[30] Tag im Kalender.
[31] Dichterische Erfindung.
[32] so wohl anstand.
[33] wühlte.
[34] Gedicht.
[35] Erfindung.
[36] ehrten.
[37] de Ruyter, holländischer Seeheld, † 1676.
Die Hundstage traten gleich selben Tag im Kalender ein, als ich und mein Herr Bruder Graf von dem Bürgermeister zu Amsterdam Abschied nahmen und uns in ein groß Orlogschiff[38] setzten. Wir waren etwa drei Wochen auf der See nach Indien fortgeschifft, so kamen wir an einen Ort, wo so schrecklich viel Walfische im Wasser gingen, dieselben lockte ich mit einem Stückchen Brote ganz nah an unser Schiff. Der eine Bootsknecht hatte eine Angel bei sich, die mußte er mir geben, und versuchte es, ob ich einen kunnte ins Schiff häkeln. Es wäre auch, der Tebel hol mer, angegangen, wenn die Angel nicht wäre in Stücken gerissen, denn als der Walfisch anbiß und ich im besten Rucken war, so riß der Dreck entzwei, daß also der Angelhaken dem Walfische in dem Rachen steckenblieb, von welchem er unfehlbar wird gestorben sein. Wie solches die andern Walfische gewahr wurden und des Schattens nur von der Angelschnur ansichtig wurden, marschierten sie alle auch fort und ließ sich, der Tebel hol mer, nicht ein einziger wieder an unserm Schiffe blicken.
Wir schifften von da weiter fort und bekamen nach etlichen Tagen das gelübberte Meer[39] zu sehen, allwo wir ganz nahe vorbeifahren mußten. Sapperment! was stunden dort vor Schiffe in dem gelübberten Meere, es war, der Tebel hol mer, nicht anders, als wenn man in einen großen dürren Wald sähe, da die Bäume verdorrt stünden, und war keine Seele auf den Schiffen zu sehen. Ich fragte den Schiffsmann, wie denn das zuginge, weil so viel Schiffe dastünden. Der gab mir zur Antwort, daß dieselben Schiffe bei großem Ungestüm der Wind dahin gejagt hätte, wenn die Schiffsleute nach Indien fahren wollten und den Weg verfehlt, daß also auf alle den Schiffen die Leute jämmerlich umkommen müßten. — Wie wir nun an dem gelübberten Meere vorbei waren, kamen wir unter die Linie[40]. Ei sapperment! was war da vor Hitze! Die Sonne brannte uns alle miteinander bald kohlrabenschwarz. Mein Herr Bruder Graf, der war nun ein korpulenter, dicker Herr, der wurde unter der Linie von der grausamen Hitze krank, legte sich hin und starb, der Tebel hol mer, ehe wir uns solches versahen. Sapperment! wie ging mirs so nahe, daß der Kerl da sterben mußte, und war mein bester Reisegefährte. Allein was kunnte ich tun? Tot war er einmal, und wenn ich mich auch noch so sehr über ihn gegrämt, ich hätte ihn doch nicht wiederbekommen. Ich war aber her und bund ihn nach Schiffsgewohnheit sehr artig auf ein Brett, steckte ihm zwei Dukatens in seine schwarzsamtnen Hosen und schickte ihn damit auf dem Wasser fort; wo derselbe nun mag begraben liegen, dasselbe kann ich, der Tebel hol mer, keinem Menschen sagen.
Drei Wochen nach seinem Tode gelangten wir bei gutem Winde in Indien an, allwo wir an einer schönen Pfingstwiese ausstiegen, dem Schiffsmann das Fährgeld richtig machten und einer hernach hier hinaus, der andere dort hinaus seinen Weg zunahmen. Ich erkundigte mich nun gleich, wo der Große Mogol residierte. Erstlich fragte ich einen kleinen Jungen, welcher auf derselben Pfingstwiese, wo wir ausgestiegen waren, in einem grünen Käppchen dort herumlief und die jungen Gänschen hütete. Ich redete denselben recht artig an und sagte: Höre, Kleiner! kannst du mir keine Nachricht sagen, wo der Große Mogol in diesem Lande wohnt? Der Junge aber kunnte noch nicht einmal reden, sondern wies nur mit dem Finger und sagte: a a. Da wußte ich nun, der Tebel hol mer, viel, was a a heißen sollte. Ich ging auf der Wiese weiter fort, so kam mir ein Scherenschleifer entgegengefahren, denselben fragte ich nun auch, ob er mir keine Nachricht erteilen könnte, wo der Mogol wohnen müßte. Der Scherenschleifer gab mir hierauf gleich Bescheid und sagte, daß zwei Mogols in Indien residierten, einen hießen sie nur den Großen Mogol, den andern aber nur den Kleinen. Wie er nun hörte, daß ich zu dem Großen wollte, so sagte er mir gleich, daß ich etwa noch eine Stunde hin an seine Residenz hätte, und ich sollte nur auf der Pfingstwiese fortgehen, ich könnte nicht irren; wenn dieselbe zu Ende, würde ich an eine große Ringmauer kommen, da sollte ich nur hinter weggehen, dieselbe würde mich bis an das Schloßtor führen, worinnen der Große Mogol residierte, denn seine Residenz hieße Agra. Nachdem der Scherenschleifer mir nun diese Nachricht erteilt, ging ich auf der Pfingstwiese immer fort und gedachte unterwegens an den kleinen Jungen in dem grünen Käppchen, daß er a a sagte; ich hielt gänzlich dafür, der kleine Blutschelm, ob er gleich nicht viel reden kunnte, müßte mich doch auch verstanden haben und gewußt, wo der Große Mogol wohnte, weil er Agra noch nicht aussprechen kunnte, sondern nur a a lallte. Des Scherenschleifers seine Nachricht traf, der Tebel hol mer, auch auf ein Härchen ein, denn sobald als die Pfingstwiese ausging, kam ich an eine große Ringmauer, hinter welcher ich wegmarschierte, und sobald dieselbe zu Ende, kam ich an ein erschrecklich groß Torweg, vor welchem wohl über zweihundert Trabanten mit bloßen Schwertern stunden, die hatten alle grüne Pumphosen und ein Kollet[41] mit Schweinebratenärmeln an. Da roch ich nun gleich Lunte, daß darinnen der Große Mogol residieren würde.
