nachträge und Varianten zu diesem Bande sind der Ausgabe von Tischonorawow, St. Petersburg 1901, entnommen.

Der Herausgeber.

Druck von Mänicke und Jahn, Rudolstadt.

Fußnoten

[1] Der Humor dieser Szene geht in der Übersetzung größtenteils verloren: Hübner nämlich spricht deutsch und radebrecht russisch, Chlestakóff dagegen russisch und radebrecht deutsch. Die deutschen Worte des Originals seien wenigstens im Druck gekennzeichnet. — Anmerk. d. Übers.

[2] Ein in der Übersetzung nicht zu veranschaulichender Wortwitz des Originals.

[3] Es versteht sich von selbst, daß der Autor des Stückes eine ideale Persönlichkeit ist: er verkörpert die Situation des Komödiendichters in der Gesellschaft, — des Komikers, der sich die Verspottung der Mißbräuche in den verschiedenen Ämtern und Ständen zur Aufgabe gemacht hat.

MODERNE RUSSEN

MICH. P. ARTZIBASCHEW:

Ssanin, Roman
GEHEFTET M. 5.—, GEBUNDEN M. 6.50

Aufruhr, Novellen
GEHEFTET M. 3.—, GEBUNDEN M. 4.50

Millionen
GEHEFTET M. 5.—, GEBUNDEN M. 6.50

Revolutionsgeschichten
GEHEFTET M. 4.—, GEBUNDEN M. 5.50

FJODOR SSOLOGUB:

Der kleine Dämon
GEHEFTET M. 5.—, GEBUNDEN M. 6.50

ALEXANDER KUPRIN:

Die Gruft
GEHEFTET M. 3.—, GEBUNDEN M. 4.50

GEORG MÜLLER VERLAG MÜNCHEN

M. ARTZIBASCHEW, Ssanin. Roman. 20. Auflage.

Finster, groß und ernst, von religiösem und sozial-ethischem Pathos erfüllt, mit weltreformatorischen Absichten und Gesinnungen, steht die russische Kunst, wie in Dostojewski und Tolstoi, so auch in Artzibaschew vor uns. Mit düsteren und starren Savonarola-Mienen blickt der Dichter auf das Leben seiner Zeit und seines Volkes, und er trägt Geißeln in seiner Hand; überall lodern die Flammen der Revolution, verspürt man den Atem umstürzlerischen Fühlens und Denkens.

Julius Hart im Tag

Das Dichterische hebt das ganze Buch Artzibaschews über das Niveau der Tendenz- und Absichtenbücher empor. Artzibaschew müßte zwar kein Russe sein, wenn sein Buch nicht im Grundton aller russischen Literatur, in philosophierender Grübelei erklingen sollte, aber er phantasiert nicht ins Blaue hinein, er hat vor allem wirklich etwas zu sagen. Und er sagt es mit künstlerischem Stil und poetischer Kraft.

Münchener Post

Der Verfasser verfügt über einen eigentümlichen Zauber in der knappen Charakteristik der Frauengestalten. Er gibt reizende, poetische Naturbilder von Gärten und Landschaften, in denen die jungen Leute sich umhertreiben; einzelne Szenen haben einen großartigen Zug echt russischen Charakters, wie man derartiges nur bei den ganz großen russischen Dichtern findet.

Kölnische Zeitung

M. ARTZIBASCHEW, Aufruhr u. andere Novellen. 3. Aufl.

Artzibaschew ist unstreitig der beste unter den jungrussischen Erzählern, der schon eine unendliche Reihe von Nachtretern gefunden hat. Er ist im Grunde seines Schaffens Impressionist ... seine Bilder stehen vor uns in einem packenden Rahmen, in klarer Deutlichkeit, mit richtiger Licht- und Schattenverteilung und in der menschlichen Unmittelbarkeit, die uns am tiefsten ergreift. Sein vorliegender Novellenband ist wieder einmal die Bestätigung dieser seiner großen poetischen Kunst.

Berliner Morgenpost

Es ist etwas Gewaltiges um den Realismus und die nackte Offenheit von dem Autor des „Ssanin“! Er ist ein Arzt der Seele, der die Wunden am Organismus des russischen Volkskörpers rücksichtslos bloßlegt. Keinem denkenden Leser wird es je einfallen, eine zynische Note in diesen aus künstlerischem und sozialethischem Geiste entstandenen Bildern zu suchen.

