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Warum wir sterben

Chapter 4: 3. Leben und Tod.
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About This Book

Eine wissenschaftlich zugängliche Untersuchung erklärt, dass Sterben vor allem aus zellulären und metabolischen Grenzen entsteht und nicht nur aus äußeren Ursachen. Sie behandelt Mikroben und Immunität, einschließlich der Bakterienpopulationen im Darm und der verbreiteten Angst vor Ansteckung. Die Darstellung analysiert das Altern von Zellen und das Bild eines sterbenden Zellenstaates und stützt sich auf zellularpathologische Befunde zur Erklärung organismischer Schwäche. Sie verfolgt Lebenszyklen von Einzellern bis zu kurzlebigen Insekten und erörtert Alterung von Nervenzellen, Fortpflanzung und Befruchtung sowie die Unvollkommenheit des Stoffwechsels als strukturelle Ursachen der Mortalität. Fallbeispiele und zahlreiche Abbildungen veranschaulichen die physiologischen Zusammenhänge und machen komplexe Sachverhalte anschaulich.

The Project Gutenberg eBook of Warum wir sterben

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Title: Warum wir sterben

Author: Alejandro Lipschütz

Release date: February 15, 2008 [eBook #24618]

Language: German

Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WARUM WIR STERBEN ***

Warum wir sterben

Von
Dr. Alexander Lipschütz
Zürich

Also sprach Zarathustra:
Wichtig nehmen alle das Sterben: Aber noch ist der Tod kein Fest. Noch erlernten die Menschen nicht, wie man die schönsten Feste weiht.

Mit 36 Abbildungen im Text

Stuttgart
Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung
1914
Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten.
Copyright 1914 by
Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart.

Inhaltsverzeichnis.

  Seite
 Vorwort5
1.Gevatter Tod und Bazillen7
2.Der Tod und die Wissenschaft15
3.Leben und Tod18
4.Tod und Unsterblichkeit24
5.Der sterbende Zellenstaat30
6.Das Altenteil der Zellen im Zellenstaat34
7.Wie wir sterben41
8.Lebensgeschichte eines Pantoffeltierchens52
9.Jugend und Alter der Nervenzellen64
10.Der Tod der Eintagsfliege75
11.Kopulation und Befruchtung80
12.Die Unvollkommenheit des Stoffwechsels85

Ich habe das Problem des Todes in den Zusammenhängen, wie ich es in diesen Blättern bringe, zum ersten Mal vor etwa zwei Jahren in dem Feuilleton einer Tageszeitung behandelt. Eine ähnliche wissenschaftliche Behandlung hat das Todesproblem in ausgezeichneter Weise durch Doflein erfahren. Meine Darstellung knüpft an das an, was unsere großen Meister des biologisch-medizinischen Denkens, wie Nothnagel, Ribbert und Verworn, an Bausteinen und an allgemeinen Gesichtspunkten für eine Erörterung des Todesproblems zusammengetragen haben, und ich habe versucht, diese Gesichtspunkte zellularphysiologisch weiter auszugestalten durch Berücksichtigung der zahlreichen zellularpathologischen Arbeiten des russischen Forschers Mühlmann. Das Tatsachenmaterial, über das diese beiden Forscher berichtet haben, ist für eine wissenschaftliche Behandlung des Todesproblems von einschneidender Bedeutung, wenn auch Mühlmann in seinen kritischen Studien über den Tod zu Schlüssen gelangt ist, die ich keinesfalls unterschreiben will. Ich habe in meine Erörterung auch den Begriff der „Unvollkommenheit des Stoffwechsels“ eingeführt, den Jickeli für die Behandlung biologischer Fragen – wenn auch in anderen Zusammenhängen und in nicht ganz glücklicher Weise – als erster zu verwerten bemüht war. Den ganzen Komplex der wichtigen Partialprobleme des Todes, die Friedenthal und Rubner in ihren Arbeiten behandelt haben, habe ich unberücksichtigt lassen müssen, da sonst meine Darstellung zu sehr angewachsen wäre. Wer eingehender über das Problem des Todes orientiert sein will, sei auf meine „Allgemeine Physiologie des Todes“ verwiesen, die im Verlag von Vieweg u. Sohn erscheinen wird. In diesem Buch wird der Leser auch all die Originalarbeiten genannt finden, die meinen Ausführungen über den Tod zugrundeliegen. –

Noch einige Worte über die Sprache, in der ich meine Darstellung geschrieben habe. Ich habe mich nicht bemüht, meine Umgangssprache, in der ich mich sonst über biologische Dinge auszusprechen pflege, in die spanischen Stiefel der modernen Schreibsprache hineinzuzwängen. Ich habe vielmehr so geschrieben, wie ich spreche. Es ist mir nicht klar, warum die Schriftsprache anders sein soll als die mündliche Sprache, gewissermaßen ein „Sonntagsdeutsch“. Das Schriftdeutsch ist heute wahrhaftig genau so ein Sonntagsdeutsch wie unsere Festkleidung ein pompöser Sonntagsstaat ist. Wie im Sonntagsstaat so fühle ich mich auch beengt im Sonntagsdeutsch. Und ich will darum nicht anders schreiben als in meinem Werktagsdeutsch. Man kann seine Feste feiern auch ohne die spanischen Stiefel des guten Tones. –

Den Herren, die mich bei der Ausführung dieser Arbeit unterstützt haben, sei es durch Übersendung von Separatabdrücken, sei es durch Literaturhinweise und Überlassung von Büchern, sage ich auch an dieser Stelle meinen herzlichsten Dank. Zu besonderem Danke bin ich der Bibliothek des Zoologischen Instituts unserer Universität verpflichtet. Ebenso Herrn Dr. M. Mühlmann für die freundliche Überlassung einiger Originalzeichnungen. Ich möchte schließlich nicht versäumen, auch Herrn Dr. J. Strohl, Privatdozent der Zoologie in Zürich, meinen besten Dank für manchen erteilten Ratschlag auszusprechen.

Zürich, im Mai 1914.

Alex. Lipschütz.

1. Gevatter Tod und Bazillen.

Erzählen will ich zunächst von Gevatter Tod und Bazillen.

Es hat mancher heute eine eigene Krankheit, die Bazillenfurcht heißt. Es nagt in ihm nicht der Tuberkelbazillus in der Lunge oder in den Knochen, nicht Eitererreger sind in seinem Blut. Wer von Bazillenfurcht befallen ist, krankt an Bazillen, die nicht in seinem Körper, sondern außer ihm sind. Man hat so viel von Bazillen gehört, so einseitig gehört, nur gehört und nicht durchdacht, daß man sie stets und überall – und soweit ja mit gutem Recht – wittert und in heller Angst herumläuft, sie, die allgegenwärtigen und bösen, die unsichtbar sind wie Beelzebub und Astharote, spielten einem den Streich. Man krankt an der Furcht vor Bazillen.

