Fünftes Kapitel.
Der Nordamerikanische Freiheitskrieg 1775–1783.
Entstehung des Krieges[112].
England und die Kolonien bis zu ihrer Erhebung. Bekanntlich fand die Erwerbung Kanadas im Frieden von Paris keineswegs den Beifall aller Politiker in England; viele hätten eine Erweiterung des englischen Besitzes in Westindien lieber gesehen und betonten, die eigenen Kolonien in Nordamerika könnten zu kräftig und selbstbewußt werden, wenn sie die Nachbarschaft der Franzosen nicht mehr zu fürchten brauchten; erzeugten sie doch fast alle ihre Bedürfnisse schon selber und ihre Abhängigkeit von England verminderte sich stetig. Die öffentliche Meinung und die meisten Staatsmänner teilten aber diese Befürchtung nicht, sie wollten Frankreich aus Nordamerika verdrängen. Pitt war gleicher Ansicht, denn er plante, Frankreich sämtlicher Kolonien zu berauben und es von der Hochseefischerei auszuschließen, um ihm Antrieb und Grundlage zur Aufstellung einer starken Marine zu nehmen. Auch der Amerikaner Benjamin Franklin trat öffentlich für die Erwerbung Kanadas ein. Bei der Verschiedenheit der englisch-amerikanischen Kolonien erklärte er es für ausgeschlossen, daß diese jemals gemeinsame Sache gegen das Mutterland machen würden, eher könne ein Aufgeben Kanadas sie zum Abfall führen. Seine wahre Ansicht wird dies wohl kaum gewesen sein.
Tatsächlich wuchs das Selbstvertrauen der Kolonisten außerordentlich nach den Erfolgen, die sie während des Krieges und durch ihn erreicht hatten. Sie zeigten sich zwar in allerhand Äußerlichkeiten dankbar für Englands militärische und finanzielle Unterstützung — sogar Massachusetts, die ungefügigste der Kolonien, versicherte in einer Adresse dem Könige ewige Treue, errichtete dem gefallenen General Lord Howe ein Denkmal und taufte Fort Duquesne um in Pittsburg —, aber sie hielten eifersüchtig fest an jedem ihrer wirklichen oder vermeintlichen Rechte dem Mutterlande gegenüber und verlangten vor allem, das englische Parlament, in dem die Kolonien nicht vertreten seien, solle auch keine Gesetze für sie machen, sondern das ihren eigenen gesetzgebenden Körperschaften überlassen. Ganz besonders sträubten sie sich gegen Zahlung direkter Steuern und erhoben Einspruch gegen die Beschränkung ihres Handels sowie ihrer Industrie zugunsten des Mutterlandes.
Die innere Lage der Kolonien ist bereits im ersten Bande (Seite 606) erörtert. Im Laufe des 18. Jahrhunderts war sie großenteils nach den Wünschen der Kolonisten gestaltet; diese regierten sich in der Hauptsache selbständig. Die Gouverneure wurden zwar vom Könige ernannt, da aber ihre Besoldung von den Kolonien gezahlt wurde und jährlich bewilligt werden mußte, so waren sie von diesen abhängig; ähnlich verhielt es sich mit den Richtern. Die stehenden Truppen beschränkten sich auf schwache englische Besatzungen in den Forts, die Kolonialmilizen traten für Englands Zwecke nur auf besondere Abmachung sowie Soldzahlung ein. Die Zollbeamten allein wurden von England ernannt und besoldet, über Zollvergehen urteilten nicht die Geschworenen, sondern Admiralitâtsgerichte ab.
Dieser Entwicklung der Dinge hatte man in England lange ihren Lauf gelassen, da sich die Kolonien in manches fügten, das zu Englands Vorteil diente, so in die Zoll-, Handels- und Schiffahrtsgesetze. Schwierigkeiten ergaben sich naturgemäß häufig aus der verschiedenartigen Stellung der Regierung und der Gouverneure zu diesen Fragen. So hielt es der Minister Walpole zu Englands Nutzen für vorteilhaft, die Kolonien sich frei entwickeln zu lassen; der tüchtige, langjährige Gouverneur Shirley, uns von den beiden letzten Kriegen her bekannt, verlangte dagegen tatkräftigeres Auftreten der Regierung, Einführung direkter Steuern zur Besoldung der Beamten sowie eines stehenden Heeres u. dgl. Während des letzten Krieges wurde 1756 der Earl of Loudoun mit scharfen Anordnungen gegen Eigenmächtigkeiten der Kolonien hinausgesandt, während Pitt später auf alle schroffen Maßregeln verzichtete und einzig den Patriotismus der Neuengländer anrief.
Diese Meinungsverschiedenheiten gestalteten sich seit dem Regierungsantritt Georgs III. zu ernsten Zerwürfnissen zwischen England und den Kolonien. Wie der König Minister und Parlament seinem Willen unterordnen wollte, so erstrebte er dies auch bei den Kolonien. Hier sollte nicht nur die strenge Beachtung der bislang vielfach umgangenen Handelsgesetze durchgeführt, sondern auch Geld zur Erhaltung eines stehenden Heeres aufgebracht werden. Beides war an sich nicht unberechtigt, denn bisher überschritten die Erhebungskosten der Zölle deren Einkünfte um das Vierfache, und England hatte doch auch im Kriege gegen Kanada ungeheure Geldopfer gebracht; aber die Maßnahmen Englands führten Schritt für Schritt bis zur offenen Empörung seiner Pflanzstaaten, die mit dem sog. Theesturm in Boston am 18. Dezember 1773 ihren Anfang nahm.
Die Streitigkeiten Englands mit den Kolonien waren in ihren Hauptpunkten folgende: Unter dem Minister Grenville beschloß das Parlament im April 1764 für die sämtlichen englischen Kolonien eine Einfuhrsteuer auf verschiedene Produkte, deren Ertrag nebst „anderen Abgaben“ nach Anordnung des Parlamentes für die Auslagen verwendet werden sollten, die England aus dem Schutze der Kolonien erwüchsen. Als[209] eine dieser „anderen Abgaben“ war für Nordamerika die Einführung einer Stempelsteuer in Aussicht genommen, falls die Kolonien nicht auf andere Weise die nötigen Gelder aufbringen würden; gleichzeitig ward strenge Durchführung der Handelsgesetze und scharfe Unterdrückung des Schleichhandels angeordnet. In Amerika sträubte man sich gegen die Maßnahmen der Zollbeamten und Massachusetts erklärte jede Steuer ohne seine Einwilligung für ungesetzlich. Dennoch erließ England im Frühjahr 1765 die Stempelakte.
Darauf berief Massachusetts einen Kongreß von Deputierten aller 13 Staaten nach New York, auf dem 9 Kolonien vertreten waren, einen Protest gegen die Akte abfaßten und beschlossen, keine der besteuerten Waren mehr zu kaufen, sowie sich den Stempelabgaben zu widersetzen. Tatsächlich wurden beim Inkrafttreten des Gesetzes im November überall die Stempelpapiere vernichtet, so daß die Gouverneure das Gesetz nicht durchzuführen vermochten, da Gerichtsverfahren sowie Handel stillstanden. Die Regierung in England, das Ministerium Rockingham, sah sich 1766 genötigt, die Stempelakte und auch die neuen Zollgesetze wieder aufzuheben, nicht am wenigsten auf das Drängen der Kaufmannschaft und der klugen Vermittlung Franklins, des Agenten für Pennsylvanien in London.