Hamburgisches Fremdenblatt

M. ARTZIBASCHEW, Millionen u. andere Novellen. 3. Aufl.

Die Psychologie der Erzählung ist so ausgezeichnet, wie man das von den Russen gewohnt ist. Sie geht in den Spuren des großen Dostojewski. Ein besonderes formales Moment sind die Naturstimmungen zu Anfang fast jeden Kapitels. Auch in der zweiten Erzählung finden sie sich. Sie sind eine Art von intimerem Symbolismus. Artzibaschews Sprache ... zeigt aber bemerkenswerte und besondere individuelle Vorzüge. Unvergleichlich und von höchst unmittelbarer, reizvoller Wirkung ist z. B. die schlichte und knappe und doch sehr plastische und suggestive Wirkung, wie Artzibaschew den Reiz des weiblichen Körpers und seine Macht auf den Mann mitzuteilen weiß. Ich könnte mir vorstellen, daß Artzibaschew nach solcher Richtung ein Dichter des Weibes werden könnte, wie ihn Rußland noch nicht gehabt hat.

Johannes Schlaf in „Nord und Süd“

Ein bis ins Unterbewußtsein kühn hineingreifendes, scharfes und unfehlbares psychologisches Vermögen, eine meisterhafte, wohlklingende Bildersprache, eine bis hart an die Grenze des Überfeinerten gesteigerte Ästhetik ... In allem eine minutiöse Detailmalerei, und eine Milieuschilderung, wie sie zum Besten in ihrer Art gerechnet werden müssen.

B. Z. am Mittag

M. ARTZIBASCHEW, Revolutionsgeschichten. 3. Aufl.

Der berühmte Dichter des „Ssanin“ zeigt sein hervorragendes dichterisches Können auch in diesem neuen Werk. Die „Revolutionsgeschichten“ sind furchtbare Illustrationen zu den nun schon historisch gewordenen Greueltaten jener Zeit, da Revolution und Reaktion in Rußland einen grauenvollen Kampf begannen. In diesen Geschichten steckt die sittliche Kraft der russischen Jugend und Intelligenz, die es gewagt hat, an den Grundlagen des tönernen Kolosses zu rühren und die Reformation des Landes unter Aufopferung ihrer eignen Personen zu erzwingen. Und doch lesen sich diese Geschichten nicht etwa bloß wie historische Berichte. Sie sind dichterische Schöpfungen.

Dr. Messer i. d. Neuen Freien Presse, Wien

FJODOR SSOLOGUB, Der kleine Dämon. Roman. 3. Aufl.

Ssologubs „Kleiner Dämon“ ist ein Buch, das man gerne liest und über das man gerne schreibt, seinem furchtbaren Stoffe, der Tatsache zum Trotz, daß es Seite für Seite vom Schmutz eines für westeuropäische Begriffe schier unglaublich niedrigen Alltags geradezu pappt. Dies grausame Buch ... bedarf einer energischen Abwehr der Insinuation des Naturalismus und seiner Lust zu stinken. Ssologub steht hoch über dem Verdachte, mit den Widrigkeiten seines Werkes Sensation beabsichtigt zu haben ... Er ist Dichter durch und durch und blickt mit den ernsten, echt menschlichen Augen eines vornehmen Ethikers. Ssologub macht keinerlei literarischen Getues mit dem Satanismus der Welt, die er schildert. Er spricht ruhig und gelassen wie von einer Sache, über die wir uns längst einig sind. Sein Pessimismus posiert nicht und ist keine trockene These, sondern bitterlich ernste Lebenserfahrung, Lebensstimmung.

Hermann Eßwein im Literarischen Echo

ALEXANDER KUPRIN, Die Gruft. Ein Roman aus der russischen Tiefe. Dritte Auflage.

Ein mächtiges Gefühl der Wirklichkeit lodert in seinem Schaffen, ein Streben, das ganze russische Leben zu umfassen und die Vielheit seiner Formen sinnreich zu beleuchten ... Kuprins Naturalismus hat hier in der Sprache, in der Darstellung von Tatsachen und in den Farben den Höhepunkt erreicht. Er erscheint hier als Naturforscher, als Psychologe und als Chirurg, der mit verblüffender Kaltblütigkeit das Seziermesser handhabt, um alle Atome zu zerlegen ... Die ethische Kraft, mit der Kuprin sein Werk geschrieben, ist gewaltig genug, um jede ernstdenkende und mitfühlende Persönlichkeit hinzureißen.

Neue Freie Presse, Wien

Was Kuprins Buch, das er den Müttern und der Jugend widmet, von der Bordell- und Dirnenliteratur unterscheidet, in der mit einem ethisch-sentimentalen Rittertum die Notwendigkeit der Institution und die Zusammenhänge unterschlagen wurden, ist die Objektivität, mit der er den Dingen aus nächster Nähe klar ins Auge sieht, ohne das ungeheuer Geschäftsmäßige der Prostitution dabei mit Gemüt zu überfälschen ... Es ist ein Erkenntnis- und ein Mahnbuch, ein Buch der Nächstenliebe, voll großen sozialen Empfindens.

Vorwärts, Berlin