Die Folge davon war, daß er sich mit immer größerem Eifer dem Studium seines Volkes hingab. Er beobachtete es auf den Straßen und in den Cafés, von denen jedes sein eigenes Publikum hatte; in dem einen verkehrten die Antiquare, in einem andern die Jäger und die Schützen, in einem dritten die Bedienten der Kardinäle, in einem vierten die Künstler, in einem fünften die ganze römische Jugend und die römischen Dandys. Er beobachtete es in den Osterien, in den echten römischen Osterien, in die sich nie ein Fremder verirrt, wo sich ein römischer Nobile zuweilen neben einem Minente niederläßt, und wo an heißen Tagen alle Anwesenden ihre Röcke und Krawatten ablegen; oder er besuchte eine jener kleineren ärmlichen aber malerischen Vorstadtschenken mit ihren luftigen Fenstern ohne Glasscheiben, wo die Römer mit ihren Familien oder in zahlreicher Gesellschaft einkehrten, um dort zu Mittag zu essen, oder, wie sie sich ausdrückten, per far allegria. Er ließ sich neben ihnen am Tische nieder, speiste mit ihnen zu Mittag und beteiligte sich an ihren Unterhaltungen, immer wieder erstaunt über ihren schlichten, gesunden Menschenverstand und über die Lebhaftigkeit und Originalität, mit der diese ungebildeten Leute zu erzählen verstanden. Die beste Gelegenheit jedoch, sie kennen zu lernen, bot sich ihm während der Zeremonien und Festlichkeiten, wenn die ganze Bevölkerung Roms plötzlich an der Oberfläche erscheint und eine schier unendliche Menge holder Schönheiten vor einem auftauchen, von deren Existenz man bisher keine Ahnung hatte, und wie man ihnen nur noch auf den Basreliefs und in den Anthologien der Alten begegnet. Diese großen, tiefen Augen, diese Alabasterschultern, diese pechschwarzen Haare, die sich in tausendfältigen Formen ums Haupt schlingen oder auf die Schultern herabfallen, malerisch durchbohrt von einem goldenen Pfeil, diese Hände, dieser stolze Gang — dies alles erinnerte ihn an die ernste, klassische Schönheit, und hatte nichts gemein mit dem leichtsinnigen Reiz graziöser Frauen. Hier glichen die Frauen mehr den Bauten Italiens: sie glichen entweder Palästen oder ärmlichen Hütten, sie waren entweder vollendete Schönheiten oder ganz häßlich; die Mittelmäßigkeit war hier überhaupt nicht vertreten, hübsche Frauen gab es hier nicht. Und er genoß ihren Anblick, wie er die Verse einer herrlichen Dichtung genoß, deren Schönheit sich noch weit über die der andern erhebt, und die in der Seele einen kühlen, erfrischenden Schauer hervorrufen.

Allein, bald gesellte sich zu all diesen Genüssen ein Gefühl, das all den andern den Krieg erklärte — ein Gefühl, das die mächtigsten Leidenschaften aus ihrem geistigen Schlummer erweckte, Leidenschaften, die sich in demokratischer Rebellion gegen die hohe Seeleneinheit auflehnten: er erblickte Anunziata. Und so sind wir denn endlich bei dem hehren Bildnis angelangt, das sein helles Licht über den Anfang unserer Erzählung verbreitete.

Es war zur Zeit des Karnevals. „Heute gehe ich nicht zum Corso,“ sagte der Principe zu seinem Maestro di casa, während er aus dem Hause trat, „der Karneval fängt an, mich zu langweilen; ich finde die Gartenfeste und die Aufzüge, wie sie im Sommer stattfinden, viel schöner.“