Und der Hohepriester derer, die an Bazillenfurcht kranken, ist Herr Professor Metschnikoff in Paris, ein wirklich Großer in der modernen Naturwissenschaft … Da müssen wir schon eine Pause machen, um Metschnikoff bei seinem Morgenfrühstück zuzuschauen, über das ihn einmal ein Zeitungsmann ausgefragt hat.

Unsereiner nimmt ahnungslos Messer, Gabel und Löffel in die Hand, so wie sie auf dem Tische daliegen. Ohne zu wissen, daß uns dabei direkte Lebensgefahr droht – von wegen der allgegenwärtigen Bazillen natürlich. Metschnikoff ist da viel vorsichtiger. Und offenherzig genug, um zuzugeben, daß er Messer, Gabel und Löffel vor dem Gebrauch an einer Flamme ausbrennt, um alle Keime abzutöten. Unsereiner beißt ahnungslos in seine Stulle und in seinen Weck, oder wie das Brötchen sonst heißen mag, ohne zu wissen, daß auf der goldbraunen Kruste des Brötchens gefährliche Mikroben sitzen. Metschnikoff aber röstet zunächst das Brot, um den Bazillen den Garaus zu machen: denn er kennt ihre Schliche und Wege und geht ihnen nicht in die Falle. Unsereiner ißt Erdbeeren, ungebrüht und vielleicht sogar ungewaschen. Metschnikoff versagt sich den Genuß von Erdbeeren ganz – immer von wegen der Bazillen. Aber eine Banane will schließlich auch ein Metschnikoff essen. „Hier sehen Sie,“ hat Metschnikoff so ungefähr dem Zeitungsmann gesagt, „ein paar Bananen, die ich mir gekauft habe, um sie nach Hause mitzunehmen. Weil diese Frucht mit einer dicken Schale bedeckt ist, glauben viele, daß die Bananen keine Bazillen haben. Weit gefehlt! Es sind doch welche drin, und in meinem Hause werden darum die Bananen immer erst gebrüht, bevor sie gegessen werden. Ich tauche sie etwa eine Minute lang in kochendes Wasser, und die Frucht verliert dabei nichts von ihrem Wohlgeschmack …“

Ist ja alles so weit sehr schön: aber die Zeit, die einer da zu seinem Morgenfrühstück braucht! Die kann sich wahrhaftig doch nicht jedermann leisten.

Aber was tut nicht einer, der dem Tode entrinnen will!

Denn mit dem Tod und den Bazillen ist es nach Metschnikoff folgendermaßen bestellt.

Wir sind alle von Bazillen bevölkert, von Millionen und Abermillionen Bazillen, die in unserem Darme wohnen. Namentlich in dem unteren Teile des Darmrohres, im Dickdarm, sind die Bakterien[1] wohl zu Hause. Wie ungeheuer viele es sein mögen: wenn man bedenkt, daß wir insgesamt an die sieben Meter Darm, und davon etwa anderthalb Meter Dickdarm herumtragen (Abb. 1)! Wollten wir die Bakterien zählen, die bloß in einem allerkleinsten Krümelchen unseres Darminhaltes drin sind, wir kämen schon in die Millionen hinein. Über hunderttausend Milliarden Bazillen – also eine Million mal Million und dann noch mal hundert – werden es nach allerlei Berechnungen wohl schon sein, die wir in unserm Darm insgesamt beherbergen. Ein ganzes Drittel von dem, was wir aus dem Darm an einem Tage entleeren, sind lauter Bazillen!

Abb. 1. Schema des Verdauungsrohres. 1 Gaumen, 2 Mundspalte, 3 Zunge, 4 Schlund, 5 Kehldeckel, 6 Luftröhre, 7 Speiseröhre, 8 Mageneingang, 9 Magen, 10 Magenausgang, 11 Zwölffingerdarm, mit dem der Dünndarm beginnt, 12 Dünndarmschlingen, 13 Übergang des Dünndarms in den Blinddarm, 14 Blinddarm, mit dem der Dickdarm beginnt, 15 Wurmfortsatz, 16, 17, 18 Dickdarm, 19, 20 Enddarm. Nach Rauber.

Und Metschnikoff hat sich gesagt, daß es diese Bazillenbevölkerung ist, die uns ein frühes Grab gräbt. Die Bakterien scheiden, wie alle andere lebendige Substanz, Stoffwechselprodukte aus, Schlacken des Lebens, wenn man will. Diese Stoffwechselprodukte gelangen aus dem Darm ins Blut. Zum Teil werden diese Stoffe, die in größeren Mengen zweifellos Gifte für die Zellen unseres Körpers sind, von manchen arbeitsfreudigen Zellen des Zellenstaates, z. B. von den Zellen der Leber, abgefangen, zu ungiftigen Stoffen verarbeitet und durch die Nieren nach außen abgeschieden. Die Leber hat eine Schutzaufgabe in unserem Körper, Polizeifunktion, wenn man so will. Das sind Tatsachen, die jedermann kennt. Metschnikoff nun ist der Meinung, daß es mit dem Unschädlichmachen der Gifte, die von den Darmbakterien ins Blut gelangen, doch nicht so auf das allerbeste bestellt ist, wie man glauben möchte. Denn man muß bedenken, daß die Stoffe, die von den Bakterien des Dickdarms abgegeben werden, tatsächlich sehr starke Gifte sind. Sie gehören in die Gruppe des Karbols hinein, das jedermann als todbringendes Gift kennt. Man kann diese Gifte in den Ausscheidungen des Darms sowohl als der Nieren – hier in verändertem Zustande – finden. Und da erscheint es auf den ersten Blick gar nicht so ohne, daß – wie Metschnikoff es will – die giftigen Stoffwechselprodukte der Darmbakterien daran schuld sind, daß wir früh alt werden und früh sterben.

Nun, einen direkten Beweis in diesen Dingen führen, das kann man natürlich nicht. Denn man müßte ja dann seinen Versuch so einrichten, daß man zusähe, wie lange einer lebte, der keine Bakterien im Darm hätte. Wir Menschen und ebenso alle Tiere haben aber stets ihr Bakterienvolk im Darm. Und dann: ein bißchen langwierig wäre es schließlich doch, so zuzusehen, wie lange einer lebte, ob 100, 200 oder gar noch mehr Jahre. Unserer hastenden Zeit ginge dieses lange Zusehen nicht nach Geschmack … Metschnikoff blieb also nichts anderes übrig, als einen Umweg in seiner Beweisführung zu gehen. Er hat sich gesagt, daß, wenn seine Theorie richtig ist, dann diejenigen Tiere, die mehr Bakterien im Leibe haben, weniger lang leben müßten als jene, die nicht so viel Bakterien in ihrem Körper beherbergen, d. h. die einen kürzeren Dickdarm haben. Wer unter den Tieren einen kurzen Dickdarm hat, der muß nach Metschnikoff länger leben.

