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Schelmuffskys wahrhaftige, kuriöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande cover

Schelmuffskys wahrhaftige, kuriöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande

Chapter 13: 2. Teil
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About This Book

A boastful first-person narrator opens with an outrageous birth tale and then delivers episodic accounts of sea and land voyages filled with implausible encounters, comic mishaps, and tall tales. The lively, colloquial narration relies on repeated catchphrases and ribald humor while piling invention upon invention; episodes range from slapstick embarrassment to elaborate boasting. The work lampoons fashionable travel narratives and social pretensions by exposing the narrator's vanity and self-deceit, balancing broad farce with pointed satire of readers and social climbers who adopt aristocratic airs.

[55] Hängesitz für den Kutscher.

[56] gaben mir zu trinken.

2. Teil

1. Kapitel.

Wo mir recht ist, war es gleich am Sankt Gergenstage, als ich das erstemal von meiner sehr gefährlichen Reise in einem alten zerrissenen Kaperrocke und zwar barfuß des ehrlichen Schelmerode wieder ansichtig wurde. Nun kann ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen, wie mir alles so fremde und unbekannt in meiner Geburtsstadt vorkam; ich hatte sie auch so verkennen gelernt, als wenn ich dieselbe zeitlebens mit keinem Auge gesehen gehabt. Drei ganzer Tage und Nächte lief ich wie ein irrer Mensch auf allen Gassen herum und wußte meiner Frau Mutter Haus nicht wiederzufinden, wenn es auch mein Leben hätte kosten sollen. Fragte ich gleich Leute, ob sie mir nicht davon könnten Nachricht geben oder zum wenigsten nur die Gasse sagen, wo meine Frau Mutter wohnen möchte, so sperrten sie, der Tebel hol mer, allemal die Mäuler auf und sahen mich an und lachten. Ich kunnte es ihnen zwar nicht verargen, daß sie so albern taten und mir auf mein Fragen keine Antwort gaben. Warum? Ich hatte meine Fraumuttersprache in der Fremde ganz verreden gelernt, denn ich parlierte meist Engländisch und Holländisch mit unter das Deutsche, und wer mir nicht sehr genau auf mein Maul Achtung gab, der kunnte mir, der Tebel hol mer, nicht eine Silbe verstehen. Ich hätte, halt ich dafür, meiner Frau Mutter Haus wohl in acht Tagen noch nicht gefunden, so mir nicht ohngefähr die dritte Nacht zwischen elfen und zwölfen meine Jungfer Muhmen auf der Gasse wären in Wurf gekommen, welche ich auch anredete und fragte, ob sie mir keine Nachricht von meiner Frau Mutter Hause melden könnten. Die Menscher sahen mir im Finstern beide scharf ins Gesichte und verstundens doch (ob ich gleich sehr undeutsch redete) und was ich haben wollte.

Endlich so fing die eine an und sagte, ich sollte mich erstlich zu erkennen geben, wer ich wäre, alsdann wollten sie mich selbsten an verlangten Ort bringen. Wie ich ihnen nun erzählte, daß ich der und der wäre, und daß ich schon drei ganze Tage in der Stadt herumgelaufen und kein Henker mir hätte berichten können, in welcher Gasse doch meine Frau Mutter wohnen müßte: O sapperment! wie fielen mir die Menscher beide auf der Straße um den Hals und erfreuten sich meiner guten Gesundheit und glücklichen Wiederkunft. Sie kriegten mich beide bei meinem zerrissenen Kaperrocke zu fassen und waren willens, mit mir nach meiner Frau Mutter Hause zu marschieren. Indem wir alle drei nun sehr artig miteinander gingen und ich ihnen unterwegens von meiner Gefangenschaft zu Sankt Malo anfing zu erzählen, so kamen unvermerkt zwei Kerls hinter mir hergeschlichen, die denken, ich bin etwa ein gemeiner Handwerksbursche, weil ich so liederlich ging, und gaben mir da rücklings ein jedweder eine Presche und rissen mir hierauf meine Jungfer Muhmen von der Seite weg und wanderten mit ihnen immer, was läufst du, was hast du, soviel ich im Finstern sehen kunnte, durch ein enges Gäßchen durch. O sapperment! wie verdroß mich das Ding von solchen unverständigen Kerlen, weil sie mich nicht besser respektierten. Ihr größtes Glück war, daß mir auf der spanischen See von Hans Barth mein vortrefflicher Rückenstreicher mit war von der Seite weggeraubt worden, sonst hätte ich ihnen nicht einen Dreier vor ihr ganzes Leben geben wollen; so aber hatte ich nichts in Fäusten, und ohne Degen im Finstern auf Händel auszugehen, glückt auch nicht allemal, drum dachte ich, du willst lieber die Preschen einstecken und stehenbleiben, bis deine Jungfer Muhmen wiederkommen; die werden dirs wohl sagen, wer die Kerls gewesen sein, hernach müssen sie dir schon Satisfaktion vor dem Schimpf geben. Ich stund wohl über drei Stunden auf derselben Stelle, wo ich die Preschen bekommen hatte, und wartete auf meine Jungfer Muhmen.

Wie dieselben nun wiederkamen, so waren sie ganz voller Freuden und erzählten mir, wie es ihnen so wohl gegangen wäre und wie sie beide von denselben Kerlen, welche mir die Preschen gegeben, so vortrefflich beschenkt worden und es sehr bedauert, weil ich ihr Herr Vetter wäre, daß sie sich an mir vergriffen hätten. Nachdem ich von meinen Jungfer Muhmen nun solches vernahm, daß es unversehenerweise geschehen war und daß die Presche, welche ich bekommen, einem andern waren zugedacht gewesen, so ließ ichs gut sein und dachte: Irren ist menschlich. Hierauf so führten mich meine Jungfer Muhmen immer nach meiner Frau Mutter Hause zu. Als wir nun vor die Türe kamen, so konnten wir nicht hineinkommen. Wir klopften wohl über vier Stunden vor meiner Frau Mutter Hause an, allein es wollte uns niemand hören.

Wie wir nun sahen, daß uns keiner aufmachen wollte, legten wir uns alle drei die Länge lang vor die Haustür und schlummerten da so lange, bis das Haus wieder geöffnet wurde; hernach so schlichen wir uns heimlich hinein, die Treppe sachte hinauf und nach meiner Jungfer Muhmen ihrer Kammer zu, daß sie und mich niemand gewahr wurde. Oben zogen sich meine Jungfer Muhmen nun aus und legten ihr Nachthabit an, und zwar zu dem Ende, damit niemand merken sollte, daß sie vergangene Nacht anderswo frische Luft geschöpft hätten. Da solches geschehen, hießen sie mich sachte die Treppe wieder hinunterschleichen und an meiner Frau Mutter Stubentüre anpochen, und sollte hören, ob sie mich auch noch kennen würde.

Als ich nun unten wieder ins Haus kam: O sapperment! wie kam mir alles so fremde und unbekannt in meiner Frau Mutter Hause vor. Ich suchte wohl über zwei Stunden, ehe ich meiner Frau Mutter ihre Stubentüre wiederfinden konnte, denn ich hatte alles miteinander im ganzen Hause fast gänzlich verkennen gelernt, ausgenommen meiner Frau Mutter ihr klein Hündchen, welches sie immer mit zu Bette nahm und hernachmals eines unverhofften Todes sterben mußte; dasselbe erkannte ich noch an dem Schwanze, denn es hatte einen blauen Fleck unter dem Schwanze, welchen ich dem Hündchen unversehens, da ich noch vor diesem in die Schule ging, mit meinem Blaserohre, als ich nach einem Sperlinge geschossen und das Hündchen unversehenerweise unter den Schwanz getroffen, gemacht hatte. Aber meine Frau Mutter, als ich derselben ansichtig wurde, so kam sie mir, der Tebel hol mer, ganz unkennbar vor, und ich hätte es auch nimmermehr geglaubt, daß sie meine Frau Mutter wäre, wenn ich sie nicht an dem seidenen Kleide, welches ihr vormals die große Ratte zerfressen gehabt, erkannt hätte, denn es war in demselben hinten und vorne ein abscheulich groß Loch, und zu ihrem großen Glücke hatte sie das zerfressene Kleid gleich selben Tag angezogen, sonst hätte ich sie, der Tebel hol mer, nicht wiedergekannt.