„Ja ist denn das ein Karneval?“ versetzte der Alte. „Das ist ein Karneval für Kinder. Ich erinnere mich eines Karnevals! Da sah man auf dem ganzen Corso auch nicht einen Wagen, und auf den Straßen gab’s die ganze Nacht Musik; die Maler, die Architekten und Bildhauer stellten ganze Gruppen und veranstalteten große Aufführungen, und das Volk — der Herr Fürst verstehen doch — das ganze Volk, alle — alle Vergolder, Rahmenbauer, Mosaikleger, sämtliche schönen Frauen, die ganze Signoria und alle Nobili — sie alle, alle ... machten mit ... o quanta allegria! Das war ein richtiger Karneval. Aber heutzutage, was ist denn das für ein Karneval! Ach! ...“ sagte der Alte, zuckte die Achseln, und dann sagte er noch einmal „Ach“, zuckte nochmals die Achseln und fügte schließlich hinzu: „E una porcheria!“ — Der Maestro di casa unterstützte seinen Ausruf in einer lebhaften Aufwallung seines Temperaments mit einer äußerst kräftigen Geste, beruhigte sich aber sogleich wieder, als er bemerkte, daß der Fürst schon längst nicht mehr vor ihm stand, sondern sich schon lange auf der Straße befand. Da er keine Lust hatte, sich am Karneval zu beteiligen, hatte er weder eine Maske mitgenommen noch auch ein Drahtnetz vors Gesicht gelegt. Er hüllte sich tief in seinen Mantel und wollte sich über den Corso nach dem andern Stadtteil begeben. Aber das Menschengewühl war zu groß. Er drängte sich zwischen zwei Menschen hindurch, wobei ihm eine Ladung Mehl auf den Kopf geschüttet wurde; ein bunter Harlekin schlug ihm während er mit seiner Kolombine an ihm vorbeistürmte mit seiner Knarre auf die Schulter, von allen Seiten flogen ihm „confetti“ und Blumensträuße ins Gesicht, von beiden Seiten flüsterte ihm jemand ins Ohr, von rechts ein Graf und von links ein Arzt, der ihm eine lange Vorlesung über den Inhalt seines Blinddarmes hielt. Es war völlig unmöglich zwischen all den Menschen hindurchzukommen, denn die Volksmenge wuchs immer mehr an, und die lange Kette der Wagen machte halt, da sie nicht mehr vorwärts kommen konnte. Jetzt richtete sich die Aufmerksamkeit der Menge auf einen mutigen Burschen, der auf Stelzen die Häuserreihen entlang schritt, obwohl ihm jeden Augenblick die Stelzen unter den Beinen weggeschlagen werden konnten und er Gefahr lief, sich auf dem Pflaster zu Tode zu fallen. Aber deswegen schien er sich keine Sorge zu machen. Er trug einen ausgestopften Riesen auf seiner Schulter, den er mit einer Hand festhielt, und in der andern Hand ein Stück Papier mit einem Sonett und einem darangehefteten Schwanz, wie man sie bei Papierdrachen findet, und schrie dazu aus voller Kehle: „Ecco il gran poeta morto! Ecco il suo sonetto colla coda.“ (Da ist der verstorbene große Dichter! Das ist sein Sonett mit dem Schwanz [coda][17].) Der verwegene Bursche hatte eine so dichte Menschenmenge um sich geschart, daß der Fürst in dem Gedränge kaum noch zu atmen vermochte. Endlich setzte sich die ganze Menge hinter dem toten Poeten in Bewegung, auch die lange Wagenreihe, worüber der Fürst sehr erfreut war, obgleich ihm in dem Gedränge der Hut vom Kopfe geschlagen worden war, nach dem er jetzt eilig griff. Als er noch damit beschäftigt war, den Hut aufzuheben, schlug er die Augen auf und blieb wie angewurzelt stehen: vor ihm stand ein Mädchen von einer unbeschreiblichen Schönheit, sie hatte ein leuchtendes albanisches Kostüm an und kam in Gesellschaft von zwei andern gleichfalls schönen Frauen daher, die aber neben ihr verblaßten, wie die Nacht vor dem Tage. Das war ein herrliches Wunderbildnis. Alles mußte vor ihrem Glanze dahinschwinden. Wenn man sie ansah, wurde es einem klar, warum die italienischen Dichter schöne Frauen mit der Sonne verglichen. Ja, das war eine Sonne, das war die vollkommenste Schönheit! Aller Glanz, der uns zersplittert und auf die einzelnen Schönen dieser Welt verteilt entgegenstrahlt, war hier in einer einzigen vereinigt. Wenn man ihren Busen und ihre Büste ansah, erkannte man sogleich die Mängel des Busens und der Büste anderer schöner Frauen. Im Vergleich mit ihrem dichten glänzenden Haar mußte jedes andere Haar dünn und farblos erscheinen. Ihre Hände mußten jeden Menschen zum Künstler machen! denn wie ein Künstler hätte er sie ewig anschauen mögen und es nie gewagt, sie anzuhauchen. Im Vergleich mit ihren Füßen mußten die Füße aller Engländerinnen, aller Deutschen, aller Französinnen und der Frauen aller andern Nationen wie Holzspäne erscheinen, nur die antiken Bildhauer haben die hehre Idee ihrer Schönheit in ihren Statuen festgehalten. Ihre Schönheit war vollkommen und wie dazu geschaffen, jedermann in gleicher Weise zu blenden. Hierzu bedurfte es nicht eines besonderen Geschmacks; angesichts solcher Vollendung mußten alle Geschmacksrichtungen zusammentreffen; vor ihr mußten alle andächtig auf die Knie sinken, der Gläubige wie der Ungläubige wären vor ihr niedergefallen, wie vor einer plötzlichen Erscheinung der Gottheit. Der Fürst sah, wie die ganze Menge und alle Anwesenden, soviel ihrer da waren, sie anstarrten, wie sich ein unwillkürliches mit Entzücken gemischtes Staunen in den Zügen der Frauen malte, wie sie immer wieder ausriefen: „O bella!“ wie alle ohne Ausnahme sich in Künstler verwandelt zu haben schienen und ganz im Anschauen des schönen Wesens verloren waren. Aber im Gesicht des Mädchens war nichts zu lesen, außer einem lebhaften Interesse für den Karneval: sie sah nur die Menge und die Masken, merkte nichts von den auf sie gerichteten Augen und hörte kaum auf die hinter ihr stehenden Herren in Sammetjacken, anscheinend ihre Verwandten, die sie wahrscheinlich hieher begleitet hatten. Der Fürst suchte von den Leuten, die neben ihm standen, zu erfahren, wer und woher wohl dies wunderschöne Mädchen sei, aber man antwortete ihm überall bloß mit einem Achselzucken und einer unbestimmten Geste und fügte vielleicht noch hinzu: „Ich weiß nicht, wahrscheinlich ist’s eine Fremde[18].“ Unbeweglich und mit angehaltenem Atem schien er sie mit seinen Blicken verschlingen zu wollen. Endlich richtete auch das schöne Mädchen ihre tiefen Augen auf ihn, um sie jedoch sogleich verlegen von ihm abzuwenden. Ein Schrei weckte ihn aus seinen Träumereien: vor ihm stand ein mächtiger Wagen. Eine Anzahl Masken in roten Blusen rief ihn beim Namen, bestreute ihn mit Mehl und begleitete ihre Späße mit dem langgezogenen Rufe „hu ... hu ... hu!“ In einem Nu war er unter dem lauten Gelächter der Umstehenden von Kopf bis zu den Füßen mit Mehl überschüttet. Ganz weiß wie Schnee, ja selbst mit weißen Augenwimpern, eilte der Fürst nach Hause, um sich umzuziehen.