Pitt wurde durch schweres körperliches Leiden in seinem Wirken für einen Ausgleich behindert, und so gewann der Schatzkanzler Townsend das Übergewicht im Ministerium und setzte im Mai 1767 ein neues Zollgesetz auf Tee sowie andere Waren durch. Auch sein Nachfolger, Lord North, hielt daran fest. Wieder weigerten sich die Kolonien, die besteuerten Artikel zu kaufen, und die Stimmung ward noch erregter. Schon forderten vereinzelte Stimmen Lossagung von England sowie Widerstand mit den Waffen, und im Juni 1768 kam es bereits zum Zusammenstoß englischer Zollpolizeibeamten mit leidenschaftlich erregten Amerikanern — sons of liberty, Söhne der Freiheit —, die sich der Beschlagnahme eines Handelsschiffes widersetzten.
Die englische Regierung schien jedoch Ernst machen zu wollen; im Sommer 1768 wurden die Truppen in Boston verstärkt und man drohte mit Verhaftung der Hauptagitatoren. Es ist wohl tatsächlich die letzte Gelegenheit für England gewesen, durch völliges Nachgeben oder durch äußerste Gewalt sich die Kolonien zu erhalten, aber keins von beiden geschah. Die angedrohten Maßnahmen blieben Schreckschüsse, bei Wiederaufhebung der Steuern 1769 ließ man anderseits die auf den Tee bestehen, teils um den Grundsatz zu wahren, teils zugunsten der ostindischen Kompagnie und hielt hierdurch die einmal erregte Widersetzlichkeit wach. Mißhelligkeiten zwischen den Gouverneuren und den Kolonisten an verschiedenen Orten kamen hinzu.
Die Bewegung wurde in Boston sowie in New York, wo es schon zu Reibungen mit dem durch Beschimpfung erbitterten Militär kam, immer stürmischer und ergriff auch die anderen Provinzen. Franklin, der bisher in England öffentlich versöhnlich gewirkt hatte, goß jetzt dadurch Öl ins Feuer, daß er vertrauliche Briefe der Gouverneure und England ergebener Personen, die schroffe Urteile über die Kolonien enthielten, zur Kenntnisnahme nach Boston sandte. Endlich wurde der nur geringe Teezoll der Anlaß zum Ausbruch offener Empörung. Wieder waren die Kolonien einig geworden, keinen Tee zu kaufen, und als nun die ostindische Kompagnie versuchte, ihn durch gewinnsüchtige Spekulanten doch in den Handel zu bringen, trat man diesen überall entgegen. In den meisten Staaten hinderte man nur die Ausschiffung, in dem demokratisch schroffsten Massachusetts aber brauchte man Gewalt. Am 18. Dezember 1773 drangen in Boston die „Söhne der Freiheit“ als Indianer verkleidet auf die Teeschiffe und warfen die Ladungen, 342 Kisten, über Bord.
Diese Gewalttat der Kolonisten machte den Bruch mit dem Mutterlande unheilbar; Regierung und öffentliche Meinung in England stimmten darin überein, daß jetzt rücksichtslos, besonders gegen Massachusetts, vorgegangen werden müsse. Das Parlament faßte im März 1774 drei Beschlüsse: Sperrung des Hafens von Boston für alle Waren außer Bedürfnissen des königlichen Dienstes; Aufhebung der demokratischen Verfassung in Massachusetts und Einführung einer vorläufigen Militärdiktatur; Ausdehnung der Grenzen Kanadas mit seiner absolutistischen Verfassung auf Gebiete, die von den Neuenglandstaaten beansprucht wurden.
Zugleich ward General Gage mit vier Regimentern Mitte Mai als neuer Gouverneur nach Boston gesandt; er schloß den Hafen, sperrte die Stadt ab, verlegte die gesetzgebende Versammlung nach Salem und löste sie bald hernach ganz auf. Die Einwohner von Massachusetts begannen jetzt, sich überall zu widersetzen, den Engländern die Beschaffung von Lebensmitteln zu erschweren und durch Anhäufung von Kriegsmaterial sowie Übungen der Milizen den Kampf vorzubereiten; der gesetzgebende Körper forderte vor seiner Auflösung die übrigen Kolonien auf, Deputierte zu einem allgemeinen Kongreß in Philadelphia zu senden.
Dieser Kongreß ward im September 1774 von zwölf Staaten[113] beschickt, nur Georgia schloß sich erst im folgenden Jahre an. Ein Ausschuß der bedeutendsten Männer des Kongresses verfaßte mit Mäßigung, großer Beredsamkeit, sowie mit steter Berufung auf die englischen Gesetze eine Anzahl von Staatsschriften, die eine Abhilfe der Mißstände, aber immer noch auf loyalem Wege anbahnen sollten; sie erschienen im Herbst 1774. Die wichtigsten sind: Eine Schilderung der Verhältnisse der in ihrer Verfassung bedrohten Provinz Massachusetts; eine „Erklärung der Rechte der Kolonien“ nach Art der einst vom englischen Parlament gegen Karl I. ergangenen „Petition of rights“; eine Bittschrift an den König; eine Adresse an das englische Volk, in der zu beweisen versucht wurde, daß die Amerikaner Verteidiger der Rechte aller Engländer gegen die Übergriffe der Regierung seien.
In den Schriften lagen jedoch auch versteckte Drohungen, u. a. die Erklärung, die Kolonien würden jede Verbindung mit England abbrechen, bis ihren Beschwerden abgeholfen wäre. Der Kongreß sprach ferner den Einwohnern von Boston seine Zustimmung für ihr bisheriges Auftreten aus und ermutigte sie, den Widerstand fortzusetzen, auch wurden die Kanadier aufgefordert, sich den Kolonien anzuschließen. In England fanden diese Erklärungen und Petitionen kein Gehör, obgleich sie durch den Handelsstand sowie durch Pitts Partei warm unterstützt wurden. Im übrigen Europa, besonders in Frankreich, erregten sie große Begeisterung für die Amerikaner.
Der König wies die Bittschrift geringschätzig ab, und das Parlament erklärte im Februar 1775 Massachusetts für im Aufstande befindlich, untersagte allen Verkehr mit Neuengland, sowie die Ausübung der Fischerei auf den Neufundlandbänken seitens der Amerikaner, um so deren Handel lahmzulegen, und bewilligte 6000 Mann neue Truppen. Nun brachte zwar Lord North noch den Zusatz durch, die Zwangsmaßregeln sollten erlöschen, sobald eine Kolonie sich unterwerfe und einen festen Steuerbetrag bewillige, aber diesen schwachen Versöhnungsversuch wiesen die Amerikaner zurück und den Regierungsmaßregeln setzten sie Gewalt entgegen. Die Mehrzahl des Volkes erklärte sich gegen England, nur wenige, die sogenannten „Loyalisten“ blieben ihm treu. England dagegen gab seinen Beschlüssen keinen genügenden Nachdruck durch die Tat, sondern hoffte immer noch durch bloße Drohungen Nachgiebigkeit zu erreichen und ließ so dem Gegner Zeit zum Rüsten. Dies wurde besonders in Massachusetts eifrig betrieben. Die Milizen wurden besser gegliedert; mit Hilfe fremder Offiziere und vieler Amerikaner, die bisher im englischen Dienst gestanden hatten, stellte man stehende Truppen auf; Arsenale, Waffen- und Pulverfabriken wurden eingerichtet. Im Winter 1774/75 standen in Massachusetts bereits so viel Amerikaner unter Waffen, daß sich General Gage auf Boston beschränkt sah; in Newhampshire bemächtigten sich (Dezember) die Milizen zweier kleiner Forts und in Rhode-Island nahmen sie 40 Kanonen.
Im Mai 1775 trat der Kongreß in Philadelphia wieder zusammen. Er sandte nochmals Adressen an König und Parlament, traf aber gleichzeitig Maßregeln für den Krieg. Es wurde die Ausgabe von drei Millionen spanischer Dollars Papiergeld festgesetzt, jeder Verkehr mit England und dessen anderen Kolonien verboten, sowie die Aufstellung eines Nationalheeres angeordnet; zum Oberbefehlshaber ward am 16. Juni George Washington ernannt — der rechte Mann an der rechten Stelle. Tatsächlich hatte der Krieg mit einem blutigen Zusammenstoß bei Lexington am 18./19. April schon begonnen und gleich darauf setzte Massachusetts Truppen gegen Boston und gegen die Grenzen Kanadas in Marsch. Als der Kongreß unter dem Einfluß des aus England zurückgekehrten Franklin, sowie in sicherer Hoffnung auf französische Hilfe am 4. Juli 1776 die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika erklärte, dauerte der Krieg bereits ein Jahr.
England, Frankreich und Spanien bis zum Aufstande der Kolonien. Wenn man in England mit Recht über die Ergebnisse des Pariser Friedens (vgl. Seite 127) mißgestimmt war, so hatte man doch in Frankreich noch mehr Grund, mit dem Ausgange des letzten Krieges unzufrieden zu sein. Englands Gewinn entsprach nahezu dem Verluste Frankreichs und dieses mußte die Einbuße Spaniens, die Abtretung Floridas an den Sieger, auch noch durch Überlassung Louisianas an seinen Verbündeten wettmachen. Der Ingrimm über die erlittenen Niederlagen trat hinzu, um in Frankreich den Gedanken an Wiedervergeltung in der Zukunft wachzuerhalten. Der Herzog von Choiseul arbeitete auf dieses Ziel hin, solange er am Ruder blieb. Er verstärkte die Streitmacht zu Wasser wie zu Lande und pflegte das Bündnis mit Spanien (der Bourbonische Familienvertrag von 1761; vgl. Seite 119), das auch diesem Staat durch die Familienbande zwischen den Herrscherhäusern wie durch die Furcht vor Englands Seemacht nahelag; hierzu trat der Haß wegen alter wie neuer Verluste an England — Jamaika, Gibraltar, Minorca, Florida. Für den letzten Krieg war das Bündnis zu spät gekommen, aber bei rechtzeitiger Vorbereitung versprach es Erfolg. Den beiden benachbarten Königreichen mit ihren vorzüglichen Kräften mußte es gelingen, gemeinsam eine Seemacht aufzustellen, die der englischen gewachsen war; vielleicht fanden dann auch schwächere Seestaaten den Mut, sich gegen die Seeherrschaft Englands aufzulehnen.
Nur die ungünstigen inneren Verhältnisse Englands bedingten es, daß dem Siebenjährigen Kriege nicht sehr bald ein neuer Seekrieg mit den alten Gegnern folgte. Französische Geschichtschreiber behaupten, England habe den Ausbruch des genannten Krieges beschleunigt, um den Ausbau der französischen Marine zu verhindern. Der gleiche Grund lag jetzt vor und um so schwerwiegender, da man in England wußte, daß Frankreich und Spanien entschlossen seien loszuschlagen, sobald man sich stark genug fühle und eine günstige Gelegenheit sich biete. Auch hat es für England nicht an Anlässen gefehlt. Solchen bot zunächst die Erwerbung Corsicas durch Frankreich, dessen maritime Stellung im Mittelmeer dadurch sehr gestärkt wurde.
Corsica von Frankreich erworben. Die kriegerischen Corsen waren, auf die Unzugänglichkeit ihrer Gebirge trotzend, schon seit 1730 gegen die aussaugende Herrschaft Genuas im Aufstande, der nicht ohne kaiserliche oder französische Hilfe und dann immer nur auf kurze Zeit niedergeworfen werden konnte. Müde der vergeblichen Kämpfe, trat endlich die Republik im Vertrage vom Compiègne 1768 Corsica förmlich an Frankreich ab; um Österreich und England gegenüber diese Gebietserweiterung Frankreichs zu verschleiern, erfolgte sie in Form eines Unterpfandes für aufgewandte Kriegskosten. Frankreich unterwarf dann mit 30000 Mann in kurzer Zeit die Insel. Pasquale Paoli, der tapfere Führer der Aufständischen, mußte 1769 nach England fliehen, wo er begeistert aufgenommen wurde und von der Regierung eine Pension erhielt.
Wohl wies u. a. Burke auf die hierdurch für England geschaffene Gefahr hin, und der Admiral Sir Charles Sounders erklärte im Unterhause, es wäre besser, Frankreich den Krieg zu erklären, als ihm Corsica zu überlassen. Die Regierung führte auch anfangs eine geharnischte Sprache, verschleppte aber dann die Sache, bis Frankreich im sicheren Besitz war. Die Aufhebung einer englischen Niederlassung auf den Falklandinseln hätte noch leichter Anlaß zum Kriege geben können.
Englisch-spanischer Streit um die Falklandinseln. 1764 hatten die Franzosen durch den Weltumsegler Bougainville auf diesen Inseln eine Kolonie Port Louis gegründet, die Engländer folgten 1766 mit der Niederlassung Port Egmont. Gegen beide erhob Spanien Einspruch, und Frankreich holte seine Kolonisten wieder ab, die Engländer wurden mit Gewalt vertrieben. Die Spanier verlangten von dem englischen[213] Befehlshaber dort die Räumung der Ansiedlung innerhalb von sechs Monaten und erzwangen diese, ehe noch Weisung von London ergangen war, im Juni 1770 mit fünf Fregatten und 1600 Mann; die schwache Garnison, die keinen Widerstand hatte leisten können, ward nach England geschickt.
Dieser Gewaltakt erregte die öffentliche Meinung in England heftig, während der corsicanische Zwischenfall mehr nur die Staatsmänner beschäftigt hatte. Choiseul und die spanischen Minister erwarteten und erhofften eine Kriegserklärung, da sie sich schon stark genug glaubten. England rüstete auch eine Flotte von 40 Linienschiffen, zeigte sich aber doch mit einer leichten Genugtuung zufrieden. König Karl III. mochte zwar anfangs nicht nachgeben, aber Ludwig XV. wollte keinen Krieg, und Choiseul, dessen Stellung durch die Freunde der Dubarry schon erschüttert war, wurde im Dezember 1770 gestürzt. Sein Nachfolger, der Herzog d'Aiguillon[114] — der „Held von St. Cas“ (vgl. Seite 146) —, der nur den Willen des Königs ausführte, wurde schnell mit Lord North einig, und England gab Port Egmont als zu kostspielig freiwillig auf.
Die Schwäche der englischen Politik, die sich bei beiden Gelegenheiten offenbarte, war eine Folge der inneren Zwistigkeiten in England, die ja auch den übereilten Frieden von Paris verschuldet hatten. König Georg III. strebte seit seiner Thronbesteigung (25. Oktober 1760) danach, eine selbständige, persönliche Politik zu führen, besaß aber weder die Geistes- noch die Charaktereigenschaften dazu. Er wollte die Macht der Krone erweitern und das Parlament in ihr gefügiges Werkzeug verwandeln; Männer von festem Charakter waren ihm zuwider, jede republikanische Gesinnung verhaßt. Er verdrängte den tatkräftigen Pitt durch seinen Günstling Lord Bute, der ihm ein gefügiges Werkzeug war. Dieser mußte zwar gleich nach dem mißliebigen Friedensschlusse wieder zurücktreten, aber das System blieb dasselbe.
Viele dem Volke mißliebige Regierungsmaßregeln, so auch das schroffe Vorgehen gegen die amerikanischen Kolonien, sind auf des Königs persönliche Anregung zurückzuführen. Seiner inneren Politik folgte eine Auflösung aller Parteiverhältnisse und statt fester langjähriger Ministerregierungen wie bisher, fand ein ununterbrochener Wechsel statt; erst Lord North blieb von 1770 an 12 Jahre im Amte. Immer lauter erscholl im Lande der Ruf nach einer Reform der Volksvertretung, immer heftiger wurden Regierung und Parlament angegriffen und gleichzeitig spitzte sich der Streit mit den Kolonien immer mehr zu.
Die englische Regierung war unter diesen Umständen weder kampflustig noch fühlte sie sich kriegsbereit, und auch in Frankreich erlosch die Kriegsneigung nach dem Falle Choiseuls bis zum Tode Ludwigs XV.; die unfähige Regierung hatte auch hier genug mit den inneren Verhältnissen zu tun. Doch ist es von Wichtigkeit, Choiseuls Pläne gegen England kennen zu lernen, da man späterhin mehrfach auf sie zurückkam.
Choiseuls Pläne gegen England. Choiseul suchte nicht nur die Streitmittel Frankreichs und Spaniens für die nächste günstige Gelegenheit zur Abrechnung mit England bereitzustellen, sondern traf auch sonst alle Maßnahmen für den Krieg. Da er Streitigkeiten Englands mit seinen Kolonien voraussah, sandte er 1764 und 1766 einen Seeoffizier nach Nordamerika, um die Küstenverhältnisse zu erforschen, sowie 1767 den Baron von Kalb, den späteren amerikanischen General und Freund Lafayettes, um sich über die Stimmung in den Kolonien zu unterrichten.
Vor allem aber ließ er Pläne für einen Einfall in England entwerfen. Man findet in Lacour (I, Seite 416 ff.) verschiedene derselben, von denen besonders zwei bemerkenswert sind. Auch nach England waren Offiziere zur Untersuchung geeigneter Landungsplätze geschickt. Einer dieser, ein Landoffizier de Berille, schlug nun vor, Spanien solle für sich Demonstrationen oder Diversionen unternehmen, um die Nachteile gemeinsamer Operationen auszuschalten, Frankreich aber an vier Stellen — Lime, Dartmouth, Fowey und Looe — landen und auf Bristol marschieren, um diesen wichtigen Handelsplatz zu nehmen, dann würde London vom Könige und Parlament den Friedensschluß verlangen. Die Expedition solle von den kleinen Häfen der Bretagne ausgehen und auf Fischerfahrzeugen in einer der langen Nächte gegen Ende des Winters, „plötzlich und heimlich wie Schmuggler“ übergeführt werden, wenn ein Sturm die englische Flotte vertrieben habe.
Auch Choiseul selber entwarf einen Plan mit genauer Verteilung der französischen Flotte, die dazu bis 1770 auf 80 Linienschiffe und 40 Fregatten zu bringen sei; Spanien sollte 20 Linienschiffe dazu stellen und gleichzeitig Portugal erobern. Ein ähnlicher Plan, und zwar der bemerkenswerteste, stammte vom Graf Broglie, dem Bruder des berühmten Marschalls. Wie Ludwig XV. sich ihm allein bekannte Agenten im Auslande hielt — man sagt, nur um das Vergnügen zu haben, besser unterrichtet zu sein als seine Minister —, so hatte er auch Broglie heimlich mit der Aufstellung eines Planes betraut und einen Ingenieuroffizier nach England gesandt, der die Mündung der Themse sowie die Häfen, Arsenale und die Marschwege nach London von der Küste von Cornwallis an erkundete.
Nach Broglies Entwurf sollte Spanien Jamaika und Nordamerika mit einer Flotte bedrohen, mit einer andern Irland und gleichzeitig Gibraltar angreifen, während Frankreich Seestreitkräfte von Toulon gegen Minorca und Ostindien, von Brest gegen Schottland zu senden habe. Es waren dies aber nur Diversionen. Zum Hauptangriff sollte das Gros der Brestflotte 60000 Mann über den Kanal führen und sie zwischen Dungeness und Beachyhead landen; der Marsch gegen London war tagweise festgelegt. Broglie arbeitete den Plan 1763–1766 aus, legte ihn aber 1768 mit Genehmigung des Königs Choiseul vor, wohl aus Furcht vor dessen Zorn und auch, um nicht nur zum Vergnügen des Königs gearbeitet zu haben. Choiseul billigte ihn, er wurde auch 1777 Ludwig XVI. unterbreitet, und endlich nahm Napoleon I. Kenntnis von ihm.
Eingehende Tabellen über die nötigen Streitkräfte und Transportmittel, sowie über die Maßregeln, die England voraussichtlich zur Abwehr ergreifen müsse, waren aufgestellt; wir geben einige Auszüge aus ihnen[115].
| Frankreich sollte stellen: | England brauche dagegen | |||||||||||||
| für | den Einfall | 40 | Liniensch., | 20 | Freg., | 60000 | Mann | 45 | Liniensch., | 25 | Freg., | 40000 | Mann | |
| „ | Schottland | 6 | „ | 800 | „ | 6 | „ | 5–6000 | „ | |||||
| „ | Minorca | 10 | „ | 10 | „ | 15000 | „ | 15 | „ | 4500 | „ | |||
| „ | Ostindien | (dieselben Schiffe) | 1500 | „ | 10 | „ | ||||||||
| Insgesamt | 50 | Liniensch., | 36 | 36 Freg., | 77300 | Mann. | ||||||||
| Spanien: | ||||||||||||||
| Gegen | Gibraltar | 12 | Liniensch., | 8 | Freg., | 20000 | Mann | d. v. Minorca | einige | 4000 | Mann | |||
| „ | Westind. | 15 | „ | 10 | „ | 12000 | „ | 20 | 8000 | „ | ||||
| „ | Irland | 15 | „ | 20 | „ | 15000 | „ | 15 | 10000 | „ | ||||
| Insgesamt | 42 | Liniensch., | 28 | Freg., | 47000 | Mann | 101 | 72000 | Mann | |||||
Die Truppen für den Einfall in England — 54000 Mann Infanterie, 3000 Kavallerie, 3000 technische Waffen, eingeteilt in vier Divisionen — sollten in Dünkirchen, Calais, Boulogne auf 130 Transportern eingeschifft werden, in Dieppe und Havre auf 200, in Honfleur und Cherbourg auf 110, in St. Malo und Morlaix auf 150 solchen. Die Brestflotte, 40 Linienschiffe, hatte die englischen Seestreitkräfte in den heimischen Gewässern, die mit Sicherung der ganzen Küste betraut und nicht vereint sein würden, zu schlagen, um den Weg freizumachen.
Es ist bemerkenswert, daß bei Ausbruch des Krieges 1778 in Frankreich wie in Spanien das in diesem Plane verlangte Schiffsmaterial reichlich vorhanden und daß auch die Stärke der englischen Marine richtig eingeschätzt war. Wir werden dies aus den späteren Betrachtungen der Streitmittel der Gegner in diesem Kriege ersehen.
Die Entstehung des Seekrieges zwischen Frankreich, Spanien, Holland und England. Als Ludwig XVI. die Regierung antrat, näherten sich die Unruhen in Nordamerika ihrem Höhepunkt. Der drohende Bruch zwischen England und seinen Kolonien schien für Frankreich eine günstige Gelegenheit, die erlittenen Verluste wettzumachen, und der Minister des Äußern unter dem neuen König, Graf von Vergennes, der letzte tüchtige Staatsmann des alten Regimes, war bereit, sie auszunützen. Er stützte sich dabei auf weite Kreise des Volkes. Die französische Jugend der höheren und höchsten Stände brannte darauf, die militärische Ehre des Landes wiederherzustellen, und die sogenannte „aufgeklärte Gesellschaft“, begeistert für die Gedanken Montesquieus und Rousseaus, hegte die wärmste Teilnahme für die demokratischen Amerikaner. Die Erhebung der Kolonien 1775 erregte in Frankreich großen Jubel, und die geheimen Bemühungen der Amerikaner um Frankreichs Hilfe hatten Erfolg, wenn auch zunächst nicht offensichtlich.
Vergennes neigte zwar schon Anfang 1776 zur erklärten Parteinahme gegen England, aber der Finanzminister Turgot, mit durchgreifenden Reformen in seinem Ressort beschäftigt, riet zum Abwarten. Er scheute die Kosten, solange der Erfolg nicht ganz sicher schien, und äußerte die Ansicht, daß schon der Kampf Englands mit seinen Kolonien Frankreich Vorteile bringen würde. Er empfahl Beobachtung der Vorgänge in Großbritannien und Nordamerika, weitere Stärkung der Marine, sowie Vorbereitungen für einen Einfall in England und vorsichtige Unterstützung der Amerikaner mit Kriegsmaterial. Seine Ansicht wurde von bedeutenden Männern geteilt, aber nicht von der Hofpartei, und als er von dieser wegen seiner Reformen gestürzt war (Mai 1776), die den privilegierten Ständen mißfielen, wurde aus der heimlichen Parteinahme bald eine offene. Nach der Unabhängigkeitserklärung traten an Stelle der bisherigen geheimen Agenten wirkliche Bevollmächtigte der „Vereinigten Staaten von Nordamerika“.
Im Dezember 1776 erschienen als solche Benjamin Franklin, Silas Deane und Lee in Paris, um von der französischen Regierung die Anerkennung des neuen Staates, sowie den Abschluß eines Bündnisses zu erlangen. Diese Verhandlungen gingen zwar vorläufig nur durch Mittelspersonen, da die französische Regierung noch nicht mit England brechen wollte — auch der neue Finanzminister Necker erklärte sich wegen der Finanznot gegen unmittelbare Einmischung; man war noch nicht genügend gerüstet und große militärische Erfolge hatten die Amerikaner bislang nicht aufzuweisen —, aber sie hoben doch die Begeisterung für Amerika in Frankreich noch mehr.
Die amerikanischen Agenten in Frankreich. Silas Dean, ein Mitglied des Kongresses, war schon vor dem Abfall der Kolonien als politischer Agent und Handelskommissär nach Frankreich gekommen, wo er mit der Regierung sowie Privaten unterhandelte, um Geld zu leihen, Kriegsmaterial zu kaufen, Offiziere und Freiwillige zu werben; er sammelte auch einen Kreis von Personen um sich, die von Begeisterung für die Sache der Amerikaner, von Haß gegen England und von Kriegslust erfüllt waren. Auf sein Betreiben gingen mit Erlaubnis der Regierung reiche Geldmittel, Kriegsmaterial, durch dritte Hand von der Regierung erhalten, sowie zahlreiche Offiziere nach Amerika. Die nach der Unabhängigkeitserklärung eingetroffenen Gesandten gewannen die öffentliche Meinung noch mehr für die amerikanische Sache. Ohne jede Kenntnis der engherzigen religiösen und politischen Ansichten der herrschenden Klasse in den Kolonien sah man in den Amerikanern Kämpfer für religiöse Freiheit und politische Ideale, selbst die recht nüchternen Nachrichten der nach Amerika gegangenen Offiziere blieben unbeachtet.
Franklin war der rechte Mann, diese Stimmung zu heben. Statt eines klugen und berechnenden Diplomaten, wie er es war, sah man in dem mit gesuchter Einfachheit, mit Ruhe und Milde auftretenden alten Manne das Vorbild des vollendeten Philosophen. Er wurde der Mann des Tages; Philosophen, junge Offiziere, Damen der Gesellschaft und Höflinge drängten sich zu ihm. Immer mehr gab man dem Bestreben der Gesandten nach, Frankreich zu offener Parteinahme zu bewegen, vernachlässigte die Vorsicht bei den Unterstützungen und versuchte kaum noch, England durch friedliche Versicherungen zu täuschen. Viele bedeutende Personen gingen von oder über Frankreich nach Amerika, so der junge Marquis de Lafayette, einer der glänzendsten und reichsten Edelleute, der in Begleitung des schon als Agent Choiseuls erwähnten deutschen Barons von Kalb und einer kleinen auserlesenen Schar auf eigenem Schiff hinübersegelte; die Regierung sandte ihm mit Rücksicht auf England der Form halber einen Haftbefehl nach und ließ ihn auch durch zwei Kriegsschiffe verfolgen. Ihm folgten später der ehemalige preußische Offizier und Adjutant Friedrichs II. von Steuben, der Pole Kosciusko sowie verschiedene Franzosen, die sich nachher in den Revolutions- sowie Napoleonischen Kriegen auszeichneten, z. B. Custine und Berthier.
Als dann am 4. Dezember 1777 die Nachricht von der Kapitulation des englischen Generals Burgoyne bei Saratoga eintraf, schien der günstige Augenblick gekommen, Englands Verlegenheit auszunutzen. Vergennes empfing am 12. Dezember die Gesandten öffentlich, Frankreich erkannte am 6. Februar 1778 die neue Republik an, schloß mit ihr einen Handelsvertrag und verpflichtete sich, sie mit seiner ganzen Kraft zu unterstützen, bis sie ihre Unabhängigkeit errungen habe. Es stellte nur die Bedingung, daß die Amerikaner nicht Frieden schließen dürften, ehe ihre Unabhängigkeit gesichert sei, denn man nahm an, England werde um seine wertvollste Kolonie bis aufs äußerste kämpfen und so schwere Schädigung erleiden. Frankreich verzichtete dagegen feierlich für alle Zeiten auf jeden Besitz in Nordamerika, womit auch der Wiedererwerb Kanadas ausgeschlossen war; es behielt sich nur Eroberungen südlich der Bermudainseln, in Westindien, vor.
Dieser Vertrag wurde am 13. März an England bekanntgegeben mit dem Zusatz, daß sich die Vereinigten Staaten bereits im Besitz ihrer Unabhängigkeit befänden und daß Frankreich erwarte, England würde alles vermeiden, was seinen Handel mit denselben stören könne. Dies war eine ausgesprochene Kriegsdrohung, und England rief darauf ohne weiteres seinen Gesandten ab, der Paris am 16. März ohne Abschied verließ. Frankreich tat das gleiche am 17. Eine formelle Kriegserklärung erließ keine der Parteien, auch nicht, als die kriegerischen Unternehmungen begannen. Der König von Spanien versuchte noch zu vermitteln, von Frankreich hierzu angeregt, und dieses beging den Fehler, nicht gleich anzugreifen, obgleich es kriegsbereiter als England war. Der Krieg ward erst im Juni von diesem eröffnet, doch war schon am 13. April eine französische Flotte nach Amerika gesegelt.
Spanien zur offenen Parteinahme zu bewegen, war bisher nicht gelungen. Wenn auch die Minister den Krieg mit England wünschten, so war doch der König nicht geneigt, eine Republik anzuerkennen, geschweige denn, sich mit ihr zu verbünden, und so gab man vorläufig nur Geldunterstützungen für die Amerikaner; man sollte überhaupt annehmen, daß es einer Macht, die selber weitentlegene Kolonien besaß, nicht hätte ratsam erscheinen dürfen, aufständische Kolonien eines anderen Staates zu unterstützen, aber die Hoffnung Gibraltar, Minorca und vielleicht gar Jamaika wiederzuerringen, ließ wohl über diesen Punkt hinwegsehen. Frankreich und die spanischen Minister versuchten stetig weiter, den König umzustimmen, jedoch noch im März 1779 blieb der König von Spanien selbst eigenhändigen Briefen Ludwigs XVI. unzugänglich. Da benutzte man seine persönliche Eitelkeit, machte ihn glauben, es sei seine Pflicht, zwischen Frankreich und England zu vermitteln, und als dann seine Bemühungen an Englands unannehmbaren Bedingungen scheiterten, hatte man ihn gewonnen. Am 12. April 1779 unterzeichnete Spanien einen Vertrag mit Frankreich, demzufolge ein gemeinsamer Einfall in England oder Irland unternommen und Minorca erobert werden solle; beide Mächte verpflichteten sich, in keinen Frieden oder Waffenstillstand zu willigen, ehe Gibraltar genommen sei. Den Krieg erklärte Spanien erst am 16. Juni, um seine Rüstungen inzwischen zu vollenden.
Ziele des spanisch-französischen Bündnisses. In dem Vertrage wurden als Ziele des Krieges festgelegt: Für Spanien: die Wiedergewinnung von Gibraltar, Minorca, Pensacola nebst der Küste von Florida längs des Bahamakanales; Vertreibung der Engländer aus der Honduras- und Campeche-Bucht. Für Frankreich: Aufhebung der Verpflichtungen, Dünkirchen sowie die Niederlassungen in Ostindien nicht zu befestigen; Eroberung Dominicas.
An Holland erklärte England am 20. Dezember 1780 selber den Krieg, als sein Versuch 1779, auf Grund des nun gerade hundert Jahre alten Vertrages von den Niederlanden Unterstützung zu erhalten, wenn ein Einfall in England drohe, am Widerstand der französischen Partei der Republik gescheitert war. Dagegen hatten auch hier die Unterhändler Amerikas Erfolg. In Amsterdam war es ihnen gelungen, Anleihen unterzubringen, ja 1779 im geheimen einen Handelsvertrag abzuschließen. England erhielt 1780 Kenntnis davon und suchte nun einen Kriegsgrund, denn auf Hollands Hilfe konnte man nicht mehr rechnen, als Gegner aber fiel es bei der Schwäche seiner Marine nicht ins Gewicht, sein Handel und seine Kolonien boten dagegen lohnende Angriffsobjekte. Als nun Holland der gegen England gerichteten sogenannten „bewaffneten Neutralität der Ostseemächte“ beitreten wollte, war der Grund gefunden[116].
Die bewaffnete Neutralität der Ostseemächte und ihre seerechtlichen Forderungen. England hatte schon im vorigen Kriege das Recht beansprucht, feindliches Gut in neutralen Schiffen wegzunehmen (vgl. Seite 124 und 199). Dieser Grundsatz schädigte auch jetzt Holland und die Ostseemächte schwer, in deren Hände während des Krieges ein großer Teil des europäischen Handels überging; anderseits lag England daran, gerade die Produkte der Ostsee, Schiffsmaterialien (Bauholz) und Getreide, seinen Gegnern vorzuenthalten. Im Jahre 1780 traten auf Anregung der Kaiserin Katharina II. Rußland, Dänemark und Schweden zusammen und erließen eine Erklärung, in der gefordert wurde:
1. Neutrale Schiffe sollten das Recht haben, nicht nur nach unblockierten Häfen, sondern auch von Hafen zu Hafen einer kriegführenden Macht zu segeln (also den Küstenhandel dort im Gange zu halten).
2. Das Eigentum der Untertanen einer kriegführenden Macht an Bord neutraler Schiffe sollte unantastbar sein. („Frei Schiff — frei Gut“.)
3. Nur Waffen, Ausrüstungsgegenstände und Kriegsmunition sollten als Kontrebande gelten. (Dies schloß Lebensmittel und Schiffsmaterialien aus, soweit sie nicht der Regierung eines Kriegführenden gehörten.)
4. Die Blockaden sollten eine entsprechende Seestreitmacht in nächster Nähe des blockierten Hafens erfordern, um bindend zu sein.
Die verbündeten Mächte verpflichteten sich, diesen Forderungen durch Bereithaltung einer gemeinsamen Flotte von festgesetzter Mindeststärke Nachdruck zu verleihen. Dem Vertrage schlossen sich am 8. Mai 1781 Preußen und am 9. Oktober 1781 der Kaiser (mit Rücksicht auf die österreichischen Niederlande) an, später traten auch Portugal sowie Neapel bei. Frankreich und Spanien erklärten sich einverstanden.
England versprach Rußland, dessen übrigens geringfügigen Handel zu schonen und erhob zwar gegen die Erklärung keinen Widerspruch, dachte aber auch nicht daran, sie zu beachten, was bei seiner Stärke zur See kaum wundernehmen kann. Die Generalstaaten hatten sich nach langen Verhandlungen am 20. November 1780 entschlossen, dem Bunde der Ostseemächte beizutreten, ehe aber die Erklärung in Petersburg eintraf (24. Dezember), erklärte England den Krieg. Rußland lehnte nun den Beitritt Hollands — und damit die Verpflichtung, für dasselbe einzutreten — mit der Begründung ab, daß dieser Staat nicht mehr neutral sei; von England im geheimen beeinflußte Personen hatten dies bewirkt.
Kennzeichnung und Bedeutung des Seekrieges von 1778. Der Landkrieg in Nordamerika ist für uns nur soweit von Wichtigkeit, als Seestreitkräfte unmittelbar in ihn eingriffen und durch ihn Flottenbewegungen hervorgerufen wurden; wir werden ihn deshalb auch nicht eingehender schildern, als die Berücksichtigung dieser Punkte fordert. Der Seekrieg aber, der 1778 begann, ist von großer Bedeutung für die Seekriegsgeschichte. Es ist ein Kampf, wie ihn das 18. Jahrhundert noch nicht gesehen hatte. In den vorangegangenen Kriegen — dem Spanischen, dem Österreichischen Erbfolgekriege und dem Siebenjährigen — war Englands Macht zur See weit überlegen. Es fand in den beiden erstgenannten auch noch den Beistand der holländischen Marine, und wenn diese auch nur gering war, so glich er doch die Unterstützung Frankreichs durch Spanien aus, und im Siebenjährigen Kriege blieb Holland wenigstens neutral. Außerdem war England, besonders in den beiden letztgenannten Kriegen, an keinem Landkriege beteiligt, während Frankreich durch einen solchen abgelenkt und zu großen Opfern genötigt wurde. So war es England stets gelungen, durch früher oder später einsetzendes kräftiges Vorgehen die Marine Frankreichs niederzuwerfen und dann die Früchte unbedingter Seeherrschaft zu ernten, indem es dem Gegner die Hilfsquellen verstopfte und ihm seine fernen Besitzungen abnahm.
Jetzt mußte England mit seinen abgefallenen Kolonien einen ernsten Landkrieg führen und auch einen Teil seiner Seestreitkräfte in dessen Dienst stellen; Frankreich dagegen war am Lande frei. Es war England nicht geglückt, Verbündete zu finden, ja sogar die Anwerbung der durchaus nötigen Hilfstruppen in Deutschland wurde bald durch Preußen und den Kaiser eingeschränkt. Spanien trat diesmal beizeiten auf die Seite Frankreichs, und die vereinten Marinen dieser Länder, beide in den letzten Jahren wesentlich erstarkt, waren der englischen an Zahl der Schiffe überlegen. Später kam dann noch Holland als Gegner Englands hinzu, und dieses mußte auch mit den Kräften der „bewaffneten Neutralität“ bis zu einem gewissen Grade rechnen. Nicht zu unterschätzen ist endlich die Schädigung der englischen Marine durch den Wegfall der Seeleute aus den amerikanischen Kolonien, den man auf 18000 berechnet.
England war in einer gefährlichen Lage; es mußte neben dem Kampfe um Wiederherstellung seiner Oberhoheit in Nordamerika auch seine, während der letzten hundert Jahre errungene Seeherrschaft verteidigen. Diese Obmacht zu brechen, die außer auf einer starken Marine auf den Kolonien, den Marinestationen draußen und dem Seehandel in allen Teilen der Welt beruhte, war das Ziel der Gegner. England befand sich in diesem Kriege in der Verteidigung und suchte seine außerheimischen Besitzungen überall durch eine genügende Macht zu sichern. Da nun seine Seestreitkräfte denen der Gegner zahlenmäßig anfangs unterlegen, später etwa gleich waren, hatten die Gegner mehrfach auf einem der Kriegsschauplätze, meistens auf dem europäischen, das Übergewicht. Englands Streitkräfte waren aber aus einem Guß und lagen in einer Hand, die der Verbündeten verstanden sich nicht immer und wurden oft getrennt zu Sonderzwecken eingesetzt; beides Schwächen der meisten Bündnisse. Zudem war auch der innere Wert der englischen Marine doch ein höherer als der der anderen, vornehmlich der spanischen, und so ging England schließlich unbesiegt aus dem schweren Kampfe hervor.
In den vorhergegangenen Kriegen des 18. Jahrhunderts tritt zwar der große Einfluß der unbeschränkten Seeherrschaft mehr hervor, das darauf fußende stolze Auftreten Englands kennzeichnet ihn, aber der jetzt zu besprechende ist seekriegsgeschichtlich bedeutungsvoller. Die europäischen Gewässer von England bis Gibraltar, die Küsten Nordamerikas, sowie West- und Ostindien bieten Kriegsschauplätze für große Flotten. Die Strategie beider Parteien gibt Anlaß zu eingehenden Betrachtungen, und auch in Hinsicht auf die Taktik bringt der Krieg viel Bemerkenswertes. Auf allen Kriegsschauplätzen messen sich Flotten gleicher Stärke in zahlreichen rangierten Schlachten, während die vorhergegangenen Kriege deren nur wenige brachten. Gerade in den Kämpfen des Seekrieges 1778–1783 erkennen wir deutlich die Entwicklung der Seetaktik, wie wir sie als eins der Kennzeichen des IV. Abschnittes hingestellt haben.
Die Streitmittel.
Die innere Geschichte der Marinen Frankreichs und Englands ist bereits im Kapitel II (Seite 24 ff.) behandelt, dort sind sie auch auf ihren Wert miteinander verglichen unter Hervorhebung einiger gerade für den vorliegenden Krieg bemerkenswerten Punkte. Wir können uns deshalb hier fast ganz auf Angaben über die Schiffsbestände und Schiffsverluste, sowie auf Hinweise betreffend die wichtigsten anderen Punkte beschränken.
Frankreich. Den Schiffsbestand um 1778 kann man mit einiger Sicherheit auf 70–80 Linienschiffe, 70 Fregatten und Korvetten, sowie etwa 100 kleinere Fahrzeuge annehmen. Zur Verwendung überhaupt sind während des ganzen Krieges 92 Linienschiffe gekommen: 6 des ersten Ranges (110 Kanonen), 2 des zweiten (86 Kanonen), 84 des dritten (7 zu 80, 48 zu 74, 29 zu 64 Kanonen). Diese Zahl ist gleichzeitig niemals vorhanden gewesen, in ihr sind Schiffe enthalten, die verloren gingen, und solche, die neu erbaut wurden. Der Verlust betrug 18 Linienschiffe, sowie etwa 50 Fregatten und Korvetten; von den ersteren sind 12 vom Feinde genommen, die übrigen vernichtet oder sonst verunglückt[117].
Die Schiffe waren fast sämtlich neu, vorzügliche Seeschiffe und auch besser gehalten als in den vorangegangenen Kriegen, da Werften, sowie Arsenale leistungsfähiger waren, doch scheint hierin nach der Amtstätigkeit der beiden Choiseul schon wieder ein Rückschritt eingetreten zu sein. Frankreich hatte jetzt auch Dreidecker (Schiffe ersten Ranges), es stellte aber, wenn auch selten, noch immer 50-Kanonenschiffe in die Linie ein; seine Hauptkraft lag in Schiffen zu 74 Kanonen. Nur ein Bruchteil der Linienschiffe war gekupfert, und dies gereichte ihnen zum Nachteil gegenüber den englischen durchweg gekupferten, da die ungekupferten langsamer waren und dadurch häufig die schnelleren behinderten.
Die Seeoffiziere waren besonders theoretisch sehr gut ausgebildet. Ihre Zahl reichte aber bei der Indienststellung während dieses Krieges nicht aus, so daß man stark auf die Reserve aus der Handelsmarine (die sogenannten „officiers bleus“, vgl. Seite 31) zurückgreifen und auch Offiziere des Heeres in die Marine einstellen mußte. Auch an Mannschaften mangelte es, obgleich die seemännische Bevölkerung zugenommen hatte und gegen 67000 Mann in den Inskriptionslisten verzeichnet waren. Besonders später nach Verlusten, hauptsächlich durch Krankheiten infolge der schlechten gesundheitlichen Verhältnisse an Bord hervorgerufen, mußte man Fremde (Malteser, Genueser, ja Albaneser) anwerben, Seesoldaten sowie Mannschaften des Heeres an Stelle fehlender Matrosen einschiffen.
Spanien besaß 1778 70 Linienschiffe: 2 zu 110 und 114 Kanonen, 2 zu 86, 7 zu 80, 48 zu 70–74, 11 zu 64. Hinzu traten 2 Schiffe zu 60, 2 zu 50, sowie genügend Fregatten usw. Die Marine war mithin unter Karl III. stattlich gewachsen, auch waren die Schiffe neu und gut gebaut. Aber alle Quellen stimmen darin überein, daß es der spanischen Marine infolge der sonstigen Verhältnisse im Lande an einer gesunden Organisation gefehlt habe und daß, wie bisher, Werften und Arsenale nicht imstande gewesen wären, die Schiffe gut auszurüsten. Ebenso sollen Offiziere wie Mannschaften wie früher im allgemeinen minderwertig gewesen sein. Der Verlust an Linienschiffen betrug 8, darunter 4 vom Feinde genommen, und 18 andere Kriegsfahrzeuge[118].
Holland hatte kaum noch eine nennenswerte Marine.
Die innere Geschichte seiner Marine sei kurz berührt (anschließend an Seite 59; zusammengestellt nach de Jonge, Band IV, Seite 282, 392, 432, 472). Wilhelm IV., seit 1747 Statthalter, hatte versucht, die Marine wieder zu heben. Er schuf Einrichtungen zu besserer wissenschaftlicher Ausbildung der Seeoffiziere und sorgte für ihre Vermehrung, sowie schnellere Beförderung. Er ernannte 5 Leutnantsadmirale, 6 Vize[222]- und 8 Kontreadmirale, so daß die Marine mehr Flaggoffiziere zählte als zur Zeit ihres höchsten Glanzes. Er erstrebte ferner, die Admiralitäten von ihren Schulden zu befreien und die Zahl der Schiffe zu vermehren. Man faßte auch dahinzielende Beschlüsse, doch wurden diese weder während der kurzen Regierung Wilhelms (bis 1751) noch unter der vormundschaftlichen Regierung seiner Gemahlin Anna durchgeführt, und nach deren Tode (1759) schlief die Teilnahme für die Marine wieder völlig ein.
So kam es, daß Holland bei Ausbruch des Siebenjährigen Krieges, in dem nur einige Schiffe zum Handelsschutz Verwendung fanden, nicht stärker dastand als 1741 und daß 1772 der Schiffsbestand sogar nur noch 12 Schiffe über 60 Kanonen (also zeitgemäße Linienschiffe), 14 zu 50–54, 6 zu 44, 15 zu 36, 18 zu 20–24 und 1 zu 12 — also insgesamt 66 Segel — betrug. Wilhelm V., der 1766 die Regierung selbständig übernahm, versuchte den Bau der längst als notwendig erkannten Schiffe durchzusetzen, aber erst 1778, als der Krieg zwischen England und Frankreich ausbrach, beschlossen die Provinzen einstimmig, den Bau von 24 Linienschiffen (aber noch von 50 Kanonen an aufwärts gerechnet).
Im September 1780, also kurz ehe England den Krieg an Holland erklärte, war man wegen Mangels an Geld und Mannschaften nur imstande, von dem eben angeführten geringen Bestande 8 Schiffe zu 60–71 Kanonen, 10 zu 50–54, sowie 11 Fregatten von 36–44 und 20 kleinere Fahrzeuge in Dienst zu stellen. Der seit 1778 begonnene Bau von neuen Schiffen ging infolge Geldmangels und zu geringer Leistungsfähigkeit der Werften nur langsam vorwärts; erst 1783, vor dem Friedensschluß, zählte Holland im Bestande 9 Schiffe zu 70–76 Kanonen, 23 zu 60–64, 14 zu 50–54, 26 zu 36 bis 40, 12 zu 20 und 56 kleinere Fahrzeuge (Kutter, Advijsjagden und Küstenfahrzeuge). Um diese in Dienst zu stellen, wären 31000 Mann nötig gewesen; wirklich in Dienst waren jedoch nur 11 Linienschiffe über 60 Kanonen, 11 über 50, 21 schwere Fregatten, 11 Korvetten, sowie sämtliche kleineren Fahrzeuge mit einer Gesamtbesatzung von 19000 Mann. Man beabsichtigte die ganze Flotte mobil zu machen, aber infolge des Waffenstillstandes kam es nicht mehr dazu. Der Verlust an Schiffen im Kriege betrug 4 Schiffe von 50–64 Kanonen und 5 von 16–38; 7 dieser Fahrzeuge waren vom Feinde genommen.
Die bewaffnete Neutralität der Ostseemächte verpflichtete sich, an Seestreitkräften bereit zu halten:
| Schiffe mit Kanonen | 70–76 | 60–66 | 40–50 | 20–38 |
| Rußland | 3 | 16 | 6 | 9 |
| Dänemark | 6 | 6 | 4 | 9 |
| Schweden | 6 | 8 | 3 | 11 |
| Gesamt | 15 | 30 | 13 | 29 |
| 45 Linienschiffe. | ||||
England hatte 1775 einen Schiffsbestand[119]: von 131 Linienschiffen: 4 zu 100 Kanonen, 17 zu 90 und 98, 99 zu 64–80, 11 zu 60, 16 Schiffe zu 54 und 4 zu 44; an Fregatten: 38 zu 32 und 36 Kanonen, 24 zu 28, 7 zu 24, 13 Schiffe zu 22 und 20, 38 Sloops zu 8–18 Kanonen. Insgesamt 269 Segel, zu denen noch eine große Zahl kleinerer Fahrzeuge (cutter, adviceboats) traten. Der Verlust im Kriege betrug 13 Linienschiffe (nur eins fiel in Feindeshand), 57 Schiffe von 20–50 Kanonen (16 genommen) und 100 Sloops sowie kleinere Fahrzeuge (50 in Feindeshand). Aber wiederum vermehrte England während des Krieges seine Flotte derart, daß um 1788 174 Linienschiffe und insgesamt 450, ja mit Einschluß der ganz kleinen Fahrzeuge 650 Segel vorhanden waren.
Hervorzuheben ist dabei, daß der Zuwachs an Linienschiffen vorwiegend in solchen zu 74 Kanonen (etwa 40 solcher) bestand; ferner waren die Schiffe zu 44 und 50 Kanonen (auch etwa um 40), sowie die Fregatten mit über 30 Kanonen (etwa um 50) besonders vermehrt. Die englischen Seeoffiziere zeichneten sich vor den französischen besonders durch seemännische Geschicklichkeit und Erfahrung, sowie infolge der vorhergegangenen siegreichen Kriege durch Kühnheit und Selbstvertrauen aus. Für die Mannschaften war gleichfalls vorzügliches Material vorhanden, hier aber trat im Gegensatz zu Frankreich bei Beginn des Krieges, wie auch früher stets, Mangel zutage, weil viele Seeleute mit den Handelsschiffen abwesend waren; es mußte beim Pressen auf minderwertiges Personal zurückgegriffen werden.
Wenn wir den Vergleich der Seestreitkräfte (vgl. Kapitel II, Seite 33) nochmals zusammenfassen, so ergibt sich, daß die Vorteile für Frankreich und Spanien aus den neueren und besseren Schiffen durch die Tüchtigkeit der englischen Besatzungen mehr als aufgewogen wurden; auch führte England während des Krieges die Kupferung der Schiffe allgemein durch und erreichte damit eine annähernd gleiche Geschwindigkeit dieser in den Flotten. An Schiffszahl aber konnte England in diesem Kriege nicht überlegen auftreten. Sein Gesamtschiffsbestand war zwar 1778 dem der vereinigten Gegner gleich und überwog ihn 1783 bedeutend. Aber in keinem Kriegsjahre hat England auch nur annähernd so viel Schiffe in Dienst gestellt, wie der Bestand aufwies, während Frankreich und Spanien dies taten.
Es ist möglich, daß England durch Mangel an Geld, Material und Leuten beschränkt wurde, wahrscheinlicher ist es jedoch, daß der Gesamtbestand eine große Zahl von Fahrzeugen enthielt (namentlich unter den Linienschiffen[120], die nicht mehr kriegsbrauchbar waren; ein Umstand, der bei den neugegründeten Marinen der Gegner fortfiel. Da nun Englands Strategie — häufig als unrichtig beurteilt — in diesem Kriege dahin strebte, auf allen Kriegsschauplätzen stets einem Angriff gewachsen zu sein, waren die Verbündeten in den europäischen Gewässern immer und auch auf den überseeischen Schauplätzen bisweilen die Stärkeren. Man hatte in England vor diesem Kriege, obgleich er lange vorauszusehen war, den schon weit früher von Marineautoritäten aufgestellten Grundsatz aus dem Auge gelassen, die Marine stets der vereinigten Seemacht der beiden bourbonischen Königreiche gewachsen zu halten.
Eine Zusammenstellung der Indiensthaltungen während der Kriegsjahre möge Vorstehendes veranschaulichen. Die Angaben über England sind einer Tabelle aus Colomb, „Naval Warfare“, Seite 366 entnommen. Es ist die einzige ihrer Art, die in den Quellen zu finden war, und auch sie ist nach Angabe des Autors nur im allgemeinen genau, da infolge von Konvoibegleitungen, Ablösungen ausbesserungsbedürftiger Schiffe usw. beständig Verschiebungen vorkamen. Über Frankreich und Spanien war keine solche Zusammenstellung zu finden (mit Ausnahme der Angabe über Frankreich für das Jahr 1700, welche Lacour II, Seite 305 entnommen ist); wir mußten die Zahlen nach den Angaben über die bei kriegerischen Ereignissen zur Verwendung gelangten Schiffe annähernd errechnen.
Die so geschätzten Zahlen werden zu niedrig sein, denn wie bei England die Gesamtzahl der Schiffe auf den Stationen stets weit größer ist als die bei den großen Unternehmungen genannte, ist es auch bei den Verbündeten der Fall; auf beiden Seiten wurde eine gewisse Zahl von Linienschiffen durch Ablösungsfahrten, Handelsschutz und Handelskrieg, Schutz der Häfen usw. der Verwendung in den großen Schiffsverbänden entzogen. Immerhin werden die Angaben einigermaßen zu einem Vergleiche der von beiden Seiten aufgestellten Seestreitkräfte dienen können.
| Englands Seestreitkräfte (Linienschiffe). | |||||
| Heimische Gewässer | Mittelmeer | Westindien1) | Nordamerika2) | Ostindien | Insgesamt |
| 1778: 48 | 1 | 14 | 12 | 2 | 77 |
| 1779: 43 | 2 | 30 | 10 | 8 | 93 |
| 1780: 43 | 2 | 33 | 17 | 8 | 102 |
| 1781: 39 | 1 | 44 | 19 | 12 | 115 |
| 1782: 35 | 1 | 59 | 12 | 22 | 129 |