[H] Pomare's Brief lautete wörtlich: »Gesundheit Euch Allen; ich mache Euch bekannt daß unser Kriegsschiff uns bald verlassen wird; der Admiral verlangt es nach Oahu zurück. Ein kleines Kriegsschiff liegt hier, über uns zu wachen, ein anderes wird kommen. Horcht nicht auf die Männer die Euch entmuthigen wollen mit der Nachricht daß wir nicht unterstützt würden. Britanien wird uns nicht verlassen. Laßt uns uns gut betragen, bis die Depeschen eintreffen.
Dies ist mein Wort an Euch — laßt unter keiner Bedingung etwas Unrechtes geschehen, behandelt ja nicht die Feranis schlecht; habt große Geduld. Nehmt mich zum Muster und folgt mir, und laßt uns Alle brünstig zu Gott flehen, daß er uns von unserer Prüfung befreien möge, wie einst Hezekiah. Frieden sei mit Euch.
Pomare.«
Der ehrwürdige Mr. Rowe bekam, wahrscheinlich selbst von Französischer Seite, einen Wink, daß der Königin in Folge dieses Briefes Gefahr für ihre persönliche Sicherheit drohe, und verlor, durch Mr. Pritchards Gefangennehmung überdies noch aufgeregt und eingeschüchtert, dermaßen den Kopf, daß er auf der Stelle zu ihr zu eilen beschloß, sie auf das Dringendste zur Flucht zu mahnen.
Pomare war allein, als ihr der Missionair gemeldet wurde, und Bruder Rowe mußte lange draußen warten ehe er vorgelassen werden konnte. Selbst ihre Einanas hatte die Königin von sich entfernt; die Mädchen saßen und lagen draußen auf der Verandah herum und flüsterten leise miteinander — sie wagten nicht laut zu reden. Nur eine von ihnen ging hinein die Gebieterin von der Ankunft des Geistlichen zu benachrichtigen, und kam dann zu den Uebrigen zurück, denen sie mit halblauter Stimme etwas zuflüsterte.
»Hast Du Pomare meinen Namen genannt, Waihine?« frug der Geistliche endlich, dem der Boden anfing unter den Füßen zu brennen — »weiß sie daß ich hier bin und sie sprechen muß?«
»Ja, Mitonare!« lautete die leise Antwort.
»Und was hat sie gesagt?«
»Mitonare soll warten« — das Gespräch war wieder abgebrochen.
»Mitonare soll warten« — und die Zeit verfloß indeß, die ihr vielleicht noch geblieben, und mit der Königin waren auch alle ihre Rathgeber gefährdet — wer weiß was sie vielleicht in ihrem weibischen Trotz Alles aussagte und — gestand.
Der Missionair ging mit raschen ungeduldigen Schritten wieder draußen auf und ab.
»Sie muß mich vergessen haben« rief er aber endlich, nicht länger im Stande seinen Unmuth zu verbergen, indem er wieder vor der Einana stehen blieb — »fort mit Dir, Waihine — sage noch einmal daß ich da bin, und Pomare sprechen muß, denn ich hätte ihr Wichtiges — sehr Wichtiges mitzutheilen.«
»Pomare hat gesagt Mitonare soll warten,« sagte aber das Mädchen, und Bruder Rowe sah sie erstaunt und mißtrauisch an — so hatten die Einanas noch nie gewagt mit ihm, oder einem aus seiner frommen Schaar zu sprechen — »und kam diese Sinnesänderung von oben herab?«
Er sollte aber nicht länger Zeit zum Ueberlegen behalten; die Königin, ob sie die ungeduldige Stimme des Missionairs gehört, oder selber es für Zeit fand ihn hereinzulassen, rief, ein paar von den Mädchen sprangen auf, den Besuch zu geleiten, und Bruder Rowe betrat wenige Minuten später das kleine Gemach, in dem Pomare auf einer ausgebreiteten Matte auf der Erde saß.
Sie hatte sich in das einfachste Zimmer ihres Hauses zurückgezogen; weder Tisch noch Stuhl stand in dem leeren Raum, vor dessen Fenster, das einzige Zeichen des neueingeführten Luxus, weiße gemusterte Gardinen hingen und in dem Zug der offnen Flügel hin und herwehten. Nur Matten, nebst einigen mit roher Pflanzenwolle gestopften Kissen lagen im Zimmer zerstreut umher, eben so viele Sitze bildend, und ein an der Wand befestigtes Seitenbret trug drei oder vier Bücher, eine reich vergoldete Obertasse mit abgebrochenem Henkel, und eine gewöhnliche Cocos Poe-Schale.
Der ehrwürdige Mann blickte etwas erstaunt umher, denn gerade in der letzten Zeit hatte Pomare weit eher gesucht sich mit Europäischem Glanz zu umgeben, als sich solcher Art in ihre Einsamkeit zurückzuziehn; aber die Königin selber zog seine Aufmerksamkeit bald auf sich allein, denn sie sah bleich und abgehärmt aus, und die Spuren frischer Thränen waren noch in ihren Augen.
»Was bringst Du mir?« sagte sie mit halb abgewandtem Antlitz, als ob sie sich dieses Zeichens von Schwäche schäme — »was wollt Ihr von mir? ich habe Nichts mehr zu befehlen hier auf Tahiti — meine Sonne ist untergegangen und meine Nacht bricht an — Ihr müßt von jetzt an für Euch selber sorgen — Pomare Waihine hat kaum noch den einzigen Brodfruchtbaum behalten, der vor ihrer Thüre steht.«
»Und doch bist Du noch frei, Pomare,« sagte der Missionair mit traurigem, mitleidigem Blick — »hast noch Dein Volk um Dich und den blauen Himmel über Dir —«
»Und wer kann mir das nehmen?« rief Pomare schnell, und ihr mißtrauischer Blick haftete forschend an dem Auge des Priesters.
»Der Feind hat jetzt die Macht« entgegnete finster der Missionair, »und seine Bosheit ist groß.«
Pomare erwiederte Nichts und sah den Unglücksboten nur ruhig und sinnend an, dann langsam aufstehend trat sie zu ihm, legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte leise:
»Was ist vorgefallen, Bruder Rowe? — sag es mir gleich heraus und leg Dich nicht erst in den Hinterhalt — Du thust mir weh damit.«
»Es ist auch keine Zeit mehr zu verlieren, Pomare,« erwiederte der Priester ernst — »Du weißt was die Feranis mit Piritati gemacht haben.«
»Piritati war ein Beretani« rief die Königin schnell — »er gehörte nicht in dieses Land — sie konnten das wagen — sie dürfen nicht Hand an Pomare legen.«
»Dürfen?« sagte Mr. Rowe achselzuckend — »wir sind ein friedliches Volk und können uns nicht zur Wehr setzen.«
»Und wessen Schuld ist das?« frug die Königin rasch und mit einem Zornesblick im Auge — »wer anders als Ihr, die Ihr uns von England die Religion gebracht habt, die Ihr eine Religion der Liebe nennt, und die jetzt Haß und Tod unter mein Volk bringt, wer anders hat den Bewohnern dieser Inseln ihre alten Kriegsspiele verboten, und die Führung der Waffen für sündhaft erklärt? wer eiferte früher dagegen, daß meine jungen Leute ihr Cocosöl und ihre Perlmutterschalen gegen Gewehre und Pulver eintauschen sollten wie es mein und ihr Wunsch war, und erklärte es gegen Gottes Gebote, während Ihr Oel und Muscheln für Eure eigenen Zwecke sammeltet und nach Beretani schicktet?«
»Es geschah das um Gottes Wort auch auf andern Inseln zu verbreiten — auch andern Völkern den Segen der christlichen Religion zu bringen« sagte mit milder freundlicher Stimme der Geistliche.
»Ich habe das gute Buch durchgelesen von Anfang bis Ende« erwiederte die Königin finster — »und nirgends darin gefunden daß Jesus Christus gesammelt hat für andere Völker.«
»Damals war es noch nicht nöthig, Pomare« erwiederte Mr. Rowe, etwas verlegen — »und nicht wohl ist es gethan, das Schwert zu nehmen, denn Jesus selber hat gesagt, »wer das Schwert nimmt, der soll durch's Schwert umkommen.«
»Geh, geh!« sagte aber Pomare traurig mit dem Kopf schüttelnd — »Du hast für Alles einen Vers aus Deinem Buch und die Beretanis, die Du sagst daß sie gute Christen wären fahren eben so mit Kriegs-Canoes auf der See herum wie die Feranis, sie nehmen das Schwert und sie kommen nicht um, und ich habe das Schwert nicht genommen und verliere mein Reich — Was willst Du jetzt von mir? — was soll ich thun? — gehe zurück zu Deinen Landsleuten und sage ihnen daß ich Euch hier nicht mehr schützen kann. Ich danke ihnen daß sie mir die Bibel gesandt, aber mein Volk ist zerstreut, meine Macht ist gebrochen — wenn ich wieder Königin bin, will ich Euch wieder in mein Land nehmen.«
»Nicht meinethalben kam ich hierher, Pomare« sagte aber der Geistliche ernst, »nicht für mich Schutz oder Hülfe zu erbitten von Dir, Du schwergeprüfte Königin, sondern Dich selber wollt' ich warnen, Dich einer Gefahr zu entziehn, die über Deinem Haupte schwebt, und Dich in der nächsten Stunde schon vielleicht erreichen kann.«
»So sprich!« rief Pomare, »schon seit Du das Zimmer betreten, sehe ich Dein Unheilkündendes Gesicht, und mein Herz ist von Angst erfüllt — was ist es?«
»Vor einer Stunde etwa« nahm der Geistliche wieder das Wort, »bin ich gewarnt worden, daß die Feranis, böse über Deinen Brief den Du an die Häuptlinge geschrieben, Dich ebenso wollten gefangen nehmen und in Gewahrsam halten, wie Terate und die Andern, damit Du die Eingebornen nicht aufwiegeln könntest gegen sie. Die wahnsinnigen Menschen behaupten jetzt die rechtmäßigen Eigenthümer Tahitis zu sein, und erklären uns selber für Rebellen wenn wir gegen sie reden.«
Ein zorniges Lächeln flog über Pomares Züge, als sie die Worte hörte und sie antwortete finster:
»Mich gefangen nehmen? und wo bleiben jetzt Euere Schiffe? wo die Kanonen die Ihr mir zu meinem Schutz verspracht? — Euere Kriegsschiffe haben, ein kleines Schiff ausgenommen, die Bai verlassen, Euer Consul ist gefangen, Euere Fahne verschwunden — wo bleiben Euere Predigten, Euere Worte? Als ich Sandelholz hatte und Cocosöl, da war ich Königin, da kamen die Capitaine und sprachen schöne Worte und brachten Geschenke — jetzt da ich arm und verlassen bin, kommt Niemand mich zu unterstützen. Und wohin soll ich fliehen?«
»Es liegt ein Englisches Kriegsschiff im Hafen das Dich aufnehmen wird, und unter Englischer Flagge bist Du sicher« rief der Missionair.
»An Bord eines fremden Schiffes? nie« — zürnte die Königin, »wär' ich nicht dort Gefangene wie da?«
»Und doch ist es das Einzige« seufzte der Missionair — »dorthin reicht der Arm der Feranis nicht, und wer weiß ob Du heut Abend selbst noch zu dem Schritt Raum und Zeit behältst.«
»Ich kann mich nicht allein in den Schutz der fremden Männer geben« sagte Pomare, doch jetzt unruhig werdend über den besorgten Ernst des sonst ihr so freundlich gesinnten Mannes — »ich kann nicht allein an Bord eines Kriegsschiffs fliehn.«
»Dein Gatte und zwei Deiner Einanas müssen Dich begleiten« sagte Mr. Rowe, »Pomare Tane[I] ist ja von Imeo zurückgekehrt, und wird sich nicht weigern Dir an Bord zu folgen.«
[I] Der Gemahl Pomare's geht unter dem Titel »Pomare's Mann.«
»Weigern?« sagte die Königin zürnend, und ein verächtliches Lächeln spielte um ihre Lippen — »aber meine Kinder? — was würde aus denen?«
»Wohin die Mutter geht, gehn sie auch, und Capitain Hunt ist ein Gentleman, der sich glücklich schätzen wird einer armen verrathenen Frau und Königin Schutz mit den ihren zu gewähren.«
Pomare ging, die Hände krampfhaft gefaltet, das Haupt gesenkt, mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab, als draußen Stimmen laut wurden und gleich darauf Eine der Einanas den Häuptling Tati meldete, der Pomare dringend zu sprechen wünsche.
»Tati?« rief Pomare, erstaunt vor dem Mädchen stehn bleibend — »Tati? was will er von mir in jetziger Zeit? oder haben ihn die Feranis geschickt, seine Königin abzuholen ins Gefängniß — send' ihn fort, er gehört zum Feind; Pomare will ihn nicht sprechen.«
»Wenn der Feind Dein Vaterland ist, Pomare, dann hast Du recht« sprach in diesem Augenblick die tiefe klangvolle Stimme des Häuptlings, der dem Mädchen auf dem Fuß gefolgt, und auf der Schwelle stehn geblieben war, bis seine Ankunft gemeldet worden — »schicke mich nicht noch einmal fort von Dir, denn ich bringe ein Freundeswort.«
»Schickt Dich der Ferani?« frug die Königin, ihn mit einem finstern Blick betrachtend — »haben sie Dir wieder neue Versprechungen gemacht, oder soll ich vielleicht noch einen Vertrag unterzeichnen, der mir auch die Füße bindet, wie der erste die Hände, und mich hier hält in ihren bewaffneten Häusern, als Geißel für die Unterwürfigkeit meines armen Volkes?«
Tati zog die Brauen finster zusammen und sein Blick suchte den Missionair, als ob er dort den Grund solcher harten Anklage vermuthe, aber das gute Element in ihm gewann die Oberhand und mit ruhiger fast herzlicher Stimme sagte er:
»Du hast Grund uns zu zürnen, Pomare, denn wenn auch absichtslos, gaben wir dem Ferani den Halt an dieses Land, den er jetzt benutzt, es zum Abgrund niederzureißen, aber vielleicht bin ich im Stande Dir heute zu beweisen daß es Tati redlich mit Tahiti, redlich mit Dir meint, und kleinliche Eifersucht seinem Herzen fremd ist, in der Stunde der Noth. Du bist in Gefahr und mußt Papetee verlassen.«
»Ich weiß es, ich weiß es« rief Pomare schnell — »der ehrwürdige Mann hier hat mich schon gewarnt, und das Schiff der Beretanis wird mich und die Meinen aufnehmen, ehe ich mich den Feranis gefangen gebe.«
»Das Schiff der Beretanis?« rief Tati, fast ebenso sehr erschreckt als erstaunt — »und was hast Du bei den Beretanis zu thun? sind sie nicht Fremde, so gut als Jene? O Pomare, wann wirst Du aufhören Dich auf Fremde zu verlassen?«
»Der Häuptling Tati spricht, als ob unsere Nation dem Tahitischen Stamme je noch feindlich gewesen wäre« sagte der Missionair, »ich dächte wir hätten bewiesen, daß wir unsere Tahitischen Brüder lieben.«
»Genug — genug« sagte der Häuptling abwehrend — »nicht um mit Worten zu streiten bin ich hierhergekommen; die Zeit zum Handeln ist gekommen, und Du, Pomare, sollst jetzt beweisen, ob Du würdig bist das Tahitische Volk zu regieren, wo dann Tati und alle Andern sich freudig Deiner Herrschaft beugen werden.«
»Und soll ich mit meiner Flucht solchen Beweis beginnen?« frug die Königin bitter.
»Allerdings« rief Tati rasch, »aber nicht wenn Dich die Bahn nach einem fremden Schiffe führt.«
»Und wohin denn? — wo hast Du Schutz für mich?«
»Bei Deinem Volk, Pomare!« rief der Häuptling rasch und während die Königin finster und wehmüthig mit dem Kopfe schüttelte, fuhr er von seiner Sache begeisterter, wärmer werdend, fort — »schüttle nicht so zweifelnd das Haupt, die Führer fast aller Partheien, die sich vereinigt haben in der gemeinsamen Noth des Landes senden mich, und rufen, ja fordern Dich auf, ihrem Schutze Dich anzuvertrauen und mit ihnen in die Berge zu ziehn. Dort pflanzen wir die eigene Fahne auf, und Tod den Feinden, wenn sie es wagen sollten uns dorthin zu folgen, wo wir uns fest und freudig um Dich geschaart.«
»Nur bei dem Versuch in die Berge zu entkommen« warf hier kopfschüttelnd der Geistliche ein — »wäre Pomare fast der gewissen Gefahr ausgesetzt, von den Feranis angehalten und gefangen zu werden. Sie würden es nimmer dulden etwas geschehn zu lassen, was ihnen die Eingebornen zu so viel gefährlicheren Feinden machen müßte.«
»Gefahr und Dulden!« rief der Häuptling, mit dem Fuße stampfend, »ein einzig Zeichen durch die Stadt von mir und fast drei Viertel der Bewohner schaaren sich mit einem Jubelschrei um ihre Königin. Laßt das Volk wissen daß Tati und Utami, Hitoti und Paraita mit Pomaren sind, und kein Arm der noch einen Bogen spannen und einen Speer schleudern kann, bleibt daheim, das Ende schmachvoll abzuwarten. Nein Pomare, nicht Furcht jetzt, nicht Gefahr, darf Dich abhalten davon, Dich an die Spitze Deines Volks zu stellen. Die Fremden haben jetzt deutlich genug gezeigt was ihre Absicht ist, und uns bleibt keine andere Wahl, als Unterwerfung oder Kampf.«
»Uns bleibt die Wahl Britischen Schutz zu suchen« rief der Missionair, neben Pomare tretend, »uns bleibt der Schutz der Bibel und wenn auch spät, die Hülfe bleibt nicht aus; so langsam sie kommt, so sicher wird sie kommen.«
Tati wollte heftig gegen den Priester auffahren; aber er bezwang sich, er fühlte die Wichtigkeit dieser Stunde und sagte ernst und ruhig:
»Pomare, der Augenblick ist gekommen, wo Du zu wählen hast zwischen Deinem Volk und den Fremden, zwischen Deiner eigenen Herrschaft oder der, Beretanischer oder Feranischer Priester; — gieb Dich wieder in ihre Hände, und Deine Macht ist gebrochen für ewige Zeiten — wirf sie von Dir, und wir erkämpfen Dir die Freiheit oder uns Allen einen ehrenvollen Tod. Sieh, daß die Häuptlinge mich senden, mag Dir ein Beweis sein wie wir denken — jeder Partheistreit sei vergessen, jeder kleinliche Gedanke an Eigennutz zerstört, das Vaterland ist in Gefahr und wie der fremde Ferani schlau und tückisch seinen Vortheil zog aus dem Zwiespalt der Partheien, so pflanze die eine Macht jetzt siegreich ihr Banner auf in den Bergen.«
Die Königin stand unschlüssig; das Herz schlug ihr heftig und ihr Blick flog ängstlich von den schönen belebten Zügen des Häuptlings nach dem bleichen Antlitz des Priesters hinüber.
»Und was wird aus Pomare Tane?« frug sie leise.
