Drei Gaugöttinnen
Walburg, Verena und Gertrud als deutsche Kirchenheilige.
Sittenbilder aus dem germanischen Frauenleben
von
E.L. Rochholz.
1870
Vorwort.
Den ersten frühzeitigen Anlass, in den drei heiligen
Frauen, deren Namen die nachfolgende Schrift am Titel trägt,
drei nächstverwandte Wesen aus der deutschen
Götterlehre zu erblicken, hat der Verfasser in den Perioden
seines akademischen Jünglingsalters und während der
ersten Jahre seines Berufslebens empfangen, als er noch auf
Jagdgängen, Ferienreisen und Abteibesuchen der Erkundung
örtlicher Alterthümer nachzog und in andauerndem
Verkehre mit der Natur und der Bevölkerung den damals
herrschend gewesnen Glauben theilte, das Volksgedächtniss
sei ein Archiv, welches dem Forscher den Mangel an Urkunden
ergänzen helfe. Während sich ihm letzteres bald als
eine gemüthliche Täuschung erweisen musste, war ihm
darüber doch das Glück beschert, reichliche,
nachhaltige Anschauungen in sich anzusammeln, deren freundlich
fesselnde Gewalt einen einmal in uns erwachten Plan auch unter
unerwartet eintretenden Lebensänderungen nicht mehr veralten
lässt. Und so erklärt sich der Ursprung unseres Buches
als eine früh erworbene, in langer Zeitdauer gereifte und
hier erst spät zur Mittheilung gebrachte Lebensanschauung
der Art, von welcher bei Göthe (Bd. 44, 193) das runde Wort
steht: "Was man nicht gesehen hat, gehört uns nicht und geht
uns eigentlich nichts an." Als uns vor nun bald vierzig Jahren in
den heimatlichen Thälern der Altmühl und des Mains der
hier sesshafte Cultus der hl. Walburgis und Gertrud begegnete und
nicht lange hernach in den schweizerischen der Aare und des
Oberrheins uns ebenso derjenige der hl. Verena näher bekannt
wurde, zeigten schon die bestimmt abgegrenzten Landschaftsmarken,
innerhalb deren der Cult jeder dieser drei Heiligen seit
ältester Zeit bis auf die Gegenwart herrschend geblieben
ist, dass diese Drei hier nicht etwa die Patrone oder
Lieblingsheiligen ihres Bisthums, sondern die Schutzheiligen
ihres
politischen Gaues in einer Periode gewesen waren, als dessen
politische Grenzen noch keineswegs mit denen des Kirchensprengels
zusammenfielen. Waren die Heiligen aber dieses und also
zeitgenössisch gewesen mit der ältesten Gaueintheilung
dieser Landstriche selbst, so war hier ihr Bestand überhaupt
ein älterer, als der durch die Kirche veranlasste je hatte
sein können. Und also führte uns die Gauheilige
in rückschreitender Metamorphose auf die
Gaugöttin. Gegen diese Folgerung, die selbst von der
kirchlich approbirten Gestalt der Legende mit historischen
Angaben unterstützt wird, lässt sich mit ferner
versuchten Einwänden nicht weiter mehr aufkommen. Auch
führt ja die Gaugöttin ihre bei uns verblasste
Herrschaft über Christenmenschen anderwärts immer noch
ungeschwächt und persönlich fort, so z.B. in der
Normandie, wo nach dem Zeugnisse von Amélie Bosquet die
Aufsicht über das Land den Feen gehört, jede einen
einzelnen Kanton, hier jeden einzelnen Einwohner beaufsichtigt
und dessen Loos bei der allabendlichen Versammlung in dem
gemeinsamen Schicksalsbuche je mit einem weissen oder schwarzen
Punkte bezeichnet.
Jede Gottheit war, ein vom Heidenglauben verwirklicht
gedachtes Idealbild menschlicher Thätigkeitgewesen. Wie der
Mensch, so sein Gott. Die dem Germanen eigenthümliche
Auffassung des Eherechtes, welche ihn vor allen
Kulturvölkern des Alterthums auszeichnet, der von ihm dem
Weibe beigelegte ahnungsreiche; auf das Heilige gerichtete Sinn
(Tac. Germ. c. 8) hatte bei ihm solcherlei weibliche Gottheiten
bedingt, welche Wächterinnen der züchtigen
Geschlechterliebe, der häuslichen Ordnung, des Fleisses und
Friedens waren. Eine nächste Folge hievon war es, dass die
Frau in ihrem Hause das Amt der Herrin (dies besagt das Wort
frôwa, fráuja), in ihrem Stamme dasjenige der Itis
oder weisen Frau bekleiden und als solche die Geschäfte der
Tempeljungfrau, Priesterin, Heilräthin oder Aerztin
verwalten konnte. Auf diesem Bildungswege einer langen
Selbsterziehung wurde die Nation erst politisch gehemmt durch
furchtbare Eroberungskriege, die sie erlitt und vergalt, dann
geistig überrascht durch das in barbarischer Form
überlieferte römische Kirchenthum. Durch den ersten
Vorgang wurden die Germanengöttinnen kriegerisch umgewandelt,
militarisirt, durch den zweiten aber vollends satanisirt, zwei
Umgestaltungen des Glaubens und Mythus, von denen unser Buch in
allen Abschnitten sittengeschichtliche Zeugnisse bietet. Und
nicht bloss die Richtschnur des öffentlichen Glaubens,
sondern ebenso die des Privatlebens wurde dabei mit in die
tiefste Erniedrigung herabgezogen. Zwar blieben echtmenschliche
Tugenden der Heidin ein allerdings nöthigender Grund, sie
später einmal zu Christentugenden zu subtilisiren und eine
Walburg, eine Verena oder Gertrud zu Kirchenheiligen zu erheben;
allein diese Vereinbarung war und blieb eine erzwungene,
innerlich unwahre, und verfälschte den sittlichen Kern des
Mythus bis zu dem Grade, dass es den irrigen Anschein gewann, als
ob hier die Legende aus dem Christencultus entsprungen wäre,
anstatt dass umgekehrt dieser bloss entlehnend dem Mythus
nachfolgte und ihn legendarisch einkleidete. Ihm selbst aber
durfte ein ehefeindlicher Klerus, der dem Cölibat den
übertriebnen Werth einer vollkommnen Tugend zuschrieb und
nur ein einziges Weib als solches anerkannte, die Himmelsherrin,
auf das ganze übrige Geschlecht aber die Ursache des
Sündenfalles zu wälzen fortfuhr, einem solchen, die
Frauenwürde verkündenden Mythus durfte der Mönch
kein Recht belassen, sondern musste ihn so weit und so
unablässig herabwürdigen, dass die Folgen davon bis
heute den Aberglauben aufzureizen vermögen. Wenn daher zwar
auf einer Seite die Jungfrau, welche schmerzenstillendes Oel
unter Segenssprüchen bereitete, als ölschwitzende
Heilige kanonisirt worden ist, so ist sie auf der andern Seite
zugleich zur Hexenmutter satanisirt: Zaubertränke brauend,
Seuchen und Misswachs herabbeschwörend, Besen salbend, das
aller Zeugung feindselige Kebsweib des Teufels in der
Walburgisnacht. Dorten war sie die ehestiftende Liebesgöttin
gewesen, hier eine Frau Mutter des Frauenhauses (S. 82. 154).