Nachdem ich nun gewiß wußte und das zerfressene seidene Kleid mir genugsam zu verstehen gab, daß ich meine Frau Mutter, welche ich in so vielen unzähligen Jahren mit keinem Auge gesehen, wiederum vor mir stehen sah, so gab ich mich hernachmals auch zu erkennen und sagte, daß ich ihr fremder Herr Sohn wäre, welcher in der Welt was Rechts gesehen und erfahren hätte. O sapperment! was sperrte das Mensch vor ein Paar Augen auf, wie sie hörte, daß ich ihr Sohn Schelmuffsky sein sollte! Sie sagte anfänglich, das Ding könnte unmöglich wahr sein, daß ich ihr Herr Sohn wäre, indem ihr Herr Sohn, wie sie vernommen, einer mit von den vornehmsten Standespersonen unter der Sonnen wäre und würde, wenn er wieder nach Hause käme, so liederlich wie ich nicht aufgezogen kommen. Ich antwortete aber hierauf meiner Frau Mutter sehr artig und half ihr mit zwei bis drei Worten gleich aus dem Traume, sagend, wie daß ich nämlich einer mit von den vornehmsten Standespersonen schon in der Welt gewesen, und wie daß einem ein gut Kleid auf der Reise nichts nütze wäre, und wie daß der von Schelmuffsky ein ganz halb Jahr zu St. Malo gefangen gesessen, und ihr einziger lieber Sohn, welcher wegen einer großen Ratte, und zwar nach Adam Riesens Rechenbuche, vier Monate zu früh auf die Welt gekommen wäre. O sapperment! als meine Frau Mutter von der Ratte hörte, wie fiel mir das Mensche vor Freuden um den Hals und herzte und poßte mich, daß ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen kann. Als sie mit mir nun eine gute Weile getändelt hatte, so fing sie vor großen Freuden an zu gransen, daß ihr die Tränen immer an den Strümpfen herunterliefen und ihre sämischen Schuhe pfützenmadennaß davon wurden. Hierzu kamen nun meine Jungfer Muhmen in ihrem Schlafhabite zur Stubentür hineingetreten und boten meiner Frau Mutter einen guten Morgen, gegen mich aber stellten sie sich, als wenn sie mich zeitlebens nicht gesehen hätten.

Meine Frau Mutter hatte auch damals einen kleinen Vetter bei sich, dasselbe war eine schlaue Wetterkröte und wurde dem Ase aller Willen gelassen. Indem nun meine Frau Mutter ihren Jungfer Muhmen erzählt, wie daß ich ihr Sohn Schelmuffsky wäre, der sich was Rechts in der Fremde versucht hätte und zu Wasser und zu Lande viel ausgestanden, so mochte es der kleine Vetter in der Stubenkammer hören, daß von Schelmuffsky geredet wurde: kam das kleine Naseweischen wie eine Ratte aus meiner Frau Mutter Bette gesprungen und guckte zur Stubentüre hinein. Sobald als er mich nun erblickte, fing der kleine Junge, der Tebel hol mer, an zu lachen und fragte mich da gleich, was ich denn schon zu Hause wieder haben wollte, indem ich kaum vierzehn Tage weg wäre? O sapperment! wie verdroß mich das Ding von dem Jungen, daß er mir von vierzehn Tagen schwatzte. Wie ich nun meine Frau Mutter hierauf fragte, ob er mich denn noch kennte, so gab ihr der Naseweis so höhnisch zur Antwort und sagte, warum er denn seinen liederlichen Vetter Schelmuffsky nicht kennen sollte. Da ihm aber meine Frau Mutter die Augen eröffnen wollte und zu ihm sprach, daß er unrecht sehen müßte und wie daß ich mich in der Fremde was Rechts sowohl zu Wasser als zu Lande versucht hätte, so fing mein kleiner Vetter wieder an: Frau Muhme, sie wird ja nicht so einfältig sein und solche Lügen glauben, ich habe mir von unterschiedlichen Leuten erzählen lassen, daß mein Vetter Schelmuffsky nicht weiter als eine halbe Meile von seiner Geburtsstadt gekommen wäre und alles miteinander mit liederlicher Kompagnie im Tobak und Branntewein versoffen. O sapperment! wie knirschte ich mit den Zähnen, als mir der Junge Tobak und Branntewein unter die Nase rieb.

Nach diesem baten mich meine Jungfer Muhmen, daß ich doch von meiner gefährlichen Reise was erzählen sollte und was ich vor Dinge in der Welt gesehen hätte. Wie ich nun Sachen vorbrachte, welche große Verwunderung bei meinen Jungfer Muhmen erweckten, so fiel mir der Junge allemal in die Rede und sagte, ich sollte nur stillschweigen, es wäre doch alles erstunken und erlogen, was ich da aufschnitte. Endlich so lief mir die Laus auch über die Leber und gab ihm, ehe er sichs versah, eine Presche, daß er flugs an die Stubentüre hinflog und die Beine hoch in die Höhe kehrte. Ei sapperment! was verführte deswegen meine Frau Mutter vor ein Spiel! Wie vielmal ich mich auch hernach des Jungens halber mit meiner Frau Mutter gezankt und gekiffen[57], das wäre, der Tebel hol mer, auf keine Eselshaut zu bringen, und ist meines Erachtens unnötig, daß ich hiervon viel Wesens mache. Ist aber jemand kuriöse[58] und will von solchem Gekeife genauere Nachricht wissen, dem kann ich keinen bessern Rat geben, als daß er nur etliche ehrliche Weiber in der Nachbarschaft deswegen drum fragt; die werdens ihm, der Tebel hol mer, haarklein sagen.

[57] gekeift.

[58] neugierig.

2. Kapitel.

Nachdem ich mich nun innerhalb Jahresfrist ein wenig ausgemaustert hatte und die Luft etwas wiederum vertragen kunnte, so ging hernachmals kein Tag vorbei, daß ich mich nicht kontinue[59] mit meiner Frau Mutter zanken mußte. Ich war auch solch Leben so überdrüssig, als wenn ichs mit Löffeln gefressen hätte, und der Zank rührte gemeiniglich wegen meines kleinen Vetters her, weil der Junge so naseweis immer war und mir kein Wort, was ich erzählte, glauben wollte. Letztlich, wie ich sah, daß ich mich mit meiner Frau Mutter gar nicht stellen kunnte, befahl ich ihr, daß sie mir mußte ein neu Kleid machen lassen, und sagte, sie sollte mir mein Vaterteil vollends geben, ich wollte wieder in die Fremde marschieren und sehen, was in Italien und Welschland passierte, vielleicht hätte ich da besser Glück als auf der spanischen See. Meine Frau Mutter, die wollte mir nun an meinem Vorhaben nicht hinderlich sein, sondern wäre mich damals schon lieber heute als morgen gern wieder los gewesen. Sie ließ mir ein schön neu Kleid machen, welches auf der Weste mit den schönsten Leonischen Schnüren verbrämt war. Weil sie aber nicht flugs bei Ausgebegelde war und sonst noch eine Erbschaft in einer benachbarten Stadt zu fordern hatte, so gab sie mir da eine Anweisung, und ich sollte in ihrem Namen mir dort das Geld zahlen lassen, damit sie mich nur aus dem Hause wieder los würde.

Hierauf war ich her und machte selben Tag noch einen Weg dahin und vermeinte, die Gelder würden da schon aufgezählt liegen. Allein wie ich hinkam, so wollte derjenige, welcher das Geld schuldig zu zahlen war, mich mit meiner Anweisung nicht respektieren, sondern sagte, ich wäre noch nicht mündig und dazu wüßte er auch nicht, ob ich der und der wäre. O sapperment! wie verdroß mich das Ding, daß man mich vor unmündig ansah, indem ich schon unzählige Jahre in die Fremde weit und breit herumgesehen und einer mit von den bravsten Kerlen in der Welt gewesen war. Ich tat aber das und erzählte ihm die Begebenheit von der Ratte: O sapperment! wie erschrak der Schuldmann hernach vor mir und schämte sich, der Tebel hol mer, wie ein Hund. Er wäre, halt ich dafür, wohl noch halb soviel lieber schuldig gewesen, als daß er mir nur das Nichtmündigsein unter die Nase gerieben hätte. Denn er sah mir hernach allererst recht ins Gesichte, und da er spürte, daß mir was Sonderliches aus den Augen herausfunkelte, so bat er bei mir um Verzeihung und kam auch flugs mit der Vorklage und sagte, er wollte mir gerne die Erbschaft bezahlen, allein er wäre jetzo nicht bei Mitteln, in zwei Jahren wollte er sehen, daß mir damit könnte geholfen werden. Was wollte ich nun tun, wie ich sah, daß es der gute Mann nicht hatte? Damit ich ihn aber nicht in Schaden bringen wollte (denn wenn ich geklagt, hätte er mirs schon zahlen müssen, und der Tebel hol mer, kein gut Wort dazu), so war ich her und verhandelte die ganze Erbschaft einem andern, den ließ ich mir vor den ganzen Quark den vierten Teil zahlen und gab ihm im Namen meiner Frau Mutter Vollmacht, das ganze Kapital zu heben.

