Wie gewöhnlich, erwachte Herr Goljädkin am anderen Tage um acht Uhr. Sofort erinnerte er sich aller Begebenheiten des vergangenen Abends – erinnerte sich, und sein Gesicht wurde finster. „Habe ich mich aber gestern wie ein Dummkopf benommen!“ dachte er, erhob sich ein wenig und sah zu dem Bette seines Gastes hinüber. Doch wie groß war sein Erstaunen, als er weder den Gast noch das Bett im Zimmer erblickte! „Was hat denn das zu bedeuten?“ hätte Goljädkin beinahe laut aufgeschrien. „Was soll denn das heißen? Was hat denn das wieder zu bedeuten?“
Während Herr Goljädkin, ohne etwas zu begreifen, mit offenem Munde auf die leere Stelle starrte, öffnete sich die Tür und Petruschka trat mit dem Teebrett ins Zimmer.
„Wo ist er, wo ist er?“ brachte unser Held mit kaum hörbarer Stimme hervor und wies mit dem Finger auf die leere Stelle.
Zuerst antwortete ihm Petruschka gar nicht, er sah nicht einmal seinen Herrn an, sondern wandte seine Augen nur stumm in die rechte Ecke des Zimmers, so daß Herr Goljädkin auch gezwungen wurde, rechts in die Ecke zu sehen. Erst nach einigem Schweigen erwiderte Petruschka mit rauher und grober Stimme: „Der Herr ist nicht zu Haus.“
„Du Dummkopf, ich bin doch dein Herr, Petruschka!“ sagte Herr Goljädkin ratlos und starrte seinen Diener mit großen Augen an.
Petruschka schwieg, doch blickte er Herrn Goljädkin in einer Weise an, daß dieser bis über die Ohren errötete. In seinem Blick lag ein so beleidigender Vorwurf, der Schimpfworten gleich war. Herr Goljädkin ließ die Hände sinken und sagte kein Wort.
Endlich bemerkte Petruschka, der andere sei vor anderthalb Stunden bereits ausgegangen und habe nicht mehr warten wollen. Die Auskunft klang sehr wahrscheinlich und glaubwürdig; offenbar belog ihn Petruschka nicht, denn was seinen beleidigenden Blick und die Bezeichnung der andere anbetraf, so waren diese wohl durch einen unangenehmen Umstand veranlaßt worden. Herr Goljädkin begriff denn auch, wenn auch nur dunkel, daß hier etwas nicht in Ordnung war, und daß das Schicksal ihm etwas vorzubehalten schien, das nicht angenehm war.
„Gut, wir werden sehen,“ dachte er bei sich, „wir werden sehen und werden daran glauben müssen ... Ach, du grundgütiger Gott!“ stöhnte er plötzlich mit ganz veränderter Stimme, „oh, warum habe ich ihn aufgefordert, weshalb habe ich das alles getan? Ich habe selbst den Kopf in die Schlinge gelegt, und habe mir dazu noch die Schlinge mit eigenen Händen gedreht. Ach, du Dummkopf, du Dummkopf! Und du konntest auch nichts anderes tun, als dich verplappern wie ein kleiner Junge, wie irgend so ein Kanzlist, wie ein rangloser Lump, wie ein weicher Lappen, ein verfaulter Lumpen, du Schwätzer, du! ...
Ach, ihr meine Heiligen! Gedichte hat der Schelm gemacht, von seiner Liebe zu mir gesprochen! Wie ist das nur alles möglich gewesen ... Wie kann ich diesem Lumpen nun auf anständige Weise die Tür weisen, wenn er zurückkommen sollte? Versteht sich, es gibt ja verschiedene Möglichkeiten: So und so, bei meinem geringen Gehalt ... oder, man kann ihm auch Furcht einjagen, kann sagen, aus Rücksicht auf dieses und jenes sei ich genötigt, ihm zu erklären ... das heißt, er solle die Hälfte für Wohnung und Kost bezahlen und das Geld im voraus abgeben! Hm! Zum Teufel, nein, das wäre gemein. Nicht zartfühlend genug! Oder, wäre es nicht vielleicht besser, Petruschka auf ihn loszulassen, so daß der es ihm einsalzte, ihn vernachlässigte und angrobte? um ihn auf diese Art los zu werden?! Man müßte sie aufeinanderhetzen ... Nein, zum Teufel auch, nein! Das wäre gefährlich, und dann auch, von dem Standpunkte aus betrachtet ... nun, durchaus nicht schön! Durchaus, durchaus nicht schön! Aber, wenn er jetzt nun gar nicht wiederkommt? Auch das wäre nicht angenehm. Habe mich doch gestern abend so verplappert! ... Das ist schlimm, wirklich schlimm! Ach, das ist eine schöne Geschichte, oh, ich Dummkopf! Kannst du nicht endlich lernen, wie du dich zu benehmen hast, kannst du dich nicht endlich beherrschen! Nun, wenn er jetzt kommt und absagt? Gebe Gott, daß er kommt! Ich wäre ja selig, wenn er nur käme ...“
So philosophierte Herr Goljädkin, trank dabei seinen Tee und sah nach der Wanduhr.
„Es ist bereits drei Viertel auf neun, ... es ist Zeit, zu gehen. Aber was wird nun werden! Was wird geschehen? Ich würde gar zu gern wissen, was wohl eigentlich dahintersteckt ... – wozu alle diese Ränke und Intrigen dienen sollen? Es wäre gut, zu wissen, was eigentlich alle diese Leute denken und welche Schritte sie tun wollen ...“
Herr Goljädkin konnte sich vor Ungeduld nicht mehr beherrschen, er warf die Pfeife fort, zog sich an und begab sich in das Departement – mit dem Wunsche, wenn möglich, die Gefahr selbst aufzusuchen und sich persönlich zu vergewissern. Denn eine Gefahr gab es: das wußte er genau, eine Gefahr gab es!!!
„Aber wir wollen sie sehen ... und unterkriegen,“ beschloß Herr Goljädkin, während er im Vorraum Galoschen und Mantel ablegte. „Wir werden diesen Dingen sofort auf den Grund kommen, sofort!“
Entschlossen, irgendwie zu handeln, nahm unser Held eine würdige Miene an und war eben im Begriff, in das nächstliegende Zimmer einzutreten, als er plötzlich noch an der Tür auf seinen Bekannten und Busenfreund stieß.
Herr Goljädkin der Jüngere schien jedoch Herrn Goljädkin den Älteren gar nicht zu bemerken, obgleich sie fast mit den Nasen aufeinander rannten. Herr Goljädkin der Jüngere schien offenbar sehr beschäftigt zu sein, er hatte es eilig, wurde ganz rot, nahm eine sehr geschäftige und offizielle Miene an, so daß ihm jeder am Gesicht ablesen konnte: „scht, ich bin kommandiert zu ganz besonderen Aufträgen ...“
„Ah, Sie sind’s, Jakoff Petrowitsch!“ sagte unser Held und griff nach der Hand seines gestrigen Gastes.
„Nachher, nachher, entschuldigen Sie mich, nachher,“ rief Herr Goljädkin der Jüngere, und wollte davoneilen.
„Aber, erlauben Sie, Sie wollten doch, Jakoff Petrowitsch ...“
„Was wollte ich? Erklären Sie sich schnell.“ Dabei blieb der gestrige Gast des Herrn Goljädkin widerstrebend vor diesem stehen und neigte sein Ohr zur Nase des anderen.
„Ich wollte Ihnen nur sagen, Jakoff Petrowitsch, daß ich sehr erstaunt bin – über den Empfang ... einen Empfang, den ich durchaus nicht erwartet habe.“
„Alles hat seinen Weg. Gehen Sie zum Sekretär Seiner Exzellenz, und darauf begeben Sie sich, wie es sich gehört, zum Chef der Kanzlei. Sie haben wohl eine Bittschrift? ...“
„Ich verstehe Sie nicht, Jakoff Petrowitsch! Sie setzen mich einfach in Erstaunen, Jakoff Petrowitsch! Wahrscheinlich haben Sie mich nicht wiedererkannt oder Sie belieben zu scherzen ... – bei der angeborenen Heiterkeit Ihres Charakters.“
„Ach, das sind Sie!“ sagte Herr Goljädkin der Jüngere, als hätte er erst jetzt Herrn Goljädkin den Älteren erkannt, – „ja so, Sie sinds? Nun, wie haben Sie geruht?“
Herr Goljädkin der Jüngere lächelte ein wenig, ein wenig offiziell, und zwar durchaus nicht, wie es sich gehörte (denn auf jeden Fall hätte er Herrn Goljädkin dem Älteren seine Dankbarkeit beweisen sollen), er aber lächelte nur sehr formell und offiziell und fügte dabei hinzu, daß er seinerseits sehr froh darüber sei, daß Herr Goljädkin so gut geruht habe. Dann verneigte er sich etwas, bewegte sich hin und her, sah nach rechts, nach links, senkte die Augen zu Boden, wandte sich nach der Seitentür, flüsterte ihm eilig zu, daß er einen „ganz besonderen Auftrag“ habe, und schlüpfte ins nächste Zimmer. Kaum gesehen – war er schon verschwunden.
