[F] Die Querseile an den Wanten, die zu Strickleitern dienen.

Mit Sonnenuntergang kam etwas regeres Leben an Deck — die Leute beschäftigten sich mit einem der zur Vorsorge mitgenommenen und über dem Hinterdeck auf einem besonders dazu hergerichteten Gestell gehaltenen Boote, und nahmen es mehr nach vorn, etwa midschips, um es nachzusehn. Hoch postirt aber und längs der Schanzkleidung hin an Backbordseit, diente es zugleich dazu den weiter in der Bai liegenden Schiffen die Aussicht auf sein Deck, die überdies in der rasch einbrechenden Dunkelheit unsicher wurde, vollkommen zu versperren; auch nach Land zu war ein Ueberblick an Deck durch dort, wie zufällig, aufgehangene Matrosenwäsche theils, theils durch ein altes Segel, versperrt, und vier Fässer waren unter dieser Schutz an Deck geschafft worden und mit Tauen umwunden, um, sobald die Nacht vollständig eingebrochen sei, über Bord gelassen zu werden.

Eine günstigere Nacht hätte sich Mac Rally aber auch gar nicht zu seinem von O'Flannagan angegebenen Unternehmen wünschen können, das in nichts Geringerem bestand als zweihundert Stück Gewehre mit der nöthigen Munition, wie eben so viele Säbel, an den durch den Iren selber bestimmten Ort zu schaffen. Da man aber wußte daß die Küste an diesem Abend schon scharf bewacht wurde, und ein hoch aus dem Wasser gehendes Boot kaum unbemerkt hätte durchkommen können, waren die Waffen in gewöhnliche Thranfässer mit hölzernen Reifen förmlich verspuntet worden, und die Fässer selber mit ihrer Fracht eben nur so weit belastet, daß sie im Wasser, kaum drei oder vier Zoll über die Oberfläche vorragend, schwammen. Mit der Ebbe war dabei nichts weiter nöthig als sie zu steuern, wozu ihnen vier, schon an Bord befindliche Indianer mitgegeben waren, die sie ebenfalls schwimmend begleiten mußten. Mit einbrechender Nacht konnte dies wunderliche Floß, das sich in der That nur durch einen ganz schmalen schwarzen Streifen von der es umgebenden Wasserfläche unterschied, unmöglich vom Ufer aus, von dem es schon durch die Korallen auf etwa hundert und funfzig Schritt abgehalten wurde, erkannt werden. Mit der Lokalität genau bekannt, war auch keine Gefahr da, daß die Landenden vorher bemerkt wurden, wenn nur Jemand an Land die Aufmerksamkeit der dicht bei der eigentlichen Landung stationirten Schildwacht ablenken wollte, und der dort wohnende Franzose, durch dessen Garten die Fracht geschafft werden mußte, entfernt oder für ihr Unternehmen gewonnen werden konnte. Das erstere hatte O'Flannagan selber, das zweite Mr. Noughton — wie er sagte »durch seine Freunde« — übernommen.

Es war gerade mit Sonnenuntergang, der in diesen Breiten ziemlich regelmäßig um sechs Uhr das ganze Jahr hindurch einfällt, und der am Strand eben abgelöste Posten schritt, sein Gewehr im Arm, langsam auf der harten sandigen Fläche auf und ab. Mißtrauisch wohl manchmal nach Westen hinüberschauend, wo über den scharfzackigen Kuppen von Imoe schwarze düstere Wolkenschleier aufstiegen, hinter denen die Sonne schon eine ganze Weile verschwunden war, fesselte das ihn umgebende prachtvolle Schauspiel der Riffe doch weit mehr seine Aufmerksamkeit, und nicht satt sehen konnte er sich an den weißen schäumenden Massen, die in dumpfem Brausen, wenn auch zurückgeschlagen, immer auf's Neue mit ungeschwächtem Muth zum Kampfe eilten und ihre blitzenden schneeigen Kronen dem Feind in's Antlitz schleuderten. Dazu die wehenden Palmen über sich, der herrliche Duft der aus den etwas rauh geschüttelten Blüthen der Orangen und Wi's zu ihm herüberwehte, das leise Plätschern des kaum erregten Binnenwassers auf dem harten Sand, wie die Fluth fiel und das Wasser weiter und weiter nach See zurückwich — es war ihm froh und leicht um's Herz, und fast vergessend daß er hier eigentlich her postirt war in dies Paradies, als ein fremder dahinein gar nicht gehörender, feindlicher Körper, summte er sich doch ein munteres Lied und athmete die kühle würzige Luft ein — der Brust ein herrliches Gefühl nach dem schwülen dumpfigen Tag.

In jenen Ländern kennt man die Dämmerung kaum; der letzte Gluthenstreif der Sonne ist eben hinter dem Horizont verschwunden, und im Osten treten schon die Sterne sichtbar vor; heller und heller blitzen sie uns, wie es scheint fast die Nachbarlichter an dem eigenen Strahl entzündend, weiter und weiter der Sonne nach, und mehr und mehr Kraft gewinnend wie sie oben stehn; — so nicht fünfzehn Minuten später hüllt wirkliche Nacht die Erde ein, während noch der hellere Streif im Westen die Stelle kündet wo die Sonne kaum verschwunden.

In der kurzen Dämmerung die dem scheidenden Tage folgte, war es, als ein Seemann, wenigstens der Kleidung nach, mit einem kleinen, in ein rothseidenes Tuch eingeknüpften Bündel am Strande suchend heraufkam, und seine Aufmerksamkeit ganz auf das Wasser gerichtet hielt, als ob er von dort her irgend Jemand erwarte. Die Schildwacht hatte ihn zuerst bemerkt als er über den benachbarten Gartenzaun sprang, aber wenig weiter auf ihn geachtet. Die Matrosen der verschiedenen Schiffe, besonders der Englischen, streiften in der ganzen Nachbarschaft umher und mußten doch alle mit dem um acht Uhr gefeuerten Abendschuß Papetee wieder verlassen haben, an Bord ihrer verschiedenen Schiffe zurückgekehrt zu sein; es war Zeit daß der Mann dorthin aufbrach, er verpaßte sonst die Stunde, und konnte vielleicht die Nacht, statt in seiner bequemen Hängematte, in dem Französischen Wachthaus zubringen — eine Abkühlung für die Freuden des Tages.

Der Matrose schien aber gar nicht direkt nach Papetee zurückzuwollen, denn langsam am Ufer hinschlendernd, wobei er sich der Schildwacht mehr und mehr näherte, blieb er manchmal stehn und erwartete jedenfalls ein Boot von See her, das vielleicht versprochen hatte ihn hier abzuholen. So wenigstens erklärte sich die Schildwacht die Bewegungen des Mannes.

Endlich mußte dieser — und es war fast dunkel indessen geworden — zu einem andern Entschluß gekommen sein; er stampfte erst ein paar Mal, wie ärgerlich und ungeduldig mit dem Fuß, und schritt dann, dabei alle möglichen Englischen Flüche in den Bart murmelnd, gerade auf den Franzosen zu, der jetzt, da ihm die Fernsicht doch durch die einbrechende Dunkelheit genommen war, sich gegen ihn wandte, zu sehen was der Bursche von ihm wolle.

»Hallo Mate«[G] redete er den Soldaten in breitem Irisch an, als er in Sprachnähe etwa herangekommen — »kein Boot gesehen hier, seit Du da stehst und die Muskete spazieren trägst?«

[G] Kamerad.

»Je ne comprends pas, camarade« lachte der Franzose, mit dem Kopf schüttelnd.

»Wer ist todt?« frug der Ire, mit komischem Ernst den Franzosen erstaunt ansehend.

»Je ne comprends pas — rien du tout — notting!« erwiederte aber die Wacht halb mürrisch über die wiederholte Frage, und das einzige Englische Wort verunstaltend, das sie vielleicht konnte — »geh hinunter nach Papetee — bis Du hinunter kommen kannst wird der Abendschuß gefeuert, und nachher sitzest Du da.«

»Ahem« nickte der Ire, der nicht eine Sylbe von dem Allen verstand — »er wird's wohl nicht haben ändern können. Aber verdammt, das ist langweilige Arbeit, wenn der Bursche auch kein Wort Englisch versteht — wie mach' ich ihm da begreiflich was ich will — ist doch horndummes Volk die Wi-Wis.«

»Prenez garde!« rief der Posten drohend, der die letzten nur zu gut gekannten Sylben wohl verstanden hatte, und sich denken konnte daß der Fremde ärgerlich darüber sei sich nicht ausdrücken zu können und für sich schimpfe — »wahr' Dich wie Du das Wort hier brauchst Kamerad.«

»Dann versteht Ihr vielleicht die Landessprache« rief Jim O'Flannagan, denn er war es, jetzt rasch — »auf Tahitisch wär' es wenigstens eine Aushülfe.«

»Tahitisch nicht gerade« antwortete der Franzose ihm in einem anderen, aber doch verständlichen Dialekt — »ich bin fast ein Jahr auf den Marquesas-Inseln gewesen, und es hat Aehnlichkeit — aber was wollt Ihr?«

»Mein Boot, Mate« brummte der Ire, »mein Kamerad hat versprochen mich hier abzuholen, und jetzt läßt er mich sitzen.«

»Nebenan ist heute ein Canoe angefahren« sagte der Franzose.

»Hol' die Canoe's der Teufel« knurrte Jim — »wenn man am festesten sitzt, klappen sie um manchmal, wie die Taschenmesser — nein eine ordentliche reguläre Schiffsjölle mit rothem Segel — nichts gesehn, Kamerad?«

»Nicht die Probe.«

»Verflucht« brummte der Ire, »aber kommen muß er noch, denn er darf nicht ohne mich an Bord zurück — Wollt Ihr mir einen Gefallen thun, Kamerad?«

»Und der wäre?«

»Wollt Ihr mir erlauben mein klein Bündel hier einen Augenblick herzulegen? ich traue dem rothen Gesindel nicht recht, ich habe Geld d'rin.«

»Warum nimmst Du's nicht lieber mit?« frug der Posten.

»Ich muß doch hierher wieder zurück, wenigstens noch einmal nachzusehn ob das Boot nicht kommt — nachher geh' ich die Straße hinunter in die Stadt.«

»Und kommst zu spät zum Abfahren.«

»Bin bekannt dort« lachte der Andere — »im schlimmsten Fall find' ich Nachtquartier — ich bin gleich wieder unten,« und ohne eine halbe Einwendung des Franzosen dagegen weiter zu hören, legte er sein Bündel gleich neben den Stamm einer dicht am Strand stehenden Palme, deren faserige Wurzeln von dem Wellenschlag vollkommen bloß gespült waren, und schritt in das Gebüsch hinein, das dort allerdings der Straße zuführte.

»Diable« brummte aber auch seinerseits der Posten, »giebt einem da Aufträge ohne weitere Umstände — werde mich aber verwünscht wenig um sein Tuch kümmern. Boot? — ein Boot darf mir jetzt gar nicht mehr landen nach Dunkelwerden; verdammt unverschämtes Volk diese Englischen Matrosen.« Und wie den Aerger zu verjagen setzte er pfeifend wieder seine Wandrung am Strande auf und nieder fort.

Jim war aber nicht nach der Straße hinaufgegangen, sondern mit jedem Fußbreit Boden, den er den Tag über genau recognoscirt, vollkommen vertraut, in den Büschen, zwischen dem Posten und der oben aufgestellten Wache durchgeschlichen, und einer etwas weiter oben auslaufenden Korallenspitze zugeeilt, wo man allerdings, der fast bis an die Oberfläche reichenden Korallen wegen mit einem Boote nicht landen, die schmale Durchfahrt aber innerhalb der Riffe, desto besser übersehen konnte. Dort lag er, bis er vom Wasser aus das verabredete Zeichen der vorbeitreibenden Fässer erhielt, deren dunkle Umrisse er von hier aus kaum im Stande war zu unterscheiden. Unten, wo der Posten stand, trieben sie so viel weiter vorüber, und eine Entdeckung war deshalb kaum zu fürchten, sobald nur das Ausladen geräuschlos genug betrieben wurde.

Vollkommen befriedigt über das was er gesehn, lag er noch einige Minuten still, das eigenthümliche Floß mit seinen dunklen Geleitern erst etwa in einer Höhe mit der Schildwacht zu lassen, kroch dann den Weg den er gekommen zurück, und ging nun, in den Büschen wieder angelangt, und durch diese mit einigen halblauten, für das Ohr des Posten bestimmten Flüchen durchbrechend, gerade wieder auf die Palme zu wo sein Bündel lag.

»Kein Boot gekommen?« frug er hier, dicht bei dem Französischen Soldaten stehn bleibend, nahm dabei eine Cigarre aus der Tasche, schlug mit Stein und Stahl Feuer und zündete sie an.

»Nein« sagte der Soldat, dem der Tabacksqualm gut roch, der aber den Engländer nicht deshalb anreden mochte — »jetzt wär's auch zu spät, ich dürft' es gar nicht mehr an's Ufer lassen.«

»So hol's der Böse, ich komme auch ohne es an Bord — eine Cigarre Kamerad?«

Er hielt ihm die Cigarren hin und horchte dabei nach dem Wasser hinüber; sein scharfes Ohr hatte von dorther ein Geräusch entdeckt.

»Danke« sagte der Franzose, die Cigarre nehmend und an der des Iren entzündend — »Taback — schmeckt — prächtig — wenn — man —«

»Hat sie keine Luft?«

»Danke — geht schon — wenn man ihn lange nicht gehabt hat — so, danke.«

»Hm« sagte der Ire, sein Bündel wieder aufnehmend, er that dabei langsam ein paar Schritte an der Wache vorbei und blieb dann wieder stehn.

»Gute Nacht Kamerad« sagte der Franzose.

»Gute Nacht — hm, ja — gute Nacht Mate« entgegnete Jim — das Floß hätte jetzt schon gut an Ort und Stelle sein können, und doch war's ihm immer, als ob er ein verdächtiges Geräusch gerade gegenüber auf dem Wasser höre; hinaushorchen durfte er aber auch nicht, sonst wäre der Posten ebenfalls darauf aufmerksam geworden. Er mußte noch einen Augenblick zögern, und drückte sein Cigarrenfeuer zwischen den Fingern aus, that dann ein paar Schritte, blieb stehn, zog wieder, und wollte eben zurückgehn den Mann wieder um Feuer zu bitten, als dieser sagte:

»Da draußen wird Euer Boot kommen — mir war als ob ich etwas auf dem Wasser hörte.«

»Das wäre der Teufel« brummte Jim in Englisch, setzte dann aber sogleich auf Tahitisch hinzu: »würden jetzt schwerlich glauben daß ich noch hier bin — wird wohl ein Fisch gewesen sein.«

Der Soldat horchte.

»Dürft' ich Euch jetzt noch einmal um Feuer bitten« sagte Jim wieder zu ihm tretend.

»Gern — wahrhaftig da war wieder etwas.«

»Es sind hier viel Purpoisen im Wasser und machen dann immer einen merkwürdigen Spektakel.«

»Das war kaum ein Fisch« sagte der Soldat, jetzt vollständig alarmirt und sich niederkauernd, besser über die Fläche sehn zu können, ob er nicht doch vielleicht durch die Dunkelheit irgend etwas entdecke — »müßte mich sehr irren, wenn das nicht wie eine Menschenstimme klang.«

»Vielleicht Fischer die noch draußen sind« sagte der Ire, sich jetzt ebenfalls niederkauernd, dem was man hörte Form abzugewinnen, in der That aber dem Soldaten, falls dieser wirklich laut werden wollte, so nah als möglich zu sein.

»Ruft doch einmal Euer Boot an« sagte jetzt der Soldat zu Jim, »da werden wir gleich sehen wer draußen ist.«

Das war allerdings richtig, aber daran lag dem Iren Nichts hier Lärm, und die Soldaten an der Straße nur ebenfalls aufmerksam zu machen.

»Es kann das Boot nicht mehr sein« brummte er kopfschüttelnd.

»Diable« murmelte der Franzose, »ich glaube wahrhaftig ich sehe dort etwas auf dem Wasser — ruf Kamerad, ich muß wissen was da draußen ist.«

Jim konnte sich nicht länger weigern und die Hände trichterförmig an den Mund haltend, daß der Schall so wenig wie möglich rückwärts ginge, rief er mit keineswegs lauter, dumpf klingender Stimme:

»Boot ahoy!«

Keine Antwort erfolgte.

»Lauter!« sagte der Soldat.

»Boot ahoy« rief Jim noch einmal, ohne daß sich von draußen irgend etwas als Antwort hören ließ; ja es schien eher als ob der Laut das da drüben, was es nun auch gewesen, zurückgescheucht habe in die Tiefe, aus der es vielleicht gekommen.

»Du rufst gerade als wenn man in einen Topf spricht« brummte der Soldat — »das kann man ja nicht auf fünf Schritt hören.«

»Ich bin heiser« sagte Jim — »aber es war auch jedenfalls ein Fisch — jetzt ist Alles wieder todtenstill.«

»Vielleicht — vielleicht auch nicht, — da ist's wieder! qui vive!« rief er dann mit lautem, kurz abgestoßenem Ton über das Wasser hinüber, »Teufel wenn Du mir da drüben nicht antwortest, schick' ich Dir eine Kugel hinüber.«

Jim hatte die rechte Hand in seiner Tasche und stand lautlos nicht zwei Schritt von dem Franzosen, er sah sich scheu und rasch um, und die linke Hand faßte wie krampfhaft das Bündel das sie trug.

»Wenn Ihr denn da drüben nicht antworten wollt, so tragt auch die Folgen« brummte der Soldat vor sich hin und spannte den Hahn — Jim stand dicht hinter ihm, seine rechte Hand hob sich und als er sie senkte rasselte das Gewehr auf den Sand nieder, und der Körper des unglücklichen Franzosen brach lautlos zusammen.

»Hast's nicht anders haben wollen« sagte der Mörder dumpf vor sich hin und beugte sich zu seinem Opfer nieder. Unwillkürlich hatte er dabei in seiner Tasche nach etwas gesucht — er zog aber die Hand wieder zurück und lächelte unheimlich: »er braucht keinen Knebel mehr; 's giebt doch nichts besseres auf der Welt als solche Schlingenkugel für derlei Arbeit — was für einen sanften Tod der Schuft gestorben ist. Aber nun Kamerad, Dein Gewehr und Patrontasche — das Seitengewehr hilft Dir auch nichts mehr, und hier oben können wir's vielleicht brauchen.«

Rasch hatte er dem Ermordeten die Waffen abgenommen, dann noch einen Augenblick nach dem Wasser hinüberhorchend zog er die Leiche unter einen Busch, wo sie wenigstens nicht vor Tag entdeckt werden konnte, griff sein Tuch und die erbeuteten Waffen auf, und glitt am Strande hin der Stelle zu wo der kleine Cutter vor Anker lag und das Floß mit den Waffen ebenfalls anlegen sollte. Den Boden stampfte er aber vor Wuth, als noch keine Spur von den versprochenen Fässern sichtbar war, und die kostbare Zeit verfloß indeß in unverantwortlichem Warten. Schon wollte er wieder zurück am Strande, ob er weiter oben Nichts erkennen könne, als ein leiser leiser Pfiff, mehr wie das Zischen eines Seevogels, vom Wasser herübertönte.

»Endlich« knurrte der Seemann, die Zähne fest zusammenbeißend und wie er den Ruf kaum, eben so vorsichtig, beantwortet, kam auch schon im Fahrwasser das lange Floß mit den Schwimmern heran. »Wo zum Teufel habt Ihr so ewig lang gesteckt?« fluchte hier Jim ihnen entgegen, »glaubt Ihr daß sie uns die ganze Nacht Raum zu unserer Arbeit geben werden?«

»Wir saßen da drüben auf einer Koralle und konnten nicht wieder loskommen« sagte Einer der Eingebornen.

»Und habt einen Skandal gemacht, daß man's hätte in Papetee hören können« zürnte der Ire.

»Hat die Schildwacht 'was gemerkt?«

»Euere Schuld wär's nicht, wenn sie's hätte — aber jetzt fort, heran hier mit dem Faß, und nicht länger geschwatzt — habt Ihr die Säge mit? — so hier, nun sägt die Reifen vorsichtig durch — halt ich will das selber thun — herauf mit dem Faß hier, und Du mein Bursche läufst über den Weg hinauf und holst die Leute herunter die dort versteckt liegen — Rasch mit Dir, sie sollen Alle kommen, wir müssen die Fracht in Zeit von einer Stunde wenigstens im Busch drinn haben; dort bleibt uns dann die ganze übrige Nacht, sie aus dem Weg zu schaffen.«

Der Insulaner schlich sich rasch am Haus hinauf und kehrte bald darauf mit einer Anzahl seiner Landsleute zurück, die schon ungeduldig genug darauf gewartet hatten abgerufen zu werden, Jim aber sägte indessen mit einer seinen scharfen, besonders dazu hergerichteten Säge die hölzernen Reifen der Fässer durch, diese zu öffnen, und reichte die schon in tragbare Pakete eingeschnürten Gewehre, wie die kleinen Fäßchen Pulver rasch hinter einander hinaus. Blei befand sich schon genug an Land, was früher zu anderen Zwecken bestimmt gewesen. Vier Fässer waren solcher Art in unglaublich kurzer Zeit aufs Trockene gewälzt, geöffnet und geleert worden, und selbst von dem fünften hatte Jim schon die Reifen herunter, die Dauben mit Hülfe von ein paar Insulanern sorgfältig auseinander genommen, und angefangen die Pakete herauszureichen, mit denen zwei augenblicklich nach oben liefen, als sie den zurückkehrenden René über den freien Platz gleiten und in das Haus verschwinden sahen. Einer der Indianer sprang rasch zurück, dem Iren die unwillkommene Ankunft zu melden, dieser aber ließ sich nicht irre machen und betrieb das Ausladen nur um so schärfer.

»Fort mit Euch — fort.« flüsterte er rasch und leise — »in zehn Minuten können wir mit unserer ganzen Sache in Sicherheit sein und dann mögen sie kommen und spioniren; in die Guiaven folgt uns doch so leicht Keiner hinein. Hier meine Jungen, auf mit Euch und davon — was steht Ihr da? — die Thür? — fort mit Euch — so lange das Zeichen nicht — ha Teufel!« unterbrach er sich rasch, als da Mitonares langgezogener Warnungsruf zu ihm niederschallte, »da ist wirklich Noth an Mann.«

»Sollen wir noch gerad hinauf?« frug ihn Einer der Leute, der seine Last schon auf den Schultern trug.

»Nein, hier rechts hinein« rief Jim rasch, »in des Franzosen Haus da neben an ist auch Niemand daheim, und die Fenz hier unten am Wasser hab' ich schon niedergebrochen. Dort hinüber und dann gerade hinauf in die Guiaven. Hier noch ein Pack. Pest, wenn nur noch zwei Leute unten wären; fort — macht daß Ihr fortkommt — um Euer Leben.«

Und die Warnung kam nicht zu spät, denn Jim O'Flannagans scharfes Ohr hatte schon die herbeieilenden Soldaten entdeckt, die rasch und ziemlich laut durch die Büsche traten, während zu gleicher Zeit René in seiner Thür erschien. Nur noch zwei Pakete Waffen waren dabei übrig geblieben, davon schob er das eine jetzt rasch auf das Deck des kleinen Cutters, vielleicht vor anbrechendem Morgen noch einmal Gelegenheit zu bekommen es von dort wieder durch irgend einen der Eingeborenen zu entfernen, während er selber das andere auffaßte und damit, so rasch ihn seine Füße trugen, den letztgegangenen Indianern folgte.

»Halt steh da!« schrieen ihm einzelne Stimmen nach, denn seine dunkle Gestalt war von oben herab gegen den helleren Wasserspiegel sowohl als den weißen, durch die Ebbe bloßgelegten Sand des Strandes entdeckt worden, und drei Kugeln schwirrten zu gleicher Zeit nach ihm hinüber. Eine davon traf das Paket das er trug, und warf ihn fast durch den scharfen Druck zu Boden, die anderen beiden fehlten, und seine Last mit dem linken Arm nur fester umspannend, während er das dem ermordeten Posten abgenommene Gewehr in der rechten Hand trug, sprang er mit wenigen Sätzen durch den Garten, brach die kleine und ziemlich schwache Bambusthür nieder und erreichte eben die Guiaven-Dickung, als seine Verfolger dicht unter dem Weg erschienen und den Hang hinanstürmten ihn auch dort nicht aufzugeben. Jim aber feuerte hier, theils um sie zu schrecken, theils sich vielleicht Eines der Verfolger zu entledigen, das geladene Gewehr das er trug, ohne lang zu zielen, auf sie ab, und die Kugel schlug mitten zwischen ihnen durch in einen jungen Baum. Das aber zeigte ihnen auch welcher Gefahr sie sich hier, ohne die mindeste Aussicht auf Erfolg aussetzten, denn bei Nacht war in einem solchen Dickicht gar nicht daran zu denken die, noch dazu mit dem Terrain vertrauten Indianer einzuholen, und die weitere Verfolgung wurde auf morgen früh mit Tageslicht festgesetzt, bis wohin auch Verstärkung von Papetee herbeigeholt, wie die vermißte Schildwacht aufgefunden werden konnte, wenn sie nicht, wie man sie jetzt stark in Verdacht hatte, gemeinsame Sache mit den Eingeborenen gemacht, und mit ihnen auch in die Berge geflohen sei.


Capitel 7.
Consul Pritchards Gefangennahme.

Trommeln wirbelten und Patrouillen zogen in kleinen finsteren Trupps mit raschen Schritten durch die von der Morgensonne freundlich beschienene Stadt. Die Insulaner standen in kleinen Gruppen bestürzt beieinander, und die Mädchen liefen neugierig herüber und hinüber, zu sehn und horchen was geschehn, was vorgefallen sei, eine so plötzliche auffallende Veränderung in dem Benehmen der Fremden zu rechtfertigen. Keiner sprach, Keiner lachte mehr mit ihnen; barsch zurückgewiesen wurden sie, sobald sie sich ihnen nur näherten, und von den verschiedenen Schiffen landete Boot nach Boot, vollgedrängt von Bewaffneten, die verschiedene am Strand gelegene und der Königin gehörige Bambushäuser in Besitz nahmen, Wachen, ja Festungen daraus zu bilden.

Dumpfe Gerüchte verbreiteten sich indeß auch unter den Bewohnern von Papetee, die keine Ahnung irgend einer begonnenen Feindseligkeit haben konnten. Eine Parthie Waffen war gestern Nacht in Mativai Bai auf schlaue Weise an Land geschmuggelt; man hatte nicht allein einzelne Stücken, ein Bayonnet und mehre andere Kleinigkeiten an der Straße, sondern auch ein ganzes Paket mit Englischen Musketen in einem kleinen Cutter der dort vor Anker lag, gefunden, und gegen Morgen noch, wo man mit Fackeln nachgesucht, war der Leichnam der überfallenen und ermordeten Französischen Schildwache, ebenfalls ihrer Waffen beraubt, entdeckt worden. Viele Personen waren deshalb schon verhaftet, auf anderen lag schwerer Verdacht, und die herbeigezogene Truppenmasse schon allein genügte, die sorglose Stimmung der Eingebornen zu zerstören, und ihnen einigermaßen das Verhältniß in seinem wahren und grellen Licht zu zeigen, in dem sie zu den fremden Eindringlingen standen, und welche Stellung diese, ihnen gegenüber, einzunehmen gedachten.

Was sollte geschehen, was wollten diese von ihnen, und weshalb eine Armee in ihre Hütten werfen, die ihnen noch keinen Widerstand geboten, und jetzt überall durch die fremden unwillkommenen Gäste unwohnlich und beschränkt wurden. Die Häuptlinge traten zusammen und schickten Boten an die Missionaire ab, diese um Verhaltungsmaßregeln zu ersuchen; die geistlichen Herren fühlten aber daß ihr Regiment, für den Augenblick wenigstens, hier ausgespielt sei, und der einzige von ihnen, Mr. Pritchard, der sich durch die Flagge seiner Nation geschützt glaubte, zürnte offen und frei wie vor gegen die förmliche und muthwillige Eroberung, nein nicht einmal Eroberung, sondern einfache Besitznahme eines vollkommen friedlichen Landes an, dessen Fürstin sich jetzt nur gezwungen einer solchen Gewalt füge und wissen werde sich ihr Recht zu wahren, wenn die Zeit dazu gekommen sei.

Die Franzosen kehrten sich aber wenig an Herrn Pritchard; ihre Flagge wehte schon von fünf oder sechs occupirten Gebäuden, ihre Soldaten durchzogen die Stadt nicht allein, sondern setzten sich an dem obern wie untern Theil derselben fest, und Massen von ihnen, die Flinte und Seitengewehr so lange ablegten und zu Spitzhacke und Schaufel griffen, fingen nicht allein an auf der kleinen reizenden Insel Motuuta Verschanzungen aufzuwerfen, sondern auch, zum unbegrenzten Erstaunen der Bewohner von Papetee, Gräben zu ziehn und Erdwälle aufzubauen um die Stadt selbst herum, als ob sie sich gegen die Berge und das benachbarte Land vor einem Angriff sichern wollten, an den in der That noch wenige der Insulaner gedacht, und der ihnen dadurch erst vor die Augen gerückt und als möglich und ausführbar gestellt wurde.

Die Französische Regierung aber, oder vielmehr das Französische Regiment, das recht gut fühlte wie es bei einem wirklichen Angriff gut bewaffneter Insulaner, hier dicht von den Bergen überall eingeschlossen, mancher Gefahr ausgesetzt sein könne, suchte gleich im Anfang mit durchgreifenden Maßregeln allen solchen Versuchen entgegen zu arbeiten, und eine etwaige Empörung im Keim zu ersticken. Strenge schien hierbei vor allen Dingen nöthig und den Befehlshabern war deshalb besonders daran gelegen die Mörder des Franzosen heraus zu bekommen, oder wenigstens ihre Spur zu finden, von der es schon ziemlich bestimmt im Französischen Lager hieß daß sie in das Haus eines der Protestantischen Missionaire, vielleicht gar des Englischen Consuls führen würde. Mr. Pritchard mit seiner offnen und ungescheuten Predigt gegen ihre Macht war ihnen überhaupt ein Dorn im Auge.

Zu den ersten Maßregeln des Französischen Kommandanten gehörte es aber auch an diesem Morgen René Delavigne verhaften zu lassen, auf dessen Grundstück — ob mit seinem Vorwissen oder nicht mußte die Untersuchung erst ergeben — die Waffen ausgeladen waren und auf dessen, durch ihn hingeführten und dort gehaltenen Cutter man noch ein frisch eingenähtes Paket Waffen gefunden, das jedenfalls von Bord irgend eines der im Hafen liegenden Englischen Schiffe hinüberbefördert und dann während der Entdeckung und dem Angriff der Französischen Wache, dort zurückgelassen war. Sein spätes Außensein und seine doch sichere Bekanntschaft mit der dortigen Oertlichkeit wurde sogar mit der erschlagenen Wache in Verbindung gebracht, wobei ihm das nicht einmal zur Rechtfertigung dienen konnte, den Französischen Soldaten selber dorthin geführt zu haben, wo sie die Schmuggler entdeckten — jedenfalls waren die Vorräthe zu der Zeit schon in Sicherheit gewesen und die Möglichkeit lag unter jeder Bedingung vor, daß ein solcher Schritt, später gerechtfertigt dazustehn, ausführbar, ja sogar klug gewesen wäre.

Den Cutter, an dessen Bord man die Waffen gefunden, nahm die Regierung ebenfalls in Beschlag, ja er wurde sogar, nicht einmal blos vor der Hand in Untersuchung gelegt, sondern gleich ohne Weiteres confiscirt und zum Französischen Küstendienst requirirt — an Wiederherausgeben war gar kein Gedanke mehr.

Sadie erschrak, als an dem Morgen, an dem sie gehofft hatte dem wilden stürmischen Tahiti den Rücken zu kehren und hinüber zu flüchten in ihr friedliches, freundliches Atiu, Bewaffnete kamen ihren Gatten fortzuführen; aber rasch gefaßt, und dem Unvermeidlichen sich fügend, übersah sie auch bald daß René, vollkommen unschuldig an den Vorgängen des letzten Abends, auch bald gerechtfertigt wieder dastehn und natürlich freigegeben werden würde. Ernstlichere Folgen sah sie nicht und konnte sie nicht eine in einer solchen Maßregel sehn. Aber sie bezwang sich auch, dem Gatten gegenüber, noch weit gewaltiger, als ihr eigentlich zu Sinn war; sie wollte ihn nicht mit schwerem Herzen fortgehn lassen, wo er ja gerade Alles gethan hatte sie wieder froh und glücklich zu machen, und wenn das nun für den Augenblick noch nicht ging, so war das ja nicht seine Schuld sondern — das Herz schlug ihr doch laut und ängstlich wenn sie in diesem Augenblick daran dachte wer die Hand zu dem Ganzen geboten, und nur das Bewußtsein vermochte sie dabei vollständig zu trösten, daß Alles ja nur geschehn wäre ihr Vaterland von den Unterdrückern desselben zu befreien, und den Schwachen, Niedergeworfenen, gegen den starken und übermüthigen Feind zu schützen.

Nicht allein René wurde aber an dem Morgen verhaftet, sondern auch der kleine Mi-to-na-re, der allerdings schon mit Sonnenaufgang einen Versuch gemacht hatte das, die ganze Nacht umstellte Haus zu verlassen, von den Wachen aber verhindert war und nun mit nach Papetee abgeführt wurde.

»Armer Mitonare« sagte Sadie traurig, als er, aufgefordert der Patrouille zu folgen, an jenem Morgen sein Gebetbuch wieder in die linke Rocktasche hineinzwängte, und unverkennbar niedergeschlagen sich bereit machte dem eben nicht freundlich gegebenen Befehl zu gehorsamen — »armer Mitonare ist von seinem freundlichen Atiu hier herüber gerufen um Sorge und Noth zu haben, um des Glaubens Willen.«

Bruder Ezra schüttelte aber mit dem Kopf und sagte, keineswegs zufrieden mit der ganzen Begebenheit:

»Glauben? — der Glauben hat wenig genug damit zu thun — wir sollen glauben, Pudenia, und die Wi-Wis wissen Alles gewiß. Glauben — ja, ist ein schönes Ding, aber ein bequemes Haus dabei, und viel Brodfrucht — nicht so in der Welt herumlaufen und das schwere Buch hinten in der Tasche mitschleppen. Warum stecken sie Bodder Aue nicht ein?«

»Wer ist das?« sagte Einer der dabeistehenden Französischen Soldaten, der eben genug von dem Tahitischen Dialekt verstand, den Sinn zu begreifen, »wo ist der, den Du eben genannt hast?«

»Bodder Aue?« sagte Mitonare, und der ihm eigene Zug drollen Humors, der ihn auch in diesem Augenblick nicht verließ, spielte ihm um die Lippen — »Bodder Aue ist sehr guter Freund von mir auf Atiu — aber nicht hier — wenn wir ihn haben wollen können wir einen Brief schreiben; gehe wieder hinüber, sobald die Feranis keine Brodfrucht mehr für mich haben.«

»Fort denn, mein Bursche« sagte der Soldat ärgerlich, »wir haben lange genug hier getrödelt,« und während man René noch Zeit ließ, ein paar Briefe an Bertrand und Herrn Belard zu schreiben, die er augenblicklich abgegeben zu haben wünschte, wurde der kleine braune Missionair, unter den Spottreden und Witzen der Französischen Soldaten, die sich über seine unsinnige eingezwängte und unpassende Kleidung nicht wenig amüsirten, nach Papetee zu abmarschirt. Mitonare nahm aber die Sache ungemein kaltblütig — klemmte seinen linken Rockschoß wieder unter den Arm, setzte seinen hohen Hut auf und schritt so ehrbar und ernst zwischen den bärtigen Kindern eines andern Landes hin, und grüßte so würdevoll die ihn begegnenden Insulaner, von denen ihn Viele kannten und lieb hatten, daß sich der Spott der Soldaten endlich auch abstumpfte, und sie ihn ungefährdet weiter in das Hauptquartier lieferten.

René blieb übrigens, wie er auch Sadie zu ihrer Beruhigung vorhergesagt, nur wenige Stunden in Haft; leicht war es ihm durch seine Freunde zu beweisen, wie er wirklich den ganzen vorigen Nachmittag in Papetee zugebracht, und erst lange nach Dunkelwerden nach Hause aufgebrochen sei. Dort selber hatte er den Französischen Soldaten mitnehmen wollen, als sie die Schmuggler trafen; an eine Mitwissenschaft war nicht zu denken. Schwieriger wurde es ihm zu beweisen, daß der kleine Cutter die Waffen nicht an Bord gehabt, als er ihn dort bei sich vor Anker legte, und daß er der Mission selber gehöre machte die ganze Sache nur noch verwickelter. Es ließ sich kaum denken daß der junge, mit den Officieren auf so freundlichem Fuß stehende Franzose etwas Derartiges gegen seine Landsleute unternehmen, oder auch nur unterstützen würde, und dennoch mochten die Französischen Behörden eine solche Gelegenheit, die Mission selber in eine Untersuchung hineinzuziehen, nicht unbenutzt wieder entschlüpfen lassen — wer wußte ob nicht dann, wenn auch selbst nicht über diesen Fall, doch manches Andere an den Tag kam. Gern wurde deshalb auch die Bürgschaft der Herrn Belard und Brouard angenommen, René Delavigne augenblicklich wieder auf freien Fuß zu lassen, mit der Bedingung nur, Tahiti nicht zu verlassen, bis eben die Sache streng und vollkommen untersucht sei, wozu man sowohl seiner Gegenwart wie seines Zeugnisses glaubte benöthigt zu sein.

Nicht so leicht sollte dagegen Bruder Ezra davonkommen, und trotz dem Protest der Missionaire, die es als einen Eingriff in ihre Religion betrachtet haben wollten einen fungirenden Missionair auf nur flüchtigen Verdacht hin seinem Amt zu entziehn, trotz der eben so ernsten Reclamation des Englischen Consuls, der in dem Indianer, als aktivem Mitglied einer Englischen Missionsgesellschaft, auch einen Englischen Bürger zu sehen glaubte oder zu sehen behauptete, behielt man ihn im Verwahrsam, und die Antwort die dem Englischen Consul wurde, war: sich selber in Acht zu nehmen und von gefährlichen Demonstrationen fern zu halten, wenn er nicht gleiches Schicksal — vielleicht noch Schlimmeres, gewärtigen wollte.

Solcher Art standen die Sachen mehrere Tage, die Französischen Kriegsschiffe fuhren ab und zu, umsegelten die Insel Tahiti einige Male, kreuzten nach Imeo hinüber, und Einzelne davon wurden sogar auf eine regelmäßige Expedition beordert, die Französische Flagge nämlich auf der Nachbargruppe der Gesellschafts-Inseln, auf Huaheine, Bola Bola, Raiatea und den anderen aufzupflanzen, ja man sprach sogar schon davon auch die, gerade unter dem Wind liegenden »Cooks-Inseln« zu denen Atiu gehörte, in Besitz zu nehmen und hie und da Garnisonen zu lassen. Doch hatten die Schiffe für jetzt eben mit der Gesellschaftsgruppe alle Hände voll zu thun, und ließen die übrigen Inseln für eine spätere und günstigere Zeit.

Indessen waren die Franzosen unendlich thätig in Papetee und der Umgegend; feste Blockhäuser zu Kasernen und Gefängnissen wurden mit einer Masse von Leuten in unglaublich kurzer Zeit gebaut, Laufgräben um die eigentliche Stadt gezogen, ein tüchtiger Damm als Brustwehr aufgeworfen, und Geschütze von den Schiffen an Land gebracht, diese, sobald sie nöthig werden sollten gegen den Feind verwenden zu können. Auch die kleine Insel im Eingang des Hafens, welche die Haupteinfahrt allerdings vollkommen überwacht, wurde mit schwerem Geschütz versehn, irgend einem doch vielleicht gefürchteten Angriff der Engländer zu begegnen, und das gerade war es was den Insulanern, durch die Europäer darauf aufmerksam gemacht, wieder neuen Muth gab, ihre Sache noch nicht verzweifelt zu glauben. Beschäftigten ihre Freunde die Beretani's — die übrigens auch hätten etwas früher kommen können — nur die Schiffe, so wollten sie dann schon mit den am Lande befindlichen Wi-Wis — mochten das auch noch so viel sein, fertig werden.

Die Stimmung gegenseitig wurde ebenfalls eine feindlichere von Tag zu Tag. Die Eingebornen mußten eine Masse Provisionen und Früchte in die Stadt liefern, die man ihnen allerdings vollkommen gut bezahlte; aber dies zwang sie zu einer ihnen fremden und unbequemen Thätigkeit, einer Thätigkeit die sie nicht einmal gern für sich selber, viel weniger für die erklärten Feinde ihres Glaubens und Landes anwenden wollten, und sie erkundigten sich vor allen Dingen bei ihren Missionairen, ob sie dazu verpflichtet wären den Französischen Soldaten Brodfrucht und Fleisch und Früchte und Fische zu Markt zu bringen.

Welche Antwort sie dort erhielten ist nicht bekannt, aber sie weigerten sich von da an die verlangten Provisionen einzuliefern, und eine Proclamation des Gouverneurs erklärte sie für Rebellen.

»Rebellen?« bah, das war Unsinn — das Wort das sie für Rebellion hatten, bezog sich auf eine Empörung gegen ihren Landesherrn und Gebieter, nicht gegen einen fremden Wi-Wi, der mit großen Schiffen kam und ihnen das Land wegnahm; denn selbst daß Einzelne ihrer Häuptlinge die Franzosen ersucht hatten sie zu beschützen konnte ihrer Meinung nach die Fremden nicht berechtigen ihre Königin abzusetzen, gegen die sie ja gar keinen Schutz verlangt hatten, und ihnen Fremde zu Richtern und Distriktsoberhäuptern zu geben. Daß die Wörter »Protektorat« und »Besitznahme« dem Französischen Admiral ähnlich genug klangen sie zu verwechseln, konnten sie nicht wissen.

Neue Forderungen des Kommandanten um Provision gingen indeß mit der scharfen Drohung ein, die ernstesten Maßregeln ergreifen zu wollen, wenn dem Befehl nicht Folge geleistet würde, und besonders sollten die Häuptlinge, als die Einzigen an die man sich möglicher Weise direkt halten konnte, für das Betragen des Volks in diesem Fall verantwortlich gemacht werden.

Auch den Missionairen wurde nochmals die, in nicht sanften Ausdrücken abgefaßte Warnung gegeben, sich nicht im Mindesten um die politischen Verhältnisse der Insel zu bekümmern, wenn sie sich nicht, im entgegengesetzten Fall, den unangenehmsten Folgen selber aussetzen wollten; ja es wurde ihnen sogar die auch bald darauf in einer Proklamation veröffentlichte Drohung verschärft in's Gedächtniß zurückgerufen, daß jeder Fremde, der gegen die jetzt bestehende Regierung sprechen würde, augenblicklich, und ohne Einspruch von irgend einer andern Seite zu gestatten, von der Insel verbannt werden würde.

Mehre der Missionaire, vielleicht ängstlicher als die Anderen, oder sich auch möglicher Weise irgend einer Aeußerung bewußt die ihnen das Mißfallen der jetzt mächtigen Franzosen zuziehen konnte, verließen Papetee und gingen theils nach Imeo theils nach Bola-Bola oder Huaheina hinüber; die meisten blieben aber auf ihrem Posten, fest entschlossen dem fremden Einfluß unverdrossen, und so viel nur irgend in ihren Kräften stand, entgegenzuarbeiten, mochten die Folgen dann ausfallen wie sie wollten.

Der neue Aufruf an die Häuptlinge veranlaßte diese wieder sich an die Königin zu wenden, und von ihr Verhaltungsmaßregeln einzuholen, was sie thun, wie sie handeln sollten. Pomare aber, obgleich keineswegs gewillt sich zu unterwerfen, war doch auch wieder durch die Flucht so vieler Missionaire und die Warnungen der Uebrigen nicht zu weit zu gehn, ehe sich England nicht entschieden hätte, zu sehr eingeschüchtert worden, und gab ausweichende Antworten, ja verwies die an sie abgesandten Häuptlinge sogar an den Consul Pritchard, und da dieser erklärte in seiner Stellung — was auch seine Privatmeinung sein möge — der Königin nicht officiell beitreten zu können, bis er Verhaltungsbefehle von London habe, an den Missionair Rowe.

Diesen aber weigerten sich die Häuptlinge (wenigstens die Mehrzahl derselben, denn Einzelne, mit Aonui an der Spitze, verlangten keinen bessern Wegweiser für ihr Verhalten) als Führer anzunehmen; Fanue vor allen Andern schwor, sie hätten lange genug unter dem Regiment der Priester gestanden, und das gerade sei ihr Fluch gewesen von je her. Er verlangte deshalb auch eine Zusammenkunft der Ersten des Volks, wo sie die Befehle ihrer Königin einholen und das Beste des Landes, das jetzt gerade ihr Zusammenstehn am Meisten fordere, berathen konnten.

Diese, den Interessen der Franzosen geradezu entgegenlaufende Maßregel wurde vom Consul Pritchard auf das lebendigste unterstützt; er behauptete das Volk habe ein Recht über sein eigenes Wohl zu sprechen, das eine fremde Nation, sie möge es so gut mit ihm meinen wie sie wolle, gar nicht verstehen könne, viel weniger die Französische und er redete der Königin zu darein zu willigen, ja suchte sogar den Capitain des kürzlich eingelaufenen Dampfers Cormorant dafür zu gewinnen, den Häuptlingen den Schutz seines Dampfers zu einer freien Besprechung zu gestatten, damit sie am Land nicht vielleicht durch überall umherstreifende Truppen gestört, oder gar aufgehoben wurden.

Die Französischen Officiere bekamen noch an dem nämlichen Abend Kenntniß von dieser Absicht, und trafen ihre Maßregeln den Feind, der ihnen vielleicht gefährlich, jedenfalls aber höchst unbequem war, so rasch als möglich unschädlich zu machen.

Am andern Morgen war ein Placat an den Ecken angeklebt, worin die Eingebornen gewarnt wurden sich durch irgend Eines Rede gegen die einmal bestehende Obrigkeit aufzulehnen, während man Alle mit den härtesten Strafen bedrohte, die etwas Derartiges in, den Franzosen feindlichem Interesse, unternehmen sollten. Namen waren nicht dabei genannt, aber das Ganze so entschieden gehalten, daß selbst Bruder Rowe fühlte sie seien, für jetzt wenigstens, an einer Grenze ihrer Thätigkeit angelangt, und würden wohl thun sich entweder für eine Zeitlang von dem Schauplatz Französischer Herrschaft zu entfernen, oder doch wenigstens die Sache, die sie nicht mehr aufhalten konnten, ihren ungehinderten Gang gehn zu lassen, damit sie nicht zu Schaden kämen.

Das Nähere darüber mit dem Consul Pritchard zu besprechen, suchte er diesen auf, und fand ihn schon vollständig angezogen, mit auf dem Rücken gekreuzten Armen mit großen Schritten in seinem Zimmer auf- und abgehend; eine Einleitung wurde ihm übrigens schon durch dessen Anrede erspart.

»Sie kommen mir zu erzählen, daß die Franzosen freundlich unserer an den Straßenecken gedacht haben?« sagte er, mit einem eigenthümlichen Lächeln um die feingeschnittenen Lippen vor ihm stehen bleibend.

»Allerdings Bruder Pritchard« erwiederte Mr. Rowe mit in die Höhe gezogenen Augenbrauen und gefalteten Händen, »die Sache wird bedenklich, und diesen tollen Papisten gegenüber, die nun einmal keine andere Autorität auf und über der Erde anerkennen, als ihre Waffen, wäre es allerdings an der Zeit auf einen anständigen Rückzug zu denken. Ich fürchte besonders daß gerade Sie dabei gefährdet sind.«

»Bah, bah« sagte der frühere Geistliche, den die Missionaire noch gerne »Bruder« nannten, verächtlich — »was können, was dürfen sie mir thun? — ich habe keinen offenen Aufruhr gepredigt, ich habe nur das gesagt was ich, nicht allein als Consul ihrer Britannischen Majestät, nein auch als Mensch verantworten konnte, und sie mögen sich ärgern darüber, aber sie dürfen nicht wirklich etwas anderes gegen mich unternehmen, als vielleicht — was wahrscheinlich geschehen wird — von meiner Regierung verlangen daß sie mich abberuft; statt dem Befehle kommt dann vielleicht eine Flotte.«

Mr. Rowe schüttelte bedenklich mit dem Kopf.

»Ich habe mich selber« sagte er, »früher solchen phantastischen Träumen hingegeben, und auch mein Möglichstes, selbst bis noch auf die neueste Zeit gethan, diesen Glauben bei den Insulanern aufrecht zu erhalten, muß aber doch gestehn daß ich jetzt anfange mißtrauisch gegen meine eigenen Prophezeihungen zu werden, die unsere Regierung keineswegs, nicht einmal mehr durch eine einfache Demonstration zu unterstützen scheint. Seit der würdige Capitain des Talbot diese Ufer verlassen hat thun diese nichtswürdigen Feranis vollkommen ungehindert was ihnen eben gut dünkt, und einzelne Kriegsschiffe unserer Nation, von denen wir immer gesprochen, kommen, sehen sich die Sache an, hören auch, geduldig oder ungeduldig was wir ihnen zu klagen haben und — segeln einfach wieder aus der Bai, ohne selbst einmal Joranna zu sagen. Ich kann wohl gestehn daß die Bibel von Alt-England hier zum ersten Mal auf eine höchst befremdende Weise im Stich gelassen wird, während es uns selber in die größte Verlegenheit bringt, einestheils die zu unserer eigenen Erhaltung nöthigen Schritte zu thun, und andrerseits auch wieder unserem Grundsatz treu zu bleiben, und uns nicht in die politischen Verhältnisse des Staates in dem wir freundlich aufgenommen wurden, zu mischen.«

»Da kommen wir auf den faulen Fleck« sagte der Consul finster, seine Hände ineinander reibend und seinen Spaziergang im Zimmer wieder beginnend, in dem er nur manchmal bei der Bestärkung irgend eines Satzes, vor dem Missionair stehen blieb und ihn auch wohl leise bei einem Knopf faßte — »es ist das alte Sprichwort: »wasch mich und mach' mich nicht naß; — wir haben stets etwas darin gesucht mit etwas zu prahlen, das an und für sich ein Unding ist, und Sie werden mir bezeugen können wie ich selber mich von je dagegen aufgelehnt. Als Missionair bei einem vollkommen uncivilisirten Volke muß ich mich auch mit den politischen Verhältnissen desselben beschäftigen, ich muß sie ordnen und sichten, ich muß die bestehenden Gesetze, so weit sie mit dem Christenthum vereinbar sind, diesem anpassen; ich muß die Strafen in dem Verhältniß bestimmen, wie es uns von der Heiligen Schrift angegeben wurde, und das ist die Stelle wo die Religion in die Politik eines Landes, in dem ich eine Gleichstellung vor dem Gesetz fordere, hineingreift und hineingreifen muß, wenn unsere ganze Arbeit nicht eben eine vergebene soll gewesen sein. Dabei ist es hier nicht wie in einem civilisirten Staat, wo die Gesetze nur brauchen gegeben zu werden um in Kraft zu treten durch die bestimmten Executoren derselben, wir müssen sie hier auch in Kraft halten, und das können wir nur wenn der Einfluß nicht nachläßt, den wir, durch unsere Stellung gerade als Lehrer und Gesetzgeber, auf die Häuptlinge ausüben. Wir sind nun einmal ihnen an Geist überlegene Geschöpfe, denen die Regierung zusteht, ob wir hier auf diesem Boden geboren sind und ihre Farbe haben oder nicht.«

»Damit kommen wir aber nicht durch« sagte Mr. Rowe kopfschüttelnd — »sobald wir das offen bekennen schreien sie Zeter über uns, und nennen es einen Mißbrauch den wir mit der Heiligen Schrift, irdischen Ehrgeizes und Gewinns wegen trieben. Selbst andere Nationen würden sich dann in das Missionswesen mischen, und gleich von vornherein protestiren oder gar störend dazwischen treten, wo fromme Männer das Kreuz hintrugen und das Gesetzbuch aufschlugen.«

»Fremde Nationen mischen sich doch hinein« sagte der Consul, »wie wir den Beweis hier haben, und wer weiß ob Frankreich je so entschieden gegen diese Indianische Königin auftreten dürfte, hätten wir die Sache gleich von vornherein in die Hand genommen als Gesetzgeber und Richter. Von uns konnten sie wenigstens einen Schadenersatz für die papistischen Priester nie erpressen, und das Land wäre dann nicht verantwortlich dafür gewesen. Doch sei dem wie ihm sei,« fuhr er rascher fort, »das ist vorbei, und jetzt bleibt uns Nichts weiter zu thun übrig, als die Sache auch ernst und männlich durchzuführen.«

»Wie aber, wo wir nicht die Gewalt in Händen haben?« frug Mr. Rowe, »der Cormorant liegt wieder da draußen, als ob er blos hergeschickt wäre eine Ladung Perlmutterschaalen und Cocosnußöl abzuholen, keineswegs aber, als ob hier die Interessen Englischer Bürger und die Rechte der Heiligen Schrift unter die Füße getreten würden, und uns selber sind die Hände total gebunden.«

»Ich hoffe viel von der möglichen Einigkeit der Häuptlinge« sagte der Consul, »wenn zu keinem anderen Zweck, imponirt es den Franzosen und wir gewinnen Zeit. Graf Aberdeen hat mir für einen solchen Gewaltschritt des Feindes feste Hülfe zugesagt und versprochen — er wird uns, kann uns nicht im Stich lassen.«

»Und willigt der Capitain des Cormorant ein, die Versammlung der Häuptlinge an seinem Bord zu halten?«

»Ich habe schon die halbe Zusage, und will eben hinüberfahren die Zeit genau zu besprechen.«

»Nehmen Sie sich in Acht, Bruder Pritchard« sagte aber der Missionair ernst, »daß Ihnen der Franzose nicht doch noch, trotz aller Autorität, einen Stein in den Weg legt; das Anheften der Plakate hat auf mich einen höchst ungünstigen, niederstimmenden Eindruck gemacht; ich kann mich irren, aber es kam mir vor wie eine Vorausentschuldigung gegen einen Akt der Gewalt; die Leute sind wirklich zu Allem fähig.«

»Aber klug genug zu wissen wie weit sie gehn dürfen, England gegenüber.«

»Wie weit?« sagte Bruder Rowe achselzuckend, »das ist eine sehr unbestimmte Größe, auf die ich mich, für meine eigene Person, gerade nicht verlassen möchte; aber Sie sind gewarnt, und werden am Besten wissen was Sie zu thun haben. Apropos, haben Sie Nichts von Bruder Ezra gehört und was über ihn beschlossen ist? Ich habe mir die größte Mühe gegeben, zu ihm zu gelangen, bin aber immer hartnäckig abgewiesen.«

»Mir ist auf meine förmliche Protestation gar keine Antwort gegeben« erwiederte der Consul, »es scheint übrigens daß Bruder Ezra klug genug gewesen ist, trotz seiner Bibel in der Tasche hartnäckig zu leugnen, und wenn ich recht unterrichtet bin, hält man ihn jetzt nur noch zurück, um ihn mit dem nächsten nach Atiu segelnden Kriegsschiff dort hinüber aus dem Weg zu schicken.«

»Sie möchten uns Alle lieber gern auf ein Kriegsschiff packen und nach irgend einer entlegenen Insel schicken« sagte Bruder Rowe; »die Katholischen Priester würden dann wenigstens für ihre unausgesetzten Bemühungen doch auch auf eigenen Erfolg rechnen können.«

»Wir werden sehr umsichtig jetzt zu wachen haben, daß der in, von Bayonnetten aufgewühlten Boden gestreute Unglaube, nicht um sich greift und bleibende Wurzel schlägt,« sagte der Consul.

»Wir sind allerdings da in nicht unbedeutender Gefahr« erwiederte Mr. Rowe seufzend, »und eine Familie hier besonders ist es, die mir große Sorge macht, und gerade in diesem Augenblick meine ganze Thätigkeit in Anspruch nimmt; — aber Sie wollen ausgehn, wie ich sehe?«

Mr. Pritchard hatte seinen Hut aufgegriffen und seine Handschuh genommen und sagte:

»Ja, nur an Bord des Cormorant, dort das Nähere zu besprechen.«

»Haben Sie schon ein Boot?«

»Es liegt an der Landung und wartet auf mich; wollen Sie mich begleiten?«

»Ich danke herzlich« erwiederte der Missionair, »aber mich rufen gerade in diesem Augenblick heilige Pflichten, die ich nicht versäumen darf — ich habe einen höchst interessanten Fall mit einem alten bis jetzt verstockten Häuptling, dessen Herz erst seit wenig Tagen von dem Licht unserer Kirche erleuchtet ist, und der jetzt zu seinem Entsetzen, aber hoffentlich noch nicht zu spät, den Abgrund erkannt, der vor seinen Füßen gähnt, und auf den ich ihn aufmerksam gemacht habe. Wie das aber wohl oft in solchen Fällen geschieht, gehen diese Unglücklichen da leicht von einem Extrem zum andern über, und ich habe jetzt die größte Mühe ihn an einem Verbrechen zu verhindern, das er begehen will seine unsterbliche Seele zu retten; er behauptet nämlich sein Kopf sei so lange verstockt gewesen, seine Ohren zu hören, seine Augen zu sehen, seine Zunge zu sprechen, daß er ihn sich abschneiden müsse, auf Gottes Altar die Sünde damit zu sühnen, denn wie er endlich die Strenge und Furchtbarkeit Gottes begriffen hat, zweifelt er an dessen Liebe und Allbarmherzigkeit.«

»Möge ihn der Herr erleuchten« erwiederte Mr. Pritchard mit einem frommen Blick nach oben, und wandte sich dabei das Haus zu verlassen — »so thun Sie Ihre Pflicht, lieber Rowe, ich gehe indessen an ein weniger erfreuliches Werk!« und dem von ihm Abschied nehmenden Geistlichen, der ihn unten an seiner Verandah verließ, freundlich mit der Hand winkend, schritt er durch den Garten oder vielmehr Hofraum, der von einer Reihe niederer stumpfer Pallisaden umgeben wurde, nach der kleinen Ausgangsthür zu, öffnete diese und schritt dann quer über den, vielleicht achtzig oder hundert Fuß breiten Strand hinüber, einem kleinen in See hinausgebauten Werft zu, dort das für ihn liegende Boot zu besteigen, und an Bord hinüberzufahren, als er rasche Schritte hinter sich hörte. — Er wandte den Kopf danach um und sah zu seinem Erstaunen einen Französischen Beamten, der, von einigen Soldaten gefolgt, rasch auf ihn zusprang.

»Halt!« rief ihm der Erstere, noch eine Strecke von ihm entfernt, schon entgegen — »halt Monsieur!«

»Was wollen Sie?« sagte der Consul, zwar erstaunt aber doch ruhig stehen bleibend und den Franzosen mit zusammengezogenen Brauen erwartend — »was wünschen Sie von mir?«

»Sie sind mein Gefangener, im Namen des Königs!« rief der Polizeibeamte und deutete auf die ihm folgenden Soldaten.

»Ich verstehe Sie nicht« sagte der Consul gleichgültig, und wollte sich abdrehen; der Franzose aber ergriff seinen Arm und den Soldaten winkend, die den Gefangenen an beiden Seiten umgaben, zog er den entrüsteten Mann, der gegen solche Willkür einem Englischen Consul gegenüber, protestiren wollte, rücksichtslos und ohne Weiteres fort mit sich, in das Wach- und Polizeilokal, von wo der Consul, ohne weitere Rücksicht auf sein Amt oder seine Stellung zu nehmen, bald darauf nach einem, schon allem Anschein nach für ihn bereit gehaltenen Gefängniß abgeführt wurde.

Und Papetee blieb ruhig. Die Bedeutung, die der Consul einer Europäischen Macht im Ausland haben sollte, ja gewissermaßen auch seine Unverletzlichkeit, verstanden die Insulaner nicht; der Gefangene war ihnen auch immer mehr als Missionair wie als Consul wichtig und lieb gewesen, denn Nutzen hatte er ihnen in letzterer Eigenschaft doch nicht gebracht, noch sie gegen die Uebergriffe und Forderungen der Franzosen schützen können. Daß aber die Feranis es wagten einen Mitonare einzustecken, überstieg ihre Begriffe, und jetzt zum ersten Mal fürchteten die Häuptlinge für ihre eigene Sicherheit.

Die Missionaire selber erwarteten, nachdem selbst die Consulnwürde von den Eroberern nicht geachtet wurde, das Aeußerste, und wandten sich nun in ihrer Rathlosigkeit an die arme, selbst unmächtige Königin, wandten sich an das Volk, sie zu schützen und nicht zu gestatten daß die Feranis mit ihnen machten was sie wollten.

Aber die Geduld des Volkes war noch lange nicht erschöpft, oder wenigstens seine Gleichgültigkeit, wie sein Widerwillen gegen irgend eine außergewöhnliche Anstrengung noch nicht besiegt, und zu der gehörte jedenfalls ein Krieg, zu dem sie noch immer keine richtige Veranlassung sahen. Man hatte einen Französischen Soldaten ermordet, und darüber waren die Feranis böse, schickten eine Menge Soldaten an Land, die aber für Alles bezahlten was sie verzehrten, und sperrten einen rothen Mitonare, der in Verdacht stand an dem Mord betheiligt zu sein, wie einen weißen, der besonders auf sie geschimpft hatte, ein. Das war vielleicht unrecht in ihren Augen, aber immer noch keine Ursache einen ordentlichen Krieg anzufangen; ja die Insulaner beschlossen jetzt ernstlicher als je mit der ganzen Sache nichts weiter zu thun zu haben, und wenn auch einzelne feurige Köpfe, wie besonders Fanue und ähnliche, einen Angriff auf die »Feinde ihres Vaterlandes« offen predigten, so verhielten sich doch die einflußreicheren, wie Tati und Utami, noch immer ruhig, ja Paofai und Hitoti verkehrten sogar öffentlich und auf höchst freundschaftliche Art mit den Feranis, und beschlossen deshalb auch einen günstigern Zeitpunkt, das heißt eine wirkliche Ursache abzuwarten, die Feindseligkeiten zu beginnen, und Gewalt mit Gewalt zu vertreiben — bis dahin aber sich vollkommen ruhig zu verhalten und ebensowenig die Waffen zu ergreifen, als den Eindringlingen auch noch Proviant zu liefern, ihnen das Leben hier auf der Insel so angenehm als möglich zu machen.

Lieutenant Hunt, der Befehlshaber des kleinen Kriegsschiffes Basilisk sowohl, wie der Capitain des Cormorant hatten allerdings augenblicklich gegen die an dem Englischen Consul verübte Gewaltsmaßregel protestirt, konnten aber weder seine Befreiung erwirken noch etwas an seiner Lage bessern, und Monsieur d'Aubigny erließ ein Plakat, worin Mr. Pritchard, wenigstens indirekt, der Mord der Schildwache zugesprochen, und er ebenfalls als die Ursache des trotzigen Betragens der Eingeborenen, die er täglich und täglich wieder aufgereizt habe, angesehen wurde. Seine Gefangennahme sei aus dem Grunde geschehn und er selber solle für alle weiteren Folgen verantwortlich gehalten werden.

Mit vieler Mühe gelang es endlich dem Capitain des Cormorant die Freiheit des Gefangenen, aber auch nur unter der Bedingung zu erwirken, daß er ihn an Bord seines eigenen Dampfers von Tahiti fortnahm, und sich dabei verbindlich machte ihn an keiner Insel dieser oder der Nachbargruppe wieder an Land zu setzen. Die Franzosen betrachteten diesen Mann als die einzige Ursache der nicht unbedingten und augenblicklichen Unterwerfung der Indianer, und glaubten und hofften durch seine Entfernung jedes weitere Hinderniß ihrer Festsetzung und unbestrittenen Oberherrschaft auf den Inseln, vollständig beseitigt zu haben.


Capitel 8.
Pomare's Flucht.

René's kleiner Haushalt befand sich indeß in wilder ungemüthlicher Verfassung; Alles war gepackt gewesen, und nur gezwungen hatten sie im Anfang das Nothdürftigste wieder herausgenommen, immer noch hoffend daß sich die unangenehme Sache freundlich erledigen würde; aber Tag nach Tag verging ohne daß eine Entscheidung kam, und René seines Wortes, Tahiti nicht zu verlassen, entbunden worden wäre. Er war selber mehrmals bei Mons. Bruat, dem jetzt ernannten Gouverneur und wurde von ihm artig empfangen; dieser behauptete aber die Untersuchung unter keiner Bedingung aufgeben zu können, bis er zu einem Resultat gekommen sei, und René stände als Eigenthümer des Grundstücks wo die Waffen geschmuggelt wären, ja als zeitweiliger Eigenthümer sogar des Schooners, der Sache zu nah, sein Zeugniß, falls etwas auftauchen sollte was Licht darin geben könnte, zu entbehren. »Augenscheinlich« setzte er dann zwar höflich aber ziemlich bestimmt hinzu, »wisse er auch mehr über die Waffen, als er für gut finde, vielleicht durch seine enge Verwandtschaft mit den Eingebornen dazu veranlaßt, auszusagen, und wenn es seinem bekannten Charakter nach auch nicht wahrscheinlich wäre, daß er selber irgend etwas Feindseliges gegen seine eigenen Landsleute unternehmen, oder auch nur dulden würde, so lange er es eben verhindern könnte, sei die ganze Verhandlung noch keineswegs klar genug, so rasch und vollkommen wieder aufgegeben zu werden; das aber müsse in der That geschehn, wenn er ihn jetzt seines Wortes entbinden wolle.« Uebrigens bot auch Gouverneur Bruat, wie vor ihm der Kommandant d'Aubigny dem jungen Mann an in Französische Dienste zu treten, wodurch er ihm besonders zu beweisen hoffte, daß gegen seine Person nicht der mindeste Verdacht vorliege. Zu gleicher Zeit machte er ihn besonders darauf aufmerksam, welch wohlthätigen vermittelnden Einfluß er da oft werde im Stande sein auf einzelne Verhältnisse auszuüben: René erklärte aber bestimmt, hier in Tahiti nie einen Degen gegen die Eingebornen führen zu wollen, und das sei am Ende bei einem Ausbruch der Insulaner, sobald er wirklich eingetreten wäre, nicht zu vermeiden, lehnte deshalb auch das Anerbieten zwar dankbar, aber doch bestimmt ab.

Das Belard'sche Haus hatte er aber noch nicht wieder betreten — ja sogar auf das Aengstlichste vermieden nach Papetee zu kommen. Er fühlte welche Gefahr dort für ihn lag, die er jetzt nicht einmal mehr vor sich selber verbergen konnte; ja auch Susanna mußte durch seinen Abschied, und die Worte die er in der furchtbaren Erregung des Augenblicks gesprochen, gesehen haben welchen Eindruck sie auf ihn gemacht, und wie ihre Nähe den Frieden seines Hauses, seines Lebens zu stören, zu untergraben drohe, wenn er nicht mit fester männlicher Kraft dagegen ankämpfe, und die Leidenschaft niederhalte, die zwei Wesen zu verderben drohte. Monsieur Belard hatte ihn allerdings schon mehrmals auf der Straße getroffen, wo ihn Geschäfte in das Gouvernements-Gebäude riefen, er erklärte aber jeden Augenblick die Erlaubniß zu erwarten Tahiti zu verlassen, und wolle den Abschied von ihm so lieb gewordenen Freunden nicht zum zweiten Male durchleben, da er einmal überstanden. Mons. Belard lachte dazu, und meinte er spreche von einem solchen Abschied als ob er auf's Schaffot solle, und nicht nach einer nur wenige Meilen entfernten Insel überzusiedeln gedenke, hatte aber immer zu viel Geschäfte dabei im Kopf, lange auf dem Thema zu verweilen, und kam bald, von René rasch dabei unterstützt, auf irgend etwas Anderes, Gleichgültigeres zu reden.

Recht wilde trübe Zeiten waren das für ihn, und mehr und mehr drängte es ihn dann nach Hause zurück, wo Sadie, sein liebes treues Weib mit unermüdlicher Liebe schaffte und sorgte, ihm wenigstens daheim das Alles vergessen zu machen, was ihm die Menschen draußen weh gethan. Das, glaubte sie auch, drücke ihm das Herz, er wäre ja sonst nicht immer so traurig und verstimmt zu Haus gekommen und bleich und schwermüthig geworden, gar nicht in seiner Art, wo ihm ja doch das Liebste wohnte was er sein nannte auf dieser Welt. Aber sie scheuchte auch die Wolken von seiner Stirn und rief das Lächeln wieder auf seine Lippen, wie in alter Zeit; und wenn die Kleine dann auf seinem Schoos spielte und sie sich an ihn schmiegte, plauderte sie ihm von Atiu und den lieben Plätzen die sie dort wieder besuchen würden; von dem stillen Sitz an dem Palmenhang; von dem Ihiamoea oben im Dickicht, wo er die böse Nacht verbracht; von der kleinen Veste auf der Hügelspitze wo er sie zuerst gesehn und sie ihn fortgeführt hatte in das friedliche Missionshaus an der Bai — und von den seligen, seligen Stunden die sie da verlebt.

René lauschte, das glückliche Weib an seinem Herzen, wie in einem Traum, der all die lieben Bilder wieder heraufbeschwor vor sein inneres Auge; aber immer und immer wieder mußte er sich zwingen dazu, das Alles keinen Traum zu nennen, wo der Wiedergewinn ja fast im Bereiche seines Armes lag, und doch ein Schatten aufstieg zwischen dem Bild und seinem Herz. Und daß er das fühlte, daß er das erkannte machte ihn unglücklich. »Du sündigst« flüsterte es in seiner Brust mit rastlosem, nimmer endendem Klang, »Du sündigst« sprach jeder Liebesblick aus den Augen seiner Sadie, »Du sündigst« drängte ihm vorwurfsvoll das unschuldliebe Lächeln seines Kindes entgegen, »Du sündigst« donnerte die Brandung, die ihn einst in Schlaf gesungen, in Liebe und Glück.

Wie um vor sich selbst zu flüchten, hatte er den Vater Conet wieder aufgesucht, der in zarter Rücksicht bis dahin sein Haus lange Zeit nicht betreten, weil er fürchtete daß seine Stellung zu den Protestantischen Geistlichen Uneinigkeit säen könne in stilles häusliches Glück; er forderte ihn jetzt selber auf sie zu besuchen, oft zu besuchen, so lange er noch auf Tahiti sei, und er hoffte Trost in dem Umgang des freundlichen verständigen Mannes zu finden. Aber der Muth gebrach ihm wirklich dem Freunde, der sogar nach seiner Religion berechtigt war eine solche Offenheit zu fordern, das zu gestehen was ihm das Herz erfüllte, was es quäle, und Alles das trug er fest in sich verschlossen und allein, und kämpfte still und männlich dagegen an. Es war ein Kampf der Verzweiflung Fuß an Fuß, und in der Gefahr nur wuchs ihm erst die Kraft.

Auch Bertrand hatte ihn in der letzten Zeit häufiger besucht, aber fast nur ihm zuzureden der Einladung des Gouverneurs zu folgen, und wieder in eine Stellung im Leben einzutreten, die seinem Geist und Herzen doch auch mehr bot als eine bloße Existenz, die ihm eine Aussicht auf spätere Zeiten bahnte, ehrenvollere Stellung einzunehmen auf dieser Welt, als eben nur das Bewußtsein zu haben daß man ist und athmet. Auch Vater Conet stimmte darin dem jungen Officier vollkommen bei, René sei, wie gar keinem Zweifel unterliege, noch viel zu jung, auch nur daran denken zu können sich von der Welt ganz zurückzuziehn, die ebenfalls ihre Forderung an ihn habe und sich ihr Recht dann doch einmal über kurz oder lang zu wahren wisse. Beide bestritten ebenfalls, daß ihm das Leben der Inseln auf die Länge der Zeit genügen würde und könne, und wie sich alle seine Landsleute für später solche Aussicht offen gelassen — eine Aussicht die bei Allen fast, mit nur sehr wenigen Ausnahmen eine Hoffnung wurde — so werde auch er einmal den Drang wieder in sich fühlen nach Frankreich zurückzukehren, an dessen weit geselligeres Leben sich dann auch Sadie, schon jetzt mit den Sitten, der Sprache des fremden Volkes bekannt und befreundet, leicht und gern gewöhnen würde.

Sadie schüttelte bei solchen Reden recht ernst und ängstlich mit dem Kopf; sie hatte genug von Französischem Leben hier auf Tahiti gesehn, sich nicht weiter da hineinzusehnen, und in einem Lande zu leben wo sie weiter gar Nichts mehr sehen sollte als fremde unbekannte Gestalten, wo ihr die lieben Palmen fehlten und das fröhliche Lachen der fröhlichen Kinder ihres sonnigen Vaterlands? — Nein, nein, dahinein paßte sie nicht, und sie würde und müßte vergehen dort, in Sehnsucht und Heimweh.

Auch René hatte dagegen seine heimlichen Bedenken, Gedanken die in ihm laut wurden und Form gewannen, er mochte sich dagegen stemmen und wehren so viel er wollte.

Mata Oti, der Bursche, war ebenfalls mit Bruder Ezra von den Französischen Behörden eingezogen worden, etwas mehr aus ihm herauszubringen über jene Nacht, als ein bloßes aita vau i ite — ich weiß es nicht — und Sadie hatte dafür ein Mädchen zu sich genommen, die ihr die Dienste des Knaben ersetzen sollte. Nai Nai war über die Blüthe der Jahre hinaus, wenn auch noch gar nicht so alt, und obgleich sie vor sechs oder acht Jahren noch ein recht hübsches Mädchen gewesen sein sollte, doch jetzt abgefallen, mager und selbst häßlich geworden. Eine eigene Wuth die sie dabei hatte Europäische Kleider und besonders Hüte zu tragen, zeigte sich nicht im Stande ihre Reize zu erhöhen, und Sadie lachte darüber, aber auf René machte es einen peinlichen Eindruck, so peinlich daß er zuletzt Sadie bat sie wieder fortzuschicken, wenn er ihr auch keinen Grund dafür anzugeben vermochte. Sadie versagte ihm nie einen Wunsch, wenn es in ihren Kräften stand ihn auszuführen, und Nai Nai wurde wieder hinüber nach Imeo geschickt, von wo sie gekommen, und von einem hübschen jungen Mädchen ersetzt.

Wenige Wochen waren solcher Art nach den im vorigen Capitel beschriebenen Vorgängen verflossen, und wenn sich auch die Insulaner schon ziemlich über den Verlust ihres Missionairs und Consuls beruhigt hatten, sollte bald wieder ein Gewaltstreich der Fremden diesem scheinbaren Frieden ein Ende machen.

Die Reine blanche war wieder gesegelt und Monsieur Bruat hatte Alles versucht die Eingebornen in Güte dazu zu bringen, ihnen die nöthigen Provisionen zu liefern, aber umsonst. Wie die Franzosen behaupteten, von den Missionairen aufgereizt, jedenfalls auf den Befehl ihrer eigenen Häuptlinge, hielten sich die Insulaner in ihren Wohnungen und brachten nicht eine Brodfrucht mehr zu Markte, ja das Gerücht verbreitete sich sogar, sie seien gesonnen Alles was sie nicht von Früchten und überhaupt Lebensmitteln nothwendig selber brauchten, in die Berge und den Feranis aus dem Weg zu schaffen.

Dem zu begegnen schritt der Französische Kommandant zu einem Gewaltstreich, lockte vier der einflußreichsten Häuptlinge, unter ihnen Terate, Avei und Nane ini an Bord eines Schiffes, wo er sie gefangen hielt, und hätte sich fast auch noch eines andern Trupps bemächtigt, wäre diesem nicht noch zeitige Warnung geworden, daß er in die Berge fliehen konnte.

Bald darauf erschien eine Proclamation vom Gouverneur Bruat unterzeichnet, die im Namen des Königs von Frankreich und als Gouverneur der Französischen Besitzungen, dem Volke von Tahiti erklärte daß die vier Häuptlinge Taaniri, Raheahu, Potowai und Teraitane, da sie auf das Wort des Friedens nicht hatten hören wollen, für Rebellen erklärt und ihr Eigenthum mit Beschlag belegt werden sollte.

»Acht Tage« hieß die Proclamation weiter — »sind ihnen noch gegeben sich zu unterwerfen. Der Distrikt der ihnen Schutz giebt soll, nach seiner Wichtigkeit, unter eine entsprechende Contribution gelegt werden. — Die dem Frieden und dem Gesetz freundlich gestimmten Personen bleiben ruhig unter dem Protectorat Frankreichs — die Strenge der Gesetze soll die Schuldigen treffen.

Bruat.«

Jetzt zum ersten Mal schien das Volk zu fühlen daß es wirklich unterjocht werden sollte, da man sich nicht allein begnügte die Englischen Missionaire feindlich zu behandeln, sondern auch sogar Hand an ihre eigenen Häuptlinge legte, und ein wilder Schrei des Zorns und der Entrüstung ging durch das ganze Land.

Pomare war zu gleicher Zeit von den Missionairen feste Hülfe von England versprochen, und selbst alle dort lebenden Engländer bestätigten das, da Britanien nie dulden werde, daß Einer seiner Consuln auf solche Weise behandelt werde; nur verzögern mußte sie einen Ausbruch des Volks, damit der Franzose nicht neuen Grund bekam zu neuen Uebergriffen, und sich indeß ihr Recht wahren, als souveraine Königin.

Dem Sinne folgend schrieb sie einen Brief[H] an die Häuptlinge, worin sie dieselben zum treuen und geduldigen Ausharren ermahnte, aber sie auch zugleich indirekt darin aufforderte in ihrer Widersetzlichkeit gegen die Feranis standhaft zu bleiben, und dieser Brief wurde, wie es heißt, von Gouverneur Bruat so aufgefaßt, als ob er die Eingeborenen in der »Rebellion gegen ihre gesetzmäßige Regierung« bestärken und bekräftigen solle.