Als ich nun das Geld empfangen hatte, O sapperment! wer war froher als ich, da wieder frische Pfennige in meiner Ficke klangen. Sobald ich zu meiner Frau Mutter nach Schelmerode kam, machte ich mich wieder reisefertig und packte meine Sachen alle zusammen in einen großen Kober[60], nahm von meiner Frau Mutter wie auch meinen Jungfer Muhmen mit weinenden Augen wieder Abschied und war willens, mich auf die geschwinde Post zu setzen. Indem ich nun zur Stubentür mit meinem großen Kober hinauswandern wollte, so kam mir mein kleiner Vetter entgegengegangen, von dem wollte ich nun auch gute Nacht nehmen. Wie ich ihm aber die Hand bot, so fing die Wetterkröte an zu lachen und sagte, es würde nicht nötig sein, daß ich von ihm Abschied nähme, meine Reise würde sich so weit nicht erstrecken, und wenn er sich die Mühe nehmen möchte, mir nachzuschleichen, so wollte er mich wohl im nächsten Dörfchen in einer Bauernschenke antreffen, allwo ich so lange verbleiben würde, bis die verhandelte Erbschaft in Tobak und Branntewein durch die Gurgel gejagt wäre, hernach würde ich mich schon wieder einfinden. Ei sapperment! wie verdroß mich das Ding von dem Jungen, daß er mir von dem nächsten Dorfe solche Dinge herschwatzte. Ich war aber nicht faul, sondern gab ihm unversehens eine solche Presche wieder, daß ihm das helle Feuer flugs zu den Augen heraussprang, und marschierte hierauf mit meinem großen Kober immer stillschweigend zur Stubentüre hinaus und in vollem Sprunge, was läufst du, was hast du, nach dem Posthause zu. Da hätte man nun schön Nachschreien von meiner Frau Mutter auf der Gasse gehört, wie das Mensche hinter mir herschrie und sagte: »Schlag du, Schelm, schlag, geh, daß du Hals und Beine brichst und komm nimmermehr wieder vor meine Augen«. Mein kleiner Vetter, das Naseweischen, der verfolgte mich mit Steinen bis vor an das Posthaus, allein er traf mich nicht ein einziges Mal. Als ich nun vor das Posthaus kam und die geschwinde Post schon völlig besetzt war, so wollte mich der Postillon nicht mitnehmen, doch tat er mir den Vorschlag, daß ich mich hinten in die Schoßkelle setzen sollte, wenn ich mitwollte. Worauf ich mich nicht lange besann, sondern mit gleichen Beinen flugs mit meinem Kober hineinsprang, und hieß den Postillion immer per postae eiligst zum Tore hinausfahren.

[59] fortwährend.

[60] Koffer.

3. Kapitel.

Es war gleich denselben Tag, als die Nacht zuvor meiner Frau Mutter die Truthühner waren gestohlen worden, da ich die ehrliche Geburtsstadt verließ und meine sehr gefährliche Reise zum andern Mal zu Wasser und zu Lande wieder antrat. Kaum waren wir einen Musketenschuß von der Stadt gefahren, so schmiß uns der Postillon um, daß flugs alle vier Räder an der Postkalesche in Stücke brachen; die Personen, so er geladen hatte, die lagen, der Tebel hol mer, im Drecke bis über die Ohren, denn es war in einem greulichen Morastloche, da er uns umschmiß. Ich hatte noch von großem Glück damals zu sagen, daß ich hinten in der Schoßkelle saß, denn wie ich sah, daß der Wagen fallen wollte, so sprang ich mit meinem Kober herunter, denn wenn ich wäre sitzengeblieben. Ei sapperment! wie würde ich mit meiner Nase im Dreck auch gelegen sein. Da war nun Lachen zu verbeißen, wie sich die Passagiere so im Kote herumwälzten. Der Postillon wußte nun beileibe keinen Rat, wie er fortkommen wollte, weil die Räder alle viere am Wagen zerbrochen waren. Nachdem ich nun sah, daß ganz keine Hilfe fortzukommen vorhanden war und ich mich nicht lange zu versäumen hatte, sondern wollte eiligst die Stadt Venedig besehen, so war ich her, nahm meinen großen Kober und bedankte mich gegen meine Reisegefährten, welche noch im Drecke dalagen, vor geleistete Kompagnie und ging immer per pedes[61] nach Italien und Welschland zu.

Denselben Tag wanderte ich noch zu Fuße zweiundzwanzig Meilen und gelangte des Abends bei zu Rüste gehender Sonne in einem Kloster an, worinnen die barmherzigen Brüder waren, der Tebel hol mer, gute Kerls, sie traktierten mich mit essender Ware recht fürstlich, aber kein gut Bier hatten sie in demselben Kloster. Ich fragte sie auch, wie es denn käme, daß sie keinen guten Tischtrunk hätten: so gaben sie mir zur Antwort, es hätte bei ihnen die Art so nicht, gut Bier zu brauen, dieweil sie mit lauter saurem Wasser versehen wären. Damit so lernte ich ihnen ein Kunststück, wie sie könnten gut Klebebier brauen, welches auch so gut schmecken würde, daß sie es gar mit Fingern austitschen würden, und wie sie danach würden brav predigen können. O sapperment! wie dankten mir die barmherzigen Brüder vor mein Kunststück, welches ich ihnen gelernt hatte. Sie stellten auch noch selben Abend eine Probe an, den Morgen früh darauf hatten sie, der Tebel hol mer, das schönste Klebebier im Bottich, welches wie lauter Zucker schmeckte. Ei sapperment! wie soffen sich die barmherzigen Brüder in dem Klebebiere zu und kunnten nicht einmal satt werden, so gut schmeckte es ihnen; sie mußten bald immer das Maul mit Fingern zuhalten, so begierig soffen sie es hinein und wurdens nicht einmal inne, wenn es ihnen gleich in die Köpfe kam. Wie mir auch die Kerls deswegen so gut waren und viel Ehre erzeigten, werde ich, der Tebel hol mer, mein Lebtage nicht vergessen. Sie baten mich auch, daß ich eine Weile bei ihnen bleiben sollte, allein ich hatte keine Lust dazu.

Da ich von denselben nun wieder Abschied nahm, gaben sie mir einen Haufen Viktualien[62] mit auf den Weg, daß ich nicht verhungern sollte, denn die barmherzigen Brüder hatten gleich den Tag zuvor (welches der Freitag war im Kloster) sechs Eckerschweine[63] geschlachtet, davon kriegte ich eine große lange Wurst und ein abscheulich Stück dicken Speck mit auf meine gefährliche Reise. Nun kann ichs, der Tebel hol mer, wohl sagen, daß ich dergleichen Speck mein Lebetage noch nicht in der Welt gesehen hatte, als wie ich bei den barmherzigen Brüdern da antraf, und wenn er nicht sechs Ellen dicke war, so will ich, der Tebel hol mer, kein brav Kerl sein.

Nachdem ich nun von den barmherzigen Brüdern Abschied genommen hatte und mein großer Kober ziemlich mit Proviant gespickt war, so nahm ich meinen Weg immer nach Venedig zu. Unterwegens erholte ich eine geschwinde Post, welche auch willens war, nach Venedig zu fahren, und weil der Postillon nicht viel Personen geladen hatte, so dingte ich mich auf dieselbe, doch traute ich mich nicht unter die Kompagnie mit zu setzen aus Furcht, der Postknecht möchte etwa auch umwerfen wie der vorige, und man könnte nicht wissen, wie das Umwerfen allemal glückte, so setzte ich mich wieder hinten mit meinem großen Kober in die Schoßkelle und hieß den Postillion per postae nach Italien und Welschland fortfahren. Wir fuhren etliche Tage sehr glücklich, und wie wir etwa noch einen Büchsenschuß von Venedig hatten, allwo man zwischen großen hängigen Bergen fahren muß, so schmiß der Postillion, ehe wir es uns versahen, den Postwagen um, daß er wohl den einen Berg hinunter über tausendmal sich mit uns überkepelte, und nahm, der Tebel hol mer, keiner nicht den geringsten Schaden. Ausgenommen zwei Räder, die gingen an der Postkalesche vor die Hunde. Aber die wir auf dem Postwagen saßen, wurden alle miteinander tüchtig von dem Sande bestoben, denn es gibt um Venedig herum nichts als lauter sandige Berge. Doch muß ich gestehen, daß sich die Stadt Venedig von ferne, der Tebel hol mer, recht proper präsentiert[64], denn sie liegt auf einem großen hohen Steinfelsen und ist mit einem vortrefflichen Wall umgeben.

