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Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom cover

Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom

Chapter 13: VI
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About This Book

A collection of essays and short prose pieces that mix literary criticism, cultural reflection, travel sketches, and imaginative narratives. The pieces move between aesthetic meditations on sculpture, painting, and music; satirical character studies and psychological vignettes; historical and geographical reflections; and impressions of cities and travel. The tone shifts from playful irony to somber introspection, often blending personal voice with rhetorical digressions. Formal variety includes short sketches, mock memoirs, critical essays, and fictionlike fragments, unified by a conversational, observant narrator who examines art, society, memory, and national character.

„Bitte nehmt mirs nicht übel, daß ich Euch etwas warten ließ, Euer Gnaden!“ sagte der eintretende Hausherr, „der verfluchte Jahrmarkt hat mir so sehr den Kopf verwirrt, daß er mir noch immer brummt. Ein wahres Glück, daß meine Alte nicht zu Hause ist, sonst hätte sie ihn mir tüchtig gewaschen. Nur meine Schwiegermutter und ich sind zu Hause.“

Bei diesen Worten trat dieselbe Alte herein, die ihnen vorhin das Tor geöffnet hatte. Der Reisende betrachtete sie mit einem eigentümlich wehmütigen Gefühl. Es war ihm so, als sähe er ein dem Grabe verfallenes Wesen vor sich, in dem eine starke Natur noch einen Rest von Leben festzuhalten suchte, um dem Menschen die ganze Nichtigkeit eines langen Lebens, nach dem er so gierig strebt, vor Augen zu führen. Auf ihren von Runzeln durchfurchten Zügen lag die Gleichgültigkeit des Todes. Kein Funken von Leben oder Interesse war in ihren Augen zu entdecken; nur hie und da richteten sie einen ihrer trüben Blicke auf ihn; doch der hätte sich sehr geirrt, der irgend etwas wie Neugierde in ihnen zu lesen geglaubt hätte. Sie blieben an keinem Gegenstande haften, und alles erschien ihnen in Nebel gehüllt, wie einem Menschen, der sich den Schlaf noch nicht ganz aus den Augen gerieben hat.

Während Laptschinsky solchen Gedanken nachhing, kletterte die Alte auf den Ofen; dies war ihr gewöhnlicher Aufenthalt, ihre ganz Welt, die ihr ebenso geräumig und belebt schien, wie die anderer Menschen; der Hausherr wandte sich seinen Kindern zu. „Sieh mal an, Fedot!“ sagte er und hob den Jungen mit der Sonnenblume mit einem Griff bis an die Decke, „wo hast du diesen fürchterlichen Stengel her? Damit kannst du ja einen Menschen totschlagen! Was machst du da, Karpo? Du erwürgst ja den Kater! Ich habe dir was Süßes mitgebracht! Komm doch her, du Hundesohn, was stehst du da und hältst Maulaffen feil? Seht, Euer Gnaden, so geht’s, hundertmal habe ich ihm schon gesagt, daß ich sein Vater bin, aber er will’s immer nicht glauben, der Taugenichts! Und du Schreihals, wirst du noch lange brüllen? Reich’ mir mal den Stock, ich will’s ihm schon zeigen. Reich’ ihn nur mal her, Marjusja; ich werf’ ihn gleich aus dem Fenster, da können ihn die Wölfe fressen, oder die Polen ...“

„Gott hat dich reich mit Kindern gesegnet, Landsmann!“ sagte unser Gast zum Hausherrn.

„Ja, ’s sind ihrer nicht wenige, Mosjpane, ich habe ihrer sieben. Zwei sind in der Fremde, die sind schon verheiratet, aber der Teufel mag wissen, was die für eine Mitgift bekommen haben: je ein paar Fuß Land, wo nichts außer Steppengras und Beifuß wächst. Nun Fedot, sagst du nicht, danke? Der Herr gibt dir einen Pfefferkuchen, und du verbeugst dich nicht einmal? Bitte küssen Sie ihn nicht, seine ganze Fratze ist ja voller Asche. Als er hörte, daß ich zum Jahrmarkt fahre, da gab es ein Geschrei! Nimm mich mit, Vater! — Ja, was soll ich denn mit dir? Wie soll ich dich mitnehmen, man wird dich dort totdrücken! — Nein, man wird mich schon nicht totdrücken! Nimm mich mit, nimm mich mit! — Ja, aber es gibt doch so viele Zigeuner, die stehlen dich mir noch am Ende weg, — dann heißt’s auf Nimmerwiedersehn! — Nein, nimm mich mit, so ging’s in einem fort weiter. Was sollte man da machen? Er fing so an zu heulen, daß Gott erbarm’. Endlich gelang es mir, ihn zu beruhigen, ich versprach ihm, ein Lebkuchenpferd mit einem goldenen Kopf mitzubringen. Nun, Marjusja, auf die Mutter wollen wir nicht warten, bring’ uns das Abendbrot. Großmutter schläft sicher schon. Also Euer Gnaden,“ fuhr er fort und wandte sich plötzlich, sich am Tisch niederlassend, an den Gast „zu wem sagtest du, willst du reiten? Jetzt wo ich alt bin, da gleicht mein Kopf einem Sieb, man mag noch so viel reingießen, er ist immer leer; sprich so klug, wie du willst, ich vergesse doch alles.“

„Wie Landsmann? ich sagte dir doch — zu Gletschik,“ antwortete der Gast, etwas erstaunt über diese merkwürdige Vergeßlichkeit.

„Zum Mirgoroder Oberst? Da hast du gar nicht nötig, weit zu reiten; kein anderer als er selbst in eigener Person sitzt vor dir, Mosjpane!“

Wenn in diesem Augenblick eine Flintenkugel an Laptschinskys Ohr vorbeigesaust wäre, er hätte nicht mehr erstaunt sein können. Ihm so plötzlich und unerwartet, so unvorbereitet zu begegnen, wo seine Gedanken ganz anderswo umherschweiften — wo er — doch nein — es konnte nicht sein, sicherlich hatte er falsch verstanden. Und seine Augen richteten sich starr auf seinen Wirt, als wollte er sich vergewissern, daß sein Gehör ihn betrogen hätte.

1830.

IV
Über den Unterricht in der Weltgeschichte

I

Die Weltgeschichte in ihrer wahren Bedeutung ist nicht die besondere Geschichte der einzelnen Völker und Reiche, ohne allen Zusammenhang, ohne allgemeinen Plan und allgemeinen Zweck, sie ist keine Reihe von Begebenheiten ohne alle Ordnung, in lebloser, trockener Form vorgetragen, wie man sie sehr häufig darzustellen pflegt: ihr Gegenstand ist etwas ganz Großes: sie soll die ganze Menschheit umfassen und zwar mit einem Blick und in einem vollständigen Bilde, sie soll zeigen, wie sie sich aus ihrer ursprünglichen armseligen Kindheit entwickelt hat, sich allmählich in verschiedenen Richtungen vervollkommnete und endlich die Epoche der Jetztzeit erreichte. Diesen ganzen gewaltigen Prozeß, den der freie Menschengeist durchgemacht hat, der von seiner Wiege an mit ungeheurer Anstrengung und mit blutigen Mitteln gegen die Roheit, die Natur und gegen furchtbare Hindernisse aller Art ankämpfen mußte, darzustellen — das ist der Zweck der Weltgeschichte. Sie soll alle Völker der Erde, die durch Zeit, Zufall, Gebirge oder Meere getrennt sind, sammeln, in ein geordnetes Ganzes vereinigen und ein großartiges, vollkommenes Epos daraus formen; Ereignisse, die keinen Einfluß auf die Welt ausgeübt haben, gehören nicht in sie hinein. Alle Weltereignisse müssen so fest ineinandergefügt sein, so eng ineinander eingreifen, wie die Glieder einer Kette; wenn nur ein Glied springt, zerreißt die ganze Kette. Dieses Band muß man natürlich nicht in buchstäblichem Sinne verstehen: das ist kein sichtbares, greifbares Band, durch das man oft Geschehnisse oder Systeme, wie sie häufig ganz unabhängig von den Tatsachen in den Köpfen zustande kommen, und die man nachträglich mit den Weltereignissen künstlich verbindet, gewaltsam zusammenfügt. Dieses Band darf nur in einer allgemeinen Idee in dem ununterbrochenen Entwicklungsgang der Menschheit bestehen, im Verhältnis, zu dem die Reiche und die Ereignisse nur temporäre Formen und Gleichnisse sind. Die Welt muß in ihrer ungeheueren Majestät dargestellt werden, in der sie sich uns darbietet, durchdrungen von den geheimnisvollen Wegen der Vorsehung, die sich in ihr in so wunderbarer unbegreiflicher Weise kundgeben. Das Interesse muß durchaus und zwar in so hohem Maße angeregt werden, daß die Zuhörer vom Wunsche gequält werden, immer mehr zu erfahren, sie müssen unfähig sein, sich den Vortrag nicht bis zum Schluß anzuhören oder das Buch zu schließen; — und wenn sie das doch tun, so nur zu dem Zweck, um wieder von vorn anzufangen; es muß ihnen klar werden, wie das eine Ereignis ein anderes gebiert und wie ohne das Vorhergehende auch das Folgende nicht da wäre. Nur so kann eine Weltgeschichte geschaffen werden.

II

Alles, was in der Geschichte vorkommt: die Völker und die Ereignisse müssen lebendig dargestellt werden, und sozusagen den Zuhörern oder Lesern vor Augen stehen; jedes Volk, jedes Reich muß seine eigene Welt, seine eigene Farbe bewahren, jedes Volk muß sich mit all seinen Taten, seinem Einfluß auf die Welt und so, wie es war, gleichsam in dem Kostüm, in dem es ehemals auf Erden wandelte, klar und deutlich von den übrigen Völkern abheben. Allein um das zu erreichen, muß man nur ganz wenige Züge zusammenfügen — aber es müssen die eigenartigsten Züge sein, die ein Volk vor allen anderen auszeichnen. Um die charakteristischen Züge ausfindig zu machen, dazu gehört ein klarer Verstand, der imstande ist, alle unauffälligen Nuancen, die dem gewöhnlichen Auge entgehen, zu entdecken, und dazu eine große Geduld, die notwendig ist, um eine Menge häufig ganz uninteressanter Bücher zu durchstöbern. Allein was einer entdeckt hat, kann er andern leicht mitteilen, und so können die Zuhörer es erfahren, ohne selbst die Archive zu durchforschen.