Ich war her und fragte die Trabanten, ob ihre Herrschaft zu Hause wäre, worauf die Kerls alle zugleich ja schrien, und was mein Verlangen wäre. Da erzählte ich den Trabanten nun gleich, wie daß ich nämlich ein brav Kerl wäre, der sich was rechts in der Welt versucht hätte und auch noch versuchen wollte; sie sollten mich doch bei dem Großen Mogol anmelden, der und der wäre ich, und ich wollte ihm auf ein paar Worte zusprechen. Sapperment! wie liefen hierauf flugs ihrer zwölfe nach des Großen Mogols Zimmer zu und meldeten mich bei ihm an. Sie kamen aber bald wiedergelaufen und sagten, ich sollte hineinspazieren, es würde ihrer Herrschaft sehr angenehm sein, daß einer aus fremden Landen sie einiges Zuspruchs würdigte. Damit ging ich nun durch die Wache durch.
Ich war kaum sechs Schritte gegangen, so schrie der Große Mogol zu seinem Gemach oben heraus, sie sollten das Gewehr vor mir präsentieren. Sapperment! als die Trabanten dieses hörten, wie sprungen die Kerls ins Gewehr und nahmen alle ihre Hüte unter den Arm und sahen mich mit höchster Verwunderung an. Denn ich kunnte nun recht artig durch die Wache durchpassieren, daß es, der Tebel hol mer, groß Aufsehens bei dem Großen Mogol erweckte. Wie ich nun an eine große marmorsteinerne Treppe kam, allwo ich hinaufgehen mußte, so kam mir, der Tebel hol mer, der Große Mogol wohl auf halbe Treppe herunter entgegen, empfing mich und führte mich bei dem Arme vollends hinauf. Sapperment! was präsentierte sich da vor ein schöner Saal, er flimmerte und flammerte, der Tebel hol mer, von lauter Golde und Edelgesteinen. Auf demselben Saal hieß er mich nun willkommen und freute sich meiner guten Gesundheit und sagte, daß er in langer Zeit nicht hätte das Glück gehabt, daß ein Deutscher ihm zugesprochen hätte, und fragte hernach nach meinem Stande und Herkommen, wer ich wäre. Ich erzählte ihm hierauf nun sehr artig flugs meine Geburt und die Begebenheit von der Ratte und wie daß ich einer von den bravsten Kerlen der Welt wäre, der so viel gesehen und ausgestanden schon hätte. Sapperment! wie horchte der Große Mogol, als er mich diese Dinge erzählen hörte. Er führte mich nach solcher Erzählung gleich in ein vortrefflich aufgeputztes Zimmer und sagte, daß dasselbe zu meinen Diensten stünde, und ich möchte so lange bei ihm bleiben, als ich wollte, es sollte ihm und seiner Gemahlin sehr angenehm sein. Er rief auch gleich Pagen und Lakeien, die mich bedienen sollten. Sapperment! wie die Kerls kamen, was machten sie vor närrische Reverenzen vor mir! Erstlich bückten sie sich mit dem Kopfe bis zur Erden vor mir, hernach kehrten sie mir den Rücken zu und scharrten mit allen beiden Beinen zugleich weit hinten aus. Der Große Mogol befahl ihnen, sie sollten mich ja recht bedienen, sonsten wo nur die geringste Klage kommen würde, sollten sowohl Lakeien als Pagen in die Küche geführt werden. Hierauf nahm er von mir Abschied und ging wieder nach seinem Zimmer zu. Als er nun weg war, Sapperment! wie bedienten mich die Burschen so brav, sie hießen mich nur zwar Junker, allein was sie mir nur an den Augen absehen kunnten, das taten sie. Wenn ich nur zuzeiten einmal ausspuckte, so liefen sie, der Tebel hol mer, alle zugleich, daß sie es austreten wollten, denn wer es am ersten austrat, was ich ausgespuckt hatte, so schätzte sichs derselbe allemal vor eine große Ehre.
Der Große Mogol hatte mich kaum eine halbe Stunde verlassen, so kam er mit seiner Gemahlin, mit seinen Kavalieren und Damens in mein Zimmer wieder hineingetreten. Da hieß mich nun seine Gemahlin wie auch die Kavaliers und Damens alle willkommen, und sahen mich mit großer Verwunderung an. Ich mußte auf Bitten des Großen Mogols die Begebenheit von der Ratte noch einmal erzählen, denn seine Gemahlin wollte dieselbe Historie so gerne hören. Ei sapperment! wie hat das Mensche drüber gelacht! Die Kavaliers und Damens aber sahen mich alle mit großer Verwunderung an und sagte immer eines heimlich zu dem andern, ich müßte wohl was Rechts in Deutschland sein, weil ich von solchen Dingen erzählen könnte.
Nun war es gleich Zeit zur Abendmahlzeit, daß der Große Mogol zur Tafel blasen ließ. Ei sapperment! was hörte man da vor ein Geschmittere und Geschmattere von den Trompeten und Heerpauken! Es stunden zweihundert Trompeter und neunundneunzig Heerpauker in seinem Schloßhofe auf einem großen breiten Steine, die mußten mir zu Ehren sich da hören lassen, die Kerls bliesen, der Tebel hol mer, unvergleichlich. Wie sie nun ausgeblasen hatten, so mußte ich die Große Mogoln bei der Hand nehmen und sie zur Tafel führen; es ließ, der Tebel hol mer, recht artig, wie ich so neben ihr herging. Sobald als wir nun in das Tafelgemach kommen, so nötigte mich der Große Mogol, daß ich mich setzen sollte und die Oberstelle an der Tafel einnehmen. Ich hätte solches auch ohne Bedenken getan, wenn ich nicht Lust gehabt, mich neben seiner Gemahlin zu setzen, denn es war so ein wunderschön Mensche. Also mußte sich erstlich der Große Mogol setzen, neben ihn setzte ich mich und neben mir zur linken Hand setzte sich nun seine Liebste; ich saß da recht artig mitteninne. Über Tische so wurde nun von allerhand diskuriert. Die Große Mogoln fragte mich, ob denn auch in Deutschland gut Bier gebraut würde und welch Bier man denn vor das beste da hielte. Ich antwortete ihr hierauf sehr artig wieder, wie daß nämlich in Deutschland überaus gut Bier gebraut würde, und absonderlich an dem Orte, wo ich zu Hause wäre, da brauten die Leute Bier, welches sie nur Klebebier nennten und zwar aus der Ursachen, weil es so malzreich wäre, daß es einem ganz zwischen den Fingern klebte, und schmeckte auch wie lauter Zucker so süß, daß, wer von demselben Biere nur ein Nößel[42] getrunken hätte, derselbe hernachmals flugs darnach predigen könnte. Sapperment! wie verwunderten sie sich alle, daß es solch gut Bier in Deutschland gäbe, welches solche Kraft in sich hätte.