Als ich nun die Stadt Venedig zu Fuße mit meinem großen Kober erreicht, so kehrte ich im Weißen Bocke ein, allwo ich sehr gute Bequemlichkeit und Bedienung hatte. Die Wirtin, welches eine Wittfrau war, die empfing mich sehr freundlich und führte mich gleich in eine wunderschöne Kammer, worinnen über zweihundert gemachte Betten stunden; dieselbe Kammer gab sie mir zur Verwahrung meiner Sachen ein und nahm mit einem höflichen Komplimente wiederum Abschied. Wie ich nun allein in der wunderschönen Kammer war, nahm ich meinen Kober vom Halse ab, machte ihn auf und langte mir aus demselben ein weiß Hemde. Sobald als ich mir nun das weiß Hemde angezogen hatte, versteckte ich meinen großen Kober mit den Sachen unter ein gemacht schön Bette, damit ihn niemand finden sollte, und ging aus der Kammer wieder heraus, schloß sie zu und fragte die Wirtin, was denn gutes Neues in der Stadt Venedig passierte. Die Wirtin, die gab mir zur Antwort und sagte, es wäre jetzo allerhand (indem es Jahrmarkt wäre) auf dem Sankt Marxplatze zu sehen. O sapperment! wie nahm ich meinen Marsch nach dem Sankt Marxplatze zu, als die Wirtin vom Jahrmarkte schwatzte. Ich war her und holte meinen großen Kober mit meinen Sachen geschwinde wieder aus der Kammer und hing denselben an, damit mir derselbe, weil es Jahrmarkt war, nicht irgend wegkommen sollte. Wie ich nun auf den Sankt Marxplatz kam, Ei sapperment! was stunden da vor wunderschöne Häuser, desgleichen ich in Holland und England wie auch in Schweden und ganz Indien an keinem Orte niemals noch nicht gesehen hatte. Sie waren, der Tebel hol mer, mit den kostbarsten Marmorsteinen ausgemauert und war ein Haus wohl über fünfzig Geschoß hoch, und vor einem jedweden Hause rings um den Markt herum stund eine große Plumpe, aus Ursachen, weil das Wasser da so selten ist. Mitten auf dem Sankt Marxplatze nun stund eine große Glücksbude, da griff nun hinein, wer wollte, es mußte aber die Person vor einen jedweden Griff einen Dukaten geben; es waren auch aber Gewinste darinnen zu sechzig- bis siebzigtausend Talern und gab auch sehr geringe Gewinste, denn der geringste Gewinst wurde nur auf einen Batzen wertgeschätzt, welches in Deutschland sechs Pfennige macht.

Wie ich nun sah, daß manche Leute brav gewannen, so war ich her und wagte auch einen Dukaten dran und wollte mein Glück versuchen. Als ich nun in den Glückstopf hineingriff, O sapperment! was waren da vor Zettel! ich will wetten, daß wohl über tausend Schock Millionen Zettel in dem Glückstopfe da vorhanden waren. Indem ich nun in den Glückstopf mit beiden Händen hineinfühlte, so tat ich auch einen solchen Griff, daß ich die Zettel bald alle auf einmal mit beiden Fäusten herausgriff. Da dieses der Glückstöpfer sah, O sapperment! wie klopfte er mich auf die Finger, daß ich so viel Zettel herausgeschleppt brachte, welche ich aber miteinander flugs wieder hineinschmeißen mußte und hernach vor meinen Dukaten nur einen einzigen hinausnehmen, welches ich auch tat. Wie ich nun vor meinen Dukaten einen Zettel aus dem Glückstopfe herausgenommen hatte und ihn aufmachte, so war es eine gute Nummer, und zwar Nummer elf, dieselbe mußte ich nun dem Glücksbüdner zeigen. Nun meinten damals alle Leute, ich würde was Rechts davontragen, weil ich eine ungleiche Nummer ergattert hätte, aber wie danach gesehen wurde, was Nummer 11 mit sich brachte, so war es ein Bartbürstchen vor sechs Pfennig, O sapperment! wie lachten mich die um die Glücksbude herumstehenden Leute alle miteinander mit meinem Bartbürstchen aus. Ich kehrte mich aber an nichts, sondern war her und griff noch einmal in den Glückstopf hinein und langte noch einen Zettel heraus, derselbe hatte nun wiederum eine gute Nummer, denn es war Nummer 098 372 641 509. Sapperment! wie sperrten die Leute alle miteinander in und an der Glücksbude die Mäuler auf, daß ich so eine vortreffliche Nummer ergriffen hatte. Wie nun in der Glücksbude nachgesehen wurde, was meine vortreffliche Nummer vor einen Gewinst hatte, so war es ein Pferd vor fünfhundert Taler und des Glücksbüdners seine Frau, welche auf tausend Dukaten stund. O Morbleu! was war vor ein Zulauf, wie es kundbar wurde: Signor Schelmuffsky hätte sich in der Glücksbude so wohl gehalten. Ich mußte mich nun gleich auf das gewonnene Pferd setzen, und die tausend Dukaten anstatt des Glückstöpfers seiner gewonnenen Frau wurden alle an ein Paternoster gereiht, dieselben mußte ich über meinen großen Kober hängen und in der ganzen Stadt herumreiten, damit die Leute meinen Gewinst sahen. Es mußten auch vor meinem Pferde hergehen neunundneunzig Trommelschläger, achtundneunzig Schalmeipfeifer und ihrer drei mit Lauten und einer Zither; die zwei Lauten und die einzige Zither klungen auch so anmutig unter die Trompeten und Schalmeien, daß man, der Tebel hol mer, sein eigen Wort nicht hören kunnte. Ich aber saß darbei sehr artig zu Pferde, und das Pferd mußte wohl sein auf der Reitschule und auf dem Tanzboden gewesen, denn wie die Musik ging, so tanzte es auch und trottierte, der Tebel hol mer, unvergleichlich. Wie mich auch das Frauenzimmer zu Venedig, als ich auf den St. Marxplatz kam, in einem ansah, kann ich, der Tebel hol mer, nicht genugsam beschreiben, denn es lachte alles an meinem ganzen Leibe, und kunnte ein jeder flugs sich an den Fingern abzählen, daß meinesgleichen wohl schwerlich würde in der Welt zu finden sein.

Unter währendem Herumreiten ließen mir wohl über dreißig Nobelspersonen auf der Gasse nachschicken und ließen mich untertänigst grüßen und schön bitten, ich möchte ihnen doch berichten, wer und wes Standes ich wäre, damit sie ihre schuldigste Aufwartung bei mir abstatten könnten. Ich ließ aber den Nobelspersonen allen sehr artig wieder zur Antwort sagen, wie daß ich mich zwar was Rechts in der Welt schon versucht hätte und wäre in Schweden, in Holland und England wie auch bei dem Großen Mogol in Indien ganzer vierzehn Tage lang gewesen und wäre mir auf seinem vortrefflichen Schlosse Agra viel Ehre widerfahren; wer ich nun sein müßte, das könnten sie leichtlich riechen. Hierauf so ritt ich mit meiner Musik nun wieder fort, und als ich vor dem Rathause vorbeitrottieren wollte, so fielen mir unvermuteterweise sechsundzwanzig Häscher meinem Pferde in den Zaum und schrien alle zugleich: »Halt!« Wie ich nun stillhalten mußte, so kamen die großen Ratspersonen, welche in vierzehnhundert Nobels bestunden, die bekomplimentierten mich und schätzten sich glücklich, daß sie die hohe Ehre haben sollten, meine vornehme Gegenwart zu genießen. Als sie solch Kompliment gegen mich nun abgelegt hatten, so antwortete ich zu Pferde überaus artig auch wieder in halb engländischer, holländischer wie auch bisweilen deutscher Sprache.

Sobald als nun meine Antwortsrede aus war, hießen mich die sämtlichen Ratsherren absteigen und baten mich, daß ich ihr vornehmer Gast sein sollte. Worauf ich mit meinem großen Kober alsobald abstieg und gab Order, mein Pferd so lange ins Häscherloch zu ziehen, bis daß ich gegessen hätte. Welches auch geschah. Damit so führten mich drei Präsidenten in der Mitten auf das Rathaus hinauf, hinter mir her gingen nun die sämtlichen Mitglieder des Rats alle zu zwölfen in einer Reihe. Wie wir nun elf Treppen hoch auf das Rathaus gestiegen waren, Ei sapperment! was präsentierte sich da vor ein schöner Saal. Er war mit lauter geschliffenen Werkstücken von Glas gepflastert und anstatt des Tafelwerks waren die Wände mit lauter marmorsteinernem Gipse ausgemalt, welches einem fast ganz die Augen verblendete. Mitten auf dem Saale, nicht weit von der Treppe, stund eine lange von venedischem Glase geschnittene Tafel gedeckt, auf welcher die raresten und delikatesten Speisen stunden. Ich mußte mich nun mit meinem großen Kober ganz zu oberst an die Tafel setzen, und neben mir saßen die drei Präsidenten, welche mich die elf Treppen hinaufgeführt hatten. Weiter an der Tafel hinunter saßen die übrigen Mitglieder des Rats und sahen mich alle mit höchster Verwunderung an, daß ich solchen Appetit zu essen hatte. Unter währender Mahlzeit wurde nun von allerhand diskuriert, ich aber saß anfänglich ganz stille und stellte mich, als wenn ich nicht drei zählen könnte. Da ich mich aber satt gefressen hatte, so tat ich hernach mein Maul auch auf und fing an zu erzählen, wie daß ich in Indien einstmals von dem Großen Mogol so trefflich wäre beschenkt worden, und wie daß ich demselben den Kalkulum wegen seiner Einkünfte hätte führen müssen, und wie ich noch halb soviel Überschuß herausgebracht, als er jährlich hätte einzunehmen gehabt, und wie daß der Große Mogol mich deswegen zu seinem Reichskanzler machen wollen, weil ich Adam Riesens Rechenbuch so wohl verstanden. O sapperment! wie horchten die Herren des Rats zu Venedig, da ich von dem Reichskanzler und Adam Riesens Rechenbuche schwatzte. Sie titulierten mich hernach nicht anders als Ihre Hochwürden und fingen alle miteinander gleich an, meine Gesundheit zu trinken. Bald sagte einer: »Es lebe derjenige, welcher in Indien hat sollen des Großen Mogols Reichskanzler werden und hats nicht annehmen wollen«. Bald fing ein anderer an und sagte: »Es lebe derjenige, welcher noch halb soviel Überschuß über des Großen Mogols Einkünfte herausbringen kann, ob ers gleich nicht einzunehmen hat«. Welche und dergleichen Gesundheiten wurden nun von allen über der gläsernen Tafel mir zuliebe getrunken.