III

Der Lehrer muß auch die Geographie zu Hilfe nehmen, aber nicht in jener kläglichen Gestalt, wie das häufig geschieht, d. h. indem man nur den Ort, wo etwas vorgefallen ist, auf der Karte aufweist. Nein, die Geographie soll uns so manches erklären, was uns ohne sie unbegreiflich erscheinen würde. Sie soll uns lehren, wie die Bodenbeschaffenheit und Lage eines Landes ihren Einfluß auf das Leben ganzer Nationen ausübte; wie sie ihnen einen besonderen Charakter aufdrückte; wie häufig Gebirge, die ewigen von der Natur selbst aufgerichteten Grenzen, den Ereignissen eine gewisse Richtung gaben und das Weltbild veränderten, indem sie die weitere Ausbreitung eines Volkes, das verwüstend durch die Länder zog, aufhielten, oder ein kleines Volk wie in einer uneinnehmbaren Festung einschlossen; wie diese starke Position, die Tatkraft eines Volkes zu wunderbarer Entfaltung brachte, während sie ein anderes zur Starrheit verdammte; die Geographie kann uns Aufschluß geben über den Einfluß der Lage eines Landes auf dessen Sitten, Gebräuche, seine Verwaltung und seine Gesetze; hierbei kann der Schüler erfahren, wie die Staaten entstehen, und daß es nicht allein die Menschen sind, die sie errichten, sondern daß die geographische Lage des Landes die Staatsform unmerklich herbeiführt und entwickelt; daß daher die Staatsformen etwas Heiliges sind und daß ihre Abschaffung unfehlbar das Unglück eines Volkes zur Folge haben muß.

IV

Die großen, universalen Ereignisse müssen in ein klares Licht gestellt und mit all ihren weltumwälzenden Folgen in den Vordergrund gerückt werden, nicht so wie das viele Lehrer tun, die sich damit begnügen zu erklären, dies oder jenes sei ein bedeutendes Ereignis, und nur die nächsten Folgen anführen, wie wenn sie abgehackte Äste aufschichteten, statt die Vorgänge in ihrer ganzen Breite zu entwickeln, alle geheimen Ursachen einer bedeutsamen Erscheinung ans Tageslicht zu ziehen um zu zeigen, wie ihre Folgen gleich gewaltigen Zweigen in die folgenden Jahrhunderte hineinragen, sich immer mehr verästeln, um endlich ganz zu verschwinden, oder aber kaum merklich bis in unsere Zeit fortwirken und verklingen, wie ein mächtiger Ton in der Felsschlucht, der gleich nach seiner Geburt wieder erstirbt aber noch lange in seinem Echo widerhallt. Solche Ereignisse müssen in dieser Weise dargestellt werden, damit jeder klar erkennt, daß sie die mächtigen Leuchttürme der Weltgeschichte sind, daß diese auf ihnen ruht, wie die Erde auf dem ursprünglichen Granitgestein oder wie das Tier auf seinem Knochengerüst.

V

Jetzt noch ein Wort über die Art und Weise des Vortrags. Der Vortrag des Professors muß hinreißend und feurig sein. Er muß die Aufmerksamkeit der Zuhörer im höchsten Grade fesseln. Wenn auch nur einer von ihnen imstande wäre, seine Gedanken während der Vorlesung umherschweifen zu lassen, fällt die ganze Schuld auf den Professor: er hat es dann eben nicht verstanden, interessant zu sein und den Willen wie die Gedanken seiner Zuhörer zu meistern. Es ist schwer, sich es vorzustellen, wenn man es nicht an sich selbst erprobt hat, was für einen schlechten Einfluß es hat, wenn der Vortrag eines Professors matt und trocken ist und wenn ihm die Lebhaftigkeit fehlt, die es dem Hörer unmöglich macht, seine Gedanken, und sei es auch nur für einen Augenblick, auf andre Dinge zu richten. Dann wird ihm auch die größte Gelehrsamkeit nichts helfen, man wird ihn nicht anhören, ja, selbst die größten Wahrheiten werden, von ihm vorgetragen, ohne jeden Einfluß auf die Hörerschaft bleiben, denn ihr Alter ist das Alter der Begeisterung und der starken seelischen Erschütterungen; dann kann es häufig geschehen, daß die unwahrsten Gedanken, die ihnen anderswo in glänzender und anmutiger Form dargeboten werden, sie augenblicklich begeistern und ihrer Entwickelung eine ganz falsche Richtung geben. Was aber geschieht erst, wenn der Professor noch dazu an der alten Schulmethode mit ihren toten scholastischen Regeln festhält, ohne doch selbst die dazu nötige geistige Überzeugungskraft zu besitzen; wenn den jugendlichen, noch in Entwickelung begriffenen Geistern dieser Mangel klar wird und sie sich darüber erheben, so fangen die Zuhörer an, ihren Lehrer zu verachten. Dann reizen sie sogar die richtigen Bemerkungen, die er zuweilen macht, zum Lachen, und in den jungen Seelen regt sich in Denken und Handeln der Widerspruch gegen den Lehrer. In seinem Munde erhalten die allerheiligsten Worte: wie Anhänglichkeit an die Religion, Vaterlandsliebe und Kaisertreue für sie etwas Banales. Leider können wir gar nicht selten beobachten, was das für furchtbare Folgen hat, und daher sollte man nie außer acht lassen, daß das Alter der Hörer das Alter der starken Eindrücke ist; man muß einen hinreißenden Schwung und eine begeisternde Kraft besitzen, um diesen Enthusiasmus auf das Schöne und Gute zu richten; und daher muß der Vortrag des Professors selbst von Enthusiasmus durchdrungen sein. Seine Überzeugungen müssen so fest, so natürlich sein und so sehr aus seinem tiefsten Wesen hervorquellen, daß die Zuhörer die Wahrheit schon erkennen lernen, noch ehe er sie ganz vor ihren Augen enthüllt hat. Der Vortrag des Professors muß sich zeitweise ins Erhabene steigern, er muß hohe Gedanken enthalten und erwecken, dabei aber muß er doch einfach und für jeden verständlich bleiben: wahrhafte Größe erscheint stets in erhabener Schlichtheit; denn wo Größe ist — da ist auch Einfachheit! Der Professor darf sich nicht damit begnügen, nur von einzelnen verstanden zu werden, nein, alle sollen ihn verstehen. Um sich leicht verständlich zu machen, muß er nicht mit Gleichnissen geizen. Wie oft wird das Klare durch ein Gleichnis noch weit klarer.

Diese Gleichnisse muß er stets einem Gebiet entnehmen, das seinen Zuhörern gut bekannt ist. Dann wird sowohl das Ideale wie das Abstrakte verständlich. Er muß nicht zuviel reden; dadurch ermüdet er die Aufmerksamkeit seiner Hörer, denn eine allzu große Kompliziertheit der Gegenstände, ihr Übermaß erschwert es dem Zuhörer, alles in seinem Gedächtnis festzuhalten. Jede Vorlesung eines Professors muß unbedingt ein Ganzes bilden und den Eindruck des Abgeschlossenen machen, sie muß sich dem Geist des Zuhörers als eine wohlgeordnete Dichtung darstellen, und sie müssen von vornherein erkennen, was dies Ganze enthalten soll und was es tatsächlich enthält; dann werden auch sie bei der Wiedererzählung immer das Ziel und das Ganze im Auge behalten. Dies ist besonders notwendig in der Geschichte, wo kein Ereignis ziel- und planlos eintritt.

VI

Auf Grund vieler Beobachtungen und einer langen Prüfung meiner selbst wie meiner Zuhörer halte ich folgenden Lehrplan für den besten:

Vor allem halte ich es für unbedingt notwendig, den Hörern eine vollständige Skizze von der Geschichte der Menschheit zu geben, und zwar in wenigen, aber starken Worten und in ununterbrochener Reihenfolge, damit sie das Ganze dessen, wovon die Vorlesungen handeln sollen, mit einem Blick überschauen; sonst werden sie den ganzen Mechanismus der Geschichte nicht so klar und nicht so schnell erfassen, wie es ja auch unmöglich ist, eine Stadt vollständig kennen zu lernen, indem man nur durch all ihre Straßen hindurchgeht, dazu muß man einen erhöhten Standpunkt einnehmen, von dem aus die Stadt wie auf der Handfläche vor einem liegt. Ich will hier einen Entwurf dieser Skizze geben, um zu zeigen, in welcher Art und in welchem Zusammenhang die Geschichte dargestellt werden muß.

Vor allem muß ich darlegen, wie die Menschheit im Orient ihren Ursprung nimmt. Ich muß zuerst den Orient mit seinen alten patriarchalischen Staaten, mit seinen in ein tiefes Geheimnis gehüllten und dem einfachen Volke noch unverständlichen Religionen schildern; die hebräische Religion bildet hierin eine Ausnahme, denn in ihr hat sich die reine und ursprüngliche Kunde von dem wahrhaftigen Gott erhalten. Ich würde schildern, wie diese alten Reiche durch Intoleranz und chinesische Ängstlichkeit, gleich unübersteiglichen Mauern, voneinander getrennt waren, wie nur das Volk der Phönizier, dieses erste Seevolk der Alten Welt, diese starren Reiche durch seinen Handel und seine Industrie unfreiwillig miteinander in Berührung brachte, und wie der erste Welteroberer Cyrus mit seinem frischen, starken Perservolk den ganzen Osten seiner Macht unterwarf und so viele verschieden geartete Völker gewaltsam zusammenschweißte; doch blieben die Sitten, die Religionen und die Staatsformen in all diesen Reichen unverändert; die Könige verwandelten sich nur in Satrapen, und der ganze Orient beugte sich unter eine höchste Gewalt, den König der Könige, den Beherrscher Persiens. Ich würde darstellen, wie diese Völker durch den gemeinschaftlichen Verkehr allmählich ihre Besonderheiten und ihre Nationalität verloren und zusammen mit dem König der Könige, der, fast wie ein Gott verehrt, dem Volke unsichtbar blieb, dem asiatischen Luxus verfielen. — Hier mache ich halt und wende mich dem anderen Teil der Alten Welt, d. h. Europa zu. Ich muß nun schildern, wie sich hier das griechische Volk, diese höchste Blüte der Antike entfaltete; sein lebhafter Verstand, seine Wißbegierde, sein republikanischer Geist, seine so anders gearteten Staatsformen, seine poetische Religion, seine klaren, lebendigen Ideen widersprachen in jeder Beziehung dem gewichtigen, geheimnisvollen Wesen des Orients; ich würde nun schildern, wie die Kultur Griechenlands sich zu ungewöhnlichem Glanz entwickelte, wie endlich ein ehrgeiziger Grieche das ganze Land der monarchischen Gewalt unterwarf, und wie dieser große Mann den gigantischen Plan faßte, den Orient mit Europa zu vereinigen und die griechische Kultur überall hinzutragen. Um nun die drei Weltteile fester miteinander zu verbinden, wird die Stadt Alexandrien gegründet, der Held stirbt und mit ihm stürzt auch das Weltreich in Trümmer. Aber seine Taten bleiben lebendig, und ihre Früchte reifen; das berühmte alexandrinische Zeitalter bricht an, die ganze Alte Welt drängt sich in den Häfen Alexandriens, die griechischen Gelehrten weilen in allen Städten, die Nationalitäten verschwinden aufs neue, und die Völker schmelzen wieder zusammen. Unterdessen aber reift in Italien fast unbemerkt die eherne Gewalt der Römer heran.