Dorten trank der Mensch auf ihren Namen die Minne, sie selbst
reichte dem in den Himmel eingehenden Helden den
Unsterblichkeitstrank; hier wird sie zwar auch eine Himmlische,
aber nur weil sie vorher als "Wirthskellnerin" tugendhaft
geblieben war (S. 149). So ursprünglich schon steckt in dem
Legenden erzählenden Mönch ein Blumauer, der die
Aeneide
travestirt. Ihm haust da ein spukender Waldteufel, wo in der
fränkischen Waldeinsamkeit des Hahnenkamms und Spessarts die
Haingöttin an ihren Maibronnen gewaltet hatte; die
Frühlingsgöttin Walburg wird ihm zum
Blocksbergsgespenste, die Seelenherrin Gertrud zur Leichenfrau,
und zur landverwüstenden Riesin wird die im Firnengolde des
unerreichten Gletschers thronende Verena
—auf des gefürchteten Gipfels
Schneebehangener Scheitel,
Den mit Geisterreigen
Kränzten ahnende Völker.
Wie sonderbar doch dieser Lohn ist, der dem deutschen Weibe
dafür ertheilt wurde, dass es in unserem Volke zuerst, unter
dem Widerstreite der Männerwelt, rein aus
Frömmigkeitsbedürfniss und Kinderliebe sich an die neue
Kirche ergab! Für treues Ausharren in den Prüfungen des
Lebens, für opferbereites, demüthiges Dulden zum Wohle
der Mitmenschen war ihm einst der Himmel zugesagt gewesen, es
hatte ihn durch eigne Seelengrösse erobert und sogar den
Preis der Vergötterung sich erworben. Dieser Himmelsgenuss
hiess der Kirchenlegende ein unverdienter, das heroische Streben
des Weibes, sich zur Würde der Gottheit empor zu heben, ein
frevelhaftes. Es wurde daher noch einmal in die Leidensschule der
gemeinen Leiblichkeit zurückversetzt, um nun erst durch ein
Mirakel erlöst zu werden. Denn von nun an sollte es nicht
mehr auf das persönliche Verdienst, sondern auf das
Geheimniss der Gnade angewiesen bleiben. Diesen zweimaligen
Bildungsweg, den das deutsche Weib in der Vorzeit einzuschlagen
hatte, haben wir als "Sittenbilder aus dem germanischen
Frauenleben" bezeichnet und nach dem doppelten Material der Mythe
und der Legende von drei heiligen Frauen zur Darstellung
gebracht. Dies ist der wissenschaftliche und patriotische Zweck
unsrer Schrift, die sich hiemit dem Antheil vorurtheilsfreier
Landsleute empfiehlt.
Aarau 1. Mai, Walburgistag 1870.
E.L.R.
Inhalt.
Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende.
Walburgs und ihrer drei Brüder Taufbrunnen,
Klosterstiftungen, Grabstätten und Reliquien.—Oel,
aus Stein und Bein der Walburgisgruft fliessend; ähnliches
kirchlich verehrtes Wunderöl. Abbildungen und Embleme
Walburgis.
Walburgis Hunde, Walburgis Aehren in kirchlichen
Abbildungen und Hymnen.
Der Hund, ein Geleitsthier etlicher
Fruchtbarkeitsgöttinnen und Heiligen; verehrt als
saatenfressender Sturmwind und als breigefüttertes
Windspiel der Wilden Jagd, genannt Nahrungshund. Nackte und
süsse Hündlein als Zweckspeisen beim
Dreschermahl.—Walburgis Emblem der Aehre und der Garbe,
ihre Erscheinungsweise in den Sagen, ihre Verdüsterung in
dem Elbenglauben. Das Rechtssymbol der drei Aehren. Walburgs
Eulogienbrode.
Walburgistag, des Meien hochgezît.
Scenischer Zweikampf des Sommers und Winters, genannt den
Tod austragen, den Sommer ins Land reiten. Maienfahrt,
Laubeinkleidung und Ruthenzug.—Maigraf und
Maigräfin. Das Mailehen ausrufen. Nachtsprüche und
Liebesorakel beim Maiensetzen. Feier des Valentinstages:
sämmtliches als Abbilder eines göttlichen Werbungs-
und Vermählungsmythus, welcher im Frühlings- und
Erntevorgang spielt.
Maiengeding und Walbernzins.
Walburgis und Martini, die beiden Jahresgedinge der
ungebotenen Gerichte, gezeigt aus den
Weisthümern.—Urkundliche Berechnung der
Gerichtskosten eines oberdeutschen Maiengedings.—Der
Rutscherzins, die Walpersmännchen und
Walperherren.—Aus der mit der Zinspflichtigkeit
verbundnen Nutzniessung bildet sich die Sage von einer auf den
Zinstag fallenden Befreiungsgeschichte der Landschaft.
Der Mythus vom Maienthau.
Landwirthschaftliche Erbsätze über den Maienthau.
Thau als Quelle von Leben, Lebensdauer und
Körperschönheit, angewendet als Heilbad, Stärke-
und Minnetrunk.—Bannbeschreitung, Oeschprozession um die
Flurzelgen und Mairitt durch die Saat. Der Mythus vom
Thau-abstreifen in seiner naturgeschichtlichen Begründung.
Thauschlepper und Thaustreicher als zaubernde Butter- und
Milchgewinner. Walburg in den Riesen- und Hexensagen.
Der Mythus vom Maienthau.
Die westfälische Walburg. Die phallischen
Götzenbilder zu Antwerpen und Emmetsheim, um Kindersegen
angerufen. Naive Arglosigkeit der bildlichen Darstellung der
Lebens- und Zeugungssymbole, deren Wiederanwendung in den
Gebildbroden zur Mittwinter- und Frühlingszeit.
Etymologische Erklärung des Namens Walburg nach dessen
freundlicher und feindlicher Anwendung.—Schluss: die
Götterjungfrau kredenzt den aus Thau, Honig, Meth, Ael und
Oel gewürzten Unsterblichkeitstrank.
Verena, eine alemannische Gauheilige.
Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der
Verenalegende; ersteres bedingt durch die Legende von der thebaischen
Legion, letzteres durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums.
Verenas Weihkirchen und Altäre in der Schweiz, ihr
Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach. Mittelhochdeutsches
Gedicht: Von sand Verene.
Verena, die Müllerpatronin.
Ihre Attribute: der schwimmende Mühlstein; ihre
örtlichen Kleinkindersteine. Die Müllerpatronin als
Ehegöttin. Der in Stein verwandelte Brodkipf und die
unerschöpflichen Mehlsäcke. Wirthschaftsregeln am
Verenentage.
Verena, die Geburtshelferin.
Ihre örtlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und
Wasserkirchen; die ihr geopferten Mädchen- und
Brautkränze; ihr Geburtsgürtel, Haarkamm und
Waschkrug; ihre landschaftlichen und kirchlichen Heilquellen.
Gesundheitsregeln am Verenentage. Mythische Nachklänge von
der Gewitterriesin: das Vrenelisgärtli am
Glärnischgletscher.
Verena als Frau Venus.
Das Tannhäuserlied in aargauischer Version; die Frau
Venus-Vrene des Volksliedes. Die Venus-, Feens- und
Vrenenberge, sowie die Venus- und Vrenenhäuser,
zurückgeführt aus ihrer gegenseitigen
Namensvertauschung auf den ursprünglichen Mythus.
Ihre altkirchlichen Abbildungen mit der Beigabe des Wagens,
Schiffes, Stabes, der Spindel und der Mäuse.
Specht, Kukuk und Schnecke; letztere tragen zu dritt den
Namen der Heiligen und werden in deren Namen berufen als
Lebens- und Todesboten.
Die Abgeschiedenen werden wieder zu Elben und erscheinen in
Thiergestalt. Die Maus als ausfahrende, umwandernde
Menschenseele, sowie als Rachegeist Abgeschiedner; der ihr geopferte
Wechselzahn. Einschlägige volksmedicinische
Bräuche.
Gertrudens Mäusegespann, wiederkehrend in den
Ortssagen. Das Trinken der Gertruden-Minne, Gertrud als Fylgja
und Walküre.
Die Terracotta-Maus aus dem Grabfelde zu Rheinzabern. Das
Oxforder Weihnachtsbrod. Die Schnitternudel der Süssen
Mäuschen. Das Kalenderzeichen des Gertrudentages.
I. Walburg mit drei Aehren,
die Ackergöttin.
Erster Abschnitt.
Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende.
Dem allgefeierten ersten Mai geht die Walburgisnacht
unmittelbar voraus, der heitersten Naturfreude die
verderbenbringende Hexennacht. Hier eine jungfräuliche
Maikönigin, aus dem frischen Grün der Haine über
den thauigen Anger her in unser Dorf einziehend, empfangen und
umjubelt von der maientragenden Kinderschaar; dorten aber auf
finsterer Berghöhe die entsetzliche Nachtkönigin, Hagel
und Schlossensturm, Misswachs und Seuche brauend, unkeusche
Satanstänze abhaltend, eine Feindin des Wachsthums und der
Zeugung: welch ein Contrast binnen vierundzwanzig Stunden, welche
Paarung der Brokenhexe und der Kirchenheiligen unter einem und
demselben Namen! Die nachfolgende Untersuchung strebt den
Zusammenhang dieser zwei getrennten, so hart sich
widersprechenden Hälften eines ursprünglich
einheitlichen Wesens aufzuweisen und dieselben zur würdigen
Gesammtheit eines germanischen Götterbildes zu vereinbaren.
Zu diesem Zwecke wird hier eine Skizze der Walburgislegende nach
deren ältester Aufzeichnung, unter Weglassung der
ausschmückenden kirchlichen Zuthaten, vorangestellt. Quelle
und Schauplatz der Legende ist baierisch Franken, zugleich die
Heimat des Verfassers vorliegender Ausarbeitung.
Die Quellen, auf weiche sich die Untersuchung wiederholt zu
berufen hat, sind nachfolgende.
Das Hodoeporicon oder Itinerarium (so benannt, weil es
Wilibalds Reise nach Jerusalem enthält) schrieb eine
Landsmännin und Zeitgenossin Wilibalds aus ihrer eignen und
der Diakone Erinnerung. Sie heisst die Heidenheimer ungenannte
Nonne, und war 762 ins Heidenheimer Kloster eingetreten, also
noch zu Walburgis Lebzeiten. Das Original ist erst seit Canisius
und Mabillon bekannt geworden und steht gedruckt bei Falkenstein
Cod. dipl. 447. Bei der franz. Invasion des Bisthums commandirte
der zu Marschal Ney's Armee gehörende General Dominik Joba
etliche Wochen in Eichstädt, berüchtigt als Inkunabeln-
und Gemäldedieb; er liess durch seinen Sohn am 16. Juli 1800
die Handschrift im Chorherrenstifte Rebdorf stehlen, seitdem ist
sie verloren. Sax, Gesch. des Hochstifts Eichstädt, S. 365.
Dies ist die Hauptquelle für alle übrigen
Aufzeichnungen der Walburgislegende. Die nächstfolgende
Biographie Walburgis verfasste zu Ende des 9. Jahrhunderts der
Mönch Wolfhard zu Hasenried, das spätere Herrieden a.d.
Altmühl, einer im J. 888 durch Kaiser Arnulf an das
Eichstädter Bisthum vergabten Abtei. Im J. 1309 schrieb der
Bischof von Eichstädt Philipp von Rathsamhausen Wilibalds
und 1313 auch Walburgs Legende, um deren Abfassung ihn
Königin Agnes, des ermordeten Albrecht Tochter, von ihrem
Stifte Königsfelden aus brieflich angegangen hatte. Der
Bischof überschickt ihr und ihrem Convente das verlangte
Werk, betitelt: Leben, Thaten, Tod und Wunderwerke der
seligen Jungfrau Walburg; die Zuschrift steht gedruckt in
der Ztschr. Argovia 5, 25. Dies Werk ist zwar schon die
fünfte, aber die erste umfassendere Erzählung
der Legende, sagt Gretser X, 906b. Der bischöfliche
Verfasser war von Kolmar im Elsass gebürtig und starb 1322.
Bolland. 25. Febr., tom. III, 512b. Sein Werk übersetzte der
Eichstädter Stadtschreiber David Wörlein und dedicirte
es dem damaligen Bischof Konrad von Gemmingen; gedruckt zu
Ingolstadt 1608 bei Andrä Angermayer. Auf diese beiden
Schriften stützen sich nachfolgende, von uns gleichfalls benutzte
Sammelwerke: Acta Sanctorum, saec. 3, pars secunda
287.—Bollandisten tom. 3., 25 Febr.—Gretser, Vitae
Sanctor. tom. X.—Matth. Rader, Bavaria sancta,
1704.—Alle nennenswerthe weitere Literatur über die
Walburgislegende ist verzeichnet in Rettbergs Kirchengesch. 2,
347 und 356.
Winfrid-Bonifacius, der Apostel der Deutschen, geb. 680 zu
Cirton oder Krediton in der englischen Grafschaft Devonshire,
hatte bereits bei Friesen, Sachsen und Franken das Evangelium
gepredigt, als er im Auftrage des Pabstes Gregor II. nach
Thüringen und Baiern kam und in diesem letzteren Lande zu
dem damals schon vorhandenen Bisthum Passau diejenigen zu
Regensburg, Freising, Würzburg und Eichstädt
gründete. Eine Schaar gebildeter Männer und Frauen aus
dem Angelsachsenvolke begleitete ihn dahin und übernahm die
Leitung der neuen Stiftungen. Kunigild und ihre Tochter Bertgit
verwendete er als Abtissinnen in Thüringen, Kunitrud und
Tekla setzte er ins Kloster nach Kissingen, Lioba nach
Bischofsheim an der Tauber, Walburg nach Heidenheim am
Hahnenkamm. Walburg, die Tochter des angelsächsischen
Fürstenpaares Richard und Wunna, die Schwester von Oswald,
Wunnibald und Wilibald, war auf ihres Oheims Winfrid Rath durch
Thüringen nach Baiern gereist und hier im Sualafelder Gau
mit den drei Brüdern zusammengetroffen. Dieser Gau, in dem
sie sich nun zusammen niederliessen, reichte vom Bergzuge des
Hahnenkamms in das Altmühlthal nach dem jetzigen
Eichstädt, schloss auf einer Seite das Weissenburger Gebiet
mit Gunzenhausen und Eschenbach in sich, auf der andern Seite die
Pappenheimer Mark im Ries. Hier hatte Bruder Wilibald schon
vorher im J. 740 bei Eichstädt ein Klösterlein in der
Regel des hl. Benedict gegründet und war fünf Jahre
nachher auf der Mainzer Synode (nach Rettberg 1, 353 schon im J.
741) zum ersten Bischof von Eichstädt eingesetzt worden.
Zusammen mit Bruder Wunnibald erbaute er dann am Hahnenkamm zu
Heidenheim ein gleiches Kloster, fügte demselben 760 einen Frauenkonvent
in der Benedictinerregel bei und übergab dessen Leitung an
Walburg. Die Stellen zu den neuen Kirchenbauten pflegten die
Geschwister sich da auszuwählen, wo ihr Reiseross jeweilen
stetig wurde oder eine Quelle fand. Solcher jetzt noch für
heilkräftig gehaltener Quellen zählt man in der
Eichstädter Landschaft sechse. Ein Wilibaldsbrunnen liegt ob
dem Eichstädter Forellenweiher an der Landstrasse im
Weissenburger Walde und heisst Römleins- oder
Rimleinsbrunnen, weil der glaubenseifrige Bischof hier Römer
getauft haben soll. Der Waldberg, aus dem die Quelle fliesst, ist
in der Fronte bis zur Höhe aufgemauert und mit Quadern,
einem Thore gleich, eingefasst; eine Abbildung giebt Falkenstein,
Nordgau. Alterth. 1, cap. 1, S. 14. Der zweite Wilibaldsbrunnen
liegt zunächst dem Kloster Bergen; als der Heilige hier
heranritt, sprudelte der Quell unter dem Tritt des Rosses aus
einem Felsen von 16 F. Umfang auf und versiegt seitdem bei keiner
Sommerdürre. Der dritte liegt ob der Wilibaldsburg auf einem
der zwei grünen Höhenzüge, die den
Eichstädter Thalkessel umgeben. Dazu kommt noch am Wege nach
dem Dorfe Titing die Wilibaldsruhe, wo eine neuerlich abgegangene
Feldkapelle mit des Heiligen Bildnisse stand. Ferner erbaute er
das Stift Heilsbronn, nach jener mächtigen "Hails- oder auch
Hagelsquelle" zubenannt, die hier in einen dreikästigen
Brunnen gefasst wurde und aus 32 Röhren sprang; sie stand im
vorderen Kreuzgange und wurde im Schwedenkriege zerstört.
Eben so liess sich die Schwester Walburg im
mittelfränkischen Städtchen Heidenheim beim Ortsbrunnen
nieder, welcher der Schön- und Heidenbrunnen heisst. Als
aber Wunnibald hieher auf Besuch kam, entsprang im Klostergarten
(jetziges Rentamt) auch der Käsbrunnen, ein Hungerquell, an
welchem die Heidentaufen vorgenommen wurden. Bruder Oswald
erbaute sich beim Schlosse Hohentrüdingen das Stift
Auhausen; seine Wunderbrunnen liegen jedoch nicht hier, dagegen
ist ihm in Tirol beim Dorfe Oswald am Ifinger einer
der drei
"Jungbrunnen" dieses Landes geweiht und er selbst gilt dorten als
ein gewaltiger Wetterherr. Zingerle, tirol. Sitt. no. 794.
936.
Ueber Jahr und Tag des Todes der Geschwister widersprechen
sich die Kirchenhistoriker Gretser, Rader, Falkenstein und Pater
Luidl. Nach den neuesten und scharfsinnigen Untersuchungen von D.
Popp, Errichtung der Diöcese Eichstädt, wird von nun an
Folgendes zu gelten haben.
Wunnibald stirbt 18. Dec. 761; Walburg 25. Febr. 779; Wilibald
7. Juli 781. Letzterer wurde in der Eichstädter Kathedrale,
die beiden ersteren im Kloster Heidenheim beigesetzt. Hier liess
nachmals Abt Otkar Walburgis Erdgrab eröffnen und erblickte
drinnen die Leiche unverwest und thaufrisch: "totum corpus rore
perfusum cernebatur". Am 21. Sept. 870 tragen zwei zusammen
gebundene Rosse den Sarg nach Eichstädt und bleiben hier
freiwillig vor der Kirche zum hl. Kreuz stehen. Also liess Otkar
die Leiche hier bestatten und den Tempel Walburgiskirche
benennen. Schon auf dem Wege hieher hatten zwei Epileptische den
Sarg berührt und wurden dadurch geheilt. Ein Lahmer geht auf
Krücken voran in die Kirche zu Wilibalds Grab und ruft da:
Wilibald, gib mir das Botenbrod, deine Schwester kommt!
Darüber lässt er die Krücken fallen und ist
geheilt. Gretser 739. Gegen das eben genannte Jahr dieser
Versetzungsgeschichte streitet indess die weiter gehende
Erzählung von der Theilung der Walburg-Reliquien. Als
nämlich Walburg gestorben war, hatte ihre Gefährtin
Lioba kein Gefallen mehr an Heidenheim, sondern gründete aus
ihren reichen Mitteln im J. 870 zu Monheim ein Frauenstift in der
Benedictinerregel, und die von ihr nach Eichstädt
abgegebenen Walburgisreliquien mussten nun mit dem neuen Stifte
Monheim getheilt werden. Als man sie desshalb im J. 893 zu
Eichstädt wiederum aufgrub, zeigten sie sich mit einer
wundersamen Flüssigkeit überzogen, die bei
Berührung nicht an den Fingern kleben blieb: cineres lympha
tenui madefactos, ut quasi guttatim ab eis roris stillae
extorqueri
valerent (A. SS. 11, 293). Beide eben citirte Stellen sind in so
ferne von Belang, weil sie die ersten Andeutungen des nachmals so
berühmt gewordnen Oelflusses enthalten. So blieb also ein
Theil der Reliquien zu Eichstädt, der andere kam nach
Monheim und wurde hier an jedem Jahrestage durch vier
Stadträthe in einem silberüberzogenen Särglein in
gewohnter Prozession umhergetragen. Als aber durch die
Reformation die Klöster des Sprengels der Reihe nach
aufgehoben wurden: Solenhofen, Wülzburg, Baring, Heidenheim,
Monheim, zerstörte der Bildersturm (haereticorum furor, sagt
Rader 3, 48) auch die hl. Grüfte, so dass Wunnibalds Sarg in
Heidenheim und die silberbeschlagne Arche in Monheim spurlos
verloren giengen. Letzteres geschah erst 1542. Man sagt,
Walburgis dort verwahrt gewesener bischöflicher Stab, auf
dessen Berührung Blinde das Augenlicht wieder erhielten, sei
später auf dem Walpersberge bei Köln von den Jesuiten
verwahrt worden und alljährlich am 1. Mai im Flurumgang
durch die Felder getragen worden. A. SS. pg. 302. Wir werden
später darauf noch zurückkommen.
Von den Körpertheilen Walburgis ist in ihrer Gruft zu
Eichstädt nichts anderes mehr als nur das Brustbein
vorhanden. Dasselbe liegt dorten im Altar der Gruftkapelle der
schon 1040 renovirten und 1631 neugebauten Walburgiskirche.
Dieser Altar, ein länglichter Steinwürfel, ist in
seinem Fundament nach aussen viereckig ausgehauen, so dass er als
ein auf seine Breitseite umgelegter älterer Steinsarg
erscheint. Sein Material ist Sandstein, wie ihn die Brüche
vom benachbarten Pleinfelden ergeben. Durch seine Höhlung
geht der Länge nach eine ebne ungeschliffene Kalksteinplatte
von der Art des nächsten Eichstädterbruches, aufgesetzt
auf zwei kurze Träger aus Sandstein. Diese Bank heisst der
Gnadenstein, denn auf ihrer nackten Fläche liegt Walburgis
Brustbein. Anfangs Oktober färbt sie sich blaulicht und
überläuft mit dunstigem Stoff, der zu erbsengrossen
Perlen gerinnt und tropfenweise ehedem in einem viereckig
ausgehauenen
Mittelraume sich sammelte. So beschreibt es Gretser X, 907
(† 1625); der spätere Falkenstein, Nordgau. Alterth.
1, 31 sagt, dass diejenigen Tropfen, die nicht von oben her,
sondern von der Seite der Steinbank hervordringen, durch silberne
Abzugsrinnen in eine darunter stehende Goldschale geleitet
werden, und so schildert es auch die Bavaria (3, Abth. 2, 979)
als heute noch bestehend. Der Innenraum des Gruftsteins ist
durchweg mit Silberblech überzogen, die Vorderseite wird mit
einer von innen silberbeschlagenen Eisenthüre verschlossen.
Dies ist das Mirakel des Oelthauens, von der Kirche das
stillicidium genannt. Das Oel ist weiss und hell, geruch- und
geschmacklos und schnell verflüchtigend; unaufgesammelt soll
es am Gruftstein wie griesiges Schmalz in sich selber verstocken:
Es wird von den Klosterfrauen in kleine, langhalsige; mit Wachs
verschlossne Glasfläschlein zum Verkauf umgeleert: An Ort
und Stelle hat der Verfasser dieses in seiner Jugend eine
messingene Eichel, vergoldet und am Napfdeckel aufzuschrauben,
den Klosterfrauen abgekauft; sie enthielt wohlriechende, in dies
Oel getauchte Baumwolle nebst einem gedruckten
Gebrauchszettelchen, wornach man unter bestimmten Gebeten diese
Wolle in schmerzende Zähne und Ohren steckt. Frauen tragen
derlei geweihte Metalleicheln an dem silbernen Schnürwerk
des Mieders.
Der erste Mai galt durchgehends als der Tag, da das
Stillicidium begann. Joh. Georg Keysler, ein kirchlich
unbetheiligter, in seinen Forschungen sehr genauer Autor, weiss
in seinen Antiquitates Septentr. (Hannoverae 1720) S. 88 noch
nicht anders, als dass dieser Oelfluss erfolge cum die prima
Maji. Allein dieser Termin behagte den kirchlichen Skribenten
nicht, vielmehr scheint seit dem 17. Jahrhundert, da Gretser die
Geschichte der Eichstädter Bischöfe und dieses Mirakels
schrieb, folgende Zeit dafür zur Geltung gebracht worden zu
sein: Mit dem 12. Oktober, als dem Tage, da Walburgis Gebeine von
Heidenheim in die Gruft nach Eichstädt übertragen
wurden, beginnt das Oel zu fliessen und fliesst fort bis 25. Februar, als
der Heiligen Todestag; alle übrigen Monate, heisst es,
bleibe der Gnadenstein unter jedem Witterungswechsel trocken.
Allein im Widerspruche mit dieser Berechnung sagt die
älteste Aufzeichnung der Legende ausdrücklich: die
apostolorum Philippi et Jacobi celebratur usque hodie festum
canonizationis Walpurgae; eodem die omni anno stillicidium
ejusdem sanctae virginis ad potandum administratur (Gretser X,
898b). Philipp und Jacobi fallen bekanntlich auf 1. Mai, dessen
altheidnische Feier gildenweise mit dem Aeltrinken begangen
wurde. Um nun diesen paganen Brauch vollends hier aus der Kirche
zu entfernen, suchte man zu erweisen, dass der 1. Mai weder
Geburts- noch Todestag, sondern nur der Canonisationstag
Walburgis sei, und kümmerte sich nicht weiter darum, dass
das Walburgisfest in verschiednen Gegenden Deutschlands schon
seit alter Zeit zu fünf verschiednen Monaten und Tagen
kirchlich begangen wurde[1].
Ein fernerer Grund, der hier verschiedene Male nöthigte,
den solennen Beginn des Oelflusses auf andere Termine anzusetzen,
liegt in der Eichstädter Oelquelle selbst, die eine
intermittirende ist und ausserdem in früheren Jahrhunderten
viel reichlicher floss als heute. Oftmals bleibt sie sogar ganz
aus. So schon unter Bischof Friedrich II., welcher
1237 sammt
seinem Domkapitel von der Bürgerschaft verjagt wurde. Die
versperrte Domsakristei wurde aufgesprengt und verwüstet,
das Walburgisöl hörte auf zu fliessen. Sicherer jedoch
ist derselbe Fall, da 1713 zum grössten Schrecken des
Klosters vom 15. Februar bis 9. März fast kein Tropfen
Flüssigkeit an dem Gnadensteine bemerkbar war; nach einer
alten Tradition schob man die Schuld auf die im Convent der
Schwestern ausgebrochne Uneinigkeit. Sax, Gesch. des Hochstifts
Eichstädt, S. 283. In der Leichenrede, die der Jesuite Jos.
Giggenbach beim Tode der dortigen Abtissin Maria Anna Barbara
hielt (gedruckt zu Eichstädt 1730, 4°), heisst es S. 27:
Walburg lasse das Oel in solchem Masse aus ihrem Brustbeine
entquellen, dass man damals ein hohes grosses Glas voll davon im
Kloster zurück gestellt hatte; zur Hälfte trank es die
erkrankte Abtissin weg und sprach: Deine Kinder, o Heilige, haben
sich so stark vermehrt, dass sie entweder dursten und hungern
müssen, oder du ihnen die Muttermilch vermehren musst!
worauf jenes halbgeleerte Gefäss sich sogleich wieder ganz
mit Oel anfüllte.—Der Eichstädter Bischof Philipp
von Rathsamhausen, Verfasser der drittältesten
Walburgislegende, erzählt, wie er es selbst becherweise
gegen seine Krankheit getrunken: praecepimus nobis copiosius (de
oleo) adferri, et desiderabili haustu phialam plenam ebibimus. A.
SS. saec. III. P. II, 306. Als es einst ein ganzes Jahr nicht
mehr geflossen war und die darob verzagten Eichstädter ihren
Sittenwandel besserten, brach es so reichlich los, dass man ein
Weinlägel von einer halben Pinte, also ein wirkliches Fass,
damit anfüllen konnte. Ibid. pag. 307.
So verwundert sich auch "das Buch vom Aberglauben" (von H.L.
Fischer) Hannover 1794, Bd. 3, 118 über "die ungeheure
Menge" Walburgisöl zu Eichstädt, die in alle Gegenden
verschickt und in schweren Krankheiten statt Arzenei verbraucht
wird; es soll, sagt der Verf., wirkliches Bergöl von grosser
Durchsichtigkeit und sehr flüchtig sein; wer es bei sich
trage, behaupten die Mönche, müsse sich im
Stande der
Gnaden befinden, damit es nicht sogleich verfliege.
Dass das Oel hier nicht aus der Reliquie, sondern aus dem
Tragsteine derselben quillt, hatte die Kirche ursprünglich
nicht verheimlicht. Schon Gregor von Nazianz sagt, nicht nur der
Märtyrer Asche und Gebein, sondern auch andere den Reliquien
nahegebrachte Dinge sind heilkräftig, und so auch das Oel,
das aus den Heiligengebeinen "oder aus ihren Grabsteinen
herausfliesst." Vom Grabe der hl. Katharina erzählt Reinfrit
von Braunschweig (Grimm, Altd. Wälder 2, 185), wie ole von
irme lîbe vlôz; und das Gedicht von Katharinens
Marter (Pfeiffer, Germania 8, 179) fügt erklärend
bei:
ûz dem sarksteine,
dâ inne lît diu reine,
vil heilic ol vlûzet,
des diu werlt vil genûzet.
der iht siecheite hat,
des wirt al ze hant rat,
als man ez dar an strîchet.
In Tirol kennt man kirchlich zwei solcher ölspendenden
Steine; der eine lag ehmals in der alten Kirche zu Niedervintl
und trug die Inschrift: Brunnen des Oels, 1500; der andere ist
noch im Kirchlein St. Kosmas und Damian, bei Bozen. Aus einer
Eintiefe an seiner Oberfläche quoll Heilöl und wurde
von zahlreichen Pilgern begehrt, doch es vertrocknete für
immer, als der Eigenthümer der Kapelle damit Wucher zu
treiben begann. Zingerle, Tirol. Sag. no. 624. 625. Als zu
Eichstädt 1309 die Gebeine des hl. Gundacar erhoben wurden,
ergaben sowohl sie wie der Deckel des Steinsarges eine so
reichliche Menge fliessenden Oeles, dass der damalige Bischof
Philipp von Rathsamhausen hievon zwei Gefässe für die
Kranken anfüllen liess. Sax, Eichstädt. Hochstift S.
101. Die von Rom nach Tegernsee gebrachten Gebeine des hl.
Quirinus ergaben in dortiger Quirinuskapelle ein Heilöl, das
in kleinen Fläschlein an die Gläubigen verkauft wurde.
Heute steht diese "Oelkapelle" noch; einige Quellen
olivengrünes Naphta entspringen unter ihrem Dache; man
sammelt jährlich davon gegen 40 Mass. Steub, Bair. Hochland,
196.
Die im Reliquiencultus so unenthaltsam gewesne Kirche hat sich
indessen auf solcherlei Steinöl allein nicht
beschränken mögen. Schon zu Justinians Zeit fliesst Oel
aus Heiligenknochen (Grimm, GDS. 140); von Orosius an meldet eine
Reihe mittelalterlicher Schriftsteller, welche in Massmanns
Kaiserchronik 3, 556 aufgeführt sind, zu Rom sei bei Christi
Geburt ein Oelbrunnen entsprungen und habe sich in die Tiber
ergossen. Zugleich fällt damals auch ein Honigregen.
Sechzehn Heilige und achterlei heilige Jungfrauen zählt
Matth. Rader, Bavaria sancta 3, 49 auf, aus deren Gebeinen
nunmehr wunderthätiges Oel fliesst. Kaspar Lang, Histor.
theolog. Grundriss 1692. 1, 84 und Abraham a Sta Clara (im Judas
der Erzschelm 4, 42) setzen diese Zählung noch weiter fort.
Mit dem Oel der hl. Helena einen Kristall zu beträufen, um
damit den Dieb zu entdecken, räth Felix Hemmerlin (1454) in
seiner Schrift de exorcismo. Gretser X, 907 nennt ferner die hl.
Elisabeth in Thüringen, die Martyrknaben zu Novara und noch
andere, deren Gebein, in Kirchenaltären ausgesetzt, Oel
giebt, und Rader 3, 41 fügt bei, Gleiches stehe der
Walburgis um so mehr zu, als sie eine im Dienste Gottes
streitende Jungfrau gewesen sei und also in diesem täglichen
Faustkampfe Oel habe schwitzen müssen:
Cur oleae stillat Walpurgis ab artubus humor?
In cavea Martis num pugil illa fuit?
Im Stil der Kirchenväter wird der mit dem Satan ringende
Christ mit dem Athleten in der Arena verglichen, dessen Leib mit
dem Oele des Gebetes gesalbt ist, damit der Feind ihn nicht
fassen könne. So sagt Pseudo-Ambrosius (de sacram. I, 2):
Venimus ad fontem—Unctus es quasi athleta Christi.
Denselben Gedanken äussert auch Chrysostomus in seiner 6.
Homilie über den Brief an die Coloss.—Nork,
Realwörtb. 3, 301.
Von der Wunderwirkung des zu Eichstädt fliessenden Oeles
sagen die Acta SS. 1. c. pg. 306, dass es Blinde, Taube und
besonders häufig Lahme geheilt habe; Gretser fügt bei,
X, 917, es fördere die Geburten, auch lutherische Frauen
hätten in Kindesnöthen damit den Versuch gemacht und
seien darüber wieder der alten Kirche beigetreten. Medibards
Hymnen (bei Gretser 801, dritte Reihe) wissen, dass es besonders
den Wolfshunger heilt:
Hinc quendam fastidiosum
Fame paene mortuum
Alloquens per visionem
Monet, ut de calice
Ejus biberet; quo facto
Esuriit solito.
Der Monheimer Knabe Beretgis, seit 3 Jahren an beiden
Füssen lahm, wurde von seiner Mutter Ratila zum
Walburgisgrabe in Monheim getragen und da auf ihr Gebet sogleich
hergestellt; worauf sie ihn der Kirche, durch die er seine
Körperkraft wieder erlangt hatte, zu lebenslänglicher
Leibeigenschaft übergab. A. SS. ibid. pag. 304. Die
mystische Kraft, welche dem Walburgisöl beigelegt wurde,
erklärt sich Jac. 5, 14: Ist einer unter euch krank, so rufe
er die Aeltesten der Gemeinde herbei, dieselben sollen über
ihn beten, nachdem sie ihn mit Oel gesalbt im Namen des
Herrn—und der Herr wird ihn aufrichten.
Da Walburgs Reliquien in vielerlei Kirchen zerstreut worden
sind (per totum mundum, ad diversas Francorum provincias S.
Walpurgis reliquiae dispersae sunt. A. SS. l.c. 306), so ist auch
in vielen Provinzen das Wunderöl zu haben gewesen. Oel,
Knochen, fünf Zähne und ein Gewandrest Walburgis wurden
zu Wittenberg jährlich am Montag nach Misericordias
ausgestellt, wobei ein Glas voll von demjenigen Oele mit
hergezeigt wurde, das aus den Gebeinen der hl. Elisabeth,
Landgräfin von Hessen, geflossen war. Das Glas ging an
Luther über, der wie J. Mathesius erzählt, es einst
seinen Joachimsthaler Gästen zu einem andächtigen
Tischtrunk aufstellte. Karl der Kahle hatte in
der Kaiserpfalz
zu Attigny (Champagne) eine Walburgiskirche erbaut; noch im J.
1720 kamen daselbst die Geistlichen von mehr als vierzig
Pfarreien am 1. Mai zusammen, um das Walburgisöl
auszuspenden. Odo, Abt zu Clugny, (Burgund) kannte in seiner
Nachbarschaft eine Walburgiskirche, in welcher die dortigen
Partikeln etliche Tage des Jahres Oel schwitzten; die Heilige
hiess dorten Sainte Vaubourg und Gualbourg. Gretser pg. 906.
Bolland. 518b. 519a. A. SS. II, pg. 307. 308.
Von altkirchlichen Abbildungen Walburgis sind folgende zu
nennen. Im Schiff der Heidenheimer Klosterkirche, die
während der Reformation verwüstet wurde (more
Lutheranae sectae, quae omnia sacra polluit, sagt Rader 3, 45)
liegt gegen das Chor zu ein 2-1/2 F. hoher Grabstein, auf welchem
Walburg in ganzer Figur ausgehauen ist, in der rechten Hand einen
Stab haltend, auf dessen Wirbel ein kleines Kreuz sitzt, in der
linken ein Buch, zu Füssen ein Wappenschild. Dieser
säulengeschmückte Aufbau mit Perlenfries gehört
den Werken der romanischen Periode an (Bavaria 3, 863). Auf einem
gegenüber liegenden ähnlichen Grabstein ist Wunnibald
ausgehauen; drunter steht die Inschrift: sepulcrum stae Walburgis
1484. Eine Abbildung davon erschien bei Brügel in Ansbach
und im Jahresberichte des histor. Vereins für Mittelfranken
1843. Der hl. Wilibald mit seiner ganzen Verwandtschaft ist
dargestellt auf einem Teppich, welcher ursprünglich in der
Eichstädter Kirche aufbewahrt wurde und nun im Münchner
Nationalmuseum ist.—Auf folgenden Stichen erscheint die
Heilige als Abtissin mit dem Stab, das Oelfläschlein in der
Hand haltend:
Fons olei Walpurg. a Jacobo Gretser, S.J. Ingolst.
1629.—P. Emil de Novara, capuccino. Breve ristretto della
Sta. principessa Walpurga. Eichst. 1722.—Matth. Rader,
Bavaria sancta. München 1704 (wiederholt das
Grabmal).—P. Goudin, Unerschöpflicher Gnadenbrunnen
der hl. Walburgis. Regensb. 1708.