Wie nun meine Gesundheit herum war, so fing der eine Präsident, welcher flugs neben mir saß, zu mir an und sagte, ich sollte doch meine hohe Geburt nicht länger verborgen halten, denn er hätte schon aus meinen Diskursen vernommen, daß ich nicht eines schlechten Herkommens sein müßte, sondern es leuchtete mir was Ungemeines aus meinen Augen heraus. Hierauf besann ich mich, ob ich mich wollte zu erkennen geben oder nicht. Endlich so dachte ich, du willst ihnen doch nur die Begebenheit von der Ratte erzählen, damit sie Maul und Ohren brav aufsperren müssen, weil sie es nicht besser wollen gehabt haben. O sapperment! was erweckte das Ding bei den vierzehnhundert Ratsherren vor groß Aufsehens, als ich von der Ratte anfing zu schwatzen. Sie steckten, der Tebel hol mer, an der Tafel die Köpfe alle miteinander zusammen und redeten wohl drei ganzer Zeigerstunden heimlich von mir; was sie aber durcheinanderplisperten, das kunnte ich gar nicht verstehen. Doch soviel ich von meinem Herrn Nachbar zur rechten Hand vernehmen kunnte, sagte er zu dem einen Präsidenten: wann ichs annehmen wollte, so könnte ich Überaufseher des Rats zu Venedig werden, weil sie indem niemand hätten, der sich dazu schickte. Nachdem sie sich nun alle so durcheinander heimlich beredet hatten, so fingen sie alle zugleich an zu reden und sagten: »Wir wollen Ihre Hochwürden zu unserm Ratsinspektor machen, wollen Sie es wohl annehmen?« Auf dieses gute Anerbieten gab ich dem sämtlichen Ratskollegio flugs sehr artig wieder zur Antwort und sagte: »Vielgeehrte Herren und respektive werte Herzensfreunde! Daß ich ein brav Kerl bin, dasselbe ist nun nicht Fragens wert, und daß ich mich in der Welt, sowohl zu Wasser als zu Lande, was Rechts versucht habe, solches wird der bekannte Seeräuber Hans Barth, welchem ich auf der spanischen See mit meinem vortrefflichen Rückenstreicher einen großen Flatschen von seiner krummen Habichtsnase gesäbelt, selbst gestehen müssen, daß meinesgleichen in der Welt wohl schwerlich von Konduite[65] wird gefunden werden«. O sapperment! wie sahen mich die vierzehnhundert Ratsherren alle nacheinander an, als sie von meinem Rückenstreicher und von meiner Konduite hörten.

Worauf auch der eine Präsident zu mir gleich sagte, das sämtliche Kollegium hätte nun schon aus meiner Antwort vernommen, daß ich solche angetragene Charge[66] wohl schwerlich akzeptieren würde, indem mein Gemüte nur an dem Reisen seine Lust hätte. Hierzu schwieg ich nun stockmausestille und machte gegen die drei Präsidenten ein über alle Maßen artig Kompliment und stund, ehe sie sichs versahen, wie ein Blitz von der Tafel auf. Da solches dieselben nun sahen, daß ich aufstund, fingen sie gleich auch an, alle miteinander aufzustehen.

Da sie nun merkten, daß meines Bleibens nicht länger sein wollte, so beschenkte mich der ganze Rat mit einem künstlich geschnittenen venedischen Glase, welches auf zwanzigtausend Taler geschätzt wurde; dasselbe sollte ich ihnen zum ewigen Andenken aufheben und zuzeiten ihre Gesundheit daraus trinken. Es wäre auch geschehen, wenn ich nicht, wie man ferner hören wird, solches unverhoffterweise zerbrochen hätte.

Nachdem ich nun von dem sämtlichen Rate zu Venedig wieder Abschied genommen und mich vor so große erzeigte Ehre bedankt hatte, steckte ich das geschenkte schöne kostbare Glas in meinen großen Kober und ließ mir von etlichen Klaudittgen[67] mein in der Glücksbude gewonnenes Pferd aus dem Häscherloche wieder herausziehen und auf den Saal oben hinaufbringen. Daselbst setzte ich mich nun mit meinem großen Kober wieder zu Pferde und ritt mit so einer artigen Manier im vollen Kurier die Treppe hinunter, daß sich auch die Ratsherren alle miteinander über mein Reiten höchst verwunderten und meinten nicht anders, ich würde Hals und Beine brechen müssen, weil es so glatt auf der Treppe wäre, indem die Stufen von dem schönsten geschnittenen venedischen Glase gemacht waren; allein mein Pferd, das war gewandt, es trottierte wie ein Blitz mit mir die gläsernen Treppen hinunter, daß es auch nicht einmal ausglatterte. Unten vor dem Häscherloche, da paßten nun meine Musikanten wieder auf und sobald sie mich sahen von dem Rathause heruntergeritten kommen, so fingen die mit den Trommeten gleich an eine Sarabande[68] zu schlagen, die Schalmeipfeifer aber pfiffen den Totentanz drein und die zwei mit den Lauten spielten das Lied dazu: »Ich bin so lange nicht bei dir gewesen«, und der mit der Zither klimperte den Altenburgischen Bauerntanz hintennach.

Nun kann ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen, wie die Musik so vortrefflich zusammenklang, und mein Pferd machte immer ein Hoppchen nacheinander dazu. Damit so wollte ich nun noch einmal um den St. Marxplatz herumreiten, und zwar nur deswegen, die Leute dadurch an die Fenster zu locken und daß sie sich wacker über mein vortrefflich Reiten verwundern sollten. Welches auch geschah. Denn als ich mit meinem großen Kober über den St. Marxplatz wieder geritten kam, so steckten wohl auf dreißigtausend Menschen die Köpfe zu den Fenstern heraus, die sahen sich bald zum Narren über mich, weil ich mit meinem großen Kober so galant zu Pferde saß. Wie wohl mir auch das Ding von den Leuten gefiel, daß sie die Augen so brav über mein vortrefflich Zupferdesitzen aufsperrten, dasselbe werde ich, der Tebel hol mer, zeitlebens nicht vergessen. Aber was ich auch dabei vor einen Pfui-dich-an mit einlegte, davon werden noch bis dato die kleinen Jungen zu Venedig auf der Gasse zu schwatzen wissen.

Man höre nur, wie mirs ging. Indem ich nun mit meinem großen Kober überaus artig um den St. Marxplatz herumritt und alle Leute Maul und Nasen über mich aufsperrten, so zog ich ein Pistol aus der einen Halfter und gab damit Feuer. Der Glückstöpfer hatte mir aber zuvor (als ich das Pferd bei ihm gewonnen) nicht gesagt, daß es schußscheu wäre und kein Pulver riechen könnte. Wie ich nun so in aller Herrlichkeit das Pistol losschoß, so tat das Pferd, ehe ichs mich versah, einen Ruck und schmiß mich, der Tebel hol mer, mit meinem großen Kober flugs aus dem Sattel heraus, daß ich die Länge lang auf dem St. Marxplatz dorthinfiel und das wunderschöne Glas, welches so kostbar sein sollte, in hunderttausend Stücken zerbrach. O sapperment! wie fingen die Leute alle miteinander an, mich auszulachen. Ich war aber her und stund mit meinem großen Kober geschwinde wieder auf und lief immer hinter dem Pferde her und wollte es wieder haschen. Wenn ich denn nun bald an ihm war und wollte das Rabenas hinten beim Schwanze ergreifen, so fing die Schindmähre allemal geschwinde an zu trottieren und kurbettierte eine Gasse hinauf, die andere wieder nieder. Ich jagte mich wohl drei ganzer Stunden mit dem Schindluder in der Stadt Venedig herum und kunnte es doch nicht kriegen. Endlich so lief es gar zum Tore hinaus und in ein Stück Hafer, welcher flugs vorm Tore auf einen Steinfelsen gesät stund, hinein; da dachte ich nun, ich wollte es ergattern, und lief ihm immer im Hafer nach, allein ich kunnte seiner, der Tebel hol mer, nicht habhaftig werden, denn je mehr ich dem Ase nachlief, je weiter trottierte es ins Feld hinein und lockte mich mit den Narrenspossen bis vor die Stadt Padua, ehe ich solches wiederbekommen kunnte. Ich hätte, halt ich dafür, dasselbe wohl noch nicht gekriegt, wenn nicht ein Bauer aus der Stadt Padua mit einem Mistwagen wäre herausgefahren kommen, welcher eine Stute mit vor seinen Wagen gespannt hatte, bei derselben blieb mein gewonnenes Pferd, weil es ein Hengst war, stillstehen.