Ich würde nun schildern, wie dieses wilde kriegerische Volk sich ein Reich nach dem anderen unterwirft, sich an den zusammengeraubten Gütern bereichert und den ganzen Orient verschlingt. Seine Legionen dringen selbst bis in die Länder Europas, deren Besitz den Menschen nichts mehr zu bieten vermag. Schon Cäsar setzt seinen Fuß auf Britanniens Boden, und der römische Adler weht über den Felsen von Albion ... Während dessen speien die unbekannten Steppen Mittelasiens ganze Massen fremder Völker aus, die andere Stämme verdrängen und vor sich herjagen und sie nach Europa treiben, sie folgen ihnen auf den Fersen durch die Wälder Germaniens, und durch unpassierbare Sümpfe gegen die Römer gedeckt, machen sie erst im Norden halt, drohend wie ein furchtbares Ungetüm, das des ihm verfallenen Opfers harrt. Allmählich haben alle Reiche ihre Unabhängigkeit verloren. Die ganze Welt ist in römische Provinzen eingeteilt. Die Römer eignen sich alles von den unterworfenen Völkern an — erst ihre Laster, dann auch die Kultur — wieder mischt sich alles durcheinander. Alle Menschen werden Römer — und doch gibt es keinen wahren Römer mehr. Und während lasterhafte Imperatoren, Prätorianerheere, freigelassene Sklaven und Veranstalter grausiger Schauspiele die Welt tyrannisieren, findet in ihrem Schoße unbemerkt ein gewaltiges Ereignis statt: inmitten der Alten Welt wird eine neue geboren. Von niemand erkannt, vollzieht sich die Fleischwerdung des göttlichen Heilandes — und das ewige Wort ertönt, unverstanden von den Großen der Welt, in den Gefängnissen und Wüsten und erwartet geheimnisvoll die neuen Völker. Endlich senkt sich ein rätselhafter lethargischer Schlaf auf die ganze antike Welt, jene schreckliche Starrheit und jenes furchtbare Absterben des Lebens, während dessen die Kultur weder vorschreitet noch sich zurückentwickelt, Kraft und Charakter verschwinden, und sich alles in eine elende, armselige Etikette und in jämmerliche, lasterhafte Charakterlosigkeit verwandelt. Unterdessen erfolgt in Asien ein neuer Stoß, der wie ein elektrischer Funke die ganze Kette durchläuft: ein Volk drängt und jagt das andere vor sich her, dieses treibt das dritte vorwärts, und die am meisten vorgeschobenen Nationen erscheinen schon an den Grenzen des römischen Reiches, während die armseligen Welteroberer ihre letzten Kräfte zusammenraffen, um sich zu retten; erst versuchen sie sich mit Gold loszukaufen, dann dingen sie ein Heer von Verteidigern; sie treten den Eindringlingen eine Provinz nach der anderen ab, bis auf die letzte und endlich auch Rom, alle Gebildeten, die sich noch eine Spur von Kenntnissen bewahrt haben, fliehen nach Osten, und der Rest, die Ungebildeten und Schwachen, geht in der Masse des neuen Volkes unter.

Ich würde schildern, wie in Europa ein neues Leben beginnt, wie barbarische Reiche innerhalb der ihnen von der Natur gezogenen Grenzen entstehen und das Christentum annehmen. Ich würde die feudalen Rechte, die Vasallenstaaten schildern, und darstellen, wie der mächtige Papst, der ursprünglich nur römischer Bischof war, zu einem gewaltigen Herrscher wird und seiner großen geistlichen Macht allmählich auch die weltliche hinzufügt. Unterdessen wird im Osten der Rest der Römer von einem neuen starken Volk bedrängt und unterworfen, das ganz plötzlich und in beinahe phantastischer Weise auf der steinigen arabischen Halbinsel geboren, von dem halb wahnsinnigen Enthusiasmus Muhammeds und seiner echt orientalischen Religion fast bis zur Raserei getrieben wird. Ich würde schildern, wie dieses Volk mit dem krummen asiatischen Säbel in der Hand durch den Islam die Überbleibsel früherer griechischer Kultur verdrängt, und wie überraschend schnell diese herrliche Nation aus einem Eroberer zu einem Kulturträger wird, sich zu vollem Glanz entfaltet, und wie dieses Volk mit seiner herrlichen Phantasie, seinen tiefen Gedanken und seiner lebendigen Poesie plötzlich erlischt und von den Nomaden, die vom Kaspischen Meere herkommen, verdunkelt wird, indem es ihnen den Islam als Erbe hinterläßt. Fast um dieselbe Zeit tauchten in Europa die Normannen, diese Korsaren der nördlichen Meere, auf: mit unerhörter Kühnheit kommen sie, trotz ihrer geringen Zahl, plündernd dahergezogen, erobern ganze Reiche, vertauschen ihre barbarische Religion gegen das Christentum und führen Europa ihre Kraft und ihre Sitten zu.

Indessen wird der Papst allmählich der unumschränkte Beherrscher Europas, und selbst der von allen Völkern geachtete deutsche Kaiser wagt es nicht, sich wider ihn zu erheben; auf seinen Wink verlassen ganze Völker, Vasallen und Könige ihr Land und ihre Besitztümer, nähen das rote Kreuz auf ihre Achseln und ziehen begeistert nach Palästina. Ich würde erzählen, wie ganz Europa sich aufmacht und nach Asien zieht — wie der Osten und der Westen und die beiden großen Mächte Islam und Christentum aufeinandertreffen und wie dieses Ereignis das Rittertum erzeugt, das in ganz Europa zur Herrschaft gelangt; es entstehen die Ritterorden, die ihre Mitglieder zu einem ehelosen Leben in der Einsamkeit verdammen, nur um dem einen Ziel zu dienen, und so beginnt das tiefreligiöse christliche Zeitalter. Ich würde darlegen, wie dann die religiöse Begeisterung die Grenzen, die ihr die Hand des göttlichen Heilands gezogen hatte, überschreitet und wie um dieselbe Zeit, ganz ohne daß Europa es bemerkt, eine große, weltgeschichtliche Episode anbricht. Um diese Zeit entsteht das nach seiner Größe unermeßliche Reich des Dschingis-Chan und verschlingt alle Länder Asiens, die den Europäern unbekannt waren. In Europa besaßen nur die Klöster eigenes Land und feste Wohnsitze; alles verwandelt sich in fahrendes Rittertum, alles nomadisiert, alles irrt unruhig hin und her; jeder ist zugleich Krieger und Befehlshaber, Vasall und Herrscher, jeder gehorcht und gebietet zugleich — es ist das Jahrhundert der größten Zersplitterung und zugleich der größten Einheit. — Jeder unterwirft sich nur dem eigenen Willen, und doch sind alle in einem Ziel, in einem Gedanken verbunden. Nachdem die armen Landleute viel Ungemach erlitten, beschließen sie, sich von ihren Unterdrückern unabhängig zu machen und in Städten zu vereinigen. Es bildet sich der Mittelstand, die Städte fangen an, reich zu werden, und im Norden Europas entsteht die Hansa, als Schutzwall gegen die Raubritter, diese verbindet bald durch ihren Handel allmählich alle nordeuropäischen Staaten. Im Süden aber erblüht als Frucht der Kreuzzüge das durch seine Handelsgewalt so imponierende Venedig, diese Königin des Meeres, diese herrliche Republik, mit ihrer außerordentlich komplizierten und merkwürdigen Verfassung. Alle Reichtümer Europas und Asiens gehen unmerklich in ihre Hände über. So wie der Papst Europa durch seine religiöse Macht beherrscht, ebenso beherrscht es Venedig durch seinen unermeßlichen Reichtum. Der geistliche Despot ließ kein Mittel unversucht, den venezianischen Handel zu zerstören, aber alles war vergeblich, bis endlich ein Bürger Genuas durch seine Entdeckung der Neuen Welt ihn vernichtete. Schließlich müßte ich schildern, wie sich der Aktionskreis der Geschichte plötzlich erweitert und der Handel des Mittelmeers zurückgeht. Die Europäer eilen habgierig nach Amerika und führen von dort Berge von Gold ein. Der Atlantische und der Große Ozean sind in ihrer Macht, um dieselbe Zeit dringen die päpstlichen Missionare bis in das nordöstliche Asien und Afrika vor, und die Welt tut sich fast plötzlich in ihrer unendlichen Größe auf. Jetzt aber beginnt man in Europa allmählich, an der Rechtmäßigkeit der päpstlichen Gewalt zu zweifeln, und wie ehemals ein armer Genueser den Handel Venedigs vernichtete, so erschütterte jetzt ein Augustinermönch, Luther, die Macht des Papstes. Ich würde erzählen, wie dieser Gedanke in dem Kopf des bescheidenen Mönches entstand, und wie er seine Thesen kraftvoll und trotzig verteidigte; wie dann der Papst bei seinem Sturz noch furchtbarer und erfinderischer wurde, wie er die schreckliche Inquisition und den, durch seine unsichtbare Macht Schrecken verbreitenden Jesuitenorden schuf, wie letzterer sich über die ganze Welt verbreitete, überall eindrang und einschlich und geheime Verbindungswege mit allen Enden der Welt herstellte.