Als er zu Hause angekommen war und sich umgekleidet hatte, war soviel Zeit verstrichen, daß nur noch einundeinhalb Stunden bis zum Ave-Maria übrigblieben. Die Wagen kehrten bereits leer vom Corso zurück: die Insassen hatten sich auf die Balkons zurückgezogen, um sich das Volk anzusehen, das sich in Erwartung der Pferderennen noch immer durch die Straßen drängte. Als er in den Corso einbog, stieß er auf einen Wagen, der mit Männern und Frauen angefüllt war. Die Männer trugen Jacken, die Frauen hatten Blumenkränze auf dem Haupt und Zimbeln und Kastagnetten in den Händen. Die Insassen des Wagens schienen in heiterer Stimmung nach Hause zurückzukehren, er war an der Seite mit Girlanden geschmückt, und die Speichen und Reifen der Räder waren mit grünen Zweigen umwunden. Aber das Herz des Fürsten wurde kalt, als er sah, daß im Wagen, inmitten der Frauen, das schöne Mädchen saß, das einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Ein strahlendes Lächeln erleuchtete ihr Antlitz, und unter Schreien und Singen rollte der Wagen schnell an ihm vorbei. Sofort machte der Fürst sich auf und eilte ihm nach, aber ein langer Zug von Musikanten kam ihm in den Weg: eine Geige von schreckenerregender Größe kam auf einem sechsrädrigen Wagen dahergefahren. Ein Mann saß rittlings auf dem Gestell, und ein anderer, der ihr zur Seite ging, strich mit einem gewaltigen Fiedelbogen über vier dicke Stricke, die die Saiten darstellen sollten. Die Herstellung dieser Geige hatte wahrscheinlich viel Mühe und große Unkosten an Zeit und Geld verursacht. Voran schritt ein Mann mit einer ungeheueren Trommel. Eine große Menge Volks, junge Burschen und Knaben folgten in hellen Scharen dem Musikantenaufzug, und die ganze Prozession wurde beschlossen durch einen in Rom wegen seiner Leibesfülle bekannten Pizzicaruolo, der eine Klistierspritze von der Größe eines Kirchturms in der Hand trug. Als der Zug die Straße verlassen hatte, sah der Fürst, daß es schon zu spät war und daher keinen Sinn mehr hatte, hinter dem Wagen herzulaufen; zudem wußte er ja auch nicht, welchen Weg er eingeschlagen hatte. Dennoch aber konnte er den Gedanken nicht aufgeben, das schöne Mädchen wieder aufzufinden. Seine Einbildungskraft zauberte ihm immer wieder dieses strahlende Lachen und den offenen Mund mit der langen Reihe wundervoller Zähne vor. „Das ist ein Blitzstrahl und kein Weib!“ sagte er immer wieder zu sich selbst und fügte stolz hinzu: „Sie ist eine Römerin: ein solches Weib konnte nur in Rom geboren werden. Ich muß sie unbedingt wiedersehn; ich trage Verlangen nach ihrem Anblick, nicht um sie zu lieben — nein, ich möchte sie nur ansehen, ihre ganze Gestalt betrachten: ihre Augen, ihre Hände, ihre Finger, ihre glänzenden Haare. Ich will sie nicht küssen, ich möchte sie nur ansehen. Wie nur? So muß es doch auch sein, das liegt im Wesen der Natur; sie hat kein Recht, ihre Schönheit zu verbergen und mit sich fortzutragen. Die vollendete Schönheit ward der Welt ja darum geschenkt, damit jeder sie anschaue, und auf daß er ihr Bild ewig in seinem Herzen trage. Wenn sie nur schön, nur eine gewöhnliche Schönheit und kein Wesen von dieser höchsten Vollkommenheit wäre, dann hätte sie wohl das Recht, einem Einzelnen anzugehören, er könnte sie in eine Wüste forttragen und der Welt ihren Anblick vorenthalten. Aber die vollkommene Schönheit muß jedem sichtbar sein. Läßt denn ein Architekt einen prachtvollen Tempel in einer engen Gasse errichten? Nein, er stellt ihn auf einen offenen Platz hin, damit der Mensch ihn von allen Seiten betrachten und sich an ihm erfreuen könne. ‚Ward etwa deshalb das Licht angezündet,‘ sagt der göttliche Meister, ‚auf daß man es verberge und unter den Scheffel stelle. Nein das Licht ward angezündet, auf daß es auf dem Tische stehe, allen Helligkeit spende und auf daß sich alle im Lichte bewegen.‘ Nein, ich muß sie unbedingt sehen!“ So sprach der Fürst zu sich selbst, dachte dann lange nach und ging alle Mittel durch, die ihn zu seinem Ziele führen könnten; endlich schien er eins gefunden zu haben: sofort und ohne einen Augenblick zu zögern begab er sich in eine der entlegenen Gassen, deren es in Rom sehr viele gibt, wo es nicht einmal einen Kardinalspalast mit einem gemalten Wappen auf dem ovalen Holzschilde gibt, wo sich über jedem Fenster und jeder Tür der engen Häuschen eine Nummer befindet, wo sich das Pflaster bucklig emportürmt und wieder senkt, und wohin sich von Fremden höchstens ein geriebener deutscher Künstler mit seinem Feldstecher und seinem Farbenkasten verirrt, oder etwa noch ein Ziegenbock, der hinter der vorübergehenden Herde zurückgeblieben ist und stehenbleibt, um sich diese merkwürdige Straße anzuschauen, die er noch nie gesehen hat. Hier hört man die sonoren Stimmen der Römerinnen; in allen Fenstern ertönt Geplauder und lebhafte Wechselrede. Hier herrscht volle Aufrichtigkeit, und der Passant kann hier alle häuslichen Geheimnisse erfahren; selbst Mutter und Tochter sprechen hier nicht anders miteinander, als indem beide ihre Köpfe zum Fenster hinausstecken. Männer sieht man hier überhaupt nicht. Kaum erglänzt der erste Strahl der Morgensonne, und schon öffnet sich das Fenster, und siora Susanna blickt auf die Straße hinaus. In einem anderen Fenster erscheint siora Grazia, noch damit beschäftigt, sich den Rock anzuziehen, sodann öffnet siora Nanna das Fenster, auf sie folgt siora Lucia, die sich das Haar kämmt, und endlich streckt siora Cecilia ihre Hand aus dem Fenster, um sich die Wäsche zu holen, die auf einer Schnur vor dem Hause hängt und nun ihre Strafe dafür erhält, daß sie so widerspenstig war und sich so schwer erreichen ließ: denn Donna Cecilia drückt sie zornig zusammen und wirft sie mit den Worten: che bestia! auf den Boden. Hier lebt alles, hier ist alles in Bewegung, hier fliegt plötzlich ein Schuh aus dem Fenster, um einen unartigen Jungen oder einen Ziegenbock zu treffen, der mit einem einjährigen Kind an einem Korb steht, es beschnuppert und seinen Kopf vorbeugt, um ihm zu zeigen, was zwei Hörner sind. Hier blieb nichts unbekannt, hier wußte man alles. Die Signoras waren über alles unterrichtet, was auf der Welt passierte, sie wußten, was siora Giudita sich für ein Tuch gekauft hatte, bei wem es heut Fisch zum Mittagessen gab, wer Barbaruccias Geliebter und welcher Kapuziner der beste Beichtvater war. Nur selten flocht auch der Gatte ein Wort ein, der meist auf der Straße an die Mauer gelehnt dastand, eine kurze Pfeife in den Zähnen hielt, und es für seine Pflicht hielt, wenn er von einem Kapuziner reden hörte, ein paar Worte wie: „Das sind alles Gauner!“ hinzuzufügen, worauf er wieder fortfuhr, seine Nase in Rauchwolken einzuhüllen. Hier kam nie ein Wagen vorbeigefahren, außer etwa ein zweirädriger Rumpelkasten, der von einem Maultier gezogen wurde und Mehl für den Bäcker mitführte, gewöhnlich wurde er auch von einem schläfrigen Esel begleitet, der kaum dazu zu bewegen war, seinen Korb mit den Broccoli bis an seinen Bestimmungsort zu schleppen, trotz aller Hühs der Straßenjungen, die seine unempfindlichen Lenden mit Steinwürfen regalierten. Hier gibt es keine Magazine außer ein paar kleinen Läden, wo Brot, Bindfaden und Glasflaschen feilgeboten werden, und einem dunklen, engen Café, das sich in einer Straßenecke befindet, da konnte man stets den Anblick eines beständig auf die Straße herauslaufenden Bottegas genießen, der den Signoris in kleinen Blechkannen Kaffee oder eine in Ziegenmilch gekochte Schokolade, die unter dem Namen „Aurora“ bekannt ist, servierte. Alle Häuser gehörten hier zwei, drei, mitunter aber auch vier Hausbesitzern, von denen der eine nur den lebenslänglichen Nießbrauch, ein zweiter nur eine Etage besaß, deren Mietzins er jedoch nur zwei Jahre lang erheben durfte, wonach der Stock auf Grund eines Testaments auf zehn Jahre an den padre Vincenzo fiel, dessen rechtlicher Anspruch jedoch von einem Verwandten des ursprünglichen Besitzers, der in Frascati wohnte, und der schon rechtzeitig für die Einleitung eines Prozesses gesorgt hatte, angefochten wurde. Es gab auch solche Hausbesitzer, die nur ein einziges Fenster in einem bestimmten Hause und zwei andere in einem andern Hause besaßen, und die Einkünfte von dem Fenster, für das der unordentliche Mieter übrigens den Mietzins meist schuldig blieb, mit einem Bruder teilten, — mit einem Wort, hier gab es in Hülle und Fülle Material für unaufhörliche Prozesse und reichen Broterwerb für die Advokaten und Kuriale, die Rom überschwemmten. Alle Damen, von denen soeben gesprochen wurde, sowohl die vornehmsten, die stets mit ihrem vollen Namen genannt wurden, wie die geringeren Ranges, die nur mit Diminutiven beehrt wurden: alle Tettas, Tuttas, Nannas usw. hatten meistens gar nichts zu tun; das waren Gattinnen von Rechtsanwälten, kleinen Beamten, kleinen Kaufleuten, Trägern, Facchinos, gewöhnlich aber Frauen unbeschäftigter Bürger, deren ganzes Talent darin bestand, sich geschickt mit ihren nicht mehr ganz intakten Mänteln zu drapieren. Viele von den Signoras standen den Malern Modell. Hier gab es Modelle aller Arten. Wenn sie Geld hatten, verbrachten sie ihre Zeit mit ihren Männern oder in großer Gesellschaft in den Osterien, hatten sie kein Geld — so waren sie deshalb auch nicht betrübt, sondern saßen am Fenster und blickten auf die Straße hinaus. Heute war die Straße stiller als sonst, weil ein Teil der Bewohner mit der Volksmenge nach dem Corso gezogen waren. Der Fürst ging auf die alte verfallene Tür eines Häuschens zu, die zahlreiche Löcher aufwies, so daß selbst der Hauswirt lange mit dem Schlüssel nach dem Schlüsselloch suchen mußte. Er war eben im Begriff, nach dem Ring zu greifen, als er plötzlich die Worte vernahm: „Signor Principe will Peppe sehen?“ Er hob das Haupt und erblickte siora Tutta, die ihren Kopf aus dem dritten Stock hervorstreckte.

„So ein vorlautes Frauenzimmer!“ rief siora Susanna aus dem gegenüberliegenden Fenster. „Der Principe ist vielleicht gar nicht deswegen gekommen, um Peppe zu sehen!“

„Natürlich, um Peppe zu sehen! Nicht wahr, Herr Fürst? Doch nur um Peppe zu sprechen? Nicht wahr? Herr Fürst? Um Peppe zu sprechen?“

„Ach was, Peppe! Was für einen Peppe,“ fuhr siora Susanna, mit beiden Händen gestikulierend, fort. „Der Fürst hat gerade Zeit, jetzt an Peppe zu denken! Jetzt ist doch Karneval. Der Fürst will sicher mit seiner Cousine Marchesa Montelli, und mit seinen Freunden eine Wagenfahrt unternehmen und in die Stadt fahren, per far allegria. Peppe! Peppe!“

Der Fürst war höchst erstaunt, solche Details über die Art, wie er seine Zeit verbringen wollte, zu vernehmen, aber er hat keinen Anlaß, sich zu wundern, denn siora Susanna wußte alles.

„Nein, meine lieben signore,“ sagte der Fürst, „ich muß in der Tat Peppe sprechen.“

Diesmal jedoch war es siora Grazia, die die Antwort erteilte; sie hatte schon längst ihren Kopf aus einem Fenster der zweiten Etage herausgestreckt und saß lauschend da. Sie schnalzte zur Antwort ein wenig mit der Zunge und machte eine bezeichnende Bewegung mit dem Finger — das gewöhnliche Zeichen der Verneinung bei den Römerinnen — und fügte dann hinzu: „Er ist nicht zu Hause.“

„Aber vielleicht wissen Sie, wo er ist, wohin er gegangen ist?“

„Eh, wohin wird er gegangen sein!“ versetzte siora Grazia, indem sie ihren Kopf ein wenig auf die Seite neigte, „vielleicht — in die Osteria, am Platz beim Brunnen; wahrscheinlich hat ihn jemand aufgefordert; er ist halt irgendwohin gegangen: chi lo sa (wer will es wissen).“

„Wenn der Principe ihm irgend etwas zu bestellen hat,“ fiel hier Signora Barbaruccia ein, die am gegenüberliegenden Fenster saß und im Begriff war, sich einen Ohrring ins Ohr zu hängen: „Sie brauchen es mir nur zu sagen, ich will es ihm ausrichten.“

„Nein, lieber nicht,“ dachte der Fürst und dankte für ein solches Entgegenkommen. In diesem Augenblick lugte aus einer Nebengasse eine mächtige schmutzige Nase hervor, die wie eine ungeheure Axt über den gleich darauf zum Vorschein kommenden Lippen und über dem ganzen Gesicht schwebte: das war Peppe in eigener Person.

„Da ist Peppe!“ rief siora Susanna. „Da kommt Peppe, sior Principe!“ rief Signora Grazia lebhaft aus ihrem Fenster.

„Er kommt, Peppe kommt!“ trompetete siora Cecilia aus einer Straßenecke.

„Principe, Principe! Das ist ja Peppe! Da ist Peppe! (ecco Peppe, ecco Peppe!)“ schrien die Kinder auf der Straße.

„Ich seh, ich sehe,“ sagte der Fürst, ganz betäubt von dem lauten Geschrei.

„Da bin ich, eccellenza. Da bin ich!“ sagte Peppe, indem er die Mütze abnahm. Man merkte es ihm an, daß er schon etwas vom Karneval abgekriegt hatte. Er war auf einer Seite mit einer Ladung Mehl bedacht worden: der ganze Rücken und eine Seite waren ganz weiß, der Hut war eingekeilt und das ganze Gesicht mit weißen Tupfen bedeckt. Peppe war schon deswegen merkwürdig, weil er sein ganzes Leben lang den Diminutivnamen Peppe getragen hatte. Er hatte sich durchaus nicht bis zum Giuseppe aufschwingen können, obwohl er bereits grau zu werden begann. Er stammte sogar aus einer guten und wohlhabenden Kaufmannsfamilie, aber er hatte sein letztes Häuschen in einem Prozeß verloren. Schon sein Vater, ein Mensch von derselben Gattung wie Peppe, trotzdem er sior Giovanni genannt wurde, hatte sein ganzes Vermögen aufgezehrt, und nun fristete Peppe gleich vielen andern notdürftig sein Leben, so wie es gerade kam: bald nahm er Dienste bei einem Ausländer, bald spielte er den Boten bei einem Rechtsanwalt, bald brachte er einem Künstler das Atelier in Ordnung, bald wieder diente er als Wächter in einem Weinberg oder in einer Villa und je nach dem Amt, das er bekleidete, wechselte er auch beständig sein Kostüm. Mitunter begegnete man Peppe in einem weiten Rock und einem runden Hut auf der Straße, bald wieder in einem engen Kaftan, der an zwei drei Stellen geplatzt war, und so enge Ärmel hatte, daß Peppes lange Arme wie zwei Besenstiele aus ihnen hervorguckten, zuweilen aber erschien er in einem ganz undefinierbaren Kostüm, wobei er die einzelnen Kleidungsstücke noch nicht einmal richtig angezogen hatte: mitunter konnte man fast glauben, er habe die Jacke an Stelle der Hosen angezogen und sie hinten, so gut es eben ging, zugebunden. Er war stets zu allen möglichen Diensten bereit und übernahm allerlei Aufträge, häufig sogar, ohne daß dabei etwas für ihn abfiel. Er lief hin und verkaufte für die in seiner Straße wohnenden Damen allerhand alten Plunder: in Pergament gebundene Bücher eines verarmten Abbés oder Antiquars oder das Gemälde eines Künstlers; er ging morgens zu den Abbés und nahm ihre Hosen und Schuhe, um sie zu putzen, mit sich nach Hause, wobei er es dann meist vergaß, sie zur rechten Zeit wieder zurückzubringen, bloß aus dem übereifrigen Wunsch, sich irgendeinem Dritten gefällig zu erweisen, und die Abbés hatten dann den ganzen Tag über Zimmerarrest, da sie ja nicht ohne Hosen und Stiefel ausgehen konnten. Oft fiel ihm eine beträchtliche Geldsumme zu. Aber er verfügte über sie nach römischer Art, d. h. schon am folgenden Tage war fast nichts mehr davon übrig, und dies nicht etwa deshalb, weil er das Geld für sich verbrauchte oder verschwendete, sondern weil er alles in der Lotterie verspielte, für die er eine große Leidenschaft besaß. Es gab kaum eine Nummer, mit der er es nicht schon versucht hatte. Jede unbedeutende, ganz alltägliche Begebenheit erhielt für ihn eine große Bedeutung. Wenn es sich einmal ereignete, daß er irgendeinen Plunder auf der Straße fand, so sah er gleich in seinem Wahrsagebuch nach, unter welcher Nummer er dort verzeichnet stand, um sich sofort das entsprechende Lotteriebillett zu besorgen. Einmal träumte er, daß der Satan, — den er ohnedies aus einem unbekannten Grunde jedesmal zu Beginn des Frühlings im Traume sah — daß ihn der Satan bei der Nase gepackt hielt und über die Dächer sämtlicher Häuser schleifte, von der St. Ignatiuskirche, über den ganzen Corso durch die Tre Ladronigasse bis nach der Via della Stamperia, bis er endlich auf der Treppe der Trinita haltmachte und sagte: „Das hast du dafür, daß du zum heiligen Pankratius gebetet hast, Peppe! Deine Nummer wird nicht gewinnen.“ Dieser Traum machte in der ganzen Straße großes Aufsehen, und besonders siora Cecilia und siora Susanna regten sich sehr über ihn auf; aber Peppe deutete ihn in seiner Weise: er holte sofort sein Wahrsagebuch und fand hier, daß der Teufel 13, die Nase 24 und der heilige Pankratius 30 bedeutet, und kaufte sich noch am selbigen Morgen alle drei Nummern. Dann addierte er alle drei Zahlen zusammen, was 67 ergab und besorgte sich noch Nummer 67. Wie gewöhnlich waren alle vier Nummern Nieten. Ein anderes Mal geriet er in Streit mit einem Weinbauer, einem dicken Römer namens sior Raphael Tomacelli. Was der Anlaß zu diesem Streite war, das weiß Gott allein; es gab jedoch zwischen ihnen einen sehr lauten, von lebhaften Handbewegungen begleiteten Disput, und schließlich wurden beide kreidebleich — ein drohendes Zeichen, auf das hin gewöhnlich alle Frauen entsetzt ans Fenster eilen und der vorüberkommende Spaziergänger sich in Sicherheit zu bringen sucht — mit einem Wort, ein Zeichen dafür, daß beide Parteien gleich zum Messer greifen werden. Und in der Tat, der dicke Tomacelli hatte bereits seine Hand in den ledernen Stiefelschaft gesteckt, der seine dicke Wade eng umspannte, um sein Messer hervorzuholen, und rief: „Warte nur, ich krieg dich schon, du Kalbskopf!“ als sich Peppe plötzlich mit der Hand vor den Kopf schlug und eilig das Schlachtfeld verließ. Es war ihm eingefallen, daß er sich noch nie ein Lotteriebillett auf das Stichwort „Kalbskopf“ gekauft hatte. Er sah im Wahrsagebuch nach, unter welcher Nummer der „Kalbskopf“ verzeichnet stand, und lief schleunigst nach der Lotteriekollekte, so daß alle Straßenbewohner, die sich bereits auf ein blutiges Schauspiel gefaßt gemacht hatten, durch diese unerwartete Wendung aufs höchste überrascht wurden, ja selbst Raphael Tomacelli ließ sein Messer wieder in den Stiefelschaft gleiten, wußte lange nicht, was er nun beginnen sollte und sagte schließlich: „Che uomo curioso! (Seltsamer Mensch!) Übrigens ließ sich Peppe dadurch, daß die Billette stets Nieten waren, und daß das Geld weggeworfen war, nicht im mindesten beirren. Er war fest überzeugt, daß er einmal reich werden würde, und wenn er an einem Laden vorüberging, unterließ er es nie, zu fragen, was ein jeder Gegenstand koste. Als er einmal erfuhr, daß ein großes Haus verkauft werden sollte, begab er sich zum Verkäufer, um sich bei diesem genauer danach zu erkundigen, und als seine Bekannten sich über ihn lustig machten, versetzte er treuherzig: „Was lacht ihr, warum lacht ihr? Ich will es doch nicht gleich kaufen, sondern später einmal, wenn ich Geld haben werde. Das ist doch gar nicht so seltsam ... Ein jeder sollte sich ein Vermögen erwerben, um seinen Kindern, den Armen, oder für einen Kirchenbau und andre schöne Dinge etwas zu hinterlassen ... Chi lo sa.“ Der Fürst kannte ihn schon lange, sein Vater hatte ihn sogar einmal als Bedienten engagiert, aber sehr bald wieder davongejagt, weil Peppe seine Livree bereits in einem Monat aufgetragen und die ganzen Toiletten des alten Fürsten durch einen unvorsichtigen Stoß mit dem Ellenbogen aus dem Fenster auf die Straße geworfen hatte. „Hör mal, Peppe!“ sagte der Fürst. „Was befehlen eccellenza?“ versetzte Peppe, der barhaupt vor dem Fürsten stand, „der Herr Fürst braucht nur zu sagen, ‚Peppe!‘ und schon bin ich da! Daher brauchen der Herr Fürst nur zu sagen: ‚Hör mal, Peppe!‘ so erwidere ich schon: ecco me eccelenza!“

„Du mußt mir folgenden Dienst leisten, Peppe!“ ... Bei diesen Worten sah der Fürst sich um, und bemerkte, daß sich sämtliche siore Grazias, sämtliche Susannen, Barbarucci, Tettas und Tuttas, soviel ihrer da waren, neugierig aus dem Fenster lehnten; die arme siora Cecilia aber war beinahe im Begriff, auf die Straße herunterzufallen. „Hm, die Sache steht schlimm!“ dachte der Fürst, „komm Peppe, folge mir!“

Mit diesen Worten schritt er voran, während Peppe ihm gesenkten Hauptes folgte und vor sich hinmurmelte: „Eh! diese Weiber sind so neugierig, weil’s eben Weiber sind, weil sie eben neugierig sind.“

Lange schritten sie, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, aus einer Straße in die andere. Peppe dachte bei sich: „Der Fürst will mir wahrscheinlich einen wichtigen Auftrag geben, weil er nicht in Gegenwart der andern davon reden will; folglich habe ich ein schönes Geschenk oder gar Geld von ihm zu erwarten. Wenn mir der Fürst aber Geld gibt, was soll ich damit anfangen? Soll ich es dem Cafébesitzer sior Serviglio geben, dem ich schon lange was schuldig bin? Sior Serviglio wird in der ersten Fastenwoche sicherlich sein Geld von mir zurückfordern, denn er hat all sein Geld für den Bau der ungeheuren Geige verbraucht, an der er drei Monate lang eigenhändig gearbeitet hat, um während des Karnevals mit ihr durch alle Straßen zu ziehen, jetzt wird sior Serviglio wahrscheinlich noch lange statt Rostbraten nur Ziegenfleisch und in Wasser gekochte Broccoli essen, bis er sich wieder mit seinem Café genug Geld verdient hat. Oder soll ich sior Serviglio noch nicht bezahlen, sondern ihn bloß zum Mittagessen in eine Osteria auffordern? Denn sior Serviglio ist ein — vero Romano und wird mir um der ihm erwiesenen Ehre willen die Rückzahlungsfrist noch ein wenig verlängern; die Lotterie beginnt bestimmt in der zweiten Woche der Fasten. Wie soll ich nur bis dahin das Geld verwahren? Die kann ich es so verstecken, daß weder Giacomo noch Meister Petruccio, der Drechsler, etwas davon erfährt, die mich sicherlich bitten werden, ihnen etwas zu leihen? Giacomo hat nämlich all seine Kleider bei den Juden im Gettho versetzt, Meister Petruccio hat gleichfalls seine Kleider zum Juden ins Gettho getragen, und hat einen Unterrock und das letzte Tuch seiner Frau in Stücke gerissen, um sich als Weib zu verkleiden ... wie soll ich es nur anstellen, daß ich ihnen nichts leihen muß?“ Dies waren die Gedanken, die Peppe durch den Kopf gingen.

Der Fürst seinerseits aber dachte: „Peppe kann herauskriegen, wo das schöne Mädchen wohnt, wer sie ist und kann sie mir auffinden. Erstens kennt er alle Menschen und hat daher eher als alle andern Gelegenheit, in der Menge einem Freund zu begegnen, er kann von diesem etwas erfahren, kann in alle Cafés und Osterien hineinblicken und kann sogar jemand ansprechen, da er durch seine Figur bei niemand Verdacht erregt. Er schwatzt zwar mitunter zuviel und ist recht zerstreut, aber wenn man ihn bei seiner Römerehre faßt und ihm sein Ehrenwort abnimmt, so wird er das Geheimnis schon zu bewahren wissen.“

So dachte der Fürst, während er die Straßen durchschritt; endlich blieb er stehen, als er gewahrte, daß er die Brücke längst überschritten hatte und sich schon lange auf der Seite Roms befand, die jenseits des Tibers liegt, daß er bereits bergan ging und daß die Kirche S. Pietro in Montorio nicht mehr fern war. Um nicht auf dem Wege stehenzubleiben, betrat er den Platz, von dem aus man ganz Rom überblicken kann und sagte zu Peppe gewandt: „Hör mal, Peppe: ich muß dich um einen Dienst bitten.“

„Was wünschen eccellenza?“ versetzte Peppe.

In diesem Augenblick aber sah der Fürst Rom vor sich liegen; wie ein herrliches, leuchtendes Panorama breitete sich die ewige Stadt vor ihm aus. Auf der ganzen hellen Masse der Häuser, Kirchen, Kuppeln und Turmspitzen lag der leuchtende Glanz der herabsinkenden Sonne. Einzeln und in ganzen Gruppen traten eines hinter dem andern die Häuser, die Dächer, die Statuen, die schwebenden Terrassen und die Galerien hervor; dort funkelten die dünnen Spitzen der Türme und Kuppeln einer Masse und spielten mit der kapriziösen Buntheit bemalter Laternen in tausend Farben, dort trat ein ganzer Palast hervor, dort die schön geschmückte Spitze der Antoninussäule mit dem Kapitäl und der Statue des Apostels Paulus; mehr rechts strebten die Gebäude des Kapitols mit ihren Rossen und Statuen in den Himmel, noch mehr rechts über der leuchtenden Masse der Häuser und Dächer erhob sich majestätisch und streng das finstere Massiv des coliseischen Kolosses, dort wieder funkelte eine Flucht von Mauern, Terrassen und Kuppeln, in blendendes Sonnenlicht getaucht. Und über der ganzen blitzenden Masse grüßten die Wipfel steinerner Eichen fern aus den Villen der Ludovisi und Medici mit ihrem dunklen Laub herüber, über ihnen ragte ein Wald von römischen Pinien empor, die ihre zarten Stämme mit den kuppelförmigen Wipfeln in die Luft streckten. Und dieses ganze Bild wurde seiner ganzen Länge nach begrenzt von dunkelblauen Bergen, die sich zart und durchsichtig wie die Luft am Horizont erhoben und von einem phosphoreszierenden Lichte umwoben wurden. Kein Wort und kein Pinsel hätte die wunderbare Harmonie und den einträchtigen Zusammenhang aller Züge dieses Bildes schildern können! Die Luft war so rein und durchsichtig, daß die zarteste Linie der fernen Gebäude klar hervortrat und daß alles so nahe erschien, wie wenn man es mit der Hand greifen konnte. Das letzte kleinste architektonische Ornament, der Arabeskenschmuck eines Gesimses — alles zeichnete sich mit einer unbeschreiblichen Deutlichkeit ab. In diesem Augenblick ertönte ein Kanonenschuß und ein ferner, in eins zusammenfließender Schrei der Volksmenge — das Zeichen, daß die reiterlosen Rosse schon vorbeigaloppiert waren und damit der Karnevalstag seinen Abschluß gefunden hatte. Die Sonne sank immer tiefer herab und näherte sich dem Erdrand; ihr Abglanz auf der Masse der Bauwerke wurde immer rosiger und glühender, die Stadt erschien jetzt noch belebter und näher, die Pinien noch dunkler, das Blau der Berge wurde noch tiefer, sie phosphoreszierten noch stärker, und der erlöschende Himmelsäther wurde noch wundersamer und feierlicher! ... O Gott, welch ein Anblick! Und ganz hingerissen von all der Herrlichkeit vergaß der Fürst sich selbst, die Schönheit Anunziatas, das rätselhafte Schicksal seines Volkes und alles, was es auf dieser Welt gab.

Anhang

I
Arabesken

Die Arabesken sind in der ersten Januarhälfte des Jahres 1835 erschienen; die Unterschrift des Zensors trägt das Datum „den 10. November 1834“.

Arabesken (Erster Teil)

I. Skulptur, Malerei und Musik. Der Entwurf zu diesem Aufsatz stammt aus dem Jahre 1831, die endgültige Bearbeitung für den Druck fällt in das Jahr 1834.

II. Über das Mittelalter. Dieser Aufsatz, Gogols Antrittsvorlesung, ist im August 1834 niedergeschrieben.

III. Ein Kapitel aus einem historischen Roman. Wurde zum erstenmal in dem Almanach „Nordische Blumen für das Jahr 1831“ („Ssewernyje zwety na 1831 god“) abgedruckt. Die Unterschrift des Zensors trägt das Datum „den 18. Dezember 1830“.

IV. Über den Unterricht in der Weltgeschichte. Dieser Aufsatz ist im Dezember 1833 geschrieben. In der ersten Hälfte des Jahres 1834 wurde er noch einmal überarbeitet und erschien dann in der neuen Fassung im Februarheft der „Zeitschrift des Kultusministeriums“ („Journal Ministerstwa Narodnawo prossweschtschenja“) Jahrgang 1834.

V. Ein Überblick über das Werden Kleinrußlands. Der erste Entwurf zu diesem Aufsatz stammt aus dem Jahre 1833; im März 1834 wurde er für den Druck neu bearbeitet und erschien zum erstenmal im Aprilheft der „Zeitschrift des Kultusministeriums“, Jahrgang 1834, unter dem Titel „Ein Abschnitt aus der Geschichte Kleinrußlands“, Band I, Buch I, Kapitel I.

VI. Einige Worte über Puschkin. Der erste Entwurf stammt aus dem Jahre 1832, die letzte Bearbeitung für den Druck aus dem Jahre 1834.

VII. Über die Architektur unserer Zeit. Dieser Aufsatz ist in der zweiten Hälfte des Jahres 1833 begonnen, 1834 wurde er vor der Drucklegung noch einmal überarbeitet.

VIII. Al-Mamun. Dieses Essay stammt aus dem Jahre 1834.

Arabesken (Zweiter Teil)

I. Das Leben. Der Entwurf zu dieser Skizze stammt aus dem Jahre 1832, die letzte Bearbeitung aus dem Jahre 1834.

II. Schlözer, Müller und Herder. Der erste Entwurf zu diesem Aufsatz stammt aus dem Jahre 1832, die letzte Fassung aus dem Jahre 1834.

III. Der Newsky-Prospekt. Diese Novelle wurde 1833 oder im Anfang des Jahres 1834 begonnen. Im Oktober 1834 wurde sie für den Druck fertiggestellt.

Bei der Umarbeitung erhielt folgende Stelle der ursprünglichen Handschrift eine neue Fassung: „Wenn Piragow seine Uniform angehabt hätte, so hätte wahrscheinlich die Achtung vor seinem Rang und seiner Würde die wilden Teutonen sicherlich von ihrem Unternehmen abstehen lassen; aber er war ja nur als Zivilist und als Privatperson erschienen — im Rock und ohne Epauletten. In rasender Wut rissen die Deutschen ihm den Rock vom Leibe; Hoffmann setzte sich ihm mit dem ganzen Gewicht seines Leibes auf die Beine, Kunz packte ihn am Kopfe und Schiller ergriff ein Rutenbündel, das bei ihm den Dienst eines Besens versah. Ich muß zu meinem großen Bedauern gestehen, daß der Leutnant Piragow äußerst schmerzhafte Prügel bezog.“ (Vergl. Seite 238.)

IV. Über die kleinrussischen Lieder. Dieser Aufsatz ist im März des Jahres 1834 niedergeschrieben und im Aprilheft der „Zeitschrift des Kultusministeriums“, Jahrgang 1834, erschienen.

V. Gedanken über Geographie. Dieser Aufsatz erschien zum erstenmal in der ersten Nummer der „Literaturzeitung“ („Literaturnaja Gaseta“) im Januarheft des Jahrgangs 1831 unter dem Titel „Einige Gedanken über die Art, wie man Kinder in der Geographie unterrichten soll“. Die neue Fassung, wie sie in den Arabesken vorliegt, stammt aus dem Jahre 1834.

VI. Der letzte Tag von Pompeji. Ist im August des Jahres 1834 geschrieben.

VII. Der Gefangene. Stammt aus dem Jahre 1830.

VIII. Über die Völkerwanderung am Ende des V. Jahrhunderts. Ist wahrscheinlich im September des Jahres 1834 geschrieben.

IX. Memoiren eines Wahnsinnigen. Stammt aus dem Jahre 1834.

II
Aufsätze aus Puschkins „Zeitgenossen“

I. Über die Strömungen in der Zeitschriftenliteratur der Jahre 1834-1835. Dieser Aufsatz wurde im Februar 1836 begonnen und erschien in neuer Bearbeitung im April des Jahres 1835 im ersten Bande des „Zeitgenossen“ („Sowremennik“) von Puschkin.

II. Petersburger Skizzen 1836. Dieser Aufsatz besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil stammt aus dem Jahre 1835, der zweite aus dem April und Mai des Jahres 1836. Beide Teile wurden zum erstenmal im sechsten Bande von Puschkins „Zeitgenossen“ abgedruckt, der erst nach seinem Tode erschien und die vom 2. Mai 1837 datierte Unterschrift des Zensors trägt.

III. Italienische Sommernächte. Der Entwurf zu diesen Skizzen stammt aus dem Jahre 1839.

III
Rom
Ein Fragment

S. T. Aksakow, dem Gogol diese Erzählung 1839 selbst vorgelesen hat, nennt sie die „Italienische Novelle Anunziata“. Die Erzählung ist noch vor dem September desselben Jahres in Rom niedergeschrieben. Gegen Ende des Jahres 1841 wurde das Fragment vor der Drucklegung noch einmal überarbeitet. Es erschien in der dritten Nummer des „Moskwitjanin“ („der Moskauer“) vom Jahre 1842.


Diese Nachträge und Anmerkungen sind der russischen Ausgabe von Tichonrawow und Schenrock (Petersburg 1901) entnommen.

Der Herausgeber.

Druck von Mänicke und Jahn, Rudolstadt.

Fußnoten

[1] Dieser Abschnitt ist dem Roman „Der Hetman“ entnommen, dessen erster Teil vom Autor verbrannt wurde, weil er ihn nicht befriedigte. Wir bringen an dieser Stelle die zwei einzigen Kapitel, die überhaupt im Druck erschienen sind.

[2] Diese Skizze bildet die Einleitung zu einer Geschichte Kleinrußlands; da aber der ganze erste Teil dieser Geschichte vollständig umgearbeitet wurde, so lassen wir diesen Teil als besonderen Aufsatz hier folgen.

[3] Unter Puschkins Namen wurden auch eine Reihe abgeschmackter Verse verbreitet. Das ist das gewöhnliche Los des Talents, dessen Name bekannt und berühmt ist. — Anfangs lacht man darüber, aber später fängt man an, sich zu ärgern, wenn man über die erste Jugend hinaus ist und sieht, daß diese Torheiten kein Ende nehmen. Schließlich schrieb man Puschkin sogar Werke wie „Das Cholera-Mittel“, „Die erste Nacht“ und ähnliche zu.

[4] Mir kam früher häufig ein seltsamer Gedanke; ich war der Ansicht, es müßte doch schön sein, wenn eine jede Stadt eine Straße aufzuweisen hätte, die gewissermaßen eine ganze Chronik der Architektur darstellt: dazu müßte sie mit einem schweren, finsteren Tor beginnen; hätte der Beschauer dieses passiert, so sollte er zu beiden Seiten des Weges gewaltige, mächtige Gebäude in einem ursprünglichen, noch rohen Geschmack, wie er allen Urvölkern eigen ist, erblicken, auf diese sollten die verschiedenen Entwicklungsformen des Stiles folgen: Seine machtvolle Umgestaltung, zur ägyptischen Architektur, sodann zur Schönheit des griechischen Stils, ferner zur wollüstigen Pracht der alexandrinischen und byzantinischen Architektur mit ihren flachen Kuppeln, dann zum römischen Stil mit seinen vielreihigen Arkaden, und dann wieder der Niedergang, das Zurückfallen in die rohen Zeiten und das plötzliche Sichaufschwingen zu der ungewöhnlichen Pracht der arabischen Architektur; hierauf sollte der rohe gotische, dann der gotisch-arabische und dann der reingotische Stil, diese Krone der Kunst, wie wir sie in dem Kölner Dom vorfinden, folgen; hierauf die furchtbare Vermischung aller Stile unter dem Einfluß der byzantinischen Kunst, dann die Wiederkehr der alten griechischen Architektur in neuem Gewande, und endlich müßte die Straße in ein Tor ausmünden, das alle Elemente des neuen Geschmacks in sich zusammenfaßt. Diese Straße wäre dann in gewissem Sinne eine lebendige Entwicklungsgeschichte des Geschmacks, und wer zu faul wäre, dicke Folianten durchzublättern, der brauchte nur einmal durch diese Straße zu gehen, um ein vollkommenes Bild dieser Entwicklung zu erhalten.

[5] Zur Zeit Nikolaus I. waren die Bärte verboten.

[6] d. h. Kaufleute.

[7] Übrigens dürfen sich die Freunde der Musik und der Poesie beruhigen. Vor kurzem hat Maximowitsch eine vortreffliche Sammlung dieser Lieder herausgegeben, die von Aljabjew für Gesang gesetzt sind.

[8] Schlözer.

[9] Müller.

[10] Tacitus.

[11] Über die Goten siehe Prokop, Jornandes, Gibbon.

[12] Schlegel

[13] Über die Hunnen und Attila siehe Jornandes, De Guignes, Fischer.

[14] Eine Art Semmel.

[15] Moskau = russisch Moskwa ist weiblichen, Petersburg spr. Pitirburg — männlichen Geschlechts.

[16] Eine große Markthalle in Petersburg.

[17] In der italienischen Poetik gibt es eine besondere Form, die unter dem Namen Sonett mit dem Schwanz (con la coda) bekannt ist — sie wird dann angewandt, wenn das Gedicht den ganzen Gedanken nicht zu fassen vermag und daher ein Zusatz erforderlich wird, der oft größer ist als das eigentliche Sonett.

[18] Die Römer nennen alle, die nicht in Rom leben, Fremde (forestieri), auch wenn sie nur zehn Meilen außerhalb der Stadt wohnen.