Tati biß sich die Lippe —
»Er mag mit Dir gehn« sagte er endlich leise, »aber wenn er ein Mann wäre hätte er selber schon das Schwert aufgegriffen und sein Volk zu den Waffen gerufen — oh daß Dein Vater lebte, Pomare.«
»Und was dann, wird aus den Lehrern dieses Volks, was wird aus uns und unseren Häusern?« rief der ehrwürdige Mr. Rowe. »Vertrauungsvoll sind wir an Eueren Strand gekommen, Euch den Frieden und die Liebe zu bringen, und sollen wir jetzt als Geißeln in den Händen der Feinde zurückbleiben? So lange Du unter Britischem Schutz stehst, Pomare, wird ebensowohl Dein Eigenthum hier geachtet werden, denn die Feranis fürchten unseren Stamm, mögen sie jetzt hier so trotzig auftreten wie sie wollen, einmal aber erst in die Berge geflüchtet, als erklärter Feind und mit den Waffen in der Hand, so ist nach den Gesetzen des Kriegs Alles dem verfallen, der das Feld behauptet.«
»Und denkt Ihr an Euch jetzt allein?« rief Tati zornig, »wo das Schicksal des ganzen Landes am Rande des Abgrunds steht?«
»Viel weniger an mich« — erwiederte ruhig der Missionair, »als an alle meine Brüder hier auf den Inseln, ja an das Schicksal der Mission selber, die damit ihrem gewissen Untergang entgegen zöge. Sobald Pomare jetzt offenkundig den Krieg beginnt, liegt die Vergangenheit abgeschnitten hinter ihr, und die Gewalt der Waffen allein entscheidet wer künftig und welche Religion herrschen soll. Wird sie besiegt, so ist es der Sieger, der die Bedingungen schreibt und denen sie sich fügen muß, indeß sie jetzt noch immer Englands Hülfe sich erhält, seine Vermittlung die stets nur auf Seiten der Bibel sein kann.«
»Zum Abgrund mit der Bibel!« schrie aber der im Herzen noch immer den alten Göttern zugethane Häuptling jetzt, bei dem der Zorn über den egoistischen Geistlichen die Ueberhand gewann — »es gilt hier nicht das dicke Buch, es gilt das ganze Land, es gilt hier für Pomare die Herzen ihres Volks, die jetzt noch mit ihr, doch wer weiß wie lange sind. Tati läßt auch Alles zurück was er sein eigen nennt, ebenso Utami — wir wollen uns selber, wollen unsere Ehre, unser Reich retten, mag der Feind die Brandfackel in unsere Hütten werfen und unsere Brodfruchtbäume niedermähn; die Berge tragen Feis, der Wald Orangen und Guiaven und tausend andere Früchte, und Gottes Sonne glüht und leuchtet da oben so rein und frisch, wie hier im Thal.«
»Ich will auf das Schiff gehn, Tati« sagte aber jetzt Pomare, die bis dahin unschlüssig und ängstlich gestanden — »der Mitonare hat recht; so lange ich unter Englischem Schutz bin und nicht gegen sie kämpfe, werden sie unser Eigenthum achten und nicht zerstören, und das fromme Werk der Mission, das mir von Gott überantwortet ist, wird nicht zu Grunde gehn; ich will nicht das Schwert nehmen, ich bin eine Frau und meine Kinder sollen ihre Krone nicht vergossenem Blute zu verdanken haben — wenn Andere Unrecht thun will ich nicht selber sündigen. Und auch Du Tati, schaudere vor dem Abgrund zurück an dem Du stehst, denn Du verachtest die Bibel und sie ist Deine einzige Rettung.«
»Pomare — laß uns nicht in dieser Stunde um ein Wort, um eine Meinung zanken,« bat aber der Häuptling — »schicke mich nicht fort von Dir mit solcher Antwort; noch bist Du Königin und will Dich England schützen, wird es das eher thun, wenn Du Dir Achtung von ihm erzwingst, durch Königliches Handeln, als wenn Du feige auf eines ihrer Schiffe flüchtest, von vorn herein gleich erklärend, ich bin zu schwach, ich kann nicht Königin sein.«
»Da kommt Bruder Brower in großer Eile« rief Mr. Rowe da, der einen Blick durch das Fenster geworfen — »was wird er bringen?«
»Unheil diesem Haus« sagte Tati düster, der in den Augen Pomare's schon seine Antwort las, und nicht mit Unrecht befürchtete der zweite Mitonare würde den Ausschlag geben. Er sollte darüber nicht lange in Zweifel bleiben; mit ängstlicher Miene brach der kaum angemeldete Priester ins Zimmer, und nur einen mißtrauischen Blick auf den Häuptling werfend, dessen Parthei den Interessen Pomare's bis dahin selten freundlich gewesen, rief er aus:
»Die Noth ist groß Pomare, größer aber die Gefahr, denn soeben höre ich daß die Französische Regierung beschlossen hat Dich zu fangen und zu halten, bis zu Abschluß des Friedens. Glücklicher Weise aber war das Boot des Basilisk hier an Land — sein Officier ist von mir in Kenntniß gesetzt und liegt am Ufer, dicht hier vor dem Haus, Dich unter dem Schutz seiner Flagge sicher fortzuführen — aber der Augenblick drängt, Du hast keine Viertelstunde mehr zu Deiner Verfügung.«
»Eben so rasch entkommst Du in die Berge, Pomare« rief da Tati noch einmal, den letzten Versuch zu machen, die Königin ihrem Lande zu erhalten — »über die Straße hinüber beginnen die Guiaven, und mein Kopf bürge Dir für Deine Sicherheit.«
Pomare Tane brach in diesem Augenblick in's Gemach; es war ein junger bildschöner Mann, wohl sechs oder acht Jahr jünger als die Königin, aber mit weichen, weibischen Zügen, die Oelgetränkten Haare mit Blumen geschmückt und die Finger mit Ringen besteckt. Auch seine Züge waren jetzt angstentstellt, und die Männer nicht beachtend die im Zimmer standen rief er laut:
»Flieh Pomare, flieh — an den Bergen haben die Feranis Soldaten mit geladenen Gewehren stehn und das Volk schreit, sie kämen Dich zu fangen und zu binden.«
»Das Boot liegt am Strand, in fünf Minuten bist Du frei,« drängte da Mr. Rowe.
»Tati, Du wirst Dich an die Spitze meiner Krieger stellen« bat Pomare — »der Allmächtige wird Dir seinen Schutz verleihen und den Sieg in unsere Hände geben.«
»Verdorren soll der Finger der sich für Deine Sache regt wenn Du ihr selbst den Rücken kehrst;« — rief aber der Häuptling trotzig und finster — »Pomare — hah, was ist mir der Name? dem Vaterlande hätt' ich mein Blut geweiht, und jeden feindlichen Gedanken, jede Idee von Uneinigkeit draus fern zu halten, selbst Deinem Stamm gehorcht. Du bist aus edlem Blut entsprossen und das Land hätte, so von jedem Partheienhaß befreit, seiner Königin zugejauchzt und sich für sie mit Freuden in den Kampf geworfen — das ist vorbei, die schwarzen Männer haben Dich wieder in ihrer Gewalt und Tati ist für Dich verloren.«
Noch stand Pomare zögernd, da schallte ein kurzer Trommelwirbel, eine vorbeiziehende Patrouille vielleicht, an ihr Ohr.
»Der Feind!« rief Pomare Tane, riefen die Missionaire — »sie kommen Dich zu holen.«
»Wo sind meine Kinder« flehte die arme Königin jetzt selber von der Angst der Uebrigen eingeschüchtert — »meine Kinder!«
»Hier im Zimmer bei den Einanas« beruhigte sie Mr. Brower — »ich ließ sie selber hier zusammenkommen, jetzt fort — in wenigen Minuten bist Du an Bord — schon im Boot bist Du sicher und ungefährdet« und ihre Hand ergreifend, die sie ihm willig überließ, folgte sie ihm hinaus.
»Meine Kinder« rief die Königin.
»Hier, hier — Ihr Mädchen da rasch mit den Kindern in's Boot das am Strande liegt — fort mit Euch.«
»Aber meine Matten, meine Kleider —«
»Alles wird Dir nachgeschickt Pomare,« rief Mr. Rowe rasch — »wir selber wollen Dein Eigenthum schützen, das der Ferani nicht wagen darf anzutasten.«
Pomare, durch das erneute Trommeln nur noch mehr außer Fassung gebracht, folgte fast willenlos den Führern, und mit den Kindern voran floh der kleine Zug über den schmalen Strand dem zum augenblicklichen Abstoßen bereiten Englischen Boote zu. Eine Französische Patrouille kam gerade zufällig am Wasserrand nieder, aber der Officier, der auch wahrscheinlich gar keinen Befehl dazu hatte, hinderte das Einschiffen der recht gut gekannten Königin nicht, ja es ist leicht möglich, daß die Franzosen sehr zufrieden damit waren einer unangenehmen Ueberwachung Pomares solcher Art vollkommen überhoben zu sein. Sie bekamen dadurch viel freiere und ungestörtere Hand in der Stadt, und hatten gewissermaßen eine Verantwortlichkeit weniger.
Unbelästigt erreichte die Königin das Boot, wohin ihr ihr Gemahl mit den Kindern und zweien der Einanas folgte, und während die Brüder Rowe und Brower am Ufer standen und mit einem dankenden Blick nach oben die Rettung Pomare's feierten, schoß das scharfgebaute Boot mit seiner kostbaren Ladung blitzesschnell dem nahen kleinen Kriegsschiff[J] zu, wo die seltenen Schützlinge von dem Englischen Capitain auf das Zuvorkommendste und Freundlichste empfangen und, so gut als der enge Raum des Fahrzeugs es erlaubte, untergebracht wurden.
[J] Der »Basilisk«, nur eine sogenannte »catch« von circa 200 Tons.
So ruhig sich aber die Bewohner von Papetee bis jetzt verhalten hatten, und so gelassen sie der, vor ihren Augen geschehenen Occupation zugesehn, eine Ruhe die nicht einmal durch die Gefangennahme ihres ersten Missionairs gestört werden konnte, so heftig erschütterte dagegen das Gerücht: Pomare hat fliehen müssen vor den Feranis, jedes Gemüth, und wer nur jetzt irgend glaubte den Zorn der nichts heilig achtenden Fremden auf ein oder die andere Art gereizt zu haben, flüchtete in die Berge, ihrer Rache zu entgehn, und sich zum Widerstand zu rüsten. Halb Papetee stand einsam und verlassen, während die Eroberer, damit gar nicht unzufrieden, Besitz von den geräumten Häusern nahmen, und sie theils zu Kasernen und Wachen, theils zu eigenen Wohnungen herrichteten, zugleich aber auch mit vereinten Kräften daran gingen den Wall und Graben um die Stadt zu beenden und mit Kanonen zu besetzen, wie überhaupt Alles zu thun, was sie im Fall eines wirklichen Angriffs gegen eine Ueberzahl der Feinde schützen konnte.
Nichtsdestoweniger blieb die Stadt ruhig — kein wirklicher Ueberfall geschah, ja die einzelnen Franzosen die sich hie und da noch immer sorglos zwischen den Eingeborenen herumtrieben, wurden nicht belästigt noch beleidigt, wenn ihnen auch die finsteren Blicke der Männer deutlich genug verriethen, wie gern sie hier gesehn wurden.
Capitel 9.
Der erste Kampf.
Die Kunde von den neuen Gewaltthätigkeiten der Franzosen lief aber auch, wenn es selbst die Bewohner von Papetee noch nicht zu einem Ausbruch trieb, mit fabelhafter Schnelle über die ganze Insel, und das Volk fing jetzt zum ersten Mal an einzusehn, was die Entfernung seiner Flagge eigentlich bedeutet, was der Ferani beabsichtigte, als er das Bündniß mit den Häuptlingen schloß, und seine Priester ihnen herüberbrachte. Dumpfe Gerüchte folgten dem zu gleicher Zeit, daß die Feinde sich aller ihrer Häuptlinge bemächtigen wollten, die nach dem Lande der Ferani's geschafft werden sollten, und wenn das Volk bis jetzt noch nicht daran gedacht hatte zu rüsten, begann es jetzt. Waffen tauchten überall auf, Munition wurde vorgesucht, der Gebrauch der Muskete von den einzeln zwischen ihnen zerstreuten Europäern gelernt und geübt, und ein Eifer zeigte sich plötzlich in der Bevölkerung, eine Regsamkeit, die einen ernsten Widerstand, selbst unter den Kanonen des Feindes, keineswegs als eine Unmöglichkeit erscheinen ließ. Nur an einem wirklich thätigen Grund zum Beginn fehlte es noch, einem ersten Ausschlagen irgend einer Parthei; das Geschütz war geladen, es bedurfte nur noch der Lunte es zu entzünden, und wie sich die Völker jetzt entgegenstanden, konnte das nicht lange auf sich warten lassen.
Es war an einem Sonnabend (wie bekannt der frühere Sabbath der Bewohner von Tahiti) Nachmittag — und Bruder Dennis hatte an diesem Tage Gottesdienst auf der Halbinsel Tairabu gehalten. Die Bewohner dieses freundlichen Distrikts lebten allerdings zu entfernt von dem Schauplatz wirklicher Feindseligkeiten, ihr ruhig patriarchalisches Leben schon aufgegeben und zu den Waffen gegriffen zu haben, zu nahe aber auch sie gleichgültig an sich haben vorübergehn zu lassen, und wenn auch äußerlich noch Nichts den Geist verrieth, der in den Bewohnern anfing sich zu regen, waren unter der Hand die Rüstungen mit vielleicht nicht weniger Eifer betrieben worden, als in der unmittelbaren Nähe Papetee's.
Schon während der Predigt selbst war an diesem Tag ein fremdes Französisches Kriegsschiff, die jetzt dort an der Küste täglich auf- und abkreuzten, in ihren Hafen eingelaufen, und hatte die Sabbathfeier dadurch wesentlich gestört und die Aufmerksamkeit der Gemeinde natürlich von dem Geistlichen ab, dem viel interessanteren Schiffe zugewandt. Harte Worte waren es denn auch gewesen die der fromme Mann gegen die »Papisten und Sabbathschänder« sprach, die Herzen seiner Zuhörer mehr noch mit Zorn und Entrüstung füllend.
Nichtsdestoweniger blieben die gelandeten Bootsmannschaften, die sich ziemlich sorglos zwischen die Gruppen am Ufer mischten, unbelästigt, und wenn ihnen die Eingebornen wohl auch oft finstre Blicke zuwarfen, und die Mädchen besonders, die sie nach altgewohnter Weise anfassen und mit ihnen scherzen wollten, zornig den Rücken drehten und mit verächtlichem Ruf die Lenden schlugen, geschah Nichts was die Freiheit ihrer Bewegungen, ja durch den Widerstand der Schönen zuletzt gereizt, selbst ihrem Uebermuth, hätte irgend eine Grenze gesteckt.
Die Trupps der Soldaten und Matrosen begnügten sich übrigens damit am Ufer, oder in der Nähe desselben umherzuschwärmen; nur ein einzelnes kleines Piquet, von etwa zehn Mann marschirte, als der Gottesdienst schon lange vorüber war und sich die einzelnen Familien in ihre Wohnungen zurückgezogen hatten, einer Patrouille gleich, aber nur theilweis bewaffnet, durch den kleinen Ort durch und an dem nächsten Hügelhang hinauf, wo nur einzelne Häuser zerstreut unter vorhängenden Palmen lagen, und der schmale Pfad sich zwischen fruchtbaren Gärten und kleinen Guiavendickichten hinaufzog.
Vor dem ersten dieser Häuser saß eine kleine Gruppe sorgloser fröhlicher Indianer lachend und singend auf einem offenen von hohen Brodfruchtbäumen und Palmen dicht beschatteten Platz, die Frauen als am Sabbath mit keiner Arbeit beschäftigt, hie und da eine sogar auf ihre Matte ausgestreckt und auf den zusammengefalteten Armen liegend, um in einer großen aufgeschlagenen Tahitischen Bibel zu buchstabiren, während die Männer untereinander plauderten und erzählten, oder auch wohl zu Vieren oder Fünfen kurze Verse einzelner Hymnen mit vollkommen richtiger Eintheilung der Stimmen sangen. Ein Zuschauer hätte hier nie geahnt daß sich dies muntere, glückliche, sorglose Volk am Vorabend eines Krieges befände, und den Feind unter sich wußte, der es schon geärgert und gereizt, und jeden Augenblick weiter gehn und zum Angriff schreiten konnte.
Zwischen den Frauen waren drei reizende junge Mädchen, zwei von Tairabu, und eine, ein Gast in ihrer Mitte von Papetee, und auf feingeflochtene reinliche Matten gelehnt, ihre Hände in denen der beiden Jungfrauen, die sich lächelnd zu ihr hinüberneigten, erzählte die Fremde den Freundinnen von der Stadt an der andern Seite der Insel, von den frechen Wi-Wis die ihre Waffen und Kanonen an Land geschafft, und die Herren sein wollten der ganzen Insel, aber mehr noch von ihren komischen Sitten und Gebräuchen, von ihren großen Bärten und heißen Kleidern, von der wunderlichen Sprache — wie oft und schnell hintereinander sie das Wi-Wi sprächen, das ihnen den Namen gegeben, und wie sie — fuhr die Jungfrau leise und schüchtern fort, den Mädchen nachstellten und ihnen stets von ewiger Liebe sprächen, und sie dann wieder verließen wo sie ein anderes junges Gesicht gesehn.
Es war ein liebliches zauberschönes Bild, diese drei jungen Kinder der Insel mit den blitzenden sprechenden Augen und üppigen Formen, denen die Bronzefarbe der Haut nur womöglich einen noch höheren Reiz verlieh. Und dicht hinter ihnen saß ein alter Mann, in seinen Tapamantel eingeschlagen, und an den Stamm an einer hochwüchsigen mit goldgelben Früchten dicht umschlossenen Papaya gelehnt, finster vor sich niederbrütend, und doch dabei dem Schwatzen des holden Mädchens lauschend. Es war der alte trotzige Häuptling Fanue, dem das heiße Blut die Zornesader an der Stirn hoch aufschwellte, als er den Uebermuth der frechen Fremden von rosigen Lippen lachend bestätigt hörte, und der die Faust fest unter dem Mantel ballte wenn er daran dachte, wie sie die Schmach schon so lange ertragen, und immer und immer noch nicht losgeschlagen hätten in das Herz des Feindes hinein.
Lautes Geräusch, Rufen und Lachen, fremde Stimmen und Worte tönten zu ihnen von unten herauf, und ein junger Bursch kam gesprungen der die Nachricht brachte, die gelandeten Wi-Wis stiegen auch jetzt, die Mädchen neckend und die Männer ärgernd, bis zu ihnen herauf.
»Die Wi-Wis« — die Mädchen drängten sich neugierig vor, ob sie nicht irgend wo auf dem freien Pfad eine der feindlichen wunderlichen Gestalten erkennen könnten, schüchtern aber dabei und bereit zu augenblicklicher Flucht, wenn das wirklich der Fall gewesen wäre. Trommeln wirbelten indessen unten im Thal, aber nicht der bekannte fröhliche Laut zum jubelnden Tanz, sondern in kurz abgebrochenem schroffen Takt, und Hörner und Trompeten klangen herauf die von der munteren Soldateska mit herüber genommen waren die Herzen der Hörer zu gewinnen.
Fester Tritt und lautes Lachen schallte da näher und deutlicher zu ihnen herüber, und unten am Hang, in den Gärten schon wo die Reihen sorgfältig gepflanzter Bananen und süßer Kartoffeln standen, wurden die bunten Uniformen der Fremden sichtbar, die an den Fruchtbäumen, wenig sich um den Eigenthümer kümmernd, herumgingen, reife Früchte zu suchen und zu pflücken.
Die Mädchen welche aufgesprungen waren und rasch mit einander geflüstert hatten, wollten fliehen, aber Fanue's finstres Wort hielt sie zurück. Was hatten sie zu fürchten an seiner Hütte? glaubten sie daß der Fremde es wagen dürfe, einen der Seinen ungestraft zu beleidigen? Die Mädchen schämten sich ihrer Furcht und nahmen ihren alten Sitz auf der Matte ein, nur die Fremde wollte nicht bei ihnen bleiben, und sie faßten sie endlich halb mit Bitten halb mit Gewalt an ihrem Kleid, und zogen sie wieder zu sich nieder. Es war ihnen selber so schon nicht recht daß sie dableiben mußten, und nun wollte das Mädchen von Papetee sie auch noch dazu allein lassen — das ging unter keiner Bedingung an.
Die Franzosen, von denen einige mit ihren Seitengewehren bewaffnet waren, drei oder vier sogar ihre schweren Musketen trugen, andere jedoch in die leichte Tracht der Europäer auf den Inseln, weite Hosen und Jacken und breiträndigen Strohhut gekleidet gingen, kamen indeß näher und näher und steuerten, als sie die bunten Kleider der Mädchen vor dem Haus erkannten, gerade auf die kleine hier befindliche Gruppe zu.
Die Männer oben hörten dabei auf zu singen, und blickten finster auf die ungebetenen Gäste, die hier die Heiligkeit des Sabbath sowohl wie des eigenen Hauses störten, und die Mädchen rückten enger zusammen, und flüsterten ängstlich miteinander, denn die Feranis kamen gerade auf sie zu, und blieben lachend und plaudernd vor ihnen stehen. Sie wagten nicht einmal zu ihnen aufzuschaun. Nur der alte Fanue verharrte, die Arme fest auf der Brust gekreuzt, in seiner Stellung, und sah die Fremden ernst und fragend an.
»Hallo Waihine's!« rief da der Eine der Franzosen in ihrer Sprache — »auf mit den Köpfchen, was haltet Ihr das Kinn auf der Brust und das Näschen im Schultertuch — aufgeschaut Dirnen und laßt ein vernünftig Wort mit Euch reden. — Vor Allem sollt Ihr mir eine Frage beantworten, und ich weiß Ihr könnt, wenn Ihr wollt.«
Die beiden Töchter Fanue's wandten ihr Antlitz trotzig ab, und nur die Fremde senkte ihr Köpfchen tiefer und tiefer, und glühendes Roth schoß ihr über Wange und Stirn und färbte ihr den Nacken selbst bis unter das Oberkleid. Der alte Fanue aber, die Verlegenheit der Mädchen bemerkend und kaum noch im Stand den Zorn zurückzuzwingen der in ihm kochte und gährte, sagte finster, die Feinde seines Vaterlandes mit den Augen messend:
»Und was habt Ihr für Fragen zu stellen und zu einem Haus zu kommen, zu dem man Euch nicht das hare mai gerufen hat? — fort mit Euch wohin Ihr gehört auf Euere Schiffe, und mit denen weiter über das blaue Wasser nach den Lee-Inseln; unsere Augen schmerzen von Euerem Anblick.«
»Dir wird bald noch etwas anderes schmerzen, alter Bursche, wenn Du so unverschämte Reden führst!« rief Einer der Bewaffneten drohend; »übrigens hat kein Mensch mit Dir gesprochen, sondern mit den Dirnen hier, so warte hübsch bis Du gefragt wirst — hallo hier Waihine, gieb Antwort mein Kind, und vor allen Dingen mir einen Ku߫ß« und sich niederbeugend zu ihr, legte er seinen rechten Arm um ihren schlanken zitternden Körper, während sie sich ihm mit lautem ängstlichem Ruf zu entziehen suchte.
Der alte Fanue sprang in grimmer Wuth empor, zu gleicher Zeit hatte aber auch Einer der Franzosen das Mädchen von Papetee erkannt, und den Arm nach ihr ausstreckend rief er in freudigem Staunen:
»Nahuihua — bei Allem was da lebt — die Perle die ich suchte; da bist Du ja, Mädchen!«
»Zurück — Le-fe-ve« — rief aber die Schöne mit zornfunkelnden Augen — »zurück falscher Wi-Wi — todtmüde auf der Matte liegt drin im Haus Aumama — und sie hat den Fluch über Dich gesprochen.«
»Aumama?« rief Lefévre etwas bestürzt, »sie ist hier?« jede weitere Unterhandlung wurde aber rasch und plötzlich durch den greisen Häuptling selber abgeschnitten, der mit zornfunkelnden Augen zwischen die Fremden sprang und Lefévre, denn dieser war es wirklich, an der Schulter faßte und zurückschleuderte von dem Mädchen. Er hatte den Namen gehört und dachte in dem Augenblick nicht an die Folgen.
»Fort mit Dir!« schrie er und sein Auge blitzte — »fort mit Dir falscher Wi-Wi, oder diese Hand greift noch einmal nach der Kriegskeule und dem Speer, nach dem es mich lange und lange gejuckt hat; fort mit Dir, meineidiger feiger Huapareva[K] oder Du sollst den Tag verfluchen der Dich zu unserem Leid an diese Küste gebracht!«
[K] Das Ei des Vogels Pareva das oft in der See, auf altem Schilf schwimmend gefunden wird, und womit die Insulaner Personen von unbekannter dunkler Herkunft vergleichen.
»Teufel!« schrie aber Lefévre in toller Wuth, der von der kräftigen Hand des Alten seitab geschleudert wirklich Augenblicke brauchte sich im Gleichgewicht zu halten daß er nicht zu Boden fiel — »Teufel!« und sich in wildem Grimm auf ihn werfend, wollte er einen Schlag nach ihm führen, aber der Alte kam ihm zuvor, warf seinen Arm zur Seite und traf ihn mit kräftiger Faust dermaßen gegen die Stirn, daß er betäubt einen Schritt zurücktaumelte.
»Rebellion!« schrie da Einer der Bewaffneten, und den Hahn spannend und die Flinte emporreißend, schlug er auf den ihm trotzig gegenüberstehenden Häuptling an und feuerte. Die Kugel wäre dem alten Mann auf die kurze Entfernung auch jedenfalls verderblich gewesen, hätte nicht Nahuihua, während die beiden anderen Mädchen flüchteten, selber den Lauf des Gewehres gerade noch zur rechten Zeit emporgeschlagen, das tödtliche Blei durch das Dach des Hauses zu senden.
Jetzt aber sprangen auch die andern Männer empor, an dem beginnenden und in der That nicht mehr zu vermeidenden Kampfe Theil zu nehmen; Lefévre nur, der sich rasch von dem Schlag erholte, kümmerte sich nicht weiter um den Alten, auf den sich schon zwei der Soldaten geworfen hatten, ihn nieder zu reißen und als Gefangenen mitzunehmen, sondern sprang mit einem Satz auf die zusammenschreckende Maid, die in Todesangst der Schwester Namen rief, faßte sie mit unwiderstehlicher Gewalt in seine Arme, hob sie, trotz allem Sträuben und Wehren vom Boden auf, und floh mit ihr den Pfad hinunter, den Strand und mit ihm sein Boot zu erreichen, und seine Beute in Sicherheit zu bringen.
Mehre Schüsse wurden indessen oben gefeuert und unter dem Zeterschrei der Frauen stürzten zwei der Insulaner, der Eine schwer verwundet, der Andere todt, zur Erde nieder. Auf der Schwelle der Hütte aber erschien, gleich nach dem ersten Schuß, eine andere Frau, ein junges schönes Weib, die Haare aber wild und ungeordnet um Stirn und Schläfe hängend, das Schultertuch selbst gelöst und nur von der linken Hand zusammengehalten, wild und verstört wie sie aufgesprungen aus festem Schlaf nach langer Wanderung und Ermattung. Aber nur einen Blick warf sie auf die Kämpfenden, ihr Auge suchte ein anderes Ziel, und mit der Schwester Hülfeschrei erkannte sie kaum die Gestalt, in deren Arm sie sich sträubte, als sie auch, alles Andere um sich her vergessend, vorsprang sie zu retten — sich selber zu rächen.
Dicht vor ihr rang Einer der Soldaten mit einem Insulaner, und der Indianer hatte dessen Gewehr gepackt, das er ihm zu entwinden suchte, sein kurzer Degen aber hing in der Scheide, ihrem Griff frei, und mit Gedankenschnelle die Waffe an sich reißend, floh sie den Hang nieder. Das Schultertuch flog ihr von den Achseln, die Haare flatterten wild hinterdrein, aber was achtete das die Rasende — wie eine zürnende Göttin ihres Waldes, und so schön wie zornig, flog sie dahin, die Füße kaum den Boden berührend, und ehe noch der Räuber den Waldrand erreicht war sie dicht hinter ihm.
»Le-fe-ve!« hauchte sie, und kaum brachte sie das Wort über die Lippen, aber der Fliehende hörte es und es traf ihn wie ein Stoß in's Herz — »Le-fe-ve!« und er wandte den Kopf, ließ aber auch in dem nämlichen Moment die Gefangene frei, die ihm unter den Händen fort und in die Büsche glitt, während das zürnende Weib mit geschwungener Wehr gegen den erschreckt Zurückfahrenden ansprang.
»Dieb!« schrie sie mit heiserer fast erstickter Stimme, »falscher schurkischer Dieb!« und wäre die schwache Hand gewohnt gewesen eine Waffe zu führen, der Schlag mit dem sie nach dem Haupt des Verräthers niederschmetterte, hätte für diesen keinen zweiten nöthig gemacht. Selbst so traf er den rechten Arm, den er schützend vorgestreckt, daß er kraftlos an seiner Seite niederfiel, und Lefévre wagte nicht dem zweiten Hieb, wagte nicht länger dem zürnenden Auge der von ihm so schändlich verrathenen Frau zu trotzen, und floh in feiger Angst, rücksichtslos wohin die Flucht ihn brachte, in den Wald hinein und den Hang nieder, zum Strand zurück.
Von dort aber stürmten indeß die Franzosen gleich nach dem ersten Schuß in wilder Eile bergauf, dem Schauplatz des Kampfes zu, wo sich indeß die Sachlage wesentlich verändert hatte.
»Sind wir Hunde?« schrie der alte Fanue in grimmer Wuth den, ihm zu kurzem, Athem verlangenden Waffenstillstand gegenüberstehenden Feinden zu — »daß Ihr uns so behandelt? — wir waren ein ruhiges Volk, wir wollten Frieden, aber Ihr laßt uns nicht Ruhe, Ihr reizt uns bis in das innerste Herz hinein, so nehmt denn auch die Folgen!«
»Die Bestie droht noch!« schrie ein Soldat, »so, das für Dich, Du rothe Giftkröte!« und auf ihn anschlagend zielte er ihm auf den Kopf und drückte ab; aber die Kugel zischte ihm dicht am Ohr vorbei, das sie leicht streifte, und schlug in den hinter ihm stehenden Brodfruchtbaum. In demselben Augenblick hatte sich aber auch der alte Häuptling auf ihn geworfen, und ein kleines Handbeil hoch geschwungen in der Hand, traf er damit die Stirn des Unglücklichen daß er, mit dem Todesröcheln auf den Lippen leblos zusammenbrach.
»Nieder mit den Verräthern!« schrieen die Franzosen, »hierher Kameraden — hierher zu Hülfe!« und einzelne Schüsse fielen; aber aus dem benachbarten Orangendickicht, während eine Schaar von französischen Soldaten den Pfad heraufstürmte, brach ein dunkler Haufe von Eingebornen, nicht unbewaffnet, sondern mit blitzenden bayonnetbewehrten Musketen in der Hand, und den Franzosen gerade gegenüber feuerten sie mitten hinein in den Schwarm, der sich also überrascht und bestürzt in der Flanke angegriffen sah. Der gellende Kriegsschrei tönte zugleich von den Lippen der Insulaner, und wurde von allen Seiten her beantwortet. Die Franzosen aber merkten jetzt wohl daß sie es in kurzer Zeit mit einem, ihnen weit überlegenen Feind würden zu thun bekommen, während sie sich hier höchst leichtsinniger Weise zu weit von dem Strand entfernt hatten, und in dem dichten Gebüsch dem schlauen Gegner viel eher in die Hand gegeben waren. Fest deshalb zusammenrückend, und jetzt nur auf Vertheidigung bedacht, feuerten sie ihre Gewehre gegen die Angreifer ab und zogen sich dann, ihnen die Bayonnette entgegengestreckt und die Unbewaffneten in ihre Mitte nehmend, den Weg zurück den sie gekommen. Die Insulaner aber, voll Grimm und Wuth über das vergossene Blut der ihren, und durch den Rückzug des Feindes nur noch mehr ermuthigt, warfen sich in toller Todesverachtung ihnen entgegen, und manche schwere Wunde wurde noch gegeben und empfangen, ehe die Franzosen den offenen Strand wieder erreichten.
Hier von den ihrigen unterstützt, wollten sie einen neuen Angriff machen, theils die Insulaner zu züchtigen, theils einzelne ihrer Verwundeten, die sie hatten nach dem ersten Anprall zurücklassen müssen, zurück zu erobern, und nicht gefangen, wer wußte welchem Schicksal, zu überlassen; aber das was sie fanden war mehr als Widerstand, es war der endlich losgebrochene Grimm eines mißhandelten Volkes, und mit dem alten Fanue an der Spitze, der schon aus vier oder fünf Wunden blutete, warfen sich die Eingebornen dem viel besser bewaffneten Feind mit solcher Hartnäckigkeit und Todesverachtung immer auf's Neue entgegen, daß dieser zuletzt in voller Flucht die Boote suchen und nach dem Schiffe zurückrudern mußte. Dieses eröffnete jetzt, da die eigenen Leute den Kugeln nicht mehr im Wege standen, ein unregelmäßiges aber von wenig Erfolg begleitetes Feuer auf die Eingebornen, die sich dabei wieder in den Wald zurückzogen, und die Corvette, mit keiner Ordre hier einen wirklichen Kampf zu beginnen, der sogar höchst unsicher schien da die Eingebornen wider alles Erwarten reichlich mit Feuerwaffen versehen waren, lichtete ihren Anker und suchte so rasch sie konnte wieder nach Papetee aufzukreuzen, dorthin die wohl schon erwartete, aber jedenfalls höchst unwillkommene Nachricht von dem Aufstand der Insulaner zu bringen.
An Todten und Verwundeten hatten sie bei diesem ersten Kampf zwischen vierzig und fünfzig verloren, von denen sie nur einen Theil im Stande waren wieder auf ihre Boote in Sicherheit zu bringen; fast alle Todte und viele der Verwundeten blieben in der Gewalt der Feinde.
Von Papetee wurde, sobald die Nachricht dort eintraf, augenblicklich ein Kriegsdampfer, und die Jeanne d'Arc mit den nöthigen Marinesoldaten abgeschickt, die Insurgenten zu züchtigen und zu zerstreuen, während die Eingebornen um Papetee, die noch rascher durch abgeschickte Läufer Kunde von dem Beginn der Feindseligkeiten erhalten, ebenfalls zu den Waffen griffen und sich in nicht unbedeutenden Schwärmen in der Nähe der jetzt vollständig befestigten Stadt, wo man jeden Augenblick einen Angriff erwartete, sammelten. Die Lage der Franzosen in Papetee wurde dadurch denn auch zu einer keineswegs angenehmen, da die Uranie, wie mehre andere Kriegsschiffe, den Hafen erst ganz kürzlich verlassen hatte, einen temporären Westwind benutzend, die Marquesas zu erreichen. Die Besatzung, durch das Auslaufen der übrigen, irgendwo an der Küste verlangten Fahrzeuge, blieb deshalb fast allein nur auf sich selber angewiesen, und war sich der Gefahr in der sie, einem wirklich ernsten Angriff der Eingeborenen gegenüber, schwebte, recht gut bewußt.
Capitel 10.
Der Abschied.
Die Lage der Dinge war aber jetzt eine so mißliche geworden, daß René selber fürchtete außerhalb der Befestigungen, und in der That gerade in einem Distrikt wohnen zu bleiben, der mitten zwischen dem Hauptsitz der Europäer und den Strecken lag, auf denen sich die Insulaner schon an zu sammeln und zu verbarrikadiren fingen, und von wo aus sie auch jedenfalls Streifzüge gegen Papetee selber unternehmen würden. Welche Parthei nun auch Sieger blieb, die Unannehmlichkeit, ja die Gefahr einer solchen Lage blieb dieselbe. Aber Sadie wollte nicht nach Papetee — Monsieur Belard hatte ihnen schon ein kleines Gebäude, das auf seinem Grundstück lag und leer stand, anbieten lassen; der Gedanke aber was sie dort gesehn, die Angst selber dann vielleicht gezwungen zu sein länger zwischen den Fremden wohnen zu bleiben, und wieder in einen Umgang gezogen zu werden, dessen Gefahren ihr Herz mit einer ihr selber unbegreiflichen Furcht erfüllten, trieben sie zu wirklich entschlossener Weigerung, und sie fand einen Bundesgenossen der sie darin unterstützte in dem ehrwürdigen Mr. Nelson.
Dieser war längere Zeit unten in Papara gewesen, und ganz kürzlich erst wieder von da nach Papetee zurückberufen, eine andere noch nicht fest bestimmte Station auszufüllen. Sadie hatte dem würdigen Mann ihr ganzes Herz ausgeschüttet, Alles geklagt was ihr fehle, Alles gestanden was sie bei einem längeren Aufenthalt unter den Fremden fürchte, und in dem Geständniß, während sie sprach, und Worte fand für das, was ihr bis dahin still und schwer im Herzen gelegen und ihr so weh gethan, war es auch fast als ob sich Manches, was ihr bis dahin selber noch nicht klar gewesen und ihr mit finsterer unbegriffener Ahnung die Brust erfüllte, von selber löse und zu fester Form gestalte. Sie öffnete dem alten ehrwürdigen Mann ihr ganzes Herz, und erfuhr dabei erst selber wie dunkel doch die Welt jetzt um sie lag, und wie sie nur in der That noch durch eine Flucht nach Atiu dem Allen wieder entgehen, und glücklich werden könne. René liebte sie noch wie in früherer Zeit, sein Herz war gut und brav und edler Regung, Handlung rasch geöffnet, — nur der Verführung mußte er hier entzogen sein — nur erst wieder vergessen was er Alles aufgegeben für sie, dann würde auch Alles wieder gut wie in früherer Zeit, und der Himmel wieder blau, der jetzt wohl recht lange trüb gewesen — recht trüb und traurig.
Ein erster Sonnenblick in dieses Dunkel war die Berufung des alten wackeren Missionairs Nelson nach Atiu, die er, wie er Sadie versicherte, der freundlichen Verwendung des Mr. Rowe, der überhaupt jetzt Einer der leitenden Missionaire geworden war, zu danken hatte. Ein Englischer Wallfischfänger, der hier vor einigen Tagen erst eingelaufen Erfrischungen einzunehmen, hatte sich dabei, von den Geistlichen der Inseln aufgefordert, erboten, den Missionair mit seinen Habseligkeiten an den neuen Ort seiner Bestimmung zu schaffen, und Mr. Nelson kam jetzt Sadie und René den Vorschlag zu machen, ihre Sachen und Mobilien einzupacken, und Sadie mit dem Kinde ihm anzuvertrauen. Er hatte schon die Versicherung erhalten daß man Bruder Ezra erlauben würde ihn zu begleiten, und zweifelte sogar nicht daran, auch vielleicht René seines Worts entbunden zu sehn, der dann gleich Schiffsgelegenheit wie Alles geordnet hatte, seine längst besprochene Uebersiedelung auszuführen. Günstigeren Zeitpunkt dazu gab es nicht für ihn, und verzögerte sich selbst jetzt noch, durch Französische Weitläufigkeit aufgehalten, seine Abreise, so wußte er nicht allein, wenn der Kampf hier wirklich losbrach, Weib und Kind in Sicherheit, sondern er selber war auch durch Nichts mehr behindert, frank und frei nachzukommen sobald er sich nur selber dieser trostlosen Untersuchung entzogen.
Sadie erschrak anfänglich bei dem Gedanken sich von René, und wenn auch nur auf kurze Zeit, zu trennen, so sehr ihr auch das Herz freudig pochte in wenigen Tagen vielleicht ihr liebes Atiu dann wieder zu sehn. Sollte — durfte sie den Gatten hier allein zurücklassen, wo ihm vielleicht noch Gefahr für seine Freiheit, und wie sich der Kampf gestaltete, für sein Leben drohte? Und allein nach Atiu zurückzukehren? — sie hatte sich das so ganz anders gedacht — so lieb und glücklich sich das ausgemalt wenn sie, an die Brust des Gatten geschmiegt, ihr Kind am Herzen, von fern die ersten Kuppen der lieben Insel wieder erschauen würde — wenn die Thäler und Hänge dem Meer entstiegen — rechts und links das niedere Palmenbewachsene Land austräte von den Gebirgen, und höher und deutlicher würde, und sie sich dann jeden felsigen Vorsprung zeigen konnten, jedes Thal, jede Schlucht und zuletzt — Ach sie seufzte recht schwer und schmerzlich auf wenn sie daran dachte, daß sie das Alles jetzt allein nur schauen sollte, wo die Freude über den Anblick doch das Bewußtsein halb ertödten müßte — er, durch den Dir die Plätze und Thäler ja so lieb gewesen, er der Dir dies Land ja erst zum Paradies geschaffen, ist nicht bei Dir, und wenn er kommt, muß er das Alles auch allein nur wiedersehn, und hat seine Sadie, hat sein Weib und Kind nicht bei sich, dem seligen Gefühle Wort und Laut zu geben.
Ging sie aber jetzt nach Atiu, so bot ihr das auch einen Ausweg nicht hinein in die Stadt, nicht nach Papetee zu ziehn, fort fort zu dürfen aus der Nähe der Menschen, die sie nicht verstanden, die zu ihr niederblickten, mit ihrer Haut und Bildung, die ihr nie das Bedürfniß stillen konnten und — mochten, ein Herz zu finden dem sie sich anschlösse, eine Brust in die sie ausschütten konnte was sie quäle, der sie zujubeln durfte was sie freue.
René sträubte sich Anfangs ebenfalls gegen den Gedanken Frau und Kind vorausziehn zu lassen, so lieb es ihm auch sonst war, sie jeder hier aufsteigenden Gefahr enthoben zu sehn; er wußte aber auch recht gut, wie schwer es in jetziger Zeit sei eine so günstige Gelegenheit zu finden auf einem großen sicheren Schiff die Seinen an den Ort ihrer Bestimmung zu schaffen, und nur einen letzten Versuch wollte er machen, von dem jetzigen Gouverneur die Erlaubniß zu erhalten die Frau begleiten zu dürfen. Trotz einer unausgesetzten Untersuchung jenes Falles, bei dem sich die Französischen Behörden ganz besonders solche Mühe gaben, irgend etwas Gravirendes gegen die Protestantischen Geistlichen oder die auf der Insel überhaupt wohnenden Engländer zu finden, hatte sich nicht das Geringste herausgestellt, was auch nur den Schatten eines Verdachts auf seine Betheiligung werfen konnte; ausgenommen vielleicht daß sein Ueberfall an dem Abend, René wußte selber nicht wie, bekannt geworden, und man ihm das gewissermaßen zum Vorwurf machte, es gegen die seine Untersuchung leitende Behörde verschwiegen zu haben. Anderseits sprach das aber wieder um so mehr für seine Unschuld, von dem beabsichtigten Verbrechen, verbotene Waffen auf die Insel zu führen, Nichts gewußt zu haben; was hätte den Insulanern sonst an seiner Person gelegen. Die Sache schien überhaupt keinen Erfolg zu versprechen und man wurde ihrer müde. Bruder Ezra hatte dabei wirklich die Erlaubniß erhalten nach Atiu zurückzukehren, mit der Bedingung jedoch, gleich aus dem Gefängniß an Bord geschafft zu werden, und mit weiter Niemandem an Land auch nur den geringsten Verkehr zu haben.
René ging denn auch ohne Weiteres zur Wohnung des Gouverneurs, diesem die Sache noch einmal, wie seine ganzen Verhältnisse vorzutragen, und ihn zu bitten ihn seines Worts zu entbinden. Sei denn später seine Gegenwart wirklich noch einmal nöthig, was aber jetzt sehr zu bezweifeln stand, so lag ja Atiu auch nicht aus der Welt, und er wäre jeden Augenblick bereit gewesen sich zu stellen.
Aber auch hier sollte er sich wieder in seiner Hoffnung getäuscht sehen; Gouverneur Bruat war gar nicht in Papetee, sondern mit einer Dampf-Fregatte selber hinunter nach Tairabu gegangen, von wo der, im Bureau befindliche Secretair glaubte, daß der Oberbefehlshaber der Inseln wahrscheinlich eine Rundreise nach der benachbarten Gruppe hinübermachen wollte, da besonders von Huaheina und Bola Bola ebenfalls bedenkliche Nachrichten über den Zustand der dortigen Verhältnisse eingelaufen waren. Der Secretair konnte natürlich Nichts in der Sache beschließen, die nur der Gouverneur zu erledigen vermochte, und er bat den jungen Mann nur noch höchstens zehn oder zwölf im allerlängsten Fall vierzehn Tage zu warten, wo Mons. Bruat unter jeder Bedingung zurück sein müßte, und dann der Entbindung von seinem Wort auch sicher nichts weiter im Wege stände, da er ihm die Beruhigung allerdings geben könne, daß sich der Gouverneur selber dahin geäußert habe die Untersuchung als trostlos fallen zu lassen. Nur einen definitiven Beschluß vermochte er selber nicht zu geben.
Das schlug zwar alle seine Hoffnungen zu Boden mit dem, schon am nächsten Morgen zum Auslaufen bestimmten Wallfischfänger in See gehn zu können, beruhigte ihn doch aber auch so weit, daß seinem raschen Nachfolgen nichts mehr im Wege stehn würde. Ohne Weiteres beschloß er nun aber auch in die Abreise seiner Frau und seines Kindes mit dem bequemen Wallfischfänger, dessen Capitain er gleich selber aufsuchte, zu willigen, besprach mit diesem das an Bordschaffen der verschiedenen Güter, das am nächsten Morgen mit Tagesanbruch durch die vier Wallfischboote des Schiffes selber geschehen sollte, wie denn Mr. Nelsons Effecten schon eingenommen waren, und schritt nun langsam nach Hause zurück, die letzte Nacht unter dem Dache an Mativaibai, wo er so manche frohe und glückliche Stunde verlebt, mit seiner Sadie zuzubringen.
Die letzte Nacht — es liegt ein eigener, wehmüthiger Zauber in dem Wort, wenn wir einen lang bewohnten, wohl gar lieb gewonnenen Platz verlassen sollen; trifft uns ja doch schon die Bedeutung des Worts bei selbst gleichgültigen Stellen, bei einem Ort vielleicht, aus dem wir uns fortgesehnt haben mit aller Kraft unserer Seele. Wir drängten und trieben, bis wir das Ziel erreicht, bis wir das Haus, den Platz zuletzt verlassen konnten, wo uns der Boden vielleicht schon Monate lang unter den Füßen gebrannt, und wenn wir fort dürfen, wenn die Welt frei und offen vor uns liegt, und die Schranken fielen, die uns bis dahin hielten, dann faßt uns ein eigenes, unerklärbares, unbegreifliches Gefühl von Weh und Reue fast die Brust — wir stehn und zögern, wenden uns zum Gehn, und der Fuß ist schwer geworden, der uns in Gedanken schon oft im Fluge weiter trug. Und frägst Du Dich warum? — zum letzten Male bewohn ich diesen Platz, sagst Du Dir leise — zum letzten Mal betret ich ihn vielleicht — dazwischen liegt die Ewigkeit, und der Gedanke an jenes unbestimmte Sein, dem wir mit diesem neuen Schritt schon wieder so viel mehr entgegen gehn, klopft und regt sich Dir in der Tiefe des Herzens, und mahnt und warnt, und Dein Zögern ist nicht mehr die Anhänglichkeit an den vielleicht verhaßten Platz — es ist die Furcht, die kaum gefühlte Scheu der Zukunft gegenüber.
Und wie viel stärker muß das Gefühl da sein, wo sich das Herz noch mit allen Fasern an die Erinnerung lieber Plätze klammert, und nicht loslassen will und mag, der ersten Forderung; was uns da fern liegt stößt uns noch zurück, und das Gewohnte, dem sich das Herz ja so gern zu eigen giebt, wahrt und behauptet seinen alten Raum.
In ernstem Schweigen blieb René stehn, als er den freien offenen Platz erreicht, von dem aus er die kleine friedliche Heimath, die er seit Jahren nun sein eigen genannt, überschauen konnte, und trübe schmerzliche Gedanken waren es, die ihm das Hirn durchzuckten. Manches Andere gesellte sich noch dazu — er war gealtert seit er sich einst hier angebaut, gealtert an Leib und Seele — und mehr noch an Seele wie an Leib. Und hatte sich Alles das erfüllt was er hier einst gehofft? — war das Wahrheit geworden, was ihm die Phantasie in seinem leichten Herz da vorgemalt mit bunten blitzenden, schimmernden Farben? bot ihm die Zukunft noch, was sie ihm einst in schöner Zeit versprochen? — doch fort, fort mit den Gedanken, die ihm die dunklen Zweifel durch die Seele jagten, fort — sein Leben lag vorgezeichnet mit klarer Schrift — für ihn gab es kein Abweichen von der geraden Bahn; weshalb das Herz da noch mishandeln erst und quälen.
Und als er noch so da stand und, erst die düsteren Geister gebannt, aus dem Schatz seiner Erinnerungen all die lieben seligen Bilder herauf beschwor; das Glück in dem er geschwelgt, den süßen Frieden den er hier gefunden, als ihn die ganze Welt zurück gestoßen und das Herz verschmäht das er ihr bot, da schoß das Blut ihm wieder auf in Wange und Stirn. Seine Augen belebten sich, seine Brust hob sich höher, freier — seine Lippen lächelten und jetzt? — der laute fröhliche Jubelruf des glücklichen spielenden Kindes traf sein Ohr; dort in die Winden umrankte Thür des freundlichen Häuschens trat sein Weib, das herzige Mädchen auf dem Arm, auszuschaun nach dem so lange bleibenden bösen Vater, und mit einem Satz war er drüben, über der Einfriedigung, hatte sein treues Weib umfaßt und an sein Herz gedrückt, das sich an ihn schmiegende Kind auf dem Arm, und die Stunden verflogen dem Glücklichen wie in alter Zeit.
Jetzt erzählte René auch der, darüber fast wieder traurig werdenden Frau, von der Verabredung die er mit dem Capitain getroffen, und wie der Gouverneur den lächerlichen Proceß wolle fallen lassen, wegen dem Mord der Schildwacht, bei dem er ja doch wahrlich nicht betheiligt gewesen, so daß er nun gleich nachfolgen könne, sobald Jener zurückgekehrt — und lange durfte er ja gar nicht wegbleiben, wie jetzt die Sachen standen, und jeder Tag den Aufstand bis dicht nach Papetee zu bringen vermochte.
So sollte denn Sadie morgen endlich zurück kehren nach ihrem lieben Atiu, und bis sie dort Alles mit Mr. Nelsons und des kleinen Mitonare Hülfe in Ordnung gebracht, konnte René auch schon wieder eine Gelegenheit gefunden haben nachzukommen — die wenigen Tage oder selbst Wochen gingen rasch vorüber. Und Sadie lachte und jubelte, und war wieder ganz das fröhliche heitere Kind der Palmeninsel, und die Kleine schrie und jauchzte vor lauter Lust, als sie die Mutter so lachen sah und fröhlich sein.
Den Abend plauderten sie noch bis spät in die Nacht hinein und am anderen Morgen, als Sadie traurig werden wollte daß es nun bald an den Abschied ging, hatte sie so viel zu thun, daß sie gar nicht Zeit bekam daran zu denken, und die Boote wohl eine halbe Stunde liegen und warten mußten bis Alles zusammengerollt und eingeschnürt zum niedertragen fertig lag. Nur das Nothdürftigste behielt René zurück, jetzt durch so wenig als möglich belästigt zu bleiben, und das Wenige dann mitzubringen, wenn er selber käme.
Um zehn Uhr, wenn die Landbrise ordentlich einsetzte, sollte das Boot wieder da sein, und Frau und Kind gleich von hier aus, wenn der Wallfischfänger in Sicht käme, hinaus in See und an Bord bringen.
Eben waren die Boote mit dem Gepäck abgefahren und um die nächste Landspitze verschwunden, und René und Sadie standen noch und schauten ihnen nach, denn es war fast als ob sie sich scheuten nach dem leeren Haus zurück zu gehn, da hörten sie Schritte hinter sich und Sadie stieß einen leisen Angstschrei aus, während sich Renés Brauen finster und drohend zusammenzogen, als durch den Garten zu ihnen nieder die lange düstere Gestalt des Missionairs Rowe feierlich und ernst herunter schritt, und unbekümmert um den wohl nicht ganz herzlichen Empfang, die beiden jungen Leute mit einem frommen Blick nach oben und vorgestreckten, nach unten gedrehten Händen, wie segnend grüßte. Seine Lippen lispelten dazu ein leises Gebet, und der tief aus innerster Brust geholte Seufzer, der das kaum hörbar geflüsterte Amen begleitete, verrieth das Mitgefühl, das sein Herz bewegte bei den Leiden derer, die um ihn her sündigten und litten.
»Und welchem glücklichen Zufall habe ich die Ehre dieses in der That unerwarteten Besuchs zu danken?« sagte René kalt, als der Geistliche noch einige Schritte auf sie zu kam, und dann dicht vor ihnen stehen blieb, ohne jedoch irgend ein Wort als sonstigen Gruß oder Anrede zu sagen; »oder hat Mr. Rowe sich im Haus geirrt und ist, das wahrscheinlichere, ein paar Thüren zu weit gegangen, wo er dann freilich mitten hinein ist gerathen in die »papistischen Gräuel« und den »Baalsdienst«.
»René« bat Sadie, und drückte leise und bittend des Gatten Arm, aber das Herz war ihr selber fast wie zugeschnürt, denn jedem entscheidenden Schritt ihres Lebens voran, trat ihr der Mann entgegen so ernst und finster wie er jetzt da vor ihr stand; und hatte nicht immer sein Kommen ihr Leid gebracht, und viele viele Thränen? Wie eine dunkle Ahnung, der sie nicht Worte geben konnte und wollte, füllte ihr sein Anblick die Brust, das Herz in dieser Stunde, und sie mußte sich zwingen den leisen Gruß auch freundlich zu erwiedern. Aber der Geistliche verlangte weder Gruß noch Freundes Wort; nein, aus sich selber heraus quoll ihm des heiligen Wortes Spruch und Vers mit der salbungsvollen Rede, die Trost und Frieden in ihrem Aeußeren in Wort und Bild wohl brachte, aber das Herz kalt ließ dabei und unbefriedigt.
»Nicht Zufall, mein Bruder, oder ein Irrthum gar, hat mich auf Deine Schwelle geführt« erwiederte Bruder Rowe jetzt der etwas frostigen Anrede des Katholiken, »aber Du und die Gattin die Du Dir erwählt, Ihr Beide steht an einem Abschnitt Eures Lebens, an dem Euch das fromme Wort eines Mannes, der es gut und redlich mit Euch meint, nicht fehlen sollte.«
»Herr Rowe ich dächte daß Sie mir davon den Beweis gegeben« unterbrach ihn rasch René, der sich nicht helfen konnte dem Gedächtniß des Geistlichen mit früherer Zeit zu Hülfe zu kommen, ihn vielleicht in Verlegenheit zu bringen; darin aber hatte er sich bei dem frommen Mann geirrt.
»Lasset die Zeit die hinter uns liegt und hebet Euer Auge zu Gott und Seinen Werken« sagte er ernst und feierlich, aber keineswegs erzürnt über die finstere Mahnung des jungen Mannes. »Was ich gethan und wie ich gehandelt liegt offen vor Gott; Er nur prüfet die Herzen und Nieren, und siehe da, vor Seinem Auge ist kein Verbergen noch Hehl. Seine Wege sind aber wunderbar, und Er führet Alles zum Besten hinaus, und Ihm deshalb sei Ehre und Preis in der Höhe; unsere Herzen sollen da nicht hochmüthig selber richten wollen.«
René wollte reden, aber der leise Druck von Sadieens Hand lag bittend auf seinem Arm, und er biß nur die Unterlippe ein und wandte sich halb ab von dem Geistlichen; er wollte sich die Abschiedsstunde nicht verbittern, und dann auch wieder lag eine Art halben Triumphs für ihn darin, wie er jetzt dem, dieser Verbindung so feindlich gesinnt gewesenen Priester gegenüber stand. Mr. Rowe übrigens, unbekümmert um Alles was in der Brust des Franzosen, dessen Gesinnung gegen ihn er vollkommen gut begriff, vorgehn mochte, schritt auf Sadie zu, nahm die Hand der jungen Frau die sie ihm widerstandlos und zitternd überließ und mit den Worten — »lasset uns beten, daß Gott sein Gedeihen gebe zu dieser Reise und seinen Segen Dir schenke, meine Tochter, für und für«, führte er die etwas erstaunte Frau von der Seite ihres Gatten fort in das Haus, dort, wie er ihr sagte, ungestört ihre Augen und Herzen zu Gott erheben zu können.
René blieb wirklich erstaunt über diese fabelhafte Ruhe — und er hatte noch einen anderen Namen dafür — zurück, und sah ihnen nach, dann aber mit dem Kopf schüttelnd und halb lachend, halb ärgerlich nahm er sein Kind auf den Arm und sprang und spielte damit am Strand herum, die Rückkunft des frommen Mannes mit seinem Weib zu erwarten.
»Eine Zuversichtlichkeit haben die Burschen« murmelte er dabei vor sich hin, indem er zuletzt ungeduldig werdend am Strande auf und ab ging, und durch die rasche Bewegung seinen Unmuth zu beschwichtigen suchte, »ein Selbstvertrauen das in's Graue geht; und mit dem frommen Gesicht tritt mir der Mensch da keck und salbungsvoll entgegen, und thut wahrhaftig nicht als ob er sich schämen müsse mir in's Auge zu sehn, nein, als ob er mir verziehen hätte, Alles was ich ihm gethan und an ihm verschuldet. Hahahaha, es ist wahrhaftig zum Todtschießen solche Fragezeichen der Schöpfung unter uns herumlaufen und ganz bescheiden sich die Krone des Menschengeschlechts aufsetzen zu sehn. Es gehört aber Geduld dazu, und verdenken kann ich's meinen Landsleuten gerade nicht, wenn sie die in diesen Tagen einmal darüber verlieren und mit Kanonenkugeln hinein donnern in den Kram. Und wer leidet nachher darunter? sicher nicht diese Schleicher, die sich wohlweislich einzudrücken verstehn und mit einem frommen dankbaren Blick nach oben Nachbars Haus darüber zu Grunde gehn sehn — hol' sie Alle der Henker. — Und wo er nur bleibt?« — setzte er dann nach einer Pause, mit einem ungeduldigen finsteren Blick nach seiner Thür hinzu — »es gehört bei Gott die Geduld eines Heiligen dazu, mit diesen — Heiligen fertig zu werden.«
Mr. Rowe mochte aber wohl ahnen, ja er wußte das sogar ganz genau, wie gern ihn der Franzose bei sich sah, hielt es aber für unumgänglich nothwendig, seinen Halt an das Herz und die Religion der Frau nicht ganz aufzugeben, und hatte schon lange und ungeduldig eine Gelegenheit gesucht, mit dem ihm, nicht gerade zum Dank verpflichteten Katholiken wieder auf etwas freundschaftlichere Weise anzuknüpfen; jedenfalls aber eine Entschuldigung zu finden sein Haus in seiner Gegenwart zu besuchen, um dann weiter zu bauen auf dem gewonnenen Vortheil. Der Zeitpunkt war ein Abschied von Tahiti, wie er sich vielleicht nicht wieder bot, und der Erfolg bewies daß er recht gehabt; misbrauchen durfte er das aber auch nicht, wenn er den errungenen Vortheil nicht wieder verlieren wollte, und deshalb das Gebet vielleicht rascher beendend, als er es unter anderen Umständen gethan haben würde, erhob er sich wieder, stäubte sich die Knie ab, küßte Sadie inbrünstig auf die Stirn, legte seine Hände einen Augenblick auf ihr Haupt und führte sie dann wieder mit einem freudigen Blick nach oben dem Gatten zu, der ihnen schon an der Thür entgegen kam, Sadiens Arm erfaßte und in den Seinen zog, und dann den Geistlichen ansah, als ob er seiner Entfernung nicht das mindeste in den Weg zu legen wünsche.
Bruder Rowe war aber auch nicht der Mann, der einen Ort verlassen hätte ehe er es selber für Zeit hielt, und ohne jedenfalls den Samen des göttlichen Wortes nach Kräften ausgestreut zu haben; fiel der dann auf unfruchtbares Land, so war das nicht seine Schuld, und er hatte sich selber keine Vorwürfe darüber zu machen. In einer ziemlich langen Anrede, die halb Gebet halb Unterhaltung war, wandte er sich dann noch einmal an den jungen Mann, der nur die Frau nicht kränken mochte und sonst dem für ihn höchst langweiligen Gespräch wohl bald ein Ende gemacht hätte, ermahnte ihn auf der beschrittenen Bahn des Guten, die er hier auf Tahiti, als eine schätzenswerthe Ausnahme von seinen Landsleuten jedenfalls betreten, ruhig fortzuschreiten, wobei nur Gott ihm in seiner Allbarmherzigkeit die eine schwere Missethat des Mordes verzeihen wolle, und verkündigte ihm dann, als er merkte wie René jetzt wirklich ungeduldig wurde und schon den Mund öffnete zum trotzigen Einwurf, daß er dafür gesorgt habe ihre alte früher innegehabte Wohnung in Atiu wieder für sie herrichten zu lassen; daß das Dach neu gedeckt, das Haus gereinigt und gelüftet sei — eine nicht ganz unnöthige Vorsicht des sonst sehr leicht darin nistenden Ungeziefers der Centipeden wegen — und daß es Sadie nach ihrer Ankunft dort gleich beziehen könne, als ob sie es nie verlassen habe.
»Das Haus uns hergestellt?« rief René allerdings im höchsten unbegrenzten Erstaunen, da er erst gestern Abend ja den Entschluß gefaßt, und Wochen dazu gehört haben mußten das anzuordnen und auszuführen — »und wer, mein Herr, hat Sie darum gebeten?«