Aber je härter der Papst wurde, um so eifriger arbeiteten die Druckerpressen. Ganz Europa teilte sich in zwei Parteien, und diese feindlichen Lager griffen endlich zu den Waffen, ein langer, harter Krieg innerhalb und außerhalb der Staaten entbrannte plötzlich in ganz Europa. Jetzt wurde nicht mehr mit Pfeil und Bogen gekämpft, sondern mit Kanonen und Kugeln, mit Donner und Blitz; dieser furchtbare Streit wurde mit Hilfe der schrecklichen und unheilvollen Erfindung eines Mönchs und Alchimisten ausgefochten. Die geistliche Macht sinkt immer mehr, und die weltlichen Herrscher erstarken. Dann müßte man darstellen, wie sich Europa nach diesen Kriegen veränderte. Die einzelnen Staaten und Völker schließen sich immer inniger zu unteilbaren Massen zusammen. Die frühere Teilung der Gewalten, die im Mittelalter vorherrschte, hat aufgehört. Die ganze Macht konzentriert sich nunmehr in einer Person. Hierdurch kommen die starken Charaktere mehr zur Geltung, der Wirkungskreis der Herrscher, ihrer Minister und Feldherrn erweitert sich. Ganz von selbst entsteht in Europa ein Völkerbund, der mit Waffengewalt die Unantastbarkeit eines jeden Reiches verteidigen will. Unterdessen ergreifen unermüdliche holländische Kaufleute, die ihr Land mit Gewalt dem Meere abgerungen, Besitz von den Inseln des Indischen Ozeans und verdienen Millionen durch die Kultur der kostbaren, exotischen Gewächse, sie reißen, wie einstmals Venedig, den Handel der ganzen Welt an sich, bis ein hervorragender Fürst, die Unantastbarkeit der Staaten mißachtend, auch diesen Handel wieder vernichtet. Ich würde das glänzende Zeitalter schildern, das dieser König (Ludwig XIV.) herbeiführte; Frankreich strotzte förmlich von Erzeugnissen des Luxus, die französischen Fabriken, die französischen Gelehrten taten sich überall hervor, Paris wurde die Hauptstadt der Welt, wo sich ganz Europa ein Rendezvous gab, und französische Sprache, französische Sitten und französische Etikette verbreitete sich über die europäische Welt. Aber indem dieser ehrgeizige König die Unantastbarkeit fremden Besitzes mißachtete und den holländischen Handel zugrunde richtete, zerstörte er auch seinen eigenen Staat und vernichtete seine eigene Größe. Schnell macht sich das britische Inselvolk, das bis dahin sein Ziel langsam aber sicher verfolgt hatte, diesen Umstand zunutze und steht plötzlich als Beherrscher des ganzen Welthandels da, bald setzt es in Indien Millionen um, besteuert Amerika, und wo es ein Meer gibt, da weht die britische Flagge. Ihr tritt Napoleon, dieser Riese des XIX. Jahrhunderts, in den Weg, und er bedient sich dabei einer anderen Waffe — eines absoluten militärischen Despotismus; mit seinen stürmischen Bewegungen bringt er ganz Europa außer Fassung und legt ihm sein eisernes Protektorat auf. Umsonst wettert Pitt im englischen Parlament gegen ihn, umsonst bringt er seine schrecklichen Bündnisse zustande. Niemand hat den Mut, Napoleon zu widerstehen, bis er selbst sich ins Verderben stürzt, indem er einen Vorstoß nach Rußland macht, wo ihn ein unbekanntes Land, die Härte des Klimas und ein durch eine rauhe Taktik gestähltes Heer zugrunde richten. Rußland, das diesen Riesen an seiner uneinnehmbaren Feste zerschellen ließ, hält nun im weiten Nordosten in drohender Majestät die Wacht; die befreiten Staaten nehmen wieder ihr früheres Aussehen und ihre alten Formen an und schließen von neuem einen Bund zum Schutz ihres Besitzes. Die Bildung und die Kultur, die sich durch nichts hemmen läßt, beginnt, sich allmählich auch in den unteren Klassen zu verbreiten, die Dampfmaschinen lassen die Industrie eine bewunderungswürdige Vollkommenheit erreichen, leisten den Menschen, gleich unsichtbaren Geistern, Hilfe und lassen seine Kraft immer schrecklicher, zugleich aber auch wohltätiger werden: mit heiligem Schaudern erkennt er, wie das Wort aus Nazareth endlich sich über die ganze Welt ergießt.

Wenn die Weltgeschichte in eine so kurze aber vollständige Skizze gefaßt wird, und alle Ereignisse in dieser Weise untereinander verbunden werden, dann wird nichts dem Gedächtnis der Zuhörer entschwinden, und in ihren Köpfen wird sich unwillkürlich ein Ganzes bilden. Und schließlich wird diese Skizze sich nach allen Seiten hin erweitern und eine vollständige Geschichte der Menschheit darstellen.

VII

Nach der Darstellung der ganzen Menschheitsgeschichte würde ich die Geschichte der einzelnen Staaten und Völker, die den großen Mechanismus der Weltgeschichte bilden, behandeln. Natürlich muß auch hier bei der Betrachtung jedes Einzelnen die Fülle und Abgeschlossenheit gewahrt werden. Ich muß die Geschichte jedes Staates mit einem Blick von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende umfassen, muß zeigen, wie ein Reich gegründet wurde, wann es seine höchste Macht und seinen höchsten Glanz erreichte, wann und warum es unterging (wenn es überhaupt unterging) und wie es die Gestalt annahm, die es noch heutzutage besitzt; wenn ein Volk vom Angesicht der Erde verschwunden ist, dann müßte man aufzeigen, wie ein neues an seine Stelle trat und was dies letztere von dem früheren übernommen hat.

VIII

Damit das Vorgetragene sich dem Gedächtnis noch tiefer einprägt, ist nach Beendigung des Kursus noch eine wiederholende Übersicht notwendig. Damit aber diese Wiederholungen ihren Zweck besser erfüllen, muß man sich bemühen, ihnen das Interesse und die Anziehungskraft der Neuheit zu geben. Nach der Geschichte der Welt im allgemeinen und der eines jeden Landes und Volkes im besonderen ist es ratsam, eine Übersicht über alle Erdteile zu geben und hierbei auf ihre Verschiedenheiten und die Besonderheiten der sie bewohnenden Völker hinzuweisen, damit die Zuhörer selbst ihre Schlüsse daraus ziehen können.

Zuerst müßte man mit Asien anfangen, dieser großen Wiege der jungen Menschheit, des Kontinents der ungeheuren Umwälzungen, wo plötzlich ganze Völker von furchtbarer Größe auftauchen und ebenso plötzlich wieder von anderen verschlungen werden; wo so viele Nationen eine nach der anderen für immer verschwinden, während die Regierungsformen und der Geist der Völker dieselben bleiben; noch heute ist der Asiat immer gleich hochmütig und stolz, schnell begeistert und von Leidenschaft ergriffen; und ebenso schnell verfällt er wieder der Trägheit und dem tatenlosen Genußleben; zugleich ist dieser Erdteil der Schauplatz der großen Widersprüche und einer gewaltigen Unordnung; noch immer wandert ein Volk von unübersehbarer Menschenzahl mit unzähligen Roßherden sorglos von Ort zu Ort, während am anderen Ende, irgendwo in der Wüste, ein rasender Fanatiker, ganz blaß und abgemagert vom beständigen Fasten, über einer neuen Religion brütet, die einmal ganz Asien erfassen, das ganze Volk in eine leidenschaftliche Begeisterung versetzen, gleichsam in einen undurchdringlichen Panzer hüllen und es seinem Verderben entgegenführen soll; zugleich aber ist es möglich, daß dicht daneben ein anderes Volk lebt, das, von Luxus umgeben und angefressen von asiatischer Übersättigung, schon alle diese Phasen und Krisen längst hinter sich hat. Nur hier können diese merkwürdigen Gegensätze existieren, die wir an den Bäumen des Südens beobachten, wo sich an demselben Zweige eine Blüte entfaltet, eine andre schon eine Frucht ansetzt, eine dritte reift und zugleich eine vierte überreif zu Boden fällt.

Dann muß man zu Europa übergehen, dessen Geschichte einen ganz entgegengesetzten Charakter hat, wo das Leben der Völker im Gegensatz zu Asien viel länger und viel großartiger ist und alles Ordnung und Regelmäßigkeit atmet; hier bewegen sich die Völker Schritt für Schritt und in gemessenem Takte wie reguläre europäische Truppen; fast alle Staaten wachsen und entwickeln sich hier zu gleicher Zeit. Trotz aller Verschiedenheiten der einzelnen Nationen beobachtet man hier eine allgemeine Einheitlichkeit, sie sind alle so wunderbar miteinander verflochten, daß sie nur im Zusammenhang mit dem ganzen Europa verstanden werden können, und so erscheint Europa selbst fast wie ein einziger geeinigter Staat. In diesem kleinen Teil der Welt kam ein alter Prozeß zum Austrag: der Mensch erhob sich über die Natur, und die Natur ward zur Kunst; ja ihre Armut und ihre Sprödigkeit brachte erst die unendliche Welt ans Licht, die im Menschen verborgen lag, ließ ihn fühlen, wie hoch er über allem Irdischen stand, und ließ das Sein der Welt als ein ewiges Leben des Geistes erscheinen. Nur in diesem Erdteil entfaltete sich der hohe Genius des Christentums ganz, und schwebt der unermeßliche Gedanke, beschattet vom himmlischen Zeichen des Kreuzes über ihm, wie über seiner Heimat.

Dann folgt Afrika, das im Gegensatz zu Europa den geistigen Tod darstellt, wo die Natur stets despotisch über den Menschen herrscht, wo sie ihn in ihrer königlichen Majestät immer wieder in seinen Urzustand, das sinnliche Leben, zurückstieß; wo kein einziges einheimisches, eingeborenes Volk sich zu vollem Leben entwickelte, und einen hellen Lichtstrahl in die Welt sandte, und wo selbst die Kolonisten aus andern Ländern vergeblich den Kampf mit der glühenden, afrikanischen Natur aufnahmen, denn je tiefer sie in das Innere Afrikas eindrangen, desto mehr verfielen sie den sinnlichen Trieben.

Und endlich — Amerika, — diese Weltkolonie, dieses Babel aller möglichen Nationen, wo sich drei verschiedene Erdteile trafen, sich miteinander mischten, aber noch zu keinem Ganzen verschmolzen und daher auch bis heute noch keine Einheit, nicht einmal die der Religion erreicht haben. Trotzdem es in seinen Teilen so manches Charakteristische an sich hat, hat es doch noch keinen allgemeinen Charakter ausgebildet; noch immer besteht es trotz der großen Massen, die es umfaßt, noch aus unorganisierten Urkräften und Urelementen und gleicht, obwohl es aus lauter unabhängigen Staaten besteht, noch immer einer Kolonie.

Ein flüchtiger Überblick über die Geschichte eines jeden Erdteils in seinen am stärksten ausgeprägten Charakterzügen, die Darstellung der tiefsten Ergebnisse der Jahrhunderte und der sich in ihnen abspielenden Begebenheiten, nicht etwa nur ihrer oberflächlichen Resultate, sind darum eine Notwendigkeit, weil sie die Zuhörer zum Nachdenken veranlassen und Gedanken bei ihnen auslösen. Ihr Geist arbeitet schneller, wenn er sich Fragen von echter und poesievoller Größe gegenübersieht. Solch ein Überblick ist schon deshalb so notwendig, weil er dieselben Objekte häufig in einem andern Lichte zeigt. Denn um einen Gegenstand ganz zu verstehen, muß er von allen Seiten beleuchtet werden, oder, wie Schlözer einmal sagt, man kennt die Geschichte nur dann gut, wenn man sie von vorn bis hinten, von rechts nach links und in allen Richtungen kennt.