Metschnikoff hat nun die Lebensdauer der Tiere mit ihrer Darmlänge verglichen, und es hat sich dabei tatsächlich herausgestellt, daß diejenigen Arten, die durch einen kurzen Dickdarm ausgezeichnet sind, wie z. B. viele Vögel, eine sehr lange Lebensdauer haben, während z. B. die Säugetiere, die einen viel längeren Dickdarm haben, viel früher sterben. So weist Metschnikoff auf die Tatsache hin, daß z. B. Schwäne, Gänse, Raben und manche Raubvögel über 50 Jahre, Papageien und Kakadus sogar über 80 Jahre leben können. Dagegen sterben Hunde, Katzen, Pferde und andere Säugetiere stets in einem viel jüngeren Alter: ihre Lebensdauer beträgt in der Regel nicht mehr als 15 Jahre, und ein Alter von 30 Jahren gehört bei ihnen zu den seltensten Ausnahmen. Um ein sehr augenfälliges Beispiel zu wählen: der Kanarienvogel hat eine Lebensdauer von etwa 20 Jahren, die etwa gleich große Maus lebt höchstens 6 Jahre. Mit der Länge des Dickdarms nimmt nun selbstverständlich die Menge der giftspendenden Bakterien zu, die das Tier in sich beherbergt. Und da war für Metschnikoff der Schluß gegeben, daß es eben die Gifte der Darmbakterien sind, die die kürzere Lebensdauer der Tiere verschulden.

Nachdem Metschnikoff sich die Sache so zurecht gelegt hatte, daß die Bakterien am frühen Altern und Sterben von Tier und Mensch schuld seien, hat er sich gesagt, daß es doch heute eigentlich ein großes Unglück mit dem Altern und mit dem Sterben sei. Das Altern von heute sei wie eine Krankheit: unser Körper wird ganz allmählich von den Darmbakterien vergiftet. Und wenn das Sterben und das Altern eine Krankheit ist, dann ist es ja die schlimmste Krankheit, die es gibt. Die Tuberkelbazillen und die Bazillen, die andere Krankheiten machen, töten die Menschen, die das Unglück hatten, sich mit diesen Krankheitserregern anzustecken. Die Darmbakterien aber hat jedermann in sich, alle Menschen sind mit ihnen behaftet, und die Menschen, die den Krankheiten sonst entronnen sind, gehen an der Vergiftung durch Darmbakterien zugrunde: sie werden früh alt und müssen früh sterben.

Das ist in Metschnikoffs Theorie des Pudels Kern: Wenn das Altern heute so etwas wie eine Bakterienkrankheit ist, dann ist klar, daß man dieses Altern und Sterben mit denselben Mitteln bekämpfen muß, wie jede andere Krankheit auch. Und es bot sich da für Metschnikoff das allbekannte Beispiel mit dem Alkohol. Wir wissen, daß das Alkoholgift unsern Körper schädigt, wenn er Tag für Tag genossen wird, daß auf dem Alkoholgenuß eine ganze Reihe von Krankheiten beruhen, an denen die Menschen nach langem Siechtum zugrunde gehen. Wir bekämpfen dieses Siechtum, indem wir das Gift, den Alkohol, zu meiden suchen. Also: auch das Gift des frühzeitigen Alters, die Gifte der Darmbakterien, müssen von unserem Körper ferngehalten werden, damit die Menschen länger leben und eines natürlichen Todes sterben könnten. Das war für Metschnikoff ein ganzes Programm: den Bakterien beikommen, die in unserem Dickdarm nisten.

Aber wie? Das war die große Frage.

Metschnikoff hatte da zunächst einen ganz radikalen Einfall. Es ist nämlich eine Tatsache, daß wir in unserem sieben Meter langen Darm ein Organ haben, das für uns Menschen gut anders eingerichtet sein könnte, als es in Wirklichkeit ist. Der Darm ist viel, viel länger als wir ihn wirklich brauchen. Der Dickdarm ist für uns sogar völlig nutzlos. Man kann einem Menschen den größten Teil des Dickdarms herausschneiden, ohne seine Gesundheit zu beeinträchtigen. Man hat bei manchen Patienten solche Operationen schon vornehmen müssen. Die Patienten, die an schweren Darmkrankheiten litten, und diese Operation durchmachen mußten, wurden vollständig gesund. Für den Pflanzenfresser ist der Dickdarm wohl von Nutzen, denn der Pflanzenfresser braucht einen langen Darm: seine Nahrung ist schwer verdaulich und muß längere Zeit im Darm verweilen, und bei der Verdauung der Nahrung helfen hier sogar die Darmbakterien mit. Aber für uns Menschen ist der Dickdarm nicht nur nutzlos, sondern direkt schädlich. Denn ein Teil des Dickdarms, der Wurmfortsatz des Blinddarms, neigt beim Menschen sehr zu Erkrankungen, und jedermann weiß, wie gefährlich die Blinddarmentzündung ist, wenn man sie vernachlässigt, und daß schon manch blühendes Menschenleben an einer vernachlässigten Blinddarmentzündung zugrunde gegangen ist. Und was nicht alles noch an andern Krankheiten häufig genug den Dickdarm befällt!

Aber noch mehr! Nicht nur der Dickdarm ist zu lang oder gar nutzlos für uns: auch der Dünndarm ist zu lang geraten. Die Ärzte sind schon häufig genug in die Lage gekommen, einem Patienten kleinere oder größere Stücke aus dem Dünndarm herauszuschneiden, und auch solchen Patienten geht es nach der Operation gut. Vor einigen Jahren hat der Amerikaner Underhill gezeigt, daß man Hunden einen sehr beträchtlichen Teil des Dünndarms entfernen kann, ohne die Tiere in ihrer Gesundheit zu beeinträchtigen. So schnitt Underhill seinen Hunden zunächst 2/5 ihres Dünndarms heraus. Die Hunde blieben am Leben, verdauten wie immer ihre Nahrung und nahmen unverdrossen an Gewicht zu. Erst wenn 2/3 des Darms den Versuchstieren weggenommen waren, ging es den Tieren schlecht: mit dem letzten Drittel ihres Dünndarmes konnten sie wohl doch nicht mehr so viel verdauen, als nötig war, und sie nahmen jetzt an Gewicht ab. Nun braucht ja das, was Underhill für den vorwiegend fleischfressenden Hund nachgewiesen hat, nicht gerade in genau demselben Maße für den Menschen zu gelten, da wir ja neben Fleisch auch pflanzliche Nahrung zu uns nehmen, deren Verdauung schwieriger ist und einen längeren Darm verlangt. Aber wahrscheinlich ist es doch, daß wir einen zu langen Darm haben und ein gut Teil davon zu unserem Nutz und Frommen wohl einbüßen könnten.

Also war der radikale Einfall von Metschnikoff der, daß man den Menschen den Dickdarm herausschneiden solle, um ihnen damit ein langes Leben zu schenken.

Aber der Gedanke war doch zu radikal, um zu Ende gedacht zu werden. Auch seinen eigenen Dickdarm, geschweige denn einen Teil seines Dünndarms, hat Metschnikoff nicht für seine Idee als Opfer auf den Altar der Menschheit legen wollen. Er hat diesen radikalen Weg zur Lebensverlängerung für eine ferne Zukunft vorbehalten und ist für heute einen Kompromiß eingegangen.

Wer's ihm da angetan hatte? Sehr einfach: zunächst bloß ein Topf saurer Milch. Oder nein, es sind eigentlich wiederum Bazillen, die da im Spiele waren. Aber dieses Mal Bazillen, die wohltätig sind: die Bakterien der sauren Milch, die nach Metschnikoff mit gar artigen Eigenschaften ausgezeichnet sind. Die Sache verhält sich hier folgendermaßen. Das Sauerwerden der Milch beruht darauf, daß die sog. Milchsäurebakterien, die sich schon innerhalb 24 Stunden in der Milch zu ganz gewaltigen Mengen vermehren, den Milchzucker vergären. Aus dem Milchzucker entsteht dabei eine Säure, die man Milchsäure nennt. Die macht die Milch sauer und macht sie dick, denn in der angesäuerten Milch ballt sich das Kasein, der Eiweißstoff der Milch zusammen, das Eiweiß der Milch gerinnt dabei genau so, wie das Hühnereiweiß beim Kochen gerinnt. Worauf es Metschnikoff aber ankam, das ist der Umstand, daß die Säure ein Mittel ist gegen Bakterienfäulnis. Die Bakterien, die eine Fäulnis von abgestorbener lebendiger Substanz hervorrufen, können ihre Wirkung nicht tun, wenn es rings um sie sauer ist. So verhindert z. B. der saure Magensaft, der sich auf die genossenen Speisen im Magen ergießt, die Fäulnis der Speisen. Hier im sauren Magensaft können die fäulniserregenden Bakterien nicht gut aufkommen und sie können hier ihre Geschäfte nicht betreiben. Erst im Darm, wo die Verdauungssäfte nicht mehr sauer, sondern alkalisch sind, d. h. wo die Bakterien in einer stark verdünnten Lauge schwimmen, da beginnt die Fäulnis der Nahrung oder der Nahrungsreste. Das ist namentlich im Dickdarm der Fall, und von hier gelangen all die schädlichen Stoffe der Fäulnis in den Kreislauf des Blutes, in den Zellenstaat hinein. Gut, hat sich Metschnikoff gesagt, machen wir den Bakterien im Darm das Leben sauer! Trinken wir saure Milch! Wir bevölkern dann unsern Magen und unsern Darm mit Milchsäurebakterien und ekeln einfach die Fäulnisbakterien heraus!

Das war Metschnikoffs Losung im Kampfe gegen Gevatter Tod: nicht mit Lanze und Speer zog er aus in den Kampf, sondern mit einem Troß von Bazillen gegen Bazillen.

Abb. 2. Pantoffeltierchen. Sehr stark vergrößert. mf Mundfeld, m Mund, sch Schlund, na Nahrungsballen, ps pulsierendes Bläschen (Vakuole) ma Großkern, mi Kleinkern. Rings um den Protoplasmaleib herum sieht man die Wimperhärchen, mit denen die Zelle im Wasser schlägt und sich fortbewegt. Aus Stridde.

Wer an Bazillenfurcht krankt, schüttelt ungläubig den Kopf. Mit Unrecht. Denn soweit es sich um die gesundheitsschädliche Wirkung starker Fäulnisvorgänge im Darm handelt und um die Möglichkeit, diese Fäulnis durch eine Milchdiät zu bekämpfen, hatte sich Metschnikoff ja an Tatsachen gehalten. Hier kann man Meister Metschnikoff nichts anhaben, hier hat er recht. Die Frage ist aber die, ob die Darmbakterien, die die Fäulnisstoffe im Dickdarm produzieren, wirklich die bösen Geister sind, die uns ins frühe Grab bringen. Doch Metschnikoff hat sich mit dieser Frage nicht weiter abgeben wollen und er ist von nun an nur einem Ziele nachgegangen: den Kampf von Bazillen gegen Bazillen im Darm möglichst zuungunsten derjenigen Bakterien zu gestalten, die seiner Meinung nach uns das frühe Grab graben. Corriger la fortune!

Was da Metschnikoff nicht alles ersonnen und versucht hat, denkt sich unsereiner gar nicht aus. Zu den Bulgaren war er in die Lehre gegangen und er hat ihnen ihre saure Milch, den Yoghurt, abgeguckt. Ja, die Bulgaren waren ein fetter Braten für Metschnikoffs Theorie von der Bedeutung der sauren Milch im Kampfe gegen Gevatter Tod. In keinem andern Lande gibt es nämlich so viel alte Leute wie in Bulgarien. Da laufen die Menschen von über hundert Jahren zu tausenden herum. Aha, hat sich Metschnikoff gesagt, das ist alles von wegen der sauren Milch, von wegen des Yoghurts, den die Bulgaren trinken. Das wäre nun ein Elixier, noch viel wirksamer als die gewöhnliche dicke Milch. Also trinket, ihr Kinder des Todes, dicke Milch oder Yoghurt und ihr werdet alt werden wie Methusalem! Euern langen Darm braucht ihr nicht herzugeben, das sei euern Urenkeln überlassen. Vielleicht werdet ihr sogar noch Augenzeugen davon sein …

Wer wird nun aber immer wieder und wieder dicke Milch trinken wollen! Mancher tuts wohl sein Leben lang, aber nach jedermanns Geschmack ist das doch nicht. Nun, habt ihr nach dicker Milch kein Begehr, euch ist trotzdem geholfen. Denn Metschnikoff kommt euch dann mit einem Eßlöffel voll Bakterien der sauren Milch, die ihr in konzentrierter Form essen könnt, genau so, wie wenn einer Hefe äße. Die Hefe ist nichts anderes als ein Ballen von vielen Millionen kleiner Lebewesen, der Hefezellen. Und wenn man Hefe zu den Speisen, z. B. zum Brot fügt, warum nicht auch „Laktobazillin“, die Bakterien der sauren Milch, die ihr sogar in Pastillenform in der Apotheke kaufen könnt. Für billiges Geld habt ihr euch langes Leben erkauft, tragt euer Glück in der Tasche. Und all das von wegen der Bakterien, die ihr im Kampfe gegen die bösen, todbringenden Bakteriengeister in euerm Dickdarm wohl gebrauchen könnt.

Metschnikoff ist bei den Bakterien der sauren Milch und des Joghurts nicht stehen geblieben. Wie ein großer Feldherr mit seinen Soldaten gegen die feindlichen Heerscharen, so rückt Metschnikoff immer aufs neue mit allerlei treuen Bakterien gegen die verräterischen Dickdarmbakterien vor. Er sammelt seine Scharen, verfügt, disloziert … Er hat Bakterienarten ausfindig gemacht, die noch viel wirksamer sind im Kampfe gegen die Bakterien des Dickdarms als die Bakterien der sauren Milch und des Joghurts. Und es ist gar nicht abzusehen, wie weit Metschnikoff es im Verein mit seinen getreuen Bakterien noch bringen wird: denn im Zeichen der Bakterien leben wir heute …

2. Der Tod und die Wissenschaft.

Kein Arzt bezweifelt, daß die Stoffe der Darmfäulnis, die in den Blutkreislauf gelangen, der Gesundheit schädlich sind. Zweifellos können manche krankhafte Zustände, manche Erkrankungen der inneren Organe und wohl namentlich die leichteren Störungen des Nervensystems auf einer Überschwemmung unseres Zellenstaates mit den Stoffwechselprodukten der Darmbakterien beruhen. Wer kennt nicht den Kopfschmerz, der sich mit Sicherheit dann einstellt, wenn einmal der Dickdarm nicht recht arbeiten will? Und es ist heute sicher, daß der Genuß von dicker Milch ein Mittel ist, seinen Körper gesund zu erhalten, weil eben, wie wir im vorigen Kapitel erfahren haben, die Bakterien der sauren Milch und die Milchsäure uns eine Waffe sind im Kampfe gegen die Darmbakterien.

Nun hat sich natürlich in der kurzen Spanne Zeit, seit der die Welt von der dicken Milch als von einem eigentlichen Lebensverlängerungsmittel etwas weiß, nicht feststellen lassen, ob Metschnikoff die saure Milch in ihrer Bedeutung als eines Lebenselixiers nicht doch zu hoch eingeschätzt hat. Es ist wohl möglich, daß die dicke Milch uns schließlich doch nicht das Alter von weiland Methusalem garantiert.

Aber nehmen wir an, die dicke Milch wäre wirklich ein Lebensverlängerungsmittel Ia, wie es Metschnikoff will, und die Darmbakterien wären die bösen Geister, die uns ins frühe Grab bringen. Wäre damit für die Wissenschaft das Problem des Todes gelöst?

Mit nichten! Auch Metschnikoff selber will ja mit Hilfe seiner dicken Milch das Altern und den Tod der Menschen nur hinausschieben. Und wenn die dicke Milch auch wirklich das Lebensverlängerungsmittel wäre, das Metschnikoff in ihr sieht, wir könnten dann dieses Lebensverlängerungsmittel doch nicht anders werten als tausend andere auch.

Schaut um euch, wie ihr lebt! In engen Häusern zusammengepfercht, die aussehen wie Zwingburgen. Zwingburgen der frischen Luft sind eure Wohnstätten. Ihr baut Bollwerke gegen Luft, Sonne und Licht. Ihr vergiftet euch mit Alkohol, schwächt euern Leib durch Arbeit über alles Maß, mißachtet verbriefte Rechte der Frucht im Leibe und des Nachwuchses, der nach Lebensbejahung lechzt. Und kommen Städtebauer zu euch, die Gartenstädte planieren und die Stätte der Arbeit als einen geweihten Tempel erstehen lassen wollen, kommen Apostel zu euch, die euch die Rechte eurer Kinder predigen, was habt ihr dann für all das übrig? …

Doch gut. Es wird eine Zeit kommen, wo ihr Augen haben werdet für den Städtebauer und Ohren für den Apostel. Und stellt euch vor: auch Metschnikoffs Wort – das von der sauren Milch – war auf fruchtbaren Boden gefallen. Oder gar die ferne Zukunft ist schon gekommen, wo ihr dickdarmlos lustwandelt in Sonne und Licht in den Gefilden des Menschenglücks, und wo euch die Arbeit geworden ist ein kurzweilig Spiel. Nicht siebzig Jahre mehr, nein hundertundzwanzig und schließlich gar das Alter von Methusalem verzeichnet jetzt die Reichsstatistik als das Durchschnittsalter der Menschen.

Und trotz alledem: es wäre auch dann noch so gut wie heute das Problem des Todes für die Wissenschaft da. Auch dickdarmlos in den sonnigen Gefilden des Glücks würden wir nicht ewig leben: wir würden doch altern und sterben. Man trüge schließlich doch eine sterbliche Hülle, eine Leiche zu Grabe. Aus Altersschwäche, wie man zu sagen pflegt, würden wir sterben.

Es hat sehr, sehr lange gedauert, bis die Menschen dahin gekommen sind, sich die Frage nach einem Tod aus Altersschwäche zu stellen. Machen wir einen Spaziergang zu den Indianern in Zentralbrasilien, zu den Bakairi, und erzählen wir ihnen, daß jedermann sterben müsse. Die Bakairi lachen uns gründlich aus. Genau so würde es uns ergehen, wenn wir zu den viel höher stehenden Melanesiern und Polynesiern damit kommen wollten, daß jedermann sterben müsse. Die Erfahrung des „Wilden“ reicht nicht so weit, wie die des Kulturmenschen. Er weiß nur von den Dingen, die sich innerhalb der kleinen Horde abgespielt haben, der er angehört, womöglich auch nur von den Begebenheiten, deren Augenzeuge er und seine wenigen Zeitgenossen waren. Und er selbst hat durchaus nicht alle Leute seiner Horde, durchaus nicht jedermann sterben gesehen. Nur den einen oder den andern aus seiner eigenen Horde oder aus den kleinen Horden, mit denen er in Berührung gekommen ist, hat er sterben gesehen. Auch kann er sich keine Rechenschaft darüber abgeben, wie viele Leute gestorben sind, denn er kann nur bis 10, selten bis 20 zählen. In seinem Erfahrungskreis ist also der Tod eine seltene Erscheinung, durchaus nicht etwas, was alltäglich vorkommt. Zudem ereilt der Tod einen sehr selten auf dem Lager in der Horde, die meisten Genossen sterben im Kampfe mit dem Feind oder erliegen Verletzungen, die sie sich auf der Jagd oder auf einem längeren Marsch zugezogen haben. Für den primitiven Menschen ist aber auch die Krankheit, die einen befällt, ein böser Geist, der teuflischerweise von einem Besitz ergriffen hat. Und so wird auch der Tod des Greises, der schon an und für sich eine ungewöhnliche Erscheinung im Leben der wilden Horde ist, im Sinne des Geisterglaubens der Wilden folgerichtig als ein böser Streich eines feindseligen Geistes gedeutet.

Auch in unserem Denken über den Tod spukt noch der Geisterglaube, wenn wir vermeinen, mit Hilfe irgendeines Elixiers Gevatter Tod von uns ganz abzuhalten. Die Wissenschaft aber, frei von allem Geisterglauben, kennt heute das Problem des Todes aus Altersschwäche, das Problem des Alters und des Todes, der unerbittlich kommt. Trotz saurer Milch und aller herrlichen Dinge der Welt, trotz Licht und Sonne und Glück. Das ist ein viel weiter greifendes Problem in der Biologie, in der Lehre vom Leben, als jener Tod, den wir mit dicker Milch und tausend andern Mitteln glauben bekämpfen zu können.

3. Leben und Tod.

Eine Leiche wird zu Grabe getragen. Die reglose Leiche ist uns das Abbild des Todes. Und wenn wir die große Frage aufwerfen, ob alle lebendige Substanz einmal aus Altersschwäche sterben muß, so stellen wir damit die Frage, ob alle lebendigen Zellen, in welcher Form wir sie auch vor uns hätten – als einzelliges Lebewesen oder als pflanzlichen oder tierischen Zellenstaat –, im normalen Kreislauf ihres Lebens zu einer Leiche werden.

Doch vorerst: was ist eine Leiche? Lebendige Substanz, Zellsubstanz, die aufgehört hat zu leben.

Aber was ist „Leben“? Wir können vom Sterben, von der Entstehung der Leiche nicht sprechen, bevor wir uns nicht darüber klar geworden sind, was Leben ist.

Wir sind heutzutage über die Zeit hinaus, wo man auf die Frage, was Leben ist, damit zu antworten pflegte, daß man die Meinungen von so und so viel Gelehrten darüber aufzählte, Meinungen, die in der Regel einander widersprachen. Wir wissen heute, daß Leben nichts anderes ist, als eine Summe sehr verwickelter chemischer Vorgänge, die sich im Rahmen einer Zelle abspielen. Im Mittelpunkt dieser Vorgänge stehen die Eiweißstoffe, so benannt, weil der Chemiker sie dem Weiß des Hühnereies sehr ähnlich gefunden hat. Alles Leben besteht nun darin, daß die Eiweißstoffe der Zellen bestimmte chemische Veränderungen erfahren, verbrennen. Aber die Zelle geht dabei nicht zugrunde: denn in das kleine chemische Laboratorium der Zelle werden immer wieder Stoffe von außen aufgenommen, die zu lebendiger Zellsubstanz verarbeitet werden. So findet ein ständiger Stoffwechsel in der Zelle statt: Stoffe, die zur lebendigen Substanz der Zelle gehören, werden verbrannt, und die Verbrennungsprodukte, die Stoffwechselprodukte der Zelle werden aus dieser ausgeschieden; und neue Stoffe werden von außen aufgenommen, um als Ersatz für den verbrannten Anteil der lebendigen Zellsubstanz zu dienen. Alles Leben beruht auf diesem Stoffwechsel der lebendigen Substanz, und alle Lehre vom Leben ist nichts anderes als die Lehre vom Stoffwechsel der Zellen. Das Leben erforschen, heißt, den Stoffwechsel erkennen, der sich in der Zelle abspielt. Auf den chemischen Vorgängen, die man als Stoffwechsel der lebendigen Substanz zusammenfaßt, beruhen alle Erscheinungen, die man Leben nennt: Bewegung, Ernährung, Fortpflanzung, Empfindung und Denken. Mit Bezug darauf, wie aus dem Stoffwechsel der lebendigen Substanz die Lebensäußerungen folgen, stehen die Dinge viel einfacher, als mancher glaubt. Folgendes Beispiel soll uns da aushelfen. In der Dampfmaschine verbrennen Stoffe, die wir auch sonst, wo's uns gerade paßt, verbrennen können. Aber in der Dampfmaschine geht die Verbrennung dieser Stoffe so vor sich, daß die brennenden Stoffe bestimmte Arbeit leisten. Mit dem Brennen der Stoffe in der Dampfmaschine ist die Arbeit dieser gegeben, sie ist da, es steckt hinter der Arbeit der Dampfmaschine nichts anderes dahinter als das Brennen von Stoffen in ihr. Ebenso steckt hinter den Lebensäußerungen der lebendigen Substanz, und mögen diese Lebensäußerungen noch so kompliziert und auf den ersten Blick ganz unerklärlich sein, nichts anderes dahinter als ein Stoffverbrauch und Stoffersatz, nichts anderes als der Stoffwechsel der Zellen. Mit diesem Stoffwechsel sind alle Lebensäußerungen schon gegeben, man kann sie mit demselben Recht als Stoffwechselvorgänge und als Lebensäußerungen ansprechen: die stofflichen Vorgänge, die sich z. B. im Muskel abspielen, sind Bewegung des Muskels, die Stoffwechselvorgänge, die sich in den Zellen unseres Gehirnes abspielen, sind Denken.

Wenn alles Leben nichts anderes ist, als der Stoffwechsel der lebendigen Substanz, so bedeutet der Tod der Zelle, das Erlöschen des Lebens in ihr, daß der Stoffwechsel der Zelle aufgehört hat. Und eine Leiche ist eine Zelle, die nicht mehr den Stoffwechsel hat, den wir Leben nennen.

Aber damit ist doch noch nicht alles über die Leiche gesagt. Und da wollen wir von einem Versuch erzählen, der uns einen Einblick gewährt in noch andere Dinge, die man über Tod und Leiche wissen muß.

Wir holen uns aus einem Aquarium einige Pantoffeltierchen, die mikroskopisch kleine einzellige Lebewesen sind (Abb. 2, S. 13), heraus, indem wir einen Tropfen Wasser aus dem Aquarium schöpfen. Den Tropfen mit den Pantoffeltierchen bringen wir auf ein Glasplättchen in einer geeigneten Vorrichtung unter das Mikroskop. Dann richten wir es so ein, daß Alkohol an unserem Tropfen vorbeistreicht (Abb. 3). Die Pantoffeltierchen, die bisher in lebhafter Bewegung begriffen und pfeilschnell im Tropfen hin und her geschwirrt waren, sehen wir schon nach wenigen Minuten ihre Bewegungen einstellen. Und bald liegen sie regungslos an Ort und Stelle. Sie sind gelähmt. Aber nicht tot: denn lassen wir wieder frische Luft an den Pantoffeltierchen vorbeistreichen, so haben sie sich bald erholt und sind so munter wie je zuvor.

Abb. 3. Versuchsanordnung zum Studium der Einzelligen. Unter dem Mikroskop die Glaskammer, die oben durch ein dünnes Deckglas abgeschlossen ist. Am Deckglas ein hängender Tropfen, in welchem sich die zu untersuchenden Zellen befinden. Nach links ist die Glaskammer mit einer Einrichtung verbunden, die es gestattet, verschiedene Gase durch die Glaskammer zu pressen: das gewünschte Gas, z. B. Luft, Sauerstoff oder Stickstoff, tritt aus einem Glasbehälter in der Richtung des links angebrachten Pfeiles in die Glaskammer ein und tritt in der Richtung des auf der rechten Seite der Abbildung angebrachten Pfeiles durch eine Wasserflasche wieder aus. Zwischen dem Gasbehälter und der Glaskammer mit den zu untersuchenden Tieren ist eine Vorrichtung aus Glas eingeschaltet, die es ermöglicht, nach Belieben Alkoholdämpfe dem Gas beizumischen. Öffnet man den Hahn a, so kann das Gas aus dem Gasbehälter in die Glaskammer unter dem Mikroskop strömen: und zwar durch c oder durch b, K und b1. Schließen wir die Hähne b und b1 ab, so gelangt das Gas (z. B. Luft oder Sauerstoff) durch c in die Glaskammer unter dem Mikroskop. Schließen wir aber c, so muß das Gas durch b, K und b1 strömen. In K, das ein kleines Glaskölbchen ist, können wir nach Öffnung des oben im Kölbchen steckenden Gummistopfens, einen kleinen Wattebausch hineinbringen, den wir vorher mit Alkohol getränkt haben: es werden sich also jetzt dem durch die Glaskammer unter dem Mikroskop strömenden Gase Alkoholdämpfe beimischen. Wollen wir nach einiger Zeit unseren Versuchstieren wieder frisches Gas zuführen, so brauchen wir nur b und b1 zu schließen und c zu öffnen. Nach Ishikawa und Verworn. Schematisiert.

Wir hatten die Tiere mit Alkohol vergiftet. Und es ist uns selbstverständlich, daß die Vergiftung unserer Pantoffeltierchen nur darin bestehen konnte, daß ihr Stoffwechsel gestört, geschädigt war. Der äußere Ausdruck dieser Schädigung des Stoffwechsels ist die Lähmung der Zelle. Da aber diese Lähmung, wie wir gesehen haben, rückgängig gemacht werden konnte, so müssen wir voraussetzen, daß der Stoffwechsel der Zellen bei der Alkoholvergiftung wohl beeinträchtigt, wohl geschädigt war, daß er aber nicht ganz aufgehört hatte. Und tatsächlich wissen wir aus Versuchen, die Heaton, ein junger Engländer, in Verworns Laboratorium vor einigen Jahren ausgeführt hat, daß bei der Alkoholvergiftung der Stoffwechsel der lebendigen Substanz, auch wenn sie gelähmt ist, keinesfalls ganz stillsteht: der Stoffwechsel ist nur verändert, aus seinen normalen Bahnen gelenkt. Das ist es, was die Narkose, von der wir hier erzählt haben, vom Tode unterscheidet: daß in dem ersten Falle der Schaden wieder gut gemacht werden kann, im zweiten Falle aber nicht.

Mit dieser Betrachtung gewinnen wir die Möglichkeit, uns schärfer das herauszuarbeiten, was eine Leiche ist: eine Zelle ist zu einer Leiche geworden, wenn ihr Stoffwechsel unwiderruflich stillgestanden, „irreparabel erloschen“ ist, wie Verworn sich ausgedrückt hat … Dann ist die Uhr des Lebens abgelaufen …

Abb. 4. Orbitolites. Einzelliges Lebewesen, das im roten Meer lebt. Aus der mit Poren versehenen Kalkschale, die die Zelle umgibt, sieht man die Scheinfüßchen herausragen. Schwach vergrößert. Nach Verworn.

Es scheint nun auf den ersten Blick sehr leicht zu entscheiden, ob z. B. ein Pantoffeltierchen, das wir unter dem Mikroskop vor uns haben, lebendig ist oder tot, zu entscheiden, ob die Zelle eine Leiche ist. In Wahrheit ist das gar nicht so leicht. Gewiß, wenn wir eben erst mit der Zufuhr von Alkohol zum Wassertropfen begonnen haben, und unsere Pantoffeltierchen eben erst in den Zustand der Narkose verfallen sind, so wissen wir aus Erfahrung, daß unsere Zellen sich wieder erholen und alle normalen Lebensäußerungen aufweisen werden, sobald wir den Alkohol durch frische Luft aus dem Wassertropfen verdrängt haben werden. Aber wenn wir den Versuch zu lange ausdehnen, wenn die Pantoffeltierchen zu lange unter der Einwirkung des Alkohols gewesen sind, so gelingt es trotz Zufuhr von frischer Luft nicht mehr, sie aus dem Zustande der Lähmung zu erwecken. Sie sind tot, sie sind zu Leichen geworden. Und hier entsteht die Frage, in welch einem Moment die Zelle gestorben ist, wann sie aufgehört hatte zu leben und zu einer Leiche geworden ist. Mit andern Worten – die Frage, wo die Grenze liegt zwischen Leben und Tod.

Wollten wir diese Frage beantworten, wir würden in arge Verlegenheit geraten. Aus dem einfachen Grunde, weil, wie die Erfahrung uns lehrt, es eine scharfe Grenze zwischen Leben und Tod nicht gibt.

Auch hier wieder tun wir gut, den kniffligen Fragen mit einem Versuch an freilebenden Zellen nachzugehen. Und da hören wir am besten Verworn zu, der all diese Dinge an verschiedenen Einzelligen genau verfolgt hat. Wenn wir von einem einzelligen Lebewesen, z. B. einem Pantoffeltierchen oder einer Amöbe, durch eine geeignete Operation ein Stück abtrennen, so daß das abgeschnittene Teilstück der Zelle nichts vom Kern mitbekommt, so wird der zurückbleibende kernhaltige Teil der Zelle unverdrossen weiter leben. Ganz anders der kernlose Teil: er geht innerhalb kürzerer oder längerer Zeit unfehlbar zugrunde. Aber das geschieht ganz allmählich – und über die Geschichte des Todes, des allmählichen Sterbens eines kernlosen Teilstückes einer Zelle wollen wir uns von Verworn an einem Einzeller, Orbitolites genannt, der an der Sinaiküste im Roten Meer lebt und bis nahezu ein Zentimeter groß werden kann, berichten lassen. Aus den Poren ihrer Kalkschale streckt die Orbitolites-Zelle kernlose Protoplasmafäden, Scheinfüßchen heraus (Abb. 4), mit deren Hilfe die Zelle sich bewegt und Nahrung fängt. Schneidet man nun solche kernlose Protoplasmafäden von einem Orbitolites ab, so ballen sie sich zunächst etwa zu einer Kugel zusammen (Abb. 5). Später streckt die Protoplasmakugel selber Scheinfüßchen aus (Abb. 6), als ob die Protoplasmakugel ein ganzer Orbitolites wäre, und mit den Scheinfüßchen wird sogar Nahrung gefangen. Aber unser neugebackener Orbitolites en miniature kann die Nahrung nicht verdauen. Es fehlt ihm eben das, was mit zu dem regelrechten Stoffwechsel einer Zelle gehört – der Kern. So kommt es, daß die Protoplasmakugel wohl noch stundenlang sich bewegen kann, sich dabei aber doch unaufhaltsam dem Tode nähert. Die Scheinfüßchen, die die Protoplasmakugel ausstreckt, werden klumpig (Abb. 7) und zerfallen (Abb. 8). Schließlich ist unsere ganze Protoplasmakugel zu einem lockeren Haufen kleinster unbeweglicher Klümpchen und Körnchen zerfallen. Sie ist tot … In eigener poetischer Weise hat Verworn dieses allmähliche Sterben der lebendigen Substanz an einem abgetrennten kernlosen Stück des Pantoffeltierchens beschrieben: „Das kernlose Teilstück verhält sich … zunächst vollkommen normal. Die Wimpern sind in derselben Weise tätig wie bei diesem Körperteil, wenn er noch im intakten Zusammenhange mit dem übrigen Zellkörper ist. Allmählich wird der Wimperschlag langsamer und einzelne Wimpern beginnen unregelmäßig zu schlagen. Es treten bei ihnen Pausen ein zwischen den einzelnen Schlägen … Dann beginnt das Protoplasma an einer Stelle zu zerfallen … und löst sich in eine schleimig-körnige Masse auf. Dieser körnige Zerfall schreitet weiter und weiter vorwärts, befällt eine Wimper nach der andern und bringt sie für immer zum Stillstand. So kann man in diesen interessanten Fällen unter dem Mikroskop direkt sehen, wie der Tod über die Zelle hinkriecht. Teilchen nach Teilchen ergreifend und mitten aus einer rastlosen Bewegung heraus zur ewigen Ruhe zwingend. Der Prozeß kann sich über Tage erstrecken, aber in andern Fällen verläuft er akut und eilt in wenigen Stunden über die Zelle dahin, wie der Funke über die Zündschnur, nur zerfallende Massen hinter sich lassend …“

Abb. 5. Die abgeschnittene Protoplasmamasse hat sich zusammengeballt. (Stark vergrößert.)Abb. 6. Die abgeschnittene Protoplasmamasse streckt Scheinfüßchen aus.
Abb. 7. Die ausgestreckten Scheinfüßchen werden klumpig.Abb. 8. Die ausgestreckten Scheinfüßchen sind zerfallen. Abb. 5, 6, 7 und 8 nach Verworn.

Was aber für uns in all diesen Versuchen wichtig ist: daß hier vor unsern Augen der Tod sich ganz allmählich aus dem Leben entwickelt. Nicht mit einem Schlage ist hier die Leiche entstanden, sondern sie ist hier geworden im Verlauf einer langen Kette von Veränderungen, die sich in der lebendigen Substanz der Zelle, im Stoffwechsel der Zelle abgespielt haben, weil der Stoffwechsel durch den künstlichen Eingriff (die Lostrennung des Protoplasmas vom Kern) gestört, in andere Bahnen gelenkt worden war. Wir sehen, daß eine scharfe Grenze zwischen Leben und Tod nicht vorhanden ist: „der Tod entwickelt sich aus dem Leben“ (Verworn).

4. Tod und Unsterblichkeit.

Nun wissen wir, was eine Leiche ist: eine Zelle, deren Stoffwechsel irreparabel gestört und schließlich unwiderruflich erloschen ist.

Aber wir haben bisher nur die Leichen von Zellen gesehen, die wir getötet hatten. Stirbt die Zelle auch eines natürlichen Todes? Wir haben uns ja noch gar nicht darüber Rechenschaft abgegeben, ob es bei den Zellen einen natürlichen Tod gibt, einen Tod, der zum Leben der Zelle gehört.

Wenn wir diese Frage beantworten wollen, müssen wir den Lebensweg einer Zelle verfolgen, den Lebensweg eines freilebenden einzelligen Lebewesens.

Die einzelligen Lebewesen pflanzen sich durch Teilung fort. Eine Amöbe z. B., ein Protoplasmaklümpchen mit einem Kern darin, hat sich schlecht und recht durchs Leben gefressen, ist ausgewachsen und teilt sich nun einfach in zwei Teile auf. Man hat den Vorgang der Teilung bei der Amöbe und den vielen andern einzelligen Lebewesen sehr genau studiert, aber all das Viele, was man dabei gefunden hat, interessiert uns an dieser Stelle nicht. Wir wollen hier nur die Tatsache festhalten, daß im Lebenslauf des einzelligen Lebewesens einmal die große Stunde kommt, wo in der Zelle, nachdem sie herangewachsen ist, der Kern allerlei Veränderungen zeigt, die schließlich darauf hinausgehen, daß der Kern sich in zwei Teile teilt und gleichzeitig der ganze Protoplasmaleib der Zelle sich in die Länge zu strecken beginnt. Dann bekommt die Zelle eine Einschnürung in der Mitte, gleichsam als ob der Protoplasmaleib mit einer Schlinge zusammengeschnürt würde. Jederseits von der Einschnürung sehen wir eine der beiden Kernhälften liegen – und da hat jedermann schon den Eindruck, daß da zwei Amöben aus der einen entstanden sind. Nur noch durch eine schmale Verbindungsbrücke hängen sie miteinander zusammen. Schließlich reißt die schmale Brücke ein und zwei kleine Amöben gehen jede ihren eigenen Weg (Abb. 9). Alles in allem hat der Vorgang der Teilung wenige Minuten oder auch Stunden und sogar Tage gedauert – das ist bei den verschiedenen Einzelligen nicht gleich. Aus der „Mutterzelle“ sind zwei „Tochterzellen“ entstanden – zwei jüngere Amöben, die ganz der Mutter gleichen, nur kleiner sind als diese. Dann wachsen die Tochterzellen heran und jede von ihnen teilt sich wiederum in zwei Teile, in zwei Tochteramöben. Und das geht so fort – ins Unendliche …