Indem wir nun so von diesem und jenem über der Tafel diskurierten und ich gleich willens war, die Historie von meinem Blaserohre zu erzählen, so kam des Großen Mogols seine Leibsängerin in das Tafelgemach hineingegangen, welche eine indianische Leier an der Seite hängen hatte. Sapperment! wie kunnte das Mensche schön singen und mit der Leier den Generalbaß so künstlich darzu spielen, daß ich, der Tebel hol mer, die Zeit meines Lebens nichts Schöners auf der Welt gehört habe. Kanns nicht sagen, was das Mensche vor eine schöne Stimme zu singen hatte. Sie kunnte, der Tebel hol mer, bis in das neunzehnte gestrichene C hinauf singen und schlug ein Trillo aus der Quinte bis in die Oktave in einem Atem auf zweihundert Takte weg und wurde ihr nicht einmal sauer. Sie sung vor der Tafel eine Arie von den roten Augen und den schwarzen Backen, daß es, der Tebel hol mer, überaus artig zu hören war. Nachdem nun die Abendmahlzeit zu Ende war, mußte ich wieder die Große Mogoln bei der Hand nehmen und mit ihr nach meinem Zimmer zugehen, allwo sie, wie auch der Große Mogol, Kavaliers und Damens von mir Abschied nahmen und eine gute Nacht wünschten, worauf ich mich sehr artig bedankte und sagte, daß sie alle miteinander fein wohl schlafen sollten und sich was Angenehmes träumen lassen.
Hiermit verließen sie alle miteinander meine Stube und gingen auch, sich ins Bette zu legen. Da sie nun von mir weg waren, kamen vier Lakeien und drei Pagen in mein Gemach hinein, die fragten nun, ob sich der Junker wollte ausziehen lassen. Wie ich nun ihnen zur Antwort gab, daß ich freilich etwas schläfrig wäre und nicht lange mehr offen bleiben würde. Sapperment! wie waren die Kerls geschäftig; der eine lief und holte mir ein Paar ganz göldne Pantoffeln, der andere eine schöne mit Gold gestickte Schlafhaube, der dritte einen unvergleichlich schönen Schafpelz, der vierte schnallte mir die Schuhe auf, der fünfte zog mir die Strümpfe aus, der sechste brachte mir einen ganz göldnen Nachttopf und der siebente machte mir die Schlafkammer auf. O sapperment! was stund da vor ein schön Bette, in welches ich mich legen mußte, es war, der Tebel hol mer, auch so proper, daß ichs nicht genug beschreiben kann, und schlief sichs auch so weich darinnen, daß ich auch die ganze Nacht nicht einmal aufwachte.
Des Morgens stund ich auf und ließ mich wieder ankleiden; wie ich nun fertig war, schickte der Große Mogol zu mir, ließ mir einen guten Morgen vermelden, und wenn mir was Angenehmes geträumt hätte, sollte es ihm lieb zu hören sein, auch dabei sagen, ob ich mich nicht ein wenig in sein geheimes Kabinett bemühen wollte. Er wollte mich um etwas konsultieren. Ich war hierauf geschwinde mit einer Antwort wieder fertig und ließ ihm sehr artig wiedersagen, wie daß ich nämlich sehr wohl geschlafen, aber was das Träumen anbelangt, so hätte ich keinen guten Traum gehabt, und daß ich sollte zu ihm kommen in sein Kabinett, dasselbe sollte gleich geschehen. Solches ließ ich ihm durch seinen Kammerpagen nun wiedersagen und ging hernach gleich zu ihm und hörte, was sein Anbringen war.
Da ich nun zu ihm hinkam und meine Komplimente sehr artig bei ihm abgelegt, so schloß er einen großen Bücherschrank auf und langte ein groß Buch heraus, welches in Schweinsleder eingebunden war; dasselbe zeigte er mir und sagte, daß er in dasselbe täglich sein Einkommen schriebe, und wenn das Jahr um wäre und er die Summa zusammenrechnete, wollte es keinmal eintreffen und fehlte allemal der dritte Teil seiner Einkünfte, und fragte hierauf, ob ich rechnen könnte. Worauf ich ihm denn wieder zur Antwort gab, wie daß ich ein brav Kerl wäre und Adam Riesen sein Rechenbuch sehr wohl kennte; er sollte mir das große Buch geben, ich wollte schon sehen, wie die Summa herauszubringen wäre. Hierauf so gab er mir das Buch, worinnen seine Einkünfte stunden, und ließ mich allein. Wie ich nun das Buch so durchblätterte, Ei sapperment! was stunden da vor Lehnen[43] und Zinsen. Ich war her, setzte mich hin, nahm Feder und Tinte und fing an eins, zehne, hundert, tausend zu zählen, und wie ich nun sah, daß der Große Mogol in dem Einmaleins gefehlt hatte und solches nicht richtig im Kopfe gehabt, so hatte es freilich nicht anders sein können, daß die Summa um den dritten Teil weniger bei ihm herausgekommen war, als er täglich aufgeschrieben. Denn anstatt, da er hätte zählen sollen: zehn mal hundert ist tausend, so hatte er gezählt: zehn mal tausend ist hundert, und wo er hätte subtrahieren sollen, als zum Exempel: eins von hundert bleibt neunundneunzig, so hatte er aber subtrahiert: eins von hundert kann ich nicht, eins von zehn bleibt neune, und neune von neun geht auf. Das geht ja, der Tebel hol mer, unmöglich an, daß es eintreffen kann. Als ich nun solche Fehler sah, merkte ich nun gleich, wo der Hund begraben lag. Ich war her und setzte mich drüber, und rechnete kaum zwei Stunden, so hatte ich alles miteinander in die richtige Summa gebracht und behielt noch halb so viel übrig über die ganze Masse, als er einzunehmen und von Tage zu Tage aufgeschrieben hatte. Als ich nun den Kalkulum[44] von Adam Riesens Rechenbuche sehr artig und richtig gezogen, rief ich ihn wieder zu mir und wies ihm nun, wie und wo er in dem Einmaleins gefehlt hätte und wie ich alles so artig und richtig herausgebracht hätte und noch halb so viel Überschuß behalten. Ei sapperment! als ich ihm von dem Überschusse schwatzte, sprung er vor Freuden hoch in die Höhe, klopfte mich auf meine Achseln und sagte, wenn ich gesonnen wäre, bei ihm zu bleiben, er wollte mich zu seinem geheimen Reichskanzler machen. Ich antwortete ihm hierauf wieder und sagte, wie daß freilich was Rechts hinter mir steckte und daß ich der bravste Kerl mit von der Welt wäre, und weil ich mein Herze nur daran gehängt hätte, fremde Länder und Städte zu besehen, so wollte ich mich vor das gute Anerbieten hiermit bedankt haben.
Weil er nun sah, daß ich zu solcher Charge keine Lust hatte, so erwies er mir die vierzehn Tage über, als ich bei ihm war, auch solche Ehre, daß ichs, der Tebel hol mer, mein Lebtag nicht vergessen werde. Denn es ist ein erschrecklich reicher Herr, der Große Mogol, er wird nur als Kaiser dort tituliert und hat so viel Schätze, als Tage im Jahre sein; die habe ich auch alle miteinander gesehen. Denn er zeigte mir alle Tage einen. Vortreffliche schöne Bücher hat er auch und ist ein sonderlicher Liebhaber von denselben; ich mußte ihm auch mit Hand und Munde zusagen, daß ich ihm eins aus Deutschland in seinen Bücherschrank schicken wollte vor Geld und gute Worte. Als er nun sah, daß ich mich wieder reisefertig machte, so verehrte er mir sein Bildnis mit der Kette und seine Gemahlin schenkte mir tausend Spezies-Dukaten eines Schlags[45], worauf des Großen Mogols Bildnis geprägt war. Damit hängte ich die Kette mit des Großen Mogols Bildnis an mich, welches von dem schönsten indianischen Golde war, und nahm von ihm sehr artig, wie auch von seiner Gemahlin, Kavalieren und Damens wieder Abschied, und ging von da zu Schiffe nach England zu.
[38] Kriegsschiff.
[39] das Lebermeer, in dem der Sage nach die Schiffe stecken bleiben.
[40] den Äquator.
[41] Wams.
[42] kleines Hohlmaß.
[43] Darlehn.
[44] die Schlußrechnung, das Resultat.
[45] einer Prägung.
Als ich nun von dem Großen Mogol Abschied genommen und er mir mit seinem ganzen Hofstaat bis zu Ende seiner Ringmauer zu Fuße das Geleite gegeben hatte, marschierte ich auf derselben Pfingstwiese immer nach demselben Wasser wieder zu, wo ich vor vierzehn Tagen abgestiegen war, und setzte mich da wieder auf ein groß Lastschiff, welches nach England zu segeln wollte, und fuhr mit demselben fort. Auf dem Schiffe erzählte ich nun dem Schiffsmann sehr artig auch, wie daß mich der Große Mogol so vortrefflich traktiert hatte und bei meinem Abschiede sein Bildnis mit der Kette mir auch verehret. Da meinte ich nun, der Schiffer würde etwa die Augen groß drüber aufsperren und sich über mich verwundern, daß ich so ein brav Kerl wäre, allein, der Tebel hol mer, nicht das Geringste: der Kerl nahm den Hut nicht einmal vor mir ab, sondern fing gar zu mir an und sagte: Manche Leute hätten mehr Glück als Recht. O sapperment! wie verdroß mich das Ding, daß der Bärenhäuter mir von solchen Sachen schwatzte und fehlte dazumal nicht viel, daß ich ihm nicht ein halb Dutzend Preschen gegeben hätte. Doch dachte ich endlich, es ist ein einfältiger Mensch, was kannst du mit ihm machen, er kennt dich nicht, was Standes du bist, und ließ es also dabei bewenden.
Wie wir nun drei Tage und fünf Nächte von der indianischen Pfingstwiese fortgesegelt waren, so kamen wir mit unserm Schiffe auf das große Mittelländische Meer. Ei sapperment! was gab es da vor allerhand Meerwunder zu sehen, die schwammen wohl zu etlichen tausenden immer um unser Schiff herum. Meine einzige Freude hatte ich damals mit einem kleinen Seehündchen; das lockte ich mit einem Stückchen Brote ganz nah an unser Schiff heran, daß es auch endlich so freundlich tat und mit mir spielen wollte. Ich war her, weil es so artig aussah, und wollte es aus dem Meere ins Schiff haschen, als ich aber nach dem Ase griff, so biß mich die Wetterkröte, der Tebel hol mer, durch alle fünf Finger durch und durch und tauchte drauf unter. O sapperment! wie lief das Blut zwischen den Fingern herunter und bluteten wohl acht Tage, ehe sie wieder aufhörten; sie taten mir überaus weh nach dem Bisse. Endlich so brachte mir der Schiffer ein Gläschen mit Bomolie[46] getragen und hieß mich die Finger damit schmieren und sagte, daß die Bomolie so trefflich gut dafür wäre, wenn einen was gebissen hätte. Ich war her und schmierte mir die Finger damit, es vergingen kaum zwei Stunden, so war, der Tebel hol mer, alles wieder geheilt. — Nachdem wir nun bald durch das Mittelländische Meer durch waren, so ließen sich erschrecklich viel Sirenen von ferne im Meer blicken; dieselben Menscher singen, der Tebel hol mer, admirabel schön. Da selbige der Schiffsmann gewahr wurde, hieß er uns die Ohren alle miteinander feste zustopfen, denn wenn sie näher kämen, so würden sie uns mit ihrem wunderschönen Singen so bezaubern, daß wir nicht würden von der Stelle fahren können. Ei sapperment! als ich dieses hörte, wie stopfte ich mir die Ohren feste zu und hieß den Schiffsmann geschwinde fortfahren. — Drei Tage hierauf kamen wir in die Ostsee, da schifften wir auch wohl etliche Wochen, ehe wir durch wegkamen. Was es in derselben See vor Hechte gab, das kann ich, der Tebel hol mer, keinem sagen; die Bootsknechte hatten einen Hamen[47] mit auf dem Schiffe: Sapperment! was fingen die Kerls da vor Zeugs von Hechten! Sie hatten, der Tebel hol mer, Zungen wie die großen Kälber, und klebte wohl an einer Hechtzunge über sechs Kannen Fett.
Etliche Monate hierauf, nachdem wir durch unterschiedene Flüsse durchpassiert waren, gelangten wir glücklich in England an, allwo ich vor London ausstieg, dem Schiffer das Fährgeld richtig machte und in die Stadt London hineinging und mein Quartier bei dem Alamode-Töpfer nahm, welcher flugs an dem Tore wohnte. Der Kerl war nun gegen mich sehr höflich, er empfing mich, fragte, was mein Verlangen wäre, wo ich herkäme und wer ich wäre. Ich erzählte ihm flugs sehr artig auch meine Geburt und von der Ratte, und wie daß ich so ein brav Kerl wäre und wollte das Quartier bei ihm nehmen, auch wie ich gesonnen wäre, mich incognito etliche Wochen bei ihm aufzuhalten. Der Kerl, der Alamode-Töpfer, war hierauf sehr wohl zu sprechen und sah mir auch flugs an den Augen an, daß ich was rechts sein müßte, aber der Lumpenhund war etwas sehr undiskret[48], denn wenn er mit mir redete, so nahm er nicht allemal seinen Hut vor mir ab, welches mich denn abscheulich auf ihn verdroß, daß er mir meinen gebührenden Respekt nicht gab. — Wie ich nun vermeinte, ich wollte nur in London als ein schlechter[49] Kavalier mich aufführen und vor keine Standesperson nicht ausgeben, so kam, der Tebel hol mer, Herr Toffel, der vornehme Lord in London, mit Trauten, seiner Liebsten, bei welchen ich zu Amsterdam auf der Hochzeit gewesen, zum Alamode-Töpfer in die Stube hineingetreten und hießen mich da willkommen. Sapperment! wie verwunderte ich mich, daß sie mich flugs ausgestankert[50] hatten. Sie erzählten mir hernach alles, wie daß sie mich hätten sehen am Ufer aussteigen und wie ich so artig zum Alamode-Töpfer ins Haus hineingewischt wäre, denn Toffel, der vornehme Lord, hatte seinen Palast allernächst in derselben Gasse. Er bat mich auch hernach, daß ich bei ihm das Quartier nehmen sollte, allein weil ich mich bei dem Alamode-Töpfer schon einlogiert hatte und der Mann auch mich nicht von sich lassen wollte, so mochte ich nicht gerne das Quartier verändern, denn es hätte nur Aufsehens vor den Leuten erweckt, wenn ich meine Sachen so hin und wieder schleppen lassen.
Ich wurde gleich selben Abend von Herrn Toffeln, dem vornehmen Lord, zu Gaste gebeten, allwo viel andere Standespersonen und vornehme Lordstöchter auch waren, die sich alle miteinander in mich verliebten und Heiratens bei mir vorgaben, denn ich zeigte ihnen des Großen Mogols Bildnis mit der Kette und erzählte ihnen, wie daß er mich damit beschenkt und vortrefflich gastiert hätte, weil ich ihm den Kalkulum seiner Einkünfte sehr artig und richtig ziehen können, daß er nämlich über sein ganzes Einkommen das Jahr lang noch halb soviel Überschuß gehabt, als er eingenommen hatte. Ich sagte auch, daß er mich hätte zu seinem Geheimen Reichskanzler machen wollen, allein weil ich mich noch nicht Lust zu setzen gehabt, hätte ich mich wegen des guten Anerbietens bedankt. Sapperment! wie sahen mich die Menscher, die vornehmen Lordstöchter, über Tische nacheinander an; sie fingen alle miteinander an, meine Gesundheit zu trinken. Eine sagte: »Es lebe des reichen Mogols in Indien sein Herr Reichskanzler«. Die andere sagte: »Es lebe der fremde vornehme Herr, welcher mit des Großen Mogols Bildnis ist beschenkt worden«. Die dritte sagte: »Es lebe eine hohe Standesperson in Gedanken, dem was Rechts aus den Augen heraussieht«. Ich merkte nun wohl, daß dieses alles mir galt; so machte ich allemal gegen das Frauenzimmer, welches meine Gesundheit trank, eine sehr artige Miene, daß es mir, der Tebel hol mer, sehr wohl ließ. Wie die Historie von dem Großen Mogol nun aus war, so fing ich von meiner wunderlichen Geburt und von der Ratte was an zu schwatzen. Ei sapperment! wie sperrten die vornehmen Lords alle Maul und Nasen auf, als sie diese Dinge hörten. — Den morgenden Tag stellte Herrn Toffeln seine Liebste meinetwegen die Tour a la mode an, allwo wohl über zweihundert Kutschen mir zu Gefallen von Standespersonen und den vornehmsten Lordstöchtern aus London mitfuhren. Ich mußte mich zu ihrer zweien, welches Herrn Toffel seine Jungfer Muhmen waren, in die Karosse setzen. Sie hatten mich nun mitteninne sitzen, welches sehr artig zu sehen war, denn mein Bildnis hatte ich aus der Kutsche gehängt, da liefen wohl über hundert Jungen neben der Kutsche her und sahen des Großen Mogols sein Konterfei mit großer Verwunderung an, worüber ich recht meine Freude auch hatte, daß so viel kleine Jungen neben der Karosse herliefen.
Als wir nun etwa zwei Meilen von London an den Ort kamen, wo die Tour a la mode gehalten wurde: Ei sapperment! wie wurde ich da vortrefflich traktiert! sie erwiesen mir auch solche Ehre an demselben Orte, daß ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen kann. Den morgenden Tag drauf kamen Herrn Toffeln seine Jungfer Muhmen auf ihrer Kutsche vor des Alamode-Töpfers Haus gefahren, allwo ich im Quartier lag, und baten mich, ob ich belieben wollte, ein wenig mit ihnen zu fahren; sie wollten mir etwas von einigen Antiquitäten der Stadt London zeigen, welche ich wohl vielleicht noch nicht gesehen hätte. Damit setzte ich mich ohne Bedenken zu ihnen in die Karosse hinein und wieder in die Mitten, welches recht artig zu sehen war. Wie ich nun so eine Ecke mit Herrn Toffeln seiner Jungfer Muhmen in London herumgefahren war, so fuhren wir an einen Ort, allda zeigten sie mir den Stein, auf welchem der Patriarch Jakob sollte gesessen haben, wie er im Traum die Himmelsleiter gesehen hätte. Von da fuhren wir wieder fort und kamen an einen Ort, allwo ein groß Beil hing, mit demselben wäre gar einer vornehmen Person der Kopf abgeschlagen worden[51]. Sie nannten mir auch, wie die Person geheißen hätte, allein ich kann mich, der Tebel hol mer, nicht mehr drauf besinnen. Wie sie mir nun dieses und jenes alles gezeigt, fuhren wir wieder zu Herrn Toffeln, bei welchem ich wieder mitspeiste. Ich muß gestehen, daß mir in London, der Tebel hol mer, große Ehre die drei Jahr über, als ich da gewesen bin, widerfahren ist, und absonderlich von dem vornehmen Lord Herrn Toffeln und seiner Jungfer Muhmen.
Als ich nun von denselben Abschied nahm und mich auf die Spanische See begab, haben, der Tebel hol mer, dieselben Menscher die bittersten Zähren gegranst, daß ich von ihnen reiste, sie baten mich wohl hundertmal, daß ich bei ihnen bleiben möchte, ich sollte nicht einen Heller verzehren. Ja wenn ichs dasselbe Mal getan hätte, so wäre ich wohl ein brav Kerl geblieben, allein so dachte ich, durch mein Reisen immer höher und höher zu steigen; es hätte auch leichtlich geschehen können, wenn ich nicht so unglücklich auf der Spanischen See gewesen wäre. Wie mirs nun da gegangen, wird man im folgenden Kapitel bald hören.
[46] Baumöl.
[47] Angelhaken.
[48] unerzogen.
[49] schlichter.
[50] ausfindig gemacht.
[51] Anspielung auf die Hinrichtung des Kronprätendenten Monmouth i. J. 1749.
Wo mir recht ist, war es der erste oder der letzte April, als ich von Herrn Toffeln, dem vornehmen Lord in London, ingleichen von seiner Frau Trauten, wie auch von seiner Jungfer Muhmen und meinem gewesenen Wirte, dem Alamode-Töpfer, völligen Abschied nahm und mich in ein groß Lastschiff, welches schwer mit geräucherten Hechtzungen beladen war und selben Tag aus Portugal kam, setzte. Auf demselben war ich nun willens, nach dem Lande Spanien zu gehen und allda die schönen spanischen Weintrauben zu kosten. Wir segelten bei gutem Wetter von London sehr glücklich ab, der Wind war uns auf der spanischen Seite sehr favorabel und der Himmel hatte sich auch also abgeklärt, daß man, der Tebel hol mer, nicht ein schwarz Fleckchen an den Wolken gesehen hatte. Wie der Schiffsmann nun sah, daß uns der Wind so wohl wollte, hieß er uns alle miteinander, soviel unser zu Schiffe waren, ein lustiges Lied anstimmen und sang auch selber mit.
Indem wir nun so in der besten Freude waren, sah ich von ferne ein Schiff auf uns zugefahren kommen, welches ich dem Schiffsmanne zeigte und ihn fragte, was es vor eins wohl sein müßte. Als der Schiffsmann solches gewahr wurde, fing er gleich an, daß es fremde Flaggen führte und ihm vorkäme, als wenn es gar ein Raub- oder Kaperschiff wäre. Sapperment! da dieses meine Kameraden hörten, wie erschraken die Kerls! Ich aber war her, lief flugs hinunter ins Schiff und sah, ob auch die Stücken[52] alle parat waren. Sobald ich nun in dieselben vorne hineinblies und wollte hören, ob sie auch alle geladen stünden, so war, der Tebel hol mer, nicht ein einziges zurechte gemacht. Was war da zu tun? Ich fing zu meinen Kameraden gleich an: »Allons, Ihr Herrn, es ist Feind da! Lasset uns unsere Degen fertig halten«. O sapperment! wie stunden die Kerls da und zitterten und bebten, so erschraken sie, als ich ihnen von Degen und Fechten schwatzte. — Es währte hierauf nicht lange, so kam, der Tebel hol mer, das Kaperschiff wie ein Blitz auf uns zugefahren, auf welchem der bekannte Seeräuber Hans Barth[53] mit erschrecklich viel Kapers[54] waren, derselbe fragte nun gleich, ob wir uns wollten gefangen geben. Ich antwortete demselben aber flugs sehr artig wieder und sagte hierauf: »Ich gebe mich, der Tebel hol mer, nicht«. Ei sapperment! wie zog der Kerl mit seinen Kapers vom Leder! Ich war nun mit meinem vortrefflichen Haudegen, welches ein Rückenstreicher war, auch nicht langsam heraus und über die Kapers her. Da hätte man sollen schön Hauen und Fechten sehen, wie ich auf die Kerls hineinhieb; dem Hans Barth säbelte ich, der Tebel hol mer, ein Stücke von seiner großen Nase weg, daß es weit in die See hineinflog, und wird die Stunde noch bei ihm zu sehen sein, daß er eine stumpfige Nase hat. Von den andern Kapers da hieb und stach ich wohl ihrer fünfzehn über den Haufen, ohne die andern, welche ich tödlich zuschanden gehauen hatte. Alleine was wars? wenn nicht der Kerls so schrecklich viel gewesen wären gegen einen Mann! Ja wenn nur meine damaligen Kameraden mir ein wenig beigestanden, wir hätten die Viktorie unfehlbar erhalten wollen. So aber stunden die Bärenhäuter da, hatten die Fäuste alle in den Schubsack gesteckt und ließen, der Tebel hol mer, immer wie auf Kraut und Rüben in sich hineinhauen und regten sich nicht einmal. Ich war, der Tebel hol mer, auch so toll auf die Kerls, daß gar keiner von den Schurken mit Hand anlegen wollte, und daß man hat sein Lebtage gehört: Viel Hunde sind eines Hasen Tod. Denn Hans Barth hatte so einen erschrecklich großen Anhang bei sich. Ja wenn ihrer etwa zwanzig oder dreißig nur gewesen wären, so hätte ich bald wollen mit ihnen zurechte kommen, allein so warens wohl an hundert solche Kerls, die alle über mich her waren. Dennoch aber mußten sie selbst gestehen, daß mir was Rechts aus den Augen herausgesehen hätte, als ich mich so resolut gegen sie gehalten und weder Hieb noch Stich davongetragen.
Wie ich nun letztlich mit Fechten müde war und sah, daß keine Möglichkeit vorhanden, die Viktorie zu erhalten, mußte ich, der Tebel hol mer, anfangen, um Pardon zu bitten. Da hätte man nun schön plündern gesehen, als die Kerls in unser Schiff kamen. Sie nahmen uns, der Tebel hol mer, alles, was wir hatten. Ich fing denselben an, von meiner Geburt und die Begebenheit von der Ratte zu erzählen, sie wolltens aber, der Tebel hol mer, nicht einmal glauben, sondern zogen uns alle miteinander bis aufs Hemde aus, nahmen alles, was wir hatten, und führten uns noch dazu mit sich gefangen bis nach Sankt Malo, allwo sie uns einen jedweden apart in ein häßlich Gefängnis steckten. O sapperment! wie gedachte ich da an meinen vorigen Stand, wer ich gewesen und wer ich nun in dem häßlichen Loche da wäre. Des Großen Mogols sein Bildnis mit der Kette war fort, die tausend Speziesdukaten, welche mir seine Liebste verehrt hatte, waren fort, mein ander gut Geld benebst den Dukatens, so ich mir zu Amsterdam in Banco zahlen ließ, war fort, mein schön verschammeriertes Kleid, worinnen die Standesperson von Schelmuffsky sich fast in der ganzen Welt sehr artig aufgeführt hatte, war fort. Meine wunderliche Geburt, die lag da im Drecke, niemand wollte mirs glauben, daß die Historie mit der Ratte passiert wäre, und mußte also wie der elendeste Bärenhäuter von der Welt in einem häßlichen Gefängnis da unschuldig ein ganz halb Jahr gefangen liegen. Ei sapperment! wie gings mir da elende! Ich gedachte da vielmals an meinen vorigen Stand und an Herrn Toffeln, des Lords in London, seine Jungfer Muhmen, daß die Menscher so um mich gransten, wie ich nicht bei ihnen bleiben wollte. Ja wer kann alle Dinge wissen, und ich hätte mir, der Tebel hol mer, eher was anders versehen, als daß mirs so gehen sollte.
Der Kerkermeister zu St. Malo traktierte mich auch sehr schlecht in dem Gefängnisse, denn er schickte mir niemals nichts anderes als einen großen Topf voll Kleienbrei durch seine Tochter, welche Clauditte hieß; damit mußte ich mich allemal drei Tage behelfen, ehe ich wieder was kriegte. Manchmal hatten sie mich auch wohl gar vergessen und brachten mir den sechsten Tag allererst wieder was, daß ich, der Tebel hol mer, vielmal drei Tage habe hungern müssen. — Kurz zuvor, ehe mir der Kerkermeister gegen Auslösung von hundert Reichstalern die Freiheit ankündigte, so kam ein Gespenst zu mir vors Gefängnis: Sapperment! als ich das Irreding sah, wie fing ich an zu schreien! Das Gespenst redete mich aber sehr artig an und sagte mit diesen Worten: »Anmutiger Jüngling, du wirst zu deiner Freiheit bald wieder gelangen, gedulde dich nur noch ein klein bischen«. Als ich diese Worte hörte, wußte ich, der Tebel hol mer, nicht, ob ich Mädchen oder Bübchen war, teils erschrak ich darüber, teils freute ich mich auch drüber, weil es von dem anmutigen Jünglinge und von der Freiheit schwatzte. Ich war her, faßte mir ein Herz und fragte das Gespenst, wer es wäre. So gab es mir sehr artig wieder zur Antwort und sagte, es wäre der Charmante als meiner gewesenen Liebsten ihr Geist, welche dort bei Bornholm zu Schiffe mit sechstausend ersaufen müssen. Wie ich nun dieses hörte, daß alles auf ein Härchen so eintraf, erschrak ich ganz nicht mehr vor dem Gespenst, sondern wollte es weiter fragen, wo denn die Charmante damals, als sie ersoffen, hingekommen wäre und wo sie begraben läge. Allein indem ich so fragte, war das Gespenst, der Tebel hol mer, flugs wieder verschwunden. — Hierauf währte es keine halbe Stunde, so kam der Kerkermeister zu mir vors Gefängnis und sagte, wenn ich hundert Reichstaler schaffen könnte, so hätte er Befehl, mich wieder los zu geben. Ich gab ihm zur Antwort, wie daß ich nämlich ein brav Kerl gewesen, der sonst so viel Geld nicht ästimiert hätte, aber jetzund sähe er wohl, daß ich der miserabelste Bärenhäuter wäre. Der Kerkermeister fragte mich weiter, aus was vor einem Lande und woher ich wäre und ob ich da etwa noch Rat zu schaffen wüßte. So könnte ich eiligst hinschreiben und meinen Zustand den Meinigen zu wissen tun. Wie ich nun erzählte, daß ich eine Mutter hätte und ihr einziger lieber Sohn wäre, und daß dieselbe ein sehr gut Auskommen hätte, und daß sie sich so viel Geld würde nicht lassen an das Herz wachsen, wenn sie hören würde, daß es ihrem liebsten Sohn so elend in fremden Landen ginge: als der Kerkermeister dieses hörte, fing er zu mir an, wenn ich meiner Mutter um so viel Geld schreiben wollte, sollte ich aus dem Gefängnis losgelassen werden und so lange bei ihm in seinem Hause Arrest halten, bis daß das Schiff mit dem Gelde ankäme. Sobald als ich in sein Begehren gewilligt hatte, fing er an und sagte: »Eröffnet euch, ihr Bande und Ketten, und lasset den Gefangenen passieren«. Hernach nahm er mich in sein Haus, bis das Schiff mit den hundert Talern anmarschiert kam. Nachdem er das Lösegeld empfangen hatte, so verehrte er mir ein Paar alte Schifferhosen, eine alte Schiffermütze, ein Paar alte zerluderte Strümpfe wie auch Schuh und einen alten Kaperrock auf den Weg und ließ mich damit wieder hinwandern.
Nun wußte ich, der Tebel hol mer, dazumal nicht, wo ich von da zumarschieren sollte; keinen blutigen Heller im Leben hatte ich, wie der elendeste Bettelbube ging ich, vor nichts Rechts sah mich kein Mensche mehr an, und wußte also meines Lebens keinen Rat, wie ich von St. Malo wieder fortkommen wollte. Endlich so ging ich hin, wo die Schiffe abfuhren, da erzählte ich dem einen Schiffer mein Unglück und wie mirs gegangen wäre und bat ihn, wenn er abführe, er möchte mich doch mitnehmen, ich wollte ihm gerne auf dem Schiffe mit an die Hand gehen. Der Schiffsmann ließ sichs gefallen, denn es war ein engländischer Schiffer und hatte in Frankreich schöne Waren geholt, der erbarmte sich endlich über mich und nahm mich mit. Da mußte ich nun, wenn Sturm kam und die Wellen davon ins Schiff schlugen, immer auf dem Schiffe plumpen, damit die kostbaren Sachen nicht etwa naß würden, so kriegte ich bei ihm zu essen und zu trinken. Als wir nun wieder bei London vorbeifuhren, sagte ich zum Schiffer, daß mir das Plumpen so sauer würde, und ich könnte es unmöglich länger ausstehen, bäte ihn, er möchte mich da lassen aussteigen, ich wollte meinen Weg nach der Stadt zu nehmen. Der Schiffer war mir hierinnen auch nicht zuwider, sondern fuhr mit seinem Schiffe ans Ufer, ließ mich meiner Wege gehen und schiffte von da weiter fort. Ich war her und setzte mich da bei dem Wasser nieder, zog meine Schuh aus, band sie aneinander, hängte sie an den Arm und marschierte in meinen zerzottelten Strümpfen halb barfuß immer nach dem Tore der Stadt London zu. Wie ich nun an dasselbe kam, so stund ich stille und besann mich eine gute Weile, wo ich mein Quartier da aufschlagen wollte, weil ich keinen Heller Geld hatte. Endlich resolvierte ich mich und nahm meinen Abtritt flugs haußen in der Vorstadt auf der Bettelherberge, allwo ich noch Bettler antraf, denen ich vor einem halben Jahre mit einigen Almosen sehr viel Gutes erzeigt hatte, auch etliche zu mir sagten, mein Gesichte wäre ihnen bekannt, und sie sollten mich sonstwo gesehen haben; allein sie konnten sich nicht mehr drauf besinnen. Ein kleiner Betteljunge fing unter anderm an und sagte, daß ich bald aussähe wie der vornehme Herr, der vor einem halben Jahre in London mit den vornehmsten Damens wäre immer in der Kutsche gefahren und hätte ein Goldstück mit einer Kette allezeit aus der Kutsche herausgehängt, bei welcher so viel Schock Jungen stets nebenhergelaufen und das Goldstück so angesehen. Ich ließ mir aber nichts merken, daß ichs war, und wenn ichs ihnen auch gleich gesagt, sie hätten mirs, der Tebel hol mer, nicht einmal geglaubt.
Den andern Tag war ich her, weil ich kein Geld hatte, und ging in die Stadt London hinein; da sprach ich die Leute, welche mich zuvor als eine Standesperson noch nicht gesehen, um einen Zehrpfennig an, denn an die Örter, wo ich vormals war öfters zu Gaste gewesen, kam ich, der Tebel hol mer, nicht, denn sie hätten mich leicht kennen mögen, und wenn ich vor Herrn Toffeln seinem Hause vorbeiging, so zog ich allemal die Mütze in die Augen, damit mich niemand kennen sollte. Ich traf auch ungefähr einen halben Landsmann in London an, welcher ein brav Kerl war und im Kriege sich schon tapfer erwiesen hatte, demselben erzählte ich mein Unglück. Er verehrte mir auch einen Reichstaler und versprach mir, mich frei wieder mit in meine Heimat zu nehmen; allein ich hatte den Ort vergessen, wonach ich ihn fragen sollte, und kunnte denselben also von der Zeit an, als er mir den Taler schenkte, nicht wieder antreffen. Zu meinem großen Glücke fuhren gleich zwei Tage hierauf drei Frachtwagen aus London nach Hamburg; da bat ich die Fuhrleute, daß sie mich mitnehmen sollten, ich hätte nicht viel zu verzehren. Die Fuhren waren ganz gut, und sie sagten, wenn ich ihnen des Nachts ihre Wagen bewachen würde, so wollten sie mich zehrfrei bis nach Hamburg mitnehmen. Ei sapperment! wer war froher als ich! Ich sagte, herzlich gern wollte ichs tun. Hierauf nahmen sie mich nun mit sich, und ich mußte mich vorne in die Schoßkelle[55] setzen und fahren. Wenn wir nun abends ins Quartier kamen, so gaben sie mir allemal den Kopf oder den Schwanz vom Heringe und ein groß Stück Brot dazu; das mußte ich nun in mich hineinreiben, hernach schenkten[56] sie mir auch einmal dazu und hießen mich unter ihre Wagen legen und wachen. Das währte nun eine Nacht und alle Nächte, bis wir in das letzte Wirtshaus nahe vor Hamburg kamen, allwo ich von den Fuhrleuten Abschied nahm. Sie fragten mich zwar, ob ich nicht vollends mit nach Hamburg wollte; ich bedankte mich, doch wäre ich wohl gerne mit hinein gewesen; so aber stund ich in Sorgen, es möchte mich etwa jemand noch da kennen und hernach solches der Rädelwache sagen, daß ich der und der wäre, welcher vor etlichen Jahren ihrer so viel auf einmal zuschanden gehauen und über den Haufen gestoßen hätte. Traute also nicht, sondern nahm von dem nächsten Dorfe vor Hamburg meinen Marsch oben im freien Felde weg und ging so lange, bis ich in ein ander Gebiet kam, daß ich vor der Rädelwache recht sicher war.
Hernach so bettelte ich mich von einem Dorfe zu dem andern, bis ich endlich Schelmerode wieder erblickte und allda nach meiner überstandenen sehr gefährlichen Reise sowohl zu Wasser als zu Lande meiner Frau Mutter frisch und gesund wieder zusprach. Mit was vor Freuden die ehrliche Frau mich damals bewillkommte, will ich beim Eingange des andern Teiles künftig sehr artig auch an den Tag geben. Vor dieses Mal aber hat nun der erste Teil meiner wahrhaftigen kuriösen und sehr gefährlichen Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande ein Ende.