IX

Daher ist es gut, nach Beendigung des Kursus die ganze Weltgeschichte noch einmal nach einzelnen Jahrhunderten gleichsam in Form eines Epilogs zu überblicken. Dann wird die Weltgeschichte wie eine Stufenfolge der Jahrhunderte vor uns stehen. Dabei muß man unbedingt darauf hinweisen, wodurch der Anfang, die Mitte und das Ende eines jeden Jahrhunderts gekennzeichnet sind, und ferner — seinen Geist und seine hervorstechenden Züge darstellen. Um jedes Jahrhundert genauer zu charakterisieren und eine gewisse Monotonie der Jahreszahlen zu vermeiden, würde ich es nach dem Namen des Volkes oder des Mannes bezeichnen, die sich in dem betreffenden Zeitraum weit über die andern emporschwangen und sich am intensivsten auf der Weltenbühne betätigten. Eine solche Stufenleiter der Jahrhunderte ist das beste Mittel, dem Gedächtnis der Zuhörer den Synchronismus der Ereignisse, der Erscheinungen und der Personen einzuprägen.

X

Mir scheint, daß solch eine Art des Unterrichts natürlicher wäre und der Wahrheit mehr entsprechen würde. Jedenfalls wird der, der die Erhabenheit der Geschichte im Tiefsten erfaßt hat, einsehen, daß sie nicht das Erzeugnis einer plötzlichen Eingebung, sondern die Frucht einer sorgfältigen Überlegung und Erfahrung ist; daß hierbei kein Epitheton, und kein einziges Wort nur aus Stilrücksichten oder eitler Schönrednerei verloren wurde, sondern daß es das Resultat eines langen Studiums der Weltchroniken ist; daß selbst der Entwurf einer allgemeinen und vollständigen Skizze der allgemeinen Weltgeschichte, der selbst, wenn er so kurz ist, wie das hier geschildert wurde, nicht anders möglich ist, als indem man die allerfeinsten und verwickeltsten Fäden der Geschichte aufgespürt und entwirrt hat, und daß nur die Liebe zur Wissenschaft, die einem zum Genuß ward, einen dazu bewegen konnte, seine Gedanken darzustellen, daß unser Zweck dabei die Herzensbildung der jungen Zuhörer durch jene gründliche Erfahrung ist, wie sie uns durch die Geschichte vermittelt wird, sofern wir sie nur in ihrer wahren Größe erkennen.

Sie sollen erkennen, daß wir nur einen Zweck im Auge haben, in unseren Zuhörern feste und männliche Grundsätze zu entwickeln, die fortan kein leichtsinniger Fanatiker und keine vorübergehende Erregung zu erschüttern vermögen — sie zu bescheidenen, demütigen, vornehmen Charakteren und zu nützlichen und notwendigen Mitarbeitern des großen Königs zu machen, auf daß sie weder im Glück noch im Unglück ihre Pflicht, ihren Glauben, ihre unantastbare Ehre und ihr Gelübde, treue Diener des Vaterlandes und des Kaisers zu sein, verletzen.

1832.

V
Ein Überblick über das Werden Kleinrußlands[2]

I

Welch furchtbar armselige Rolle spielt doch das XIII. Jahrhundert in der Geschichte Rußlands. Hundert kleine Staaten, die einer Rasse entstammen, einen Glauben bekennen, eine Sprache sprechen, gemeinsame Charaktereigentümlichkeiten haben und — fast möchte es scheinen, gegen ihren Willen, durch Blutsverwandtschaft untereinander verbunden sind — alle diese kleinen Reiche waren so miteinander verfeindet, wie dies selbst unter verschiedengearteten Völkern nur selten vorkommt. Nicht Haß (denn einer wirklich starken Leidenschaft waren sie nicht fähig), auch nicht eine stetige Politik als Folge eines unbeugsamen Sinnes oder reifer Lebenserkenntnis waren es, die sie trennten: es war ein Chaos von Kämpfen um vorübergehender, momentaner Vorteile willen, und diese Streitigkeiten waren um so verderblicher, weil sie den Volkscharakter, der unter den starken normannischen Fürsten angefangen hatte, eine eigenartige Physiognomie anzunehmen, allmählich zersetzten. Die Religion, die die Völker mehr denn alles andere miteinander verbindet und erzieht, hatte nur wenig Einfluß auf sie; denn sie war damals noch nicht mit den Gesetzen und mit dem Leben verwachsen. Die Mönche, die Lehrer, ja sogar die Metropoliten waren Einsiedler, die sich in ihre Zellen zurückzogen und ihre Augen vor der Welt verschlossen; sie beteten zwar für alle Menschen, aber verstanden es nicht, mit Hilfe ihrer gewaltigen Waffe: des Glaubens — Macht über das Volk zu erringen und mit diesem Glauben die kleine Flamme des Glaubenseifers bis zum Enthusiasmus zu schüren, der doch allein imstande ist, junge Völker zu verbinden und sie für große Taten zu begeistern. Das war der große Unterschied gegenüber dem Westen, wo der allmächtige Papst ganz Europa mit seiner geistlichen Macht umspann, wie mit einem unsichtbaren Spinngewebe, wo sein allmächtiges Wort Streitigkeiten schlichtete oder entfachte, und wo die Bedrohung mit seinem furchtbaren Fluch die Leidenschaften und die noch halbwilden Völker bändigte. Hier waren die Klöster noch Zufluchtsstätten für die Menschen, die sich durch ihre Sanftmut und Güte von dem allgemeinen Charakter des Jahrhunderts abhoben. Nicht selten redeten die Geistlichen von ihren Höhlen und Klöstern aus den Teilfürsten ins Gewissen; aber ihre Ermahnungen blieben erfolglos, die Fürsten verstanden es nur, zu fasten und Kirchen zu bauen, damit glaubten sie, den Anforderungen des Christentums Genüge geleistet zu haben: es als ein Gesetz zu achten und sich seinen Geboten zu fügen, verstanden sie nicht. Die geringfügigsten Ursachen hatten endlose Kriege zur Folge. Das waren keine Kriege zwischen dem König und seinen Lehnsmännern oder der Vasallen untereinander — nein — das waren Zwistigkeiten zwischen Blutsverwandten, zwischen leiblichen Brüdern, Vätern und Kindern. Nicht Haß oder starke Leidenschaft fachten sie an — nein — der Bruder erschlug seinen Bruder um eines Stückes Land willen, oder auch nur um Mut und Kühnheit an den Tag zu legen. Welch schreckliches Beispiel für das Volk! Blutsverwandtschaft galt für nichts, denn die Bewohner zweier benachbarter Teile, die alle untereinander verwandt waren, waren jeden Augenblick bereit, mit der Wut von Wölfen übereinander herzufallen. Es war nicht ererbte Zwietracht, die sie antrieb, denn der Freund von heute wurde zum Feinde von morgen und umgekehrt. Das Volk hatte eine kaltblütige Bestialität angenommen: es mordete, ohne recht zu wissen warum. Kein starkes Gefühl, weder Fanatismus, noch Aberglaube, ja nicht einmal ein Vorurteil konnten es begeistern, und es schien, als seien alle starken und hohen menschlichen Leidenschaften in ihm erloschen; wenn zu jener Zeit ein Genie erschienen wäre, das den Wunsch gehabt hätte, mit diesem Volk etwas Großes zu vollbringen, es hätte keine Saite gefunden, bei der er es hätte fassen können, um diesen gefühllosen Körper aufzurütteln; es sei denn etwa die eiserne physische Kraft. Damals schien die „Geschichte“ gleichsam erstarrt zu sein und sich in „Geographie“ verwandelt zu haben: das einförmige Leben, das sich in den einzelnen Teilen regte, aber als Ganzes starr und unbeweglich dalag, konnte als geographisches Zubehör des Landes gelten.

II

Da nun trat ein wunderbares Ereignis ein. In Asien, im Herzen dieses Erdteils Asien, in diesen Steppen, die schon so viele Völker über Europa ausgegossen hatten, erhob sich jetzt das furchtbarste und zahlreichste von allen, dessen Eroberungszüge eine Ausdehnung annahmen, wie nie vorher. Die fürchterlichen Mongolen, mit ihren zahllosen Roßherden und Zeltwagen, wie sie in Europa noch nie gesehen worden waren, überfluteten Rußland, und mit echt asiatisch-barbarischer Freude bezeichneten sie ihren Weg durch flammende Rauchsäulen und Feuersbrünste. Diese Invasion unterwarf Rußland einer zweihundertjährigen Sklaverei und entzog es den Blicken Europas. War dies nun eine Rettung, indem es Rußland seine Selbständigkeit wahrte, da doch die Teilfürsten seine Integrität gegenüber den litauischen Eroberern kaum aufrecht erhalten hätten, oder war es eine Strafe für die fortwährenden Streitigkeiten — genug, dieses furchtbare Ereignis zog gewaltige Folgen nach sich: es erlegte den Fürstentümern Nord- und Mittelrußlands ein schweres Joch auf, schuf aber zugleich im Süden ein neues slawisches Geschlecht, ein Geschlecht dessen ganzes Leben in einem beständigen Kampf bestand und dessen Geschichte ich hier schildern will.

III

Am meisten hatte Südrußland unter den Tataren zu leiden gehabt. Niedergebrannte Städte und Felder, verkohlte Wälder, das alte Kiew in Trümmern, menschenleere Wüsten — das war der Anblick den dies unglückliche Land darbot. Die erschrockenen Einwohner flohen nach Polen oder nach Litauen; zahlreiche Edelleute und Fürsten wanderten nach dem Norden Rußlands aus. Schon früher war die Zahl der Bevölkerung in dieser Gegend sichtlich zurückgegangen. Kiew war längst nicht mehr die Hauptstadt, und die bedeutenderen Fürstentümer hatten sich nach Norden hinaufgezogen. Es schien, als hätte das Volk seine eigene Nichtigkeit erkannt, denn es verließ die Plätze, wo die bunte Natur ihre Erfindungskraft zu entfalten beginnt; herrliche, unübersehbare Steppen breiten sich hier aus und die verschiedenartigsten Gräser von gigantischer Höhe bedecken sie; hie und da steigen unvermittelt ganz mit wilden Kirschbäumen und Edelkirschen übersäte Hügel auf, oder es tut sich ein blumengeschmückter Abgrund vor uns auf, viele rauschende Flüsse schlängeln sich durch das Land und bilden entzückende Landschaftsbilder, gewaltig gleitet der Dnjepr wie ein leuchtendes Band mit seinen unersättlichen Stromschnellen zwischen großartigen, steilabstürzenden Ufern und durch unübersehbare Wiesen dahin — und dies alles erwärmt der milde Odem des Südens. — Das Volk verließ diese Gegenden und drängte sich nach den Teilen Rußlands, wo die Oberfläche der Erde einförmig glatt und eben, fast immer sumpfig ist, und wo ein paar elende Kiefern und Fichten aus dem Boden ragen; hier gibt es kein frischpulsierendes Leben voller Bewegung, sondern nur ein dumpfes Vegetieren, das wie ein schwerer Druck auf dem Geiste lastet. Es ist, als wäre damit die Wahrheit des Satzes bewiesen, daß nur ein starkes, lebens- und charaktervolles Volk Gegenden von großartiger Naturbeschaffenheit aufsucht, oder daß nur gewaltige und großartige Naturszenerien ein kühnes, leidenschaftliches, charaktervolles Volk hervorbringen können.