Wie ich dasselbe nun wieder hatte, so setzte ich mich mit meinem großen Kober gleich wieder drauf und beratschlagte mich da mit meinen Gedanken, ob ich wieder nach Venedig oder in die Stadt Padua flugs spornstreichs hineinreiten wollte und selbige auch besehen. Bald gedachte ich in meinem Sinn: was werden doch immer und ewig die Musikanten denken, wo Signor Schelmuffsky muß mit seinem großen Kober geblieben sein, daß er nicht wiederkommt? Bald gedachte ich auch: reitest du wieder nach Venedig zu und kommst auf den St. Marxplatz, so werden die Leute den von Schelmuffsky wacker wieder ansehen und die kleinen Jungen einander in die Ohren plispern: »Du siehe doch, da kommt der vornehme Herr mit seinem großen Kober wiedergeritten, welchen vor vier Stunden das Pferd herunterwarf, daß er die Länge lang in die Gasse dahinfiel, wir wollen ihn doch brav auslachen«. Endlich dachte ich auch: kommst du nach Venedig wieder hinein und der Rat erfährt es, daß du das wunderschöne Glas schon zerbrochen hast, so werden sie dir ein andermal einen Quark wieder schenken. Faßte derowegen eine kurze Resolution und dachte: Gute Nacht Venedig! Signor Schelmuffsky muß sehen, wie es in Padua aussieht; und rannte hierauf in vollem Schritte immer in die Stadt Padua hinein.

[61] zu Fuße.

[62] Eßwaren.

[63] mit Eckern gemästete.

[64] recht gut ausnimmt.

[65] Benehmen.

[66] Amt.

[67] Häscher.

[68] feierlicher, langsamer Tanz.

4. Kapitel.

Padua ist, der Tebel hol mer, eine brave Stadt; ob sie gleich nicht gar groß ist, so hat sie doch lauter schöne neue Häuser und liegt eine halbe Stunde von Rom. Sie ist sehr volkreich von Studenten, weil so eine wackere Universität da ist. Es sind bisweilen über dreißigtausend Studenten in Padua, welche in einem Jahre alle miteinander zu Doktors gemacht werden. Denn da kann, der Tebel hol mer, einer leicht Doktor werden, wenn er nur Speck in der Tasche hat und scheut dabei seinen Mann nicht. In derselben Stadt kehrte ich nun mit meinem Pferde und großen Kober in einem Gasthofe, zum Roten Stier genannt, ein, allwo eine wackere, ansehnliche Wirtin war. Sobald ich nun mit meinem großen Kober von dem Pferde abstieg, kam mir die Wirtin gleich entgegen gelaufen, fiel mir um den Hals und küßte mich, sie meinte aber nicht anders, ich wäre ihr Sohn. Denn sie hatte auch einen Sohn in die Fremde geschickt, und weil ich nun unangemeldet flugs in ihren Gasthof hineingeritten kam, und sie meiner nur von hinten ansichtig wurde, so mochte sie in dem Gedanken stehen, ihr Sohn käme geritten; so kam sie spornstreichs auf mich zu gewackelt und kriegte mich von hinten beim Kopfe und herzte mich. Nachdem ich ihr aber sagte, daß ich der und der wäre und die Welt auch überall durchstankert hätte, so bat sie hernach bei mir um Verzeihung, daß sie so kühn gewesen wäre.

Es hatte dieselbe Wirtin auch ein paar Töchter, die führten sich, der Tebel hol mer, galant und proper in Kleidung auf, nur schade war es um dieselben Menscher, daß sie so hochmütig waren und allen Leuten ein Klebefleckchen wußten anzuhängen, da sie doch, der Tebel hol mer, von oben bis unten selbst zu tadeln waren. Denn es kunnte kein Mensch mit Frieden vor ihrem Hause vorbeigehen, dem sie nicht allemal was auf den Ärmel hefteten, und kiffen[69] sich einen Tag und alle Tage mit ihrer Mutter, ja sie machten auch bisweilen ihre Mutter so herunter, daß es Sünde und Schande war, und hatten sich an das häßliche Fluchen und Schwören gewöhnt, daß ich, der Tebel hol mer, vielmal dachte: Was gilts? die Menscher werden noch auf dem Miste sterben müssen, weil sie ihre eigene Mutter so verwünschen. Allein es geschah der Mutter gar recht, warum hatte sie dieselben in der Jugend nicht besser gezogen. Einen kleinen Sohn hatte sie auch noch zu Hause, das war noch der beste; sie hielt ihm unterschiedene Präzeptores, aber derselbe Junge hatte zu dem Studieren keine Lust. Seine einzige Freude hatte er an den Tauben und auch (wie ich in meiner Jugend) an dem Blaserohre, mit demselben schoß er im Vorbeigehen, wenn es Markttag war, die Bauern immer auf die Köpfe und versteckte sich hernach hinter die Haustür, daß ihn niemand gewahr wurde. Ich war demselben Jungen recht gut, nur des Blaserohrs halber, weil ich in meiner Jugend auch so einen großen Narren daran gefressen hatte.

Nun hätte auch diese Wirtin so gerne wieder einen Mann gehabt, wenn sie nur einer hätte haben wollen, denn der sappermentsche Kupido mußte ihr eine abscheulich große Wunde mit seinem Pfeile gemacht haben, daß sie in ihrem sechzigjährigen Alter noch so verliebt um den Schnabel herum aussah. Sie hätte, halt ich dafür, wohl noch einen Leg-dich-her bekommen, weil sie ihr gutes Auskommen hatte. Den ganzen Tag redete sie von nichts anders als von Hochzeit machen und von ihrem Sohne, welcher in der Fremde wäre, und sagte, was derselbe vor ein so stattlicher Kerl wäre.

Ich hatte, halt ich davor, noch nicht drei Wochen bei derselben Wirtin logiert, so stellte sich ihr fremder Sohn zu Hause wieder ein. Er kam, der Tebel hol mer, nicht anders als ein Kesselflicker aufgezogen und stunk nach Tobak und Branntewein wie der ärgste Marodebruder[70]. Ei sapperment! was schnitt der Kerl Dinges auf, wo er überall gewesen wäre, und waren, der Tebel hol mer, lauter Lügen.

Wie ihn nun seine Mutter und Schwestern wie auch sein kleiner Bruder bewillkommet hatten, so wollte er mit seinen Schwestern Französisch an zu reden fangen, allein er kunnte, der Tebel hol mer, nicht mehr vorbringen als »oui«. Denn wenn sie ihn auf deutsch fragten, ob er auch da und da gewesen wäre, so sagte er allemal »oui«. Der kleine Bruder fing zu ihm auch an und sagte: »Mir ist erzählt worden, du sollst nicht weiter als bis Halle in Sachsen gewesen sein: ists denn wahr?« So gab er ihm gleichfalls zur Antwort: »Oui«. Als er nun hierzu auch »oui« sprach, mußte ich mich, der Tebel hol mer, vor Lachen in die Zunge beißen, daß ers nicht merkte, daß ich solche Sachen besser verstünde als er. Denn ich kunnte es ihm gleich an den Augen absehen, daß er über eine Meile Weges von Padua nicht mußte gewesen sein.

Wie ihm das Französischreden nicht wohl fließen wollte, so fing er Deutsch an zu reden und wollte gerne fremde schwatzen, allein die liebe Muttersprache verriet ihn immer, daß auch das kleinste Kind es hätte merken können, daß es lauter gezwungen Werk mit seinem Fremdereden war. Ich stellte mich nun dabei ganz einfältig und gedachte von meinen Reisen anfänglich nicht ein Wort. Nun da hat der Kerl Dinge hergeschnitten, daß einem flugs die Ohren davon hätten weh tun mögen, und war nicht ein einzig Wort wahr. Denn ich wußte es alles besser, weil ich dieselben Länder und Städte, da er wollte gewesen sein, schon längst an den Schuhen abgerissen hatte.

Die Studenten, so im Hause waren, die hießen ihn nicht anders als den Fremden und zwar aus den Ursachen, weil er wollte überall gewesen sein. Man denke nur, was der sappermentsche Kerl, der Fremde, vor abscheuliche große Lügen vorbrachte. Denn als ich ihn fragte, ob er auch was Rechts da und da zu Wasser gesehen und ausgestanden hätte, so gab er mir zur Antwort, wann er mirs gleich lange sagte, so würde ich einen Quark davon verstehen. O sapperment! wie verdroß mich das Ding von dem nichtswürdigen Bärenhäuter, daß er mir da von einem Quarke schwatzte; es fehlte nicht viel, so hätte ich ihm eine Presche gegeben, daß er flugs an der Tischecke hätte sollen kleben bleiben, so aber dachte ich, was schmeißt du ab, du willst ihn nur aufschneiden lassen und hören, was er weiter vorbringen wird. Ferner so fing der Fremde nun an, von Schiffahrten zu schwatzen. Nun kann ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen, was der Kerl vor Wesens von den Schiffen machte und absonderlich von solchen Schiffen, die man nur Dreckschüten[71] nennt. Denn er erzählte seinen Schwestern mit großer Verwunderung, wie er bei abscheulichem Ungestüm und Wetterleuchten auf einer Dreckschüte mit zweitausend Personen von Holland nach England in einem Tage gefahren wäre und hätte keiner keinen Schuh naß gemacht. Worüber sich des Fremden seine Schwestern sehr verwunderten. Ich aber sagte hierzu nicht ein Wort, sondern mußte innerlich bei mir recht herzlich lachen, weil der Fremde so ein großes Wesen von der lumpigen Dreckschüte da erzählte. Ich mochte ihn nur nicht beschimpfen und auf seine Aufschneidereien antworten. Denn wenn der Kerl hätte hören sollen, wie daß ich mit meinem verstorbenen Bruder Grafen über hundert Meilen auf einem Brette schwimmen müssen, ehe wir einmal Land gerochen hätten, und wie daß auch einstmals ein einziges Brett unser fünfzig das Leben errettet: O sapperment! wie der Fremde die Ohren aufsperren sollen und mich ansehen! So aber dachte ich, du willst ihn immer aufschneiden lassen, warum sein die Menscher solche Narren und verwundern sich flugs so sehr über solchen Quark. Weiter erzählte der Fremde auch, wie er wäre in London gewesen und bei dem Frauenzimmer in solchem Ansehen gestanden, daß sich auch eine sehr vornehme Dame so in ihn verliebt hätte gehabt, daß sie keinen Tag ohne ihn leben können, denn wenn er nicht alle Tage wäre zu ihr gekommen, so hätte sie gleich einen Kammerjunker zu ihm geschickt, der hätte ihn auf einer Chaise de Roland mit elf gelben Rappen bespannt allemal holen müssen; und wenn er nun zu derselben vornehmen Dame gekommen wäre, so hätte sie ihm allzeit erstlich einen guten Rausch in Mastixwasser zugesoffen, ehe sie mit ihm von verliebten Sachen zu schwatzen angefangen. Er hätte es auch bei derselben Dame so weit gebracht, daß sie ihm täglich fünfzigtausend Pfund Sterling in Kommission gegeben, damit er nun anfangen mögen, was er nur selbsten gewollt. O sapperment! was waren das wieder vor Lügen von dem Fremden, und seine Schwestern, die glaubten ihm nun, der Tebel hol mer, alles miteinander. Die eine fragte ihn, wie viel denn ein Pfund Sterling an deutscher Münze wäre. So gab er zur Antwort, ein Pfund Sterling wäre nach deutscher Münze sechs Pfennige. Ei sapperment! wie verdroß mich das Ding von dem Kerl, daß er ein Pfund Sterling nur vor sechs Pfennige schätzte, da doch, der Tebel hol mer, nach deutscher Münze ein Pfund Sterling einen Schreckenberger macht, welches in Padua ein halber Batzen[72] ist. Über nichts kunnte ich mich innerlich so herzlich zulachen, als daß des Fremden sein kleiner Bruder sich immer so mit dreinmengte, wann der Fremde Lügen erzählte, denn derselbe wollte ihm gar kein Wort nicht glauben, sondern sagte allemal, wie er sich doch die Mühe nehmen könne, von diesen und jenen Ländern zu schwatzen, da er doch über eine Meile Weges von Padua nicht gekommen wäre. Den Fremden verschnupfte das Ding, er wollte aber nicht viel sagen, weils der Bruder war, doch gab er ihm dieses zur Antwort: »Du Junge verstehst viel von dem Taubenhandel«. Den kleinen Bruder verdroß das Ding auch, daß der Fremde ihn einen Jungen hieß und von dem Taubenhandel schwatzte, denn die Wetterkröte bildete sich auch ein, er wäre schon ein großer Kerl, weil er von dem sechsten Jahre an bis in das fünfzehnte schon den Degen getragen hatte. Er lief geschwind zur Mutter und klagte ihrs, daß ihn sein fremder Bruder einen Jungen geheißen hatte. Die Mutter verdroß solches auch und war hierauf her und gab ihm Geld, schickte ihn hin auf die Universität in Padua, daß er sich da mußte einschreiben lassen und ein Studente werden.

Wie er nun wiederkam, so fing er zu seinem fremden Bruder an und sagte: »Nun bin ich doch auch ein rechtschaffener Kerl geworden, und Trotz sei dem geboten, der mich nicht dafür ansieht«. Der Fremde sah den kleinen Bruder von unten bis oben, von hinten und von vorne mit einer höhnischen Miene an, und nachdem er ihn überall betrachtet hatte, sagte er: »Du siehst noch jungenhaftig genug aus«. Den kleinen Bruder verdroß das Ding erschrecklich, daß ihn der Fremde vor allen Leuten so beschimpfte. Er war her und zog sein Fuchtelchen da heraus und sagte zu dem Fremden: »Hast du was an mir zu tadeln oder meinest, daß ich noch kein rechtschaffener Kerl bin, so schier dich her vor die Klinge, ich will dir weisen, was Burschenmanier ist«. Der Fremde hatte nun blutwenig Herze in seinem Leibe, als er des kleinen Bruders bloßen Degen sah, er fing an zu zittern und zu beben und kunnte vor großer Angst nicht ein Wort sagen, daß auch endlich der kleine Bruder den Degen wieder einsteckte und sich mit dem Fremden in Güte vertrug. Wie sehr aber der neue Akademikus von den Hausburschen und andern Studenten gevexiert[73] wurde, das kann ich, der Tebel hol mer, nicht sagen. Sie hießen ihn nur den unreifen Studenten, ich fragte auch, warum sie solches täten, so wurde mir zur Antwort gegeben: deswegen wurde er nur der unreife Student geheißen, weil er noch nicht tüchtig auf die Universität wäre, und dazu so hielte ihm seine Mutter noch täglich einen Moderator[74], welcher ihn den Donat[75] und Grammatika lernen mußte. Damit aber der unreife Student die Schande nicht haben wollte, als wenn er noch unter der Schulrute erzogen würde, so machte er den andern Studenten weis, der Moderator wäre sein Stubengeselle.

Indem mir nun einer von den Hausburschen solches erzählt hatte und noch mehr Dinge von dem unreifen Studenten erzählen wollte, so wurde ich gleich zur Mahlzeit gerufen. Über Tische fing der Fremde nun wieder an, von seinen Reisen aufzuschneiden, und erzählte, wie daß er wäre in Frankreich gewesen und bei einem Haare die Ehre gehabt, den König zu sehen. Wie ihn nun seine Schwestern fragten, was vor neue Moden jetzo in Frankreich wären, so gab er ihnen zur Antwort: wer die neuesten Trachten und Moden zu sehen verlangte, der sollte nur ihn fragen, denn er hielte bis dato noch einen eigenen Schneider in Frankreich, welchem er jährlich Pensionsgelder gäbe, er möchte ihm nun was machen oder nicht; wer was bei demselbigen wollte von den neusten Moden verfertigen lassen, der sollte nur zu ihm (als nämlich zu dem Fremden) kommen. Er wollte es ihm hineinschicken, denn derselbe Schneider dürfte sonst niemand einen Stich arbeiten, wenn ers nicht haben wollte. Ich kanns, der Tebel hol mer, nicht sagen, wie der Fremde seinen Leibschneider herausstrich und verachtete dabei alle Schneider in der ganzen Welt, absonderlich von den Schneidern in Deutschland wollte er gar nichts halten, denn dieselben (meinte der Fremde) wären nicht einen Schuß Pulver wert aus Ursachen, weil sie so viel in die Hölle[76] schmissen.

Nachdem er solches erzählt und seine Jungfern Schwestern hierzu nicht viel sagen wollten, so rief er den Hausknecht, derselbe mußte geschwinde in die Apotheke laufen und ihm vor vier Groschen Mastixwasser holen. Nun kann ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen, was der Fremde vor Wesens und Aufschneidens von dem Mastixwasser machte, wie nämlich dasselbe frühmorgens vor die Mutterbeschwerung und vor den Ohrenzwang so gesund wäre, und wie es den Magen einem so brav zurechte wieder harken könnte, wenn es einem speierlich im Halse wäre. Ich dachte aber in meinem Sinn, lobe du immerhin dein Mastixwasser, ich will bei meiner Bomolie bleiben. Denn ich sage es noch einmal, daß auf der Welt nichts Gesunders und Bessers ist, als ein gut Gläschen voll Bomolie, wann einem übel ist. Als nun der Hausknecht mit dem Mastixwasser kam. Ei sapperment! wie soff der Fremde das Zeug so begierig in sich hinein! Es war nichts anders, als wenn er ein Glas Wasser in sich hineingösse, und gingen ihm die Augen nicht einmal davon über.