„Da haben wir’s, das ist nicht übel! ...“ murmelte unser Held, einen Augenblick starr vor Verwunderung, „da haben wir’s! Also so stehen die Sachen! ...“ Herr Goljädkin fühlte, wie ihm ein Kribbeln über den Körper lief. „Übrigens,“ fuhr er in seinem Selbstgespräch fort, „übrigens habe ich das längst gewußt, ich habe es ja längst vorausgefühlt, daß er in einem besonderen Auftrag ... nämlich, gestern sagte ich’s noch, daß dieser Mensch in einem besonderen Auftrage ...“
„Haben Sie Ihre gestrigen Papiere fertiggestellt, Jakoff Petrowitsch?“ fragte ihn Anton Antonowitsch Ssjetotschkin, als Herr Goljädkin sich neben ihn setzte, „haben Sie sie hier?“
„Hier,“ flüsterte Herr Goljädkin, der den Bureauvorsteher ganz verloren anschaute.
„So, so! Ich fragte darum, weil Andrej Philippowitsch bereits zweimal nach ihnen verlangte, und weil es möglich, daß Seine Exzellenz sie jeden Augenblick einfordern werden ...“
„Nun, gut, gut.“
„Ich, Anton Antonowitsch, habe doch immer meine Schuldigkeit getan, so wie es sich gehört, und, erfreut über die mir anvertrauten Arbeiten, wie ich zu sein pflege, beschäftige ich mich mit ihnen gewissenhaft.“
„Ja ... nun ... was wollen Sie denn damit sagen?“
„Ich? Nichts, Anton Antonowitsch. Ich wollte nur erklären, Anton Antonowitsch, daß ich ... das heißt, ich wollte sagen, daß mitunter Neid und Bosheit niemanden verschonen und sich ihre tägliche, abscheuliche Beute suchen ...“
„Entschuldigen Sie, ich verstehe Sie nicht ganz. Das heißt, auf wen wollen Sie anspielen?“
„Das heißt, ich wollte nur sagen, Anton Antonowitsch, daß ich meinen Weg gerade gehe und einen krummen Weg verabscheue, daß ich kein Intrigant bin, und daraus, wenn es erlaubt ist, sich so auszudrücken, gerechterweise stolz sein kann ...“
„Ja–a. Das stimmt, wenigstens kann ich, so wie ich darüber denke, Ihrer Meinung vollständig zustimmen: doch erlauben Sie mir, Jakoff Petrowitsch, zu bemerken, daß es einem Menschen in guter Gesellschaft nicht erlaubt ist, einem alles ins Gesicht zu sagen – wenn Sie das zu tun wünschen, nun, so ist es Ihr freier Wille. Ich aber, mein Herr, lasse mir keine Unverschämtheiten ins Gesicht sagen. Ich, mein Herr, bin im kaiserlichen Dienst grau geworden und erlaube mir auf meine alten Tage auch keine Frechheiten ... –“
„Ne–i–n, ich, Anton Antonowitsch, sehen Sie, Anton Antonowitsch, Sie scheinen, Anton Antonowitsch, mich nicht ganz verstanden zu haben. Erbarmen Sie sich, Anton Antonowitsch, ich kann meinerseits nur auf Ehre versichern, daß ...“
„Ich muß, ebenfalls meinerseits, mich zu entschuldigen bitten. Ich bin nach alter Art erzogen, und es ist für mich zu spät, nach Ihrer Art umzulernen. Für den Dienst des Vaterlandes war mein Verständnis, wie es scheint, bis jetzt genügend. Wie Sie selbst wissen, mein Herr, besitze ich das Ehrenzeichen – für fünfundzwanzigjährige untadelhafte Dienstzeit ...“
„Ich verstehe, Anton Antonowitsch, ich verstehe das meinerseits vollkommen. Aber nicht das habe ich gemeint, ich habe von der Maske gesprochen, Anton Antonowitsch ...“
„Von der Maske?“
„Das heißt, Sie scheinen wieder ... ich fürchte, Anton Antonowitsch, daß Sie auch hier meine Gedanken anders auffassen, den Sinn meiner Rede, wie Sie selbst sagen, anders auffassen. Ich entwickele ja nur meine Anschauung, habe die Idee, Anton Antonowitsch, daß es jetzt selten Leute ohne Maske gibt, und daß es schwer ist, unter der Maske einen Menschen zu erkennen ...“
„N–u–n, wissen Sie, das ist nicht immer so schwer. Manchmal ist es sogar sehr leicht und man braucht nicht weit zu suchen.“
„Nein, wissen Sie, Anton Antonowitsch, ich behaupte ja nur für meine Person, daß ich mich nie einer Maske bedienen würde, oder doch nur, wenn es die Gelegenheit verlangte, zum Karneval oder sonst in heiterer Gesellschaft, daß ich mich aber vor Leuten im täglichen Leben, im übertragenen Sinne gesprochen, niemals maskieren würde. Das ist es, was ich sagen wollte, Anton Antonowitsch.“
„Nun, lassen wir das jetzt, ich habe offen gestanden jetzt keine Zeit dazu,“ sagte Anton Antonowitsch, der von seinem Stuhle aufstand und einige Papiere zur Meldung bei Seiner Exzellenz zusammenlegte. „Ihre Sache wird sich, wie ich voraussetze, ohne Verzögerung von selbst aufklären. Sie werden selbst sehen, wen Sie anzuklagen und wen Sie zu beschuldigen haben, mich aber bitte ich, mit weiteren privaten und den Dienst beeinträchtigenden Unterhaltungen zu verschonen ...“
„Nein, ich ... Anton Antonowitsch,“ rief Herr Goljädkin, ein wenig erbleichend, dem sich entfernenden Anton Antonowitsch noch nach, „ich, Anton Antonowitsch, habe an dergleichen überhaupt nicht gedacht ...“
„Was hat denn das wieder zu bedeuten?“ sagte Herr Goljädkin zu sich selbst, als er allein geblieben war. „Woher weht denn dieser Wind, und was soll denn dieser neue Winkelzug wieder bringen?“
In demselben Augenblick, als unser verdutzter und halbtoter Held sich vorbereitete, diese neue Frage zu beantworten, hörte man im Nebenzimmer ein Geräusch und kurze Zeit darauf geschäftige Bewegung. Die Tür wurde aufgerissen und Andrej Philippowitsch, der soeben in Dienstangelegenheiten im Kabinett Seiner Exzellenz gewesen war, erschien aufgeregt in der Tür und rief nach Herrn Goljädkin. Herr Goljädkin, der wohl wußte, um was es sich handelte und der Andrej Philippowitsch nicht warten lassen wollte, sprang von seinem Platz und bereitete sich vor, so wie es sich gehörte, das verlangte Papier noch einmal schnell zu überfliegen, um es dann selbst zu Andrej Philippowitsch und ins Kabinett seiner Exzellenz zu tragen. Plötzlich aber schlüpfte, an Andrej Philippowitsch vorüber, Herrn Goljädkin der Jüngere durch die Tür und stürzte sich, kaum daß er im Zimmer war, mit wichtiger und sehr geschäftiger Miene geradeaus auf Herrn Goljädkin den Älteren, der alles eher erwartete, als einen solchen Überfall ...
„Die Papiere, Jakoff Petrowitsch, die Papiere ... Seine Exzellenz geruht, Sie zu fragen, ob sie fertig sind?“ flüsterte eilig und kaum hörbar der Freund Herrn Goljädkins des Älteren. „Andrej Philippowitsch erwartet Sie ...“
„Ich weiß schon, daß er mich erwartet,“ entgegnete ihm Herr Goljädkin der Ältere gleichfalls eilig und flüsternd.
„Nein, Jakoff Petrowitsch: ich bin nicht so, Jakoff Petrowitsch, ich bin ganz anders, Jakoff Petrowitsch, und nehme herzlich Anteil ...“
„Womit ich Sie ergebenst bitte, mich zu verschonen. Erlauben Sie, erlauben Sie, bitte ...“
„Sie müssen auf jeden Fall einen Umschlag herumlegen, Jakoff Petrowitsch, und in die dritte Seite legen Sie ein Zeichen, Jakoff Petrowitsch ...“
„Aber so erlauben Sie mir doch endlich ...“
„Hier ist doch ein Tintenfleck, Jakoff Petrowitsch! Haben Sie den Tintenfleck bemerkt? ...“
Jetzt rief Andrej Philippowitsch schon zum zweitenmal nach Herrn Goljädkin.
„Sofort, Andrej Philippowitsch, nur noch einen Augenblick, hier, gleich ... werter Herr, verstehen Sie kein Russisch?“
„Am besten wäre es, ihn mit dem Federmesser auszukratzen, Jakoff Petrowitsch, überlassen Sie es lieber mir: rühren Sie selbst lieber gar nicht daran, Jakoff Petrowitsch, verlassen Sie sich ganz auf mich, ich werde mit dem Federmesser ...“
Andrej Philippowitsch rief zum dritten Male nach Herrn Goljädkin.
„Aber hören Sie, wo ist denn da ein Tintenfleck? Ich sehe hier überhaupt nichts ...“
„Und sogar ein sehr großer Tintenfleck, hier, sehen Sie, hier! Erlauben Sie, ich habe ihn soeben gesehen, hier, erlauben Sie ... Wenn Sie mir nur erlauben wollten, Jakoff Petrowitsch, ich würde hier schon aus Mitgefühl mit dem Federmesser, Jakoff Petrowitsch, mit dem Messer und aus aufrichtigem Herzen ... sehen Sie, so, so muß man’s tun ...“
Plötzlich und ganz unerwartet vergewaltigte Herr Goljädkin der Jüngere Herrn Goljädkin den Älteren in einem sekundenlangen Kampfe, der sich zwischen ihnen entspann: und entschieden ganz gegen den Willen des letzteren nahm er das vom Vorgesetzten verlangte Papier, und statt aus aufrichtigem Herzen den Tintenfleck mit dem Messerchen zu entfernen, wie er treulos Herrn Goljädkin dem Älteren versichert hatte – riß er plötzlich die verlangten Papiere an sich, steckte sie unter den Arm, war in zwei Sätzen neben Andrej Philippowitsch, der von alledem nichts bemerkt hatte, und flog mit ihm ins Kabinett seines Chefs. Herr Goljädkin der Ältere stand versteinert da an seinem Platz, in den Händen das Federmesser, als ob er soeben etwas radieren wollte ...
Unser Held begriff diese neue Tatsache nicht sofort. Er konnte noch nicht zu sich kommen. Er fühlte wohl den Schlag, konnte sich aber über seine Folgen nicht klar werden. In schrecklicher und ganz unbeschreiblicher Verzweiflung riß er sich endlich von der Stelle los und stürzte gleichfalls geradeaus ins Kabinett seines Chefs, indem er unterwegs den Himmel anflehte, es möge sich alles dort zum besten wenden ... Im letzten Zimmer vor dem Kabinett des Chefs stieß er mit Andrej Philippowitsch und seinem Namensvetter fast mit der Nase zusammen. Beide kehrten schon zurück. Herr Goljädkin trat zur Seite. Andrej Philippowitsch sprach heiter und vergnügt. Der Namensvetter Herrn Goljädkins des Älteren lächelte gleichfalls, lief in ehrfurchtsvoller Entfernung neben ihm her und flüsterte mit seliger Miene Andrej Philippowitsch etwas ins Ohr, worauf Andrej Philippowitsch wohlwollend seinen Kopf hin und her wiegte.
Sofort begriff unser Held die Situation. Tatsache war, daß seine Arbeit, wie er nachher erfuhr, die Erwartungen Seiner Exzellenz noch übertroffen hatte und gerade zur rechten Zeit vorgelegt worden war. Seine Exzellenz waren äußerst zufrieden damit, und man sagte sogar, er habe sich bei Herrn Goljädkin dem Jüngeren dafür bedankt: man sagte, er würde bei Gelegenheit nicht vergessen ... –
Natürlich, das erste, was Herr Goljädkin tun mußte, war – protestieren, aus allen Kräften protestieren, bis zum äußersten protestieren. Ohne sich zu besinnen, bleich wie der Tod, stürzte er sich auf Andrej Philippowitsch. Doch nachdem Andrej Philippowitsch vernommen hatte, daß die Angelegenheit eine Privatsache des Herrn Goljädkin sei, weigerte er sich, ihm Gehör zu schenken, mit der entschiedenen Bemerkung, er habe kaum für seine eigenen Angelegenheiten einen Augenblick Zeit übrig.
Die Trockenheit des Tones und die Entschiedenheit der Abweisung wirkten auf Herrn Goljädkin niederschmetternd. „Besser, ich versuche es von einer anderen Seite ... besser, ich gehe zu Anton Antonowitsch.“ Zum Unglück für Herrn Goljädkin war jedoch auch Anton Antonowitsch nicht zu sprechen: auch er war irgendwie beschäftigt! „Nicht ohne Absicht bat er mich, ihn mit Erklärungen und Gesprächen zu verschonen,“ dachte unser Held. „In dem Falle bleibt mir nichts anderes übrig, als Seine Exzellenz selbst anzurufen.“
Immer noch ganz bleich und verwirrt, wobei ihm der Kopf rund ging, wußte Herr Goljädkin nicht, wozu er sich entschließen sollte, und setzte sich an seinen Tisch.
„Es wäre viel besser, wenn das alles nicht wäre,“ dachte er ununterbrochen bei sich selbst. „In der Tat dürfte eine so verwickelte, dunkle Geschichte gar nicht möglich sein. Erstens ist das alles Unsinn, und zweitens ist so etwas überhaupt nicht möglich. Wahrscheinlich hat mir alles nur so geschienen, oder es geschah in Wirklichkeit etwas ganz anderes. Wahrscheinlich war ich es selbst, der hinging ... und habe mich für den anderen gehalten ... kurz und gut – es ist eine ganz unmögliche Geschichte.“
Kaum war Herr Goljädkin zu diesem Schluß gekommen, als Herr Goljädkin der Jüngere, beladen mit Papieren, die er in beiden Händen und unter dem Arme trug, ins Zimmer flog. Im Vorbeigehen machte er Andrej Philippowitsch ein paar notwendige Bemerkungen, unterhielt sich mit noch jemandem, sagte sogar einem dritten Liebenswürdigkeiten, und da Herr Goljädkin der Jüngere offenbar keine Zeit zu verschwenden hatte, wollte er aller Wahrscheinlichkeit nach das Zimmer sofort wieder verlassen, als er zum Glück Herrn Goljädkins des Älteren an der Tür mit ein paar jungen Beamten zusammenstieß und im Vorbeigehen auch mit ihnen zu sprechen begann. Herr Goljädkin der Ältere stürzte geradewegs auf ihn zu. Als Herr Goljädkin der Jüngere das Manöver des Herrn Goljädkin des Älteren bemerkte, blickte er mit großer Unruhe um sich, suchte, wohin er sich am schnellsten verkriechen könnte. Doch unser Held hatte seinen gestrigen Freund bereits am Ärmel gepackt. Die Beamten drängten sich um die beiden Titularräte und warteten gespannt, was nun kommen würde. Der Ältere begriff sehr wohl, daß die Stimmung jetzt gegen ihn war, begriff, daß sie alle gegen ihn intrigierten. Um so mehr mußte er sich selbst beherrschen ... Der Augenblick war entscheidend.
„Nun?“ fragte Herr Goljädkin der Jüngere Herrn Goljädkin den Älteren, ihn dreist anschauend.
Herr Goljädkin der Ältere wagte kaum zu atmen. „Ich weiß nicht, mein Herr,“ begann er, „wie ich Ihr sonderbares Betragen zu mir erklären soll.“
„Nun, fahren Sie fort, mein Herr.“ Herr Goljädkin der Jüngere sah dabei im Kreise um sich und zwinkerte den anderen Beamten zu, als gäbe er ihnen das Zeichen, daß jetzt die Komödie beginne.
„Die Unverschämtheit Ihres Benehmens, mein verehrter Herr, spricht im vorliegenden Falle noch mehr gegen Sie ... als es meine Worte tun könnten. Hoffen Sie nicht, Ihr Spiel zu gewinnen: es steht schlecht ...“
„Nun, Jakoff Petrowitsch, jetzt sagen Sie mir mal, wie Sie geschlafen haben?“ antwortete Herr Goljädkin der Jüngere und sah Herrn Goljädkin dem Älteren gerade in die Augen.
„Sie, verehrter Herr, vergessen sich vollständig,“ sagte der Ältere vollständig fassungslos und fühlte dabei kaum mehr den Boden unter den Füßen. „Ich hoffe, daß Sie Ihren Ton ändern werden ...“
„Mein Lieber!“ erwiderte Herr Goljädkin der Jüngere, schnitt Herrn Goljädkin dem Älteren eine ziemlich unehrerbietige Grimasse und kniff ihn plötzlich ganz unerwartet mit seinen beiden Fingern in seine ziemlich dicke rechte Backe. Unser Held fuhr auf wie ein Feuerbrand.
Kaum hatte jedoch der Freund des Herrn Goljädkin bemerkt, daß sein Gegner an allen Gliedern zitterte, dabei stumm vor Verwunderung und rot wie ein Krebs war, und so, bis zum Äußersten gebracht, sich zu einem Überfall auf ihn entschließen wollte – als er ihm auf die allerunverschämteste Weise zuvorkam. Er klopfte Herrn Goljädkin noch zweimal auf die Backe, kniff sie noch einmal, und spielte so mit ihm sein Spiel, während der andere immer noch unbeweglich und sprachlos vor Erstaunen dastand, zum nicht geringen Ergötzen der um sie herumstehenden Beamtenschaft. Herr Goljädkin der Jüngere, mit seiner schamlosen Seele ging noch weiter, er klopfte schließlich Herrn Goljädkin den Älteren auf den vollen Magen und sagte dazu mit einem giftigen Lächeln:
„Mach’ keine dummen Streiche, mein Lieber, keine dummen Streiche, Jakoff Petrowitsch! Wir wollten ja zusammen Intrigen spinnen, Jakoff Petrowitsch, Intrigen.“
Noch bevor unser Held nach dieser letzten Attacke zu sich kommen konnte, lächelte Herr Goljädkin der Jüngere den Umstehenden verständnisinnig zu, setzte eine sehr geschäftige Miene auf, schlug die Augen zu Boden, kugelte sich wie ein Igel zusammen, murmelte etwas über „einen besonderen Auftrag“, trippelte mit seinen kurzen Füßen davon und verschwand im Nebenzimmer. Unser Held traute seinen Augen nicht und konnte vor Erstaunen noch immer nicht zu sich kommen ...
Endlich erst, als er dann zu sich kam, wurde ihm klar, daß er beleidigt war, in gewissem Sinne verloren – daß sein Ruf beschmutzt und befleckt, er selbst in Gegenwart von anderen lächerlich gemacht worden war, beschimpft von demjenigen, von dem er gestern noch gehofft hatte, daß er sein einziger, bester Freund werden würde, und er erkannte, daß er sich vor der ganzen Welt blamiert hatte, und als ihm das so recht zum Bewußtsein gekommen war, da besann er sich nicht lange, sondern – stürzte seinem Feinde nach, ohne auch nur an die Zeugen seiner Erniedrigung zu denken.
„Sie alle stecken miteinander unter einer Decke,“ dachte er bei sich, „einer steht für den anderen und einer hetzt den anderen gegen mich auf.“ Doch kaum hatte unser Held die ersten zehn Schritte gemacht, als er einsah, daß jede Verfolgung umsonst war. Deshalb kehrte er um.
„Du wirst mir nicht entkommen,“ dachte er, „du kommst mir noch in die Falle und wirst als Wolf Lämmertränen weinen!“ Mit wütender Kaltblütigkeit und mit entschlossener Energie ging Herr Goljädkin zu seinem Stuhl und setzte sich auf ihn nieder.
„Du wirst mir nicht entkommen,“ wiederholte er noch einmal.
Jetzt handelte es sich bei ihm nicht mehr um eine passive Verteidigung, seine Haltung sah nach Entschlossenheit aus, und wer Herrn Goljädkin in diesem Augenblick sah, wie er puterrot und kaum seiner Erregung mächtig seine Feder ins Tintenfaß steckte, und mit welcher Wut er seine Zeilen aufs Papier warf, der mußte wohl im voraus begreifen, daß diese Sache nicht so einfach verlaufen würde. In der Tiefe seiner Seele faßte er einen Entschluß und in der Tiefe seines Herzens schwor er sich, ihn auch auszuführen. Dabei wußte er aber noch gar nicht so recht, wie er hier vorgehen sollte, besser gesagt, er wußte überhaupt noch nichts Bestimmtes – aber das Einzelne, meinte er, das war ja gleichgültig!
„Mit Anmaßung und Unverschämtheit, verehrter Herr, richten Sie in unserer Zeit nichts aus. Anmaßung und Unverschämtheit, mein verehrter Herr, führen nicht zum Guten, sondern zum Galgen. Nur Grischka Otrepieff[14] allein, mein Herr, erdreistete sich, das blinde Volk durch Anmaßung und Unverschämtheit zu betrügen, und auch das gelang ihm nur auf sehr, sehr kurze Zeit.“
Ungeachtet des letzteren Umstandes beschloß Herr Goljädkin, zu warten, bis die Maske von manchen Gesichtern fallen und alles aufgedeckt werden würde. Dazu mußten aber die Kanzleistunden erst zu Ende gehen. Bis dahin wollte unser Held nichts unternehmen. Dann aber würde er zu Maßregeln greifen – dann würde er wissen, was er zu tun hatte. Dann würde er wissen, welcher Plan zu entwerfen war, um den „Hochmut zu fällen“ und die „kriechende Schlange ohnmächtig in den Staub zu treten“. Er konnte es doch nicht erlauben, daß man ihn wie einen Lappen behandelte, mit dem man schmutzige Stiefel reinigt! Das konnte er sich doch unmöglich gefallen lassen, besonders in diesem Falle nicht! Wäre unserem Helden nicht dieser letzte Schimpf angetan worden, vielleicht hätte er sich doch noch entschließen können, sich zu überwinden und zu schweigen, oder wenigstens nicht so erbittert zu handeln. Er hätte sich dann vielleicht nur ein wenig herumgestritten und klar bewiesen, daß er in seinem Recht sei, hätte schließlich, wenn auch zuerst nur ein wenig, nachgegeben, und dann noch ein wenig nachgegeben, und sich am Ende überhaupt mit ihnen ausgesöhnt – besonders wenn ihm seine Gegner feierlich zugestanden hätten, daß er in seinem Recht sei. Daraufhin würde er sich ganz sicher ausgesöhnt haben und vielleicht, wer konnte es wissen, vielleicht wäre daraus eine neue Freundschaft entstanden, eine heiße, starke Freundschaft, eine viel, viel größere Freundschaft, als die gestrige, eine, durch die diese gestrige ganz verdunkelt worden wäre. So würde denn zuletzt die Feindschaft zweier Menschen beseitigt gewesen sein, und die beiden Titularräte konnten froh und glücklich miteinander leben – hundert Jahre lang!
Um schließlich die Wahrheit zu sagen: Herr Goljädkin fing bereits an, ein wenig zu bereuen, daß er für sich und sein Recht zu weit gegangen sei und sich dafür nur Unannehmlichkeiten bereitet hatte. „Hätte er nachgegeben,“ dachte Herr Goljädkin, „hätte er gesagt, daß alles das nur Scherz sei“: Herr Goljädkin hätte ihm verziehen, ganz und gar verziehen, zumal, wenn er es laut bekennen wollte! „Aber als einen Wischlappen lasse ich mich nicht behandeln, besonders nicht von solchen Leuten. Oh, und daß gerade ein so verworfener Mensch den Versuch mit mir macht! Ich bin kein Lappen, nein, mein Herr, ich bin kein Lump!“ Kurz, unser Held war zu allem entschlossen. „Sie selbst, mein Herr sind an allem schuld!“ Er beschloß also – zu protestieren, mit allen Kräften und bis zur letzten Möglichkeit – zu protestieren.
Er war schon so ein Mensch! Er hätte es nie erlaubt, sich beleidigen und noch viel weniger, sich „als Wischlappen“ benutzen zu lassen: „von einem so verkommenen Menschen“! Darüber ließ sich nicht streiten, nein, nicht streiten. Vielleicht, wenn es jemand gewollt hätte, Herrn Goljädkin „in einen Lappen“ zu verwandeln, wäre es ihm ohne Widerspruch und ganz ungestraft gelungen. (Herr Goljädkin fühlte das nämlich selbst manchmal.) Doch wäre das dann gar nicht Herr Goljädkin gewesen, sondern eben ... irgendein Lappen – wenn auch trotzdem kein so einfacher Lappen, sondern einer voll von Ehrgeiz und voll von Gefühlen, allerdings ganz unverantwortlichen Gefühlen, Gefühlen, die hinter den schmutzigen Falten des Lappens steckten!
Die Stunden zogen sich unglaublich lange dahin. Endlich schlug es vier. Bald darauf erhoben sich alle, um nach dem Vorgang des Chefs nach Hause zu gehen. Herr Goljädkin mischte sich unter die Menge: es entging ihm aber nichts, er verlor denjenigen, den er suchte, nicht aus den Augen. Zuletzt sah unser Held, wie sein Freund zu den Kanzleidienern lief, die die Mäntel ausgaben. In der Erwartung des Mantels schwänzelte er nach seiner gemeinen Gewohnheit um sie herum. Der Augenblick war entscheidend. Herr Goljädkin drängte sich irgendwie durch die Menge, da er nicht zurückbleiben wollte, und bemühte sich auch um seinen Mantel. Doch, natürlich: man gab seinem Freund zuerst den Mantel, weil es ihm auch hier gelungen war, sich einzuschmeicheln.
Herr Goljädkin der Jüngere warf sich den Mantel um und blickte dabei Herrn Goljädkin dem Älteren ironisch offen und frech ins Gesicht, um ihn auf diese Weise zu ärgern. Dann sah er sich, seiner Gewohnheit gemäß, rings um, bändelte mit allen Beamten an, wahrscheinlich, um auf sie einen guten Eindruck zu machen, sagte dem einen ein Wort, flüsterte dem andern etwas ins Ohr, schmeichelte einem dritten, lächelte einem vierten zu, reichte dem fünften die Hand und schlüpfte vergnügt die Treppe hinab. Herr Goljädkin der Ältere stürzte ihm nach, zu seiner unbeschreiblichen Genugtuung erreichte er ihn auf der letzten Stufe und packte ihn am Kragen seines Mantels.
Herr Goljädkin der Jüngere schien ein wenig überrascht zu sein und blickte mit verstörtem Gesicht um sich.
„Wie soll ich das verstehen?“ flüsterte er endlich mit leiser Stimme Herrn Goljädkin zu.
„Mein Herr, wenn Sie ein anständiger Mensch sind, so werden Sie sich unserer freundschaftlichen Beziehungen von gestern erinnern,“ sagte unser Held.
„Ach ja. Nun, wie steht’s? Haben Sie gut geschlafen?“
Die Wut raubte für einen Augenblick Herrn Goljädkin die Sprache.
„Ich habe – sehr gut geschlafen, mein Herr ... Doch erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Ihr Spiel sehr schlecht steht ...“
„Wer sagt das? Das sagen meine Feinde!“ antwortete hastig jener, der sich auch Herr Goljädkin nannte, und befreite sich bei diesen Worten ganz unerwartet aus den schwachen Händen des wirklichen Herrn Goljädkin. Befreit stürzte er die Treppe hinunter, sah sich um und erblickte eine Droschke – er lief auf sie zu, setzte sich hinein und war im Augenblick den Augen des Herrn Goljädkin des Älteren verschwunden. Unser verzweifelter und von allen verlassener Titularrat blickte sich zwar auch um, fand aber keine Droschke mehr. Er wollte laufen, doch seine Knie brachen zusammen. Mit verstörtem Gesicht und offenem Munde stützte er sich kraftlos und gebrochen an eine Straßenlaterne und stand so einige Augenblicke auf dem Trottoir. Herr Goljädkin schien wie vernichtet zu sein, für ihn war wohl alles verloren ...