IV

Als der erste Schreck vorüber war, begannen allmählich Auswanderer aus Polen, Litauen und Rußland sich in diesem Lande, der eigentlichen Heimat der Slawen, niederzulassen; hier war die Wiege der alten Poljanen und Ssewerjanen, dieser rein slawischen Stämme, die sich in Großrußland schon mit finnischen Völkerschaften zu vermischen begannen, aber sich hier in ihrer Reinheit erhielten, mit all ihren heidnischen Glaubenslehren, ihren kindlichen Vorurteilen, ihren Sagen und Gesängen und ihrer slawischen Mythologie, die bei ihnen so naiv mit dem Christentum verschmolz. Den in ihre alte Heimat zurückkehrenden Einwohnern folgten auch Auswanderer aus anderen Ländern auf den Fersen, mit denen sie sich durch längeres Beisammenleben allmählich vermischt hatten. Diese Einwanderung vollzog sich furchtsam und zaghaft, weil das schreckenverbreitende Wandervolk nicht weit entfernt war: sie waren nur durch die Steppe voneinander getrennt, oder besser gesagt, miteinander verbunden. Trotz der bunten Bevölkerung fehlte es hier an jenen Zwistigkeiten, die im Innern Rußlands nie aufhörten. Die von allen Seiten drohende Gefahr ließ den Menschen keine Zeit zum Streit. Das von den furchtbaren Herdenbesitzern übel zugerichtete Kiew, die altehrwürdige Mutter der russischen Städte, blieb noch lange verarmt und konnte sich kaum mit so mancher unbedeutenden Stadt des nördlichen Rußlands messen. Alle Menschen hatten es verlassen, selbst die Mönche und Chronisten, die es immer wie ein Heiligtum verehrt hatten, zogen fort. Die Kunde von Kiew hört plötzlich auf, und obwohl dort eine Linie des russischen Fürstengeschlechts zurückblieb, geriet es für ein halbes Jahrhundert vollständig in Vergessenheit. Nur hin und wieder sprechen noch die Chronisten wie im Traum von Kiew, sie erzählen, daß es in der schrecklichsten Weise zerstört wurde, und daß die Beamten der Chane dort residierten — dann aber ist’s als hätte sich ein undurchdringlicher Vorhang darüber gebreitet.

V

Während so Rußland durch die Tataren zur Untätigkeit und Erstarrung verurteilt war, führte der große Heide Gedimin ein neues Volk auf den Schauplatz der Geschichte herauf — ein armes Volk, arm an Kultur und arm an Lebensmitteln —, es bewohnte die wilden Fichtenwälder im heutigen Weißrußland, hüllte sich in Tierfelle statt in Kleider, betete den Gott Perun an und beugte sein Knie in noch nie von der Axt berührten Hainen vor dem altehrwürdigen Feuer; dies Volk, das unter dem Namen der Litauer bekannt war, hatte ehemals den russischen Fürsten Tribut gezahlt. Nun aber wurde es unter seinem Fürsten Gedimin zu der bedeutendsten Macht in dem gewaltigen Nordosten Europas! Damals glichen die Städte, die Fürstentümer und die Völker des westlichen Rußland noch Stücken und Fetzen, die jenseits der Grenze des Tatarenjoches lagen. Sie bildeten kein Ganzes, und daher konnte auch der litauische Eroberer fast durch einen einzigen Angriff seines von ihm selbst geschaffenen heidnischen Heeres den ganzen Flächenraum zwischen Polen und dem tatarischen Rußland seiner Macht unterwerfen. Dann führte er sein Heer nach Süden in das Gebiet der wolhynischen Fürsten. Es ist nur natürlich, daß der Erfolg ihn überall begleitete. In Luzk stellte sich ihm der Fürst Leo entgegen und leistete ihm harten Widerstand, war aber doch nicht imstande, ihn zurückzuschlagen und sein Land zu behaupten. Gedimin setzte Gouverneure und Gemeindeälteste ein und zog weiter nach Süden, mitten ins Herz des südlichen Rußlands, nach Kiew. Dem Fürsten Leo von Luzk gelang es auf der Flucht, den Fürsten von Kiew, Stanislaus, zu überreden, dem furchtbaren Eroberer mit seiner wenig zahlreichen Streitmacht entgegenzutreten. Seine Truppen wurden noch durch verbündete Tataren verstärkt; aber alle ergriffen die Flucht vor dem mächtigen Litauer. Nachdem Gedimin den Feinden am Flusse Irpenj eine furchtbare Niederlage bereitet, zog er im Triumph in Kiew ein, das noch unter dem frischen Eindruck eines Einfalls der Tataren stand, und setzte dort den Fürsten Mindow Oljschansky, der eben den griechischen Glauben angenommen hatte, als Regenten ein. So entriß der litauische Eroberer den Tataren ein Stück Land, das fast vor ihren Augen gelegen war. Man sollte glauben, dies hätte einen Kampf zwischen den beiden Völkern zur Folge haben müssen, aber Gedimin war ein klarer und politischer Kopf, trotz seiner scheinbaren Wildheit und trotz des barbarischen Zeitalters. Er verstand es, sich die Freundschaft der Tataren zu erhalten, obwohl er über Länder herrschte, die er ihnen entrissen hatte, ohne ihnen Tribut zu zahlen. Dieser urwüchsige Politiker, der weder schreiben noch lesen konnte und einen heidnischen Gott anbetete, rührte nicht an die Sitten und die alten Regierungsformen der unterworfenen Völker, alles blieb beim alten, er bestätigte alle Privilegien und befahl seinen Gemeindevorstehern, die Landesgebräuche streng zu achten, und hinterließ bei seinem Zuge durchs Land nirgends Spuren der Verwüstung. Die absolute Bedeutungslosigkeit der herumliegenden Völker und seiner Zeitgenossen lassen seine Gestalt zu ungeheuren Dimensionen emporwachsen. Er starb im Jahre 1340, seine Leiche wurde auf ein Pferd gesetzt, und er wurde nach der heidnischen Sitte der Litauer mitsamt seinem Waffenträger, seinen Jagdhunden und Falken verbrannt. Ihm folgten Oljgerd und Jagello auf dem Thron, zwei ebenso starke Charaktere, die noch weiter zum Aufschwung Litauens beitrugen, indem sie den angegliederten Ländern gegenüber dieselbe Politik verfolgten wie er.

VI

So trennte sich das südliche Rußland unter dem mächtigen Schutz der litauischen Fürsten ganz von dem Norden. Jede Verbindung zwischen ihnen hörte auf; es bildeten sich zwei Reiche, die einen und denselben Namen Rußland führten, das eine unter dem Joch der Tataren — das andere unter demselben Zepter wie Litauen. Aber alle näheren Beziehungen zwischen ihnen hörten auf; andere Gesetze, andere Sitten, andere Ziele, andere Verhältnisse und andere Taten schufen mit der Zeit ganz verschiedene Charaktere. Zu ergründen, in welcher Weise dies geschah, bildet den Zweck unserer Geschichte. Aber vor allem müssen wir einen Blick auf die geographische Lage dieses Landes werfen, damit müssen wir durchaus beginnen, denn von der Beschaffenheit des Bodens hängt die Lebensweise, ja sogar der Charakter eines Volkes ab. Gar vieles in der Geschichte läßt sich durch die Geographie erklären.

Dieses Land, das später den Namen der „Ukraine“ erhielt, erstreckt sich im Norden bis zum fünfzigsten Grad nördlicher Breite und ist eher flach als gebirgig. Hier begegnen wir häufig kleinen Hügeln, aber keiner zusammenhängenden Gebirgskette. In dem nördlichen Teil gibt es zahlreiche Wälder, die ehemals ganze Herden von Bären und Wildschweinen beherbergten. Der südliche Teil liegt ganz offen da und stellt ein weites Steppenland von üppiger Fruchtbarkeit dar, das aber nur hie und da mit Getreide bestellt ist. Dieser herrliche, jungfräuliche Boden bringt aus sich selbst eine verschwenderische Fülle der mannigfaltigsten, verschiedenartigsten Gräser hervor. Hier trieben sich ganze Scharen von Steppenantilopen, Hirschen und wilden Pferden herum. Vom Norden nach Süden zieht sich der mächtige Dnjepr durch das Land, umsponnen von einem ganzen Netze kleinerer Nebenflüsse, die in ihn münden. Sein rechtes Ufer ist gebirgig und bietet anmutige und zugleich wilde Landschaftsbilder dar; das linke besteht ganz aus Wiesen, die mit kleinen Wäldern bedeckt sind und meist unter Wasser stehen. Unweit der Mündung des Dnjepr ins Meer bilden schroff aus dem Flußbett aufsteigende Felsen zwölf Stromschnellen, sie unterbrechen die Strömung und machen die Schiffahrt sehr gefährlich. In ihrer Nähe gab es viele sogenannte Sugaken, wilde Ziegen mit weißlich-glänzenden Hörnern und atlasweichem Fell. Früher war der Wasserstand des Dnjepr höher, sein Flußbett breiter, und er überschwemmte die Wiesen an seinem Ufer auf größere Strecken hin. Wenn das Wasser sinkt, ist das Bild überraschend schön: alle Bodenerhöhungen treten hervor und bilden unzählige, grüne Inseln inmitten der unabsehbaren Gewässer des Ozeans. Nur ein einziger schiffbarer Fluß, die Desna, mündet in den Dnjepr, sie fließt durch die nördliche Ukraine, mit ihren bewaldeten Ufern, die fast immer überschwemmt sind; aber auch dieser Fluß ist nur stellenweise befahrbar. Außerdem gibt’s im Norden noch den Oster und einen Teil des Sseim, im Süden die Ssula, den Psjoll mit einer Reihe schöner Landschaftsbilder, den Chorol und andere; aber keiner von all diesen Flüssen ist schiffbar. Verkehrswege gibt es nicht; die Produkte konnten nicht ausgetauscht werden, und daher konnte sich hier auch kein handeltreibendes Volk ansiedeln. Alle Flüsse verzweigen sich in der Mitte; keiner von ihnen bildete durch seinen Lauf eine natürliche Grenze zwischen den benachbarten Völkern. Im Norden lag Rußland, im Osten hausten die Kiptschatskischen, im Süden die Krimschen Tataren, im Westen lag Polen und überall offenes Land — die Grenzen wurden durch Steppen und weite Ebenen gebildet. Hätte es auch nur von einer Seite eine natürliche Grenze in Form eines Gebirges oder eines Meeres gegeben, so hätte das hier wohnhafte Volk sich sicherlich sein politisches Wesen bewahrt und ein selbständiges Reich gebildet. Aber das offene, unbeschützte Land wurde die beständige Beute von Überfällen und Verwüstungen, — es wurde ein Platz, auf dem drei feindliche Nationen aufeinanderstießen, den Boden mit Knochen düngten und mit Blut tränkten. Ein Überfall der Tataren zerstörte die ganze Arbeit des Landmanns; die Wiesen und Felder wurden von den Hufen der Rosse zerstampft oder niedergebrannt, die leichtgebauten Hütten bis auf den Grund niedergerissen und die Einwohner vertrieben oder mitsamt ihrem Vieh in die Gefangenschaft geführt. Das war ein Land des Schreckens; und daher konnte hier nur ein kriegerisches, durch Zusammenschluß starkes Volk erstehen — ein tollkühnes Volk, dessen ganzes Leben von Kriegen erfüllt, und das in Krieg und Schlachten gesäugt und aufgezogen war. Freiwillige und unfreiwillige Auswanderer, heimatlose Wanderer, die nichts zu verlieren hatten, Menschen, deren Leben keinen Heller wert war, deren zügelloser Wille sich keiner Macht und keinem Gesetz fügen wollte, und denen überall der Galgen drohte, zogen in dies Land und wählten diesen äußerst gefährlichen Ort, in unmittelbarer Nähe der asiatischen Eroberer der Tataren und Türken, zu ihrem Aufenthalt. Diese zusammengewürfelte Menschenmenge wuchs immer mehr an, vermehrte sich und bildete schließlich ein ganzes Volk, das seinen Charakter, ja, ich möchte sagen, sein Kolorit der ganzen Ukraine mitteilte — es vollzog sich ein Wunder — die friedlichen slawischen Stämme verwandelten sich unter seinem Einfluß in ein kriegerisches Volk, das unter dem Namen Kosaken bekannt ist und eine der merkwürdigsten Erscheinungen in der Geschichte Europas bildet; vielleicht war nur dies Volk imstande, die verheerende Überschwemmung durch die beiden mohammedanischen Stämme, die Europa zu verschlingen drohte, zurückzudämmen.

VII

Das erste Auftauchen der Kosaken fällt, wenn nicht ins Ende des XIII., so doch in den Anfang des XIV. Jahrhunderts, in das Jahrhundert, wo der starke Glaubenseifer in Europa noch nicht erloschen war, und wo sich plötzlich fast an allen Orten Brüderschaften und Ritterorden bildeten, ganz im Widerspruch zu der damaligen allgemeinen Zersplitterung; diese Genossenschaften legten sich mit bewunderungswürdiger Selbstverleugnung alle möglichen Opfer auf, entsagten den gewöhnlichen Lebensgewohnheiten der Ehe und wurden zu unbeugsamen Hütern der geistigen Güter der Welt, und zu ehernen Beschützern des christlichen Glaubens. Je schwächer der Zusammenhang der damaligen Staaten untereinander war, desto mächtiger wuchs die furchtbare Macht dieser Verbindungen an. Die Verbreitung des Islam und das Erstarken der jungen, mächtigen mohammedanischen Völker, die schon in Europa eingedrungen waren, trugen auch zu ihrem Wachstum bei. Der Geist dieser Brüderschaften drang überallhin — er faßte nicht nur unter den Rittern Fuß — aber allerdings waren ihre Ziele und Zwecke nicht immer dieselben. Um diese Zeit entstand in der Nähe der Stromschnellen ein Städtchen, oder eine Ansiedlung mit Namen Tscherkassy, die von kühnen Einwanderern gegründet war; ihr Name erinnert an Bewohner des Kaukasus, denen auch von vielen die Gründung des Städtchens zugeschrieben wird, denn dies war der Hauptsammelplatz und Aufenthaltsort der Kosaken. Anfänglich zwangen die häufigen Einfälle der Tataren in den nördlichen Teil der Ukraine die Bewohner, sich durch die Flucht zu retten, sich den Kosaken anzuschließen und ihre Zahl zu vergrößern. Das war ein bunter Haufen der allerverwegensten Vertreter der angrenzenden Nationen. Wilde Bergbewohner, verarmte Russen, polnische Leibeigene, die sich dem Despotismus ihrer Herren entzogen hatten, ja sogar abtrünnige Mohammedaner oder Tataren haben vielleicht den ersten Grund zu dieser merkwürdigen Gesellschaft am anderen Ufer des Dnjepr gelegt, die sich später, gleich den Ordensrittern, den beständigen Kampf mit den Ungläubigen zum Ziel setzte. Dieser Menschenhaufen besaß keine Befestigungen und keine einzige Burg. Erdhütten, Höhlen und allerhand Schlupfwinkel zwischen den Felswänden des Dnjepr, die häufig unter dem Wasser, oder auf den Inseln, oder im dichten Steppengras gelegen waren, dienten ihnen zum Versteck für sich selbst und die zusammengeraubten Schätze. Die Nester dieser Räuber waren unsichtbar; sie kamen plötzlich herangeflogen, bemächtigten sich ihrer Beute und verschwanden dann wieder. Sie bekämpften die Tataren mit deren eigenen Waffen, das heißt, sie wandten dabei die Kriegsführung der Asiaten an und führten Überfälle auf sie aus. Da ihr Leben unter dem beständigen Druck der Angst stand, wollten auch sie ihrerseits ein Schreckbild für ihre Nachbarn sein. Die Tataren und Türken mußten jeden Augenblick eines Überfalls seitens dieser unerbittlichen Bewohner der Stromschnellen gewärtig sein. Die mohammedanischen Nachbarn wußten nicht, welchen Namen sie diesem verhaßten Volk geben sollten. Wenn einer dem anderen seine tiefste Verachtung ausdrücken wollte, so nannte er ihn einen Kosaken.

VIII

Ein großer Teil dieser Gesellschaft bestand aus den ursprünglichen autochthonen Bewohnern des südlichen Rußland. Ein Beweis dafür ist ihre Sprache, die, obwohl sie viele tatarische und polnische Worte in sich aufgenommen, immer ihren reinen südslawischen Charakter bewahrt hat, der dem damaligen russischen sehr ähnlich war, und ein fernerer Beweis ist ihr Glaube, der immer der griechisch-katholische blieb. Jeder hatte freien Zutritt zu dieser Gemeinschaft, nur mußte er unbedingt den griechischen Glauben annehmen. Diese Gesellschaft trug alle Merkmale, die einer Räuberbande eigen sind, an sich; aber wenn wir näher zusehen, so finden wir hier Keime eines politischen Organismus und eines charaktervollen Volkes, das sich gleich zu Anfang seiner Existenz ein wichtiges Ziel gesetzt hatte, — den Kampf mit den Ungläubigen und die Reinerhaltung der eigenen Religion. Das waren jedoch keine strengen katholischen Ritter, sie erlegten sich weder Gelübde noch Fasten auf; sie kasteiten sich nicht durch Enthaltsamkeit und Abtötung des Fleisches; sie waren unbändig wie die Stromschnellen ihres Dnjepr und vergaßen die ganze Welt bei ihren wilden Gelagen und wüsten Festen. Die enge Verbrüderung, die unter den Mitgliedern einer Räuberbande herrscht, verband auch sie miteinander. Alles war Gemeingut — der Wein, das Geld und ihre Wohnstätten. Die ewige Angst, die ewige Gefahr flößte ihnen eine eigentümliche Lebensverachtung ein. Der Kosak kümmerte sich mehr um sein volles Maß Wein, als um sein Schicksal. Aber bei ihren Überfällen bewiesen sie Gewandtheit, Schärfe des Geistes und eine große Geschicklichkeit, aus jedem Umstande Nutzen zu ziehen. Man mußte diesen Bewohner der Stromschnellen in seiner halb tatarischen und halb polnischen Tracht, die so recht den Grenzbewohner verrieten, sehen, wenn er mit asiatischer Gewandtheit auf seinem Roß dahinsprengte, im dichten Steppengras verschwand, dann wieder mit der Schnelligkeit eines Tigers aus seinem unsichtbaren Schlupfwinkel hervorstürzte oder ganz in Schlingpflanzen und Schlamm gehüllt als Schreckgespenst aus dem Sumpf oder Fluß vor dem fliehenden Tataren auftauchte. Nach solch einem Überfall bummelte und zechte derselbe Kosak mit seinen Kameraden herum, vergeudete und verschleuderte die erbeuteten Schätze, war sinnlos betrunken und lebte sorglos dahin, bis zu einem neuen Kriegszug, wenn nicht die Tataren ihn überrumpelten, die Sorglosen im betrunkenen Zustand auseinandertrieben und ihre Ansiedlung bis auf den Grund zerstörten. Doch bald entstand, wie durch ein Wunder, die Ansiedlung aufs neue, und ein verheerender, furchtbarer Ausfall gegen die Tataren rächte die erlittene Schmach. Und wieder begann das alte sorglose und zügellose Leben.

IX

Es schien fast, als sollte die Existenz dieses Volkes ewig sein. Es verminderte sich nie, die Ausscheidenden, die Erschlagenen und Ertrunkenen wurden immer wieder ersetzt. Dieses fröhliche Leben übte seine Anziehungskraft auf jedermann aus. Das war ja noch jene poetische Zeit, wo man mit dem Säbel in der Hand alles erreichen konnte, und wo jeder einzelne nicht Zuschauer, sondern handelnde Person sein wollte. Die Kolonie nahm allmählich einen ganz eigenartigen, allgemeinen Charakter an, aus ihr bildete sich eine eigene Nationalität heraus, und je näher das XV. Jahrhundert herankam, desto mehr vergrößerte sie sich durch neuen Zuzug. Allmählich entstanden ganze Flecken und Dörfer mit Häusern, die von Familien bewohnt wurden, und sich in der Nähe dieses trotzigen Bollwerks ansiedelten, um unter der Bedingung gewisser Verpflichtungen ihren Schutz zu genießen. So geschah es, daß das Land um Kiew herum verödete, und sich dagegen am jenseitigen Ufer des Dnjepr immer mehr und mehr bevölkerte. Durch die Berührung und den Verkehr mit den Kosaken wurden auch die verheirateten Männer, die Familienväter, allmählich immer kriegerischer gesinnt. Der Säbel und der Pflug schlossen Freundschaft untereinander und fanden sich bei jedem Landmann zusammen. Verwegene Hagestolze fingen an, nicht nur Gold, Geld und Rosse, sondern auch Tatarenfrauen und -töchter zu rauben, die sie nachher heirateten. Durch diese Vermischung erhielten die Gesichter, die ehemals einen recht verschiedenartigen Völkertypus aufwiesen, eine mehr gleichartige asiatische Physiognomie. Und so entstand ein Volk, das seinem Glauben und seinem Wohnort nach zu Europa gehörte, aber nach seinen Sitten, nach seiner Tracht und Lebensweise vollkommen asiatisch war, ein Volk, in dem zwei verschiedene Weltteile zusammentrafen, und zwei völlig anders geartete Elemente sich untereinander mischten: europäische Vorsicht und asiatische Sorglosigkeit, Treuherzigkeit und Verschlagenheit, kräftige Aktivität und grenzenlose Trägheit und Verzärtelung, das Streben nach Fortschritt und Vervollkommnung — und zugleich der Wunsch sich den Anschein zu geben, als verachte man jeglichen Fortschritt und jede Vervollkommnung.

1832.

VI
Einige Worte über Puschkin

Bei dem Namen Puschkin steigt sofort der Gedanke an Rußlands nationalen Dichter auf. Und in der Tat — es gibt keinen unter unseren Dichtern, der höher stände, keiner kann mit mehr Recht national genannt werden, als er. Daher gebührt dieser Titel vor allem ihm, wie keinem andern. In ihm ist, wie in einem Wörterbuch, der ganze Reichtum, die ganze Kraft und Geschmeidigkeit unserer Sprache niedergelegt. Er hat mehr, denn je ein anderer, ihre Grenzen erweitert und uns ihre gewaltigen Dimensionen offenbart. Puschkin ist eine ganz außerordentliche Erscheinung, ja vielleicht die erste und einzige, die der russische Geist hervorgebracht hat, das ist der russische Mensch in seiner höchsten und letzten Ausprägung, wie er sich uns vielleicht erst in zwei Jahrhunderten darstellen wird. In ihm spiegelt sich die russische Natur, die russische Seele, die russische Sprache und der russische Charakter in einer solch reinen sublimen Schönheit, wie eine Landschaft auf der konvexen Oberfläche eines optischen Glases.

Schon sein Leben war echt russisch. Die freie Ungebundenheit und Fülle, nach der es den Russen verlangt, wenn er sich für einen Augenblick selbst vergißt, und die eine so starke Anziehungskraft auf die frische russische Jugend besitzt, sind auch für die ersten Jahre charakteristisch, während der er die große Welt betritt. — Wie mit Absicht führte ihn das Schicksal gerade dorthin, wo die Grenzen Rußlands durch Schroffheit und charaktervolle Majestät der Natur bezeichnet werden, wo die grenzenlose russische Ebene vom Südwind umfächelt und von steil in die Wolken ragenden Bergen unterbrochen wird. Der gigantische, mit ewigem Schnee bedeckte Kaukasus, der mitten aus der heißen südlichen Ebene emporsteigt, machte einen tiefen Eindruck auf ihn, man kann sagen, er erweckte die Kräfte seiner Seele und sprengte die letzten Ketten, die den freien Gedanken noch beschwerten. Das poesievolle, zügellose Leben der verwegenen Bergbewohner, ihre ständigen Zusammenstöße und ihre plötzlichen unwiderstehlichen Überfälle entzückten ihn. Und seit jener Zeit erhielt sein Pinsel jenen wunderbaren Schwung und jene Kühnheit, die das ganze Rußland, das erst eben zu lesen begonnen hatte, so tief ergriff. Wenn er den Kampf eines Tschetschenzen mit einem Kosaken schildert, dann sind seine Worte wie Blitze; sie funkeln wie eine blanke Säbelklinge und stürmen schneller dahin, als die Wogen der Schlacht. Nur er versteht es, den Kaukasus zu besingen; er ist mit seiner ganzen Seele, mit allen seinen Sinnen in ihn verliebt; er ist ganz erfüllt, ganz durchdrungen von der Schönheit seiner Landschaft, vom südlichen Himmel, von den herrlichen, Grusischen Ebenen, von den berauschenden Nächten und Gärten der Krim. Das macht wohl, daß er in all seinen Werken da am wärmsten und feurigsten ist, wo seine Seele vom Hauch des Südens getroffen wird. Unwillkürlich setzt er hier seine ganze Kraft ein, und daher übten auch seine Schöpfungen, die, vom Kaukasus handelnd, vom freien Leben der Tscherkessen und den Nächten der Krim erfüllt sind, jenen herrlichen magischen Zauber aus; selbst die, denen es an Geschmack fehlte, und deren geistige Fähigkeiten nicht ausreichten, um ihn zu verstehen, waren von ihnen entzückt. Das Kühne ist am leichtesten verständlich, es weitet die Seele mächtig und gewaltig aus, vor allem die der Jugend, die es immer nach Ungewöhnlichem dürstet. Kein einziger Poet in ganz Rußland hatte ein so beneidenswertes Schicksal wie Puschkin. Der Ruhm keines einzigen hat sich so schnell verbreitet, wie der seine. Alle fühlten sich verpflichtet, bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit einige von den herrlichen, glänzenden Stellen aus seinen Werken zu zitieren, oder doch wenigstens zu verballhornisieren. Schon sein Name allein hatte etwas Elektrisierendes; ein müßiger Tintenkleckser brauchte ihn nur in einer seiner Arbeiten zu erwähnen, und sie wurde überall gelesen[3].

Schon bei seinem ersten Auftreten war er durch und durch national; denn die wahre Nationalität besteht ja nicht in der Beschreibung eines russischen Sarafans, sondern in dem Geist eines Volkes. Ein Dichter kann auch dann noch national bleiben, wenn er ganz fremde Welten darstellt, nur muß er sie mit seinen Augen durch sein nationales Element hindurch, mit den Augen seines Volkes anschauen, er muß so reden und fühlen, daß seine Landsleute meinen, sie seien es selbst, die so fühlten und redeten. Wenn man von den Eigenschaften sprechen will, die die Vorzüge Puschkins im Vergleich mit anderen Schriftstellern bilden, so muß man sagen, daß sie in der außergewöhnlichen Kürze seiner Schilderungen und in der seltenen Kunst liegen, einen Gegenstand mit ein paar Strichen zu zeichnen. Seine Epitheta sind so kühn und treffend, daß sie oft eine lange Umschreibung ersetzen, sein Pinsel stürmt förmlich dahin. Ein kleines Werk von ihm ist stets ebensoviel wert, wie eine ganze große Dichtung. Man kann kaum von einem anderen Dichter sagen, daß bei ihm in einem kleinen Stücke so viel Größe, Schlichtheit und Kraft enthalten sei, wie bei Puschkin. Aber seine letzten Werke, die er in der Zeit verfaßte, als der Kaukasus mit seiner schroffen Majestät, mit seinen mächtigen in die Wolken ragenden Gipfeln seinen Blicken entschwunden war, als er sich ins Herz Rußlands zurückzog und sich tiefer in die schlichte Ebene, in das Studium des Lebens und der Sitten seiner Landsleute versenkte, als er ein echt nationaler Dichter sein wollte — diese seine letzten Dichtungen überraschten nicht mehr durch die Farbenpracht und die blendende Kühnheit, die all seine Werke erfüllte, wenn er vom Elbrus, von den Bergvölkern des Kaukasus, von der Krim und Grusien erzählte.

Ich glaube, diese Erscheinung ist nicht schwer zu erklären. Alle Leser, die gebildeten und ungebildeten waren von seiner kühnen Pinselführung und dem Zauber seiner Bilder entzückt und verlangten stürmisch, er solle volkstümliche und historische Themata zum Gegenstand seiner Poesie machen, sie vergaßen, daß man doch unmöglich das ruhige und weniger von Leidenschaften erfüllte russische Leben mit denselben Farben malen konnte, wie die Berge des Kaukasus und seine freien Bewohner. Die Masse des Publikums, die sozusagen die Nation ausmacht, ist sehr seltsam in ihren Anforderungen und Wünschen; sie schreit: „Schildere uns, so wie wir sind, völlig wahrheitsgetreu, stelle die Taten unserer Ahnen dar, und zwar so, wie sie sich wirklich vollzogen haben.“ Aber, wenn es der Dichter dann versucht, ihrem Ruf Folge zu leisten, und alles wahrheitsgetreu, d. h. ganz so wie es sich abspielte, zu schildern, dann heißt es gleich: „Das ist matt, das ist schwach, das ist schlecht, es entspricht durchaus nicht der Wahrheit.“ Die Masse des Volkes gleicht in dieser Hinsicht einer Dame, die bei einem Maler ein Porträt bestellt, und den Wunsch äußert, er solle es so ähnlich wie möglich machen; aber weh ihm, wenn er es nicht versteht, alle ihre Fehler zu verhüllen! Die russische Geschichte nimmt erst in ihrer letzten Epoche unter den Zaren eine große Lebhaftigkeit an; bis dahin war der Charakter des Volkes meist recht farblos, die verschiedenen Abstufungen der Leidenschaften waren ihm unbekannt. Den Poeten trifft keine Schuld; aber auch dem Volk kann man sein Gefühl nicht übelnehmen, das es verleitet, den Taten seiner Vorfahren größeren Wert beizulegen. Daher hat der Poet zwei Möglichkeiten: entweder sein Pathos höher emporzuschrauben, dem Schwächlichen größere Kraft einzuflößen, mit Feuer von Dingen zu reden, die in sich selbst keine starke innere Wärme haben, dann ist die Masse seiner Verehrer, die Masse des Volks auf seiner Seite und zugleich mit ihr das Geld; oder er muß der Wahrheit treu bleiben, groß sein, wo auch das Thema groß ist, kühn und schroff sein, wo wahrhafte Kühnheit und Schroffheit sich zeigt, ruhig und still bleiben, wo auch die Ereignisse nicht sieden und brodeln. Dann aber kann er der Masse „Lebewohl“ sagen. Sie wird ihm nicht zujubeln, es sei denn, daß der Gegenstand, den er darstellt, schon an und für sich so groß und gewaltig ist, daß er einen allgemeinen Enthusiasmus entfachen muß. Der Dichter vermied den ersten Weg, eben weil er Dichter bleiben wollte, und weil ein jeder, der nur einen Funken des heiligen Berufes in sich fühlt, ein so feines Empfinden hat, das es ihm nicht erlaubt, sein Talent durch solche Mittel zu offenbaren. Niemand wird leugnen, daß ein wilder Bergbewohner mit seiner kriegerischen Tracht, der so frei wie die Freiheit selbst, der sein eigener Herr und Richter ist, einen viel stärkeren Eindruck macht, als irgendein Assessor; und obgleich der erstere seinen Feind getötet, nachdem er ihm in einer Felsspalte auflauerte, oder ein ganzes Dorf niedergebrannt hat, so erscheint er uns doch viel bedeutender und interessanter und erweckt immer in weit höherem Grade Mitleid, als unser Beisitzer in seinem fadenscheinigen, mit Tabakflecken beschmutzten Frack, der, ohne es zu wollen, nur auf dem Wege von allerhand Nachforschungen und Nachprüfungen eine Reihe von allen möglichen Leibeigenen und Freien ins Elend gebracht hat.