Nachdem der Fremde nun vor vier Groschen Mastixwasser auf sein Herze genommen hatte, so fing er ferner an zu erzählen von den Handelschaften und Kommerzien in Deutschland und sagte, wie daß sich die meisten Kaufleute nicht recht in die Handlungen zu finden wüßten und der hundertste Kaufmann in Deutschland nicht einmal verstünde, was Kommerzien wären. Hingegen in Frankreich, da wären brave Kaufleute, die könnten sich weit besser in den Handel schicken als wie die dummen Deutschen. O sapperment! wie horchte ich, als der Fremde von den dummen Deutschen schwatzte. Weil ich nun von Geburt ein Deutscher war, so hätte ich ja, der Tebel hol mer, wie der ärgste Bärenhäuter gehandelt, daß ich dazu stillschweigen sollen, sondern ich fing hierauf gleich zu ihm an und sagte: »Höre doch, du Kerl! Was hast du auf die Deutschen zu schmälen? Ich bin auch ein Deutscher, und ein Hundsfott, der sie nicht alle vor die bravsten Leute ästimiert«. Kaum hatte ich das Wort Hundsfott dem Fremden unter die Nase gerieben, so gab er mir unversehenerweise eine Presche, daß mir die Gusche[77] flugs wie eine Bratwurst davon auflief. Ich war aber her und kriegte den Fremden hinter dem Tische mit so einer artigen Manier bei seinem schwarzen Nischel[78] zu fassen und gab ihm vor die eine Presche wohl tausend Preschen. O sapperment! wie gerieten mir seine Schwestern wie auch der unreife Student und der Moderator oder, daß ich recht sage, des unreifen Studentens sein Stubengeselle, in meine Haare und zerzausten mich da tüchtig. Ich wickelte mich aber aus dem Gedränge eiligst heraus, sprang hinter dem Tische vor und lief nach dem Kachelofen zu, daselbst hatte ich in der Hölle meinen großen Kober an einem hölzernen Nagel hängen, denselben nahm ich herunter, und weil er von dem Specke, welchen ich von den barmherzigen Brüdern im Kloster geschenkt bekommen, brav schwer war, so hätte man da schön Abkobern gesehen, wie ich sowohl des Fremden Schwestern und den unreifen Studenten wie auch des unreifen Studenten Moderator (ei, wollte ich sagen Stubengesellen) und den Fremden selbst mit meinem großen Kober da zerpumpte. Daß auch der Fremde vor großer Angst das Mastixwasser, welches er über Tische so begierig hineingesoffen hatte, mit halsbrechender Arbeit wieder von sich spie und unter währendem Speien um gut Wetter bat: wenn er ausgespien hätte, so wollte er die ganze Sache mit mir vor der Klinge ausmachen. O sapperment! was war das vor ein Fressen vor mich, als der Fremde von der Klinge schwatzte. Worauf ich auch alsobald »Topp« sagte und ihn mit meinem großen Kober nicht mehr schmiß. Des unreifen Studenten Stubengesellen aber koberte ich gottsjämmerlich ab, und ich sage, daß ich ihn endlich gar hätte zu Tode gekobert, wenn nicht des Fremden Mutter und Schwestern so erschrecklich vor ihn gebeten hätten, denn er stund überaus wohl bei den Töchtern und der Mutter.

Nachdem der Fremde nun mit Speien wieder fertig war, hing ich meinen großen Kober wieder in die Hölle und suchte meinen langen Stoßdegen zur Hand, welchen ich dazumal trug, und forderte ihn hierauf vors Tor. Der Fremde suchte seinen Degen auch hervor, dasselbe war nun eine große breite Musketierplempe mit einem abscheulichen Korbe, damit marschierten wir beide nun spornstreichs nach dem Tore zu. Der unreife Studente wollte mit seinem Stubengesellen auch hinten nachgelaufen kommen, allein ich und der Fremde jagten die Bärenhäuter wieder zurück. Wie wir nun vor das Tor hinauskamen, so war gleich flugs nahe an der Ringmauer ein hoher spitziger Berg, denselben kletterten wir hinauf und oben auf der Spitze des Berges gingen wir zusammen. Wir hätten uns zwar unten am Berge schlagen können, allein so hatten wir keine Sekundanten bei uns, denn wenn wir Sekundanten gehabt, hätten dieselben mit bloßen Degen hinter uns stehen müssen, damit von uns keiner zurückweichen können. In Ermangelung derselben aber mußte uns der hohe spitzige Berg sekundieren, denn da durfte und kunnte von uns beiden auch keiner ausweichen; denn wenn nur einer einen Strohhalm breit aus seiner Positur gewichen, so wären wir, der Tebel hol mer, alle beide den Berg hinuntergepurzelt und hätten Hals und Beine über unserer Schlägerei morsch entzweigebrochen; so aber mußten ich und der Fremde oben auf der Spitze wie eine Katze innehalten und unter währendem Schlagen wie eine Mauer auf den Knochen stehen. — Ehe wir uns aber anfingen zu schmeißen, so fing der Fremde zu mir an und sagte, ich sollte mit ihm auf den Hieb gehen, weil er keinen Stoßdegen hätte, oder wenn ichs zufrieden wäre, so wollte er den ersten Gang mit mir auf den Hieb gehen, den andern Gang wollte er mit mir auf den Stoß versuchen. Ich sah aber nun gleich, daß der Fremde kein Herze hatte, sondern sagte: Kerl, schier dich nur her, es gilt mir alles gleich, ich will mit dir nicht lange Federlesens machen. Damit so zogen wir beide vom Leder und gingen miteinander da auf den Hieb zusammen. Ei sapperment! wie zog ich meinen Stoßdegen mit so einer artigen Manier aus der Scheide heraus! Den ersten Hieb aber, so ich mit meinem Stoßdegen nach dem Fremden tat, so hieb ich ihm seine große Plempe flugs glatt von dem Gefäße weg und im Rückzuge streifte ich ihm die hohe Quarte über der Nase weg und hieb ihm, der Tebel hol mer, alle beide Ohren vom Kopf herunter. O sapperment! wie lamentierte der Fremde, da er seine Ohren vor sich liegen sah. Ich war auch willens, ihm wie dem Seeräuber Hans Barth eine stumpfichte Nase zu machen, weil er aber so sehr um die Ohren tat und mich bat, daß ich ihn ungeschoren lassen sollte und daß er zeitlebens keinen Deutschen wieder verachten wollte, sondern allezeit sagen, die Deutschen wären die bravsten Leute unter der Sonne, so steckte ich meinen Stoßdegen wieder ein und hieß ihn beide Ohren nehmen und damit eiligst zum Barbier wandern, vielleicht könnten sie ihm wieder angeheilt werden.

Hierauf war er her und wickelte seine Ohren in ein Schnupftuch und nahm seine zerspaltene Plempe mit dem großen Korbgefäße unter den Arm und ging mit mir in die Stadt Padua hinein. In dem großen Hause flugs am Tore neben dem Aufpasser wohnte ein berühmter Feldscher, welcher auch wacker wollte gereist sein; zu demselben hieß ich den Fremden mit seinen abgehauenen Ohren gehen, und sollte da hören, ob sie ihm wohl könnten wieder angeheilt werden. Der Fremde aber hatte keine Lust, zum Feldscher hinzugehen, sondern sagte, er wollte erstlich ein gut Gläschen Mastixwasser auf die Schmerzen aussaufen, hernach so wollte er sich zum Schinder in die Kur begeben und bei dem hören, ob seine Ohren wieder könnten angeheilt werden. Nachdem er dieses zu mir gesagt, so ging er von mir und nahm seinen Marsch immer nach der Apotheke zu. Ich aber war her und schlich mich heimlich in des Fremden seiner Mutter Haus, allwo ich im Quartier lag, daß mich keiner gewahr wurde, und praktizierte mit so einer artigen Manier meinen großen Kober aus der Stube hinter der Hölle weg, setzte mich wieder auf mein gewonnenes Pferd und ritt da ohne Stallgeld und ohne Abschied immer zur Stadt Padua hinaus und nach Rom zu.

Von derselben Zeit an habe ich den Fremden wie auch den unreifen Studenten mit seinem Moderator oder, sage ich, Herrn Stubengesellen mit keinem Auge wiedergesehen. Nachricht aber habe ich seithero von dem Universitätsboten aus Padua erhalten, daß der Schinder dem Fremden die Ohren wiederum feliziter[79] sollte in zwei Tagen angeheilt haben. Er hätte aber die zwei Tage über vortrefflichen Fleiß bei ihm angewendet und hätte unter währender Kur der Fremde über zwölf Kannen Mastixwasser muttersteinallein ausgesoffen, und von demselben Mastixwasser (meinte der Universitätsbote) wäre er meistenteils wieder zurechte geworden.

Was den unreifen Studenten und Moderator wie auch des Fremden ganze Familie anbelangt, so habe ich bis dato nichts erfahren können, was sie machen müssen.

Nun Adieu, Padua, Signor Schelmuffsky muß sehen, wie Rom aussieht.