Besondere Weihkirchen und Kapellen besitzt die hl. Walburg auf
dem Gebiete der Baiern, Alemannen, Franken, Burgundionen,
Niedersachsen und Friesen; soweit durch dieselben der hier zu
behandelnde Stoff vervollständigt wird, wird von ihnen im
Einzelnen ferner hier die Rede sein. Eben dieselbe Bemerkung hat
auch von den an vielfachen Orten aufbewahrten und verehrten
Walburgsreliquien zu gelten.
Auf dem bairischen Lechfelde liegt in der Gemeindeflur von
Kaufering eine sehr alte Walburgskapelle, auf ihrem eignen
Hügel stehend, von Linden beschattet, von einer Mauer
eingefriedet. Der Eintritt führt drei Stufen abwärts,
die Wand ist schwarz, das Innere finster. Im Anbau steht der
Pestkarren, die Räder sind mit Filz beschlagen, um die zur
Pestzeit gehäuften Leichen geräuschlos abzuführen.
Walburg hat jener Pest gewehrt. Diese Kirche, sagt das Volk, sei
heidnischen Ursprungs, man habe hier noch den Götzen
geopfert. Schöppner, Bair. Sagb. no. 889.
Bairische Ortschaften, vom Namen Walburg ableitend, zählt
das topographisch-statistische Handbuch des Königreichs
(München 1868) folgende auf: Walbenhof, Einöde bei
Neustadt a.d. Waldnab; Walbenreuth, Dorf bei Tirschenreuth; Dorf
Walberngrün bei Stadtsteinach; Walbertsberg bei Kunreut;
hier wird neben der Walburgskapelle unter den Linden ein Maimarkt
abgehalten, zu welchem die Landleute bis auf zehn Stunden weit
zusammen kommen. (Reynitzsch, Truhtensteine 187.)
Walburgskirchen, Dorf bei Pfarrkirchen; Walburgsreut, Weiler bei
der Stadt Hof; Walburgswinden, Einöde bei Neustadt a.d.
Aisch; Walpenreuth, Dorf bei Berneck; Walpersberg, Dorf bei
Bogen; Walpersdorf, ein Weiler bei Rosenheim, und zwei
gleichnamige Dörfer bei Rottenburg und bei Schwabach;
Walpershof,
Dorf bei Eschenbach; Walpersreuth, Weiler bei Neustadt a.d.W.;
Walperstetten, Dorf bei Dingolfing; Walperstorf, bei Landshut;
Walpertshofen, Weiler bei Dachau; Walpertskirchen, Pfarrdorf bei
Erding; Wölbersbach, Dorf bei der Stadt Hof; Wolpersreut,
Dorf bei Kulmbach; Wolperstetten, Dorf bei Dillingen; Wolpertsau,
Einöde bei Neuburg an der Donau. Diese Liste lässt sich
jedoch noch um vieles vermehren, wenn man dabei die mundartlichen
Formen des Namens Walburg mitverwerthet. Er lautet im
Altmühlthale Bürgli, in
altbairisch-oberpfälzischer Mundart Walberl (nicht zu
verwechseln mit Waberl, Wawl, Wabm, was in Altbaiern und
Mittelfranken Barbara ist), im tiroler Zillerthal Purgel u.s.w.
Einer der Hauptberge am oberbaierischen Tegernsee wird 1420 in
einem Lateingedichte des Peter v. Rosenheim als Walber
foecundissimus begrüsst. Schneller Wörtb. 4, 61.
Das schwäbische Rittergeschlecht von Waldburg, einst
Truchsessen, nunmehr würtembergische Standesherren, theilt
sich in die Linien Hohenlohe-Wb., Waldburg-Zeil, Wb.-Wurzach,
Wb.-Wolfegg. Ihr Stammschloss ist die beim gleichnamigen
Pfarrdorf gelegne Veste Waldburg, südöstlich von
Ravensburg. Vier Treppen hoch in dieser Burg liegt die
Walburgiskapelle. Von den zu Köln bei den Jesuiten
aufbewahrten Wb.-Reliquien hatten sich die Grafen Einiges
erbeten, jedoch erfolglos. Bolland. 3, 518.
Im Elsass hat Walburg drei Kirchen: 1) diejenige bei Leimen
mit der Wallfahrt zum Helgenbronn, von welcher weiter unten die
Rede sein wird; 2) zu Knörsheim bei Maurmünster; 3) bei
Biblisheim, unfern der Stadt Hagenau; sie wird im J. 1085 als
Kloster genannt (Trithem. Chron. Hirsaug. 1, 280) und 1102 vom
Schwabenherzog Friedrich I. zur Abtei erhoben. Neugart, Episc.
Const. 2, 8.
Auf einer Halbinsel der Seine stand in der Normandie eine
Walburgskapelle, diejenige Stelle bezeichnend, wo die Heilige auf
ihrem Wege aus England nach Deutschland ausgeruht hat. Gretser,
906.
Der grössere Theil der ältesten Kirchen
Niederdeutschlands ist derselben Heiligen geweiht, so zu
Gröningen, Veurne, Utrecht, Antwerpen, Arnheim, Aldenaerde,
Brügge,
Zütphen, Harlem; von ihnen wird im Einzelnen später
noch zu handeln sein.
Reliquienpartikeln von der hl. Walburgis lagen laut
Falkenstein, Nordgau. Alterth. 1, 29 im vorigen Jahrhundert in
folgenden Kirchen.
In Baiern zu Augsburg, zu Monheim und im Kloster Andechs.
Ferner zu Mainz in der Gereonskirche zu Köln ein Finger, in
der Jesuitenkirche daselbst die Hirnschale, welche dahin kam vom
benachbarten Walpersberg, einem vormaligen Kloster. In Frankreich
zu Attigny und Clugny. Die Acta fundationis monasterii Murensis
(Kloster Muri im Aargau ist 1027 gegründet) nennen bei
Herzählung der daselbst verwahrten Reliquien zu dreien malen
Knochen und Asche vom Leib der hl. Walburg. Reliquienpartikeln
des hl. Wilibald und Wunnibald und Richardis übersendete
1482 der Eichstädter Bischof Wilhelm von Reichenau an
König Heinrich VII. von England, der sie in Canterbury
verwahren liess. Ueber diese Reliquien und die der Walburg
gewidmeten Kirchen hat der Jesuite Godefredus Henschenius in
Actis SS. ausführlich berichtet.
FUSSNOTEN: