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Wanderungen durch die interessantesten Gegenden des Sächsischen Obererzgebirges (Erstes Heft) / Ein Beitrag zur specielleren Kenntniß desselben, seines Volkslebens, seiner Gewerbsarten, Sitten und Gebräuche cover

Wanderungen durch die interessantesten Gegenden des Sächsischen Obererzgebirges (Erstes Heft) / Ein Beitrag zur specielleren Kenntniß desselben, seines Volkslebens, seiner Gewerbsarten, Sitten und Gebräuche

Chapter 7: Aue.
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About This Book

Der Bericht begleitet Wanderungen von den Umgebungen von Chemnitz hinauf in das Obere Erzgebirge und bietet lebhafte Schilderungen von Wegen, Wäldern, Anhöhen und Fernsichten. Er porträtiert Dörfer und Kleinstädte, ihre Gewerbe und Handwerke wie Weberei, Eisenhüttenwesen, Bergbau und Fertigung einfacher Hauswaren, sowie bäuerliche Wirtschaft und Siedlungsformen. Historische Spuren und kirchliche Einrichtungen werden in knappen Annalen erwähnt, ebenso lokale Sagen und Anekdoten. Mit praktischen Wegbeschreibungen, beobachtenden Naturdarstellungen und lithographischen Ansichten vermittelt der Text ein zusammenhängendes Bild von Landschaft, Volkstümlichkeit und regionaler Wirtschaft.

Inhalt.

Erste Wanderung.

Seite
Von Chemnitz aus nach dem Obererzgebirge 1
Der Spiegelwald 4
Schwarzenberg 7
Fürstenberg 10
Aue 13
Die Drutenau 18
Bockau 20
Die Morgenleithe 24
Das Eisenhüttenwerk Erla 25
Bermsgrün 30
Krandorf 33
Das Schwarzwasserthal 34
Breitenhof 37
Breitenbrunn 37
Die Hefenklöße 40
Johanngeorgenstadt 41
Rittersgrün 47
Globenstein 49
Großpöhla 51
Das Weihnachtsfest 52
Scheibenberg 55

Wanderungen durch das Obererzgebirge.


Erste Wanderung.

Von Chemnitz aus nach dem Obererzgebirge.

Die ländliche Wohlhabenheit, welche die volk- und gewerbreiche Stadt Chemnitz meilenweit um sich verbreitet und selbst die nahen Dörfer mit einer gewissen Art bäuerlicher Ueppigkeit angereichert hat, verliert sich allmählig, wenn man über Neukirchen, Leukersdorf, Pfaffenhain und Stollberg nach dem Obergebirge wandert. Die Gegend durch genannte Ortschaften, durchzogen von einer Chaussee, welche aus einem bunt gemusterten Felsit-Porphyr von Leukersdorf gebaut und unterhalten wird, hat eine sehr einfache Physiognomie, die sich erst dann zum Lächeln anschickt, wenn man die Höhe von Hoheneck erreicht und rückwärts nach den weiten und sanft gewölbten Hügeln blickt, über welche der Fuß seinen Weg genommen hat.

Von der Burg Hoheneck sieht man kaum noch Spuren von ihrer herrischen Größe, mit der sie hinab auf das Städtchen Stollberg und seine Flanell-, Barchent- und Leinweber schaute. Ein im neuern Styl gebautes Amthaus steht an dessen Stelle, welches mit den Wirthschaftsgebäuden eines Kammergutes verschanzt ist. Der Berg steigt von da, in der Richtung nach Zwönitz hin, noch gegen eine halbe Stunde an, ehe sich die Straße in einen langen, aber dürftigen Fichtenwald verliert. Die Höhe dieses Berges bietet eine recht artige Fernsicht nach Nordwest. Das wasser- und holzarme Hohenstein im Schönburgischen sonnt sich an seinem Rieden- und Pfaffenberg und terrassirt seine netten Gassen in anständiger Behaglichkeit um sich her. Sein ehemaliger Bergbau, welcher in dem dortigen Thonschiefergebirge getrieben wurde, machte viel Aufsehen, weil die daselbst auf den Gruben St. Lambertus und St. Anna einbrechenden Kupfererze güldisch waren und noch im Jahre 1791 für 29 Thlr. 5 Gr. 3 Pf. fein Gold gewonnen wurde. Das ist freilich, wenn von Gold die Rede ist, viel zu wenig; daneben aber auch eine zu große Erkaltung für den Bergbau in der Gegenwart, als daß ein bergmännisch geregelter Angriff auf die güldischen Erzmittel mit Ausdauer zu hoffen steht.

Die Gegend von Niederzwönitz und dem Städtchen gleiches Namens mit 288 Häusern und 1756 Einwohnern bietet nichts Interessantes dar, wenn man nicht den rastlos thätigen Baumzüchter, Stadtrichter Glück, besuchen und seine Pflanzgärten in Augenschein nehmen will; die Bauern wohnen seltener in einem umschlossenen Gehöft, die Schindeldächer nehmen überhand, Häusler drängen sich zwischen die Güter und der Boden wird steriler. Der Ziegenberg, über welchen nunmehr eine neue Chaussee nach Grünhayn läuft, zeigt in der Ferne den weißen Kirchthurm der in ein enges Thal eingequetschten Stadt Lößnitz und sein dem Himmel näheres Schießhaus. Außerdem ist die Gegend umher, eben so wie um Grünhayn, anmuthlos. Im Laufe diesem Sommers wurde in der Mooshaide bei Grünhayn von den Torfstechern ein Bär ausgegraben, von welchem Haare und die Krallen an den Tatzen gut erhalten waren. Unter die angebundenen gehörte er offenbar nicht.

Dieses Städtchen ist durch das reich dotirte Cistercienserkloster bekannt, welches im Jahre 1170 durch Sittichenbacher Mönche entstanden, durch den Markgrafen Heinrich den Erlauchten eine veränderte Gestalt bekam, von dem Burggrafen Reinhardt von Meißen mit 10 Dörfern von seiner Grafschaft Hartenstein dotirt und somit zu einer besondern Wohlhabenheit erhoben wurde. Allein als im Jahr 1429 die Hussiten mit ihrer Mord- und Zerstörungssucht einbrachen, hatten sie den Abt Bernhardt II., welcher auf dem Concilio zu Costnitz eifrig an Hussens Verdammung gearbeitet, den Untergang geschworen. Dies gelang jedoch der tollen Rotte nicht, weil der Abt in Zwickau war, als sie in Grünhayn einbrach. Daher galt es nun den Mönchen, der Habe ihres Klosters und der bestürzten Einwohnerschaft des Städtchens; Erstere wurden in der Klosterkirche erschlagen und letzteres durch Martern und Qualen an den Mönchen, daß sie die Verstecke der werthvollen Sachen angeben mußten, ein Raub dieser Unmenschen. Kloster und Kirche wurden der Erde gleichgemacht, auch das Vieh der Einwohner im Städtchen hinweggetrieben.

Dieses Klosterthum kam nie wieder zu seiner früheren Wohlhabenheit, vielmehr wurde es im Jahre 1536 säcularisirt und der Rest seines Vermögens zur Verbesserung der Besoldung von Kirchen- und Schuldienern verwendet. Im großen, mit Mauern umgebenen Klostergarten steht noch ein alter Thurm, der Fuchsthurm genannt, dessen frühere Bestimmung die Geschichte nicht aufbewahrt hat. Das sind die einzigen Gegenstände, welche an ehemalige Beten und Müßiggehen, Fasten und Wohlleben erinnern. Jetzt ist es der Sitz des Justiz- und Rentamtes; und als im Jahr 1821 ein neues Amthaus errichtet wurde, gingen die letzten Spuren des ehemaligen Klostergebäudes fast ganz verloren. Die beträchtlichen Ländereien des Mönchthums kamen nach der Säcularisation zum feilen Verkauf, welche 20 Grünhayner Bürger an sich brachten, die unter sich eine Landgemeinde in der Stadt bilden, ihren Richter haben und eben so, wie die Grundstücke, die Zwanziger genannt werden. Das Städtchen selbst entbehrt aller Anmuth, liegt rauh und frostig am nördlichen Fuße des Spiegelwaldes und erntet deshalb später als die Umgegend. Außer der etwa vor 30 Jahren neu erbauten Kirche, welche durch einen Stadtbrand verloren ging, hat das Innere des Städtchens eben kein hübsches Gebäude. Zwischen zwei Schornsteinen reitet ein mit Schiefer gedecktes Thürmlein auf einem Schindeldache und zeigt der Einwohnerschaft die Tag- und Nachtstunden an. Man nennt dieses Gebäude – das Rathhaus. Uebrigens hat das Städtchen viel Feldbau, mithin gute Viehzucht und außerdem nähren sich Viele vom Verfertigen der Regenschirme.

Der Spiegelwald.

Dieser von Grünhayn gegen Süden gelegene und sparsam mit Nadelholz bestandene Gebirgsrücken ist der Vorhang, welcher eine wunderschöne Gebirgslandschaft, die mit ihrer Ausdehnung von etwa 5 Stunden in die Länge und Breite in bunter Mannichfaltigkeit eine liebliche Scenerie vor die Augen stellt, von der sich der Verehrer der Naturschönheiten nur ungern trennen kann. Auf dem Rücken des Berges angekommen, blickt man tief hinab in ein Labyrinth kleiner stücklicher Berge, die allmählig nach allen Richtungen hin riesenhaft anschwellen und ihr dunkles Fichtengrün an dem Saum des Himmels falbeln. – Bisweilen steigen gespensterartig weiße Nebel aus den dicken Waldungen auf, dehnen und strecken sich phantastisch, bis ihr Gewand zerrissen an fernen Wipfeln der Bäume verschwindet. Der Gebirger sagt in solchen Fällen: »Das Holzweibel heizt ein, es wird ander Wetter.« – Die dunkle Trapperie wallt faltenartig nach den Thalungen auf und nieder und umgrenzt hie und da verschiedentlich geformte Blösen für den Kartoffel- und Futterbau. Links, nach Osten, blähet sich der 3795 Fuß über dem Meere gelegene Fichtelberg im licht indigblauen Mantel auf und beherrscht den Horizont bis zu den in Westen gelegenem Kühberg. Einzelne Gruppen von Häusern, zu dem oder jenem versteckt gelegenen Dörflein gehörig, und verzettelt stehende Wohnungen erblickt man allerwärts; sie verdanken ihre Entstehung irgend einem besondern Gewerbe, oder der bequemern Bewirthschaftung eines unbequem gelegenen Stück Landes. Weiß und schieferblau ruht das Städtchen Schwarzenberg tief in der Niederung der Landschaft, umgeben von Bergen mittleren Ranges, damit die höheren darüber hinschauen und das wie von Kindern aus Nürnberger Häuserchen gebaute Städtchen betrachten können. Viele tausend Menschen machen diese romantische Landschaft zu der lebendigsten des Obergebirges und zugleich zu der besuchtesten von Fremden; und in der That ist sie es werth, von Jedem besucht zu werden, wer Belehrung und Genuß an ihren eigenthümlichen Gewerbsarten, Sitten und Gebräuchen sucht.

Von der Höhe des Spiegelwaldes steigt man über 2000 Fuß hinab bis an die Ufer des Schwarzwassers und stößt unterwegs zunächst auf das ehemalige Klosterdorf Beyerfeld, welches gegenwärtig zur Herrschaft Sachsenfeld gehört. Wer hat nicht schon oft und viel von der Löffelfabrik der Gebrüder Friedrich, der umfänglichsten im Vaterlande, gehört? und wie viel Fremde haben nicht dieses Gewerbe in Beyerfeld aufgesucht, in der Meinung, dieses Etablissement in einem räumlichen Gebäude zu finden, wo man die Löffel aus Eisen fertigen sehen und die Manipulation bis zu ihrer Vollendung beobachten könne? Dem ist nicht so. Die Fabrik bezieht das nöthige Eisen für alle Gattungen von Löffeln von den Hammerwerken, wo es schon unter dem Namen Löffeleisen in Stäbe geschmiedet und nach der Wage, à 44 Pfund, verkauft wird. Der Fabricant liefert dasselbe nach dem Gewichte an die Plattenschmiede, welche zerstreut in nahen und entfernten Ortschaften wohnen; diese verfertigen daraus die Platten, d. h. die eben (platt) abgehenden Eisenstücke, die noch keine Vertiefung haben. Zwei solche Plattenschmiede können täglich gegen 24 und aus einer Wage ungefähr 36 Dutzend Platten schmieden, die sie an den Fabricanten wieder nach dem Gewicht abliefern. Nun kommen die Platten wieder in die Hände der zerstreut wohnenden Löffelmacher, welche sie austeufen, wozu sie einen Ambos, worauf die stählernen Modelle oder Formen befestigt und nach den verschiedenen Größen und Gestalten concav eingelassen sind – und verschiedene Teufhämmer – brauchen, sodann aber zur Ablieferung bringen. Täglich kann ein Löffelmacher 25 Dutzend austeufen und 6 bis 7 Groschen verdienen. Endlich werden sie in's Zinnhaus abgegeben, da verzinnt, dann mit Kleie gescheuert, sortirt und so vollendet auf's Lager und in Handel gebracht. Mit diesen Löffeln, die im Publicum gewöhnlich »blecherne« genannt werden, wahrscheinlich weil das Eisen dazu so dünn wie Blech ausgetrieben wird, treiben die Gebrüder Friedrich, welche jeden Fremden mit Freundlichkeit aufzunehmen pflegen, umfängliche, selbst überseeische Geschäfte und geben dadurch einer großen Menge Menschen Nahrung und Unterhalt.

Am untern Ende des Dorfes liegt das Köhler'sche Vitriol- und Schwefelwerk, welches aber gegenwärtig, wegen gesteigerter Holzpreise und der Concurrenz von Böhmen her, in schwachem Umtriebe steht. Blau und grüner Vitriol, Vitriolöl und Scheidewasser sind die gewöhnlichen Fabricate. Schwefel wird wohlfeiler aus dem Auslande bezogen, als er hier fabricirt werden kann. Da die Fabrication aller dieser Gegenstände längst aus Hofrath Kastner's Metallurgie bekannt ist, so hält es schwer, den Grund aufzufinden, weshalb den Fremden nur ungern der Eintritt in dieses Werk gestattet wird.

So wie sich Beyerfeld vom Spiegelwald herab nach dem Schwarzwasser streckt, eben so dehnt sich vom Teufelssteine aus, welcher durch sein Granatlager bekannt ist, in gleicher Richtung das Nachbardorf »Bernsbach« hinauf bis auf den Rücken des dort waldlosen Berges. Die Fabrication des Feuerschwammes und der Schwefelfäden, welche die mannichfaltigen Zündmaschinen der neuern Zeit gar sehr beeinträchtigt haben, war sonst in diesem Dorfe heimisch. Aus Polen und Ungarn kamen früher ganze Ladungen von Buchenschwämmen, die hier verarbeitet und als Feuerschwamm auf Messen und Märkte verführt, oder verhausirt wurden. Der Handel mit Zunderholz in diesem Orte ist völlig verschwunden und mit ihm die Gelegenheit zum Betteln.

gez. v. F. König.
Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg.

SCHWARZENBERG.

Schwarzenberg.

Wie die zusammengedrängten und gegen das Hinabgleiten gesicherten Kinderherrlichkeiten auf dem Brete eines Gypsfigurenhändlers, – so ruhen die 50 brauberechtigten schmucken Häuser des Städtchens, welches überhaupt 193 bewohnte Häuser und 1931 Seelen zählt[1], mit dem Schlosse, der Kirche, Schule, dem Forst- und Rathhause auf einer 60 Fuß hohen, 1200 Fuß langen und kaum 300 Fuß breiten Felsenribbe, die aus dickflasrigem und mit Granitgängen durchsetztem Gneus besteht. Die eng zusammengerückten, steinernen und mit Schiefer gedeckten Gebäude haben sich an den Rändern dieses Felsens durch Mauern und Strebepfeiler gesichert, damit sie nicht den Vorstädtern, welche ringsherum noch 143 Häuser bewohnen, in die Arme fallen.

Dem alten und durch wiederholte Brände vielfach veränderten Schlosse, in welchem gegenwärtig das Kreisamt seinen Sitz hat, fehlen die urkundlichen Nachweisungen seiner Entstehung. Es ist nicht umfänglich und steht auf der äußersten Kante des Felsens, ernst und sinnend, wie der bronzirte Napoleon mit verschränken Armen und kleinem Hute auf dem Brete der Gypsfiguren. In der Vorzeit, wo die kriegerische Zerstörungsart noch nicht so weit gediehen war, als in der Gegenwart, hatte diese alte Burg einen Graben und eine Aufzugbrücke, das Städtchen selbst aber Mauern und zwei Thore, welche jedoch niedergerissen worden sind, weil es Thorheit gewesen wäre, ihre Räumlichkeiten für bessere Zwecke unbenutzt zu lassen.

Heinrich I., Otto des Erlauchten Sohn, soll das Schloß zu Anfange des zehnten Jahrhunderts, so wie mehrere andere, zur Bewachung der Sorben erbaut haben. Weniger glaubhaft mag es sein, daß diese kleine Stadt ihren Namen von eben diesem Heinrich, welcher sich Henricus Niger genannt, bekommen haben soll, weil die Gelegenheit näher liegt, daß das Schwarzwasser, welches seinen Lauf durch die Vorstadt nimmt, die Veranlassung für die Benennung des Ortes wurde. Das Schwarzwasser, welches sich unterhalb der Stadt mit der Pöhla (richtiger: Bela, Biela) vereinigt, wurde von den Wenden Czorny-woda (lies: Schorni, daher auch Schornstein), Schwarzwasser, und unsere heutige Pöhla wurde Bela woda, d. i. Weißwasser, genannt.

Nahe an der Stadt ragen zwei schroffe Felsen, der Otten- und Todtenstein empor, die irgend eine gewaltige Erdrevolution der Vorzeit, die keine Geschichte kennt, von dem Stadtberge trennte und dem Schwarzwasser seinen heutigen Weg anwies. Hinter diesen Felsenmassen und rund um das Städtchen erheben sich kegelartige Berge von Gneus und Granit, wie mächtige Bastionen, zu deren Füßen sich üppige Wiesen ausdehnen und darüber hinauf die Einwohnerschaft ihren mühsamen Feldbau betreibt.

Schwarzenberg und seine nahe Umgebung bietet keine Ebene dar; überall nur abgescheuerte Berge mit tiefen Einschnitten, in welchen Quellen und kleine Bäche plätschern. – Es ist ein Gebirge im Gebirge! – Darum aber und weil die Grundstückbesitzer ihre Früchte nicht so bequem nach Hause bringen können, wie die Flachländer, besonders wenn die Witterung ungünstig ist, sind die Scheunen auf dem ganzen Weichbilde zerstreut herum erbaut, wie die Kauen eines Bergwerksreviers, was auch außerdem, wegen Feuersgefahr, sehr zweckmäßig erscheint.

Das Klima in der Niederung von Schwarzenberg ist sehr mild, weil es gegen Osten und Norden durch ein hohes Gebirgsjoch gegen rauhe Winde geschützt ist; man erntet in den Thalungen mit den Chemnitzern ziemlich gleichzeitig, obschon das Schwarzwasser mit Freiberg in einem Niveau liegt. Die Bäche und Flüsse sind mit üppigen Laubhölzern eingefaßt, die Gärten mit Obstbäumen angefüllt, und in günstigen Jahren werden sogar in einigen Gärten hübsche Weintrauben gezogen.

Das Kreis-, Forst-, Rent- und Floßamt hat in das Städtchen von jeher Lebendigkeit und Nahrung gebracht und dasselbe dadurch zu einer gewissen Art von Wohlhabenheit erhoben, wie man sich diese nämlich im Obergebirge zu denken hat; die Einwohnerschaft mußte natürlich auch, unter so günstigen Verhältnissen, an Vielseitigkeit und Gesittung gewinnen, wodurch sich der Fremde um so mehr angezogen fühlt, als ihm freundliche Natürlichkeit mit geselligem Wohlwollen entgegenkommt. Allein das übermäßige Zusammendrängen von Handwerkern allerlei Art, als: 32 Schneidern, 21 Schuhmachern, 12 Fleischern, 12 Bäckern, 8 Tischlern u. s. w., denen 4 Jahrmärkte noch obendrein viel Abbruch thun, scheidet eine Verarmung aus, die nebst einigen anderen zufälligen Calamitäten der Ortsarmencasse jährlich weit über 200 Thlr. kostet.

Unter den Obergebirgern gewinnt die gekerbelte, geglättete und vatermörderliche Vornehmthuerei nur langsam Boden, worauf sie wuchern kann, und wer sie einheimisch zu machen wähnt, stößt immer von sich ab und fällt zuletzt den Sonderlingen anheim. Deshalb halten sich Jahr für Jahr eine Menge Fremde aus allen Ständen, wenn sie zu besserer Jahreszeit das Obergebirge in Geschäften oder zum Vergnügen bereisen, länger in Schwarzenberg[2] auf, als vielleicht in ihrem Reiseplan lag; machen wohl auch sogenannte Abstecher nach allen Richtungen hin und kehren am Abend zurück. Wenn daher ein Freund der Natur und der eigenthümlichen Gewerblichkeit des Obergebirges das Bonitz'sche Walzendrahtwerk[3], die beiden Zainhammer, den fiscalischen Holzanger, welchen die Floßbeamten in einen hübschen Park umgewandelt, in dem Städtchen und in der Nachbarschaft desselben beaugenscheinigt haben, so wird derselbe zunächst

den Fürstenberg,

der nur eine Stunde weit gegen Morgen entfernt liegt, besuchen, welcher für die vaterländische Geschichte classisch und in der neuern Zeit durch Errichtung eines Denkmals und eines bewohnbaren Köhlerhauses interessant geworden ist. Der so oft beschriebene, besungene und selbst für die Bühne bearbeitete sächsische Prinzenraub ist so allgemein bekannt, daß keine Lücke für den Zweck dieser Schrift entstehen kann, wenn sie über das Geschichtliche desselben schweigt.

Der Fürstenberg, vor dem Prinzenraube der Schmiedewald genannt, gehört gegenwärtig nur mit einem eben nicht breiten Streife dem Staate, und wird obenhin von den sogenannten Zwanzigern und nach unten von den Begüterten zu Raschau besessen, so daß nur das Denkmal und das Köhlerhäuschen auf fiscalischem Eigenthume stehen. Der Bergabhang ist ziemlich kahl, da die Zwanziger ebenfalls in dem verkehren Wahne stehen, die Hölzer lieber abzutreiben oder auf dem Stocke zu verkaufen, als sie mit Nachhalt zu benutzen und den Nachkommen ein nützliches Andenken zu hinterlassen. Dagegen ist der fiscalische Boden im Laufe des vorigen Jahres in Cultur genommen und von dem fleißigen Förster Müller in Grünhayn mit einer Pflanzung versehen worden, daß man zu seiner Zeit eine dicke Waldung erwarten kann, welche das Denkmal unsers Regentenhauses mit ihrem Rautengrün beschattet und in ein gemüthliches Dunkel hüllt. Dabei ist aber vorauszusetzen, daß das Köhlerhäuschen nicht zu einer gemeinen Kneipe herabsinkt, von wo aus Beschädigungen und Frevel zu fürchten und nicht immer abzuwenden sind.

Dieser mittägige Abhang des Fürstenbergs, welcher auch wegen seines schneeweißen Marmors, der dem von Carrara in Italien ganz ähnlich ist, so wie wegen anderer interessanten Fossilien der dortigen Einlagerungen in Glimmerschiefer die Aufmerksamkeit der Mineralogen anregt, gewährt eine eigenthümliche Ansicht, die den Beobachter um so mehr anspricht, als sie überraschend auftritt. Es ist der sogenannte Graul, eine topographische Benennung eines zum Bergamt Schneeberg gehörigen Bergreviers, auf welchem sich eine kleine Bergwerkswelt mit ihren braunen und weißen Halden, Hütten und Kauen ausbreitet hat und durch das Anschlagen der Glocken des Kunstgestänges in abgemessenen Pausen, so wie durch den aufsteigenden Dampf der Röst- und Arseniköfen, die Aufmerksamkeit gar sehr in Anspruch nimmt. Silber und Kobald, Vitriol-, Schwefel- und Arsenikkiese gewinnt und fördert der Bergmann zu Tage, wo sie verarbeitet und verwerthet werden zu mancherlei Zweck. Silber und Arsenik, diese nahen – aber friedlichen – Nachbarn unter der Erde, feinden sich gar oft gegen einander an, wenn sie in der Hand der Menschen dem Eigennutz anheim fallen. Die Grube »Gottesgeschick« allein hat seit ihrer Veredlung – und das ist wohl kaum 70 Jahre – nahe an 300,000 Thlr. Silber geschüttet und baut gegenwärtig noch in sehr höflichem Feld.

Unweit dieses Bergwerksetablissements steht noch ein obdachloses, zerklüftetes Mauerwerk in einer Wiese, welches unter dem Namen »Dossels-« oder »Dusselskirche« bekannt ist. Das vielleicht 12 Ellen hohe schiffartige Mauerwerk läßt es nicht zweifelhaft, daß es eine Kirche werden sollte. Es ist auch die Sage in der Nachbarschaft, daß ein reicher Hammermeister, Klinger, um wegen eines Mordes an dem Bergmeister Gotterer in Elterlein Ablaß zu erlangen, den Bau angefangen, aber, bald in Abfall der Nahrung gekommen, denselben nur langsam habe betreiben können; zuletzt aber sei der Bau wegen der lutherischen Reformation und weil die klösterlichen Beihilfen weggefallen, ganz zum Erliegen gekommen. Der Oswaldsbach[4], welcher in dem Torfboden der Mooshaide zwischen Grünhayn und Zwönitz seinen Anfang nimmt, sich mit dem Gewässer des erstgenannten Städtchens verstärkt, von da seinen Weg nach Südost durch einen üppigen Wiesengrund verfolgt und sich in eine waldige tiefe Felsenpartie, wo er seinen Lauf nach Süden einschlägt, sodann das halb in die Schlucht eingeklemmte Dörfchen Waschleute (unrichtig: Waschleithe) durcheilt, bewässert mit seinem Forellenwasser das Thal und erreicht die Dusselskirche, von wo aus er den Fuß des Fürstenberges berührt, eine Partie Wasser für die Künste bei Gottesgeschick abgiebt, den Ueberschuß aber der Pöhla bei Wildenau zuführt. In der Mundart des Volks heißt dieser Bach der Osselsbach, auch Dusselsbach, daher auch die Kirche am Dusselsbach – Dussels- oder Duselskirche heißt.

In dem genannten Dörfchen Waschleute hatten sich zu der frommen Klosterzeit in Grünhayn Leute angesiedelt, die das Waschen und Scheuern im Kloster versahen; man hatte sich nicht die Mühe genommen, ihrem Ansiedelungsplatze einen Namen zu geben, denn waren sie nöthig, so wußte Jedermann, wo die Waschleute zu suchen waren. Das Gerichtssiegel des jetzt ansehnlichen und hübschen Dörfchens führt ein Waschfaß, an welchem zwei weibliche Personen mit Wäsche beschäftigt sind.

Man geht denselben Weg, der für eine Excursion gewählt worden war, nicht gern wieder zur Heimkehr. Und so möge denn auch hier vom Fürstenberg aus die Tour von Gottesgeschick durch den Raschauer Gemeindewald über den Wildenauer Berg genommen, und sich von dessen Höhe an der herrlichen Landschaft, die von Osten aus wiederum Schwarzenberg in der Mitte hat, ergötzt werden. Die Sonne sinkt hinter den Burckhardtswald und hält sich das goldkantige Schweißtuch, aus Wolken gewoben, vor ihr blutrothes Gesicht; die Morgenleithe, ein hochansteigendes Glimmerschiefergebirge in Südwest, eingehüllt in ein mächtiges Nachtgewand von Fichtengrün, läßt allmählig ihre Sänger schweigen und überschaut still die rauchenden Schornsteine in den Thälern. Der Wanderer gelangt nach Wildenau, wo der Dichter Ziehnert den Stoff zu seiner Nixenmythe auffand, und dann wieder in das freundliche Rathhaus nach Schwarzenberg, wo ihm das Feuer auf dem Heerde nicht vergeblich knistert.

gez. v. F. König.
Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg.

AUE.

Aue.

Allerdings ist es der Mühe werth, das Städtchen und seine Umgebung zu besuchen, welches, nur zwei Stunden gegen Westen von Schwarzenberg entfernt, an der Schneeberger Chaussee liegt. Das erste zum Rittergut Sachsenfeld gehörige Dörflein Neuewelt, mit seinen ordnungslos hingewürfelten, meist ärmlichen Häusern, bietet nichts Beachtenswerthes dar. Es ist eine neue Welt, nach welcher sich kein Auswanderer sehnt. Gegen Westen liegt der hohe, kahle und baumlose Gebirgsberg, über dessen Rücken die neuere Zeit, mit einer gewissen Art von Verwegenheit, einige Feldfleckchen zum Kartoffelbau zusammengemartert hat, dessen Grün über den erdbraunen langgestreckten Körper einen sonderbaren Anblick gewährt. Es ist das trojanische Pferd mit einer phantastischen Chabraque.

Nicht ganz uninteressant ist das große und volkreiche Dorf Lauter, durch dessen Mitte die Straße quer durchführt und dasselbe in Ober- und Unterdorf abtheilt. Ueber den Namen Lauter spricht sich der Pfarrer Körner in seinen Nachrichten von Bockau dahin aus: »Luderij ist ein Wendisch adjectivum von dem substantivo Luder. Dieses Luder ist ein nomen proprium vieler Könige gewesen, so ihren Namen vielen Städten und Bergen durch die geführten Kriege hinterließen. Wie wäre es nun, wenn ich sagte, der Berg Luderij sei so viel als der Lutterberg oder Lauterberg vom König der Franken Clotario oder Luttern? etc.« Haben nun die zanklustigen Einwohner des Dorfes Kenntniß von dieser Etymologie, so wird die Redensart: Luder, Wolfsgrubenluder u. s. w., welche nicht selten in ihrem Wirthshausverkehre vorzukommen pflegt, nicht mehr als Beleidigung gelten dürfen.

Der Ort ist sehr betriebsam; insonderheit werden viel Schlitten-, Trag- und andere Körbe aus Spänen, Wurzeln und Weidenruthen geflochten und nebst vielen Blech- und Topfwaaren (welche letztere aber daselbst nicht verfertigt werden), im Lande verhausirt und auf Jahrmärkten in's Geld gesetzt. Am untern Ende des Dorfes ist seit einigen Jahren eine ziemlich großartige Maschinenspinnerei errichtet, die vom Schwarzwasser getrieben wird. Das Siechthum, welches jetzt auf den sächsischen Spinnereien haftet, hat natürlich auch diejenigen mit ergriffen, die später erbaut und weit in die Thäler des Obergebirges hineingeschoben worden sind. Alle Gewerbsarten haben ihre Grenzen, über welche hinaus sie ihr Gedeihen nicht mehr finden; es ist die Ebbe und Fluth aller menschlichen Unternehmungen, die bald von Segnungen, bald von Abmagerungen begleitet werden.

Am Wege von Lauter nach Aue begegnet man der Porzellanerden-Zeche Andreas Neufang, in der Gegend unter dem Namen »das weiße Zeug« bekannt; sie ist dicht an der Straße links in junge Waldung versteckt. Bekanntlich war der Apotheker Böttger, welcher am 4. Februar 1682 zu Schleiz im Voigtlande geboren wurde, der Erste, der im Jahre 1709 die Entdeckung machte, aus dieser weißen Erde Porzellan herzustellen, was in ganz Europa Aufsehen und Abnahme zur Folge hatte. Seit dem Anschluß Sachsens an Preußens Zollsystem hat sich diese Fabrik mit namhaftem Ueberschuß bewiesen.

Wie ein Häuflein alter lebensmüder Hospitaliten in herkömmlicher Einfachheit der Sitten und Gewohnheit sich an der Wärme der bald scheidenden Sonne erquickt –: so ruht das Städtlein Aue mit seinen 136 meist uralten hölzernen Häusern in einem milden, wunderlieblichen Kessel, der die Aue heißt und dem Oertchen den Namen gab. Hier begrüßen sich das Schwarzwasser und die Mulde, deren Ufer allerwärts mit Laubholz umbuscht sind und rechts und links üppige Wiesen und fruchtreiche Aecker zu Nachbarn haben. Aue war im sechzehnten Jahrhundert ein Dorf; erhielt aber später städtische Gerechtsame, wozu ihr Zinnbergbau am Heidelberg und die Porzellanerde beigetragen haben mag. Später, als sich der erstere erschöpft hatte, gab sich die Einwohnerschaft dem Feldbau und der Viehzucht mit größerer Sorgfalt hin, wozu sich ein in Umschwung kommender Nahrungszweig – das Steinmetzgergewerbe – gesellte, welches im dortigen Muldenthale sich immer mehr und bis zum heutigen Tage erweiterte.

Die geschmacklosen Formen der in den zwei oder drei Gäßchen ungeregelt hingesetzten Häuser erinnern an das Mittelalter; sie umkauern das Rathhaus mit seinem verkreuzten Giebelholzwerk und Thürmlein, woran das Zifferblatt todtenbleich nach dem Gottesacker schaut. Die neuere Zeit hat vor den hölzernen Sitz des Stadtgerichts einen Tanzsaal geschoben, der mit seinem Orchester die Thüre zur Rechtspflege versteckt, die sich freilich auch nur mit einem Läppchen von Gerechtsamen (Nachlaßregulirungen) abgeben durfte, jetzt aber dem Kreisamte Schwarzenberg dingpflichtig ist. Das kleine Bürgerthum erspart dafür einen Stadtrath zu besolden.

Die neuere Zeit hat die Industrie auch in dieses freundliche Muldenthal geführt und sie für Fabriken und Bleichen die bequemere Wasserkraft aufsuchen lassen. Die Holberg'sche Bleich- und Appreturanstalt ist großartig und streckt einen acht Etagen hohen Trocknenthurm weit über das beschindelte Städtchen empor, um dieses seine Ueberlegenheit fühlen zu lassen; um und neben diesem Riesen breiten sich Gärten aus mit sorgsam gepflegten Blumen des In- und Auslandes; Früchte aller Art für die Küche und unmittelbar für den Gaumen, werden in Menge gezogen und regen Lüsternheit selbst für die einfache Gewohnheit des Hauswesens im Orte an. Diese Bleichanstalt, so wie die Laukner'sche Spinnerei, verbunden mit der Geitner'schen Argentanfabrik und der Actienweberei mit 400 Stühlen zu Auerhammer, haben das Städtchen lebendiger gemacht, die Nahrung gesteigert und selbst angefangen, den Geschmack im Aeußerlichen zu heben. Einige hübsche Häuser sind entstanden und anderen hat man eine Saloppe durch Abputz umgeworfen, welche sich, des Dinges ungewohnt, die alte Herkömmlichkeit doch nicht völlig abstreifen lassen. Ob die Einwohner zu Aue und ihre Nachkommen in einem völlig neu und im Sinne der Gegenwart erbauten Städtchen ihre tadellose Gesittung, Fleiß und Genügsamkeit eben so fortpflanzen und von Geschlecht zu Geschlecht vererben werden, als ihre alten Häuschen Zeugniß geben, kann nur von einer fernern Zukunft referirt werden.

Eine Seltenheit muß der Fremde nicht vergessen in Augenschein zu nehmen. Es ist die sogenannte Tausendgüldenstube im Fischer'schen Gasthofe eine Treppe hoch. Die Wände, Decke und Fensterbrüstungen nämlich sind mit einem merkwürdigen Schnitzwerk getäfelt; Blumen, Vasen, Engelköpfe bekleiden alle Flächen des Zimmers und bestehen aus weichem Holz ohne allen farbigen Anstrich. Die Arbeit gehört einer alten Zeit an, die nicht genau zu bestimmen ist, und ein Nürnberger soll sie um 1000 Gülden geliefert haben, was Veranlassung zu dem Namen gab.

Die beiden großen steinernen Brücken über die Mulde und das Schwarzwasser, welche zu beiden Seiten hohe Brustmauern haben, waren früher mit hölzernen Geländern versehen. Dies ist an sich, eben so wie die Bauart der Brücken selbst, nicht der Rede werth; allein diese Brückengeländer führt das Städtchen in seinem Rathssiegel, was so leicht der Heraldiker nicht errathen würde.

Es ist allerdings der Mühe werth, wenn wir uns in dem lieblichen Thale noch ein wenig umsehen und namentlich das mittägige Gehänge betrachten, welches von Lößnitz her zwischen dem Au- und Rumpelsbach liegt und von einem hohen Berge, der Hirnschädel genannt, herab in das Schwarzwasser- und Muldenthal schweift. Das Dörfchen Zelle bildet einen niedlichen Saum dicht an den benannten Flüssen und endet mit dem Pfannenstieler Blaufarbenwerk oben und mit dem Rittergut Klösterlein unten, so daß das langgestreckte Dörfchen wie eine Guirlande zwischen beiden schwebt.

Bei der freundlichen Familie des Herrn Factor Beck in dem Blaufarbenwerke findet jeder anständige Fremde liebevolle Aufnahme und in ihr den Führer zu all' den Naturannehmlichkeiten, die sich so anziehend um das Werk zusammengefunden haben. Insonderheit ladet der kleine Park ein, der sich um den Ellenbogen eines hohen Berges, der nach Pfannenstiel hin sich steil erhebt, herumzieht. Ein Nadel- und Laubgrün macht die Partie schattig und heimlich, und das Schwarzwasser läuft dort wieder zurück, um die Herrlichkeiten noch einmal in seinem Spiegel aufzunehmen.

Der Rumpelsbach kommt aus einem engen waldigen Thal, dem Bärengrund, hervor und tändelt mit allerhand Blumen durch üppige Wiesen herunter, wo ihn der größere Fluß aufnimmt, dessen Ufer Erlen- und Weidengebüsch thalabwärts begrenzt.

Unterhalb dem Rittergute Klösterlein ruht einsam träumerisch und von allen Wohnlichkeiten entfernt, wenn man etwa den dortigen Eisenhammer nicht veranschlagen will, inmitten einer Wiese, die Klosteraue genannt, die Kirche wie ein verschlafener Hirt, dem die anvertraute Heerde entwichen ist. In der Nachbarschaft dieser Kirche zu unserer lieben Frauen war ehedem ein Kloster, welches Markgraf Otto gestiftet und das St. Georgenkloster zu Naumburg reichlich dotirt hatte. Gegenwärtig ist sie das Filial von Schlema.

Die Drutenau[5].

Von dem Städtchen Aue nach Mittag hin wandelt man durch ein kurzes, von hohen Bergen umringtes fruchtbares Thal, mit Wiesen und Feldern überdeckt, durch welche in sanften Krümmungen die Mulde ihre Wellen, zur Arbeit für allerhand Räderwerk, rastlos dahintreibt. Am obern Ende dieser Drutenau lag ehedem ein Eisenhüttenwerk – Auerhammer – welches in der neuern Zeit der Dr. Geitner'schen Argentanfabrik (Neusilber) Platz gemacht und dadurch der kleinen Einwohnerschaft, die das Hammerwerk im Stiche und folglich in Elend ließ, wenigstens Arbeitsgelegenheit gegeben hat. Der als erprobter Pomolog und Botaniker bekannte Eigenthümer ließ sich angelegen sein, die Schlackenhaufen, Hüttenstätte, Holz- und Kohlenräume in Obst- und Blumengärten umzuwandeln; die vom Alter zusammengesunkenen Häuser wieder aufzurichten und mit einem gefälligen Anstrich zu versehen, damit sie sich vor den fremden Blumenfreunden, wenn diese sich zu dem Gartenvereine einfinden, nicht zu schämen brauchen. Alles dies gab vielfache und lang anhaltende Arbeit, wodurch sich Mancher sein Brot erwerben konnte. Ein grasreicher Wiesengrund zieht sich gegen Abend hinauf nach dem Brünlasberg; ihn durchwässert theils die Zschorla[6], theils der Floßgraben, welcher 3 Stunden Wegs in mancherlei Krümmungen, an steilen Berggehängen, sein Wasser den Mühlen-, Berg- und Hüttenwerken in Schlema bei Schneeberg zuführt[7].

Noch lebendiger und großartiger ist das hübsche Thal durch die Anlegung der Maschinenweberei von einer Actiengesellschaft geworden, in der zeither 400 Stühle webten, die aber bald in ein beklagenswerthes Siechthum zu verfallen schien, wenn sie nicht käuflich in die Hand des Fabricanten Clauß in Chemnitz gekommen wäre.

Da in diesem sehenswerthen Etablissement keine Geheimnißkrämerei und keine Zunöthigung nach Trinkgeldern herrscht, sondern nur eine höfliche Veranlassung vorliegt, für etwanige Kranke oder Beschädigte eine Kleinigkeit in die Büchse fallen zu lassen, so sollte kein Fremder die Gelegenheit unbenutzt lassen, diese Maschinenweberei mit ihren Vorarbeiten anzusehen, weil jede Beschreibung die deutliche Vorstellung davon ausschließt. Diese 400 Stühle, welche von mehrern hundert jungen Leuten bedient werden, können in einem Jahre 40,000 Stück Shirdings, à 64 Ellen, liefern.

Bockau[8].

Gleich hinter dem Webemaschinengebäude zu Auerhammer braus't die Mulde aus einem engen waldigen Felsenthal hervor, in welchem zunächst das sogenannte Teufelswehr eingebaut ist, welches die Aufschlagewasser auf nur gedachte Maschine führt. Ufer und Bette des Flusses bestehen aus sehr festem Granit von mittlerem Korne und oft fingerlangem milchweißen Feldspath. Es mag mehr dazu gehört haben, als die Gewalt der Fluthen, diese Massen zu durchbrechen und das Haufwerk davon hinaus auf die Aue zu schieben, wo solches den Auer Steinmetzen zur Beute verfällt. Mühsam klettert man am rechten Ufer hinauf und stößt bald in der Nähe der Habichtsleithe wieder auf Glimmer- und Thonschiefer, welcher viele Hornblende aufnimmt und ihm den Namen »Fruchtschiefer« verleiht. Nach kaum einer Stunde Wegs lärmt ein Bach nach dem rechten Ufer der Mulde durch ein tief eingeschnittenes Seitenthal herab, um sich mit diesem Flusse zu vereinigen. Dieses Seitenthal hat rechts einen hohen klippigen Kamm, der theilweise seine ziemlich horizontalen Glimmerschieferplatten hinausschiebt, daß sie mit Erde bedeckt und Feldfrüchte darauf erbettelt werden können. Die übrige Räumlichkeit des Thales liefert um so reichlicher das üppigste Wiesenfutter, je bequemer dieselbe von diesem Gewässer genährt werden kann.

Bockau liegt nicht sonderlich romantisch; der tiefe Thaleinschnitt hebt sich bald heraus und flacht sich in eine lange Mulde aus, welche eine Menge Güter und Häuser aufnimmt und mit der Kirche und der Zeche St. Johannis den übrigen Raum begrenzt hat. Eine Anzahl Häuser im Orte leiten durch ihre Anlage, Größe und ihren architektonischen Geschmack auf eine Zeit zurück, zu welcher viel Nahrung und Wohlhabenheit stattgefunden, die aber gegenwärtig die Lebensfrische verloren hat und der Verkümmerung noch mehr in die dürren Arme zu fallen droht.

Wer hat nicht von den Medicinallaboranten, Olitätenhändlern, Zeeh'schen Pillen, Schneeberger Schnupftabak u. s. w. gehört und von letzterem wohl auch genies't? Bockau mit 1700 Einwohnern ist der bedeutendste Ort im Obererzgebirge, wo officinelle Kräuter gebaut, in Wäldern von Kindern aufgesucht und für den Verkauf gesammelt werden, dann aber als Heilmittel für mancherlei Krankheiten und Verletzungen zugerichtet, auf Märkten und Messen verkauft und durch sogenannte Olitätenhändler, meist Leute im Berghabit und im Dorfe Sosa wohnhaft, in ferne Länder vertrieben werden. Die vaterländische Geschichte hat vom Beginne dieses Medicinalverkehrs und von seiner Verbreitung keine zuverlässigen Nachrichten aufbewahrt, und man glaubt, daß gleichzeitige Ansiedler aus Böhmen, welche Johanngeorgenstadt entstehen ließen, den Kräuterbau eingeführt und deren Nachkommen denselben erweitert haben. Ueberall auf den Fluren findet man Angelica (Angelica archangelica), Baldrian (Valeriana officinalis), Rhabarber (Rheum undulatum) und dergleichen Kräuter- und Wurzelwerk angepflanzt und gepflegt.

Die Angelica hat einen sehr durchdringenden, stechenden Geruch, legt sich in die Kleider und verräth die Heimath der Bockauer auch dann noch, wenn sie viele Meilen weit gereist sind.

Die Traugott Heinrich Friedrich'sche Handlung ist im Orte die vorzüglichste, und da jeder anständige Fremde in derselben die wohlwollendste und uneigennützigste Aufnahme findet, so wollen auch wir davon Gebrauch machen, um aus dem Munde und den Rechnungsbüchern des Handelsherrn die Eigenthümlichkeit der Nahrungsverhältnisse im Orte zu vernehmen. Wir hören, daß in Bockau jährlich

8 bis 900 Centner Angelica, à Centner 6 bis 15 Thaler, gegenwärtig (1841) 9 bis 11 Thaler,

15 bis 20 Centner Baldrian zu 6 bis 7 Thaler,

10 bis 15 Centner Rhabarber, à Centner 6 bis 8 Thaler,

15 bis 20 Centner wilde Bärwurzel, à Centner 5 bis 6 Thaler, und

2 bis 3 Centner Leibstöckel (Ligusticum levisticum), à 7 bis 8 Thaler,

erbaut und bei Weitem der größere Theil von Herrn Friedrich erkauft und versendet wird. Demnächst bedarf dieser für sein Geschäft 14 bis 16,000 Dutzend kleiner Schachteln zu dem sogenannten Schneeberger Kräuterschnupftabak und bezahlt für das Dutzend 1 bis 4 Groschen Macherlohn. Die Herren Zeeh und Brückner daselbst bedürfen für denselben Zweck ebenfalls 6 bis 8000 Dutzend jährlich; nicht minder sind für Bockau außerdem 50,000 Schachteln zu Räucher-, Zahn- und Seifenpulver, ferner zu Pflaster, Pillen, Räucherkerzen und dergleichen mehr erforderlich, welche à 1000 Stück mit 18 Groschen bis 2 Thaler, auch theilweise mit 8 bis 10 Thaler bezahlt und sämmtlich da verfertigt werden. Viele arme Kinder tragen Jahr für Jahr eine Menge Kräuter aus den Wäldern, von Wiesen und Feldrändern zusammen, als: Johanniskraut (Hypericum perforatum), Johannisblumen (Arnica montana), Waldmeister (Asperula odorata), Huflattig (Tussilago farfara), Bärenlapp (Lycopodium clavatum) und noch mehrere zusammen, und ein jedes derselben verdient täglich 2 bis 3 Groschen. Bei Weitem der größere Theil der genannten officinellen Gegenstände werden auf Messen und sonstigen Vertriebscanälen über Nürnberg nach Frankreich, Italien, Oesterreich, Preußen, Rußland und selbst nach Nordamerika versendet und dafür nicht unbeträchtliche Summen in das Land gezogen.

Außerdem werden noch eine Menge Balsame, Liquor, Spiritus, Tinctur, Oel, Pulver und gebrannte Wässer gefertigt, die theils von den Laboranten selbst auf Messen und Märkten im Ganzen verkauft oder von den sogenannten Olitätenhändlern nach Schlesien, Polen, Westpreußen und bis an die nördlichen Seeküsten vertragen werden. Gegen 800 bis 1000 Thaler Hohlglas wird noch gegenwärtig für die Bockauer Medicinalbereitung von der sächsischen Glashütte bei Karlsfeld bezogen, und noch vor etwa 20 Jahren nährten sich gegen 1700 Familien im Obererzgebirge davon. Die Wohlfahrtspolizei der neuern Zeit hat diesen Erwerbszweig bereits über zwei Drittel vernichtet, weil man gefunden zu haben glaubt, daß die menschliche Gesundheit und das Leben dadurch bedroht und in Gefahr gesetzt werde; und was noch concessionell davon besteht, läßt man absterben, indem die Berechtigungen in der Regel nur der Person ertheilt worden sind.

Man hat es nicht thatsächlich vorliegen, wie weit in Sachsen und den Nachbarländern die Sterblichkeit herabgesunken sein mag, seit die Medicinalbereitung und das Hausiren damit beschränkt und hart verpönt worden ist. Dagegen ist nach öffentlichen Blättern amtlich nachgewiesen, daß in England in einem Jahre 31,000 weibliche Personen an der Schwindsucht, als Folge der zu engen Schnürleiber, verstorben sind. Den Schneidern ist auch bei uns die Verfertigung von solchen Zwangsfutteralen für Siechthum und Tod erlaubt und das Brauen und Verzapfen von baierschem Biere zur Mast der Leber, mithin für Abkürzung des Lebens, gestattet, ohne daß die medicinische Wohlfahrtspolizei ein Bedenken dagegen aufzustellen geneigt ist. Nicht lange wird es dauern, so werden wir auch das Opiumgift bei uns haben, wie in England, und es dürfte eben so wenig mit Erfolg dagegen eingeschritten werden können, als gegen die Schusterzünfte, welche ihr widernatürliches Stiefel- und Schuhwerk für die fortschreitende Veredlung der Hühneraugen zu vervollkommnen suchen. Je mehr sich der Mensch durch Modesucht von seiner Natürlichkeit entfernt und je mehr sich derselbe in der Mannichfaltigkeit der künstlichsten Genüsse, wofür alle Zonen der Erde zinsbar gemacht werden, verliert und darin beharrt, desto ohnmächtiger werden alle Warnungen und alle polizeiliche Maßregeln dagegen bleiben; und wenn ja letztere hier und da durchdringen, wie bei dem Medicinalhandel, so werden sie neue Mißverhältnisse in den Gewerbsweisen und Wohlfahrtszuständen hervorrufen, welche es unentschieden lassen, ob diese nicht schlimmer sind, als jene zu sein schienen. Ist das Volk reif und mündig, so wird es selbst das Unnatürliche und Schädliche von sich entfernen und durch Schule und Beispiel eine geläuterte Zukunft bereiten, in welcher sich manche Hemmnisse und Zwangsmaßregeln entbehrlich machen. Ob diese Zukunft nahe liegt? – dies mag sich der geneigte Leser selbst beantworten, besonders wenn er ein Erzgebirger ist.

Die Morgenleithe.

Dieser von allen Seiten in einen dunkelgrünen Mantel von Fichtenwald gehüllte Berg hebt sich über 2500 Fuß über das Meer und trägt auf seinem langen, aus Westen nach Osten gestreckten Rücken einen Höcker wie ein Kameel. Von diesem aus irrt das Auge nach Nord und West über eine Menge niedriger Berge und Hügel weit in das flache Land hinab, wo es, wenn es bewaffnet ist, die Sternwarte zu Leipzig und das unbehülfliche Dach der Thomaskirche erkennt; der weiterhin gezogene Horizont verhüllt sich in Nebelschleier und stellt dem forschenden Blicke das Ziel. Die ferne weite Ebene ist mit einer Menge dunkler horizontaler Striche, bald kürzer bald länger, gezeichnet: es sind größere und kleinere Städtchen, Dörfer und Laubgehölze; sie schwimmen wie Meergras auf glatter Fläche und verkästeln die Farben mit den lichten Getreidefluren damenbretartig.

Am südwestlichen Abhange der Morgenleithe, deren Masse aus Glimmerschiefer besteht, ist ein Talkschieferlager, in welchem der berühmte Ochsenkopfer Schmirgel vorkommt und in den früheren Zeiten auf einer Grube, die den Namen »Erzbaum Christi« führte, ausgebeutet wurde. Die Versuche darauf in der neuern Zeit sind zwar mit Anbrüchen belohnt, aber wegen fehlgeschlagenen Absatzes um die früheren höheren Preise unbelohnt geblieben. Die bergmännische Untersuchung der Gebirgsmasse von der ganzen Morgenleithe und vieler anderer Berge in unserm Hochlande bleibt einer Zukunft vorbehalten, in welcher man mit geläuterten Ansichten über den vaterländischen Bergbau urtheilen und erkannt haben wird, daß die Wohlfahrt einer mit Erzen gesegneten Provinz nicht allein über, sondern hauptsächlich in der Erde gesucht und für Jahrhunderte begründet werden kann.

Das Eisenhüttenwerk Erla.

Da Schwarzenberg von der Morgenleithe aus schon in einer Wegstunde wieder zu erreichen ist, so gehen wir nun gegen Süden durch das Rosenthal nach dem kaum eine halbe Stunde entfernten Erlahammer, wie dieses Eisenhüttenwerk gewöhnlich genannt wird. Wenn schon die Rosen an der Benennung des Thales eben so wenig Theil haben mögen, als an dem zwischen Leipzig und Gohlis, so ist es doch wunderlieblich zur Rosenzeit und überhaupt vom Frühling bis zum Herbst. Der bewaldete Rockelmann mit seiner Granitmasse rechts und die fichtengrüne Bärenstallung links, mit ihrem dickflasrigen Gneuse (Augengneus), schließen eine Ebene ein, in welcher das Schwarzwasser Zainhämmer und Walzwerke treibt und üppige Wiesen wässert. An dem steilen Berge zieht hier und da, mit bedächtig langsamem Schritt, ein Stier am Haken; ihn leitet gewöhnlich ein stämmiger Knabe, während der Vater mit kräftiger Hand das Hakengestelle gegen den Berg zu drängen sucht, damit die ganze Gesellschaft sich nicht überschlägt und in's Thal herabkugelt. Es kann nicht anders sein, das nutzbare Land arbeitet sich nach und nach herunter und muß von Zeit zu Zeit eben so wie der Dünger hinauf und die Früchte herabgetragen werden. Wer Fleiß und Arbeit nicht scheut, wird dafür dennoch mit herrlichen Früchten belohnt.

Es mag einmal ein eben erwachender Frühlingsmorgen sein, indem wir das Schwarzwasserthal nach Erla und weiterhin durchwandern. Wir hören die Zippe – die erzgebirgische Nachtigall – auf den höchsten Gipfeln der Fichten flöten; hoch über der Thalebene die Lerche trillern und das allmählig verschwimmende Adagio des Rothkehlchens im Erlengebüsch, während die Eisenhämmer, taub für melodische Töne, auf glühendem Eisen tosen und das widerliche Heulen des Gebläses Ströme von glühendem Kohlengestiebe in die Lüfte treibt. Mit Ackergeräthe zieht der Landmann zu Felde, Berg- und Hüttenleute wechseln die Schichten, und der Holzmacher schreitet in den Wald mit Aexten und magerer Kost im Kober – Alle nebeln ihr Pfeiflein, von welchem der Schwamm am besten riecht.

Plötzlich schließt sich das anmuthige Rosenthal; wir stehen gegen Süden vor dem hohen langen Rothenberg, über welchem sich Crandorf wie ein riesenhafter Reif nach dem jenseitigen Gehänge spannt. Links lehnt er sich an den höchsten Kamm der Bärenstallung, das hohe Rad (nicht hohe Rath) genannt, wo der Erlan bergmännisch gewonnen und als Zuschlag (Flöße) beim Einschmelzen benutzt wird; rechts zieht sich das Gebirge nach dem Thale hin, in welchem das Schwarzwasser seine rauschenden Wellen treibt. Die Breite des Rosenthales verengert sich in eine tiefe Wanne, mit Laubholz ausgefüllt, welches das Eisenhüttenwerk wohlthuend in seine Schatten hüllt.

Dieses Werk hat in der neuern Zeit, und namentlich durch seine gegenwärtigen Besitzer Nestler und Breitfeld wesentliche und für Holz- und Kohlenersparnisse berechnete Verbesserungen erhalten, die sehr kostspielig gewesen sind. Die Anlegung von Blech- und Stabwalzenwerken, die Neubaue beim Frischfeuer, das Schmelzen mit heißer Luft und die Bedachungen von Hütten- und anderen Gebäuden mit Eisenblech haben sich bewährt gefunden und werden ihre Zinsen tragen, wenn nicht abermalige Holzreductionen und Aufschlag auf den Grund gedachter Ersparnisse erfolgen. Die erst vor einigen Jahren mit vielem Aufwand errichtete Maschinenbauwerkstatt, welcher ein Engländer, Namens Payne, vorstand, hat gleich im Anfange vorzügliche Arbeiten geliefert wie z. B. die Webestühle zu Aue, 400 an der Zahl, unwidersprechlich lehren. Indessen hängt die Lebendigkeit einer solchen Maschinenwerkstatt zu sehr mit dem allgemeinen Fabrikverkehre des In- und Auslandes zusammen, daß sich auf eine lange Reihe von Jahren eine gedeihliche Stabilität nicht immer erwarten läßt.

Die Zeit der Entstehung des Hammerwerks Erla läßt sich geschichtlich nicht bestimmt nachweisen, doch liegt sie gewiß nicht fern von der Fündigkeit des dabei gelegenen Rothenberger Eisensteinbergwerks, gegenwärtig des wichtigsten in Sachsen. Und da dieses seit länger als drei Jahrhunderten im Umtriebe steht, so wird sich das Alter des Eisenhüttenwerks selbst annähernd bestimmen lassen. Die Ergiebigkeit des Rothenberges, die Güte des Eisensteines und die Ausdehnung seines mächtigen Ganges, verbunden mit einem Reichthum an Holz, welcher dieses fast werthlos machte, mußte sehr bald zur Anlegung eines Hammerwerks auffordern, und es scheint, daß ein gewisser Gregor Arnold der Begründer desselben wurde. Noch gegenwärtig liefern die drei Fundgruben des Rothenberges – die obere und untere Heinzenbinge und St. Johannes – welche mit ungefähr 140 Mann belegt sind, jährlich 3000 Fuder Eisenstein, das Fuder zu 5 Tonnen und die Tonne zu 5 □Fuß gerechnet, welche jedoch vom Erlahammer nicht allein, sondern auch von den andern Besitzern ähnlicher Werke, in der Eigenschaft als Theilhaber an den Gruben, selbst verschmolzen werden. Das zehnte Fuder erhält allezeit, nach Abzug der Gewinnungskosten, der Staatsfiscus zum Bergzehnten. Die Wasserhaltung sämmtlicher Zechen, welche in der Teufe mit einander durchschlägig sind und sich die Wasser zuführen, geschieht durch Künste, deren riesenhafte Räder über Tage hängen. Mittelst eines Kehrrades und eines eisernen Seiles, circa 110 Centner schwer, wird der Eisenstein zu Tage gefördert. Die größte Tiefe der Gruben beträgt 95 Lachter, à 3½ Elle.

Das Eisenhüttenwerk Erlahammer, so wie jedes andere, gewährt in seinem Umtriebe sehr viel Anziehendes. Das Rohschmelzen im Hohofen, das Toben der Hämmer, das Heulen und Pfeifen der Gebläse und dabei das pausenartige Aufschlagen der Gichtflamme, welche zur Nachtzeit dem Wetterleuchten ähnlich ist, nimmt die Aufmerksamkeit eines jeden Fremden in so hohem Grade in Anspruch, daß er sich bisweilen vergißt und von den Arbeitern gewarnt werden muß, wenn er der Gefahr nahe steht. Die Hitze beim Rohschmelzen, besonders beim Abwerfen der Heerdschlacken, Abstechen und Gießen großer Körper, kann nicht Jeder vertragen; doch ist die Meinung irrig, wenn angenommen wird, daß die Hammerarbeiter deshalb das bloße Hemde und keine Beinkleider auf dem Leibe trügen. Diese leichte Bedeckung hat sich auf den Hammerwerken von den ältesten Zeiten her deshalb als zweckmäßig bewährt, weil der glühende Sinter, der während der Arbeit im Hüttenraume herumspringt und mithin dem Arbeiter sehr oft auf den Leib geräth, leicht auf die Erde fällt, wenn er das Schurzfell lüftet. Das Eisen, welches sich in einer zwölfstündigen Schicht im Hohofen angesammelt hat und dann in einen trogartigen Sandgraben beim Abstechen hineingelassen wird, erstarrt sehr bald und heißt dann eine Ganz (nicht Gans) und in der Mehrheit Gänze, weil es ganze rohe Eisenmasse ist. Diese Gänze, so wie überhaupt das Roheisen, wird in Hütten weiter verschmolzen oder verfrischt und kommt dann in allerhand Formen, Länge, Stärke etc. in den Handel.

Ein kräftiger, schwarzer Menschenschlag mit Zähnen wie Elfenbein hauset in den Hohöfen und Eisenhütten; das Innere ihrer Hände besteht aus einer hufartigen Rinde, an welche sich die krummen, wenig gelenkbaren Finger anschließen. Diese einfachen, gutmüthigen Leute werden häufig schwerhörig und blödsichtig – eine Folge der gellenden Hammerschläge und der stechenden Hitze. – Der Lebenslauf eines Hammerschmiedes ist sehr einfach; als Knabe von 10–12 Jahren kommt er mit in die Hütte, lernt die Arbeiten des Vaters, aber – nichts in der Schule, weil er nicht hineingeht, verheirathet sich eher oder später, führt die Kinder auf seine eigene Bahn und kommt im Alter weg, – wohin? Dies weiß selten Jemand. Daher sagt P. Wild in seinen Gedichten von den Knaben der Hammerschmiede: